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Seminar über ökonomische Gesetze

 

 

 

  Gliederung:

 

  1. Gibt es überhaupt ökonomische Gesetze?

  2. Das Bevölkerungsgesetz von Malthus

  3. Das Gesetz von der Gleichgewichtstendenz

  4. Das Cobweb-Theorem 

  5. Das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag 

  6. Das Gossen‘sche Gesetz

  7. Das Gesetz von der Minderschätzung zukünftiger Bedürfnisse

  8. Das Harberger Dreieck

  9. Das Grasham’sche Gesetz

10. Das Okun’sche Gesetz

11. Das Gesetz vom Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft

12. Das Arrow-Paradox

 

 

Kapitel 1. Gibt es überhaupt ökonomische Gesetze?

 

 

In diesem Seminar wollen wir uns mit der Frage nach den ökonomischen Gesetzen befassen. Wir wollen der Frage nachgehen, ob es im Bereich des wirtschaftlichen Lebens überhaupt so etwas wie Gesetzmäßigkeiten gibt, vergleichbar mit den in den Naturwissenschaften nachgewiesenen Naturgesetzen und worin gegebenenfalls die Unterschiede zu den Naturgesetzen liegen.

 

Folgende Fragen sollen in diesem einleitenden Kapitel 1 aufgeworfen werden:

 

1. Was verstehen wir unter einer Gesetzmäßigkeit?

2. Theorie versus historische Betrachtung

3. Erfüllen Naturgesetze stets alle Kriterien einer Gesetzmäßigkeit?

4. Welche Rolle spielt der freie Wille eines Menschen?

5. Der gedankliche Entstehungsprozess einer Theorie

6. Basieren ökonomische Gesetze stets auf dem Lustprinzip?

7. Die Bedeutung des jeweiligen Kultursystems

8. Gibt es auch Gesetzmäßigkeiten für Individuen?

9.  Unterschiede zwischen ökonomischen und Naturgesetzen

10.  Staatliche Gesetze versus wissenschaftliche Gesetze

 

 

1. Was verstehen wir unter einer Gesetzmäßigkeit?

 

Zwischen zwei oder mehr Variablen besteht dann eine Gesetzmäßigkeit, wenn diese Variablen stets zur gleichen Zeit auftreten oder wenn das Auftreten der einen Variablen zeitlich verzögert stets zum Erscheinen der anderen Variablen führt.

 

Oftmals wird zwischen einer Gesetzmäßigkeit und einem strengen Gesetz unterschieden. Von einem Gesetz im engeren Sinne des Wortes spricht man dann, wenn immer – ohne Ausnahme – die behaupteten Beziehungen auftreten, während nur von einer Gesetzmäßigkeit im engeren Sinne gesprochen wird, wenn im statistischen Sinne diese Beziehungen zwar in der Mehrzahl der beobachteten oder untersuchten Fällen nachgewiesen werden konnten, wenn jedoch durchaus Ausnahmen festgestellt werden mussten, wenn also die behauptete Beziehung nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit beobachtet werden konnte.

 

Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass Naturgesetze im engeren Sinne lediglich im Rahmen der Naturwissenschaften – und auch dort nicht überall – zu beobachten sind, während innerhalb der Wirtschaftswissenschaft genauso übrigens wie in nahezu allen Wissenschaften, welche sich mit menschlichem Verhalten befassen, wenn überhaupt nur Gesetzmäßigkeiten auftreten, nie kann damit gerechnet werden, dass solche ökonomischen Gesetze restlos für alle Menschen gelten, stets gibt es beachtliche Ausnahmen von der Regel.

 

Wenn wir also z. B. in der Wirtschaftstheorie davon ausgehen, dass ein Anstieg in dem Preis eines Gutes zu einer Reduzierung der Nachfrage nach diesem Gut führt, so soll nicht behauptet werden, dass diese Beziehung in jedem Einzelfall zu erwarten ist. Man beschränkt sich vielmehr allein auf die Feststellung, dass in den meisten Fällen Preissteigerungen eine Reduzierung der Nachfrage auslösen. Weder wird behauptet, dass jeder Haushalt und jede Unternehmung auf Preissteigerungen mit einer Verringerung der Nachfrage reagieren, noch wird behauptet, dass diese Gesetzmäßigkeit bei restlos allen Gütern zu beobachten ist.

 

In der Wirtschaftstheorie wird deshalb auch von der normalen (üblichen) Nachfrageelastizität gesprochen, es wird auch in bestimmten Fällen mit anomalen Reaktionen gerechnet. So wurde z. B. beobachtet, dass die Nachfrage nach Margarine bei Preissteigerungen sogar angestiegen ist. Erklärt wird diese Anomalie damit, dass bei Preissteigerungen die gesamte Kaufkraft zurückgeht – man kann nun aufgrund der Preissteigerungen mit einem vorgegebenen nominellen Einkommen  weniger Güter kaufen – und dieser Einkommenseffekt zwingt vor allem die ärmeren Haushalte dazu, den Bedarf an Fett immer stärker mit Hilfe der qualitativ schlechteren Fette und deshalb immer weniger mit Hilfe der qualitativ besseren Produkte zu befriedigen. Gerade weil man aufgrund der Preissteigerung ärmer geworden ist, findet eine Substitution von Butter zu Margarine statt und dieser Effekt bewirkt einen Anstieg der Nachfrage nach Margarine, obwohl bezogen auf die Gesamtnachfrage nach Fetten die Nachfrage aufgrund der Preissteigerungen fast immer zurückgeht.

 

Die tatsächliche Nachfragereaktion auf Preissteigerungen setzt sich somit immer aus zwei partiellen Effekten zusammen. Der Einkommenseffekt bezieht sich auf die Tatsache, dass Preissteigerungen ceteris paribus (also bei gleichbleibendem Nominaleinkommen) partiell zu einer Verminderung der Nachfrage führen, während gleichzeitig der Substitutionseffekt eine Mehrnachfrage nach bestimmten Gütern auslösen kann. In den Fällen, in denen der Substitutionseffekt überwiegt, also die Preissteigerung per Saldo zu einem Anstieg in der Nachfrage nach diesem Gut führt, spricht man von inferioren Gütern.

 

Gehen wir noch einmal etwas ausführlicher auf die beiden oben erwähnten Fälle einer Gesetzmäßigkeit ein, dass nämlich entweder zwei oder mehr Variablen zur gleichen Zeit auftreten (Fall 1) oder dass die eine Variable das Auftreten einer anderen Variable zeitlich verzögert auslösen wird (Fall 2).

 

Im Fall 2 ist die als erste zu beobachtende Variable die Ursache der untersuchten Beziehung, die folgende Variable wird als Wirkungsgröße bezeichnet. Zwei verschiedene Verfahren können sich mit einer solchen Gesetzmäßigkeit befassen. Man kann erstens von einer bestimmten Problemgröße ausgehen und danach fragen, welche Ursachen diese Problemgröße ausgelöst hat. Beispielweise wird die Frage nach der Verursachung der Arbeitslosigkeit gestellt. Die zweitgenannte Größe (Arbeitslosigkeit) wird auf die erstgenannte Größe zurückgeführt.

