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Die Gleichnisse der Bibel

 

              

 

Gliederung:

 

Teil I

 

Problemeinführung

 

Teil II

 

Gleichnisse im Alten Testament

 

 

Teil III . Die Gleichnisse Jesu

              

1. Gottes- und Nächstenliebe

2. Weitere Verhaltensanweisungen

3. Frage nach dem Lohn                     

4. Die Rolle des Menschensohns 

5. Die Bedeutung des Bittens               

6. Von der Verbreitung des Glaubens   

 

 

 

Teil I. Problemeinführung

 

Gliederung:

 

1. Die Aufgabe dieses Seminars

2. Zur Definition eines Gleichnisses

3. Der Zweck einer Gleichung

4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Gleichung und Gleichnis

5. Warum spricht Jesus in Gleichnissen?

6. Zur Deutung des Gleichnisses vom Sämann

7. Überblick über die zu behandelnden Gleichnisse

8. Zum Aufbau des Seminars

 

 

 

1. Die Aufgabe dieses Seminars

 

Dieses Seminar will sich mit Gleichnissen befassen. Gleichnisse sind an den unterschiedlichsten Stellen der Literatur zu finden, besonders ragen jedoch die im Neuen Testament bei den vier Evangelien erzählten Gleichnisse Jesu hervor, deshalb stehen auch die von Jesus vorgetragenen Gleichnisse im Mittelpunkt dieses Seminars.

 

Aber auch bereits im Alten Testament wird von Gleichnissen gesprochen und es werden Gleichnisse erzählt. Wir wollen deshalb in dem zweiten Teil dieses Seminars auch auf die wichtigsten Gleichnisse des Alten Testamentes eingehen.

 

Allerdings müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass die Interpretation von Texten der Heiligen Schrift mit gewissen Schwierigkeiten verbunden ist. Die Schriften des Alten Testamentes sind in hebräischer, bisweilen auch in aramäischer Sprache verfasst und mussten deshalb für jeden, der dieser Sprache nicht mächtig ist, in die eigene Sprache übersetzt werden.

 

Die Übersetzung eines Textes in eine andere Sprache ist jedoch in jedem Falle mit großen Schwierigkeiten verbunden. Wir können nicht davon ausgehen, dass die Worte in den einzelnen Sprachen einen vollkommen deckungsgleichen Inhalt aufweisen. Vielmehr gleichen die entsprechenden Begriffsinhalte zwei sich mehr oder weniger überschneidenden Kreisen. Der Grund hierfür liegt darin, dass die Sprachen der einzelnen Völker im Zusammenhang mit den zu lösenden Problemen entstanden sind und da jedes Volk vor unterschiedlichen Problemen stand, haben sich auch die Sprachen und ihre einzelnen Worte mit sehr unterschiedlichem Inhalt entwickelt.

 

Die Schriften des Neuen Testamentes sind zwar in griechischer Sprache abgefasst worden und im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass die Problemfelder zwischen altgriechischen und modernen Sprachen näher beieinander liegen als zwischen hebräischer und moderner Sprache. Trotzdem besteht im Grunde auch hier das gleiche Problem. Wir haben nämlich davon auszugehen, das Christus selbst teilweise hebräisch, teilweise aramäisch gesprochen hat, sodass schon bei der Abfassung der Urtexte des Neuen Testamentes Übersetzungsprobleme entstanden sind.

 

Es mag zwar richtig sein, dass zur Zeit Jesu jüdische Bildungsbürger der griechischen Sprache mächtig waren und sich durchaus auch in griechischer Sprache unterhalten haben, trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass sich Jesus in seinen Disputen mit den Schriftgelehrten oder auch in seinen Reden vor einer größeren Jüngerschar der griechischen Sprache bedient hat. Die Schriftgelehrten werden sich wohl kaum bei der Auslegung der Heiligen Schrift, welche in hebräisch abgefasst ist, einer ‚heidnischen‘ Sprache bedient haben, welche im Übrigen von ihren Feinden, den römischen Besatzern gesprochen wurde. Und das einfache Volk, welches Jesu Reden zuhörte, war wohl kaum der griechischen Sprache mächtig. Dass die vier Evangelien trotzdem nicht in hebräischer oder aramäischer Sprache abgefasst sind, dürfte damit zusammenhängen, dass vierzig bis siebzig Jahre nach dem Tod Jesu bei der Abfassung der vier Evangelien Jerusalem mit dem Tempel bereits von den Römern zerstört worden war, dass die Christen deshalb vorwiegend in den griechisch sprechenden Gebieten tätig waren und lehrten und aus diesem Grunde die Evangelien in griechischer Sprache abgefasst haben.

 

Wenn aber die Begriffsinhalte der einzelnen Worte sich überschneidenden Kreisen gleichen, muss auch damit gerechnet werden, dass in dem einen oder anderen Fall der Kreis der einen Sprache sich mit mehreren Kreisen der anderen Sprache überschneidet, dass es also für das eine Wort in der einen Sprache mehrere Worte der anderen Sprache geben kann, ja es ist sogar denkbar, dass mit einem Wort in einer Sprache bisweilen ein Begriffsinhalt verbunden wird, für den es in der anderen Sprache überhaupt keine exakte Entsprechung gibt, da eben dieses Volk gar nicht vor solchen Problemen gestanden hat.

 

Es bedarf also bei dem Versuch, einen Text in eine andere Sprache zu übersetzen, zunächst einmal sehr guter Kenntnisse beider Sprachen, um jeweils das richtige Wort zu treffen und der Übersetzer hat bei jedem einzelnen Wort zu entscheiden, welcher der angesprochenen Begriffsinhalte im Einzelnen gemeint ist und wie das Wort am besten umschrieben wird, wenn es für den vorliegenden Begriff in der Sprache, in die ein bestimmter Text übersetzt werden soll, gar keine Übereinstimmung gibt. Um diese schwierige Frage zu bewältigen, überprüft der Übersetzer bzw. Interpret fremder Schriften zunächst einerseits, wie das zu übersetzende Wort an anderen Stellen dieser Schrift verwendet wurde und andererseits, welches der in Frage kommenden Worte das in dieser Schrift behandelte Thema am wahrscheinlichsten wiedergibt.

