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Seminar über Ökonomische Gesetze

 

 

Gliederung:

 

  1. Gibt es überhaupt ökonomische Gesetze?

  2. Das Bevölkerungsgesetz von Malthus

  3. Das Gesetz von der Gleichgewichtstendenz

  4. Das Cobweb-Theorem 

  5. Das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag 

  6. Die Gossen‘schen Gesetze

  7. Das Gesetz von der Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse

  8. Das Harberger Dreieck

  9. Das Gresham’sche Gesetz

10. Das Okun’sche Gesetz

11. Das Gesetz vom Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft

12. Das Arrow-Paradox

 

 

 

Kapitel 11. Das Gesetz vom Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Wissenschaftlicher Sozialismus

3.  Die Philosophie G. F. W. Hegels

4.  Die Arbeitswertlehre

5.  Die Verelendungsthese

6.  Die These von der zunehmenden Konzentration 

     

 

1. Problemeinführung

Karl Marx versuchte nachzuweisen, dass der Kapitalismus – das zu seiner Zeit vorherrschende Wirtschaftssystem – Kräfte in sich trage, sich selbst zu zerstören und damit automatisch zu einer sozialistischen Gesellschaft überführt zu werden. Das vorherrschende System nannte er Kapitalismus um anzudeuten, dass dieses System auf dem Privatbesitz des produktiven Kapitals beruhe und von den Eigentümern dieses Kapitals beherrscht werde. Von Sozialismus sprach Karl Marx hingegen, um darauf hinzuweisen, dass das Kapital in dem kommenden System sozialisiert sei und der Volksgemeinschaft gehöre.

Karl Marx lebte von 1818 – 1883, er war deutscher Philosoph und Publizist, Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Seine wichtigsten Ideen sind niedergelegt in seinen drei Hauptwerken: die im Jahre 1847 herausgegebene Arbeit über ‚Misère de la philosophie‘, das im Jahre 1859 veröffentliche Werk ‚Zur Kritik der politischen Ökonomie‘ und schließlich das in zwei Bänden  1867 erschienene Kapital. Er verbrachte seine Zeit zunächst als Mitarbeiter, später als verantwortlicher Redakteur der Rheinische Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe“, dem Hauptorgan der radikalen Oppositionellen.

Im Herbst des Jahres 1843 ging Marx nach Paris und begann dort, zusammen mit Arnold Ruge, die Deutsch-Französischen Jahrbücher herauszugeben. Während dieser Arbeit begann auch der briefliche Kontakt mit Friedrich Engels, der zwei Artikel beigetragen hatte und mit dem er später (1848) das Kommunistische Manifest verfasste. Er verbrachte seine Zeit teilweise in Paris, Brüssel und Köln und musste dann schließlich nach London ins Exil auswandern. Wesentliche Teile dieses Artikels sind meiner im Internet veröffentlichten Artikelserie: Sozialismus Teil I bis Teil IV entnommen.

 

 

2. Wissenschaftlicher Sozialismus

 

Karl Marx war zusammen mit Friedrich Engels Mitbegründer des sogenannten ‚wissenschaftlichen‘ Sozialismus. Sie versuchten sich auf diese Weise gegenüber den Frühsozialisten abzugrenzen und bezeichneten diese etwas abfällig als utopische Sozialisten.

 

Zu den französischen Frühsozialisten zählte unter anderem Charles Fourier (1772 – 1837), französischer Sozialphilosoph. Vor allem in seiner Arbeit von 1829 ‚Nouveau monde industriel et sociétaire‘ forderte er eine Aufteilung des Staates in Genossenschaften, entwickelte er soziale Vorschriften, welche Ehe und Familie ersetzen sollten und vertrat die Auffassung, dass Privateigentum zwar nur als Konsumeigentum erlaubt sei, dass jedoch ein Zusammenleben von Arm und Reich erwünscht sei.

 

Zu den französischen Frühsozialisten zählt weiterhin Henri de Saint Simon (1760-1825), der Begründer des religiös (christlich) fundierten Sozialismus. Seine wichtigsten Ideen entwickelte er in seiner 1825 veröffentlichen Arbeit über: ‚Nouveau  Christianisme‘.Er sah es als die Aufgabe der classe industrielle an, Arbeit und Wohlstand zu schaffen und diesen allen, vor allem auch den Ärmsten, zugutekommen zu lassen. Er hielt es für unumgänglich, sowohl die angestammten Privilegien des Adels zu beschneiden, als auch das Privateigentum, in dem er einen Grund für die Ausbeutung sah, zu beschränken.

 

Weiterhin zählt zu diesem Kreis auch Joseph Pierre Proudhon (1809 – 1856), französischer Schriftsteller, auch als Vater des Anarchismus bezeichnet. Sein Hauptwerk: ‚Systèmes  des contradictions économiques, ou philosophie de la misère‘ wurde im Jahre 1846 veröffentlicht. Er forderte, das moralische Verantwortungs­gefühl des Einzelnen so weit zu entwickeln, dass jede Form der Regierung überflüssig sei. Er verwarf den Gebrauch von Gewalt, um den Menschen irgendein System aufzuzwingen. Diese Schrift hatte dann auch Karl Marx veranlasst, im Jahre 1847 seine Schrift: ‚Misère de la philosophie‘ zu veröffentlichen, in welcher er die Arbeiten Proudhon zu widerlegen versuchte.

 

Etwas abseits stehen die Ideen von Louis Blanc (1821 – 1882), der zwar als französischer Sozialist bezeichnet werden kann, der jedoch die Revolution ablehnte. Sein Hauptwerk: ‚Organisation du travail‘ erschien 1839. Er forderte darin die Bildung von Arbeiterproduktionsgemeinschaften und eine friedliche Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft.

 

Robert Owen (1771 – 1858)  gilt demgegenüber als wichtigster Vertreter des Frühsozialismus in England. Er war ein britischer Sozialreformer und Unternehmer. In seinem  1813 veröffentlichten Hauptwerk: ‘A new view on society, or essays on the formation of the human character’ setzte er sich  u.a. ein für ein Verbot von Kinderarbeit, der Beschränkung der Arbeitszeit auf 10 1/2 Stunden, weiterhin für die Errichtung einer Mustersiedlung und für eine allgemeine Schulbildung, schließlich auch dafür, dass Arbeiter ihren  Bedarf zum Selbstkostenpreis beziehen dürften. Er war davon überzeugt, dass eine bessere Umwelt auch zu besseren Menschen führe, in dem die Produktivität und auch die Gewinne erhöht werden könnten.

