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Die Gleichnisse der Bibel

 

              

 

 

Gliederung:

 

Teil I

 

Problemeinführung

 

 

Teil II

 

Gleichnisse im Alten Testament

 

 

Teil III . Die Gleichnisse Jesu

              

1. Gottes- und Nächstenliebe

2. Weitere Verhaltensanweisungen

3. Frage nach dem Lohn                      

4. Die Rolle des Menschensohns

5. Die Bedeutung des Bittens      

6. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

 

 

 

 

5. Frage nach dem Lohn (Fortsetzung)

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Von der Entlohnung der Arbeiter im Weinberg

3. Teilnahme am Hochzeitsmahl ohne Hochzeitsgewand

4. Die Gleichnisse vom verlorenen Sünder

5. Das Gleichnis vom Fischnetz und vom Unkraut unter dem Weizen

6. Das Gleichnis vom unnützen Sklaven

 

 

 

5. Das Gleichnis vom Fischnetz vom Unkraut unter dem Weizen

 

Die beiden nächsten zu erörternden Gleichnisse handeln vom Endgericht und der Belohnung bzw. Bestrafung, welche die Menschen hier zu erwarten haben. Im Gleichnis vom Fischnetz bei Matthäus Kapitel 13,47-52 wird das Himmelreich mit einem Netz verglichen, mit dessen Hilfe Fische gefangen werden. Allerdings enthält das Netz auch schlechte Fische, welche weggeworfen werden müssen. Nur die guten, essbaren Fische werden in Körben gesammelt:

 

47 ‚Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen.

48 Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg.

49 So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen

50 und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. 

51 Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja.

52 Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.‘

 

Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, wiederum bei  Matthäus Kapitel 13,24-30, vergleicht hingegen das Himmelreich mit einem Mann, welcher guten Samen sät, der nach einer gewissen Zeit aufgeht und Ähren bildet. Aber der Sämann muss feststellen, dass auch Unkraut zwischen den Ähren zum Vorschein kam. Als dann geerntet wurde, wurden Unkraut und Ähren von einander getrennt. Das Unkraut wurde in Bündeln zusammengebunden und ins Feuer geworfen, während der Weizen in die Scheune zur Weiterverarbeitung gebracht wurde:

 

24 ‚Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.

25 Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.

26 Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.

27 Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?

28 Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

29 Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.

30 Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.‘ 

 

Beide Gleichnisse wollen also eindringlich darauf hinweisen, dass beim Anbrechen des Endgerichtes die guten und schlechten Menschen von einander getrennt werden, dass die guten Menschen, welche die Weisungen Gottes beachtet hatten, im Himmel belohnt, die schlechten aber, welche sich gegen Gott gewandt und gesündigt hatten, bestraft werden.

 

Das Gleichnis vom Fischernetz ist relativ kurz gehalten. Wir erfahren lediglich, dass am Ende der Zeiten festgestellt wird, dass auch schlechte, ungenießbare Fische ins Netz geraten sind und deshalb ausgesondert werden müssen; das Gleichnis vom Unkraut zwischen den Ähren berichtet hingegen davon, dass die Knechte Gottes schon sehr bald lange vor der Ernte feststellen, dass neben dem guten Samen auch Unkraut heranwächst, sie wollen von ihrem Gutsherrn erfahren, wie es denn dazu kommen konnte, dass unter den Ähren auch Unkraut hervorsprieß und diese Knechte sind willens, sofort das Unkraut herauszureißen, damit die Weizensamen voll gedeihen können.

 

Der Gutsherr hält jedoch seine Knechte davon ab, das Unkraut bereits jetzt zu entfernen und er gibt als Grund für diese Zurückhaltung an, dass sonst Gefahr bestünde, dass auch gute Ähren mit dem Unkraut vernichtet werden. Als Antwort darauf, dass auf dem Acker auch Unkraut heranwächst, verweist Jesus auf seinen Feind, der nachts während die Knechte schliefen, Unkraut gesät hätte.

 

Beide Bilder, das vom Auswerfen der Fischernetze wie auch des Erntens des Weizens sind plastisch und ihr Sinn ist leicht zu verstehen. Der Fischer bzw. der Sämann ist Gott selbst, das Unkraut sind die bösen Menschen, der Weizen hingegen die Gläubigen, welche die Gebote Gottes beachten, das Auswerfen des Fischernetzes bzw. die Ernte verweisen auf das Ende der Zeiten und der Umstand, dass die schlechten Fische von den guten bzw. das Unkraut vom Weizen schließlich getrennt werden, soll darauf hinweisen, dass am Ende der Zeiten Gott Gericht hält und die Guten belohnen und die Schlechten bestrafen wird.