 

Diese Übersetzungsaufgabe kann darüber hinaus aber nur derjenige leisten, der auch die historische Entwicklung der Probleme in beiden angesprochenen Volksgemeinschaften kennt. Texte werden immer aus einer ganz bestimmten Problemlage heraus formuliert. Nur derjenige, welcher die Probleme kennt, welche bei der Abfassung dieser Texte vorherrschten, kann eine gültige Übersetzung durchführen.

 

Nun zeichnete sich das jüdische Volk dadurch aus, dass es wiederholt von anderen Großmächten beherrscht wurde, etwa um 722 vor Christi Geburt wurden die Bewohner des israelischen Nordreiches in assyrische Gefangenschaft geführt, um 600 a. Chr. erfolgte die babylonische Gefangenschaft Judas, um 330 a. Chr. kam Juda unter griechischer Herrschaft, ab 63 a. Chr. begann die Unterdrückung der Israeliten für etwa 300 Jahre seitens der römischen Herrscher.

 

Es leuchtet ohne weiteres ein, dass der Sinn der biblischen Texte nur richtig erkannt werden kann, wenn sich der Übersetzer all der Probleme bewusst wird, vor denen Israel bei der Abfassung der Bibel gestanden hatte. Auch gilt es sich darüber klar zu werden, dass gerade kritische Texte oftmals bemüht sind, Probleme so anzusprechen, dass sie zwar von den Mitgliedern der unter einer brutalen Besatzungsmacht leidenden jüdischen Bevölkerung, nicht aber von den Anführern der Besatzungsmacht verstanden wurden. Manche Texte der Bibel sind dann verschlüsselt und der eigentliche Sinn dieser Botschaften setzt gute historische Kenntnisse voraus.

 

Ein Beispiel aus der deutschen Vergangenheit der nationalsozialistischen Herrschaft soll diese Zusammenhänge verdeutlichen. In einem Kabarett wurde angekündigt, dass man nun die Familie Mann vorstellen wolle. Es erscheint zunächst eine Frau mit einem kleinen süßen Ferkel auf den Armen. Der Sprecher gibt kund, das es sich hierbei um das Kind Mann handle. Es kommt eine zweite Person auf die Bühne, welche ein großes Mutterschwein hinter sich herzieht. Die Zuschauer erfahren, dass es sich hierbei um Frau Mann handle. Schließlich erscheint eine dritte Person, welche einen besonders fetten und hässlichen Eber nachsichzieht. Vorgestellt wird hier dieses Tier als Herr Mann. Die Zuschauer quittieren diese Aufführung mit einem frenetischen Gelächter und Gebrüll.

 

Für jemand, der die Geschichte Nazi-Deutschlands nicht kennt, ist diese Reaktion der Publikums vollkommen unverständlich, warum brechen die Zuschauer in dieses Gelächter aus, wenn drei Schweine auf die Bühne gebracht werden? Für die damaligen Zuschauer hingegen war die Botschaft eindeutig. Man wollte auf den Stellvertreter Hitlers, Herrmann Göring aufmerksam machen, wobei den Zuschauern klar war, dass Göring zu den Nazigrößen zählte, die neben anderen Grausamkeiten gutes Essen liebten und deshalb an Hülle und Fülle zunahmen und darüber hinaus unrecht erworbene Kunstgegenstände in Massen in ‚säuischer Weise‘ ansammelte. In ähnlicher Weise erfüllte auch im Neuen Testament das Verabscheuen des Schweines seine Rolle, da der Eber das Wappenzeichen der Römer war.

 

Dadurch nun, dass die ursprünglichen Texte der Bibel mehrfach übersetzt werden mussten, duplizierten sich die hier angesprochenen Probleme. Als erstes wurden die hebräischen Ausführungen ins Griechische übersetzt, später erfolgte dann eine Übersetzung ins Lateinische und zu Zeiten Luthers wurde der Versuch unternommen, die Bibel ins Deutsche (oder seither auch in andere moderne Sprachen) zu übersetzen. Es ist heute bekannt, dass die Übersetzung Luthers durchaus einige missverständliche Übersetzungsfehler enthält.

 

Schon während seiner Mönchszeit interessierte sich Luther zwar für das Hebräische. Aufgrund seines weitgehend autodidaktischen Studiums wies er jedoch große Wissenslücken in der Kenntnis der hebräischen Sprache auf. Seine Kenntnisse waren nie so vollkommen, dass er die hebräischen Urtexte selbst hätte lesen können. Später in den 30er Jahren hat er bei Tischreden die Bedeutung der hebräischen Sprache hervorgehoben: „Die hebräische Sprache ist die allerbeste und reichste in Worten, und rein, bettelt nicht, hat ihre eigene Farbe. […] Wenn ich jünger wäre, so wollte ich diese Sprache lernen, denn ohne sie kann man die heilige Schrift nimmermehr recht verstehen (verstan). Denn das neue Testament, obwohl es griechisch geschrieben ist, ist doch voll von Hebräismus und hebräischer Art zu reden. Darum haben sie recht gesagt: Die Hebräer trinken aus der Bornquelle; die Griechen aber aus den ‚Wässerlin‘, die aus der Quelle fließen; die Lateinischen aber aus den Pfützen.“ (aus Luther, M., Werke. Kritische Gesamtausgabe Tischreden, Bd. 1ff. Weimar 1912ff. )

 

Wir können weiterhin nicht davon ausgehen, dass die Äußerungen Jesu protokollarisch mitstenographiert wurden, sie wurden zunächst einmal mündlich weitererzählt und zumeist erst nach Jahrzehnten aufgeschrieben und dann immer wieder erneut abgeschrieben. Die vier Evangelien des Markus, Matthäus, Lukas und Johannes wurden etwa 40 bis 70 Jahre nach Christi Tod niedergeschrieben und es ist davon auszugehen, dass diese vier Evangelisten keine Zeitzeugen Jesu waren. Lukas bezeugt dies in seinem Evangelium selbst, wir kennen zwar Apostel mit dem Namen Markus und Johannes, von einem großen Teil der heutigen Exegeten wird jedoch davon ausgegangen, dass die beiden Evangelisten Markus und Johannes nicht mit diesen Jüngern zusammenfallen.