 

Weitling, ein Frühsozialist mit christlichen Überzeugungen, gilt als erster deutscher Theoretiker des Kommunismus. Der deutsche Ökonom Karl Rodbertus (1805–1875) war schließlich Begründer des Staatssozialismus.

 

Karl Marx versuchte sich auch gegenüber den Vertretern der historischen Schule abzugrenzen und bezeichnete diese verächtlich als Kathedersozialisten. Zu den wichtigsten Vertretern der jüngeren historischen Schule zählt vor allem Gustav von Schmoller (1838 – 1917). Er war deutscher Ökonom, Gründer der jüngeren historischen Schule und Mitbegründer des Vereins für Socialpolitik. Der Verein für Socialpolitik war ein wissenschaftliches Forum, in dem sich die Ökonomen vorwiegend aus dem Kreis der historischen Schule trafen und sich für Sozialreformen und für eine Lösung der sozialen Frage einsetzten. Diese Gedankengänge und Forderungen beeinflussten maßgeblich die Sozialpolitik und die Sozialgesetzgebung Otto von Bismarck in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Diese Sozialreform brachte zwar nur für einen Teil der Arbeitnehmer einen Minimalschutz, galt jedoch in der damaligen Zeit innerhalb Europas als vorbildlich.

 

Zu den wichtigsten Veröffentlichungen Schmollers zählen die Schriften: ‚Die sociale Frage und der preußische Staat‘ (1874), weiterhin:  ‚Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft‘ (1881) sowie: ‚Zur Methodo­logie der Staats- und Sozialwissenschaften‘ (1881). Ideengeschichtlich war Schmoller vor allem von Darwin, Spencer und Comte beeinflusst. Er trat für sozialpolitische Reformen und Umverteilung ein. Seine Arbeiten beschränkten sich im Wesentlichen auf  wirtschaftshistorische Arbeiten.

 

Zu den Vertretern der jüngeren historischen Schule zählten weiterhin Georg Friedrich Knapp (1842 – 1926) und Ludwig Joseph  Brentano (1844-1931). Im Gegensatz zu Schmoller war Brentano prinzipiell theoriefreundlich und liberal eingestellt, bejahte jedoch die Notwendigkeit von Sozialreformen. Im Hinblick auf die Bedeutung der Wirtschaftstheorie war Schmoller hingegen der Auffassung, dass deduktiven Theorien allenfalls als Zukunftsprogramm eine gewisse Rolle zukomme. Das empirische Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge sei viel zu unvollkommen, als dass bereits heute gültige Theorien entwickelt werden könnten.

 

Karl Marx wandte sich vor allem gegen die sozialreformerischen Bemühungen sowohl der Frühsozialisten als auch der Vertreter der historischen Schule. Diese Bemühungen könnten keinen wesentlichen Einfluss auf die Lage der Arbeiter nehmen, sie wären jedoch dysfunktional, da sie den Entwicklungsprozess zu einer sozialistischen Gesellschaft nur hinauszögerten. Für das Zustandekommen der sozialistischen Gesellschaft sei es einmal unerlässlich, dass die Arbeitnehmer in der kapitalistischen Gesellschaft verarmten, da dieser Verarmungsprozess wesentliche Voraussetzung dafür sei, dass sich die Arbeiter in einer Revolution erheben und der kapitalistischen Gesellschaft einen Todesstoß versetzen würden.

 

 

 

3.  Die Philosophie G. F. W. Hegels     

In geschichtsphilosophischer Hinsicht war Karl Marx Schüler von Georg Friedrich Wilhelm Hegel, der von der Überzeugung ausging, dass die Geschichte in einem Dreierschritt: These, Antithese und schließlich Synthese voranschreite.

 

In einem ersten Schritt werde nach Hegel eine Idee entwickelt, die ‚These‘. Diese werde jedoch nicht unwidersprochen hingenommen, sondern rufe in einem zweiten Schritt eine Gegenthese, die sogenannte Antithese hervor. Es komme schließlich in einem dritten Schritt durch Auseinandersetzung von These und Antithese zur Synthese, welche schließlich Elemente sowohl der These wie auch der Antithese enthalte.

 

In einem entscheidenden Punkt allerdings widersprach Karl Marx Georg Friedrich Hegel. Während Hegel der Überzeugung war, dass die Geschichte schließlich durch Ideen fortschreite, meinte Karl Marx, dass Hegel die Verhältnisse auf den Kopf gestellt habe, dass die Ideen nur die Entwicklung in den materiellen Verhältnissen widerspiegelten und dass es deshalb die Entwicklung in diesen materiellen Verhältnissen sei, welche die Geschichte vorantreibe. So habe die feudale Gesellschaft des Mittelalters als ‚These‘ den Kapitalismus als Antithese hervorgebracht und beide zusammen haben bewirkt, dass am Ende dieses Prozesses der Sozialismus stehe.

 

Die Vorstellung, dass die Menschen Ideen entwickeln, dass diese Widerspruch erfahren und dass sich aus der Auseinandersetzung dieser Meinungen schließlich Vorstellungen bilden, welche Elemente aller an der Diskussion beteiligter Ideen enthalten, entspricht nun sicherlich der Wahrheit. Falsch ist hierbei allerdings die Auffassung, dass dieser Prozess deterministisch erfolgt, in dem Sinne, dass es für eine bestimmte These immer nur eine Antithese gebe und dass aus der Auseinandersetzung dieser beiden Thesen schließlich eine von vornherein bestimmte Synthese entstehe.

 

Vielmehr zeigt die Erfahrung, dass auf der einen Seite eine bestimmte These durchaus mehrere Antithesen hervorrufen kann und dass es keinesfalls vorherbestimmt ist, welche Elemente der unterschiedlichsten Thesen sich schließlich durchsetzen. Auf der anderen Seite ist es eine Art schöpferischer Prozess, der Ideen und Antithesen entstehen lässt, sodass schon aus diesen Gründen nicht von vornherein feststeht, welche Antithesen entwickelt werden.

