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Zur Frustrationsbewältigung in der Erziehung

Teil I

 

 

Gliederung:

 

1. Zur Problematik

2. Zum Begriff Frustration

3. Ursachen der Frustration

4. Folgen der Frustration

5. Vom Wandel der Möglichkeiten

6. Vom Wandel des Bedarfs

7. Vom Wandel der Zielsetzungen

8. Strategien der Frustrationsbewältigung

9. Erziehungsmethoden zur Frustrationsbewältigung

 

 

1. Zur Problematik

 

Bereits in meinem Artikel zur ökonomischen Theorie der Erziehung bin ich kurz auf das Problem der Frustrationsbewältigung im Rahmen der Erziehung von Kindern eingegangen. Diese Überlegungen sollen in diesem zweiten Artikel über Erziehungsfragen aufgenommen und vertieft werden. Ich hatte dort unter anderem folgendes ausgeführt:

 

Es gehört zu den wichtigsten Leitsätzen einer traditionellen Erziehung, die heranwachsenden Jugendlichen nicht zu verwöhnen. Das alltägliche Leben sei voll von Enttäuschungen und Entbehrungen, auf die das Kind schon sehr früh vorbereitet werden müsse. Das Leben meistern könne nur ein Individuum, das in seiner Kindheit gelernt habe, Entbehrungen zu erfahren und mit Entbehrungen umzugehen; wer hingegen in seiner Kindheit verwöhnt wurde und wem in der Jugend jeder Wunsch erfüllt wurde, scheitere im späteren Leben an den alltäglichen Enttäuschungen. 

 

An diesen Überlegungen ist sicherlich so viel richtig, dass das Alltagsleben von zahlreichen Entbehrungen und Enttäuschungen begleitet wird. Zwar ist gegenüber früheren Zeiten der Umfang der nicht erfüllten Wünsche und Bedürfnisse stark zurückgegangen. Die Wohlfahrtssteigerung in allen modernen Industrienationen hat nicht nur einer kleinen Schicht von Reichen eine enorme Verbesserung in den Lebensbedingungen gebracht, der heute realisierte Wohlstand auch mittlerer Schichten ist vielmehr ebenfalls stark angestiegen und der durchschnittliche Bürger von heute kann sich Annehmlichkeiten leisten, von denen selbst die Reichsten und Mächtigsten im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit nur träumen konnten.

 

Trotz dieses starken Anstieges des Wohlfahrtsniveaus einer Mittelstandsfamilie erlebt auch der heutige Mensch im Durchschnitt zahlreiche Entbehrungen. Dies gilt zunächst für alle diejenigen Personengruppen, die nicht zu den 10% reichsten Bürger in unserer modernen Gesellschaft zählen. Aber selbst für die Reichsten unter uns gilt, dass sie immer noch mit Enttäuschungen rechnen müssen, weniger im Zusammenhang mit materieller Not, obwohl Superreiche durch eigene Schuld, aber auch durch persönliche Schicksalsschläge durchaus auch heute noch in materielle Not geraten können. Von größerer Bedeutung ist für diese kleine Schicht von Reichen hingegen der Umstand, dass Reichtum nicht vor Krankheit schützen kann und dass auch oder gerade die Reichen nicht 100% geschützt sein können vor Anfeindungen der Mitmenschen und vor verbrecherischen Anschlägen wie z. B. Erpressung und Entführung. Vor Frustrationen – so wollen wir die Enttäuschungen und Entbehrungen jeder Art zusammenfassen – ist niemand geschützt und es ist also durchaus ein ganz generelles Anliegen, die heranwachsenden Jugendlichen auf diese Probleme vorzubereiten.

 

Dass der Umfang an Frustrationen trotz starken Anstiegs des Pro-Kopf-Einkommens der beiden letzten Jahrhunderte nicht entscheidend zurückgegangen ist, mag vor allem an zwei Tatbeständen liegen. Auf der einen Seite löst eben - wie bereits gezeigt – nicht nur materielle Not Frustrationen aus, auch die immateriellen Bedürfnisse können nicht voll befriedigt werden und Frustrationen auslösen. Ja man wird sogar vermuten können, dass mit der Zunahme in der materiellen Wohlfahrt die Bedeutung der immateriellen Ziele ansteigt und deren Nichterfüllung umso mehr Beachtung und Frustration erfährt.

