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Die Gleichnisse der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

Teil I

 

Problemeinführung

 

 

Teil II

 

Gleichnisse im Alten Testament

 

 

Teil III . Die Gleichnisse Jesu

              

1. Gottes- und Nächstenliebe

2. Weitere Verhaltensanweisungen

3. Frage nach dem Lohn                      

4. Die Rolle des Menschensohns

5. Die Bedeutung des Bittens      

6. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

 

 

 

4. Weitere Verhaltensempfehlungen Forts.

 

 

Gliederung:

 

1. Über die erforderliche Wachsamkeit

2. Über kluges Handeln

3. Vergib uns unsre Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

4. Über heuchlerisches Verhalten

5. Jeder nach seinen Fähigkeiten

6. Die Bedeutung des Reichtums

              

 

 

4. Über heuchlerisches Verhalten

 

Ein weiteres Thema der Gleichnisse Jesu ist die Anprangerung heuchlerischen Verhaltens, so vor allem im Gleichnis von den beiden Söhnen.

 

Heucheln bedeutet hierbei einmal eine nicht vorhandene positive Eigenschaft vortäuschen, zum andern seine tatsächlichen Gedanken zu verbergen, nur so tun als ob man sich von bestimmten positiv eingestuften Gedanken leiten lassen würde. Im Gleichnis von den beiden Söhnen (Matthäus Kapitel 21,28-32) heißt es:

 

28  ‚Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!

29  Er antwortete: Ja, Herr!, ging aber nicht.

30  Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging doch.

31  Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der zweite. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.

32  Denn Johannes ist gekommen, um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen, und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.‘

 

So finden sich vor allem in Kapitel 6 des Matthäusevangeliums konkrete Beispiele heuchlerischen Verhaltens, so wenn beim Almosengeben, beim Beten oder beim Fasten gute Taten nur vorgetäuscht werden:

 

6,2 ‚Wenn du Almosen gibst, lass es also nicht vor dir herposaunen, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten…

 

6,5 Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten…

 

6,16 Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler. Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, das sage ich euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.

17  Du aber salbe dein Haar, wenn du fastest, und wasche dein Gesicht,

18  damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der auch das Verborgene sieht; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.‘

 

Die Gebote der Nächstenliebe verlangen, dass man dem in Not geratenen Nächsten Hilfe gewährt, ohne dass man für diese Hilfe eine Gegenleistung verlangt. Wenn man aber nur hilft, um von den andern gelobt zu werden, hat man bereits eine Gegenleistung für sein Handeln erhalten, wie kann man dann noch auf einen Lohn im jenseitigen Leben hoffen?

 

Weiter findet sich vor allem in Kapitel 23 des Matthäusevangeliums der Vorwurf, sich mit Nebensächlichkeiten abzufinden und hierüber das Wesentliche außer Acht zu lassen und auf diese Weise wiederum so zu tun als ob man den Geboten Gottes entsprechen würde:

 

23,23 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen…

 

23,25 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von dem, was ihr in eurer Maßlosigkeit zusammengeraubt habt…

 

23,27 Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.‘

 

Im Markusevangelium Kapitel 7 findet sich der Hinweis, dass bereits Jesaja heuchlerisches Verhalten gebrandmarkt hatte:

 

7,6 ‚Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.‘

 

Und bei Lukas findet sich das schöne Bild vom Splitter im Auge des andern und vom Balken im eigenen Auge: Kapitel 6,42:

 

‚Wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Bruder, lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen!, während du den Balken in deinem eigenen Auge nicht siehst? Du Heuchler! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; dann kannst du versuchen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.‘

 

Im Kapitel 13 des Lukasevangeliums schließlich begegnen wir dem Vorwurf gegenüber den Pharisäern, ihn (Jesus) anzugreifen, er würde den Sabbath nicht heiligen, gleichzeitig aber selbst am Sabbath knechtische Arbeit verrichten:

 

13,15 ‚Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke?‘

 

Eng verwandt mit dem Vorwurf, einige Pharisäer seien heuchlerisch, ist die Kritik an einigen
Schriftgelehrten, sie würden nur auf den Buchstaben des Gesetzes achten und hierüber den eigentlichen Sinn dieser Vorschriften übersehen. So erfahren wir z. B. im Gleichnis von der Fastenfrage bei Lukas Kapitel 5,33-39:

 

33 ‚Sie sagten zu ihm: Die Jünger des Johannes fasten und beten viel, ebenso die Jünger der Pharisäer; deine Jünger aber essen und trinken.