 

Weiterhin ist es sicherlich ebenfalls richtig, dass die materiellen Interessen einen entscheidenden Einfluss auf die Ideen und mit ihnen auf die geschichtliche Entwicklung nehmen. Wiederum ist es jedoch falsch zu unterstellen, dass diese materiellen Interessen die einzigen Bestimmungsgründe der geschichtlichen Entwicklung darstellen. Auch in der Frage der Beziehung von materiellen Interessen und Fortschreiten der Entwicklung gilt, dass bestimmte materielle Daten keinesfalls immer nur eine und die gleiche Idee erzeugen, dass vielmehr die ideelle Antwort auf bestimmte materielle Gegebenheiten zumeist eine unter mehreren möglichen Antworten ist.

 

Auch hier liegt ein schöpferischer Prozess vor, es hängt von den intellektuellen Leistungen einzelner geschichtlicher Persönlichkeiten ab, welche Antworten auf vorgegebene Fragen schließlich gefunden werden und es hängt in gleichem Maße von der Durchsetzungsfähigkeit dieser Persönlichkeiten ab, welche Idee sich schließlich durchsetzt.  

 

Das, was am geschichtlichen Prozess wissenschaftlich erfasst werden kann, liegt in einem ganz anderen Zusammenhang. Diese Frage wurde in der Auseinandersetzung zwischen neoklassischer Wirtschaftslehre und historischer Schule im ausgehenden 19. Jahrhundert ausführlich diskutiert. Während die Vertreter der neoklassischen Schule - allen voran Carl Menger – die Meinung vertraten, dass auch wirtschaftliche Gegebenheiten mit den gleichen wissenschaftlichen Methoden analysiert werden könnten wie die Fragestellungen der Naturwissenschaft, warben die Vertreter der historischen Schule – hier vor allem Gustav von Schmoller – für die Idee, dass sich geschichtliche Prozesse der naturwissenschaftlichen Analyse entzögen, dass sie nur durch Methoden der Geschichtswissenschaft verstanden, aber nicht ursächlich erklärt werden könnten.

 

Walter Eucken versuchte in diesem Streit zu vermitteln. Auch er war der Meinung, dass es im Bereich der gesellschaftlichen, vor allem der wirtschaftlichen Prozesse keine allgemein gültigen Gesetze in dem Sinne gebe, dass jedes einzelne Ereignis durch die historischen Prozesse vorherbestimmt sei. Jede wirtschaftliche Situation sei einmaliger Natur und gerade aus diesen Gründen lehnte Walter Eucken die Berechtigung einer Konjunkturtheorie ab, da der konkrete Verlauf einer Konjunktur immer einmaliger Natur sei.

 

Diese Erkenntnis bedeute jedoch nicht, dass im Bereich von Wirtschaft und Gesellschaft keine allgemeingültigen Zusammenhänge gelten würden. Vielmehr ging Walter Eucken von der Vorstellung aus, dass es eine begrenzte Anzahl von wirtschaftlichen Ordnungselementen gäbe und dass von diesen elementaren Ordnungsformen ganz bestimmte Wirkungen auf die Lösung wirtschaftlicher Probleme ausgehen. Jede konkrete Situation sei somit einmalig in dem Sinne, dass jeweils sehr unterschiedliche und in diesem Sinne einmalige Mischungen der einzelnen Ordnungselemente vorliegen. Trotzdem könnten sehr wohl von der Wirtschaftstheorie allgemeine Gesetzmäßigkeiten untersucht werden, so könne z. B. festgestellt werden, dass Konkurrenzmärkte in besserem Maße als monopolistische oder oligopolistische Märkte in der Lage seien, die Produktion an den Konsumentenwünschen auszurichten.

 

Zurück zu der These von Karl Marx, dass die sozialistische Gesellschaft automatisch und notwendigerweise aus dem Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaften entstehe. Die geschichtliche Erfahrung hat gezeigt, dass die allgemeine geschichtliche Entwicklung gerade nicht diesem Schema gefolgt ist und deshalb auch nicht deterministisch vorgegeben ist. Das führende kommunistische Land in der Vergangenheit war die Sowjetunion. Diese ist jedoch gerade nicht aus einer industrialisierten kapitalistischen Volkswirtschaft hervorgegangen, Russland stand im Zeitpunkt der kommunistischen Revolution noch auf einer vorindustriellen Phase. Ähnliche Überlegungen gelten auch für China, ebenfalls einem führenden kommunistischen System.

 

Nur für die ehemalige DDR kann gelten, dass hier ein bereits industrialisiertes und vorwiegend kapitalistisches Wirtschaftssystem von einem sozialistisch geordneten System abgelöst wurde. Aber gerade hier entsprach der Übergang zur kommunistischen Gesellschaft gerade nicht dem von Karl Marx vorgezeichneten Entwicklungsweg. Die ehemalige DDR wurde eben gerade nicht aufgrund der kapitalistischen Widersprüche zu einer sozialistischen Gesellschaft, sondern allein deshalb, weil die sowjetische Besatzungsmacht mit Waffengewalt die sozialistische Revolution erzwang. Die drei Westzonen waren genauso wie die Ostzone aus einem industrialisierten und kapitalistisch geordneten Wirtschaftssystem hervorgegangen – der Anteil am Industriesektor war in den Westzonen sogar noch höher als in der Ostzone – und trotzdem kam es hier nicht zu der Errichtung einer kommunistischen Wirtschaft.

 

Dass die Prophezeiungen der marxistischen Theorie nicht eintraten, lag unter anderem daran, dass sich entgegen den Voraussagen von Karl Marx die Kernaussagen der Verelendungstheorie nicht bestätigten, wonach sich die materielle Lage der Arbeitnehmer im Verlaufe der wirtschaftlichen Entwicklung immer mehr verschlechtern müsse. Zu Beginn der Industrialisierung war zwar die wirtschaftliche Lage der Industriearbeiter katastrophal schlecht, im Zuge der Weiterentwicklung der Industrialisierung konnte jedoch das reale Einkommen in starkem Maße absolut ansteigen, noch nicht einmal der Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt verminderte sich auf langfristige Sicht.

 

Die tatsächlich zu beobachtende Verelendung der Industriearbeiter zu Beginn der Industrialisierung hatte auch nichts mit der Industrialisierung und mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung als solcher zu tun; sie trat ein, weil im Zuge der Industrialisierung das soziale System der mittelalterlichen Ordnung zerbrach und eine Binnenwanderung größten Umfanges in die Städte stattfand und damit unter anderem die in der mittelalterlichen Gesellschaft bestehende Kontrolle über die Geburtenrate entfiel. Es kam zu einem immensen Bevölkerungswachstum, wobei die Wachstumsrate der Bevölkerung zunächst die der Güterproduktion überstieg und damit notwendigerweise zu einem Rückgang im Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung und damit auch der Industriearbeiter führen musste, obwohl die Industrialisierung als solche sehr wohl langfristig zu einer Steigerung in der Wachstumsrate des Inlandsproduktes beitrug.