 

Man kann aber auch zweitens die Frage erörtern, mit welchen Wirkungen im Hinblick auf die Beschäftigung zu rechnen ist, wenn auf politischem Wege ein Ereignis (z. B. eine Erhöhung der Staatsausgaben) ausgelöst wird. Es wird somit hier im Sinne einer Wirkungsanalyse die Frage gestellt, mit welchen Wirkungen bei einer Erhöhung der Staatsausgaben gerechnet werden muss.

 

Im Fall 1 hingegen sind Ursachen und Wirkungen unbekannt. Man stellt nur fest, dass zwei Größen in der Regel zur gleichen Zeit beobachtet werden und schließt aus diesem Umstand, dass irgendwelche Beziehungen zwischen diesen beiden Größen bestehen müssen.

 

Es ist hier sogar unwahrscheinlich, dass zwischen diesen beiden Variablen eine direkte Ursachen-Wirkungs­beziehung besteht. Im Allgemeinen gehen wir nämlich davon aus, dass das Auslösen einer Wirkung erst einige Zeit nach dem Auftreten der ersten Größe zu beobachten ist. Bei realen Zusammenhängen vor allem im Bereich der Wirtschaft ist wohl kaum mit einer unendlich schnellen Reaktion zu rechnen, sodass immer von einer Zeitverzögerung (einem time lag) ausgegangen werden muss, bis die als Ursache gesetzte Variable schließlich zu der behaupteten Wirkung in einer zweiten Variablen führt. So hat. z. B. Milton Friedman nachgewiesen, dass eine expansive Fiskalpolitik (defizitär finanzierte Steigerungen der Staatsausgaben) erst nach etwa 1 ½ Jahren zu einer Beschäftigungssteigerung führt.

 

Wenn trotzdem das gleichzeitige Auftreten zweier Variablen beobachtet werden kann, so liegt dies in der Regel trotzdem nicht an zufälligen Beziehungen. Man geht vielmehr davon aus, dass eine dritte, bisher nicht bekannte Variable die zu untersuchenden Problemgrößen beeinflusst und auf diese Weise ein gleichzeitiges Auftreten zur Folge hat.

 

Es leuchtet ein, dass im Fall 2 von einer stärker gesicherten und bestätigten Gesetzmäßigkeit gesprochen werden kann als im Fall 1. Hier (im Fall 1) kann erst dann von einer befriedigenden Theorie über eine Gesetzmäßigkeit gesprochen werden, wenn auch bekannt ist, welche andere dritte Variable die beiden untersuchten Problemgrößen ausgelöst hat.

 

Wenn wir im Allgemeinen eine Gesetzmäßigkeit zwischen zwei Variablen feststellen, handelt es sich nur in den seltensten Fällen um eine so strikte Beziehung, dass das Auftreten der ersten Variablen ausnahmslos zum Erscheinen der zweiten Variablen führt. In der Regel muss davon ausgegangen werden, dass diese Beziehungen nur dann beobachtet werden können, wenn eine Reihe weiterer Begleitumstände gegeben ist.

 

Oftmals wurde aus der Beobachtung der Beziehung zwischen zwei Variablen eine Gesetzmäßigkeit angenommen, wobei sich später herausstellte, dass diese Beziehung nur dann beobachtet werden kann, wenn weitere Begleitumstände vorliegen. In ihrer vereinfachten Form wurde hier die Theorie über diese Gesetzmäßigkeit widerlegt, weil man irriger Weise davon ausgegangen war, das das Vorliegen einer einzigen Ursachenvariablen bereits ausreicht, um die Wirkungsvariable auszulösen. Weitere empirische Untersuchungen haben aber dann gezeigt, dass weitere Variablen vorliegen müssen, um die Wirkungsgröße auszulösen.

 

Hierbei muss entweder unterstellt werden, dass die anfängliche Variable nur eine notwendige, aber keinesfalls ausreichende Bedingung für das Auslösen der Wirkungsvariablen darstellt. Dass man zuerst zu der Erkenntnis kam, Variable (a) würde ausreichen, Variable (b) auszulösen, lag dann lediglich daran, dass die Zusatzbedingungen bei der ersten Untersuchung zwar ebenfalls vorlagen, sodass das Ereignis auch eintrat, dass man aber von diesen notwendigen Zusatzbedingungen noch keine Kenntnis genommen hatte.

 

Bisweilen muss sogar damit gerechnet werden, dass die Variable (a) noch nicht einmal eine notwendige Bedingung für das Auftreten der Variablen (b) ist, dass zwar die Variable (a) zusammen mit weiteren Variablen das Ereignis (b) auslöst, dass aber auch andere Variablen zusammen mit den Begleitumständen das Ereignis (b) auslösen können.  Als Beispiel sei erwähnt, dass eine Preissteigerung (Ereignis b) sowohl dadurch ausgelöst werden kann, dass die Nachfrage bei gleichbleibendem Angebotsverhalten gestiegen ist als auch dadurch, dass beim gleichbleibendem Nachfrageverhalten das Angebot reduziert wurde. In diesem Beispiel wäre also die Nachfragesteigerung (Variable a) eine Bedingung, die weder notwendig noch ausreichend ist. Sie ist in diesem Beispiel nicht notwendig, da auch eine Angebotsreduzierung die Preissteigerung auslösen kann; sie ist gleichzeitig auch nicht ausreichend, da die Nachfragesteigerung nur dann die Preissteigerung auslöst, wenn die Nachfragesteigerung nicht kompensiert wird durch eine gleichzeitig auftretende Zunahme des Angebotes.

 

 

2. Theorie versus historische Betrachtung

 

In meinem Internetartikel über den Methodenstreit innerhalb der Wirtschaftswissenschaften (siehe Archiv) schrieb ich u.a.:

 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stand im Mittelpunkt eines Streites zwischen den Anhängern der reinen Theorie und den Verfechtern der historischen Methode ein Streit um die richtige Methode. Die reine Theorie wurde vor allem von Carl Menger, die historische Methode insbesondere von Gustav von Schmoller verteidigt. Die historische Schule kritisierte die Verfahrensweise der klassischen Theorie. Man warf den Klassikern der Wirtschaftstheorie vor, sie hätten bestimmte Gesetzmäßigkeiten voreilig verallgemeinert.

 

Gesetze, die für eine hochentwickelte Industrie- und Handelsnation wie das damalige England gälten, dürften keinesfalls ungesehen auf Länder übertragen werden, die – wie die damaligen übrigen europäischen Staaten – erst in der Anfangsphase einer industriellen Entwicklung stünden. Diese Verallgemeinerungen seien unzulässig, da die sozialen Gesetze im Gegensatz zu Naturgesetzen einem historischen Wandel unterworfen seien.

