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Seminar über Ökonomische Gesetze

 

 

Gliederung:

 

  1. Gibt es überhaupt ökonomische Gesetze?

  2. Das Bevölkerungsgesetz von Malthus

  3. Das Gesetz von der Gleichgewichtstendenz

  4. Das Cobweb-Theorem 

  5. Das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag 

  6. Das Gossen‘sche Gesetz

  7. Das Gesetz von der Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse

  8. Das Harberger Dreieck

  9. Das Grasham’sche Gesetz

10. Das Okun’sche Gesetz

11. Das Gesetz vom Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft

12. Das Arrow-Paradox

 

 

 

Kapitel 5.  Das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag 

 

 

Gliederung:

 

1. Lehrgeschichtliche Einführung

2. Die Grundaussage

3. Agrarwirtschaft: Qualitätsrente, Intensitätsrente, Lagerente

4. Übertragung auf andere Wirtschaftszweige

5. Übertragung auf andere Faktoren

6. Die Bedeutung des Engpassfaktors

7. Steigende oder sinkende Grenzerträge?

8. Grenzertrag versus Grenzkosten

 

 

 

1. Lehrgeschichtliche Einführung

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel mit den sogenannten Ertragsgesetzen befassen. Unter diesem Namen finden sich schon sehr früh theoretische Erörterungen. So hatte zur Zeit der Klassik bereits Robert Malthus auf die Gesetzmäßigkeit des abnehmenden Ertragszuwachses bei der Bestellung von Böden in der landwirtschaftlichen Produktion Bezug genommen und wie wir bereits in Kapitel 2 dieses Seminars gesehen haben seine nach ihm benannte Bevölkerungslehre und seine ausgesprochen pessimistische Prognose über die langfristige wirtschaft­liche Entwicklung aufgebaut. Er basierte hierbei wesentlich auf Gedankengängen, welche auch bei David Ricardo entwickelt wurden.

 

Das Gesetz vom abnehmenden Bodenertragszuwachs wurde dann auch in Deutschland weiterentwickelt. So hat vor allem Johann Heinrich von Thünen der Theorie von der Qualitäts- und Intensitätsrente die Theorie von der Lagerente hinzugefügt. Im Rahmen der neoklassischen Theorie wurde dann diese Theorie verallgemeinert. Beschränkte sich die Aussage des Ertragsgesetzes bei den Klassikern noch auf die landwirtschaftliche Produktion und bezog sich vorwiegend auf den Produktionsfaktor Boden, so fand im Rahmen der neoklassischen Theorie eine Ausweitung in zweierlei Richtung statt. 

 

Auf der einen Seite wurden nun die Ertragsgesetzmäßigkeiten auch auf die Produktionsprozesse der Industrie übertragen. Damit wurde der wirtschaftlichen Entwicklung entsprochen. Während nämlich zur Zeit der Klassiker der größte Teil der Produktion auf die Landwirtschaft entfiel, stieg in der Zwischenzeit der Anteil der industriellen Produktion sprunghaft an, während in den hochentwickelten Industrienationen die Landwirtschaft nur noch einige wenige Prozentpunkte zum gesamten Inlandsprodukt beisteuerte.

 

Auf der anderen Seite brachte es der Übergang zur industriellen Produktion mit sich, dass die Rolle des Produktionsfaktors Boden zurückging und dass es deshalb notwendig wurde, nach den Ertragsgesetzen zu fragen, welche von Veränderungen in den übrigen Produktionsfaktoren ausgehen. So wurde zunächst die Frage untersucht, wie sich denn ein veränderter Arbeitseinsatz auf die Produktion auswirkt. In diesem Rahmen wurde die Grenzproduktivitätstheorie der Arbeit entwickelt, welche die Lohnhöhe im Gleichgewicht auf das Grenzprodukt der Arbeit zurückführt. Später wurden diese Überlegungen auch auf den Faktor Kapital angewandt. So wurde darauf hingewiesen, dass die Kapitalintensivierung (der Übergang zu immer kapitalintensiveren Produktionstechniken) zwar im Allgemeinen zu einer Produktivitätssteigerung führt, dass aber der Ertragszuwachs gleichzeitig zurückgeht.

 

Im Zuge der Weiterentwicklung der neoklassischen Theorie war man auch bemüht, die im Rahmen der Allgemeinen Theorie entwickelten Gesetzmäßigkeiten zusammenzufassen und die Beziehungen der einzelnen Theorieteile – ihre Gemeinsamkeiten wie ihre Unterschiede – herauszuarbeiten.

 

In diesem Zusammenhang wurde unter anderem aufgezeigt, welche Beziehungen zwischen der Kostenfunktion und der Ertragsfunktion einer Unternehmung bestehen, es wurde gezeigt, dass der Verlauf der Grenzertrags­kurve die Abhängigkeit der Kosten von der Produktionsmenge widerspiegelt, nur dass eben bei der Darstellung der Grenzkostenfunktion die Höhe der Problemgröße: ‚Grenzkosten in Abhängigkeit von der Produktionsmenge‘, bei der Darstellung der Grenzertragskurve hingegen die Höhe der Problemgröße: ‚in Abhängigkeit des jeweils eingesetzten Produktionsfaktors (Arbeit, Kapital)‘ Gegenstand der Untersuchung ist. Ceteris paribus führt aber ein vermehrter Einsatz eines Produktionsfaktors nahezu immer zu einer Zunahme der Produktionsmenge, zumindest dann, wenn die jeweils anderen Produktionsfaktoren nicht zur gleichen Zeit verringert werden.

