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Die Gleichnisse der Bibel

 

              

 

Gliederung:

 

Teil I

 

Problemeinführung

 

Teil II

 

Gleichnisse im Alten Testament

 

 

Teil III . Die Gleichnisse Jesu

              

1. Gottes- und Nächstenliebe

2. Weitere Verhaltensanweisungen

3. Frage nach dem Lohn                      

4. Die Rolle des Menschensohns 

5. Die Bedeutung des Bittens               

6. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

 

 

 

Kapitel 6. Die Rolle des Menschensohns

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Das Gleichnis von den bösen Winzern

3. Das Gleichnis vom Guten Hirten

4. Christi Tod und die christliche Heilslehre

5. Der verworfene Stein wird zum Eckstein

6. Der Hinweis auf die Heiden

7. Ich gebe mein Leben aus freiem Willen hin.

 

 

1. Einführung

 

In diesem Kapitel wollen wir uns mit der Rolle befassen, welche sich Jesus selbst zugedacht hatte. Gegenstand dieses Themas ist vor allem einerseits das Gleichnis von den bösen Winzern, das wir im Matthäusevangelium Kapitel 21,32-46 finden und das nicht nur bei Matthäus, sondern auch bereits bei Markus Kapitel 12,1-12 und später auch bei Lukas, Kapitel 20,9-19 nachzulesen ist. Andererseits wird dieses Thema auch im Gleichnis vom guten Hirten angesprochen, welches im Johannesevangelium im Kapitel 10,1-18 abgehandelt wird und das wir nur in diesem Evangelium lesen können.

 

Jesus bezeichnet sich selbst als Menschensohn. Dieser Begriff wurde wiederholt im Alten Testament verwendet, vor allem bei Ezechiel, der im Buch Ezechiel von Gott als Menschensohn angesprochen wird. Ezechiel war im Jahre 597 v. Chr. mit vielen anderen Juden von Nebukadnezzar in die Verbannung nach Babylonien geschleppt worden, wo Gott ihn als Prophet berufen hatte. Zunächst prophezeite Ezechiel die Zerstörung von Jerusalem und dem Tempel im Jahre 586 v. Chr. Später allerdings sagte er voraus, dass Gott das Volk von Judäa befreien werde und dass ein neuer Tempel in Jerusalem entstehen werde.

 

Jesus selbst bezieht sich allerdings vermutlich auf eine Stelle im Buch Daniel Kapitel 7,13-14, dort

heißt es:

 

 13 ‚Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen: Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt.

14 Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen müssen ihm dienen. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.‘

 

Diese Stelle verweist eindeutig auf das zukünftige Erscheinen des Messias, des ‚von Gott Gesalbten‘.

 

Auch das Buch Daniel erzählt von der babylonischen Gefangenschaft und wie Daniel auch im heidnischen Babylon seinem Glauben nachgehen kann. Auch Daniel hatte wie Ezechiel göttliche Offenbarungen, welche sich allerdings auf die langfristige Weiterentwicklung der Weltgeschichte beziehen und ihre Vollendung in der Königsherrschaft Gottes andeuten. Das Buch Daniel wurde in der heute vorliegenden Version während der Makkabäerzeit verfasst, wobei in die heutige Version recht unterschiedliche Aussagen aufgenommen wurden.

 

Dass sich Jesus selbst als Menschensohn verstand, geht z. B. aus einer Stelle im Matthäusevangelium und zwar aus Kapitel 16,13-15 hervor:

 

13 ‚Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn?

14  Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.

15  Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?‘

 

Jesus verband weiterhin mit dem Begriff des Menschensohnes die Rolle des im Alten Testamentes verheißenen Messias. So fährt Matthäus in Kapitel 16,16-17 damit fort, dass Simon Petrus die Frage Jesu nach seiner Bedeutung aus der Sicht seiner Jünger mit dem Hinweis beantwortete: ‚Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!‘ Und Jesus bestätigt diese Einschätzung ausdrücklich: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.‘

 

Auch als Jesus dann nach seiner Gefangennahme vor den Hohen Rat gebracht wurde, gab er sich als Messias aus. Bei Matthäus Kapitel 26 heißt es:

 

63 ‚Darauf sagte der Hohepriester zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns: Bist du der Messias, der Sohn Gottes?

64 Jesus antwortete: Du hast es gesagt. Doch ich erkläre euch: Von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.‘

 

Allerdings verband Jesus mit der Bezeichnung ‚Messias‘ eine ganz andere Aufgabe als die meisten Juden zur Zeit Jesu. Bereits bei Jesaya Kapitel 9,1-6 wird der Messias angekündigt:

 

1  ‚Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf.

2  Du erregst lauten Jubel und schenkst große Freude. Man freut sich in deiner Nähe, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.

3  Denn wie am Tag von Midian zerbrichst du das drückende Joch, das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock des Treibers.

4  Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.

5  Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.