 

Dass die Verelendung der Industriearbeiter mit zunehmender Entwicklung entgegen der Aussagen von Karl Marx nicht anstieg, sondern sogar zurückging, lag gerade daran, dass aufgrund kapitalistischer Methoden die Wachstumsrate der Produktion so stark angehoben werden konnte, dass sie über die Wachstumsrate der Bevölkerung anstieg und damit auch eine Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens der Arbeitnehmer ermöglichte.

 

Auch die zweite These von Karl Marx, welche den Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft herbeiführen sollte, wurde durch die geschichtliche Erfahrung widerlegt. Zwar ist es richtig, dass freie Unternehmer Konkurrenz als lästig empfinden und dass sie sich darum bemühen, Konkurrenz durch monopolistische Zusammenschlüsse zu überwinden. Und in der Tat ist die Geschichte der Industrialisierung auf der ganzen Welt durch Konzentrationsprozesse geprägt.

 

Die Geschichte hat aber auch gezeigt, dass diese Monopolisierungstendenz immer wieder dadurch durchbrochen wird, dass neue Konkurrenz entsteht, zumindest dort, wo sie nicht durch staatliche Maßnahmen behindert wird. Dort, wo sich Monopolsituationen längere Zeit hindurch festsetzen konnten, lag es in erster Linie daran, dass die Staaten durch Abschottung ihrer Volkswirtschaften (vorwiegend durch Importzölle und andere Behinderungen des Außenhandels) sonst mögliche Konkurrenz unterbunden haben. Weiterhin haben Walter Eucken und andere daraufhin gewiesen, dass ein funktionierender Wettbewerb nur durch eine aktive Wettbewerbspolitik erhalten werden kann und dass der Staat die Aufgabe hat, entweder durch eine Kartellverbotsgesetzgebung oder zumindest durch eine Missbrauchskontrolle den Monopoli­sierungs­tendenzen in der Volkswirtschaft entgegenzuwirken.

 

Gerade durch den in den letzten Jahrzehnten stattgefundenen Globalisierungsprozess ist immer wieder erneut weltweite Konkurrenz entstanden. Die Größe der Unternehmungen stieg zwar stetig an, führte aber trotzdem in der Regel nicht zu einer Zunahme der Konzentration, da gerade die Großkonzerne vermehrt einem internationalen Wettbewerb gegenüber treten mussten.

 

Für die These Karl Marx vom Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft ist es jedoch unerlässlich, dass dieser Konzentrationsprozess solange anhält, bis schließlich nur noch eine geringe Anzahl von Unternehmungen bestehen bleibt, welche dann auch relativ leicht sozialisiert und in Staatshand überführt werden kann.

 

 

4.  Die Arbeitswertlehre

 

Genauso wie Karl Marx im Hinblick auf seine philosophischen Ansichten Schüler von Georg Friedrich Hegel war, folgte Karl Marx – wie vor allem Joseph Alois Schumpeter gezeigt hat – in seinen wirtschaftlichen Überlegungen den Lehren David Ricardos. Vor allem legte Karl Marx seinen wirtschaftsanalytischen Gedankengängen die klassische Arbeitswertlehre zugrunde, welche vor allem von Davis Ricardo entwickelt wurde. Danach lässt sich der Wert eines Gutes danach feststellen, wie viel Arbeitsstunden für die Produktion einer Gütereinheit gesellschaftlich benötigt werden.

 

Eigentlich hätte man nach damaligem common sense erwarten müssen, dass entsprechend der damals vorherrschenden objektiven Wertlehre der Wert eines Gutes (und dies ist der langfristig gültige Güterpreis) von der Höhe aller Kostenfaktoren bestimmt werde. Und zu den Produktionsfaktoren wurden nicht nur die Arbeit, sondern auch der knappe Boden sowie das Kapital gerechnet. Eine objektive Wertlehre kann also nur dann überzeugen, wenn der Nachweis gelingt, dass weder der Boden noch das Kapital die Höhe des Wertes mitbestimmt. Denn ansonsten wäre der Wert des Gutes unbestimmt, solange nicht bekannt ist, in welchem Verhältnis die einzelnen Produktionsfaktoren zum Wert des gesamten Produktes beitragen.

 

Genau diese Aufgabe hatte sich David Ricardo gestellt. Er versuchte nachzuweisen, dass eine Bodenrente nur deshalb gezahlt wird, weil mit wachsender Produktion immer mehr auf weniger produktive Böden zurückgegriffen werden müsse und weil der freie Markt dafür sorge, dass für die Endprodukte ein gleicher Preis gezahlt werde, unabhängig davon, wie produktiv die einzelnen Böden seien. Die Folge sei, dass die Besitzer von produktiveren Böden eine Differentialrente (Qualitätsrente) bezögen. Die Rente sei also Folge der gestiegenen Knappheit und der damit verbundenen Preissteigerungen bei den landwirtschaftlichen Produkten und könne deshalb – aus logischen Gründen – nicht gleichzeitig Ursache der gestiegenen Preise sein. Der Boden war also nach Auffassung David Ricardos als Bestimmungsgrund der Werte eines Gutes ausgeschaltet.

 

Wie gelang es nun David Ricardo das Kapital als Bestimmungsgrund der Wertbildung der Güter zu eliminieren? Hierzu muss man sich daran erinnern, dass die primäre Aufgabe jeder klassischen Wertlehre darin bestand, nicht die absolute Preishöhe, sondern die Relation zwischen den einzelnen Güterpreisen zu bestimmen. Die Preisstruktur werde jedoch nach Auffassung David Ricardos nicht durch das bei der Produktion eingesetzte Kapital bestimmt. Es gelte nämlich ein einheitlicher Zins für erwerbswirtschaftlich angelegtes Kapital und dies wiederum bewirke, dass die  Zinskosten zwar die absolute Höhe der Güterpreise, nicht aber den Wert – die relative Preishöhe – mitbestimme. Auf die Arbeitskosten werde jeweils ein gleicher, von der Zinshöhe abhängiger Prozentsatz für die Kapitalkosten aufgeschlagen, die Relation zwischen den einzelnen langfristig gültigen Güterpreisen werde also durch Zinsänderungen nicht berührt. Damit war auch das Kapital als zweiter möglicher Bestimmungsgrund eines Güterwertes ausgeschlossen.