 

Später wurde dann auch der Versuch unternommen, die Probleme der Unternehmung und der privaten Haushalte auf eine gemeinsame Grundlage zu stellen. Genauso wie ein Zuwachs im Konsum zwar zu einer Nutzensteigerung, aber zu einem immer mehr verringerten Zuwachs des Nutzens führt, könne man auch den Verlauf der Ertragszuwächse einer Unternehmung in Abhängigkeit der Produktion im Sinne des Grenznutzengesetzes interpretieren. In beiden Fällen führe eine Zunahme in der Aktivität (Mehrkonsum im Haushalt und Mehrproduktion in der Unternehmung) zu einer Art Verminderung des Nutzenzuwachses, nur dass eben auf der Ebene der Unternehmung dieser Grenznutzen objektiv in Geldgrößen gemessen werden kann, während auf der Ebene des privaten Haushaltes eine Objektivierung des Nutzenzuwachses nicht möglich erscheint.

 

So findet eine parallele Entwicklung auf Haushalts- und Unternehmungsebene statt, dem ersten Gossen‘schen Gesetz entspricht das Gesetz von der Abnahme des Grenzproduktes. Auch für das zweite Gossen‘sche Gesetz (dem Gesetz vom Ausgleich der Grenznutzen in all seinen Verwendungen) entspricht innerhalb der Unternehmungstheorie die These, dass eine Gewinnmaximierung genau dann erfolgt, wenn die Grenzprodukte der einzelnen Produktionsfaktoren einander entsprechen.

 

Im Rahmen der modernen Haushaltstheorie wurde seit der These Vilfredo Paretos, Nutzeneinheiten könnten nur ordinal, aber nicht kardinal gemessen werden, der Versuch unternommen, die beiden Grenznutzengesetze in das von Pareto entwickelte Indifferenzkurvensystem zu überführen, wobei an die Stelle des Grenznutzens nun die Grenzrate der Ophimilität trat. Von einem kardinalen Maßstab sprechen wir immer dann, wenn wir für die zu behandelnde Problemgröße angeben können, um das wie vielfache sich der eine Wert im Vergleich zu einem zweiten Wert verändert hat. Ein ordinaler Maßstab verlangt hingegen nur, dass wir angeben können, ob der eine Wert gleichgroß oder kleiner (größer) als ein Vergleichswert ausfällt.

 

Im Zuge der Vereinheitlichung von Haushalts- und Unternehmungstheorie wurde nun der Versuch unternommen, das in der Haushaltstheorie entwickelte Indifferenzkurvensystem auch auf die Unternehmung zu übertragen. Das Gleichgewicht des Haushaltes ist durch die Schar von Isonutzenkurven und die Tangente der Bilanzgeraden gegeben, welche eine dieser Indifferenzkurven tangiert. Auf den Achsen werden zwei in Konkurrenz zueinanderstehende Konsumgüter abgetragen. Der Tangentialpunkt der Bilanzgeraden mit einer der Indifferenzkurven markiert die Kombination beider Konsumgüter, welche bei gegebenem Einkommen und gegebenen Preisen ein Nutzenmaximum ermöglicht.

 

Den Isonutzenkurven entspricht dann für die Unternehmung eine Schar von Isoquanten, wobei auf den beiden Achsen die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital abgetragen werden. Eine Isoquante zeigt auf, mit welchen unterschiedlichen Faktorkombinationen eine bestimmte Gütermenge produziert werden kann. Der Bilanzgeraden entspricht dann in der Unternehmung die Kostenlinie, die angibt, auf welche Faktorkombinationen eine bestimmte Kostensumme aufgeteilt werden kann. Der Tangentialpunkt der Kostenlinie mit einer Isoquante markiert dann schließlich die Faktorkombination, bei welcher die Unternehmung ihren Gewinn maximieren kann.

 

 

 

2. Die Grundaussage

 

In seiner allgemeinen Form besagt das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag, dass der vermehrte Einsatz eines Produktionsfaktors zwar dazu führt, dass der Gesamtertrag ansteigt, dass aber der Ertragszuwachs in dem Maße zurückgeht, in dem dieser Produktionsfaktor vermehrt eingesetzt wird.

 

Tragen wir hierzu in einem Diagramm auf der Ordinate den Ertrag und auf der Abszisse den Einsatz eines bestimmten Produktionsfaktors ab. Hierbei kann – wie hier geschehen – der Ertrag als reale Gütereinheit abgetragen werden; es ist aber auch möglich, den Ertrag als Produkt von Preis mal Menge und somit als Geldgröße zu messen.