6  Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten. Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere wird das vollbringen.‘

 

Diese Prophezeiung wurde nun schon immer, aber in besonderem Maße bei den Juden zur Zeit Jesu so interpretiert, dass der verheißene Messias hier auf Erden die Macht übernehme und die Feinde der Juden besiege und insbesondere die verhasste Herrschaft der Römer ein für allemal beende.

 

Jesus hingegen hatte eine ganz andere Vorstellung von seiner Aufgabe als Messias. Im Johannesevangelium Kapitel 18,33-37 finden wir die Antwort auf die Frage, wie Jesus seine Aufgabe als Messias verstand:

 

33 ‚Pilatus ging wieder in das Prätorium hinein, ließ Jesus rufen und fragte ihn: Bist du der König der Juden?

34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?

35 Pilatus entgegnete: Bin ich denn ein Jude? Dein eigenes Volk und die Hohenpriester haben dich an mich ausgeliefert. Was hast du getan?

36 Jesus antwortete: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Wenn es von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde. Aber mein Königtum ist nicht von hier.

37 Pilatus sagte zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme.‘

 

 

2. Das Gleichnis von den bösen Winzern

 

Im Matthäusevangelium Kapitel 21,33-46 finden wir das Gleichnis von den bösen Winzern:

 

33 ‚Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land.

34 Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen.

35 Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, einen dritten steinigten sie.

36  Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso.

37 Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.

38 Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander: Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben.

39 Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.

40 Wenn nun der Besitzer des Weinbergs kommt: Was wird er mit solchen Winzern tun?

41 Sie sagten zu ihm: Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.

42 Und Jesus sagte zu ihnen: Habt ihr nie in der Schrift gelesen: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht, vor unseren Augen geschah dieses Wunder? 

43 Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.

44 Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen.

45 Als die Hohenpriester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach.

46 Sie hätten ihn gern verhaften lassen; aber sie fürchteten sich vor den Leuten, weil alle ihn für einen Propheten hielten.‘

 

Es ist klar: Der Weingutbesitzer ist Gott selbst, die Winzer sind die Menschen, die Knechte, welche der Weinbergbesitzer den Winzern sendet, sind die Propheten und der geliebte Sohn, den der Weinbergbesitzer schließlich zu den Winzern entsendet, ist Jesus selbst. Wenn der Weinbergbesitzer die Knechte zu den Winzern schickt, damit diese den Anteil an den Früchten des Weinbergs holen, so bedeutet dies nichts anderes, als dass Gott die Menschen an die Gebote erinnern will, die er durch Moses den Menschen auferlegt hat und dass diese Entsendung notwendig wurde, da die Menschen diese Gebote immer wieder verletzt haben. Die Propheten und schließlich auch Jesus sollen den Anteil des Weinbergbesitzers an den Früchten holen und diese Früchte äußern sich darin, dass das Reich Gottes anbrechen kann.

        

Als Grund dafür, dass Gott schließlich seinen Sohn auf die Erde entsandt hat, wird in diesem Gleichnis angegeben, dass er darauf vertraute, dass die Menschen vor seinem Sohn mehr Achtung als vor den bisher gesandten Propheten hätten.

 

Mit der Aussage, dass die Winzer den Sohn des Königs schließlich töten, wird angedeutet, dass auch der Menschensohn von den Menschen getötet wird. Als Grund dafür, dass die Winzer den Sohn des Königs töten, lässt das Gleichnis die Winzer sagen: ‚Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben.‘

 

Als Reaktion auf die Ermordung seines Sohnes war der König zornig und wir erfahren, dass er diesen bösen Menschen ein böses Ende bereitete und den Weinberg an andere Winzer verpachtete. Diese Stelle lässt sich so deuten, dass die herrschende Priesterklasse der Sadduzäer abgelöst wird, dass andere gläubige Juden den Dienst am Glauben übernehmen werden, aber sicherlich enthält dieses Gleichnis, das ja erst sehr viel später, mehrere Jahrzehnte nach diesen Ereignissen aufgeschrieben wurde, auch einen Hinweis darauf, dass die Botschaft Jesu, der zunächst einmal auf Erden geschickt wurde, das auserwählte Volk der Juden zu retten, nach der Ablehnung der führenden Juden auch an die Heiden verkündet werden soll. Im Anschluss an dieses Gleichnis heißt es: ‚Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt‘.

 

Von entscheidender Bedeutung in diesem Gleichnis ist weiterhin, dass Jesus seine Zuhörer auf eine Stelle in der Thora (Psalm 118,22 und Jesaja, 28,16 ) hinweist, in der gesagt wird: ‚Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden‘ und bei Jeaja: ‚Darum – so spricht Gott, der Herr: Seht her, ich lege einen Grundstein in Zion, einen harten und kostbaren Eckstein, ein Fundament, das sicher und fest ist: Wer glaubt, der braucht nicht zu fliehen.‘

 

 

3. Das Gleichnis vom Guten Hirten

 

Wenden wir uns nun dem Gleichnis vom guten Hirten zu, welches im Johannesevangelium Kapitel 10,1-18  erzählt wird. Dort heißt es:

 

1  ‚Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.