 

Dass die ausgesonderten schlechten Fische bzw. das Unkraut verbrannt werden und dass hier Heulen und Zähneknirschen herrschen wird, ist sicherlich nicht wortwörtlich zu verstehen, sondern wie in jedem Gleichnis als ein Bild aufzufassen, das in pointierter Weise darauf aufmerksam macht, dass am Ende der Zeiten jeder seine gerechte Strafe erleiden wird.

 

Befassen wir uns etwas ausführlicher mit der Frage, warum denn die Knechte im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen das Unkraut nicht sofort herausreißen sollen, wenn es sichtbar wird. Der Gutsherr antwortet seinen Knechten, als sie das Unkraut sofort herausreißen wollen: ‚Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.‘

 

Vielleicht bringt diese Antwort einen gewissen Hinweis auf zwei brennende Fragen der Gläubigen: Erstens warum lässt Gott soviel Ungerechtigkeit zu, warum greift er nicht öfters ein und verhindert, dass Unschuldige Schaden erleiden? Zweitens entspricht es wirklich dem Willen Gottes, dass Menschen für ihre Sünden hier auf Erden eventuell sogar mit dem Tode bestraft werden und gerade deshalb unter Umständen gar nicht mehr die Möglichkeit erhalten, von sich aus d. h. freiwillig umzukehren und ein Gott gefälliges Leben zu führen?

 

Befassen wir uns zunächst mit der ersten Frage (man spricht hier von der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes), wie es zu erklären ist, dass Gott, den wir  sowohl als allmächtig als auch barmherzig und gütig begreifen, dennoch soviel Leid auf Erden zulässt.

 

Als erstes muss darauf hingewiesen werden, dass ein Großteil des – anderen Menschen – zugefügten Leides von Menschen und nicht von Gott ausgeht. Nicht Gott, sondern die Menschen, welche dieses Leid verursachen, haben sich in erster Linie zu rechtfertigen.

 

Gott hat den Menschen als freies Wesen erschaffen, will heißen, dass Gott den Menschen selbst bestimmen lassen will, ob er bereit ist, den Geboten Gottes zu folgen oder sich von Gott abzuwenden. Wollte Gott jede böse Tat eines Menschen verhindern, hörten die Menschen auf, freie Wesen zu sein, sie wären Marionetten, welche vielleicht böse Taten planen dürfen, aber welche an jeder Ausführung dieser Taten gehindert würden. Es wäre dann auch gar nicht möglich, dass die Menschen sich frei für Gott entscheiden könnten.

 

Des Weiteren ist zentraler Punkt sowohl der jüdischen wie auch christlichen Lehre der Hinweis, dass Gott den Menschen immer wieder verzeiht, wenn sie ihre sündhaften Taten ehrlich bereuen und zur Umkehr bereit sind. Diese Möglichkeit wäre ja wohl verbaut, wenn nach jeder gravierenden Sünde die sündigen Menschen wie Unkraut sofort herausgerissen und verbrannt, also vernichtet würden.

 

Auch wirft diese Feststellung, dass das Aussondern des Unkrautes erst am Ende der Zeiten erfolgt, ein Licht auf die Überzeugung einiger christlicher Sekten, wonach jedes Leid, das Menschen widerfährt, als Strafe Gottes für begangene Sünden zu verstehen ist. Danach reicht es aus, dass gerade dadurch, dass jemand Leid erfährt, klar ist, dass dieser Mensch gesündigt hat, mag er noch so sehr vor der Öffentlichkeit als integerer Mensch gehalten werden.

 

Ganz davon abgesehen, dass eine solche Auffassung nicht erklären kann, wieso denn dann auch Kindern Schaden zugefügt wird, welche noch gar nicht schuldfähig sind, ist es auch offensichtlich, dass auch größte Verbrecher hier auf Erden keine angemessene Strafen erhalten haben, sodass diese Lehre in keinster Weise durch die tatsächliche Entwicklung bestätigt werden kann. Hier in diesem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen bringt Jesus deutlich zum Ausdruck, dass im Allgemeinen (abgesehen von Ausnahmefällen, über die im alten Testament berichtet wird) hier auf Erden das göttliche Gericht noch nicht zu erwarten ist und dass keineswegs jeder Schaden, den ein einzelner erleidet, als Strafe Gottes anzusehen ist.