 

Man könne den Wirtschaftsablauf einer Nation nur dann voll verstehen, wenn man sich zuvor darüber klar geworden sei, wie sich der Wirtschaftsprozess historisch entwickelt habe und auf welcher Entwicklungsstufe sich eine Nation befinde. Demgegenüber vertrat Carl Menger die Ansicht, die Frage nach den Entwicklungsgesetzen sei zweitrangiger Natur, es komme in der Nationalökonomie primär auf die generellen Erscheinungsformen der Wirtschaft an und diese könnten nur mit einer allgemeinen Theorie, nicht durch historische Forschung allein erkannt werden. Carl Menger leugnete allerdings nicht den Wert der historischen Disziplinen als Hilfswissenschaft für die Nationalökonomie.

 

Walter Eucken nahm in dieser Frage eine Zwischenposition ein. Jede konkrete Handlung und jede einzelne Ordnung sei einmalig, trotzdem könne sie auf einige wenige Grundelemente zurückgeführt werden, die mit allgemein gültigen Theorien erklärt werden könnten. Zur Erklärung konkreter Tatbestände bedürfe man also auf der einen Seite der Kenntnis der historischen Fakten, also der Beantwortung der Frage, welche konkreten Formen die zu analysierenden Märkte im Augenblick aufweisen. Diese Fakten können sich sehr wohl im Zeitablauf verändern. Seien jedoch die konkreten Fakten bekannt, könne nur aufgrund einer allgemeinen Theorie abgeleitet werden, wie sich die einzelnen Variablen verändern.

 

 

3. Erfüllen Naturgesetze stets alle Kriterien einer Gesetzmäßigkeit?

 

Wenn wir von Naturgesetzen sprechen, verbinden wir hiermit im Allgemeinen die Vorstellung eines exakten, eindeutigen Zusammenhangs zwischen zwei oder mehr Variablen. Eine genauere Analyse zeigt allerdings, dass es im Bereich der Naturwissenschaften sehr unterschiedliche Gesetzmäßigkeiten gibt; wenn man von exakten Gesetzmäßigkeiten spricht, denkt man zumeist an  die Gesetze der Mechanik, welche in der Tat sehr einfach sind und eine eindeutige Beziehung zwischen den untersuchten Variablen beschreiben. Bei anderen Naturwissen­schaften, wie z. B. in der Wetterkunde gilt diese Exaktheit genau so wenig wie in den Wirtschaftswissenschaften.

 

Wenn man sich danach fragt, von welchen Gegebenheiten es denn abhängt, inwieweit die Aussagen einer Theorie nur für bestimmte historische Perioden und auch dort nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Geltung besitzen, so stößt man vor allem auf den Komplexitätsgrad der zu untersuchenden Objekte. Die Gesetze der Mechanik sind nur deshalb so eindeutig und allgemein gültig, da sie einen extrem geringen Komplexitätsgrad aufweisen.

 

Andere Wissenschaften wie z. B. die Chemie bauen zwar auf diesen allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Mechanik auf, sind jedoch weit komplexer und Aussagen können dann nur noch für bestimmte historische Einmaligkeiten formuliert werden. Der Komplexitätsgrad der Chemie ist seinerseits relativ gering im Vergleich zu Wissenschaften, die sich – wie die Medizin – mit dem Menschen befassen, wobei sich fast jeder Mensch (vielleicht mit Ausnahme eineiiger Zwillinge) vom andern unterscheidet, sodass nicht alles, was für den einen Menschen gilt, unbedingt auch für einen anderen gelten muss. Die Sozialwissenschaften weisen dann einen noch höheren Komplexitätsgrad auf, da sie die sehr komplexen und vielseitigen sozialen Beziehungen der Menschen untereinander untersuchen.

 

Je komplexer ein Gebilde ist, umso geringer ist es möglich, alle Beziehungen exakt zu erfassen, bestimmte Aussagen treffen dann nur noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zu. Diese Unbestimmtheit gilt übrigens auch für den subatomaren Bereich; auch hier sind Aussagen nur noch mit einem Wahrscheinlichkeitswert möglich, allerdings nicht so sehr wegen der Komplexität dieser Phänomene, sondern einfach deshalb, weil diese Teilchen mit unseren Erfassungsmethoden gar nicht mehr auf direkte Weise erkannt werden können.

 

 

4. Welche Rolle spielt der freie Wille eines Menschen?

 

Wenn von den Vertretern der historischen Schule daran gezweifelt wird, dass es auch im Bereich des Wirtschaftslebens Gesetzmäßigkeiten gibt, so hängt dies in erster Linie damit zusammen, dass die wirtschaftlichen Ereignisse maßgeblich von Menschen beeinflusst werden und dass die Menschen einen freien Willen haben, also frei entscheiden können, wie sie auf bestimmte Ereignisse reagieren. Durch eine Willensentscheidung könne jede Gesetzmäßigkeit durchbrochen werden.

 

So mag noch so sehr für die Vergangenheit festgestellt worden sein, dass Preissteigerungen Rückgänge in der Nachfrage hervorgerufen haben, es liegt an den einzelnen Menschen, darüber zu befinden, ob sie auch in Zukunft nach dieser Maxime handeln. Stets hätten die Menschen die Möglichkeit, diese Gesetzmäßigkeit zu durchbrechen.

 

Nehmen wir als zweites Beispiel, den Versuch, die Wahlausgänge zu prognostizieren. Auch dann, wenn alle Prognosen dafür sprechen, dass die kommende Wahl der Regierung eine Niederlage bereiten wird, es sind die freien Entscheidungen der Wähler, sich auch im letzten Augenblick anders zu entscheiden, als die Prognosen vorausgesagt haben.

 

Trotzdem ist die Beweisführung nicht überzeugend. Es kann vermutet werden, dass gerade die freie Entscheidung der Menschen dazu beiträgt, dass Ereignisse prognostiziert werden können. Auch dann, wenn wir davon ausgehen, dass die Menschen frei entscheiden, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie auch vollkommen willkürlich agieren. Wir können unterstellen, dass Menschen gerade deshalb, weil sie einen freien Willen haben, rational handeln. Rationales Handeln besagt, dass man sich vor der Handlung darüber bewusst wird, welches Ziel man ansteuert, welche Möglichkeiten bestehen, um dieses Ziel zu erreichen und dann das Mittel oder den Weg auswählt, der unter den gegebenen Umständen die größtmögliche Chance der Verwirklichung bietet.

 

Gerade dann, wenn sich der einzelne rational entscheidet, lässt sich sein Handeln voraussehen. Man kann dadurch, dass man nach der effizientesten Lösung eines Problems fragt, vorauserkennen, welche unter den möglichen Alternativen aller Voraussicht nach ergriffen wird. In diesem Punkt ist eine Prognose über menschliches Handeln sehr viel leichter zu treffen und auch sehr viel treffsicherer als eine Prognose über das Verhalten eines Tieres, das instinktgesteuert agiert. Ein triebgesteuertes Wesen scheint völlig zufällig zu handeln, wenn nicht die Triebstruktur eindeutig bekannt ist. Gerade deshalb sind die Ergebnisse eines triebgesteuerten Agierens oftmals unbestimmt.