 

Es ist klar, dass in diesem langen Prozess der Entstehung der Heiligen Schriften bei der Übergabe der Texte Unkorrektheiten auftreten können. Am Anfang steht die Tatsache, dass die Botschaft also solche unter Umständen von denjenigen, welche Jesus zugehört haben, nicht vollständig erkannt und vielleicht auch etwas falsch verstanden wurde. Weiterhin kann sich bei der wiederholten mündlichen Überlieferung der eine oder andere Fehler einfach deshalb einschleichen, weil bestimmte Aussagen wiederum falsch verstanden wurden oder weil dem Zuhörer die gehörte Botschaft als unvollkommen erschien und er meinte, sie in bestimmter Weise ergänzen zu müssen. Beim Auf- und Abschreiben können sich weitere Übertragungsfehler einschleichen, sodass dann am Ende dieser Kette doch der eine oder andere Text die eigentliche Botschaft nicht mehr in ihrer reinen Form überliefert. So ist es dann auch zu erklären, dass über den einen oder anderen Inhalt die vier Evangelien unterschiedlich berichten.

 

 

2. Zur Definition eines Gleichnisses

 

Beginnen wir mit der Frage, was man denn unter einem Gleichnis zu verstehen hat. Im Duden (5. Aufl. Mannheim 2010) lesen wir, ein Gleichnis sei eine kurze Erzählung, die einen abstrakten Sachverhalt im Bild deutlich zu machen sucht, bzw. etwas durch ein Gleichnis zu erläutern versucht. 

 

Das Wort Gleichnis entspricht also im Wesentlichen einem Vergleich, also einer Betrachtung oder Überlegung, in der Personen, Sachen mit anderen Personen und Sachen verglichen werden. Verwandt ist auch der Begriff der Analogie, der auf Entsprechung, Ähnlichkeit, Gleichheit von Verhältnissen abhebt.

 

Bei der Allegorie hingegen findet eine bildliche Darstellung eines abstrakten Begriffs (besonders in Dichtung und bildender Kunst) statt. So stellt z. B. eine Frau, deren Augen verbunden sind, eine Allegorie auf den abstrakten Begriff der Gerechtigkeit dar, die verbundenen Augen sollen zum Ausdruck bringen, dass ein Richter ohne Ansehen der angeklagten Person sein Urteil fällen soll.

 

Statt von einem Gleichnis wird oftmals auch von einer Parabel gesprochen, sie gilt als eine lehrhafte, auf einem Vergleich beruhende Dichtung. So wird bisweilen von der Parabel des verlorenen Sohnes statt vom Gleichnis des verlorenen Sohnes gesprochen. Aber auch die in Gotthold Ephraim Lessings Nathan der Weise erzählte Ringparabel kann in diesem Zusammenhang erwähnt werden.

 

Weiterhin ist in diesem Zusammenhang auch der Begriff der Fabel zu erwähnen. Sie ist eine lehrhafte, oft satirische Erzählung in Vers oder Prosa, in der Tiere nach menschlichen Verhaltensweisen handeln und in der eine allgemein anerkannte Wahrheit, eine praktische Lebensweisheit oder Ähnliches veranschaulicht wird.

 

Schließlich sei auch das Rätsel erwähnt, das eine als Frage gestellte, durch Nachdenken zu lösende Aufgabe darstellt. Während es also das Gleichnis dem Zuhörer erleichtern soll, einen etwas schwierigen und noch nicht bekannten Zusammenhang durch Hinweis auf bereits Bekanntes und Vertrautes zu verstehen, wird beim Rätsel ein Sachverhalt, der an und für sich durchaus bekannt ist, so verschleiert dargeboten, dass der Zuhörer nur mit erheblichen Anstrengungen des Verstandes überhaupt auf die Lösung des Rätsels kommen kann.

 

 

3. Der Zweck einer Gleichung

 

Etwas mehr über Sinn und Bedeutung eines Gleichnisses erfahren wir, wenn wir Gleichnisse mathematischen Gleichungen gegenüberstellen. Eine Gleichung setzt zwei mathematische Ausdrücke gleich, der eine Ausdruck wird auf der linken, der andere auf der rechten Seite einer Gleichung aufgeführt, beide Seiten werden mit einem Gleichheitszeichen verbunden, um anzudeuten, dass der Wert beider Ausdrücke gleich groß ist. Diese Aussage gilt dann im exakten Sinne, der auf der rechten Seite stehende Ausdruck entspricht vollkommen und nicht nur annähernd dem Ausdruck auf der linken Seite.

 

Oftmals werden Gleichungen dazu benutzt, aus bekannten Variablen unbekannte abzuleiten. Wenn man also z. B. im Rahmen der Wirtschaftstheorie die Frage klären will, mit welcher Inflationsrate (das heißt mit welcher Veränderung des Preisniveaus) man in naher Zukunft zu rechnen hat und wenn man weiterhin von der Hypothese ausgeht, dass das Preisniveau von der Wertsumme der umlaufenden Geldmenge und der gehandelten Gütermenge bestimmt wird, dann bestimmt man zunächst den Umfang der umlaufenden Geldmenge und deren Umlaufsgeschwindigkeit sowie den Wert des gesamten Handelsvolumens und errechnet dann das Güterpreisniveau. Geldmenge, Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes und Handelsvolumen stellen hierbei die bekannten Größen, das Preisniveau hingegen die Unbekannte Größe dar.

 

 

4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Gleichung und Gleichnis

 

Fragen wir uns nun, in welchen Punkten ein Gleichnis einer Gleichung gleicht und in welchen Punkten sich Gleichnisse von Gleichungen unterscheiden. Beide Ausdrucksformen haben die Aufgabe gemeinsam, etwas Unbekanntes dadurch zu erklären, dass man dieses Unbekannte aus Bekanntem zu erklären versucht. Im Rahmen der Verkehrsgleichung haben wir aus der bekannten Geldmenge das zu erwartende, aber noch unbekannte Preisniveau der Güter erklärt.

 

In gleicher Weise dient auch ein Gleichnis dazu, uns Sachverhalte zu erklären, welche dem Zuhörer noch nicht bekannt sind. So soll uns z. B. das Gleichnis vom Sämann darüber unterrichten, dass wir nicht erwarten können, dass alle Menschen den Geboten Gottes entsprechen und dieser Gedanke wird den Zuhörern dadurch nähergebracht, dass Jesus die Verbreitung des Glaubens mit einem den Zuhörern vertrauten Vorgang: nämlich dem Aufgehen der Saat vergleicht.

