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Die Gleichnisse der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

Teil I

 

Problemeinführung

 

 

Teil II

 

Gleichnisse im Alten Testament

 

 

Teil III . Die Gleichnisse Jesu

              

1. Gottes- und Nächstenliebe

2. Weitere Verhaltensanweisungen

3. Frage nach dem Lohn                      

4. Die Rolle des Menschensohns

5. Die Bedeutung des Bittens      

6. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

 

 

4. Weitere Verhaltensempfehlungen

 

 

Gliederung:

 

1. Über die erforderliche Wachsamkeit

2. Über kluges Handeln

3. Vergib uns unsre Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

4. Über heuchlerisches Verhalten

5. Jeder nach seinen Fähigkeiten

6. Die Bedeutung des Reichtums 

              

 

1. Über die erforderliche Wachsamkeit

 

Im vorhergehenden Kapitel hatten wir gesehen, dass im Zentrum der Lehre Jesu die Einhaltung der zehn Gebote steht und dass an jeden, der sündig geworden ist, die Aufforderung zur Reue und Umkehr ergeht. Ich hatte allerdings auch gezeigt, dass gerade in dieser zentralen Frage keine wesentlichen Unterschiede zum jüdischen Glauben bestehen. Wie wir gesehen haben, spricht Jesus selbst davon, dass beide Gebote (die Gottesliebe und die Nächstenliebe) Moses – das heißt vor allem  den Dekalog – samt Propheten zum Inhalt hätten.

 

Wir wollen uns nun in diesem Kapitel den Verhaltensanweisungen zuwenden, in denen sich Unterschiede in den Verhaltensvorschriften zwischen der jüdischen und der christlichen Religion zeigen, wobei wir sehen werden, dass auch hier diese Unterschiede weniger darin bestehen, dass das Neue Testament völlig neue Vorschriften gegenüber dem Alten Testament entwickelt, dass vielmehr der Hauptunterschied in der Art und Weise besteht, wie diese Vorschriften vor allem in der Zeit Jesu von den jüdischen Schriftgelehrten und der Bevölkerung ausgelegt wurden und welches Gewicht den einzelnen Bestimmungen zuerkannt wurde. So unterscheidet sich z. B. die Antwort Jesu auf die Frage, ob das Verbot zur Arbeit am Sabbath in jedem einzelnen Fall einzuhalten ist, oder nur dann, wenn nicht andere Pflichten verletzt werden, von der Haltung der damaligen orthodoxen Juden. Oder aber es bestehen Unterschiede darin, ob derjenige, welcher die Ehe gebrochen hatte, gesteinigt werden soll oder ob nicht viel wichtiger die Frage ist, ob der Ehebrecher seine Tat bereut und zur Umkehr bereit ist.

 

Ein Teil der Gleichnisse, welche wir in diesem Kapitel behandeln wollen, gilt der Wachsamkeit der Gläubigen. Diese Gleichnisse wollen darauf aufmerksam machen, dass die Menschen im Allgemeinen bei der Sorge um ihre alltäglichen, irdischen Probleme darüber wachen, dass keine oder möglichst wenige Unglücksfälle eintreten, welche den Erfolg ihrer Aktivitäten in Frage stellen würden. Jesus fordert seine Zuhörer auf, in Fragen des Glaubens die gleiche Wachsamkeit zu üben.

 

Betrachten wir zunächst das Gleichnis vom wachsamen Hausherrn sowie vom treuen und klugen Knecht bei Matthäus Kapitel 24,43-44 und 45-51:

 

43 ‚Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.

44  Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

45  Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den der Herr eingesetzt hat, damit er dem Gesinde zur rechten Zeit gibt, was sie zu essen brauchen?

46  Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt!

47  Amen, das sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen.

48  Wenn aber der Knecht schlecht ist und denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht!,

49  und anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, wenn er mit Trinkern Gelage feiert,

50  dann wird der Herr an einem Tag kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt;

51  und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Heuchlern zuweisen. Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.‘

 

In diesem Gleichnis geht es darum, dass Diebe das Hab und Gut eines Bürgers rauben können, dass aber der Herr des Hauses nicht weiß, zu welcher Nachtstunde der Dieb einbrechen wird. Wenn der Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb einbrechen würde, wäre zu erwarten, dass der Hausherr zu dieser Stunde wach bleiben würde, um den Dieb zu vertreiben.