 

Nun galt es drittens zu berücksichtigen, dass die Arbeit unterschiedliche Qualitäten aufweist und dass deshalb auch die Lohnhöhe zwischen den einzelnen Arbeitskräften je nach Qualität der Arbeit differiert. Ein Facharbeiter erhält einen höheren Lohn als ein ungelernter Hilfsarbeiter. Um nun zu dem Ergebnis der klassischen Arbeitslehre zu gelangen, dass nämlich allein die Zahl der zur Produktion notwendigen Arbeitsstunden den Güterwert bestimme, musste David Ricardo auch die Qualifizierung der Arbeitskräfte als möglichen Bestimmungsgrund des Güterwertes ausschließen. Ricardo tat dies dadurch, dass er von der Annahme ausging, dass die Lohnstruktur langfristig technisch und nicht von wirtschaftlichen Faktoren wie etwa Knappheit oder Produktivität bestimmt werde.

 

Wenn also die Lohnstruktur langfristig allein technisch bestimmt werde, könne man die unterschiedlichen Arbeitsqualitäten in der Wertlehre dadurch berücksichtigen, dass man die qualifizierte Arbeit einfach mit Hilfe dieser vorgegebenen technischen Größe in Normalarbeitsstunden umrechne. Wenn somit für die Produktion einer bestimmten Gutseinheit neben 10 einfachen Arbeitsstunden zusätzlich 4 Arbeitsstunden von Facharbeitern benötigt werden und wenn für diese qualifizierte Arbeit ein doppelt so hoher Lohn entrichtet werde, könne man die vier Arbeitsstunden aus qualifizierter Arbeit in 8 Normalarbeitsstunden umrechnen.

 

Es scheint also – vordergründig betrachtet – David Ricardo gelungen zu sein, den Wert eines Gutes allein auf die Anzahl der zur Produktion dieses Gutes notwendigen Anzahl an Arbeitsstunden zurückzuführen und damit die Arbeitswertlehre auf eine wissenschaftlich korrekte Basis zu stellen. In Wirklichkeit ging David Ricardo allerdings von der unrealistischen Annahme aus, dass die Dauer der Kapitalanlagen für alle Investitionen gleich groß sei. Aus diesen, aber auch aus anderen Gründen, die hier nicht dargelegt werden können, war also David Ricardo der Nachweis der Arbeitswertlehre nicht gelungen.

 

Karl Marx hat diese von Ricardo entwickelte Arbeitswertlehre übernommen. Genauso wie er jedoch vermeinte, die Hegelsche Lehre auf die Füße stellen zu müssen, hat Karl Marx auch die Ricardianische Arbeitswertlehre zumindest in zwei Punkten abgewandelt und damit weiterentwickelt. Auf der einen Seite versuchte er die Arbeitswertlehre auch zur Erklärung des Wertes der Arbeit anzuwenden. Auf der anderen Seite sah er im Arbeitswert nicht nur einen Maßstab und eine Steuerungsgröße und damit eine relative Größe, sondern der Arbeitswert diente ihm als Maßstab für den absoluten Wert eines Gutes.

 

Nicht nur für die Güter gelte also, dass sich ihr Wert an der Anzahl der notwendigen Arbeitsstunden ausrichte, sondern auch die Arbeit selbst erhalte ihren Wert dadurch, dass zur Reproduktion und Erhaltung der Arbeitskraft selbst wiederum Arbeit aufgewandt werden müsse. Der Arbeiter bleibe nur dadurch in der Lage zu arbeiten, dass er sich ernähre und in der ihm verbleibenden Freizeit seine Arbeitskraft regeneriere. Da der Wert eines Gutes nach klassischen Vorstellungen nicht primär davon abhängt, wie viel Arbeitsstunden tatsächlich zur Erzeugung eines Gutes aufgewandt wurden, sondern nur allein wie viel Arbeitsstunden notwendig sind, um ein Gut zu erzeugen, gilt für Marx das Existenzminimum (an Gütern und Freizeit) als Maßstab für den Wert der Arbeitskraft. Der Wert, den die produzierten Waren hingegen erzielen, sei höher als die Lohnsumme und die Differenz zwischen dem beim Verkauf der Waren erzielten Erlös und der Lohnsumme fließe den Kapitalisten als Mehrwert zu. Wir würden heute vom Gewinn der Unternehmungen sprechen.

 

Hierbei übernimmt Karl Marx das Ergebnis der ricardianischen Entwicklungstheorie, wonach der Lohnsatz die Tendenz habe, auf das Existenzminimum abzusinken. Karl Marx weicht allerdings insoweit von den Vorstellungen der ricardianischen Theorie ab, als er im Gegensatz zu Ricardo diese Tendenz zur Lohnsenkung nicht auf die Knappheit der Böden zurückführt, sondern auf die Art und Weise, wie sich der technische Fortschritt entwickle. Für David Ricardo war es die zunehmende Knappheit der Böden, welche zu einer permanenten Verringerung des Lohnniveaus im Verhältnis zu den Bodenrenten führen müsste. Die Bodenrente steige wegen der zunehmenden Knappheit der Böden an, mit der Folge, dass für die Bezahlung der Arbeiter ein immer geringer werdender Anteil der Produktion übrig bleibe.

 

Karl Marx hingegen versuchte die Tendenz zur Lohnsenkung damit zu erklären, dass sich die organische Zusammensetzung des Kapitals permanent verschlechtere. Die Kapitalisten erzielten einen Mehrwert, da sie die Arbeitskraft lediglich zu den Herstellungskosten für die Regenerierung der Arbeitskraft – uns das ist das Existenzminimum – anheuern, während der Warenwert, den diese Arbeitskraft erzeugt, wesentlich höher ist.   Die Kapitalisten stünden nun unter einem durch gegenseitige Konkurrenz ausgelösten Druck, ihre Gewinne, den Mehrwert stets wiederum zu akkumulieren (also zu investieren). Hierbei würde jedoch ein immer größerer Teil des Kapitals nicht zum Ankauf von Arbeit, sondern zur Beschaffung technischer Anlagen eingesetzt. Wir würden heute davon sprechen, dass der technische Fortschritt arbeitssparend sei.