34 Jesus erwiderte ihnen: Könnt ihr denn die Hochzeitsgäste fasten lassen, solange der Bräutigam bei ihnen ist?

35 Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam genommen sein; in jenen Tagen werden sie fasten.

36 Und er erzählte ihnen auch noch ein Gleichnis: Niemand schneidet ein Stück von einem neuen Kleid ab und setzt es auf ein altes Kleid; denn das neue Kleid wäre zerschnitten und zu dem alten Kleid würde das Stück von dem neuen nicht passen.

37 Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche. Denn der neue Wein zerreißt die Schläuche; er läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar.

38 Neuen Wein muss man in neue Schläuche füllen.

39 Und niemand, der alten Wein getrunken hat, will neuen; denn er sagt: Der alte Wein ist besser.‘

 

Vor allem Paulus hat in seinem Römer- und Korintherbrief auf den Unterschied zwischen einem wörtlichen Befolgen des Gesetzes und einem Handeln entsprechend des Geistes wiederholt abgehoben. Im Römerbrief Kapitel 2,27 heißt es z. B.:

 

‚Der leiblich Unbeschnittene, der das Gesetz erfüllt, wird dich richten, weil du trotz Buchstabe und Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist.‘

 

Im Römerbrief Kapitel 2, 29 lesen wir:

 

‚sondern Jude ist, wer es im Verborgenen ist, und Beschneidung ist, was am Herzen durch den Geist, nicht durch den Buchstaben geschieht. Der Ruhm eines solchen Juden kommt nicht von Menschen, sondern von Gott.‚

 

Und zum Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Bund sagt Paulus im Römerbrief Kapitel 7,6:

 

‚Jetzt aber sind wir frei geworden von dem Gesetz, an das wir gebunden waren, wir sind tot für das Gesetz und dienen in der neuen Wirklichkeit des Geistes, nicht mehr in der alten des Buchstabens.‘

 

Und ähnlich im Korintherbrief Kapitel 3,6:

 

‚Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.‘

 

Der eigentliche Grund dafür, dass man nicht nach dem Wortlaut des Gesetzes, sondern stets nach dessen Sinn fragen soll, liegt darin, dass die Propheten und auch Jesus in aller Regel nicht oberste Grundsätze verkünden, die dann auf eine konkrete Situation angewandt werden. Dies wäre vielleicht das Vorgehen einer wissenschaftlich philosophischen Abhandlung, welche am Anfang ihrer Erörterungen die letztlichen Grundmaximen aufzählt, von welchen alle Weisungen abgeleitet werden können. Ganz im Gegensatz hierzu hat Jesus ähnlich wie Moses und die Propheten zu ganz konkreten Problemen der damaligen Zeit Stellung bezogen. Dies waren die Fragen, welche seinen Zuhörern auf den Nägeln brannten und Antworten auf diese Fragen wurden von seinen Zuhörern verstanden, nicht aber hochwissenschaftliche Abhandlungen.

 

Aus einem solchen Vorgehen muss aber der Schluss gezogen werden, dass die im Alten und Neuen Testament entwickelten Vorschriften und Ermahnungen nicht einfach wörtlich übernommen werden können, sie müssen vielmehr auf die heutige Problemlage übertragen werden und hierzu ist es notwendig, nicht nur die heute brennenden Fragen, sondern auch die, welche zur Zeit Jesu anstanden, zu kennen.

 

Die Forderung nach einer Gesinnungsethik im Sinne des Neuen Testamentes darf nicht verwechselt werden mit einer Gesinnungsethik, welche in den Arbeiten von Max Weber im Gegensatz zu einer Verantwortungsethik herausgestellt wird. Entsprechend einer Gesinnungsethik bei Max Weber handelt jemand, wenn für sein Handeln allein der gute Wille und die letztliche Absicht ausschlaggebend ist. Entsprechend einer Verantwortungsethik handelt hingegen ein Mensch dann, wenn er sich der Folgen seines Handelns bewusst wird und sich für die Alternative entscheidet, welche die meisten Vorteile und die wenigsten Nachteile im Sinne des Gemeinwohls bewirkt.