 

 

 

 

Aus dieser Ertragsfunktion lässt sich nun relativ leicht die Funktion des Grenzertrages (Ertragszuwachses) in Abhängigkeit des Faktoreinsatzes ableiten. Wir tragen hierzu in einem zweiten Diagramm auf der Ordinate den Ertragszuwachs (Grenzertrag) ab, die Abszisse misst genauso wie im ersten Diagramm den Faktoreinsatz. Die Funktion des Grenzertrages hat dann folgenden Verlauf:

 

 

 

 

Beide Funktionen beginnen entweder beim Faktoreinsatz = 0 oder bei einer geringen Faktormenge, da unter Umständen ein Minimum an Faktoreinsatz notwendig ist, um mit der Produktion zu beginnen. Da der Ertragszuwachs abnimmt, geht die Ertragsfunktion im Normalfall bei einer bestimmten Faktormenge zu einer Parallelen zur Abszisse über, bzw. schneidet die Grenzertragsfunktion bei einer bestimmten Faktormenge die Abszisse.

 

Denkbar wäre allerdings auch, dass die 2. Ableitung nicht wie in den beiden ersten Diagrammen abfällt, sondern ansteigt, in diesem Falle erhalten wir nicht einen konkaven, sondern einen konvexen Verlauf der Ertrags- bzw. Grenzertragsfunktion:

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Agrarwirtschaft: Qualitätsrente, Intensitätsrente, Lagerente

 

Wie ich bereits erwähnt habe, wurde das Ertragsgesetz bei den Klassikern (Ricardo und Malthus) für die Produktion von landwirtschaftlichen Produkten formuliert und auf den Produktionsfaktor Boden angewandt. Man sprach zunächst von einer Qualitätsrente, welche aufgrund zunehmender Produktion entstehe.

 

Man ging davon aus, dass zunächst der für die Produktion qualitativ bestgeeignete Boden bebaut wurde. Da Böden zunächst ausreichend vorhanden und deshalb nicht knapp waren, erzielten die Landwirte auch kein zusätzliches Einkommen für den Einsatz des Bodens.

 

Mit dem Wachstum der Bevölkerung wurde allmählich der qualifizierteste Boden knapp und man musste dazu übergehen, auch weniger geeignete Böden zur Bestellung heranzuziehen. Die geringere Qualität der zusätzlich zum Einsatz kommenden Böden äußerte sich darin, dass der zusätzliche Ertrag der Grenzertrag pro eingesetzter Arbeitskraft zurückging, bzw. dass immer mehr Bodenfläche für eine bestimmte Menge an Bodenfrüchten eingesetzt werden musste.

 

Da aber die landwirtschaftlichen Produkte auf dem Markt den gleichen Preis erzielten – schließlich unterschied sich die Qualität der Produkte nicht – erhielten die Landwirte, welche einen qualitativ besseren Boden bebauten, eine zusätzliche Vergütung, eben eine Qualitätsrente und diese fiel umso höher aus, je besser die Qualität des Bodens war.

 

Die Qualitätsrente entstand somit dadurch, dass Böden unterschiedlicher Qualität eingesetzt werden mussten und dass der im Hinblick auf die Qualität gerade noch eingesetzte schlechteste Boden mit dem geringeren Ertrag benötigt wurde, um die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten zu befriedigen.

 

Neben der Qualitätsrente wurde mit zunehmender Knappheit auch eine Intensitätsrente erzielt. Anstatt dass man eine zusätzliche Produktion von Agrarprodukten dadurch erzielte, dass man minder qualitativen Boden einsetzte, konnte man nämlich den Ertrag pro Fläche auch dadurch steigern, dass man auf einer Fläche mehr Saatgut und eventuell auch die Zahl der eingesetzten Arbeitskräfte pro Fläche vergrößerte, also pro Flächeneinheit Boden mehr an den anderen Produktionsfaktoren einsetzte.

 

Auf diese Weise konnte der Gesamtertrag an Bodenprodukten vergrößert werden, ohne zusätzlichen Boden einzusetzen. Allerdings ging der Ertragszuwachs pro zusätzlich eingesetzten Produktionsfaktoren zurück. Diese Abnahme hatte wiederum zur Folge, dass diejenigen Landwirte, welche ihre Äcker weniger intensiv bebauten, eine zusätzliche Rente erwirtschafteten. Auch hier war es notwendig, dass ein Teil der Böden intensiver ausgenutzt werden musste, um die Nachfrage nach Agrarprodukten zu befriedigen. Auch hier erzielte derjenige Landwirt, der aufgrund einer geringeren Intensität der Bebauung einen höheren Durchschnittsertrag erzielte, auch eine zusätzliche Rente.

 

Johann Heinrich von Thünen – ein Vertreter der Klassik in Deutschland – zeigte auf, dass mit zunehmender Produktion landwirtschaftlicher Produkte auch noch aus einem dritten Grund eine Bodenrente erzielt werden konnte. Er geht davon aus, dass zunächst die Böden im Umkreis der wichtigsten Konsumstandorte bebaut werden.

 

Mit Zunahme der Nachfrage nach Agrarprodukten wird es immer mehr notwendig, auch Böden in immer größerer Entfernung von den Konsumstandorten zu bebauen. Dies bedeutet, dass zusätzlich zu den eigentlichen Kosten der Produktion auch Transportkosten entstehen, deren Höhe von der Entfernung der Anbauflächen und den Konsumstandorten abhängt.