 

Die marxistische Vorstellung, dass nur Arbeit Wert erzeuge und dass deshalb bei arbeitssparendem technischem Fortschritt der Gesamtwert der Produktion zurückgehe, führt dann zu geradezu absurden Schlussfolgerungen. Das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung steigt, die Gesamtbevölkerung kann sich einen immer höheren Konsumstandard leisten, trotzdem spricht Karl Marx von einem Rückgang im Gesamtwert der Produktion, anstatt dass er anerkennt, dass die Haushalte eine Nutzensteigerung nicht primär daraus ziehen, dass der Arbeitsaufwand zur Erzeugung der Konsumgüter angestiegen ist, sondern daraus, dass sie mehr und qualitativ bessere Waren konsumieren können.

 

Die Zusammenhänge zwischen technischem Fortschritt und Arbeitslosigkeit sind in Wirklichkeit sehr viel komplizierter. Als erstes gilt es festzustellen, dass technischer Fortschritt – vor allem dann, wenn er arbeitssparender Natur ist – zwar auf der einen Seite zu einer Substitution von Arbeit durch Kapital führt und damit partiell Arbeitslosigkeit auslösen kann, dass aber dieser Effekt auf der anderen Seite auch Kompensationsprozesse auslöst, da technischer Fortschritt stets mit einer Zunahme an Investitionen verbunden ist, welche selbst wiederum eine Mehrnachfrage nach Arbeit auslösen und damit den arbeitsplatzvernichtenden Effekt der Substitutionsprozesse zumindest zum Teil wiederum ausgleichen. Es ist also keinesfalls sicher, dass jeder arbeitssparende technische Fortschritt zu Arbeitslosigkeit führt.

 

Als zweites hat Erich Streißler aufgezeigt, dass der technische Fortschritt tatsächlich langfristig kapitalsparend und nicht arbeitssparend war, arbeitssparend war nur der relativ kleine Teil der Investitionen in Maschinen; langfristig wirkten sich jedoch die kapitalsparenden Effekte bei den Lagerinvestitionen aus, die selbst wiederum durch den technischen Fortschritt im Transportwesen möglich wurden. Wir hatten also in Wirklichkeit vorwiegend einen technischen Fortschritt, der Kapital und gerade nicht Arbeit eingespart hat.

 

Drittens schließlich ist die Frage, welcher technische Fortschritt sich letzten Endes im Durchschnitt durchsetzt, keinesfalls unveränderlich vorgegeben, sondern selbst wiederum davon abhängig, wie sich die Lohn-Zins-Relation entwickelt. Steigt der Lohnsatz stärker an als der Zinssatz, werden kapitalintensive Produktionsverfahren für die Unternehmungen vorteilhafter und sie werden in der Tat durch Mechanisierung Arbeitsplätze abbauen. Wenn auf diese Weise die gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit ansteigt, ist dies nur ein Anzeichen dafür, dass ein technischer Fortschritt ausgelöst wurde, welcher in sozialer Hinsicht keinesfalls erwünscht ist. Er hätte vermieden werden können, wenn sich die Lohn-Zins-Relation entsprechend den Knappheitsverhältnissen entwickelt hätte.

 

Arbeitssparender Technischer Fortschritt ist in sozialer Hinsicht nur dann erwünscht, wenn es an Arbeitskräften mangelt, wenn aufgrund dieses Mangels technisch gesehen mögliche Steigerungen der Produktion und damit Wohlfahrtszuwächse unterbleiben müssten. Hier bedeutet es einen Wohlfahrtsgewinn, wenn durch Mechanisierung die Produktion gesteigert werden kann, ohne dass dadurch Arbeitslosigkeit entsteht. Entscheidend ist nun, dass gerade die keynesianische Theorie – entgegen ihrer politischen Absichten – dazu beigetragen hat, dass sich die von ihr ausgehenden Empfehlungen nicht beschäftigungssteigernd, sondern sogar arbeitsplatzvernichtend auswirken.

 

Nach keynesianischer Vorstellung sollen ja in Zeiten des Konjunkturabschwungs auf der einen Seite die Löhne stärker angehoben werden als die Arbeitsproduktivität steigt (Forderung nach expansiver Lohnpolitik). Auf der anderen Seite sollen die Zinsen sinken, um das Investitionsvolumen zu steigern. Beide Maßnahmen zusammen führen jedoch dazu, dass das Lohn-Zins-Verhältnis steigt mit der Folge, dass verstärkt kapitalintensivere Produktionsverfahren eingeschlagen werden. Das Investitionsvolumen steigt zwar an, es werden jedoch vorwiegend nicht Erweiterungs-, sondern Rationalisierungsinvestitionen durchgeführt, welche Arbeitsplätze (bei arbeitsplatzsparendem technischen Fortschritt) eher vernichten als neu entstehen lassen.

 

 

5.  Die Verelendungsthese

 

Wir hatten bereits gesehen, dass die These von der Verelendung der Arbeiter im Rahmen der marxistischen Theorie des Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems eine bedeutende Rolle spielt. Es sind die verarmten Arbeitnehmer, welche schließlich die Regierung stürzen und damit eine sozialistische Gesellschaft einleiten. Wir hatten ebenfalls bereits darauf hingewiesen, dass diese Verelendung der gesamten Arbeitneh­mer­schaft in Wirklichkeit gar nicht eingetreten ist. Zwar ist es richtig, dass der Übergang zur Industrialisierung im ausgehenden 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert zunächst zu einer starken Verarmung der Industriearbeiter geführt hat.

 

Wir haben aber auch gesehen, dass diese Verelendung keinesfalls anhielt, dass sich die wirtschaftliche und soziale Lage der Arbeitnehmer im Zuge der Weiterentwicklung der industrialisierten Gesellschaft entscheidend verbesserte und dass die anfängliche Verelendung damit zusammenhing, dass es im Zuge der Auflösung der mittelalterlichen Strukturen – ausgelöst durch die Wanderung in die Städte – zu einer enormen Steigerung der Bevölkerung kam, aufgrund derer die Wachstumsrate der Bevölkerung über die der Produktion stieg, mit der notwendigen Folge, dass das Pro-Kopf-Einkommen der gesamten Bevölkerung zurückgehen musste.