2  Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.

3  Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.

4  Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.

5  Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.

6  Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.

7  Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.

8  Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.

9  Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein– und ausgehen und Weide finden.

10  Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

11  Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe.

12  Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht,

13  weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt.

14  Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

15  wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.

16  Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.

17  Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen.

18  Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin. Ich habe Macht, es hinzugeben, und ich habe Macht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

 

Der gute Hirt ist Jesus, seine Schafe sind die Gläubigen, zunächst die Juden. Der gute Hirt wird mit dem bezahlten Knecht verglichen, der zwar im Auftrag des Farmers tätig wird, aber deshalb, weil ihm die Schafe nicht gehören, diese in dem Augenblick im Stich lässt, in dem ein böser Wolf kommt und die Schafe reißt. Der gute Hirt hingegen kümmert sich um die Schafe, er kennt jedes Schaf beim Namen und die Schafe kennen ihn und vertrauen ihm, weil er dann, wenn die Schafe in Gefahr sind, notfalls sogar sein Leben für die Schafe hingibt.

 

Auch wird in diesem Gleichnis von Dieben und Räubern gesprochen, welche den Stall nur deshalb betreten, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; Der gute Hirt hingegen ist gekommen, damit ‚die Schafe das Leben haben und es in Fülle haben‘.

 

Auch dieses Gleichnis weist wiederum darauf hin, dass Jesu Botschaft nicht nur dem auserwählten Volk gilt, dass der gute Hirt auch noch Schafe aus anderen Ställen hat, die er auch führen muss, also Gottes Botschaft auch an die Heiden zu bringen hat, später aber „wird es nur eine Herde geben und einen Hirten„.

 

Dieses Gleichnis schließt mit der Feststellung, dass Jesus sein Leben aus freiem Willen hingibt, dass es niemand ohne seinen Willen entreißen könne. Wir werden auf diese Stelle weitere unten noch ausführlich eingehen.

 

 

4. Christi Tod und die christliche Heilslehre

 

Im Zusammenhang mit der christlichen Heilslehre spielt der Kreuzestod Jesu eine entscheidende Rolle. Danach hat Jesus gerade durch seinen Tod am Kreuze und durch die danach erfolgte Auferstehung am dritten Tage die Menschheit von ihren Sünden erlöst.

 

In diesem Sinne lesen wir z. B. im Hebräerbrief Kapitel 10, 11-14 von Paulus:

 

‚Jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können. Dieser aber (Jesus) hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt; denn durch ein einziges Opfer hat er die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt.‘

 

Oder im Römerbrief Kapitel 5,12-19 erfahren wir:

 

‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten. …. Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden..… Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.‘

 

Ähnlich wird im Korintherbrief Kapitel 15,21 davon gesprochen:

 

‚Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.‘

 

Und unter Zugrundelegung dieses Zusammenhanges wurde dann der Schluss gezogen, dass es offensichtlich Gottes Wille war, dass Jesus schließlich am Kreuze starb und dass deshalb Gott Jesus, seinen Sohn, auf die Erde schickte, um dieses Werk der Erlösung der Menschen zu vollbringen.

 

Von dieser Feststellung ist es dann auch kein großer Schritt mehr zu der Behauptung, dass Judas keineswegs aus böser Absicht Jesus an die Römer ausgeliefert habe, sondern ganz im Gegenteil wesentlich dazu betrug, dass der Wille Gottes vollzogen wurde. Er stand danach mit Gott im Bunde, schlimmstenfalls war er nur ein willenloses Werkzeug Gottes, aus einer etwas für Judas freundlicheren Sicht heraus betrachtet handelte er im Auftrag Gottes, er hat sich sozusagen für das Wohl der Menschen geopfert und das schmutzige Geschäft des Verrats und damit eine Ächtung für alle Zeiten hier auf Erden auf sich genommen.

 

Der Tod Jesu war also offensichtlich – so wird bisweilen gefolgert – von Gott gewollt. Diese These, dass Judas im Auftrag Gottes gehandelt habe, fand dann vor allem Auftrieb, als im Jahre 2006 die amerikanische National Geographic die erstmalige Übersetzung des Judasevangeliums der Öffentlichkeit vorstellte und als die Entdeckung dieses Evangeliums in der Presse als eine Art revolutionäre Sichtweise gefeiert wurde.

 

Die Existenz einer solchen apokryphen (also nicht in den offiziellen Kanon aufgenommenen Schrift) war zwar schon dem Kirchenvater Irenäus (140 bis circa 200 ) und späteren Bischof von Lyon bekannt, der dann auch den in dieser Schrift verbreiteten Lehren eine klare Absage erteilt hatte, eine Verurteilung, der auch die offizielle Kirche in dem von Kaiser Konstantin d. Gr. im Jahre 325 einberufenen Konzil in Nicäa gefolgt war, in dem sie den im Judasevangelium zugrunde liegenden Gnostizismus als Häresie verwarf.