 

Natürlich müssen wir auch hier gewisse Einschränkungen machen. Auch der Mensch wird teilweise von Trieben bestimmt, die im Einzelfall auch so stark werden können, dass ein Mensch irrational handelt. Es mag noch so vernünftig sein, bei einer Preissteigerung die Nachfrage zu reduzieren, es kann nicht für alle Menschen mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass sie dennoch eine Wahl treffen, die sich als irrational erweist. Gerade aus diesen Gründen rechnen wir auch im wirtschaftlichen Bereich nicht damit, dass im Sinne der Mechanik ein bestimmtes Ereignis in jedem Falle eine ganz bestimmte Wirkung auslöst. Vielmehr gehen wir lediglich davon aus, dass mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit gewisse Folgeereignisse eintreten. Die Gesetzmäßigkeit, dass eine Preissteigerung eine Reduzierung der Nachfrage auslöst, wird zunächst einmal nur für die Gesamtheit der Nachfrager ausgesprochen. Es wird nicht behauptet, dass jeder einzelne Haushalt oder auch jede einzelne Unternehmung bei Preissteigerungen mit einem Rückgang seiner Nachfrage reagiert.

 

Dafür, dass sich eine überwiegende Mehrheit der wirtschaftenden Personen rational verhält, spricht vor allem der Umstand, dass in einer funktionierenden Marktwirtschaft starke Anreize bestehen, sich rational zu verhalten. Zu den wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass eine Marktwirtschaft funktioniert, gehört ein intensiver Wettbewerb auf allen Märkten und auf beiden Marktseiten (Angebot und Nachfrage). Findet aber ein intensiver Wettbewerb unter den Marktteilnehmern statt, so steht der einzelne Anbieter (Nachfrager) unter starkem Druck, jede Möglichkeit der Kostensenkung und Gewinnsteigerung in Anspruch zu nehmen. Folgt er nämlich nicht dieser Tendenz, dann verzichtet er nicht nur auf mögliche Gewinne, sondern läuft jederzeit Gefahr, aus dem Markt gedrängt zu werden und Konkurs zu gehen. Der einzelne Unternehmer, welcher sich in intensivem Wettbewerb befindet, steht unter dem Zwang, jede mögliche Gewinnsteigerung auszunutzen, er kann sich nicht darauf beschränken, lediglich für ein angemessenes Einkommen zu sorgen, würde er dies tun, so liefe er Gefahr, aus dem Markt auszuscheiden.

 

Natürlich ist es richtig, dass wir in der Realität nicht immer einen intensiven Wettbewerb vorfinden. Viele reale Märkte zeichnen sich durch eine Monopol- oder Oligopolsituation aus. In diesem Falle wäre die Existenz der monopolistischen Unternehmungen auch dann nicht bedroht, wenn sie nicht jede Chance zur Gewinnsteigerung ausnutzen würden. Insofern ist unter monopolistischen Bedingungen die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Unternehmer rational im Sinne einer Gewinnmaximierung verhalten, geringer als bei intensivem Wettbewerb. Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass Machtpositionen ganz allgemein – nicht nur im wirtschaftlichen Bereich – dazu führen, dass die Mächtigen ihr Interesse dazu ausnutzen, ihre Machtposition auszubauen. Sie werden also trotzdem in der Mehrzahl der Fälle jede Gewinnsteigerung ausnutzen auch dann, wenn ihr wirtschaftliches Überleben nicht gefährdet erscheint.

 

 

5. Der gedankliche Entstehungsprozess einer Theorie

 

Fragen wir uns nun, wie denn eine wissenschaftliche Theorie über eine Gesetzmäßigkeit im Einzelnen entsteht. Am Anfang jeder Theorie (Schritt 1) stehen Beobachtungen, welche zum Teil willkürlich, zum Teil jedoch auch aufgrund eigener empirischer Untersuchungen gemacht werden. Diese Beobachtungen führen dann zu einer vorläufigen Hypothese über den Wirkungszusammenhang zweier oder mehrerer Variablen (Schritt 2). Als vorläufig muss diese Hypothese noch gelten, da ja bisher noch nicht systematisch untersucht wurde, ob wirklich bereits alle Variablen, welche bei der Gesetzmäßigkeit eine Rolle spielen können, in die Betrachtung einbezogen sind. Zumeist werden zunächst nur solche Variablen in die Betrachtung einbezogen, welche sich in der Beobachtung aufdrängen. Vor allem ist zumeist noch nicht klar, ob es nur ganz bestimmte Gleitumstände waren, in denen diese Zusammenhänge beobachtet wurden.

 

Die Formulierung einer Hypothese ist zunächst die Aufgabe des Theoretikers, also des Wissenschaftlers, welcher schwergewichtig den Fortschritt der Wissenschaft dadurch vorantreibt, dass er neue Theorien aufstellt. Nun ist es Aufgabe des Empirikers unter den Wissenschaftlern, diese Hypothese empirisch in alle Richtungen zu testen (Schritt 3). Man kann geradezu davon sprechen, dass in diesem dritten Schritt der Versuch gemacht wird, die vorläufig aufgestellte Hypothese zu widerlegen. Nur dann, wenn es nicht gelungen ist, auch unter recht unterschiedlichen Ausgangsbedingungen die Hypothese zu widerlegen, kann man davon sprechen, dass die Hypothese als bestätigt angesehen werden kann, dass also aus der Hypothese eine anerkannte Theorie entstanden ist.

 

Diese Theorie kann allerdings immer nur als vorläufig bestätigt angesehen werden. Es muss ja immer mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass unter veränderten Bedingungen die These verworfen werden muss, also auch nicht als allgemeingültig angesehen werden kann, wobei diese veränderten Bedingungen nur deshalb nicht entdeckt wurden, weil sie bisher überhaupt nicht aufgetreten oder zumindest nicht erkannt worden sind und deshalb auch nicht empirisch getestet werden konnten.

 

Dass Theorien vorwiegend dadurch bestätigt werden, dass es trotz Versuches nicht gelungen ist, diese Hypothese zu widerlegen, hängt damit zusammen, dass empirisches Wissen nach vorherrschender Meinung eher durch Falsifikation als durch Verifikation gewonnen werden kann. Der wissenschaftliche Fortschritt äußert sich danach nicht vorwiegend dadurch, dass immer neue Hypothesen formuliert werden, sondern dass Überzeugungen der Vergangenheit sich als unhaltbar erwiesen haben und deshalb aus dem Kranz der als wahr gehaltenen Thesen ausgemerzt werden mussten.