 

Während wir jedoch bei einer Gleichung stets davon ausgehen müssen, dass beide Seiten, das Bekannte wie das Unbekannte einen exakt gleichen Wert aufweisen, ansonsten würde eben eine Ungleichheit vorliegen, kann ein Gleichnis nie so verstanden werden, dass man von einer vollständigen Übereinstimmung der zu erklärenden Sachverhalte mit den Sachverhalten ausgeht, mit deren Hilfe die zunächst unbekannten Zusammenhäng erklärt werden. Es ist immer nur ein Teilaspekt, der vom Bekannten auf das Unbekannte übertragen wird. Im Volksmund spricht man in diesem Zusammenhang davon, dass jeder Vergleich hinkt. Man würde also den wahren Sinn eines Gleichnisses vollständig verkennen, wollte man den in einem Gleichnis vorgeführten Sachverhalt wortwörtlich verstehen.

 

Machen wir uns diesen Unterschied anhand des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg klar. Dort heißt es:

 

‚Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen sein Haus verließ, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder auf den Markt und sah andere dastehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder auf den Markt und machte es ebenso. Als er um die elfte Stunde noch einmal hinging, traf er wieder einige, die dort herumstanden. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den letzten, bis hin zu den ersten. Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar. Als dann die ersten an der Reihe waren, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten nur einen Denar.‘ (Matthäus 20,1–16)

 

Wenn wir nun dieses Gleichnis wortwörtlich verstehen würden und von der Vorstellung ausgingen, mit diesem Gleichnis wollte Jesus für die Bezahlung der Arbeitnehmer hier auf Erden eine Norm für eine gerechte Entlohnung der Arbeitnehmer aufstellen und zum Ausdruck bringen, dass jeder Arbeitnehmer unabhängig davon, wie viel Stunden er gearbeitet hat oder wie hart die Arbeit war, für eine Arbeit eines vollen Tages mit einem Denar gerecht entlohnt sei, hätten wir den eigentlichen Sinn dieses Gleichnisses vollkommen falsch verstanden.

 

Das zitierte Gleichnis beginnt mit dem Einleitungssatz: ‚Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer‘. Es soll den Zuhörern näher gebracht werden, welche Werte im Himmelreich und eben gerade nicht hier auf Erden gelten. Der Hinweis auf die Arbeiter in einem Weinberg und ihre Entlohnung soll den Zuhörer nur auf einen unbekannten Zusammenhang hinführen und Erkenntnisse aufschließen, welche sonst nicht entdeckt worden wären. Auf den wahren Sinn dieses Gleichnisses werden wir allerdings erst in einem späteren Kapitel noch ausführlich eingehen.

 

 

5. Warum spricht Jesus in Gleichnissen?

 

Wenn wir von dem bisher Gesagten ausgehen, dann dürfte Jesus vor allem deshalb in Gleichnissen geredet haben, da er damit rechnen musste, dass seinen Zuhörern die zu verkündenden Glaubenswahrheiten noch fremd waren und dass sie die göttlichen Botschaften nur dadurch verstehen konnten, dass diese anhand vertrautem Alltagsgeschehen an sie herangetragen wurden.

 

Dies gilt insbesondere deshalb, weil sich Glaubenswahrheiten in erster Linie auf Sachverhalte beziehen, welche auf Zusammenhänge verweisen, die jenseits der irdischen Vorgänge liegen und gerade deshalb auch nicht immer mit klaren Worten umrissen werden können. Der Mensch ist zunächst einmal nur in der Lage, mit Hilfe seiner Sinne und seines Verstandes über Dinge letztliche Wahrheiten zu erkennen, die sich auf Wirkungszusammenhänge beziehen, welche mit den Sinnen wahrgenommen werden können.

 

Es gibt deshalb auch keine Möglichkeit, metaphysische Fragen, wie die Frage, ob es einen Gott gibt und ein Leben nach dem Tode, mit dem Verstand und mit den menschlichen Sinnen allein eindeutig zu erkennen. Es bedarf hier eines Glaubensaktes. Da die menschliche Sprache im Verlaufe der Menschheitsgeschichte jedoch vor allem gebildet wurde, um die irdischen Probleme in den Griff zu bekommen, ist es auch immer sehr schwer, mit Hilfe der Sprache metaphysische Fragen zu beschreiben. Ein Gleichnis ist der Versuch, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden. Bei Markus Kapitel 4,34 heißt es:

 

‚Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.‘

 

Und bei Lukas Kapitel  8,9-10 lesen wir:

 

‚Seine Jünger fragten ihn, was das Gleichnis bedeute.  Da sagte er: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen. Zu den anderen Menschen aber wird nur in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen.‘

 

Vor allem bei Matthäus Kapitel 13,10-17 wird deutlich, worin Jesus selbst den Sinn eines Gleichnisses sah:

 

‚Da kamen die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu erkennen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

 

Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, weil sie hören und doch nicht hören und nichts verstehen. An ihnen erfüllt sich die Weissagung Jesajas: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden und mit ihren Ohren hören sie nur schwer und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile. Ihr aber seid selig, denn eure Augen sehen und eure Ohren hören. Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.‘

 

Und bei Johannes Kapitel 10,6 und 10,29 erfahren wir:

 

‚Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte…..  Da sagten seine Jünger: Jetzt redest du offen und sprichst nicht mehr in Gleichnissen.‘

 

Zu seinen Jüngern konnte Jesus Klartext sprechen. Dadurch, dass sie ihren Beruf und ihre Familien aufgegeben hatten und Jesus gefolgt waren, hatten sie gezeigt, dass sie bereits darauf vorbereitet waren, die Botschaften Gottes auch ohne Erläuterung durch Gleichnisse aufzunehmen. Aber das Zitat aus Johannes macht deutlich, dass die Worte Jesu bisweilen auch den Jüngern fremd vorkamen und dass sie die Gleichnisse eher als schwer zulösende Rätsel als eine Hilfe zum Verständnis aufgefasst haben.