 

Da wiederum davon ausgegangen werden muss, dass auf den Märkten die landwirtschaftlichen Produkte unabhängig von der jeweiligen Höhe der Transportkosten bei gleicher Qualität einen einheitlichen Preis erzielen, bedeutet dies gleichzeitig, dass diejenigen, welche in der Nähe der Konsumstandorte produzieren und deshalb geringere Transportkosten aufwenden müssen, quasi eine Lagerente in Form geringerer Transportkosten erzielen.

 

 

 

4. Übertragung auf andere Wirtschaftszweige

 

Im Zuge der Weiterentwicklung der europäischen Volkswirtschaften im 19. und 20. Jahrhundert stieg der Anteil der handwerklichen und industriell produzierten Güter immer mehr auf Kosten des landwirtschaftlichen Sektors an. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg fiel der Anteil der Landwirtschaft an der Gesamtwirtschaft der hochindustrialisierten Volkswirtschaften auf wenige Prozent des Inlandsproduktes. Es leuchtet unmittelbar ein, dass das wissenschaftliche Interesse an der Produktion im nichtlandwirtschaftlichen Sektor anstieg und dass man sich die Frage stellte, welchen Gesetzmäßigkeiten Produktion und Ertrag in den anderen Wirtschaftszweigen folgt.

 

Es war das Anliegen der Neoklassik nachzuweisen, dass die von der Frühklassik festgestellte Ertragsfunktion und vor allem die These von der Abnahme des Grenzertrages im Grunde für alle Produktionen gilt, dass also die Tatsache, dass eine Zunahme des Faktoreinsatzes zwar auch zu einer Zunahme des Gesamtertrages führt, aber eben mit abnehmenden Ertragszuwächsen, nichts mit den Eigenarten der landwirtschaftlichen Produktion (also z. B. der Abhängigkeit von den Jahreszeiten und den Witterungsbedingungen) zu tun hat, sondern eher darauf zurückzuführen ist, in welchem quantitativen Verhältnis die einzelnen Produktionsfaktoren miteinander verbunden werden.

 

 

 

5. Übertragung auf andere Faktoren

 

Eng zusammen mit der Umstellung der Produktion von landwirtschaftlichen auf industrielle Güter steht auch der Wandel in den Produktionsfaktoren, deren Einsatz im Mittelpunkt des Interesses galt. Während zur Zeit der Frühklassiker das Hauptinteresse auf den zur Verfügung stehenden Boden stand, waren es nun vor allem entweder die Arbeitskräfte oder auch der Kapitalbedarf, der ins Zentrum des Interesses gerückt war.

 

Man stellte sich also erstens die Frage danach, inwieweit der Ertrag vom Einsatz der Arbeitskräfte abhängt, ob auch hier die Gesetzmäßigkeit abnehmender Ertragszuwächse festgestellt werden kann. Die Bedeutung des Faktors Arbeit für abnehmende Grenzerträge  war allerdings bereits bei der Darstellung der Intensitätsrente angesprochen worden. Vor allem interessierte in diesem Zusammenhang das Problem der Einkommensverteilung, also die Frage, wie sich die Lohneinkommen mit wachsender Produktion verändern, während in der Zeit der Frühklassik eindeutig Allokationsprobleme im Vordergrund standen, es ging damals schwergewichtig um die Frage nach einem möglichst optimalen Produktionseinsatz. Das Problem der Einkommensverteilung war damals von geringerer Bedeutung, da entsprechend der von Robert Malthus entwickelten Bevölkerungslehre das Lohneinkommen langfristig die Tendenz hatte, auf das Existenzminimum zu fallen. Also konnte man auch nicht hoffen, durch Veränderungen in der Produktionstechnik die Einkommensverteilung gerechter zu gestalten.

 

Zweitens rückte mit der industriellen Produktion auch die Frage in den Vordergrund, inwieweit die Produktion durch vermehrten Kapitaleinsatz gesteigert werden kann. Auch hier kam man sehr bald zu der Erkenntnis, dass im Zusammenhang mit dem Kapitaleinsatz ebenfalls damit zu rechnen ist, dass zwar der Gesamtertrag auf diese Weise vergrößert werden kann, dass aber auch eine Erhöhung der Kapitalintensität (des Verhältnisses Kapital zu Arbeit) zu sinkenden Ertragszuwächsen führen wird.

 

Diese Frage rückte vor allem im Zusammenhang mit der Globalisierung der Weltwirtschaft in den Vordergrund. Wenn es nämlich stimmt, dass mit wachsendem Inlandsprodukt die Ertragszuwächse immer geringer werden, entsteht die Frage, ob man den Kapitalertrag nicht dadurch steigern kann, dass man Kapital in die Länder exportiert, welche noch am Anfang ihrer wirtschaftlichen Entwicklung stehen. Man kann nämlich auf diese Weise zwei Probleme in einem Schritt angehen. Auf der einen Seite kann durch einen Kapitalexport der reichen Volkswirtschaften in die Entwicklungsländer das Wachstum dieser wirtschaftlich gesehen noch weniger entwickelten Ländern gesteigert werden und man kann damit die Voraussetzung dafür schaffen, dass auch das Einkommen der Empfänger geringerer Einkommen über das Existenzminimum angehoben wird.