 

Das Judasevangelium war von der gnostischen Lehre bestimmt, welche bereits in der Frühkirche das Kirchenvolk spaltete. Entsprechend dieser Lehre wurde die Welt dualistisch interpretiert: es gibt das Gute und das Böse. Die materielle Welt sei das Böse von einem Demiurgen (den Schöpfergott des Alten Testamentes!) erschaffen, das Gute sei (der göttliche Funken) in dieser Welt gefangen und müsse erlöst werden, wobei in der christlichen Variante dieser Lehre Christus die Aufgabe zufiel, diese Befreiung herbeizuführen. 

 

Judas wird nun im Judasevangelium als die Person gefeiert, die als Vertrauter Jesu dieses Erlösungswerk in Gang setzte, indem er Jesus an die Römer auslieferte. Die vollständige und nun abgeschlossene Übersetzung des Judasevangeliums hat jedoch dieser offensichtlich revolutionären Deutung der Gefangennahme Jesus und der Rolle, die Judas an diesem Geschehen übernahm, einen deutlichen Dämpfer aufgesetzt.

 

Einerseits ist Judas zwar den übrigen Jüngern überlegen und empfängt Jesu geheime Lehre. Entsprechend dem Text des Judasevangeliums hat Jesus Judas selbst aufgefordert, ihn an die römische Besatzungsmacht auszuliefern um damit den Willen Gottes zu erfüllen. Andererseits äußerte sich Jesus diesem Evangelium zufolge über Judas ausgesprochen negativ. (siehe z. B. Samuel Vollenweider in: Neue Zürcher Zeitung, 29. 03. 2013).

 

In den beiden hier analysierten Gleichnissen von den bösen Winzern und vom guten Hirten findet sich allerdings nichts, was diese Deutung (dass Gott den Tod Jesu gewollt hat und ihn zu diesem Zweck auf die Erde gesandt hatte) unterstützt. Wenn wir versuchen, diese Überlegungen in die Bilder des Gleichnisses von den bösen Winzern zurückzuübersetzen, müssten wir davon sprechen, dass der Gutsbesitzer seinen Sohn nicht etwa deshalb zu den Winzern geschickt habe, ‚um seinen Anteil an den Früchten holen zu lassen‘, sondern deshalb, dass auf diesem Wege über die Ermordung seines Sohnes ein Sühneakt vollzogen werden und eine Versöhnung zwischen Gutsbesitzer und Winzern ermöglicht werde. Das Gleichnis spricht aber davon, dass der Gutsbesitzer ‚diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten wird‘.

 

Die Winzer brachten weiterhin auch den Sohn ja nicht deshalb um, um auf diese Weise dem Gutsbesitzer ein Opfer zur Versöhnung zu bringen, sondern sie sprachen: ‚Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn töten, damit wir seinen Besitz erben. Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.‘

 

Überhaupt müssen wir uns darüber klar werden, dass die Vorstellung, man könne Gott dadurch gnädig stimmen, dass man ihm Brandopfer, ja sogar Menschenopfer bringe, im Grunde ein heidnischer Glaube ist. Zu Abrahams Zeiten gingen die Völker rings um die Heimat Abrahams von der Überzeugung aus, dass die Götter den Menschen Naturkatastrophen schicke, weil sie die Menschen für ihre Sünden bestrafen wollten. Die Menschen versuchten deshalb ihre Götter milde zu stimmen, in denen sie den Göttern das Wertvollste, was sie besaßen – und das waren die eigenen Kinder – opferten.

 

Die Erzählung über die nicht vollzogene Opferung Isaaks durch Abraham machte deutlich, dass sich Jahwe, der Gott der Juden, von all diesen anderen Göttern unterscheidet, indem er Menschenopfer ablehnt. Später erfahren wir aus der Bibel, dass der Gott der Juden auch Brandopfer ablehnt. So lesen wir im Buch Amos Kapitel 5,21-22: ‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.‘

 

Und im Matthäusevangelium Kapitel 12,33 erwidert der Schriftgelehrte, welcher Jesus nach dem obersten Gebot gefragt hatte, auf die Antwort Jesu: ‚den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.‘ Schließlich heißt es bei Matthäus Kapitel 24,40:  ‚Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.‘ Dies sind die Opfer, welche Gott in Wirklichkeit von uns Menschen erwartet.