 

Dass Hypothesen falsifiziert werden, zählt nicht zu den Ausnahmen, dies ist eher die Regel. Nun wird man allerdings dann, wenn eine Hypothese falsifiziert wurde, diese nicht sofort und vor allem vollkommen aufgeben, vor allem dann nicht, wenn diese Hypothese bisher in zahlreichen Fällen mit Erfolg angewandt werden konnte. Die Falsifikation bedeutet im Allgemeinen nur, dass noch nicht alle Begleitumstände gefunden wurden, welche für das Auftreten einer Gesetzmäßigkeit notwendig sind. Dies bedeutet, dass dann die zunächst verworfenen Hypothesen umformuliert werden, um dann in ihrer veränderten (präzisierten) Form erneut einem empirischen Test unterworfen zu werden.

 

Es findet also eine Aufgabenteilung zwischen Theoretikern und Empirikern statt, wobei für den wissenschaftlichen Fortschritt immer die Arbeit beider Gruppen notwendig ist. Es reicht somit nicht aus, dass Theoretiker neue Hypothesen formulieren, sie gewinnen erst dadurch Anerkennung, dass sie empirisch getestet werden. Es reicht aber genauso wenig aus, dass Empiriker ohne Vorliegen von theoretisch gewonnenen Hypothesen alle möglichen Beziehungen auf ihre Realität hin überprüfen. Empirische Arbeit ist sehr kostenintensiv und diese Kosten können dadurch entscheidend reduziert werden, dass man eben nur solche Hypothesen empirisch testet, welche aus dem bereits bestehenden Theoriengebäude durch Weiterentwicklung gewonnen wurden. Viele kostspielige empirische Untersuchungen erübrigen sich dadurch, dass bestimmte Hypothesen aufgrund des bisherigen Wissens als äußerst unwahrscheinlich eingestuft werden müssen.

 

 

6. Basieren ökonomische Gesetzmäßigkeiten stets auf dem Lustprinzip?

 

Im Rahmen der klassischen Theorie wurden die ökonomischen Gesetze oftmals auf das Lustprinzip zurückge­führt. Entsprechend der Lehre des Hedonismus lässt sich alles menschliche Handeln auf das Streben nach höchstmöglichen Lustgefühl und Vermeiden jeglichen Unlustgefühls zurückführen. Die Menschen handeln danach nach dem Rationalprinzip, als sie sich stets so verhalten, dass sie Unlust zu vermeiden und höchstmögliche Lust zu realisieren versuchen.

 

Auch die These von der Nutzenmaximierung im Rahmen der beiden Gossen‘schen Gesetze wurde mit dem Lustprinzip in Verbindung gebracht. Entsprechend dem zweiten Gossen’schen Gesetz sind die Haushalte bemüht, den Grenznutzen des Einkommens in all seinen Verwendungen auszugleichen. Gleichzeitig wird im Rahmen des ersten Gossen’schen Gesetzes unterstellt, dass der Grenznutzen des Einkommens mit wachsendem Einkommen zurückgeht.

 

Dieses Verhalten führt nun automatisch zu einer Maximierung des Nutzens. Unterstellen wir, dass ein Haushalt lediglich zwei Güterbündel x und y konsumiert und dass in einem ersten Schritt der Grenznutzen des Gutes x geringer sei als der des Gutes y. Wenn der Haushalt nun von Gut x etwas weniger konsumiert und für den eingesparten Geldbetrag vom Gut y mehr konsumiert, dann wird automatisch der Gesamtnutzen ansteigen, da annahmegemäß die hierdurch ausgelöste Nutzenänderung bei dem Gut y höher ausfällt als bei Gut x. Erst dann, wenn sich die Grenznutzen beider Güter gleichen, kann durch eine Änderung in der Struktur des konsumierten Güterbündels keine Nutzensteigerung mehr erreicht werden, mit anderen Worten: Das mögliche Nutzenmaximum ist erreicht.

 

Wenn man nun den Nutzen, den die Haushalte aus dem Konsum der eingekauften Güter ziehen als Lustgewinn versteht, entsprechen die beiden Gossen’schen Gesetze in der Tat dem klassischen Lustprinzip des Hedonismus.

 

Nun wurde wiederholt gegen diese Gleichsetzung von Nutzen und sinnlicher Lust mit Recht eingewandt, dass menschliches Verhalten keineswegs immer und allein vom Lustgewinn bestimmt wird. Zwar wird nicht geleugnet werden, dass ein Teil der unwillkürlichen Reaktionen, die der Mensch noch von seinen tierischen Erben übernommen hat, in der Tat dazu dient, Schmerzen und Behinderungen auszuweichen.

 

Ein Teil menschlichen Verhaltens zeigt jedoch, dass ein großer Teil der Menschen oftmals auch Handlungen durchführt, welche zumindest auf den ersten Blick genau das Gegenteil von einem lustsuchenden und unlustvermeidenden Handeln sind. So ist bekannt, dass viele Sportler hohe physische Belastungen, die üblicherweise mit Unlust verbunden sind, auf sich nehmen, um auf diese Weise einen umso größeren sportlichen Erfolg zu erzielen. Jeder Unternehmer, welcher einen Teil seines Kapitals für den Kauf von Investitionsgütern verwendet, geht nach dem gleichen Prinzip vor, in dem er zunächst Kosten verursacht, um später einen Gewinn zu erzielen. Kosten lassen sich aber als entgangenen Nutzen interpretieren.

 

Man wird dieses Verhalten natürlich so deuten können, dass im Endergebnis, also per Saldo auch hier wiederum der höchstmögliche Nutzen angestrebt wird, da ja die Kosten oder Beschwerden dazu dienen, den Nutzen in der Zukunft zu steigern. Auf lange Sicht gesehen wird dieses Verhalten also sehr wohl dazu dienen, den Gesamtnutzen zu maximieren.

 

Etwas komplizierter werden jedoch die Verhältnisse, wenn man daran denkt, dass vor allem im Mittelalter viele gläubige Christen sich selbst geißelten und damit Pein verursachten. Auch hier lässt sich natürlich mit einiger Phantasie auch wiederum davon sprechen, dass auf diese Weise in einem etwas übertragenen Sinne doch wiederum durch dieses Verhalten eine Nutzensteigerung angestrebt wird, da diese Gläubigen diese Pein auf sich nahmen, um auf diese Weise nach dem Tode ins Himmelreich einzugehen.

 

Dieser Rettungsversuch des hedonistischen Prinzips ist jedoch wenig überzeugend. Hier wird der Versuch unternommen, die Widerlegung einer Hypothese (dass nicht alle Handlungen lustbetont sind) dadurch zu umgehen, dass der Begriff Lust immer wiederum umdefiniert wird. Diese Uminterpretation ist jedoch unakzeptabel, da am Ende dieser Interpretationen nahezu jedes Handeln eines Menschen unter diesen Begriff subsumiert wird mit der Folge, dass der Mensch ex definitione seinen Nutzen maximiert und dass gerade deshalb  die These von der Nutzenmaximierung zur immer gültigen, aber gerade deshalb nichtssagenden Leerformel wird. Durch diese Manöver zur Rettung des Lustprinzips ist also nichts gewonnen. Wir vergrößern unser Wissen über das menschliche Verhalten auf diese Weise überhaupt nicht.