 

Das Kommen des Menschensohnes – das natürlich hier mit dem Absterben des einzelnen Menschen zusammenfällt – wird hier mit dem Erscheinen eines Diebes verglichen. Der Punkt, auf den es in diesem Gleichnis allein ankommt, ist die Ungewissheit: die Ungewissheit des Zeitpunktes, an dem der Dieb einbrechen wird und die Ungewissheit darüber, wann der einzelne sterben muss und vor Gott über sein Verhalten hier auf Erden Rechenschaft ablegen muss, bzw. wann das Endgericht zu erwarten ist. Es ist also besser, stets wachsam zu sein und das bedeutet, zu allen Zeiten getreu den Geboten Gottes Folge zu leisten, denn dann ist man auch gewappnet, wenn einem der Tod plötzlich ereignet.

 

Dieses Gleichnis will natürlich nicht besagen, dass wir nur oder auch nur schwergewichtig deshalb zu jeder Zeit die Gebote Gottes einhalten sollen, weil der Zeitpunkt unseres Todestages ungewiss ist. Vielmehr wird lediglich darauf hingewiesen, dass wir unser Ziel sehr viel umsichtiger bei irdischen Fragen angehen als bei der letztlichen Aufgabe und dass Jesus uns ermahnt, doch ein ähnlich konsequentes Verhalten auch im Hinblick auf die jenseitige Bestimmung des Menschen anzuwenden. Macht alles, was notwendig ist, um vor Gott zu bestehen, genauso gewissenhaft wie ihr auch irdische Ziele im Allgemeinen ergebnisorientiert angeht.

 

Das Gleichnis vom wachsamen Hausherrn begegnet uns auch bereits im Markusevangelium. Allerdings ist es hier nicht der Hausherr, der wachsam sein soll, damit er nicht von einem Dieb überrascht wird, sondern es sind die Knechte oder auch Angestellten des Hausherrn, welche aufgefordert werden, wachsam zu sein, damit der Hausherr, wenn er überraschend von einer Reise zurückkommt, seine Diener nicht darin ertappt, dass sie ihre Aufgaben vernachlässigen. Während also bei Matthäus das Erscheinen Gottes mit einem unerwarteten Einbruch eines Diebes verglichen wird und der Hausherr der ermahnte Mensch ist, wird bei Markus Gott mit dem Hausherrn verglichen, der unter Umständen seine Diener (die Jünger oder überhaupt alle Menschen) müßig vorfindet. Bei Markus Kapitel 13,33-37 heißt es nämlich:

 

33 ‚Seht euch also vor und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

34 Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.

35 Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.

36 Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.

37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!‚

 

Auch bei Lukas findet sich dieses Gleichnis von der geforderten Wachsamkeit wieder. Wiederum ist es wie bei Markus der Hausherr selbst, welcher unerwartet erscheint. Bei Lukas wird allerdings klar unterschieden, zwischen den Jüngern, welche die Gottesbotschaft genau kennen, aber trotzdem den Forderungen nicht entsprechen, ihre Strafe wird dementsprechend groß sein, und den Menschen, die nur aus unverschuldeter Unkenntnis die göttliche Botschaft gar nicht erfahren haben und sich deshalb nicht an die Weisungen halten, ihre Strafe wird geringer ausfallen. So heißt es in Kapitel 12, 35-48:

 

35  ‚Legt euren Gürtel nicht ab und lasst eure Lampen brennen!

36  Seid wie Menschen, die auf die Rückkehr ihres Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist, und die ihm öffnen, sobald er kommt und anklopft.

37  Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen.

38  Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie.

39  Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht.

40  Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.

41  Da sagte Petrus: Herr, meinst du mit diesem Gleichnis nur uns oder auch all die anderen?

42  Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr einsetzen wird, damit er seinem Gesinde zur rechten Zeit die Nahrung zuteilt?

43  Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt!

44  Wahrhaftig, das sage ich euch: Er wird ihn zum Verwalter seines ganzen Vermögens machen.

45  Wenn aber der Knecht denkt: Mein Herr kommt noch lange nicht zurück!, und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen; wenn er isst und trinkt und sich berauscht,

46  dann wird der Herr an einem Tag kommen, an dem der Knecht es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen.

47  Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen.