 

Zu der These, dass Judas im Auftrag Gottes gehandelt habe, steht weiterhin die Annahme, dass Judas seine Tat bereut und durch Selbstmord seinem Leben ein Ende gesetzt hat, in krassem Widerspruch. Wie soll er eine Tat bereuen, welche er im Auftrag Gottes erfüllt hat? Und wenn man von dem Glauben ausgeht, dass es Gottes Wille war, dass Jesus gekreuzigt wurde, kann man ja auch davon ausgehen, dass dieser Auftrag an Judas erfolgreich zu Ende geführt wurde. Vor allem erwartet man von einem Gottes fürchtigen Menschen nicht, dass er sich selbst umbringt. Folgerichtig wird im Judasevangelium auch nicht davon berichtet, dass sich Judas nach seinem Verrat umgebracht habe.

 

Auch die Stelle bei Matthäus Kapitel 26,24 spricht gegen die These, dass Judas im Auftrag Jesu selbst diesen verraten habe. Dort heißt es: ‚Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.‘

 

 

5. Der verworfene Stein wird zum Eckstein

 

Natürlich wird auch dann, wenn wir dem Text des Gleichnisses von den bösen Winzern und vom guten Hirten folgen, dem Tod Christi am Kreuz und seiner Auferstehung am dritten Tage für das Heilsgeschehen die entscheidende Rolle zugewiesen, nur wird dem Sühnegedanken in diesem Zusammenhang nicht die eigentliche Bedeutung zuerkannt. Das Gleichnis fährt nämlich fort, dass ‚der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden; das hat der Herr vollbracht.‘

 

Obwohl es also rein äußerlich zunächst so aussah, als hätten die Winzer durch das Töten des Sohnes verhindert, dass der Sohn des Weinbergbesitzers seinen Auftrag erfüllen konnte, hat es – diesem Gleichnis zufolge – Gott letzten Endes doch bewirkt, dass gerade dadurch, dass Jesus nicht nur gestorben, sondern am dritten Tage wieder auferstanden ist, den Menschen der Weg gezeigt wurde, wie sie zum ewigen Leben gelangen können. Das Auferstehen, das Weiterleben in einer anderen Welt bringt die entscheidende Wendung und damit Jesus auferstehen kann, musste er zuvor Sterben.

 

Die Menschen, welche Jesus töteten, taten dies, um seine Lehre zu bekämpfen. Die Römer, welche als einzige das Recht und die Möglichkeit hatten, Angeklagte zu kreuzigen, wollten auf diese Weise einen offenen Aufruhr gegen die römische Besatzungsmacht verhindern. Da Jesus von seinen Anhängern als Messias gefeiert wurde und da mit dem Messiasglauben bei den Juden zur Zeit Jesu die Hoffnung auf eine Befreiung von der Herrschaft der Römer verbunden war, waren die Römer davon überzeugt, dass von Jesus eine Gefahr ausgehe und gerade deshalb hielten es die Römer für notwendig, Jesus zu kreuzigen.

 

Der Hohepriester und der Hohe Rat und die Anhänger des Herodes betrieben die Kreuzigung Jesu hingegen vor allem deshalb, weil sie um ihre Vormachtstellung bangten. Sie hatten sich mit den Römern arrangiert, sie erkannten die römische Oberherrschaft an und duldeten auch, dass in der heiligen Stadt Jerusalem öffentlich heidnische Götter und der römische Kaiser als Gott verehrt wurde(n) und erhielten im Gegenzug das Recht, die jüdischen Rituale zu vollziehen und darüber hinaus gewisse eingeschränkte Autonomierechte. Sie mussten nun bei einem Erfolg Jesu um ihre Position fürchten: Auf der einen Seite bestand die Gefahr, dass die jüdischen Bürger mehrheitlich Jesu folgten, auf der anderen Seite war zu befürchten, dass dann, wenn es tatsächlich zu einem öffentlichen Aufruhr gekommen wäre, der Tempel von den Römern zerschlagen worden wäre und den jüdischen Behörden ihre Vormachtstellung streitig gemacht würde, was ja auch später im Jahre 70 nach Chr. tatsächlich eingetreten ist.

 

Dadurch, dass Jesus gekreuzigt wurde, hatte es zunächst den Anschein, als sei Jesus mit seinem Auftrag vollkommen gescheitert. Wenn man so will, hatte aber Gott nur eine Schlacht verloren und zwar deshalb, weil er den Menschen als freie Wesen erschaffen hatte, welche sich aus freien Stücken zu Gott bekennen sollten und die deshalb auch die Möglichkeit hatten, sich von Gott abzuwenden.

 

Gott verliert jedoch niemals den Krieg. Gerade der Umstand, dass Jesus gekreuzigt wurde, hat letzten Endes dazu beigetragen, dass sehr schnell nach dem Tode Jesu die Schar der Jünger immer größer wurde und zu einer weltweiten Bewegung wurde. Dadurch, dass Gott Jesus am dritten Tage von den Toten auferweckt hat, ist den gläubigen Menschen vor Augen geführt worden, dass der Tod hier auf Erden nicht das Ende bedeutet, dass es vielmehr ein ewiges Leben nach dem irdischen Tode gibt, dass die Menschen genauso nach ihrem Tode eines Tages auferstehen werden, sodass der Tod für den gläubigen Menschen seinen Stachel verloren hat.