 

Nun hat vor allem J. A. Schumpeter darauf aufmerksam gemacht, dass zwar einige Klassiker und auch Neoklassiker der Wirtschaftswissenschaften in der Tat dem Hedonismus huldigten, dass aber die Grundaussagen der klassischen Wertgesetze hiervon unberührt sind und auch gültig sind, unabhängig davon, ob menschliches Verhalten immer als lustbetont an gesehen werden muss oder nicht.

 

Nach Schumpeter befasst sich die traditionelle Werttheorie mit der Frage, wie Menschen ihre Ziele realisieren können, wenn die Güter, welche sie zur Erreichung dieser Ziele benötigen, knapp sind und wenn weiterhin in aller Regel die einzelnen Verwendungsarten dieser knappen Ressourcen in unterschiedlichem Maße eine Ziel­realisierung ermöglichen. Unter diesen Bedingungen kommt es also darauf an, dass man sich vor einer Zielrealisierung darüber Gedanken macht, auf welchem Wege ein Ziel erreicht werden kann und welcher dieser Wege die höchstmögliche Zielrealisierung garantiert.

 

Nach dieser Interpretation ist Nutzenmaximierung zwar wiederum eine Leerformel, da ja die unterschiedlichsten Motive ein nutzenmaximierendes Verhalten auslösen können. Das Entscheidende ist jedoch, dass in der von Schumpeter empfohlenen Interpretation der klassischen Wertlehre die eigentliche Hypothese eben gerade nicht die These von der Nutzenmaximierung ist, es wird vielmehr davon ausgegangen, dass Menschen aus den unterschiedlichsten Zielsetzungen heraus knappe Ressourcen einsetzen. Die zu untersuchende Hypothese besteht dann darin, dass die Menschen im Allgemeinen ihre Ziele rational angehen.

 

Dass die Menschen rational handeln, ist keinesfalls eine Leerformel, sie können sich sehr wohl auch irrational verhalten. Auch wird keineswegs behauptet, dass alle Menschen bei all ihren Entscheidungen rational vorgehen. Die klassische Wertlehre beschränkt sich darauf  aufmerksam zu machen, dass in einer Marktwirtschaft über die Wirkung des Wettbewerbs starke finanzielle Anreize ausgehen, welche die wirtschaftenden Personen, insbesondere die Unternehmungen zwingt, rational vorzugehen. Besteht nämlich ein intensiver Wettbewerb unter den Unternehmungen wird auf lange Sicht nur der Unternehmer wirtschaftlich überleben können, der alle Möglichkeiten einer Gewinnsteigerung in Anspruch nimmt. Aufgrund dieser starken Anreize wird die Mehrheit der Unternehmer nach diesem Prinzip handeln und auf lange Sicht werden sich nur diejenigen Unternehmungen im Markt halten können, die nach diesem Prinzip vorgehen oder eine Monopolstellung erlangt haben.


Ein Handeln nach dem Rationalprinzip bedeutet hier erstens, dass der Handelnde vor einer Aktion zunächst einmal klärt, welches Ziel er verfolgt. Als zweites macht sich der rational Handelnde wiederum vor der Aktion darüber kundig, welche Alternativen überhaupt bestehen bzw. bekannt sind und inwieweit sich die einzelnen Alternativen in dem Grad der Zielerreichung unterscheiden. In einem letzten Schritt wird dann diejenige Alternative ergriffen, welche den höchstmöglichen Grad der Zielerreichung garantiert.

 

Diese Interpretation eines rationalen Handelns gilt für die unterschiedlichsten Ziele. Die Notwendigkeit rational zu handeln ist nicht von der moralischen Qualität eines Zieles abhängig. Zur Realisierung moralisch hochstehender Ziele bedarf es oftmals knapper Ressourcen, denken wir z. B. an die Hilfe bei Naturkatastrophen, welche nur unter Einsatz von Finanzmitteln gewährt werden kann. Auf der anderen Seite gibt es moralisch verwerfliche Ziele wie z. B. das Mobbing, das zur Durchführung überhaupt keiner materiellen Ressourcen bedarf.

 

 

7. Die Bedeutung des jeweiligen Kultursystems

 

Auch dann, wenn wir uns im Methodenstreit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller auf die Seite Mengers schlagen und davon überzeugt sind, dass auch im Bereich der Wirtschaftswissenschaften Gesetzmäßig­keiten beobachtet werden können, wird man trotzdem Gustav von  Schmoller zugeben müssen, dass diese Gesetzmäßigkeiten auch vom jeweiligen Kultursystem abhängig sind. Wir beobachten unterschiedliches Verhalten in den Agrargesellschaften des Mittelalters und der heutigen Entwicklungsländer, in den marktwirtschaftlichen Systemen und in den staatlichen Planwirtschaften, weiterhin in Volkswirtschaften, die vom Islam geprägt werden.

 

Bereits Friedrich List ging davon aus, dass Volkswirtschaften, die noch am Anfang der Industrialisierung stehen, also noch überwiegend Agrarwirtschaften sind, den Konkurrenzkampf mit den Nationen, welche bereits auf dem Höhepunkt der Industrialisierung stehen, nicht überleben können und er forderte deshalb Schutzzölle, die den freien Import aus den hochentwickelten Staaten verhindern sollten. Wettbewerb setzt offensichtlich voraus, dass alle im Wettbewerb stehenden Unternehmungen auch auf dem gleichen Entwicklungsstand stehen oder sich zumindest nicht im erreichten Entwicklungsstand stark unterscheiden.

 

Das Verhalten der Produzenten in marktwirtschaftlichen Systemen unterscheidet sich vom Verhalten innerhalb staatlicher Planwirtschaften insofern, als die Entscheidungen der Produzenten in staatlichen Planwirtschaften den Anweisungen staatlicher Behörden folgen, während in einer Marktwirtschaft die Entscheidungen über Angebotsmengen und Preisen von den Unternehmungen selbst getroffen werden. Zwar versucht der Staat auch in Marktwirtschaften Einfluss auf das Verhalten der Unternehmungen zu gewinnen, dieser Einfluss erfolgt jedoch in aller Regel indirekt, das heißt, die Entscheidungen liegen nach wie vor bei den Unternehmungen selbst, der Staat versucht auf indirekte Weise durch finanzielle Anreize und Verbote die Produktion zu beeinflussen.

 

Eine durch den Islam geprägte Volkswirtschaft schließlich wird genauso wie die mittelalterliche Gesellschaft von einem Zinsverbot ausgehen, sodass hier der Kapitalmarkt auch nicht durch Zinsbewegungen ins Gleichgewicht gebracht werden kann.

 

Stets ist das wirtschaftliche Verhalten von der jeweiligen Ordnung abhängig. Über die jeweiligen Ordnungen werden einerseits Anreize gesetzt andererseits Verbote ausgesprochen, sodass die Reaktionen auf die jeweiligen wirtschaftlichen Datenänderungen je nach Ordnung unterschiedlich ausfallen. Auf diese Weise geht das jeweilige Kultursystem in den Datenkranz der wirtschaftlichen Entscheidungen ein und beeinflusst auf diese Weise sehr wohl die Ergebnisse wirtschaftlichen Handelns.