 

Wenden wir uns nun der zweiten Frage zu, dass entsprechend diesem Gleichnis den Knechten vom Gutsherrn verwehrt wird, das Unkraut sofort auszureißen. Dieser Hinweis mag von besonderer Bedeutung sein, da ja im Alltag, auf welches das Gleichnis hinweist, es sehr wohl üblich ist, dass das Unkraut schon sehr früh gejätet wird, um so dem Weizensamen größere Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Die Knechte des Herrn dürften zunächst die Jünger, aber dann auch alle rechtschaffenen Menschen sein, welchen das Wohl der Gemeinschaft anvertraut ist.

 

Nun wird man davon ausgehen müssen, dass es den Menschen nur in den seltensten Fällen möglich ist, den Umfang der Schuld eines Täters eindeutig festzustellen. Als erstes bedeutet die Tatsache, dass eine Verurteilung vor einem irdischen Gericht entsprechend den rechtsstaatlichen Prinzipien nur dann ausgesprochen werden darf, wenn die Schuld einwandfrei erwiesen ist. In sehr vielen Fällen kann jedoch die Schuldfrage nicht eindeutig geklärt werden, sodass ein sicherlich beachtlicher Teil schuldiger Menschen mangels Beweises freigesprochen werden muss. Auch muss man vermuten, dass eine beachtliche Zahl von Tätern mangels Wissens gar nicht angeklagt werden.

 

Aber auch in den Fällen, in denen eine Verurteilung erfolgt, bestehen oftmals erhebliche Bedenken, ob die Verurteilten tatsächlich für die Tat, welche ihnen vorgeworfen wird, in vollem Umfang verantwortlich sind. Normalerweise stützt sich ein Strafurteil auf ein Schuldbekenntnis des Angeklagten oder darauf, dass die Tat von anderen bezeugt wird. Es gibt jedoch viele Gründe, weshalb sich jemand zu einer Tat bekennen kann, obwohl er diese Tat nicht begangen hat. So kann derjenige, welche die Schuld auf sich nimmt, damit einen geliebten Menschen decken wollen oder er hält sich für schuldig, weil er zwar die Ursache für das verfolgte Ereignis (z. B. Tötung) gesetzt hat, aber ohne dass er diese Ursachenkette hätte verhindern können oder auch ohne dass er von den tatsächlichen Wirkungen seines Handelns wissen konnte. Auch Zeugenaussagen bringen keine eindeutige Überführung des Angeklagten. Zeugen können gekauft sein oder auch einen Menschen beschuldigen, um vom wahren Täter abzulenken.

 

Ganz generell müssen wir davon ausgehen, dass ein Außenstehender nicht in der Lage ist, das Ausmaß der Schuld eines anderen abzuschätzen. Nur von Gott unterstellen wir, dass er in unsere Herzen sehen kann und deshalb auch in der Lage ist abzuwägen, welchen Anteil ein Täter an der Tat wirklich hat. Es reicht nicht aus, dass eine objektive Tat und sein Täter nachgewiesen werden kann. Bei gleichem äußeren Erscheinungsbild der Tat kann in dem einen Fall der Täter die Tat begangen haben, obwohl er sehr wohl in Rechtschaffenheit erzogen wurde und auch keinerlei erbliche Veranlagung zu triebhaftem Handeln aufweist und in einem zweiten Fall haben vielleicht die Eltern dem Angeklagten keine moralische Erziehung angedeihen lassen oder ist vielleicht auf der Straße in Jugendbanden immer wieder zu Straftaten angestachelt worden. In einem dritten Fall mag sogar der Täter vom Opfer ein ganzes Leben lang gedemütigt und misshandelt worden sein und er hat dann aus einer Kurzschlusshandlung heraus seine Tat begangen.

 

Es ist klar, dass der Umfang der subjektiven Schuld in allen drei aufgezeigten Fällen recht unterschiedlich groß ist, obwohl annahmegemäß das äußere Erscheinungsbild auf eine gleich schwere Tat hinweist und infolgedessen von den irdischen Gerichten auch einigermaßen gleich bestraft wird, wobei nur subjektive Faktoren wie mildernde Umstände das Strafmaß etwas verringern können oder besonders niedere Beweggründe das Strafmaß auch etwas erhöhen können.