 

 

6. Der Hinweis auf die Heiden

 

Wir wollen uns an dieser Stelle etwas ausführlicher mit einer Stelle in den beiden hier abgehandelten Gleichnissen von den bösen Winzern und vom guten Hirten auseinandersetzen. Im Gleichnis von den bösen Winzern heißt es: ‚Er wird diesen bösen Menschen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist….Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.‘

 

Und im Gleichnis vom guten Hirten erfahren wir von Jesus: ‚Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird es nur eine Herde geben und einen Hirten.‘

 

Wir hatten schon darauf hingewiesen, dass vor allem diese letzte Stelle auch so interpretiert werden könnte, dass sich Gott von den Juden abwendet, weil diese seine Botschaft ablehnen und weil deshalb Gott sich den andern Menschen, den Heiden zuwendet. Wir haben aber auch erwähnt, dass in aller Regel diese beiden Stellen so gedeutet werden, dass Jesus mit dieser Stelle andeuten wollte, dass er zu allen Menschen und somit auch zu den Heiden, aber nicht nur zu diesen, gekommen ist.

 

Allerdings steht diese Interpretation in einem gewissen Gegensatz zu jener Bibelstelle im Neuen Testament, in der Jesus davon sprach, dass er von seinem Vater nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt worden sei. Bei Matthäus Kapitel 15,21-28 lesen wir:

 

21  ‚Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.

22  Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.

23  Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.

24  Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.

25  Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!

26  Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.

27  Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

28  Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

 

Ähnlich lautet es bei Markus Kapitel 7,24-30. Hier wird eigens darauf hingewiesen, dass die Frau, von Geburt an Syrophönizierin, eine Heidin war. Aber selbst an diesen Stellen gewährt Jesus schließlich dieser Frau die Hilfe, um die sie Jesus gebeten hatte.

 

Auch müssen wir daran erinnern, dass Jesus im Zusammenhang mit der Erklärung, woran man denn erkennen kann, wer der Nächste ist, dem man Hilfe bringen soll, ausgerechnet mit dem Gleichnis des barmherzigen Samariters einen Heiden benennt. Bei Lukas Kapitel 10,33-37 heißt es hierzu:

 

33 ‚Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,

34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.

35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?

37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!‘

 

Nicht ein Priester oder ein Levit, also ein Mann aus Judäa, sondern ein Mann aus Samarien erwies sich in diesem Gleichnis als Nächster. Samaria war zwar ursprünglich die Hauptstadt des Nordreiches Israel, welches sich nach Salamos Ableben von Judäa abgespalten hatte. Im Jahre 721 v. Chr. wurde das Nordreich Israel von den Assyrern besiegt, die Israeliten wurden nach Assyrien verschleppt und im Gegenzug siedelten die Assyrer Fremde aus dem Reich der Assyrer in Samarien an. Seither waren also die Einwohner Samariens Nichtjuden.

 

Über das Verhältnis Jesu zu den Einwohnern Samariens erfahren wir auch im Johannesevangelium Kapitel 4,4-42:

 

4 ‚Er musste aber den Weg durch Samarien nehmen.

5 So kam er zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte.

6 Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde.

7 Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken!

8 Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen.

9 Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten? Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.

10 Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.

11 Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser?

12 Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?

13 Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen;

14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.

15 Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.

16 Er sagte zu ihr: Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her!

17 Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann. Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann.

18 Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.

19 Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.

20 Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss.

21 Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.

22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden.

23 Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden.

24 Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.

25 Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, das ist: der Gesalbte (Christus). Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden.

26 Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, ich, der mit dir spricht.

27 Inzwischen waren seine Jünger zurückgekommen. Sie wunderten sich, dass er mit einer Frau sprach, aber keiner sagte: Was willst du?, oder: Was redest du mit ihr?

28 Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen, eilte in den Ort und sagte zu den Leuten:

29 Kommt her, seht, da ist ein Mann, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe: Ist er vielleicht der Messias?

30 Da liefen sie hinaus aus dem Ort und gingen zu Jesus.

31 Währenddessen drängten ihn seine Jünger: Rabbi, iss!

32 Er aber sagte zu ihnen: Ich lebe von einer Speise, die ihr nicht kennt.

33 Da sagten die Jünger zueinander: Hat ihm jemand etwas zu essen gebracht?

34 Jesus sprach zu ihnen: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat, und sein Werk zu Ende zu führen.

35 Sagt ihr nicht: Noch vier Monate dauert es bis zur Ernte? Ich aber sage euch: Blickt umher und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte.

36 Schon empfängt der Schnitter seinen Lohn und sammelt Frucht für das ewige Leben, so dass sich der Sämann und der Schnitter gemeinsam freuen.