 

 

8. Gibt es auch Gesetzmäßigkeiten für Individuen?

 

Wir haben bereits weiter oben davon gesprochen, dass sich ökonomische Gesetze zumeist nicht als exakte Gesetze äußern, welche in jedem einzelnen Fall eintreten, sondern eher den Charakter einer Gesetzmäßigkeit aufweisen, die in der Mehrzahl der Fälle, aber nicht in jedem Falle wirksam werden. Wir wollen uns mit dieser Problematik noch etwas ausführlicher befassen.

 

Die Wirtschaftstheorie versteht sich in erster Linie als eine Wissenschaft, welche gesamtwirtschaftliche Fragen zu beantworten sucht, so etwa die Ursachen für Arbeitslosigkeit, Inflation oder für die Wachstumsrate der gesamten Güterproduktion. Oder es wird auch der Frage nachgegangen, welche Faktoren die Allokation und die Verteilung der Ressourcen auf die einzelnen Verwendungsarten oder auch Bevölkerungsgruppen bestimmen. Dabei ist das letztliche Ziel dieser Theorie weniger, das Verhalten eines einzelnen (privaten) Haushaltes oder einer einzelnen Unternehmung zu erklären.

 

Diese Feststellung scheint auf den ersten Blick in Widerspruch mit der Tatsache zu stehen, dass die Makromodelle einer Volkswirtschaft stets auf mikroökonomischen Modellen aufbauen oder zumindest aufbauen sollen. Bevor das Verhalten eines Marktes erklärt werden kann, gilt es das Verhalten der einzelnen Marktpartner zu eruieren und dies sind nun einmal entweder Haushalte (Konsumenten) oder Unternehmungen. So befassen sich z. B. die beiden Gossen’schen Gesetze mit dem Nachfrageverhalten der einzelnen Haushalte, genauso wie die beiden Ertragsgesetze das Nachfrageverhalten einer Unternehmung nach Produktionsfaktoren analysieren.

 

Diese mikroökonomischen Modelle werden benötigt um zu klären, wie sich die Gesamtnachfrage nach einem Gut bei Preisvariationen verändert; die Nachfrage nach einem Gut wird bei einer Preissteigerung nur dann zurückgehen, wenn zumindest die Haushalte in ihrer Mehrzahl auf Preissteigerung mit einer Reduzierung der Nachfrage reagieren. In diesem Sinne werden in der Tat mikroökonomische Modelle benötigt, um zu gesamtwirtschaftlichen Ergebnissen zu gelangen.

 

Aber das mikroökonomische Modell ist hier nicht Selbstzweck. Man wird aus diesen Modellen nicht ableiten können, wie sich jeder Haushalt verhalten wird. Und wenn ein Haushalt oder auch eine Mehrheit von Haushalten gefunden wird, welche auf Preissteigerungen bei bestimmten Gütern mit Nachfragesteigerungen und nicht mit Nachfragereduzierungen reagiert, so führt dies nicht automatisch zu einer Aufgabe der Nachfragetheorie. Im Grunde genommen geht die Markttheorie lediglich davon aus, dass Preissteigerungen einen Anreiz enthalten, die Nachfrage auf andere Güter zu verschieben und dass aufgrund dieser Anreize in aller Regel mit einer Reduzierung der Nachfrage insgesamt gerechnet werden muss.

 

In der Tat ist das Verhalten eines Haushaltes so komplex, dass die Nachfrage nach einem Gut nicht allein auf Preisvariationen zurückgeführt werden kann. Die Nachfrage eines Haushaltes nach einem Gut hängt immer von einer Vielzahl von Variablen ab, von den Preisen dieses Gutes, aber auch derjenigen Güter, welche zu diesem Gut in einer substitutiven oder auch komplementären Beziehung stehen, vom Einkommen des Haushaltes, aber auch vom Vermögen sowie den Erwartungen über die zukünftige Einkommensentwicklung, weiterhin auch von der Bedarfsstruktur, in welche selbst wiederum die unterschiedlichsten Faktoren wie Vererbung und Bildung eingehen.

 

Die traditionelle Haushaltstheorie versucht diesen Einfluss dadurch aufzuzeigen, dass sie die Frage untersucht unter welchen Bedingungen anomales Verhalten in der Güternachfrage zu erwarten ist. So haben wir weiter oben bereits von inferioren Gütern gesprochen, bei denen Preisvariationen ein anomales Nachfrageverhalten hervorrufen.

 

 

9. Unterschiede zwischen ökonomischen Gesetzen und Naturgesetzen

 

Als der Methodenstreit in den Wirtschaftswissenschaften Ende des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreichte, war Karl Menger, der Verfechter einer theoretischen Wirtschaftswissenschaft von den Erfolgen der damaligen Naturwissenschaft fasziniert und nahm sich vor allem die Mechanik zum Vorbild. In der Mechanik finden wir nun in der Tat exakte Gesetze, die nach dem Muster folgen: Immer dann, wenn ein bestimmtes Ereignis x auftritt, ist unter exakt formulierbaren Bedingungen auch das Ereignis y zu erwarten. So fällt der Apfel immer nach einem feststehenden Muster auf die Erde. Und es war Gustav von Schmoller, der Vertreter einer historischen Methode in den Wirtschaftswissenschaften, der gerade davon ausging, dass sich die im wirtschaftlichen Bereich festzustellenden Gegebenheiten nicht nach dem Vorbild der Mechanik ereignen.

 

Nach den oben dargelegten Zusammenhängen können wir auch dann, wenn wir in der Wirtschaftswissenschaft ebenfalls eine theoretische Wissenschaft sehen, in diesem Punkt Gustav von Schmoller folgen. In der Tat muss man davon ausgehen, dass es im Bereich der Wirtschaft keine exakten Gesetze im Sinne der Mechanik gibt.

 

Es wäre jedoch falsch, wenn wir aus diesen Überlegungen den Schluss ziehen würden, dass der eigentliche Unterschied zwischen Wirtschafts- und Naturwissenschaften darin liege, dass die Naturwissenschaften stets exakte Gesetze formulieren können, während im Bereich des Wirtschaftslebens nur statistische Gesetze wirken würden, welche nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zutreffen.

 

Nicht jeder Bereich der Naturwissenschaften folgt den Gesetzen der Mechanik, auch innerhalb der Naturwissen­schaften gibt es Bereiche, in denen nur statistische Gesetzmäßigkeiten beobachtet werden können. Dies gilt in aller Regel für alle Naturwissenschaften, die sich mit dem Menschen befassen.