 

Auf der anderen Seite bringt ein Kapitalexport in den hochentwickelten Volkswirtschaften eine Lösung für das Problem, dass auf der einen Seite mit wachsendem Einkommen die Sparsumme ansteigt und damit das Zinseinkommen die Tendenz hat, ohnehin zu sinken und dass auf der anderen Seite diese Tendenz dadurch noch verstärkt wird, dass wegen abnehmender Grenzerträge des Kapitals die Zinserträge zurückgehen.

 

Drittens wurde das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag auch auf die spezifische Unternehmerleistung angewandt. Zunächst ging man von der Vorstellung aus, dass sinkende Grenzerträge vorwiegend dadurch ausgelöst werden, dass nur ein Produktionsfaktor vermehrt eingesetzt wird, dass aber die übrigen Produktionsfaktoren konstant bleiben. Dieser Vorstellung entsprach es auch, dass man zunächst von der Hypothese ausging, dass bei einer gleichzeitigen Vermehrung aller eingesetzten Produktionsfaktoren der Grenzertrag (das sogenannte Grenzniveauprodukt) konstant bleiben müsse.

 

Später stellte man fest, dass der Grenzertrag auch dann von einer bestimmten Produktionsmenge an abnehmen wird, wenn es gelingt, Arbeit, Boden und Kapital vermehrt einzusetzen und wenn man hierbei das Mengenverhältnis der eingesetzten Faktoren unverändert lässt.

 

Diese Erkenntnis wurde vor allem im Zusammenhang mit der Frage diskutiert, ob für die Produktivität einer Unternehmung auch so etwas wie eine optimale Unternehmungsgröße existiert oder ob es möglich wäre, eine Unternehmung beliebig zu vergrößern, sofern nur die Faktorintensitäten unverändert blieben.

 

Es musste empirisch festgestellt werden, dass Riesenkonzerne, welche die Produktion dadurch steigerten, dass sie einfach neue Betriebe angliederten, welche die Faktorintensität der bereits bisher bestehenden Betriebe übernahmen, trotzdem an Produktivität und Effizienz einbüßten. Man  führte diesen Tatbestand vor allem darauf zurück, dass in diesem Falle zwar alle untergeordneten Faktoren vermehrt eingesetzt werden, dass aber die spezifische Leistung der Unternehmungsspitze trotzdem nicht vermehrt wurde und gerade deshalb die Unternehmerleistung zum eigentlichen Engpassfaktor wurde.

 

Diese Erkenntnis steht auch im Einklang mit der Tatsache, dass marktwirtschaftliche Systeme insgesamt sehr viel effizienter und produktiver arbeiten als staatliche Planwirtschaften. Könnte nämlich das Grenzniveauprodukt konstant gehalten werden, sofern nur die optimalen Einsatzverhältnisse der einzelnen Produktionsfaktoren erhalten bleiben und könnte auf diese Weise die Produktivität zumindest konstant gehalten werden auch dann, wenn eine einzelne Riesenunternehmung die Produktion der gesamten Volkswirtschaft auf sich vereinigen würde, so müsste notwendiger Weise auch eine staatliche Planwirtschaft zumindest die gleiche Effizienz aufweisen wie eine Marktwirtschaft. Diese Erkenntnis machten sich übrigens auch die ehemaligen kommunistischen Staaten des Ostblocks zu eigen, in dem sie die Produktivität dadurch zu steigern versuchten, dass sie die Wirtschafts­verwaltung dezentralisierten.

 

 

6. Die Bedeutung des Engpassfaktors

 

Wir hatten bereits erwähnt, dass die im Rahmen des Ertragsgesetzes erwähnten Gesetzmäßigkeiten nicht auf die Eigenarten spezifischer Produkte zurückgeführt werden können und dass das gegenseitige Einsatzverhältnis letzten Endes für diese Gesetzmäßigkeiten verantwortlich ist. Wir wollen uns mit dieser Problematik des Engpassfaktors nun etwas ausführlicher befassen.

 

Wir können davon ausgehen, dass es jeweils ein bestimmtes Verhältnis der einzusetzenden Produktionsfaktoren gibt, das eine optimale Leistung ermöglicht. Bei welchem Einsatzverhältnis dieses Optimum liegt, hängt nun entscheidend von der angewandten Technik ab. Wir können also damit rechnen, dass es nicht etwa nur ein einziges Einsatzverhältnis gibt, das eine optimale Leistung ermöglicht, dies gilt nur für eine vorgegebene Technik. Ändern wir die Technik, so ist es auch möglich, bei einem andern Einsatzverhältnis ein optimales Ergebnis zu erzielen.