48  Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man um so mehr verlangen.‘

 

Etwas später im Text fügt Lukas anstelle eines Vergleiches aus dem alltäglichen Leben (das Erscheinen eines Diebes gegenüber dem Hausherrn oder die plötzliche Rückkehr des Arbeitgebers) ein Beispiel aus der Geschichte der Menschheit hinzu, um zur Wachsamkeit zu mahnen. Er verweist auf die Sintflut in uralten Zeiten, welche für die meisten Menschen außer Noah so überraschend kam, dass sie keine Vorkehrungen gegen eine Überschwemmung getroffen hatten und deshalb in den Fluten untergingen, während Noah zuvor eine Arche gebaut hatte, die ihm das Überleben ermöglicht hatte.

 

Genau genommen war es natürlich in dieser Geschichte Gott selbst, der Noah aufgefordert hatte, eine Arche zu bauen und nicht Noah selbst, der in dem Sinne Vorsorge getrieben hätte und der nicht aus eigener Überlegung heraus den Bau einer Arche in Angriff nahm. Aber dieser Unterschied ist in diesem Gleichnis von geringer Bedeutung. Da die eigentliche, von Gott geforderte Pflicht darin bestand, Gottes Gebote zu achten und da Noah dieser Pflicht nachkam, konnte er auch nicht von der Sintflut überrascht werden. Genauso wie Noah dadurch belohnt wurde, dass er die Sintflut überleben konnte, wird ein gläubiger Christ das ewige Leben erlangen, wenn er sich im Zeitpunkt des Todes, der unerwartet kommt, im Einvernehmen mit den Geboten Gottes verhalten hat.

 

Bei Lukas Kapitel 17,26-36 erfahren wir:

 

26 ‚Und wie es zur Zeit des Noach war, so wird es auch in den Tagen des Menschensohnes sein.

27 Die Menschen aßen und tranken und heirateten bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging; dann kam die Flut und vernichtete alle.

28 Und es wird ebenso sein, wie es zur Zeit des Lot war: Sie aßen und tranken, kauften und verkauften, pflanzten und bauten.

29 Aber an dem Tag, als Lot Sodom verließ, regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und alle kamen um.

30 Ebenso wird es an dem Tag sein, an dem sich der Menschensohn offenbart.

31 Wer dann auf dem Dach ist und seine Sachen im Haus hat, soll nicht hinabsteigen, um sie zu holen, und wer auf dem Feld ist, soll nicht zurückkehren.

32 Denkt an die Frau des Lot!

33 Wer sein Leben zu bewahren sucht, wird es verlieren; wer es dagegen verliert, wird es gewinnen.

34 Ich sage euch: Von zwei Männern, die in jener Nacht auf einem Bett liegen, wird der eine mitgenommen und der andere zurückgelassen.

35 Von zwei Frauen, die mit derselben Mühle Getreide mahlen, wird die eine mitgenommen und die andere zurückgelassen.‘

 

 

2. Über kluges Handeln

 

Drei weitere Gleichnisse beziehen sich auf die menschliche Klugheit: das Gleichnis von den zehn Jungfrauen, das Gleichnis vom klugen und törichten Knecht sowie das Gleichnis vom untreuen Verwalter. Beide Themen, das der Wachsamkeit sowie das der Klugheit sind eng miteinander verbunden. Wachsam zu sein, ist einfach eine besondere Art der Klugheit.

 

Wenn man wachsam ist, ist man aufmerksam, man achtet auf mögliche Gefahren, welche das angestrebte Ziel vereiteln könnten. Ob man eine bestimmte Aufgabe erfüllen und zu Ende bringen kann, hängt von vielen Faktoren ab, deren Eintreten ungewiss ist, eben wie man z. B. nicht weiß, ob in der Nacht und genau wann der Dieb kommt und die Wohnung ausrauben möchte.

 

Klugheit hat es mit zwei charakteristischen Merkmalen zu tun. Wer klug ist, handelt rational und zielorientiert. Es wird nach den eigentlichen Ursachen eines zu lösenden Problems gefragt und es wird versucht, gezielt die Ursachen dieses Übels zu beseitigen. Unter den bekannten Möglichkeiten zur Beseitigung des Übels wird diejenige herausgesucht, welche das Problem am bestmöglichen lösen kann.