 

Darüber hinaus müssen wir berücksichtigen, dass auch die Strafverfolgungsbehörden und die Richter Menschen sind, die durchaus auch in Einzelfällen die genannten Rechtsprinzipien verletzen. Wir müssen davon ausgehen, dass das Verhalten der öffentlichen Polizisten, Staatsanwälte und Richter ganz bestimmten Anreizsystemen unterliegen, welche nicht immer zu der erwünschten Aufklärung führen.

 

Der berufliche Erfolg dieser Beamten hängt nicht davon ab, in wie viel Fällen eine gerechte Strafe gefällt wurde – diese Frage kann in den meisten Fällen ohnehin nicht eindeutig beantwortet werden –, sondern allein davon, in wie viel Fällen Schuldige für aufgedeckte Straftaten gefunden und überführt wurden und in wie viel Fällen eine Anklage zur Verurteilung des Angeklagten geführt hat. Wenn einer Strafverfolgungsbehörde keine Aufklärung öffentlich gebrandmarkter Straftaten gelingt, unterliegt sie der öffentlichen Kritik auch dann, wenn gerade das Verhalten dieser Behörde unter Umständen dazu beigetragen hat, Fehlurteile und eine Verurteilung Unschuldiger zu verhindern.

 

Einige Anmerkungen sind schließlich für den abschließenden Satz im Gleichnis vom Fischernetz notwendig. Hier heißt es: ‚Da sagte er zu ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.‘

 

Abschließende Sätze erfüllen in der Regel die Aufgabe, am Schluss einer Ausführung nochmals die Quintessenz der Erzählung zusammenzufassen. Offensichtlich soll mit dem abschließenden Satz des Gleichnisses vom Fischernetz angedeutet werden, dass es Aufgabe der Jünger ist, vom ‚Alten‘, also der auch bisher schon gelehrten Thora auszugehen, diese aber ‚neu‘ auszulegen, auf die nun aktuellen Probleme anzuwenden und auf bisher fehlerhafte Interpretationen hinzuweisen.

 

Es bleibt jedoch unklar, warum diese Feststellung vom Evangelisten Matthäus gerade das Gleichnis vom Fischernetz abschließt. Dieses Gleichnis beschränkt sich ja auf die Aussage, dass Gott am Ende der Zeiten Gericht halten, die Guten belohnen, die Schlechten aber bestrafen wird. In dieser Frage dürften jedoch keine nennenswerten Unterschiede zwischen der Botschaft des Alten Testamentes und der Lehre von Jesus bestehen.

 

Etwas weiter unten in Kapitel 22,44 des Matthäusevangeliums erwähnt Jesus David und lässt diesen sagen:

 

‚Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten und ich lege dir deine Feinde unter die Füße.‚

 

Diese Bibelstelle verweist auf den Psalm 110, der David zugesprochen wird. Dort heißt es:

 

1  [Ein Psalm Davids.] ‚So spricht der Herr zu meinem Herrn: Setze dich mir zur Rechten und ich lege dir deine Feinde als Schemel unter die Füße.

2  Vom Zion strecke der Herr das Zepter deiner Macht aus: »Herrsche inmitten deiner Feinde!«

3  Dein ist die Herrschaft am Tage deiner Macht (wenn du erscheinst) in heiligem Schmuck; ich habe dich gezeugt noch vor dem Morgenstern, wie den Tau in der Frühe.

4  Der Herr hat geschworen und nie wird’s ihn reuen: »Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.« 

5  Der Herr steht dir zur Seite; er zerschmettert Könige am Tage seines Zornes.

6  Er hält Gericht unter den Völkern, er häuft die Toten, die Häupter zerschmettert er weithin auf Erden.

7  Er trinkt aus dem Bach am Weg; so kann er (von neuem) das Haupt erheben.‘

 

Dass also am Ende der Zeiten Gericht gehalten wird, war schon die Auffassung Davids und der Propheten, sodass also gerade in dieser Frage keine nennenswerten Unterschiede zwischen der Thora und der Lehre Jesu bestehen und dass gerade in dieser Frage zu dem ‚Alten‘ nicht wesentlich ‚Neues‘ in diesem Gleichnis hinzugefügt wird.