 

Bringen wir das Beispiel eines in einem PKW eingesetzten Verbrennungsmotors. Bekanntlich gibt es eine ganz bestimmte Geschwindigkeit, bei welcher der Benzinverbrauch (Energieverbrauch) und damit auch die Kosten pro gefahrenen Kilometer am geringsten sind. Dieses Optimum liegt normalerweise bei etwa 60 - 70 km Geschwindigkeit. Auch hier ist es nicht so, dass dieses Optimum sozusagen notwendiger Weise gerade bei dieser Geschwindigkeit erreicht wird. Es ist vielmehr die eingesetzte Technik, welche vorgibt, bei welcher Geschwindig­keit das Optimum erreicht wird. Da auf unseren Straßen die Höchstgeschwindigkeit zumeist vorgeschrieben wird und da die meisten Kilometer in den Städten und in deren näheren Umgebung gefahren werden, geht man bei der Entwicklung eines Verbrennungsmotors von der erwünschten Geschwindigkeit aus und wählt eine Technik, aufgrund derer gerade bei dieser Geschwindigkeit ein Minimum an Benzinverbrauch erreicht wird. Würde man wünschen, dass eine andere Geschwindigkeit in der Regel erreicht werden sollte, könnte man wohl auch Motoren entwickeln, deren optimale Leistung gerade bei dieser anderen Geschwindigkeit erzielt würde.

 

Weiterhin können wir nicht davon ausgehen, dass die eingesetzte Technik nur eine (eben die als optimal eingeschätzte) Geschwindigkeit ermöglicht, sondern dass normaler Weise ein- und derselbe Motor es durchaus erlaubt, dass geringere, aber auch höhere Geschwindigkeiten gefahren werden. Diese Aussage gilt nun mutatis mutandis nicht nur speziell für Motoren, sondern ganz generell für die meisten Produktionsanlagen.

 

Wenn wir diese am Verbrennungsmotor erläuterte Gesetzmäßigkeit auf die Produktionsprozesse allgemein übertragen, so können wir davon ausgehen, dass die durchschnittliche Kostenhöhe unterschiedlich ausfällt, je nachdem wie viele Gütereinheiten produziert werden. Gleichzeitig können wir davon ausgehen, dass es eine Ausbringungsmenge gibt, die ein Kostenminimum erzielt und dass jedes Abweichen von dieser Produktion mit einem Kostenminimum dazu führt, dass die durchschnittlichen Kosten pro Stück ansteigen.

 

Dass dem so ist, hängt nun damit zusammen, dass zwar auf der einen Seite das Produkt den Einsatz mehrerer verschiedener Produktionsfaktoren voraussetzt und dass deshalb ein komplementäres Verhältnis zwischen den eingesetzten Produktionsfaktoren besteht, dass aber auf der anderen Seite in gewissen Grenzen auch eine Substitution des einen Produktionsfaktors durch einen anderen möglich ist.

 

Gehen wir hierzu gedanklich von der Produktionsmenge und dem Einsatzverhältnis aus, bei dem ein Kosten­minimum erzielt wird. Die Technik legt also fest, welches Einsatzverhältnis mehrerer Produktionsfaktoren ein optimales Ergebnis ermöglicht. Die Technik gestattet es aber auch, dass der eine Faktor durchaus in gewissen Grenzen durch den jeweils anderen Faktor ersetzt (substituiert) werden kann. Allerdings hat das Abweichen von dem optimalen Einsatzverhältnis zwingend zur Folge, dass die Leistung pro eingesetzten Faktor geringer wird. Dies ergibt sich notwendiger Weise schon daraus, dass unterschiedliche Faktoren nicht identische Eigenschaften besitzen, täten sie dies, so könnte man auch nicht zwischen verschiedenen Produktionsfaktoren unterscheiden, im Hinblick auf den Produktionsprozess wären alle eingesetzten Faktoren identisch.

 

Diese Überlegungen machen es dann auch verständlich, dass in dem Maße, in dem nun ein Faktor durch einen anderen Faktor ersetzt wird, die hierbei erzielte Leistung immer geringer wird. Wir sprechen hier von einer abnehmenden Grenzrate der Substitution.

 

 

7. Steigende oder sinkende Grenzerträge?

 

 Bisher sprachen wir nur vom Gesetz abnehmender Grenzerträge. Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass es eine optimale Kombination der bei der Produktion einzusetzenden Produktionsfaktoren gibt, so dürfte eigentlich der Ertragszuwachs nicht nur bei einem vermehrten Einsatz eines der Produktionsfaktoren geringer werden. Auch die umgekehrte Aktion, nämlich die Verringerung des einen Produktionsfaktors müsste dazu führen, dass der Ertragszuwachs ebenfalls geringer wird. Dem Kostenminimum entspricht dann ein Ertragsmaximum bei irgendeinem Einsatz eines Faktors, wobei der Grenzertrag von diesem Punkt ausgehend sowohl dann fallen müsste, wenn die Produktion ausgeweitet als auch dann, wenn die Produktion vermindert wird. Wir erhalten auf diese Weise eine konkav geneigte Kurve des Grenzertragsverlaufes:

 

 

 

 

Im Rahmen der Klassik findet man zumeist diejenige Variante des Ertragsgesetzes, welche sowohl einen aufsteigenden als auch einen absteigenden Ast des Grenzertrags kennt. Beziehen wir z. B. den  Ertragsverlauf auf den Arbeitseinsatz, so wird stillschweigend unterstellt, dass die Kapitalausstattung für eine größere Produktion und damit auch für einen größeren Einsatz an Arbeitskräften ausreicht, sodass eine Zunahme des Arbeitskräfte­einsatzes zunächst zu einem Anstieg des Grenzertrages der Arbeit führt.