 

Nehmen wir als Beispiel den menschlichen Körper. Nahezu jeder Mensch hat zwei Augen, zwei Ohren, eine Nase, einen Mund im Gesicht, weiterhin zwei Arme mit zwei Händen und insgesamt zehn Fingern, sowie zwei Beine mit zwei Füßen und wiederum insgesamt zehn Zehen. Trotz dieser feststellbaren gleichen menschlichen Merkmale unterscheidet sich doch nahezu jeder Mensch vom andern, Doppelgänger gibt es nur in den allerwenigsten Fällen, selbst eineiige Zwillingen unterscheiden sich immer noch in ihren Eigenschaften, obwohl sie oftmals rein äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden sind.

 

Vor allem für den Bereich der subatomaren Physik musste festgestellt werden, dass es hier nicht möglich ist, für jedes einzelne subatomare Partikel den  genauen Ort zu einer bestimmten Zeit anzugeben. Auch hier gelten nur statistische Wahrscheinlichkeiten.

 

In Wirklichkeit ist für die Frage der Gültigkeit exakter Gesetze gar nicht in erster Linie maßgeblich, ob es sich um natur- oder wirtschaftswissenschaftliche Studienobjekte handelt. Sowohl finden sich innerhalb der Naturwissenschaften Bereiche, in denen nur statistische Gesetze formuliert werden können, als es auch im Bereich der Wirtschaftswissenschaft z. B. unter den Bedingungen eines intensiven Wettbewerbes Gesetzmäßigkeiten gibt, die sehr nahe an das Ideal eines exakten Gesetzes herankommen.

 

Vielmehr entscheidet der Komplexitätsgrad des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes, wie exakt die Zusammen­hänge zwischen den einzelnen Variablen formuliert werden können. In der Mechanik ist der Komplexitätsgrad der untersuchten Zusammenhänge gering und gerade deshalb konnten in diesem Bereich exakte Gesetze gefunden werden. Der menschliche Körper weist demgegenüber bereits einen sehr viel höheren Komplexitätsgrad auf und gerade deshalb können in diesem Bereich keine exakten, für jeden einzelnen Menschen gültigen Gesetze gefunden werden.

 

Ist bereits der menschliche Körper hoch komplex, so sind die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander um ein weiteres komplex, sodass hier kaum exakte Gesetze im Sinne der Mechanik auffindbar sind. Für das wirtschaftliche Handeln der Menschen lassen sich nur gewisse Muster im Sinne von Regelmäßigkeiten beobachten, wobei die Ausgestaltung dieses Musters bei fast jedem Menschen unterschiedlich verläuft.

 

Neben der Komplexität bestimmt auch die anzuwendende Untersuchungsmethode die Antwort auf die Frage nach der Exaktheit der zu formulierenden Theorien. Nehmen wir als Beispiel ein Mikroskop, mit dessen Hilfe wir kleinste Gegenstände wie Mikroben sichtbar machen wollen. Das Mikroskop mag noch so aufwendig konstruiert sein, der im Mikroskop eingesetzte Lichtstrahl und die Länge der Lichtwelle bestimmt letzten Endes die Mindestgröße der untersuchbaren Gegenstände. Vor allem in diesen Tatbeständen liegt es begründet, dass die genaue Position eines subatomaren Partikels nicht exakt bestimmt werden kann, dass im subatomaren Bereich nur festgestellt werden kann, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich ein gewisses Teilchen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort befindet.

 

 

10. Staatliche Gesetze versus wissenschaftliche Gesetze

 

Zum Schluss dieses ersten Kapitels wollen wir uns noch ganz kurz mit dem Unterschied zwischen wissenschaftlichen und staatlichen Gesetzen befassen. Bekanntlich sprechen wir nicht nur im wissenschaftlichen Bereich von Gesetzen, vielmehr regeln auch staatliche Gesetze das zwischenmenschliche Leben.

 

Während wir bei den wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten davon ausgehen, dass sie von selbst eintreten, ohne dass sie von Menschen gewollt werden, bestehen staatliche Gesetze in Regelungen, die von Menschen ganz bewusst geschaffen werden. Bringen wir ein Beispiel aus der Markttheorie. In einer staatlichen Planwirtschaft werden die Preise der einzelnen Güter von einer staatlichen Behörde gesetzt und es wird von eben dieser Behörde auch festgesetzt, wie viel Gütermengen angeboten oder auch nachgefragt werden.

 

In einer freien Marktwirtschaft hingegen ergeben sich die Preise und gehandelten Gütermengen quasi von selbst und nicht durch einen willkürlichen Akt. Der Anbieter einer Ware mag noch so sehr eine Preissteigerung wünschen und versuchen, die Preise zu erhöhen, er wird mit diesen Bemühungen keinen Erfolg haben, wenn aufgrund der versuchten Preissteigerungen die Nachfrager nicht bereit sind, die angebotenen Gütermengen auch zu kaufen. Der Gleichgewichtspreis ergibt sich im freien Markt aus dem Zusammenspiel aller Anbieter und Nachfrager. Die Vielzahl der voneinander unabhängigen Kauf- und Verkaufsabsichten der Marktteilnehmer legt fest, bei welchem Preis der Markt geräumt wird. Wenn bei einem willkürlich gesetzten Preis ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage entsteht, treten solange Preiskorrekturen ein, bis das anfängliche Ungleich­gewicht beseitigt ist.

 

Der Tendenz nach gleichen die vom Staat gesetzten Gesetze exakten Gesetzen der Natur. Wenn der Staat bestimmte Handlungen verbietet, so gilt dies in aller Regel für alle Bürger, denn vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich. Bei bestimmten im Gesetz umschriebenen Situationen haben in jedem Einzelfall ganz bestimmte Handlungen zu erfolgen bzw. müssen bestimmte Handlungen unterlassen werden.

 

Dies gilt allerdings nur für die Absicht des Gesetzgebers. In der Realität können wir nicht davon ausgehen, dass die Gesetze stets 100%ig befolgt werden. Immer müssen wir davon ausgehen, dass es einen geringen Prozentsatz der Bürger gibt, welche die Gesetze übertreten, aus welchen Gründen auch immer. Dabei hängt es von recht unterschiedlichen Faktoren ab, wie hoch der Prozentsatz derjenigen ist, welche das Gesetz übertreten. Gesetzesübertretungen mögen erfolgen, da der Staat nicht willens ist, Gesetzesübertretungen zu verfolgen oder dass er nicht über die Einrichtungen und Kenntnisse verfügt, um überhaupt Gesetzesübertretungen festzustellen. Bisweilen widersprechen sogar vom Staat gesetzte Bestimmungen in gravierender Weise den Überzeugungen der Bürger und es kommt dann zu einem Zustand, bei dem die Gesetze sogar von der Mehrheit der Bevölkerung übertreten werden.

 

Diese Überlegungen machen deutlich, dass die Gesetzmäßigkeiten bei staatlichen Gesetzen nicht nur darin liegen, dass bei einer bestimmten Ausgangssituation ganz bestimmte Handlungen geboten oder auch verboten werden, sondern dass darüber hinaus auch Übertretungen von Gesetzen zu ganz bestimmten Strafen führen.