 

Weiterhin bedeutet Klugheit aber auch, lebenserfahren und weise zu sein. Der Kluge weiß über die möglichen Gefahren und Schwierigkeiten bei der Lösung eines Problems nicht nur aufgrund eines theoretischen Studiums Bescheid, sondern war diesen Gefahren in der Vergangenheit wiederholt ausgesetzt und hat sie mit Bravour gemeistert, die theoretischen Zusammenhänge also verinnerlicht.

 

Wiederum gilt auch für diese drei folgenden Gleichnisse, dass das kluge Verhalten, das bei der Lösung irdischer Probleme beobachtet werden kann, nicht einfach auf die Frage nach dem Sinn des Lebens eins zu eins übersetzt werden kann, es kommt auch hier nur auf einen wichtigen Teilaspekt des Handelns an. Genauso, wie bei der Lösung irdischer Probleme zielgerichtet und rational im Allgemeinen vorgegangen wird, genauso konsequent sollte man eigentlich auch bei der wichtigsten Frage des Lebens, den Glaubenswahrheiten nach Lösungen suchen und das angestrebte Ziel stets im Auge haben.

 

Betrachten wir nun das Gleichnis von den zehn Jungfrauen. Bei Matthäus Kapitel 25,1-13 lesen wir:

 

1 ‚Dann wird es mit dem Himmelreich sein wie mit zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und dem Bräutigam entgegengingen.

2   Fünf von ihnen waren töricht und fünf waren klug.

3  Die törichten nahmen ihre Lampen mit, aber kein Öl,

4  die klugen aber nahmen außer den Lampen noch Öl in Krügen mit.

5  Als nun der Bräutigam lange nicht kam, wurden sie alle müde und schliefen ein.

6 Mitten in der Nacht aber hörte man plötzlich laute Rufe: Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!

7  Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht.

8  Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, sonst gehen unsere Lampen aus.

9 Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch; geht doch zu den  Händlern und kauft, was ihr braucht.

10 Während sie noch unterwegs waren, um das Öl zu kaufen, kam der Bräutigam; die Jungfrauen, die bereit waren, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal und die Tür wurde zugeschlossen.

11  Später kamen auch die anderen Jungfrauen und riefen: Herr, Herr, mach uns auf!

12  Er aber antwortete ihnen: Amen, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.

13  Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.‘

 

Die Ankunft Jesu am Ende der Zeiten wird in diesem Gleichnis damit verglichen, dass der Bräutigam zur Wohnung seiner Braut kommt, wobei die Braut das zukünftige Reich (die christliche Gemeinde) symbolisiert. Die Jungfrauen sind die Gläubigen, ein Teil der Gläubigen, die klugen Jungfrauen haben nicht nur die göttliche Botschaft erhalten (sie sind mit Lampen ausgerüstet), sondern befolgen auch Gottes Gebote, sie haben in der Sprache des Gleichnisses für Öl gesorgt, das sicherstellt, dass die Lampen auch stets leuchten, dass also das Verhalten der Gläubigen stets vorbildlich ist.

 

Die törichten Jungfrauen haben zwar auch die Botschaft erfahren (sie sind ebenfalls in Besitz der Lampen), sie verhalten sich jedoch nicht wie erforderlich, weil sie glauben, dass das Ende der Zeiten noch lange nicht kommt, dass sie sich somit irdischen Freuden zuwenden können, da noch lange Zeit zur Umkehr bleiben wird.

 

Das Gleichnis vom guten und vom bösen Knecht handelt ebenfalls nicht nur von der Wachsamkeit, sondern auch von klugen und törichten Menschen. Hier wird Jesus mit einem Herrn verglichen, welcher auf Reisen ist, die Knechte sind wiederum die Gläubigen, welche nicht alle bereit sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Während die klugen Knechte auch während der Abwesenheit ihres Herrn ihren Verpflichtungen nachkommen, also treu sind, halten sich die törichten Knechte während der Abwesenheit nicht an die Anweisungen, die an sie ergangen sind. Sie sind nicht nur töricht, da sie nicht bedenken, dass der Herr unerwartet erscheinen kann, sie werden auch als böse Knechte gekennzeichnet, welche ihre Mitknechte schlagen und irdischen Gelüsten nachgehen.

 

Das dritte Gleichnis über die Klugheit der Menschen handelt vom ungerechten Haushalter und findet sich bei Lukas Kapitel 16,1-9:

 

1  ‚Jesus sagte zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen.

2  Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Du kannst nicht länger mein Verwalter sein.