 

Der Hinweis aus dem Alten Testament: ‚denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen‘ macht darauf aufmerksam, dass sich die Menschen von Gott abgewendet hatten und dass sie Gott deshalb mit Blindheit geschlagen hatte:

 

‚Weh denen, die das Böse gut und das Gute böse nennen, die die Finsternis zum Licht und das Licht zur Finsternis machen, die das Bittere süß und das Süße bitter machen.‘ (Jesaya Kapitel  5,20)

 

Und in Kapitel 6, 9-10 fährt der Prophet fort:

 

‚Da sagte er: Geh und sag diesem Volk: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen. Sehen sollt ihr, sehen, aber nicht erkennen. Verhärte das Herz dieses Volkes, verstopf ihm die Ohren, verkleb ihm die Augen, damit es mit seinen Augen nicht sieht und mit seinen Ohren nicht hört, damit sein Herz nicht zur Einsicht kommt und sich nicht bekehrt und nicht geheilt wird.‘

 

Es sind also in erster Linie die Menschen, welche sich der Botschaft Gottes verweigern und die deshalb damit bestraft werden, dass sie die Botschaften Gottes gar nicht mehr erkennen. Selbstverständlich ist hier nicht gemeint, dass diese Menschen gar nicht mehr umkehren könnten, wenn sie ihre Taten ehrlich bereuen würden.

 

Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb uns die Lehren Christi vor allem in Gleichnissen überliefert sind. Bei Matthäus Kapitel 13, 34-35 wird nach der Erläuterung, warum Jesus in Gleichnissen redete, folgender Satz angefügt:

 

‚Damit sollte sich erfüllen, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund und rede in Gleichnissen, ich verkünde, was seit der Schöpfung verborgen war.‚

 

Diese Stelle bezieht sich auf den Psalm 78, Vers 1-2:

 

‚Mein Volk, vernimm meine Weisung! Wendet euer Ohr zu den Worten meines Mundes! Ich öffne meinen Mund zu einem Spruch; ich will die Geheimnisse der Vorzeit verkünden.‘

 

Zum Verständnis dieser Feststellung, dass Jesus deshalb in Gleichnissen redete, damit sich die Schrift erfülle, muss man sich darüber klar werden, dass Jesus vor allem deshalb von einigen Pharisäern und von den Sadduzäern angegriffen wurde, weil er von seinen Anhängern für den Messias und Sohn Gottes gehalten wurde, welcher bereits im Alten Testament wiederholt von den Propheten angekündigt worden war.

 

Gerade weil die oberste Kirchenbehörde der Juden Jesus die Eigenschaft als Messias absprach und von einer Gotteslästerung sprach, waren die frühen Christen bemüht, immer wieder auf Stellen des Alten Testamentes, in denen der Messias angekündigt wurde, aufmerksam zu machen und nachzuweisen, dass eben durch Jesus diese Prophezeiungen in Erfüllung gegangen sind. Da diese Hinweise des Alten Testamentes unter anderem auch davon sprachen, dass der Messias in Gleichnissen spreche, kam es also darauf an, aufzuzeigen, dass auch Jesus vorwiegend in Gleichnissen zu seinen Zuhörern sprach.

 

Schließlich könnte auch noch ein dritter Grund dafür verantwortlich sein, dass Jesus vor allem in Gleichnissen zu seinen Zuhörern sprach. Wir erinnern uns: Judäa war zu Lebzeiten Jesu von den Römern besetzt. Jeder, der sich gegen diese Besatzungsmacht stellte und zum offenen Aufruhr aufrief, hatte zu befürchten, von den Römern durch Kreuzigung hingerichtet zu werden.

 

Nun war es zwar gerade nicht die Absicht Jesu, zum Widerstand gegen die Römer und damit gegen die damalige Staatsordnung in Judäa aufzurufen (‚Gebt dem Kaiser, was des Kaisers und Gott, was Gottes ist‘). Aber da nun einmal im jüdischen Volk zur Zeit Jesu mit dem Glauben an den Messias die Erwartung verbunden war, dass er die Juden von dem römischen Joch befreien würde, bestand auch von dem Augenblick an, von dem Jesus offen als Messias auftrat, die Gefahr, von der römischen Besatzungsmacht verhaftet und hingerichtet zu werden.

 

Wenn Jesus nun vorwiegend in Gleichnissen zu seinen Zuhörern sprach, wurde diese Gefahr, von den Römern als Messias erkannt zu werden, geringer, da die Römer natürlich mit den Schriften der Thora sowie mit den Gebräuchen der damaligen Juden nicht ausreichend vertraut waren und infolgedessen auch den Inhalt der Gleichnisse nicht unmittelbar erkennen konnten. Erinnern wir uns hierzu an Matthäus Kapitel 16, 13-20:

 

‚Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? …. Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! …. Dann befahl er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Messias sei.‘

 

Hier wird deutlich, dass Jesus zu der damaligen Zeit offensichtlich der Überzeugung war, dass er seinen Auftrag, den Juden das Evangelium zu verkünden, noch nicht zu Ende gebracht hatte und dass gerade deshalb Jesus noch nicht verhaftet werden durfte und dass aus diesen Gründen es unerwünscht war, dass bereits in diesem Augenblick Jesus Wirken als Messias den Römern bewusst wurde.

 

Es ist eine in Diktaturen wiederholt gemachte Erfahrung, dass es sehr wohl durch rätselhafte  (gleichnishafte) Äußerungen möglich ist, öffentlich Kritik an dem herrschenden Regime zu üben, ohne dass diese Verlautbarungen von den jeweils Herrschenden eindeutig als Widerstand entlarvt werden können.

 

 

6. Zur Deutung des Gleichnisses vom Sämann

 

Jesus selbst hat seinen Jüngern eine Anleitung gegeben, wie Gleichnisse zu deuten sind. Eine solche Deutung erfahren wir einmal bei Matthäus, Kapitel 13,18–23 im Anschluss an den Vortrag über das Gleichnis vom Sämann sowie zum andern nach der Erzählung des Gleichnisses vom Unkraut ebenfalls in diesem Kapitel 13,36–43. Wir wollen uns hier etwas ausführlicher mit der Deutung des Gleichnisses vom Sämann befassen.

 

Das Gleichnis vom Sämann – bisweilen auch Gleichnis des viererlei Ackers genannt – finden wir bei Matthäus Kapitel 13,1-9, weiterhin bei Markus Kapitel 4,1-9 sowie bei Lukas Kapitel 4-8 mit fast identischem Inhalt. So heißt es bei Matthäus:

 

‚An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. Wer Ohren hat, der höre! 