 

In früheren Gesellschaften und auch in kleineren Gruppen liegen die gesellschaftlichen Zusammenhänge klar auf der Hand, sie können mit Hilfe des Menschenverstandes bewältigt werden, sie bedürfen also keiner speziellen Fähigkeiten. Es gilt der Grundsatz, dass demjenigen, dem Gott ein Amt übertragen hat, auch der notwendige Verstand hierzu mitgegeben wurde.

 

Die modernen Gesellschaftssysteme hingegen haben einen so großen Komplexitätsgrad erlangt, dass es besonderer Fähigkeiten bedarf, diese Wirkungszusammenhänge zu erkennen und diejenigen Maßnahmen zu ergreifen, welche zur Lösung anstehender Probleme erforderlich sind. Wenn während eines Fluges eines Düsenmotorflugzeuges der Kapitän wegen eines Herzinfarktes plötzlich ausfällt, reicht es nicht aus, die Frage unter den Passagieren zu stellen, welcher Passagier den ehrlichen Willen habe, das Flugzeug sicher zu landen oder für den erkrankten Kapitän alles zu tun, um zu verhindern, dass der Kapitän an den Folgen des Herzinfarktes stirbt. Ein Düsenflugzeug sicher  landen kann nur derjenige, welcher für diese Aufgabe ausgebildet ist genauso, wie nur ein Arzt die Maßnahmen einleiten kann, welche einen plötzlichen Tod des Kapitäns verhindern.

 

 

5. Jeder nach seinen Fähigkeiten

 

Wir wollen uns in diesem Abschnitt etwas ausführlicher mit dem Gleichnis vom anvertrauten Geld beschäftigen. Beginnen wir zunächst mit der Darstellung dieses Gleichnisses bei Matthäus Kapitel 25,14-30:

 

14  ‚Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an.

15  Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab.

16  Sofort begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu.

17  Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu.

18  Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.

19  Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.

20  Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.

21  Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!

22  Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen.

23  Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!

24  Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast;

25  weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.

26  Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe.

27  Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.

28  Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!

29  Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

30  Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.

 

Vergleichen wir hiermit die etwas abgeänderte Version dieses Gleichnisses bei Lukas Kapitel 19,12-19:

 

12 ‚Er sagte: Ein Mann von vornehmer Herkunft wollte in ein fernes Land reisen, um die Königswürde zu erlangen und dann zurückzukehren.

13 Er rief zehn seiner Diener zu sich, verteilte unter sie Geld im Wert von zehn Minen und sagte: Macht Geschäfte damit, bis ich wiederkomme.

14 Da ihn aber die Einwohner seines Landes hassten, schickten sie eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser Mann unser König wird.

15 Dennoch wurde er als König eingesetzt. Nach seiner Rückkehr ließ er die Diener, denen er das Geld gegeben hatte, zu sich rufen. Er wollte sehen, welchen Gewinn jeder bei seinen Geschäften erzielt hatte.

16 Der erste kam und sagte: Herr, ich habe mit deiner Mine zehn Minen erwirtschaftet.

17 Da sagte der König zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger Diener. Weil du im Kleinsten zuverlässig warst, sollst du Herr über zehn Städte werden.

18 Der zweite kam und sagte: Herr, ich habe mit deiner Mine fünf Minen erwirtschaftet.

19 Zu ihm sagte der König: Du sollst über fünf Städte herrschen.‘

 

Für jeden, der diese beiden Gleichnisse wortwörtlich auslegt und darüber hinaus sozialistischen Ideen anhängt, mag dieses Gleichnis wie eine unerhörte Provokation erscheinen. Hier erhält der eine viel Vermögen, der andere weniger und es ist dies nicht das Ergebnis kapitalistischer Ausbeuter, sondern ausgerechnet der Hausherr, der in diesem Gleichnis für Gott selbst steht, verteilt die Anlagen recht unterschiedlich.