3  Da überlegte der Verwalter: Mein Herr entzieht mir die Verwaltung. Was soll ich jetzt tun? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich.

4  Doch – ich weiß, was ich tun muss, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.

5  Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem andern, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?

6  Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich gleich hin und schreib »fünfzig«.

7  Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib »achtzig«.

8  Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.

9  Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es (mit euch) zu Ende geht.

10  Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.

11  Wenn ihr im Umgang mit dem ungerechten Reichtum nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen?

12  Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann euer (wahres) Eigentum geben? 

13  Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben, oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.‘

 

Den Sinn dieses Gleichnisses zu verstehen, ist schwer, würde man nur auf den reinen Text achten und das Gesagte wortwörtlich nehmen, entstünde der Eindruck, als ob der Herr seinen ungerechten Verwalter auch noch dafür lobt, dass er fortfährt, das Vermögen seines Herrn zu veruntreuen.

 

Das Gleichnis beginnt damit, dass dem Herrn zu Ohren kam, sein Verwalter veruntreue sein Vermögen. Er lässt ihn zu sich rufen und droht ihm an, ihn zu entlassen. Anstatt dass der Verwalter nun Reue zeigt und seinen Herrn darum bittet, ihm noch einmal eine Chance einzuräumen, er habe die feste Absicht umzukehren und sich zu bessern, erlässt dieser Verwalter den Schuldnern seines Herrn einen Teil deren Schuld. Er veruntreut also erneut und zusätzlich das Vermögen seines Herrn. Anstatt dass er jedoch für diese Tat von seinem Herrn gerügt und bestraft wird, erfahren wir in diesem Gleichnis, dass der Herr diesen Verwalter sogar als besonders klug lobt.

 

Wie lässt sich dieser Widerspruch aufklären? Sicherlich ist dieses Gleichnis nicht so zu verstehen, dass man sich bei den Menschen auf Kosten Gottes Freunde machen soll. Der Vergleichspunkt liegt hier allein in dem Hinweis, dass man den Glauben und die Treue zu Gott genauso konsequent und zielgerichtet angehen sollte, wie wir bereit sind, unsere irdischen Ziele zu verfolgen. Dem Verwalter wurde angedroht, aufgrund seines Verhaltens in der Vergangenheit entlassen zu werden und dann brotlos dazustehen. Der Verwalter macht sich klar, dass er zu schwerer Arbeit nicht taugt und dass er zu betteln sich schämt. Er hofft jedoch, dass er bei den Schuldnern seines Herrn dann Aufnahme findet, wenn er seine letzten Tage als Verwalter seines Herrn dazu benutzt, ihnen einen Teil der Schuld gegenüber seinem bisherigen Herrn zu erlassen.

 

Gemessen an dem Ziel und nur an diesem Ziel, auch nach der Entlassung eine Anstellung zu finden, hat er sicherlich klug gehandelt. Er war zwar gegenüber seinem bisherigen Herrn ungerecht, hat aber sicherlich durch sein Verhalten dazu beigetragen, auch nach seiner Entlassung wiederum eine Beschäftigung zu erhalten.

 

In diesem Gleichnis wird nur die Folgerichtigkeit gelobt, mit der irdische und in diesem Beispiel sogar ungerechtfertigte Ziele von den Menschen angegangen werden und es wird dazu aufgefordert, mit der gleichen Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit auch und gerade das Ziel des jenseitigen Lebens zu verfolgen.

 

Wer in den kleinsten Dingen – und das sind die alltäglichen, irdischen Sorgen – zuverlässig ist, der ist es auch in den großen Dingen – und dies meint natürlich den Glauben, also die Sorge um das ewige Leben – , und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.

 

 

3. Vergib uns unsre Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern

 

Wir wollen uns nun etwas eingehender mit dem Gleichnis vom Schalksknecht befassen, das Wort Schalksknecht ist gleichbedeutend mit arglistigem Menschen oder Bösewicht. Dieses Gleichnis beginnt ähnlich wie das bereits behandelte Gleichnis vom ungerechten Haushalter. Ein Gutsbesitzer (König) erfährt, dass sein Verwalter (sein Knecht) sein Vermögen veruntreut hatte. Er ruft ihn zu sich und droht ihm an, ihn zu entlassen. Nun ändert sich allerdings die Szene. Der Schalksknecht bittet den Hausherrn um Gnade und diese wird ihm auch gewährt. Bei Matthäus Kapitel 18,23-35 heißt es:

 

23  ‚Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Dienern Rechenschaft zu verlangen.