 

Bei Matthäus Kapitel 13,18-23 lesen wir nun als Deutung dieses Gleichnisses:

 

‚Hört also, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet. Immer wenn ein Mensch das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt alles weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; hier ist der Samen auf den Weg gefallen. Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt, aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall. In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort zwar hört, aber dann ersticken es die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum und es bringt keine Frucht. Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt dann Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.‘

 

Das Gleichnis handelt also von der Botschaft Gottes und der Verbreitung des Glaubens. Der Sämann ist zunächst der Menschensohn selbst, den Gott auf die Welt gesandt hatte, nachdem die Menschheit nicht auf die Lehren der zuvor von Gott gesandten Propheten gehört hatte. In der Nachfolge Christi ist aber auch jeder, der diese Botschaft im Namen Christi verkündet, ein Sämann im Sinne dieses Gleichnisses.

 

Die Saat ist weiterhin Gottes Botschaft an die Menschen, der Acker, das Herz (die) Seele der Menschen, die diese Botschaft erreichen sollen, die Vögel schließlich stellen das Böse oder auch die bösen Mitmenschen dar, welche die Saat auffressen und so verhindern, dass sie auf den Acker, auf fruchtbaren Boden fällt.

 

Diese Botschaft erreicht also nach den Worten Jesu keinesfalls alle Menschen, obwohl diese Botschaft eigentlich alle Menschen erreichen sollte. Jesus unterscheidet hierbei zwischen drei Möglichkeiten, dass diese Botschaft von den Menschen nicht beherzigt wird. In einem ersten Fall hört ein Mensch die Worte vielleicht zwar rein akustisch, er hat jedoch kein Ohr für diese Botschaft und ist deshalb auch nicht bereit, die Worte zu beherzigen, ihm sind die Weisungen belanglos, er bringt kein Verständnis für diese Art und Fragen auf. Sein Herz ist verschlossen und dem Bösen zugewandt, die Saatkörner sind somit hier in diesem ersten Falle gar nicht auf den Acker, sondern auf den daneben liegenden Weg gefallen.

 

In einem zweiten Fall bezieht sich Jesus auf die Menschen, die zwar das Wort Gottes hören und die auch bereit sind zu befolgen, denen vielleicht auf den ersten Blick Gottes Worte als beherzenswert erscheinen, welche es aber in ihrer Jugend nicht gelernt haben, nach dem eigentlichen Sinn des Lebens zu fragen und zu handeln und somit bei der geringsten Versuchung – sei es gegenüber den eigenen Trieben oder auch gegenüber den von anderen Menschen ausgesendeten Verlockungen – sofort einknicken und in ihrem bisherigen sündhaften Verhalten fortfahren. Hier sind die Saatkörner auf felsigen Boden gefallen, und auf felsigem Boden geht bekanntlich kein Saatkorn auf.

 

Eine dritte Gefahr dafür, dass die Botschaft Gottes keine Frucht trägt, ist dann zu befürchten, wenn die Botschaft Gottes zwar auf fruchtbaren Boden fällt, dies will heißen, dass dieser Mensch es durchaus gelernt hat, Gottes Weisungen zu folgen, er wird jedoch von den Alltagssorgen und von den menschlichen Zielen so aufgefressen, dass sich Gottes Botschaft nicht gegen die alltäglichen Versuchungen und Verstrickungen behaupten kann. Der Glaube wird hier wie von Dornen erstickt und kann sich so nicht entfalten.

 

Hat jedoch der einzelne Mensch, an den die Botschaft Gottes herangetragen wurde, diese drei Gefahren überstanden, ist also bildlich gesprochen die Saat auf fruchtbaren Boden gefallen und aufgegangen und konnte sich die aufkeimende Frucht gegen die Alltagssorgen und Anfeindungen behaupten, dann trägt sie vielfache Frucht.

 

Das Gleichnis deutet an, dass der Erfolg dieses Glaubensaktes keinesfalls immer gleich groß sein wird, bald ist die Frucht ein hundertfaches des einzelnen Saatkorns, bald aber auch nur ein sechzigfaches oder sogar nur ein dreißigfaches. Vergleicht man diese Aussage mit der tatsächlichen Kraft eines einzelnen Saatkornes, dann ist zwar eine hundertfache Entfaltung theoretisch möglich, aber nur sehr selten zu beobachten.

 

Dieses Gleichnis will zeigen, dass dann, wenn die Menschen Gottes Botschaft beachten, die Verbreitung des Glaubens bisweilen sehr groß, bisweilen nur gering ist, entscheidend ist hierbei, dass sich die Botschaft im Endergebnis um ein Vielfaches verbreiten kann, wobei auch hier wiederum daran zu denken ist, dass in einem Gleichnis genauso wie auch in allen Schriften des Alten und neuen Testamentes die Zahlenangaben keinesfalls buchstabengetreu auszulegen sind, sondern pointierend formuliert werden und in eingehender, anschauerlicher Weise die zu vermittelnde Botschaft umschreiben. Jesus wollte also mit dem Gleichnis vom Sämann nicht etwa sagen, dass sich der Glaube höchstens 100-fach und mindestens 30-fach verbreite. Es ging vielmehr darum, dass die Botschaft Gottes in sehr unterschiedlichem Maße bei den einzelnen Menschen wirkt.

 

Die multiplikative Wirkung der göttlichen Botschaft kann nun in zweierlei Weise verstanden werden. Zunächst wird damit zum Ausdruck gebracht, dass die einzelnen Gläubigen die Weisungen Gottes in sehr unterschiedlichem Umfang verinnerlichen. Der eine mag sich darauf beschränken, die wichtigsten Gebote Gottes in einem minimalen Umfang zu befolgen. Er tut nur das, was unbedingt erforderlich ist, kein Deut mehr. Andere hinwiederum bemühen sich in allen ihren Handlungen dem Vorbild Gottes zu folgen. Sie gleichen dann dem reichen Jüngling, vom dem u. a. bei Matthäus in Kapitel 19, 16-22 erzählt wird:

 

‚Es kam ein Mann zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich Gutes tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Er antwortete: Was fragst du mich nach dem Guten? Nur einer ist »der Gute«. Wenn du aber das Leben erlangen willst, halte die Gebote! Darauf fragte er ihn: Welche? Jesus antwortete: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen; ehre Vater und Mutter! Und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Der junge Mann erwiderte ihm: Alle diese Gebote habe ich befolgt. Was fehlt mir jetzt noch? Jesus antwortete ihm: Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach. Als der junge Mann das hörte, ging er traurig weg; denn er hatte ein großes Vermögen.‘

 

Und nur ganz wenige werden dieser Aufforderung Jesu entsprechen und genauso wie die Jünger Christi bereit sein, alles, Vermögen und Familie, für die Nachfolge aufzugeben.