 

Nicht genug damit. Als der Hausherr zurückkehrt und feststellen muss, dass der Reiche noch Reicher geworden ist, wird dieser nicht getadelt und ihm der Zuwachs genommen, sondern ganz im Gegenteil dem ohnehin Reicheren wird noch mehr gegeben, dem Armen wird sogar das verbleibende Vermögen genommen und der Reichere wird aufgrund seines Handelns ausdrücklich vom Hausherrn (also von Gott) gelobt. Und damit ja niemand diese Pointe übersieht oder meint, er habe sich verhört, wird nochmals unterstrichen, dass demjenigen, der schon viel hat, gegeben wird, während demjenigen, der nur wenig hat, dieses wenige noch genommen wird. 

 

Zum Verständnis dieser Texte wird man als erstes daran erinnern müssen, dass die Gleichnisse Jesu stets davon handeln, wie es mit dem jenseitigen Reich Gottes steht, sie beginnen fast immer mit dem Einleitungssatz: ‚mit dem Reich Gottes verhält es sich wie mit …‘. Jesus will mit seinen Gleichnissen keinen Kodex verkünden, wie die irdischen Probleme zu lösen sind, also welche Verteilung der Einkommen und Vermögen hier auf Erden erwünscht ist.

 

Auf die Frage:Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?‘ (Matthäus 22,17-21) antwortete Jesus: ‚So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!‘. Wenn auch diese Frage zunächst darauf zielte, ob man der römischen Besatzungsmacht Widerstand leisten dürfe, kommt in der Antwort Jesu auch zum Ausdruck, dass die irdischen Aufgaben in erster Linie Sache des Staates sind und dass diese auch von den Inhabern der Staatsmacht zu verantworten sind, während seine Botschaft allein darauf Antworten geben will, wie sich der einzelne zu verhalten habe, um das ewige Leben zu erreichen.

 

Schon im ersten Kapitel des Schöpfungsberichts der Genesis fordert Gott die Menschen auf, sich die Erde untertan zu machen. Dies bedeutet unter anderem auch, dass dem Menschen die Aufgabe übertragen wurde, die Verteilung der irdischen Güter zu regeln. Da Gott dem Menschen die Freiheit belassen hat, sich für die Gebote Gottes oder auch gegen sie zu entscheiden, muss immer damit gerechnet werden, dass aufgrund menschlichen Versagens die Lösung der irdischen Probleme und damit auch die Verteilung der materiellen Ressourcen nicht in erwünschtem Sinne geregelt wird.

 

Das Gleichnis vom anvertrauten Geld spricht zwar davon, dass es der Hausherr ist, der den einzelnen Dienern eine unterschiedliche Vermögensmenge zuteilt, diese Aussage ist aber eher so zu deuten,

dass es Gott zulässt, dass die Menschen unter Umständen auch gegen die Anweisungen Gottes handeln und damit eine Verteilung herbeiführen, die nicht dem ursprünglichen Willen Gottes entspricht.

 

Auch nimmt ja dieses Gleichnis nicht Bezug auf die Verteilung der irdischen Güter. Die in diesem Gleichnis angesprochene unterschiedliche Ausstattung mit Anlagen bezieht sich darauf, dass die Botschaft Gottes nicht alle Menschen gleichermaßen erreicht. So mag der eine aufgrund seiner Erziehung schon früh an die Glaubensbotschaften herangeführt worden sein, während ein anderer in einer Familie  mit Eltern groß wurde, welche nicht an Gott glauben und auch deshalb ihre Kinder nicht im Glauben unterrichtet haben.

 

In relativer Hinsicht werden jedoch die Diener des Herrn in beiden Versionen dieses Gleichnisses, also bei Matthäus wie Lukas, gleich behandelt. Bei Matthäus erhalten zwar die einzelnen Diener eine unterschiedlich große Ausstattung, es wird jedoch hier nicht davon gesprochen, dass die Diener nach Rückkehr ihres Herrn in absoluten Größen gerechnet unterschiedlich belohnt wurden. Beide Diener, welche das Vermögen vermehrt hatten, werden gelobt, zu beiden Dienern spricht der Herr: Ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Kein Wort davon, dass der erste Diener eine höhere Belohnung als der zweite Diener erhält.