 

Natürlich unterscheiden sich die Juden und Jesus in der Frage, ob Jesus dieser im Alten Testament angekündigte Messias und Sohn Gottes ist. Wie wir bereits an mehren Stellen dieser Vorlesung gesehen haben, hat sich Jesus wiederholt dazu bekannt, der angekündigte Messias zu sein, der Hohe Priester und der Hohe Rat setzten sich jedoch dafür ein, dass Jesus gerade aufgrund dieses Bekenntnisses als Gotteslästerer von den Römern schließlich gekreuzigt wurde. Also gäbe eigentlich ein solcher abschließender Satz an den Stellen einen besseren Sinn, an denen die Messiasfrage eigens zur Sprache kommt.

 

 

6. Das Gleichnis vom unnützen Sklaven

 

Wir wollen uns zum Abschluss dieses fünften Kapitels mit dem Gleichnis vom unnützen Sklaven bei  Lukas Kapitel 17,7–10 befassen:

 

7 ‚Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen?

8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken.

9 Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?

10 So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.‘

 

Der Wortlaut dieses Gleichnisses mag zunächst verwundern. Zwar entspricht es durchaus unserer Vorstellung, dass die meisten Sklavenhalter des Altertums und des Mittelalters mit ihren Sklaven auf diese Weise umgegangen sind. Sie (die Sklaven) waren nützliche Subjekte, die von den Sklavenhaltern als Eigentum gehalten wurden, während sich die Herren der Sklaven als eine bessere Menschenklasse gehalten haben und welche allenfalls deshalb die Sklaven unter Umständen anständig behandelt hatten, weil sie dann von ihnen eine bessere Arbeit und eine größere Leistung erwarten konnten.

 

Es entspricht unserem heutigen Verständnis, dass kein Mensch das Recht haben sollte, einen anderen zu versklaven und als Eigentum zu betrachten, mit dem man machen kann, was man will, dass alle Menschen in dieser Frage gleich sind und es keine Vorrechte bestimmter Stände oder Klassen allein aufgrund ihrer Geburt geben darf.

 

Es verwundert vor allem, dass Jesus, von dem wir wissen, dass er sich zum wiederholten Male für die Armen, Kranken und Unterdrückten eingesetzt hat, hier die Forderung erhebt, dass auch seine Jünger sich als unnütze Sklaven verstehen sollten.

 

Verständlich wird dieses Gleichnis erst dann, wenn wir uns daran erinnern, dass Jesus davon gesprochen hat, dass er gekommen sei, nicht bedient zu werden, sondern zu dienen und dass er diese Einstellung gegenüber den Mitmenschen auch von seinen Jüngern forderte. Das Wort Sklave wird also hier gar nicht in dem menschenverachtenden Sinne verstanden wie es heutzutage gebraucht wird. Sklave sein bedeutet hier vielmehr, für die Gemeinschaft tätig zu sein, ihr zu dienen und nicht über andere Menschen zu herrschen.

 

Dass Jesus dieses Gleichnis gerade vorwiegend an seine Jünger, also an den engeren Kreis seiner Anhänger richtete, hat es nach Vorstellung der meisten Exegeten damit zu tun, dass sich in der Jüngerschaft gewisse Vorstellungen herausentwickelt hatten, sie, die Jünger, seien etwas besseres und verdienten deshalb auch im zukünftigen Himmelreich eine besondere Stellung und damit einen höheren Lohn und hätten deshalb auch Anspruch auf eine Art ‚Ministerposten‘. Eine solche Auffassung begegnet uns vor allem im 20. Kapitel des Matthäusevangeliums Vers 20-28:

 

20 ‚Damals kam die Frau des Zebedäus mit ihren Söhnen zu Jesus und fiel vor ihm nieder, weil sie ihn um etwas bitten wollte.

21 Er fragte sie: Was willst du? Sie antwortete: Versprich, dass meine beiden Söhne in deinem Reich rechts und links neben dir sitzen dürfen.

22 Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagten zu ihm: Wir können es.

23 Da antwortete er ihnen: Ihr werdet meinen Kelch trinken; doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die mein Vater diese Plätze bestimmt hat.

24 Als die zehn anderen Jünger das hörten, wurden sie sehr ärgerlich über die beiden Brüder.

25 Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.