 

Auf der anderen Seite hängt das Ausmaß an Frustrationen sowohl davon ab, wie viel Ziele man sich setzt als auch davon, über wie viel Ressourcen man verfügt, um diese Ziele zu erfüllen. Das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens sagt nur etwas darüber aus, dass der Umfang der zur Verfügung stehenden Ressourcen angestiegen ist. Der Umfang der Frustrationen hingegen wäre nur dann gesunken, wenn der Umfang der angestrebten Ziele nicht ebenfalls angestiegen wäre oder zumindest in geringerem Maße als der Ressourcenumfang zugenommen hätte. Mit dem Reichtum sind jedoch im Allgemeinen auch die Ansprüche gestiegen.

 

Insoweit können wir also der Feststellung, dass das alltägliche Leben von permanenten Frustrationen begleitet sein wird und der daraus abgeleiteten Forderung, dass die Jugendlichen auf diesen Tatbestand vorbereitet werden müssen, durchaus zustimmen.

 

Diese Zustimmung bedeutet jedoch nicht, dass jede Art der Frustrationsbewältigung erwünscht ist oder dass es zur Frustrationsbewältigung ausreicht, dafür zu sorgen, dass Jugendliche schon sehr früh Frustrationen am eigenen Leib erfahren.

 

Ganz im Gegenteil ist zu befürchten, dass Frustrationen als solche immer auch Gefährdungen mit sich bringen und dass es durchaus auch Versuche einer Frustrationsbewältigung gibt, die für die Jugendlichen – auch dann, wenn man allein auf das langfristige Interesse der Jugendlichen abhebt – schädlich ausfallen.

 

Als erstes gilt es darauf hinzuweisen, dass es im Rahmen der Frustrationsbewältigung während des Erziehungsprozesses weniger darauf ankommt, die Jugendlichen möglichst vielen Frustrationen auszusetzen, sondern ihnen zu zeigen, wie man mit Frustrationen fertig wird, ohne selbst Schaden zu nehmen, aber auch ohne anderen – den Mitmenschen – Schaden zuzufügen. Es kommt also nicht so sehr darauf an, dass Jugendliche sehr früh Frustrationen erfahren, sondern dass sie lernen, mit Frustrationen so umzugehen, dass weder sie noch ihre Mitmenschen größeren und vor allem bleibenden Schaden erleiden.

 

Weiterhin ist es im Allgemeinen nicht erwünscht, Frustrationen künstlich zu erzeugen. Auf der einen Seite erfahren nahezu alle Familien Frustrationen, die vollkommen ausreichen, um die Heranwachsenden mit dem Phänomen der Frustration vertraut zu machen.  Auf der anderen Seite entwickeln Jugendliche schon sehr früh ein sicheres Gespür dafür, ob Frustrationen für die Eltern vorgegeben sind oder von ihnen künstlich erzeugt werden.

 

Wie eine Frustration von den Jugendlichen verarbeitet wird, hängt hierbei in erster Linie davon ab, wie der Jugendliche selbst diese Frustration erfährt, ob er begreift, dass die erfahrenen Begrenzungen den Eltern selbst vorgegeben sind, sie also z. B. bestimmte Wünsche einfach deshalb nicht erfüllen können, weil es ihnen an materiellen Ressourcen mangelt. Oft erfahren Jugendliche jedoch Entbehrungen als reine Schikane, die entweder nur aufgrund der Bequemlichkeit ihrer Eltern verordnet werden oder als Strafe verstanden werden, die sie selbst als nicht gerechtfertigt halten.

 

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen die Jugendlichen die erfahrenen Frustrationen zu Unrecht als künstlich ansehen. Hier liegt die Aufgabe der Erziehung darin, den Kindern verstandesmäßig nahezubringen, dass die Entbehrungen nicht willkürlich erfolgen. Der Einwand, dass Kleinkinder bis zu einem bestimmten Alter gar nicht verstandesmäßigen Argumenten zugänglich sind, ist zwar richtig, aber daraus folgt nur, dass die eigentliche Erziehung überhaupt erst dann beginnen kann, wenn das Kind rationalen Überlegungen zugänglich wird. Einschränkungen vor diesem kritischen Alter sind nur dann notwendig und deshalb berechtigt, wenn ohne diese Einschränkungen unmittelbarer Schaden entstünde, den es selbstverständlich abzuwehren gilt.