 

Bei Lukas hingegen erhalten alle Knechte ein gleichhohes Vermögen. Nun wird derjenige, welcher aus einer Mine zehn Minen erwirtschaftet hatte, mit der Herrschaft über zehn Städte belohnt, während der Knecht, welcher aus der einen Mine nur fünf Minen erwirtschaftet hatte, auch dementsprechend nur die Herrschaft über fünf Städte erhalten hatte. In relativer Hinsicht stellen sich also in beiden Versionen dieses Gleichnisses beide Diener gleich gut.

 

Der Hinweis, dass derjenige Diener, welcher sein anvertrautes Vermögen nicht vermehrt hatte, bestraft wird, macht vielleicht auch darauf aufmerksam, dass es nicht ausreicht, die Glaubensbotschaften nur zu bewahren. Wer nicht bereit war, diese Botschaften immer wieder auf die neuen Situationen zu beziehen und nur den äußeren Wortsinn weitergibt und damit unter Umständen dazu beiträgt, dass immer weniger Menschen am Glauben festhalten, hat seine Aufgabe  nicht erfüllt.

 

Obwohl also das Gleichnis zunächst nur etwas über das Verhalten im Hinblick auf das jenseitige Leben aussagen will, fällt doch immerhin auf, dass Jesus an keiner Stelle egalitäre Ideen verbreitet, sondern es offensichtlich als selbstverständlich und keinesfalls skandalös empfindet, wenn die Startchancen der einzelnen Menschen unterschiedlich sind. Die Menschen kommen mit sehr unterschiedlichen Begabungen auf die Welt und ihr Entwicklungsprozess trägt sehr oft zu einer Verschärfung dieser Ungleichheiten bei. Es wird an keiner Stelle die Forderung erhoben, dass demjenigen, der aufgrund seiner überdurchschnittlichen Anlagen viel erreicht hat, zum Ausgleich dieser Startchancenungleichheit ein Teil genommen wird.

 

Gerechtigkeit kommt vielmehr hier dadurch ins Spiel, dass die besonders hohen Startchancen primär dazu dienen, größere Aufgaben (Verpflichtungen) zu übernehmen und dies erfordert eben auch die Ausstattung mit einem größeren Ressourcenbestand. Die eigentliche Rechtfertigung eines höheren Ressourcenbestandes liegt eben gerade nicht darin, dass der Vermögende dieses größere Vermögen in erster Linie für seine eigenen Belange einsetzt. Ganz im Gegenteil ergeht die Forderung, mit seinem Vermögen – und zwar auf freiwilliger Grundlage – den Armen und Bedürftigen zu helfen. Damit ist bereits das nächste Thema: die Rolle des Eigentums angesprochen.

 

 

6. Die Bedeutung des Reichtums

 

Jesus hat sich in besonderem Maße für die Armen und Kranken eingesetzt. In der Vision vom Ende der Zeit, wie sie z. B. im Matthäusevangelium Kapitel 24,34-45 entwickelt wurde, erfahren wir:

 

34  ‚Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.

35  Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;

36  ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

37  Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? 

38  Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?

39  Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40  Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

41  Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 

42  Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;

43  ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.

44  Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

45  Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.‘

 

Diese Sorge Jesu um die Armen und Kranken ist allerdings nicht gleichbedeutend damit, dass sich Jesus von den Reichen abgewandt hätte. Er verkehrte sehr wohl auch mit den Reichen. Bei Lukas Kapitel 19,1-10 lesen wir:

 

1 ‚Dann kam er nach Jericho und ging durch die Stadt.

2 Dort wohnte ein Mann namens Zachäus; er war der oberste Zollpächter und war sehr reich.

3 Er wollte gern sehen, wer dieser Jesus sei, doch die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht; denn er war klein.

4 Darum lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus zu sehen, der dort vorbeikommen musste.

5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und sagte zu ihm: Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.