37 Denn hier hat das Sprichwort recht: Einer sät und ein anderer erntet.

38 Ich habe euch gesandt zu ernten, wofür ihr nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet und ihr erntet die Frucht ihrer Arbeit.

39 Viele Samariter aus jenem Ort kamen zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, die bezeugt hatte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.

40 Als die Samariter zu ihm kamen, baten sie ihn, bei ihnen zu bleiben; und er blieb dort zwei Tage.

41 Und noch viel mehr Leute kamen zum Glauben an ihn aufgrund seiner eigenen Worte.

42 Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt.‘

 

Hier ist es Jesus selbst, der eine samaritische Frau darum bittet, ihm Wasser zum Trinken zu geben. Und hier ist es die samaritische Frau, welche zu Jesus sagt: ‚Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?‘ Johannes fügte zur Erklärung hinzu, dass die Juden nämlich nicht mit den Samaritern verkehren. Es entwickelte sich ein Disput zwischen Jesus und der Samariterin und am Ende dieses Zwiegesprächs steht die Feststellung, dass Jesus zwei Tage bei den Einwohnern von Samarien verblieb und dass viele Leute aufgrund der Gespräche mit Jesus zum wahren Glauben fanden.

  

Später nach der Auferstehung Jesu erfahren wir bei Matthäus Kapitel 28,16-20, dass Jesus seine Jünger damit beauftragte, die Botschaft Gottes allen Menschen zu verkünden:

 

16 ‚Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte.

17 Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Einige aber hatten Zweifel.

18 Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.

19 Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes,

20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.‘   

 

Diese unterschiedlichen Aussagen darüber, ob Jesus allein zu den Juden oder aber auch zu den Heiden gesandt wurde, lassen sich zunächst so interpretieren, dass Jesus zu Beginn seiner Wanderungen davon überzeugt war, dass sein Auftrag lediglich den Juden galt. Auch die oben aufgeführte Stelle bei Jesaja, in der das Kommen des Messias prophezeit wird, weist auf diese auf Israel beschränkte Aufgabe hin: ‚Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten.‘

 

Später jedoch, als Jesus feststellen musste, dass gerade die führenden Juden ihn ablehnten, ein Teil der Heiden jedoch Bereitschaft zeigte, die Botschaft Gottes anzunehmen, habe er dann seinen Auftrag so verstanden, dass die Botschaft Gottes an alle Menschen zu richten sei und nicht nur an das zunächst auserwählte Volk der Juden.

 

Zur Beurteilung dieser zunächst widersprüchlichen Aussagen der Bibel muss man sich auch die geschichtliche Entwicklung der christlichen Urgemeinde nach Christi Himmelfahrt bewusst werden. Tatsächlich schien die Christusgemeinde zunächst eine Art Sondergruppe im jüdischen Umfeld zu sein. Die Christen in Jerusalem verstanden sich zuerst als Juden, welche lediglich in der Frage, ob Jesus der in der Thora angekündigte Messias ist und vor allem nur in dieser Frage mit den jüdischen Religionsbehörden in Streit lagen.

 

Je mehr jedoch diese Judenchristen von den offiziellen religiösen Behörden der Juden wegen ihres Glaubens verfolgt und aus Jerusalem vertrieben wurden, um so mehr wandten sich viele unter ihnen den Heiden zu und missionierten diese. Es entstanden zunächst zwei verschiedene urchristliche Lager, der eine Teil der Christen verstand sich nach wie vor als Juden und hielt die jüdischen Ritualvorschriften peinlich ein und versuchte nur andere Juden vom christlichen Glauben zu überzeugen, während andere hinwiederum bestrebt waren, auch Heiden zum christlichen Glauben zu bekehren.

 

Vor allem Paulus, welcher vom orthodoxen Judenglauben zum christlichen Glauben übergetreten war, bemühte sich, das Christentum auch in der römisch-hellenistischen Welt zu verbreiten und auch Heiden zu bekehren. Allmählich  lösten sich die Christen vom Judentum. Es war dann wiederum Paulus, welcher befand, dass die nichtjüdischen Christen nicht gehalten seien, die jüdischen Rituale zu übernehmen. Errettet werde der Mensch aus dem Glauben an Jesu Auferstehung heraus – und nicht, weil er den Gesetzestexten folge. Diese Fragen wurden allerdings zunächst unter den Christen sehr kontrovers diskutiert, vor allem Jakobus und anfänglich auch Petrus, welche die christliche Gemeinde in Jerusalem leiteten, widersprachen lange Zeit diesen Empfehlungen an die Heiden.

 

Auf dem Apostelkonzil, das zwischen 44 und 49 n. Chr. in Jerusalem stattfand, wurde dieser Streit zwischen Petrus und Paulus beigelegt und beschlossen, dass die Taufe genüge, um Teil der christlichen Heilsgemeinschaft zu sein. Diese Feststellung brachte schließlich die Loslösung des Christentums vom Judentum. Der Glaube an Jesus wurde nun eine selbstständige Religion neben dem jüdischen Glauben.