 

Im weiteren Verlauf der Industrialisierung  kam es jedoch auf der einen Seite  zu einem enormen Anstieg der Produktion, gleichzeitig ging jedoch die Wachstumsrate der Bevölkerung wiederum zurückging mit der Folge, dass das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung anstieg. Damit waren jedoch auch die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass schließlich auch das Einkommen der Arbeitnehmer im Durchschnitt ansteigen konnte.

 

Diese Entwicklung hätte eigentlich die Aufgabe der marxistischen Verelendungstheorie zur Folge haben müssen. Da aber diese Theorie den wichtigsten Baustein der marxistischen Lehre vom notwendigen Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft darstellte und mit dieser These auch die Theorie des automatischen Übergangs zur sozialistischen Gesellschaft zusammenbrechen musste, hielt der Marxismus an der Verelendungstheorie fest. Da man aber schließlich die Tatsachen nicht leugnen konnte, versuchten marxistische Theoretiker die These von der Verelendung umzudeuten.

 

So kam es zunächst einmal dazu, dass der Marxismus nicht mehr davon ausging, dass die Arbeitnehmer in absolutem Sinne verarmten, dass also ihr reales Pro-Kopf-Einkommen immer mehr absolut zurückging, es wurde nun vielmehr davon gesprochen, dass lediglich eine ‚relative‘ Verelendung zu erwarten sei, dass also das Wachstum der Produktion vor allem den Kapitalisten (den Selbständigen) zufiele mit der notwendigen Folge, dass der Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt (die sogenannte Lohnquote) permanent zurückgehe.

 

Aber auch diese Umdeutung der Verelendungstheorie befriedigt aus zweierlei Gründen nicht. Erstens kann eine Theorie der relativen Verelendung der Arbeitnehmer wohl kaum den notwendigen Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft erklären. Die Bereitschaft der Arbeiter, das kapitalistische System in einer Revolution zu stürzen, könnte nur damit begründet werden, dass die Arbeitnehmer massenweise in absolutem Sinne verarmen. Ein Rückgang in der Lohnquote kann ein solches revolutionäres Verhalten nicht ausreichend erklären, vor allem dann nicht, wenn – wie gezeigt – das absolute durchschnittliche Einkommen der Arbeitnehmer stark angestiegen ist.

 

Zweitens stimmt jedoch diese These ebenfalls nicht mit der Wirklichkeit überein. Es ist zwar richtig, dass es in der Vergangenheit – wie z. B. auch gerade in den letzten Jahren – vorübergehend zu einem Rückgang der Lohnquote gekommen ist und dass die Lohnquote vor allem einen antizyklischen Verlauf nimmt, dass also in Zeiten des Konjunkturaufschwungs die Lohnquote zurückgeht. Die Lohnquote steigt jedoch in Zeiten des Konjunkturabschwungs wiederum an. Man erklärt dieses antizyklische Verhalten der Lohnquote unter anderem damit, dass die Gewerkschaften sehr viel größeren Erfolg aufweisen, in dem Ziel, ein Absinken der Löhne in Zeiten des Abschwungs zu verhindern, als in dem Ziel, die Lohnquote im Aufschwung zu steigern.

 

Über längere Sicht hinweg konnte aber bisher kein Rückgang in der Lohnquote festgestellt werden. Ganz im Gegenteil wurde immer wieder die These aufgestellt, dass die Lohnquote eine bemerkenswerte Tendenz aufweise, über einen längeren Zeitraum hinweg bemerkenswert konstant zu bleiben. Es gibt in der Literatur eine Vielzahl von Theorien, welche diese Konstanz der Lohnquote zu erklären versuchen.

 

Betrachten wir allerdings einen noch größeren Zeitraum und fragen uns, wie sich die Lohnquote über ein Jahrhundert und mehr verhalten hat, kann man eindeutig feststellen, dass die Lohnquote gegenüber den Anfängen der industriellen Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend angestiegen ist. Dies bedeutet nicht, dass es in unserer Gesellschaft überhaupt keine ernst zunehmende Armut gibt, es gab in der Vergangenheit immer gewisse Teilgruppen, welche einer Verarmung anheimfielen. Aber die These, dass die gesamte Arbeitnehmerschaft nicht am wirtschaftlichen Wachstum beteiligt worden sei und dass die durchschnittliche Höhe des Arbeitnehmereinkommens weniger stark als das Pro-Kopf-Einkommen der gesamten Bevölkerung angestiegen sei und dass deshalb die Lohnquote auf sehr lange Sicht zurückgegangen sei, stimmt nicht mit den Tatsachen überein.

 

Auch diese letzte Feststellung musste schließlich vom Marxismus akzeptiert werden. Man versuchte nun ein zweites Mal die These von der Verelendung der Arbeitnehmerschaft umzudeuten. Man behauptete nun nicht mehr, dass die Arbeitnehmerschaft in absoluter oder auch nur in relativer Hinsicht verarme, sondern nur noch, dass sie eigentlich hätten verarmt werden müssen, wenn die hochentwickelten Staaten nicht die Gelegenheit gehabt hätten, im Zuge des Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts die an und für sich fällige Ausbeutung der Arbeitnehmer in den hochentwickelten Staaten auf die arbeitende Bevölkerung in den Kolonialländern zu übertragen.

 

Die Ausbeutung der ehemaligen Kolonien erfolgt nach dieser These dadurch, dass auf der einen Seite Rohstoffe zu verbilligten Preisen ausgeführt wurden und dass auf der anderen Seite die Industriegüter zu überhöhten Preisen importiert werden, welche einen Mehrwert enthielten, der den Kapitalisten zufloss. So konnten die Arbeitnehmer aus den Ländern der Kolonialmächte auf Kosten der Bevölkerung in den Kolonien am Mehrwert beteiligt werden. Es finde also nach wie vor eine Ausbeutung statt, allerdings nun nicht der einheimischen Arbeitnehmer, sondern der Arbeitnehmer aus den Kolonien.

 

Diese Ausbeutung habe auch dann noch stattgefunden, nachdem in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg die ehemaligen Kolonien zu selbständigen Staaten wurden. Wie vor allem Raul Prebish (nicht unbedingt ein Sozialist!) nachzuweisen versuchte, hätten sich die Terms of Trade zuungunsten der Entwicklungsländer entwickelt. Nach Meinung von Prebish habe der Freihandel zu einer systematischen Benachteiligung der Entwicklungsländer geführt. Ausgangspunkt war die empirische Feststellung, dass sich die Terms of Trade in der Zeit von 1876 bis 1938 zu Lasten der Entwicklungsländer verschlechtert haben.