26 Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,

27 und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.

28 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.‘

 

An dieser Bibelstelle wird deutlich, was Jesus im Gleichnis vom unnützen Sklaven unter dem Wort ‚Sklave‘ tatsächlich anspricht. Erstens hat nicht er oder irgendwelche Menschen zu bestimmen, wer mit ihm zusammen im himmlischen Reich die Geschicke leiten wird, dieses Recht liegt allein bei Gott, dem Vater. Zweitens soll derjenige, welcher hier auf Erden Macht erlangt, diese Macht nur dazu gebrauchen, um die Belange der Gemeinschaft zu erfüllen, er soll nicht über die Völker herrschen und sie zu seinen Gunsten ausbeuten, sondern er soll für die Gemeinschaft dienen. Wer also hier auf Erden die Gemeinschaft anführen (also erster sein) will, soll sich als Diener für seine Mitmenschen ansehen und verhalten. Drittens macht Jesus deutlich, dass auch er selbst seine von Gott übertragene Aufgabe in gleichem Sinne versteht, dass auch er in die Welt gekommen ist, um zu dienen und nicht bedient zu werden.

 

Diese Einschätzung über die Aufgabe seiner Jünger kommt auch im Johannesevangelium in Kapitel 13,12-17 zum Ausdruck:

 

12 ‚Als er ihnen die Füße gewaschen, sein Gewand wieder angelegt und Platz genommen hatte, sagte er zu ihnen: Begreift ihr, was ich an euch getan habe?

13 Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es.

14 Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.

15 Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

16 Amen, amen, ich sage euch: Der Sklave ist nicht größer als sein Herr und der Abgesandte ist nicht größer als der, der ihn gesandt hat.

17 Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt.‘

 

Hier wird am Beispiel des Füßewaschens, das im Altertum normalerweise der Diener oder auch Sklave an seinem Herren zu verrichten hatte, gezeigt, dass Jesus diese dienende Rolle übernommen hatte und seine Jünger aufforderte, ihm gleichzutun.

 

Der, welcher in Wirklichkeit der Größte ist, ist Gott der Vater. Derjenige, der wie Jesus und vor ihm die Propheten zu den Menschen geschickt wurde, seine Botschaft zu verkünden, ist deshalb auch immer kleiner als derjenige (nämlich Gott Vater), der ihn geschickt hat. Und in diesem Sinne sind auch alle Jünger und religiösen Führer, welchen ihren Auftrag im Namen Jesu erhalten haben, geringer als Jesus selbst, der sie mit diesem Auftrag betraut hat.

 

Und im Lukasevangelium Kapitel 22,24-27 wird deutlich, dass Jesus von seinen Jüngern verlangt, dass ihr Verhältnis zu der von ihnen zu leitenden Gemeinschaft der Gläubigen nicht den Beziehungen entsprechen darf, welche wir ganz allgemein bei den Herrschern dieser Erde vorfinden:

 

24 ‚Es entstand unter ihnen ein Streit darüber, wer von ihnen wohl der Größte sei.

25 Da sagte Jesus: Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen.

26 Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Dienende.

27 Welcher von beiden ist größer: wer bei Tisch sitzt oder wer bedient? Natürlich der, der bei Tisch sitzt. Ich aber bin unter euch wie der, der bedient.‘

 

An dieser Bibelstelle geht Jesus sogar noch einen Schritt weiter als an den oben erwähnten Bibelstellen, die Jünger sollen nicht nur dienen, sondern sie sollen sich auch nicht als Wohltäter und Herrscher feiern lassen. Dieser Spruch setzt die andere Aufforderung Jesu fort: ‚Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut.‘ (Matthäus Kapitel 6,3). Dein Handeln sei also nicht daran ausgerichtet, bei den Mitmenschen Achtung zu erlangen, sondern allein die Weisungen Gottes zu befolgen.

 

Wenn also einzelne Menschen hier auf Erden Macht über andere Menschen gewinnen, so darf dies niemals so verstanden werden, dass diese Machtfülle als eine Art Belohnung angesehen werden könne, aufgrund derer sie über die anderen Menschen willkürlich herrschen dürfen. Vielmehr ist mit dieser Machtfülle stets ein Auftrag verbunden, den die Mächtigen genauso wie ein Diener zu erfüllen haben.