6 Da stieg er schnell herunter und nahm Jesus freudig bei sich auf.

7 Als die Leute das sahen, empörten sie sich und sagten: Er ist bei einem Sünder eingekehrt.

8 Zachäus aber wandte sich an den Herrn und sagte: Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück.

9 Da sagte Jesus zu ihm: Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.

10 Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.‘  

 

Diese Bibelstelle zeigt uns, dass Jesus sich nicht nur nicht von den Reichen abgewandt hatte, sondern dass Reiche sehr wohl gerettet werden und am Ende der Zeiten in das Reich Gottes eingehen können. Der starke Einsatz Jesu zugunsten der Armen bedeutet somit keinesfalls, dass nur die Armen, nicht aber die Reichen von Gott begünstigt sind. Gottes Liebe richtet sich restlos an alle Menschen, welche bereit sind, Gottes Gebote zu beachten. Jesus hat sich nur deshalb den Armen in besonderem Maße zugewandt, weil sich die Reichen in der Vergangenheit zu wenig um die Armen gekümmert hatten, obwohl auch schon die Propheten Nächstenliebe angefordert hatten. Für Jesus war die Gottes- und Nächstenliebe das höchste Gebot und eine Art Zusammenfassung der zehn Gebote Gottes, so wie sie Moses vom Berg Sinai auf zwei steinern Tafeln den Israeliten gebracht hatte.

 

Wenn auch alle Menschen vor Gott gleich sind und auch die gleiche Zuneigung erhalten, lässt Jesus allerdings keinen Zweifel daran, dass es das Streben nach Reichtum den Reichen schwer – sehr schwer sogar – macht, in das Himmelreich einzugehen. Besonders deutlich wird diese Sorge Jesu in dem Gleichnis vom Reichtum und der Nachfolge bei Matthäus Kapitel 19,16-30:

 

16 ‚Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen?

17  Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist »der Gute«. Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote!

18  Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen;

19  ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!

20  Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir jetzt noch?

21  Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.

22  Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.

23  Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: Amen, das sage ich euch: Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen.

24  Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.

25  Als die Jünger das hörten, erschraken sie sehr und sagten: Wer kann dann noch gerettet werden?

26  Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.

27  Da antwortete Petrus: Du weißt, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was werden wir dafür bekommen?

28  Jesus erwiderte ihnen: Amen, ich sage euch: Wenn die Welt neu geschaffen wird und der Menschensohn sich auf den Thron der Herrlichkeit setzt, werdet ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.

29  Und jeder, der um meines Namens willen Häuser oder Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker verlassen hat, wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen.

30 Viele aber, die jetzt die Ersten sind, werden dann die Letzten sein, und die Letzten werden die Ersten sein.‘

 

Besondere Beachtung fand in diesem Gleichnis die Feststellung von Jesus, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Himmelreich komme. Würde man diese Aussage wortwörtlich nehmen, hieße dies, dass kein einziger Reicher schließlich ins Himmelreich gelangen könne. Denn es ist ganz ausgeschlossen, dass ein Kamel und mag es noch das kleinste auf der Welt sein, je durch ein tatsächlich existierendes Nadelöhr schlüpfen kann, mag das Nadelöhr noch so groß sein.

 

Diese Feststellung widerspricht jedoch eindeutig der oben angeführten Bibelstelle über Zachäus, in der Jesus zu Zachäus sagte: ‚Heute ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist.‘ Wenn Zachäus das Heil geschenkt wurde und wenn auch er als Sohn Abrahams bezeichnet wird, ist auch er ein Anwärter auf das jenseitige Reich Gottes.

 

Aber die Feststellung, dass kein einziger Reicher in das Himmelreich gelangen kann, steht auch bereits in Widerspruch zu dem Einleitungssatz dieses Gleichnisses: ‚Amen, das sage ich euch: Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen.‘ Wenn etwas schwer ist, dann ist es nicht unmöglich, dann bedarf es zwar starker Anstrengungen eines Reichen, aber wenn er sich Mühe gibt, kann er es sehr wohl erreichen, ins Reich des Himmels einzugehen.

 

Vor allem aber stünde eine solche Feststellung, kein einziger Reicher gelange ins Himmelreich in eindeutigem Widerspruch zu der Antwort, welche Jesus seinen Jüngern gab, als diese über dieses Gleichnis vom Kamel, das durch kein Nadelöhr geht, entsetzt waren: ‚Jesus sah sie an und sagte zu ihnen: Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.‘ Danach kann sehr wohl auch ein Reicher ins Himmelreich eingehen.