 

Frustrationen, die von den Jugendlichen als künstlich erfahren werden, haben in der Regel unerwünschte negative Auswirkungen. Das Kind lernt hier, dass im Umgang mit den Mitmenschen das Setzen von Entbehrungen ein Machtmittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen darstellt, es lernt, dass es herrschende und beherrschte Individuen gibt und dass die Herrschenden den Beherrschten Entbehrungen auferlegen können und dass es darauf ankommt, möglichst zu der herrschenden Schicht zu zählen. Ein zweiter, langfristiger Aspekt ist noch von größerer Bedeutung. Der Jugendliche wird – wenn ihn eine künstlich wahrgenommene Frustration häufig trifft –, lernen, dass man auf Frustrationen aggressiv reagieren kann  und auch reagieren darf. Es lernt - bestimmte eigene Grundstimmungen vorausgesetzt und wenn die Frustrationen einen bestimmten kritischen Umfang überschreiten – unter Umständen auch, in Melancholie zu versinken.

 

Frustrationen führen also dann, wenn Menschen nicht in ihrer Jugend auf die Bewältigung von Frustrationen vorbereitet wurden, oftmals zur Aggression. Die Aufgabe des Erziehenden bei der Frustrationsbewältigung besteht dann vor allem darin, aufzuzeigen, wie man auf Frustrationen anders als durch Aggression reagieren kann. Hierbei ist auch hier zunächst an die Vorbildfunktion der Erwachsenen zu erinnern. Ein Jugendlicher lernt am ehesten sinnvoll mit Frustrationen umzugehen, wenn die Erwachsenen konsequent vorleben, wie man Frustrationen sinnvoll begegnen kann und wie man in Zukunft das Auftreten von Frustrationen vermeiden oder zumindest vermindern kann.

 

Aggressives Verhalten ist nicht per se schlecht. Die Menschen können in Situationen geraten, in denen sie nur dann überleben, wenn sie sich aggressiv verhalten. Entscheidend hierbei ist jedoch die Frage, wie viel Aggression zum heutigen Überleben des Menschen noch notwendig ist. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass auch friedfertige Gemeinschaften stets von weniger friedfertigen Menschen bedroht werden, sodass ein Überleben friedfertiger Gesellschaften ein Mindestmaß an Aggressivität voraussetzt. Es wird hierbei aber leicht übersehen, dass die Art der Erziehung und der Umgang mit der Frustrationsbewältigung selbst Einfluss auf das Ausmaß an Aggressivität einer Gesellschaft haben dürfte.

 

Die Kulturanthropologie (vor allem Margerite Meade) hat gezeigt, dass es Primitivkulturen gibt, die sehr viel friedfertiger mit einander umgehen, die nicht das Ausmaß an Aggressivität wie die modernen Kultursysteme kennen. Nun mag man einwenden, dass sich diese Kultursysteme unter Umständen eine Friedfertigkeit leisten konnten, da sie aus vielleicht zufälligen Umständen heraus von äußeren Feinden verschont blieben. Man  muss sich jedoch auch die Frage stellen, warum dies der Fall war. Dass diese Kultursysteme dadurch ausgezeichnet waren, dass sie mit materiellen Ressourcen reichlich ausgestattet waren und dass deshalb weniger – eine aggressive Haltung auslösende – Frustrationen auftraten, entspricht sicherlich nicht der Wirklichkeit. Ganz im Gegenteil handelte es sich bei diesen Primitivkulturen um im Vergleich zu den heutigen Gesellschaften ärmliche Gemeinschaften.    

 

Aber vielleicht trug gerade dieser Umstand, dass diese Kultursysteme mit relativ wenigen Ressourcen ausgestattet waren dazu bei, dass sie nicht in gleichem Umfange wie sonstige Kulturen von äußeren Feinden bedroht wurden und sich deshalb ein geringeres Aggressionsniveau leisten konnten. 