 

Man geht hier davon aus, dass die Unternehmungen bei der Errichtung der Produktionsanlage mit einem Wachstum und damit einer Ausweitung der Produktion rechnen und deshalb die Anlage so planen, dass sie eine Steigerung der zukünftigen Produktion und damit auch die Beschäftigung weiterer Arbeitnehmer verkraftet. Deshalb ist zu Beginn der Produktion die Kapazität noch unausgelastet, erst die weitere Entwicklung der Unternehmung führt dann eines Tages zur Vollauslastung.

 

Empirische, multinationale Untersuchungen, welche von dem Mathematiker Cobb und dem Wirtschaftswissen­schaftler Douglas im 20. Jahrhundert durchgeführt wurden, haben ergeben, dass die industriellen Produktions­funktionen in der Regel in der nach beiden Wissenschaftlern benannten Cobb-Douglas-Funktion dargestellt werden können:

 

X = b * Aα * K(1-α)

 

Danach verbinden sich mit einer Cobb-Douglas-Produktionsfunktion vor allem zwei Merkmale: Wird lediglich ein Produktionsfaktor bei Konstanz der anderen Produktionsfaktoren variiert, so sind mit wachsendem Einsatz eines Faktors sinkende Grenzerträge zu erwarten. Wenn jedoch alle Produktionsfaktoren so variiert werden, dass das Einsatzverhältnis der Faktoren konstant bleibt, variiert auch die Produktionsmenge proportional mit dem Einsatz der Faktoren.

 

Gilt diese Produktionsfunktion, dann gilt von Anfang an, dass mit vermehrtem Einsatz eines einzelnen Produktionsfaktors der partielle Grenzertrag abnimmt. Diese Gesetzmäßigkeit widerspricht allerdings der oben dargestellten Problematik des Engpassfaktors, wonach bis zu einem Ertragsmaximum mit steigenden partiellen Grenzerträgen zu rechnen ist.

 

Man könnte diesen Widerspruch dadurch auflösen, dass das Ertragsmaximum diesseits der relevanten Produktionsmenge liegt, sodass zwar die Produktionsfunktion zunächst steigende und dann ab dem Ertragsmaximum sinkende partielle Grenzerträge aufweist, dass aber de facto in der Regel auf dem absteigenden Ast der Ertragsfunktion produziert wird und dass man deshalb den aufsteigenden Ast vernachlässigen kann.

 

 

8. Grenzertrag versus Grenzkosten

 

Die Ertragsgesetze heben darauf ab, den Verlauf des Ertrages in Abhängigkeit vom Einsatz der Produktions­faktoren zu zeigen. Diese Fragestellung spielt vor allem im Rahmen der Allokations- sowie der Verteilungstheorie eine Rolle. Im Rahmen der Unternehmungstheorie spielt hingegen viel mehr eine Rolle, wie sich die Kosten entwickeln, wenn die Produktionsmenge variiert wird.

 

Die Kostenfunktionen stellen jedoch das Spiegelbild der Ertragsfunktionen dar, jedem Wert innerhalb der Ertragsfunktion entspricht ein Wert innerhalb der Kostenfunktion. Wir können also die gleichen Zusammen­hänge entweder als Ertragsgesetzmäßigkeit oder als Kostengesetzmäßigkeit darstellen und deshalb aus einer gegebenen Ertragsfunktion jederzeit eine Kostenfunktion ableiten.

 

Im Hinblick auf die Produktionskosten sind hierbei folgende Begriffe auseinanderzuhalten. Die Gesamtkosten fassen alle Kostenarten zusammen. Die Gesamtkosten lassen sich in fixe und in variable Kosten untergliedern, wobei das Unterscheidungsmerkmal darauf abhebt, ob bestimmte Kosten mit der Ausweitung der Produktions­menge ebenfalls ansteigen oder davon unberührt, also konstant bleiben.

 

Neben den Gesamtkosten sind weiterhin die Durchschnittskosten und die Grenzkosten von Bedeutung. Bei den Durchschnittskosten wird die Gesamtkostensumme durch die produzierte Gütermenge dividiert, sie stellen also die Kosten pro Gütereinheit dar und werden deshalb auch als Stückkosten bezeichnet. Hierbei kann weiter untergliedert werden, ob es sich um die fixen oder um die variablen oder schließlich um die gesamten (fixe wie variable) Stückkosten handelt. Die Grenzkosten unterrichten schließlich darüber, wie sich die Kosten verändern, wenn die Produktions­menge um eine Einheit vergrößert oder auch verringert wird. Ex definitione hängt dieser Kostenzuwachs (diese Kostenminderung) immer nur von der Höhe der variablen Kosten ab, der Umfang der fixen Kosten geht hingegen nicht in den Verlauf der Grenzkosten­kurve ein.

 

Betrachten wir zunächst die Gesamtkostenfunktion. Auch dann, wenn überhaupt nichts produziert wird, entstehen Kosten, die sogenannten fixen Kosten, sie beziehen sich vor allem auf die Kosten der Produktionsanlage, also z. B. auf die Abschreibungen für die Maschinen und Gebäude, aber auch auf alle vertraglich fixierten Ausgaben, die anfallen, unabhängig davon, ob und wie viel produziert wird.