 

Die multiplikative Wirkung des Glaubens kann sich aber auch darin äußern, dass eine gute Tat eine weitere gute Tat hervorbringt. Wir leben in einer Welt, in der fast jeder nach dem do ut des - Prinzip handelt. Man gibt dem andern nur dann etwas, wenn auch der andere bereit ist, einem selbst etwas zu geben und man achtet darauf, dem andern auch nicht mehr zu geben als er selbst gegeben hat.

 

Wenn nun ein Gläubiger in Befolgung des Gebotes der Nächstenliebe dem andern auch dann Gutes tut und hilft, wenn er keine Gegenleistung vom andern erwarten kann, dann wird der andere vielleicht so perplex und überrascht sein, dass er sich seinerseits veranlasst sieht, auf die anderen Menschen zuzugehen, auch ihnen Gutes tun, auch dann, wenn keine Gegenleistung erwartet werden kann. Hier kann sich dann ein soziales Klima entwickeln, das entsprechend dem Gebot der Nächstenliebe zu gegenseitiger Hilfe und Achtung führt.

 

Beispiele einer solchen Wirkung zeigen sich bisweilen auch in der großen Politik, wenn z. B. die Regierung einer bisher verfeindeten Macht einer durch Naturkatastrophen bedrängten anderen Nation großzügige Hilfe gewährt und die bisherigen gegenseitigen Anfeindungen vergisst. Eine solche Geste hat in der Vergangenheit wiederholt dazugeführt, dass sich bisher verfeindete Nationen einander annäherten und damit ein erster Schritt der Befolgung des Gebotes der Nächstenliebe in der Tat weitere friedliche Verhaltensweisen nach sich zog.

 

Natürlich kann nicht immer mit dieser positiven Wirkung gerechnet werden. Oftmals wird ein Verhalten entsprechend dem Gebot der Nächstenliebe vom Begünstigten als Schwäche ausgelegt und von diesem dazu benutzt, ihn noch mehr als bisher auszubeuten. Also auch in dieser Hinsicht gilt, dass die Verbreitung des Guten bisweilen sehr groß, bisweilen aber auch sehr gering ist.

 

 

7. Überblick über die zu behandelnden Gleichnisse

 

Wir wollen in diesem Seminar die wichtigsten Gleichnisse Jesu behandeln. Nach dem Alphabet gegliedert sollen hierbei folgende Gleichnisse zur Sprache kommen:

 

2 Gleichnis vom anvertrauten Geld 266. Matthäus 25,14-30, Markus 13,34, Lukas 19,11-27

1 Gleichnis vom barmherzigen Samariter 183. Lukas 10,29-37

5 Gleichnis vom dringlichen Bitten 186. Lukas 11,5-8

6 Gleichnis vom Feigenbaum Lukas 13,6-9

3 Gleichnis vom Festmahl: Lukas 14,15–24

3 Gleichnis vom Fischnetz 133.  Matthäus 13,47-50

3 Gleichnis vom großen Festmahl 216: Matthäus 22,1-14, Lukas 14,15-24

4 Gleichnis vom Guten Hirt:  Johannes Kapitel 10,1-10

2 Gleichnis vom guten und vom bösen Knecht 297. Matthäus 24,45-51, Lukas 12,41-46

6 Gleichnis vom Licht 53. Matthäus 5,14-16, Markus 4,21, Lukas 8,16, Johannes 8,12

2 Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus 228.  Lukas 16,19-31

2 Gleichnis vom reichen Toren 200. Lukas 12,16-21

2 Gleichnis vom Reichtum und der Nachfolge: Matthäus 19,16–30

5 Gleichnis vom Richter und der Witwe 236.  Lukas 18,1-8

6 Gleichnis vom Salz 52.  Matthäus 5,13 Markus 9,49-50 Lukas 14,34-35

6 Gleichnis vom Sauerteig 129. Matthäus 13,33, Lukas 13,20-21

2 Gleichnis vom Schalksknecht 173 Matthäus 18,23-35

6 Gleichnis vom Schatz im Acker und von der Perle 132. Matthäus 13,44-46

6 Gleichnis vom Senfkorn 128. Matthäus 13,31-32, Markus 4,30-32 Lukas 13,18-19

2 Gleichnis vom ungerechten Haushalter 222.  Lukas 16,1-9

3 Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen 127. Matthäus 13,24-30

3 Gleichnis vom unnützen Sklaven: Lukas 17,7–10

3 Gleichnis vom verlorenen Groschen 220. Lukas 15,8-10

3 Gleichnis vom verlorenen Schaf 169. Matthäus 18,10-14, Lukas 15,1-7

3 Gleichnis vom verlorenen Sohn  221. Lukas 15,11-32

6 Gleichnis vom viererlei Acker 122. Matthäus 13,1-9, Markus 4,1-9, Lukas 8,4-8

2 Gleichnis vom wachsamen Hausherrn: Matthäus 24,43–44

3 Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg: Matthäus 20,1–16, Markus 10,31, Lukas 13,30

2 Gleichnis von den beiden Söhnen 277. Matthäus 21,28-32, Lukas 7,29-30

4 Gleichnis von den bösen Winzern: Matthäus 21,33-46, Markus 12,1–12, Lukas 20,9-19

2 Gleichnis von den zehn Jungfrauen 298. Matthäus 25,1-13, Markus 13,33-37, Lukas 12,35-38

2 Gleichnis von der Fastenfrage 45. Matthäus 9,14-17, Mk 2,18-22, Lk 5,33-39, Joh 3,29-30

6 Gleichnis von der selbst wachsenden Saat 126. Markus 4,26-29

2 Gleichnis von der Sintflut u. Mahn. z. Wachsamkeit 296. Mt 24,37-44, Mk 13,35 Lk 17,26-36

 

(Die Zahlen vor den Gleichnissen verweisen auf das Kapitel im 3. Teil, in welchem dieses Gleichnis behandelt wird.)