 

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob eine Gesellschaft nicht auch bei Vorhandensein einer äußeren Bedrohung mit einem geringeren Aggressionsniveau auskommen kann, indem sie eine aggressive Haltung nur gegenüber Personen und Personengruppen einnimmt, die mit aggressiven Aktivitäten beginnen. Es müsste möglich sein, im normalen Leben Verhaltensweisen zu bevorzugen, die durch Zuvorkommenheit und Respekt geprägt sind. Dies sind auch die Ideale, welche die Verfassungen der freiheitlich-demokratischen Staatsformen nahelegen. Es besteht die Gefahr, dass eine Erziehung, die bewusst auf das Erzeugen von Frustrationen setzt, einen Umfang an Aggressivität zur Folge hat, der ein friedfertiges Verhalten im Alltagsleben verhindert oder zumindest erschwert und der gerade die Aggressivität überhaupt erst erzeugt, die es mit dieser Art Erziehung zu bekämpfen gilt.

 

Wer in seiner Kindheit in zu starkem Maße Frustrationen erfahren muss, läuft Gefahr, dass er nicht mehr bereit ist, sich in die Gesellschaft einzuordnen und die Spielregeln zu beachten, die für ein friedliches Miteinander unerlässlich sind. Damit aber ein Mensch überhaupt in der Lage ist, sich so in die Gesellschaft einzuordnen, dass er auf der einen Seite seine Mitmenschen und ihre Bedürfnisse achtet, auf der anderen Seite aber auch seine eigenen Interessen wahrnehmen kann, ist es unerlässlich, dass sich in der Erziehung eine Selbstidentität herausbildet. Ein Zuviel an Frustrationen kann durchaus dazu führen, dass dieser normale Prozess der Selbstidentifikation gestört wird und dass der Betroffene zu verbrecherische Verhaltensweisen neigt.

 

Gerade die jüngsten Amokläufe Jugendlicher machen diese Gefahren deutlich. Es ist falsch zu meinen, man könne diese Art von Verbrechen wirkungsvoll verhindern, indem man die Waffengesetze verschärft und die Einhaltung dieser Gesetze stärker als bisher kontrolliert. Dabei geht es nicht darum, dass es erwünscht wäre, dass möglichst viele Personen Waffen besitzen oder leichtsinnig mit der Sicherung dieser Waffen umgehen. Es geht hierbei vielmehr allein um die Frage, ob eine Verschärfung der bestehenden Waffengesetze die Gefahr von Amokläufen wirksam verhindern oder zumindest vermindern kann.

 

In der Beurteilung dieser Frage gilt es sich klar zu machen, dass menschliches Verhalten nie naturwissenschaftlichen Gesetzen in dem Sinne entspricht, dass eine ganz bestimmte Ursache in jedem einzelnen Fall ausnahmslos eine ganz bestimmte Wirkung zeigt. Dieser Zusammenhang kann noch nicht einmal im gesamten Bereich der Naturwissenschaften unterstellt werden, er gilt eigentlich nur für den Bereich mechanischer Gesetze.

 

Die Gesetzmäßigkeiten, welche für menschliches und damit auch soziales Verhalten festgestellt werden können, sind immer nur statistischer Natur und zwar in dem Sinne, dass mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bestimmte Ursachen bestimmte Wirkungen zeigen. Stets wird man damit rechnen müssen, dass in gewissen Fällen andere Verhaltensweisen möglich sind. Zu groß ist die Komplexität menschlicher Beziehungen, als dass einfache, immer – d.h. in jedem Einzelfall – gültige Gesetzmäßigkeiten beobachtet werden könnten.

 

Dies bedeutet aber, dass ein noch so perfekter Überwachungsstaat nicht in der Lage wäre, jeden einzelnen Amoklauf zu verhindern. Stets wird es Ausnahmeerscheinungen geben. Jeder einzelne Amoklauf muss zwar als eine Katastrophe angesehen werden. Trotzdem ist die Zahl der tatsächlich verübten Amokläufe doch wiederum in absoluten Größen gerechnet so gering, als dass man erwarten könnte, dass eine verbesserte Überwachung menschlichen Verhaltens auch nur im geringen Maße die Häufigkeit dieser verbrecherischen Verhaltensweisen verringern könnte.