 

Aber auch die Art und Weise, wie Jesus das Bild vom Kamel und dem Nadelöhr einleitet, verbietet eigentlich diese Feststellung, dass kein Reicher ins Himmelreich eingehen kann. Jesus hatte in einem ersten Satz davon gesprochen, dass es ein Reicher schwer habe, ins Himmelreich einzugehen. Dies bedeutet, dass es keinesfalls ausgeschlossen ist, dass je ein Reicher in das Reich Gottes gelange. Jesus fährt dann fort: ‚Nochmals sage ich euch‘, um dann das Bild vom Kamel anzuschließen.

 

Wollte Jesus mit dem Vergleich mit dem Kamel aussagen, dass kein einziger Reicher das Himmelreich erreiche, hätte er vielleicht fortfahren können: ‚nein es ist nicht nur schwierig, sondern sogar unmöglich, für einen Reichen ins Himmelreich einzugehen, die Unmöglichkeit würde dann in mehreren Schritten aufgezeigt. In Wirklichkeit sagt Jesus jedoch, nochmals sage ich euch, er bringt damit zum Ausdruck, dass er den Inhalt der ersten Aussage (es ist schwierig) wegen der Wichtigkeit der Aussage wiederholen möchte, indem er ein Bild benutzt, das jeder Zuhörer sofort erkennen kann.

 

Wir dürfen also mit anderen Worten den Ausspruch über den Reichen und das Kamel nicht wörtlich verstehen. Es wurden nun Versuche unternommen, diese Bibelstelle umzuinterpretieren. So wurde die Meinung geäußert, das Nadelöhr sei ein volkstümlicher Name für eine besonders enge Mauerpforte in der Stadtmauer Jerusalems. Durch diese Mauerpforte könne zwar ein Kamel zur Not durchgedrängt werden, aber eben nur mit großen, sehr großen Anstrengungen. Leider ist es vollkommen unklar, ob diese Mauerpforte zur Zeit Jesu schon existiert hatte.

 

Andere wie z. B. auch die jüdische Religionswissenschaftlerin Ruth Lapide haben darauf hingewiesen, dass hier ein Lesefehler vorliege, das Wort ‚κάμιλος‘ heiße Seil und sei mit dem Wort ‚κάμηλος‘ (Kamel) verwechselt worden. Das in diesem Gleichnis verwendete Bild weise also darauf hin, dass das Anbringen der Seile an die Fischernetze äußerst schwierig sei.

 

Mir scheint auch diese Interpretation nicht überzeugend. Es ist allenfalls denkbar, dass eine solche Verwechslung vorgenommen wurde, es ist aber keinesfalls bewiesen, dass im Urtext von einem ‚κάμιλος‘, also einem Seil und nicht doch von einem ‚κάμηλος‘, also einem Kamel gesprochen wurde.

 

Vor allem wird bei einer solchen Interpretation unverständlich, weshalb Jesus im Zusammenhang mit diesem Bild noch davon spricht, dass es ein Reicher schwer, ja sogar sehr schwer hat, ins Himmelreich zu gelangen. Es mag zwar für jemand, der nicht im Fischereibereich beschäftigt ist, äußerst schwierig sein, das Seil an ein Fischernetz anzubringen. Für einen gelernten Fischer jedoch dürfte diese Aufgabe kein unlösbares Problem darstellen, das Anbringen der Seile an das Fischernetz gehörte sicherlich zu den täglichen Aufgaben eines Fischers. Und wenn wir diese Feststellung unserer Interpretation dieses Gleichnisses zugrunde legen, heißt dies doch, dass jeder Reiche (Fischer), der sein Handwerk ordnungsgemäß erlernt hat, durchaus die Voraussetzungen mitbringt, um schließlich ins Himmelreich einzugehen.

 

Vor allem steht der Versuch, anstelle des Kamels von einem Seil zu sprechen in eklatantem Widerspruch zu der Reaktion, den die Jünger auf dieses Gleichnis zeigten, in dem sie Jesus entsetzt frugen, wer denn dann überhaupt noch ins Himmelreich gelangen könne. Denn wenn diese Interpretation richtig wäre, könnte jeder Reiche, sofern er sich nur etwas Mühe gäbe, sehr wohl ins Himmelreich gelangen. Und Jesus hätte dann auch nicht daraufhin weisen müssen, dass für Gott auch das möglich sei, was dem Menschen unmöglich erscheine. Und die angesprochenen Jünger waren ja zu einem großen Teil Fischer, wussten also über die Schwierigkeit, aber nicht Unlösbarkeit des Anbringens eines Seils an ein Fischernetz.