 

Allerdings liegt es in der Entscheidung einer Unternehmung, welche Kosten als fix und welche als variabel kalkuliert werden. So kann eine Unternehmung eine bestimmte Anlage kaufen, in diesem Falle entstehen unabhängig von der Produktion Abschreibungskosten. Die Unternehmung kann jedoch diese Anlage auch mieten (leasen) und vertraglich mit dem Eigentümer dieser Anlage eine verbrauchsabhängige Miete vereinbaren. In diesem Falle entstehen im Zusammenhang mit dieser Anlage für den Unternehmer, der diese Anlage betreibt, variable, von der Produktionsmenge abhängige Kosten.

 

Wird nun die Produktion aufgenommen, so entstehen variable Kosten, deren Höhe von der Produktionsmenge abhängt. Die Gesamtkosten steigen also mit wachsender Produktion. Wie schnell sie steigen, hängt nun davon ab, ob die Höhe der variablen Stückkosten selbst wiederum von der Produktionsmenge abhängt. Unterstellen wir eine klassische Ertragsfunktion mit zunächst steigenden Grenzerträgen und dann von einer bestimmten Ausbringungsmenge an mit abnehmenden Grenzerträgen, so steigen die Gesamtkosten zunächst unterpro­portional, von einer bestimmten Ausbringungsmenge an jedoch überproportional an.

 

 

 

 

Von dieser Gesamtkostenfunktion können wir nun sowohl die Grenzkostenkurve als auch die Kurve der Durchschnittskosten ableiten. Die Grenzkostenkurve unterrichtet uns darüber, um welchen Betrag die Kosten ansteigen, wenn die Produktionsmenge um eine Einheit vergrößert wird. Die Höhe der Grenzkosten wird hierbei von der Höhe der variablen Kosten bestimmt, wobei berücksichtigt werden muss, dass die Höhe der variablen Kosten selbst wiederum von der Produktionsmenge abhängig sein kann. Nehmen wir als Beispiel den Lohnsatz pro Arbeitsstunde. Wird die Produktion ausgeweitet, fallen unter Umständen Überstunden an, die mit einem Aufschlag auf den regulären Lohn bezahlt werden müssen.

 

Aber nicht nur die Lohnhöhe pro Arbeitsstunde beeinflusst die Höhe der Grenzkosten. Wir haben vielmehr davon auszugehen, dass bei zunehmender Produktion unter Umständen auch mehr Arbeitsstunden pro Gütereinheit eingesetzt werden müssen mit der Folge, dass die variablen Stückkosten mit wachsender Produktion ansteigen. Allerdings wird im Rahmen einer klassischen Ertragsfunktion unterstellt, dass die Grenzkosten bis zu einer kritischen Ausbringungsmenge mit wachsender Produktion sogar abnehmen.

 

 

 

 

Die Kurve der gesamten Stückkosten leitet sich aus der Grenzkostenkurve ab, unterscheidet sich aber von dieser in zweierlei Hinsicht. Zunächst werden hier die Kosten nicht auf die letzte Gütereinheit, sondern auf den Durchschnitt aller bisher produzierten Gütermengen bezogen. Dies hat zur Folge, dass ein Kostenanstieg bei der Stückkostenkurve geringer ausfällt als bei der Grenzkostenkurve, da ja nun der Kostenanstieg bei der zuletzt produzierten Gütereinheit auf alle bisher produzierten Gütereinheiten aufgeteilt wird.

 

Ein zweiter Unterschied zur Grenzkostenkurve besteht darin, dass in die Grenzkostenkurve nur die variablen, in die Gesamtstückkostenkurve jedoch zusätzlich die fixen Kosten eingehen. Die gesamten Stückkosten liegen also in aller Regel über den variablen Kosten. Die fixen Stückkosten vermindern sich nun mit wachsender Produktion. Würde nur eine Gütereinheit produziert, so würden die gesamten fixen Kosten auf die Stückkosten aufgeschlagen, jede Ausweitung der Produktion führt jedoch zu einem kontinuierlichen Abfall der fixen Stückkosten.

 

Der Verlauf der gesamten Stückkosten wird somit von mehreren Faktoren bestimmt. Bei einer geringen Produk­tions­menge schlagen fast nur die Fixkosten zu Buche, die variablen Kosten können demgegenüber vernachlässigt werden. Die gesamten Stückkosten fallen deshalb auch zunächst, bis schließlich die Kapazitätsgrenze fast erreicht ist. Zwar steigen die variablen Stückkosten ab einer bestimmten Menge sogar überproportional an, dieser Kostenanstieg wird jedoch zunächst aufgrund des Rückganges der fixen Stückkosten überkompensiert. Erst nahe an der Kapazitätsgrenze steigen die variablen Stückkosten so stark an, dass auch die gesamten Stückkosten ansteigen.

 

 

 

 

 

 

Bei welcher Produktionsmenge nun das Minimum der gesamten Stückkosten erreicht ist, hängt natürlich vom Grad der Kapitalisierung einer Unternehmung ab, da die Höhe der Fixkosten mit der Zunahme der Kapitalintensität rapide ansteigt. Deshalb lohnt sich auch bei starker Kapitalisierung nur eine Massenproduk­tion. Sie verursacht eine starke Reduzierung der Kosten und führt damit zu einer Steigerung der Nachfrage und des Absatzes.