 

Wenn z. B. ein zu verbrecherischem Handeln neigender Jugendliche an keine Waffen herankommen kann, wird er sich eben andere Mordinstrumente besorgen, seine Taten vielleicht mit Messern oder mit selbstgebastelten Bomben vollbringen, deren Bauanleitung er aus dem Internet heruntergeladen hat. Was dann bleibt, ist nur die Tatsache, dass auf diese Weise der Handlungsspielraum und die persönliche Intimsphäre der Menschen um ein weiteres eingeengt und verletzt wird. Jede Kontrolle des Staates bringt es mit sich, dass nicht nur derjenige in seinem Handeln eingeengt wird, der tatsächlich verbrecherische Handlungen plant, sondern dass auch eine Vielzahl von gesetzestreuen Bürgern, denen man nur nicht ansieht, dass sie keine verbrecherischen Handlungen planen, diese Einengungen erfahren.

 

Viel erfolgversprechender als Verschärfungen der bestehenden Waffengesetze und deren Kontrolle wäre es, dass man dem Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Frustrationen im Verlauf der Erziehung und der Entwicklung zu verbrecherischem Verhalten nachgeht und damit im Sinne einer Ursachenforschung die Voraussetzungen für eine Früherkennung solcher verbrecherischen Verhaltensweisen schafft.

 

Wie bereits erwähnt wurde, wollen wir in diesem Artikel diese Problematik nochmals aufgreifen und vertiefen. Wir wollen uns in einem ersten Schritt fragen, wann man genau von Frustration spricht und an welchem Maßstab der Umfang einer Frustration gemessen werden kann. In einem zweiten Schritt soll dann nach den möglichen und häufigsten Ursachen einer Frustration gefragt werden und auf die wichtigsten Folgen hingewiesen werden.

 

In drei weiteren Schritten wird dann der Frage nachgegangen, wie sich die Frustrationsproblematik im Zeitablauf gewandelt hat, wobei ein Wandel in den Möglichkeiten der Bedarfsbefriedigung, des Bedarfs selbst sowie der menschlichen Zielsetzungen eingetreten ist. In einem sechsten Schritt werden die einzelnen möglichen Strategien zur Frustrationsbewältigung   dargestellt und problematisiert, in einem letzten siebten Schritt schließlich gilt es auf die einzelnen Erziehungsmethoden zur Frustrationsbewältigung näher einzugehen.

 

 

2. Zum Begriff Frustration

 

Von Frustration spricht man immer dann, wenn Bedürfnisse und Wünsche  nicht erfüllt werden, wenn Erwartungen enttäuscht werden oder eine Realisierung der Ziele vereitelt wird. Frustrationen begleiten unser ganzes Leben, sie treten vor allem auch in der Kindheit auf. Versuche, Frustrationen durch eine antiautoritäre Erziehung zu vermeiden, blieben erfolglos und hatten oftmals ein besonders aggressives Verhalten der Kinder zur Folge, das gerade durch diese Erziehungsmethode vermieden werden sollte.

 

Bedürfnisse sind uns zum Teil angeboren. Der  menschliche Körper braucht bestimmte Grundnahrungsmittel, Kleidung und ganz bestimmte Umweltbedingungen, um überhaupt überleben zu können. Erhält er diese Mittel und Bedingungen nicht, so stellen sich Hunger, Durst Kälte oder Hitze ein, das menschliche Leben ist unter diesen Bedingungen bedroht, der Mensch verhungert, verdurstet, erfriert oder kommt durch Hitze um. Gerade um dies zu verhindern und den Menschen vor diesem Tode zu bewahren, tritt ein Zustand der Frustration auf, um den Menschen zu Verhaltensweisen zu veranlassen, welche diese Not aufhebt oder zumindest vermindert.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass Bedürfnisse unveränderbar sind, es ist durchaus möglich, auf dem Wege der Erziehung einen Menschen dazu zu bringen, Bedürfnisse in gewissen Grenzen zu unterdrücken und vor allem ihr zeitliches Auftreten zu verschieben. Genauso gilt auch, dass durch bewusste Haltung oder auch durch bestimmte Einflüsse, die nicht rechtzeitig bekannt werden und denen nicht bewusst ausgewichen wird, Bedürfnisse über ihr natürliches Ausmaß vergrößert werden können.