 

Nun müssen wir bedenken, dass die vier Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas und Johannes) erst 40 bis 70 Jahre nach Jesu Tod aufgezeichnet wurden. Sie entstanden also in einer Zeit, in welcher diese Kehrtwendung zum Weltchristentum bereits vollzogen war. Es ist deshalb nur verständlich, dass die Evangelisten bemüht waren, auch in der Niederschrift um das Leben von Jesus zu zeigen, dass bereits Jesus diese Ausweitung des christlichen Glaubens auf alle Menschen gelehrt hatte oder dass zumindest bereits bei Jesus diese Wandlung weg vom rein jüdischen Glauben angelegt war.

 

 

7. Ich gebe mein Leben aus freiem Willen hin.

 

Wir wollen uns zum Abschluss dieses Kapitels fragen, wie die Aussage von Jesus am Ende des Gleichnisses vom Guten Hirten zu verstehen ist.  Im Johannesevangelium Kapitel 10,17-18 lesen wir: ‘Deshalb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hingebe, um es wieder zu nehmen. Niemand entreißt es mir, sondern ich gebe es aus freiem Willen hin.‘

 

Es wäre sicherlich falsch, wenn man aufgrund dieser Aussage den Schluss ziehen würde, dass diejenigen, welche die Kreuzigung Jesu betrieben (Kaiphas und der Hohe Rat) und durchgeführt (der römische Statthalter Pilatus) haben, keine Schuld auf sich geladen hätten, da ja Jesus diesen Tod freiwillig auf sich genommen hatte. Gegen eine solche Schlussfolgerung spricht die Tatsache, dass Jesus bei Getsemani kurz vor seiner Verhaftung seinen Vater gebeten hatte, diesen tödlichen Ausgang wenn immer nur möglich zu verhindern. Im Matthäusevangelium Kapitel 26,36-46 heißt es:

 

36 Darauf kam Jesus mit den Jüngern zu einem Grundstück, das man Getsemani nennt, und sagte zu ihnen: Setzt euch und wartet hier, während ich dort bete.

37 Und er nahm Petrus und die beiden Söhne des Zebedäus mit sich. Da ergriff ihn Angst und Traurigkeit,

38 und er sagte zu ihnen: Meine Seele ist zu Tode betrübt. Bleibt hier und wacht mit mir!

39 Und er ging ein Stück weiter, warf sich zu Boden und betete: Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst.

 

Jesus ängstige sich sehr wohl wie vermutlich die meisten Menschen vor einem so grausamen Tod. Er nahm es aber freiwillig auf sich, seinen göttlichen Auftrag, die Juden zur Umkehr zu bewegen zu erfüllen, auch dann, wenn dieser Auftrag mit Gefahren verbunden war und mit dem Leben bezahlt werden musste. Wenn wir nochmals das Bild vom guten Hirten heranziehen, so wollte er seine Aufgabe als Schäfer, die Schafe vor den Wölfen zu schützen, erfüllen, auch dann, wenn diese Aufgabe den Schäfer selbst in Gefahr bringt. Er war sich dieser Gefahr bewusst, war aber trotzdem bereit, diese Aufgabe zu übernehmen, weil er sie für notwendig hielt und aus Gehorsam gegenüber seinem Vater. Natürlich würde es ein guter Hirte auch für besser halten, wenn diese Aufgabe ohne Gefahr für Leib und Leben möglich wäre und das wäre ja auch möglich gewesen, wenn die Menschen die Botschaft Jesu angenommen hätten und deshalb zur Umkehr bereit gewesen wären.

 

Auch wenn wir das Gleichnis von den bösen Winzern heranziehen, so hat der Sohn des Gutsbesitzers seinen Auftrag angenommen, vermutlich in vollem Bewusstsein, dass durchaus mit der Möglichkeit gerechnet werden musste, dass die Winzer auch ihn töten würden, ähnlich wie die Winzer schon vorher Diener des Gutsbesitzers getötet hatten. Aber man kann trotzdem nicht davon sprechen, dass der Sohn des Gutsbesitzers darauf aus war, getötet zu werden, er tat es auch nicht aus Abenteurerlust, sondern aus Verantwortungsgefühl gegenüber seinem Vater und der durchzuführenden Aufgabe. Immerhin klingt in dem Gleichnis eine gewisse Hoffnung an, dass die Winzer den Sohn des Gutsbesitzers eher als zuvor die Knechte achten und ihn deshalb nicht töten werden.

 

Auch die Stelle bei Matthäus Kapitel 26,24 spricht gegen die These, dass diejenigen, welche Jesus gekreuzigt hatten, keine Schuld auf sich geladen hätten. Dort heißt es: ‚Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.‘