 

Wie haben wir also das Bild vom Kamel und dem Nadelöhr zu interpretieren? Wir erinnern uns hierzu daran, dass Jesus ganz allgemein sich einer Ausdrucksweise bedient, welche im ganzen orientalischen Raum üblich ist: Nämlich eine Lebensweisheit pointiert, das heißt zugespitzt zu formulieren, um auf diese Weise das Augenmerk des Zuhörers in besonderem Maße zu erreichen. Auf die Frage, wie oft man seinen Mitbrüdern verzeihen solle, wird dann nicht schlicht weg geantwortet, dass Gläubige immer wieder verzeihen sollen, wie oft sie auch geschädigt wurden, sondern es wird die etwas blumig wirkende, plastische Ausdrucksweise gewählt: ‚Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‘ (Matthäus Kapitel 18,21-22)

 

Und in gleicher Weise meint dann das Bild vom Kamel, das durch kein Nadelöhr passt, dass es einfach schwer, sehr schwer sogar, aber nicht unmöglich ist, als Reicher ins Himmelreich zu gelangen.

 

Zum Verständnis dieses Gleichnisses hilft es auch, wenn man andere Gleichnisse heranzieht, die ebenfalls von den Reichen und ihren Gefahren handelt. Im Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus  (Lukas 16,19-31) wird uns von einem Reichen berichtet, welcher in Saus und Braus lebte und nach seinem Tode in der Unterwelt qualvolle Schmerzen litt. Wir erfahren auch, weshalb er diese Strafe empfing: Er hatte zugesehen, wie ein Armer vor der Tür des Reichen übersät von Geschwüren gelegen hatte, ohne dass der Reiche bereit gewesen wäre, diesem Armen zu helfen. Er hat also das Gebot der Nächstenliebe gravierend verletzt, obwohl dem Reichen das Elend des Lazarus vor Augen war (Lazarus lag ja für ihn sichtbar vor seiner Haustür). Und obwohl er ohne große materielle Einschränkungen diesem Armen hätte helfen können, nahm er von Lazarus keinerlei Notiz und ließ ihn buchstäblich verrecken:

 

19  ‚Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag herrlich und in Freuden lebte.

20  Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war.

21  Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren.

22  Als nun der Arme starb, wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben.

23  In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß.

24  Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus zu mir; er soll wenigstens die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer.

25  Abraham erwiderte: Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast, Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden.

26  Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte.

27  Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters!

28  Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen.

29  Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören.

30  Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, nur wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren.

31  Darauf sagte Abraham: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.‘

 

Wir erfahren also in diesem Gleichnis, dass der Reiche nicht einfach deshalb nach seinem Tode bestraft wurde, weil er reich war, sondern weil er das Gebot der Nächstenliebe sträflich missachtet hatte.

 

Aufschluss darüber, wann denn ein Reicher das Himmelreich verfehlt, bringt auch das Gleichnis vom reichen Toren bei Lukas Kapitel 12,16-21:

 

16  ‚Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte.

17  Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll.

18  Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen.

19  Dann kann ich zu mir selber sagen: Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens!

20  Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast?

21  So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist.‘

 

Dieser Reiche wird von Gott als Narr beschimpft, wiederum nicht einfach deshalb, weil er reich ist, sondern weil sein ganzes Tun und Lassen einzig und allein darauf gerichtet ist, noch reicher zu werden und weil er dann diesen Reichtum allein dafür zu verwenden beabsichtigt, um sich sagen zu können:  Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freu dich des Lebens!‘.

 

Hätte er dein Reichtum dazu benutzt, zumindest einen Teil seines Reichtums entsprechend dem Gebot der Nächstenliebe zu verwenden und wenn die Suche nach Reichtum nicht die einzige Sorge seines Lebens geblieben wäre, dann hätte Jesus ihn vermutlich nicht als Narr bezeichnet, der nun einen Anspruch auf das ewige Leben gerade durch sein Tun verwirkt hatte.