 

Bedürfnisse sind zwar immer in dem Augenblick, in dem sie auftreten, vorgegeben und können deshalb kurzfristig nicht mehr verhindert werden, sie hängen aber sehr wohl von der langfristigen Entwicklung eines Menschen ab und können langfristig sehr wohl in gewissen Grenzen gesteuert, also vermindert oder auch ausgeweitet werden. Nur auf sehr kurze Sicht stellen Bedürfnisse für den einzelnen Menschen ein nicht beeinflussbares Datum dar. Auf lange Sicht können sie sehr wohl verändert werden.

 

Auch nichterfüllte Erwartungen, die sich nicht nur aufgrund vorgegebener Bedürfnisse einstellen, lösen Frustrationen aus. Auch hier gilt, dass Erwartungen nur in sehr kurzfristiger Sicht ein unveränderbares Datum darstellen, dass sie vor allem nicht angeboren und deshalb unveränderbar sind. Erwartungen ergeben sich aus einer Haltung, die bestrebt ist, das bisher erreichte auch für die Zukunft zumindest zu erhalten. Hat sich der Mensch in der Vergangenheit einen bestimmten Lebensstandard erkämpft, so erwartet er im Allgemeinen, dass dieser Lebensstandard auch für die zukünftigen Perioden aufrechterhalten werden kann. Auch dann, wenn ohne eigenes Zutun in der Vergangenheit ein bestimmter Reichtum realisiert wurde, bilden sich Erwartungen, dass diese Zustände auch in den folgenden Perioden aufrechterhalten werden können. Fast jede Nichterfüllung dieser Erwartungen führt zu Enttäuschung, also zu Frustrationen.

 

Gerade in den letzten Jahrzehnten hat sich nun in den modernen Industriegesellschaften eine Erwartungshaltung eingestellt, welche davon ausgeht, dass das bisher Erreichte für die weitere Zukunft nicht nur erhalten, sondern Jahr für Jahr gesteigert werden kann. Die Erwartung bezieht sich dann nicht auf das absolute bisher erreichte Niveau, es bildet sich ein Wachstumsbewusstsein heraus, aufgrund dessen erwartet wird, dass die in der Vergangenheit realisierten Wachstumsraten auch in der Zukunft erhalten werden können. Man ist bereits frustriert, wenn diese jährlichen Wachstumsraten zurückgehen und der absolute Lebensstandard durchaus beibehalten oder sogar noch vergrößert wird, nur eben mit einer geringeren Wachstumsrate als in der jüngsten Vergangenheit. Ein Absinken des absoluten Niveaus wird dann bereits als Katastrophe empfunden, obwohl dieser Lebensstandard unter Umständen das für das Überleben unbedingt notwendige bei weitem noch übersteigt.

 

Erwartungen beziehen sich allerdings nicht nur auf das Erreichen bestimmter materieller Zustände. Der einzelne Mensch kann sich die unterschiedlichsten Ziele vornehmen und immer dann, wenn er diese selbst gesteckten Ziele nicht erreicht, ist er enttäuscht und frustriert. So kann sich der Einzelne ein bestimmtes Berufsziel stellen und wird enttäuscht, wenn er dieses Ziel nicht erreicht. Er kann sich auch in seinem Freizeitbereich Ziele vornehmen, z. B. in einem sportlichen Spiel zu gewinnen oder als erster einen besonders schwierig zu erkletternden Berggipfel zu bezwingen. Die Möglichkeiten, sich persönliche Ziele zu setzen, sind unbegrenzt. Und gerade deshalb, weil Menschen immer wieder die bisher erreichten Grenzen zu überschreiten versuchen, ist die Gefahr groß, dass diese Ziele sehr oft nicht erreicht werden und sich deshalb Enttäuschungen einstellen.