 

Wie vor allem Gottfried von Haberler  und Jakob Viner gezeigt haben, entwerfen diese Statistiken ein falsches Bild über die Verteilung des Wohlstandes auf hoch entwickelte Volkswirtschaften und Entwicklungsländer, da in diesen Statistiken die Importpreise in cif (cost, insurance, freight) gerechnet wurden. Bei der cif-Berechnung sind jedoch auch die Transportkosten enthalten, diese gingen jedoch vorwiegend auf Rechnung der hochentwickelten Volkswirtschaften und verminderten sich in diesem Zeitraum sehr stark.

 

Weiterhin hänge die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft nicht nur von der Entwicklung der Terms of Trade, sondern auch vom Außenhandelsvolumen ab. Auch müsse berücksichtigt werden, dass das geringe Pro-Kopf-Einkommen in den Entwicklungsländern zum Teil damit erklärt werden müsse, dass die Wachstumsrate der Bevölkerung in diesen Ländern sehr hoch sei und die Wachstumsrate der Produktion übersteige.

 

Wichtig ist in unserem Zusammenhang jedoch die Feststellung, dass ein Zusammenbruch des kapitalistischen Systems in den hochentwickelten Staaten voraussetzt, dass die inländischen Arbeitnehmer ausgebeutet werden, sodass bei einer Verlagerung dieser Ausbeutung auf die Arbeitnehmer in den Entwicklungsländern nicht mit einer Revolution zu rechnen ist, zumindest nicht mit einer Revolution innerhalb der Industrieländer.

 

 

6.  Die These von der zunehmenden Konzentration

 

Für den Beweis, dass die kapitalistische Gesellschaft notwendiger Weise eines Tages zusammenbreche und in eine sozialistische Gesellschaft überführt werde, fehlt nun noch ein letzter Mosaikstein: die Theorie von der wachsenden Konzentration. 

 

Wir haben oben gesehen: Die Konkurrenz unter den Unternehmungen (Kapitalisten) zwingt diese den bei der Produktion erzielten Gewinn (Mehrwert) zu investieren (akkumulieren). Diese Konkurrenz führt aber auch dazu, dass die größeren und effizienteren Unternehmungen die kleineren und weniger effizienten Unternehmungen aus dem Markt drängen und dass deren Marktanteile von den größeren Unternehmungen übernommen werden. Die Folge ist ein stetiges Anwachsen der Unternehmungsgröße und eine stetige Verringerung der Anzahl der Unternehmungen. Mit anderen Worten: Es findet eine Konzentration auf immer weniger Unternehmungen statt. Schließlich sei die Zahl der übriggebliebenen Konzernen so gering, dass eine Regierung, welche aus einer Revolution der Arbeiter hervorging, diese ohne größere Schwierigkeiten in Staatseigentum übernehmen könne.

 

Dieser Teil der Marx’schen Lehre zählt sicherlich zu den wenigen, einigermaßen bestätigten Hypothesen. Sicherlich kann nicht bestritten werden, dass seit mehreren Jahrzehnten weltweit Riesenkonzerne mit einer Bilanz von mehreren Milliarden $ entstanden sind und dass tatsächlich ein enormer Konzentrationsprozess stattgefunden hat.

 

Trotzdem kann bestritten werden, ob dieser Konzentrationsprozess die Voraussetzungen dafür geschaffen hat, dass am Ende nur noch eine Handvoll von Riesenkonzernen übrig geblieben ist, die dann ohne große Anstrengungen von einer Revolutionsregierung übernommen werden können.

 

Das Anwachsen der Unternehmungsgröße bedeutet nämlich nicht automatisch, dass auch die Zahl der übrig gebliebenen Unternehmungen verringert wurde. Auf der einen Seite müssen wir berücksichtigen, dass die laufende Akkumulation (steigende Kapitalisierung), vor allem dann, wenn sie von einem technischen Fortschritt begleitet wird,  auch zu einem Anwachsen der Produktion führt. Also wäre es durchaus denkbar, dass trotz Rationalisierung dennoch genauso viele Unternehmungen benötigt werden, um die wachsende Gütermenge zu produzieren.

 

Auf der anderen Seite geht der Konzentrationsprozess einher mit einer Globalisierung der Weltwirtschaft. Spätestens seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren die Staaten der hochindustrialisierten Volkswirtschaften bemüht, die Behinderungen des Außenhandels, welche in der Erhebung von Zöllen, von Mengenbeschränkungen und vor allem in nichttarifären Handelsbehinderungen bestanden, schrittweise abzubauen und den Außenhandel zu forcieren.

 

Im Zuge dieser Globalisierung entstand den Großkonzernen, welche auf dem Inlandsmarkt eine monopolistische Position erlangt hatten, erneut eine Konkurrenz gegenüber den ausländischen Konzernen. Ja man kann sogar davon sprechen, dass die inländische Konzentration eine notwendige Voraussetzung dafür war, dass nach Öffnung der internationalen Handelsbe­schränkungen überhaupt die inländischen Unternehmungen gegenüber den ausländischen Konzernen bestehen konnten. Ganz generell wird man immer davon ausgehen können, dass bei liberalisierter Weltwirtschaft Monopolstellungen nicht lange Bestand haben, sondern dass immer wieder von neuem Unternehmungen entstehen, welche den bisherigen Monopolen Konkurrenz bieten.

 

In Wirklichkeit hat der weltweit stattgefundene Konzentrationsprozess keinesfalls wenige Oligopole im Sinne von Mischkonzernen hervorgebracht; vielmehr entstand die Marktform eines Teiloligopols. Hier steht einigen sehr großen Unternehmungen mit einem Marktanteil von 10 bis 20% eine Vielzahl kleinerer Unternehmungen gegenüber, sodass die Gesamtzahl der Unternehmungen trotz intensivem Konzentrationsprozess relativ groß geblieben ist.

 

Es hat sich auch gezeigt, dass sich diese kleineren Unternehmungen als sehr robust und widerstandsfähig erwiesen haben, welche sehr viel besser in der Lage sind als die Riesenkonzerne, Rezessionen zu überstehen. Während Riesenkonzerne bisweilen auf staatliche Subventionen angewiesen waren, um überhaupt die Konjunkturkrise zu überstehen, benötigten die meisten mittelständischen Unternehmungen diese ‚Konjunkturspritzen‘ nicht.