24  Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.

25  Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.

26  Da fiel der Diener vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.

27  Der Herr hatte Mitleid mit dem Diener, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.‘

 

Nun wendet sich also dieser Diener an seine Mitarbeiter, welche ihm ihrerseits kleinere Geldbeträge schulden. Er fordert von ihnen, ihre Schulden sofort zurückzuzahlen. Im Gegensatz zu seinem Herrn übt er keine Gnade und lässt die säumigen Schuldner ins Gefängnis werfen. Als dem Herrn von diesem Vorgehen seines Verwalters berichtet wurde, wurde er zornig und übergab ihn seinen Folterknechten:

 

28  ‚Als nun der Diener hinausging, traf er einen anderen Diener seines Herrn, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und rief: Bezahl, was du mir schuldig bist!

29  Da fiel der andere vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.

30  Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.

31  Als die übrigen Diener das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.

32  Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Diener! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich so angefleht hast.

33  Hättest nicht auch du mit jenem, der gemeinsam mit dir in meinem Dienst steht, Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?

34  Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.

35  Ebenso wird mein himmlischer Vater jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von ganzem Herzen vergibt.‘

 

Wie ist nun diese höchst unterschiedliche Reaktion des Hausherrn gegenüber seinen Knechten in diesen beiden Gleichnissen zu verstehen? In beiden Fällen handelten sie gebotswidrig, der ungerechte Haushalter verringerte das Vermögen seines Herrn dadurch, dass er ohne Anweisung die Schuld der Schuldner des Hausherrn teilweise erließ. Der Schalksknecht hingegen verletzte das Gebot der Nächstenliebe. Wenn man will, kann man hier sogar davon sprechen, dass er nach der damaligen Rechtssprechung durchaus im formalen Sinne berechtigt war, säumige Schuldner ins Gefängnis werfen zu lassen.

 

Die Antwort liegt natürlich darin, dass beide Gleichnisse auf ganz unterschiedliche Inhalte aufmerksam machen wollen. Das Gleichnis vom ungerechten Haushalter will seine Zuhörer auffordern, im Hinblick auf das Ziel eines ewigen Lebens genauso so konsequent und zielbewusst vorzugehen wie bei der Erlangung irdischer Güter. Das Gleichnis vom Schalksknecht hingegen will die Zuhörer wachrütteln und sie zu Barmherzigkeit bewegen.

 

Dass nach christlicher Überzeugung nur derjenige Erbarmen vor Gott finden kann, der zuvor auch gegenüber seinen Schuldigern Erbarmen gezeigt hat, ist unter anderem Inhalt des Vaterunsers, so wie Jesus dieses Gebet uns gelehrt hat. Bei Matthäus Kapitel 6, 12 heißt es:

 

‚Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben.‘

 

Als Goldene Regel gilt ein weit verbreiteter moralischer Grundsatz, welcher bereits bei Lukas Kapitel 6,31 nachzulesen ist: 

 

„Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen.“

 

Negativ ausgedrückt gilt als allgemeine Lebensweisheit:

 

    „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“

 

Bei Immanuel Kant begegnet uns dieser Lehrsatz schließlich in abgewandelter Form im Kategorischen Imperativ (1785).

 

„Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

 

Hier wird nicht so sehr auf den subjektiven Wunsch des Einzelnen abgehoben, sondern verlangt, dass man sich objektiv das eigene Wollen als Ausdruck eines allgemeinen Gesetzes vorstellen könne.

 

Die Verknüpfung des Erbarmens Gottes mit dem selbst geübten Erbarmen der Menschen wird im Neuen Testament wiederholt angesprochen, so etwa bei  Matthäus Kapitel 6,14-15:

 

14 ‚Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben.

15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.‘

 

Und dass dieses Erbarmen nicht nur einmal, sondern immer wieder von uns gefordert wird, erfahren wir bei Matthäus Kapitel 18,21-22:

 

21 ‘Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt? Siebenmal?

22  Jesus sagte zu ihm: Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.‘

 

In einer verallgemeinerten Form begegnet uns dieser Grundsatz auch bei Lukas Kapitel 6,37-38:

 

37  ‚Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden.

38  Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließendem Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.

 

Fortsetzung folgt!