 

Diese insgesamt 34 erwähnten Gleichnisse bringen nur einen ungefähren Überblick über die Gesamtheit aller in den vier Evangelien dargestellten Gleichnissen. Der Grund dafür, dass sich die Zahl der Gleichnisse nicht eindeutig bestimmen lässt, hängt damit zusammen, dass das Ergebnis je nach Zählweise unterschiedlich ausfällt. Man kann der Zählung die Kapitel- oder Abschnittsüberschriften zugrunde legen, man kann sich auf die Bibelstellen beziehen, welche ex pressis verbis im Text von einem Gleichnis sprechen oder man kann schließlich auch solche Bibelstellen dazu zählen, bei denen weder in der Überschrift noch im eigentlichen Bibeltext von Gleichnissen die Rede ist, aber welche von ihrem Inhalt her die Form eines Gleichnisses aufweisen.

 

Nehmen wir das Gleichnis vom Guten Hirten, das bei Johannes beschrieben wird. Hier finden wir weder in der Überschrift noch im eigentlich folgenden Bibeltext die Erwähnung, dass es sich um ein Gleichnis handelt. Trotzdem wird kaum jemand bezweifeln, dass diese Erzählung die Form eines Gleichnisses aufweist und dass dieses Gleichnis sogar zu den wichtigsten Gleichnissen, welche Jesu erzählt hatte, zu rechnen ist.

 

Unabhängig von der Zählweise müssen wir darüber hinaus zur Kenntnis nehmen, dass auch alle vier Evangelien und die anderen Schriften des Neuen Testamentes immer nur einen kleinen Ausschnitt aller Reden Jesu enthalten, sodass wir davon ausgehen müssen, dass Jesus vermutlich sehr viel mehr Gleichnisse erzählt hat als diejenigen, von denen in den vier Evangelien berichtet wird.

 

Der Umfang der einzelnen Gleichnisse ist sehr unterschiedlich. Einige der Gleichnisse Jesu wie z. B. das Gleichnis vom Salz umfassen nur einen Vers:

 

‚Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. (Matthäus 5,13)

 

Gleiches gilt für das Gleichnis vom Sauerteig:

 

‚Und er erzählte ihnen noch ein Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig den eine Frau unter einen großen Trog Mehl mischte, bis das Ganze durchsäuert war. ‚(Matthäus 13,33).

 

Andere Gleichnisse Jesu umfassen weit mehr Verse, so etwa das Gleichnis vom verlorenen Sohn bei Lukas Kapitel 15,11-32 mit 21 Versen oder das das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg bei Matthäus Kapitel 20,1–16 mit 16 Versen.

 

Weiterhin sind die Gleichnisse auch recht unterschiedlich auf die vier Evangelien verteilt. Bei Johannes finden wir nur ganz wenige (hier von den aufgenommenen Gleichnissen nur zwei), bei Markus 11 und schließlich bei Matthäus 21, bei Lukas sogar 24. Es gibt (auch bedeutende) Gleichnisse, welche nur bei einem Evangelisten erwähnt werden, so z. B. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, welches nur bei Lukas (in Kapitel 10,29-37) Erwähnung findet oder das Gleichnis vom Guten Hirten, welches nur Eingang in das Johannesevangelium (Kapitel 10, 1-10)) gefunden hat.

 

Dort, wo dieselben Gleichnisse von mehreren Evangelisten übernommen wurden, enthalten sie weitgehend den gleichen Inhalt, Unterschiede ergeben sich nur aus gewissen Beischmückungen, so enthalten die Gleichnisse bei Markus in aller Regel nur die Kernsätze, während sowohl Matthäus wie auch Lukas diese Kernsätze zumeist in einen etwas größeren Rahmen stellen.

 

 

8. Zum Aufbau des Seminars

 

Wie bereits angedeutet, steht im Mittelpunkt dieses Seminars die Analyse der Gleichnisse Jesu. Diesen geht ein Teil II mit dem Kapitel 2 über Gleichnisse im Alten Testament voraus. Hier soll einmal aufgezeigt werden, dass die Gleichnisse Jesu bereits im Alten Testament vorausgesagt werden. Zum andern sollen die wichtigsten Gleichnisse des Alten Testamentes vorgestellt werden und untersucht werden, inwieweit sich diese von den Gleichnissen Jesu unterscheiden.

 

Es folgt dann in einem dritten Teil die Analyse der Gleichnisse Jesu, wobei wir nach dem Inhalt der Gleichnisse jeweils ein zentrales Thema pro Kapitel untersuchen werden. Ein erstes und zweites Kapitel dieses dritten Teils wird sich mit dem Verhalten befassen, das Gott von den Menschen fordert. Das 1. Kapitel dieses Teils befasst sich zunächst mit der geforderten Gottes- und Nächstenliebe und stellt fest, wer denn im Zusammenhang mit der Forderung nach Nächstenliebe als Nächster zu gelten hat. Das 2. Kapitel befasst sich dann mit weitern Verhaltensvorschriften. In einem 3. Kapitel erfahren wir dann, welcher Lohn im Himmel den Menschen winkt, welche sich an die Gebote Gottes halten. Ein 4. Kapitel geht der Frage nach, welchen göttlichen Auftrag Jesus hier auf Erden zu erfüllen hatte. In einem fünften Kapitel steht dann die Frage zur Diskussion, um was wir Gott in unsrer Not bitten dürfen und wie wir uns beim Beten verhalten sollen. Ein letztes 6. Kapitel nimmt dann noch einmal die Frage nach der Verbreitung des Glaubens auf, welche bereits hier im Zusammenhang mit der Frage nach der Deutung der Gleichnisse aufgeworfen wurde.

 

Die Bibelzitate entstammen alle aus: Die Bibel. Einheitsübersetzung Der Heiligen Schrift. Herausgegeben im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, des Bischofs von Lüttich, des Bischofs von Bozen-Brixen, des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bibelgesellschaft. Ausgabe in neuer Rechtschreibung. Stuttgart : Katholisches Bibelwerk, 1999