 

Gerade in diesem Versuch, die bisherigen Grenzen zu überschreiten, sind die Menschen allerdings bereit, Entbehrungen in Kauf zu nehmen, also Nutzenminderungen bewusst hinzunehmen, die in anderen Zusammenhängen zumeist als höchst unerwünscht angesehen werden und dort bereits Frustrationen auslösen können. Die Erwartungen beziehen sich dann nicht mehr auf einzelne Tatbestände, sondern allein oder zumindest vorwiegend auf die Realisierung des selbst gesteckten Zieles. Nicht die Veränderungen in den partiellen Zielen, sondern nur im Gesamtziel zählen in diesem Falle. Es wird nicht auf eine Maximierung der partiellen Nutzenzuwächse und eine Minimierung der partiellen Nutzenverluste hingewirkt, es zählt nur der Saldo der gesamten Wohlfahrt.

 

Ganz gleichgültig, ob wir den Begriff der Frustration auf Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen oder Zielsetzungen beziehen, in jedem Falle tritt eine Frustration dann auf, wenn sich ein Missverhältnis zwischen dem Angestrebten und dem Erreichten einstellt. Es ist also nicht primär das absolute Nutzenniveau oder der absolut erreichte Zustand, der darüber entscheidet, ob Frustrationen eintreten und wie stark sie empfunden werden, sondern entscheidend ist immer das Spannungsverhältnis zwischen angestrebtem und erreichtem Zustand. Wir können feststellen, dass Menschen auch mit einem sehr geringen Lebensstandard mit ihrem Leben durchaus zufrieden sind, während umgekehrt Menschen, die in absolutem Sinne sehr viel erreicht haben und einen Lebensstandard genießen, der weit über dem durchschnittlichen Reichtum liegt, äußerst unzufrieden sind, weil sie ihre hochgesteckten Ziele nicht erreicht haben und deshalb frustriert bleiben.

 

 

3. Ursachen der Frustration

 

Wenn wir nach den Ursachen fragen, welche Frustrationen auslösen, so ist sicherlich die Knappheit der materiellen Güter einer der wichtigsten Faktoren, welche Frustrationen auslösen. Auch der Begriff der Knappheit weist ähnlich wie der Begriff der Frustration auf ein Spannungsverhältnis hin. Wir sprechen immer dann von Knappheit, wenn der Bedarf an Gütern den Vorrat übersteigt.

 

Verwandt mit diesem Begriff – aber nicht identisch – ist der Begriff des Marktungleichgewichtes, des Auseinanderfallens von Angebot an und Nachfrage nach Gütern. Beide Begriffe weisen auf ein Missverhältnis hin, während der Knappheitsbegriff auf das tatsächliche Verhältnis von Bedarf und Vorrat eingeht, handelt es sich beim Begriff des Marktungleichgewichtes um das auf Märkten auftretende Spannungsverhältnis.

 

Knappheit und Marktungleichgewicht hängen zwar eng miteinander zusammen, zumeist ist es die reale Knappheit der Güter, welche ein Marktungleichgewicht, und zwar einen Nachfrageüberhang auslöst. Es ist aber durchaus denkbar, dass auch dann, wenn der Vorrat für den tatsächlich geäußerten Bedarf vollkommen ausreicht, auf den Märkten Nachfrageüberhänge entstehen, so z. B. dann, wenn Unternehmungen ihre monopolistische Macht ausnützen und Güter künstlich verknappen, um auf diese Weise ihren Gewinn zu steigern oder wenn aufgrund von Marktunvollkommenheiten Preisänderungen nicht die notwendige Anpassung von Angebot und Nachfrage herbeiführen.

 

Auch ist es durchaus denkbar, dass sich die Märkte trotz Knappheit im Gleichgewicht befinden, schließlich gehen wir im Allgemeinen davon aus, dass die Güter knapp sind, dass aber einer funktionierenden Marktwirtschaft dennoch eine Tendenz zum Gleichgewicht innewohnt. Wenn es zum länger anhaltenden Marktungleichgewicht kommt, liegt es darin, dass die Märkte pathologisch reagieren und nicht reibungslos funktionieren.

 

Wenn wir also Frustrationen sehr häufig auf die Knappheit der materiellen Güter zurückführen müssen, ist das Verhältnis zwischen Knappheit und Frustration allerdings nicht so einfach, dass man davon sprechen kann, dass das Ausmaß der Frustration dem Umfang der Knappheit entspricht, dass also ein Anwachsen der Knappheit immer auch zu einem gleichgroßen Umfang an Frustrationen führt.

 

Ob nämlich Knappheit Frustrationen auslöst und in welchem Umfange, hängt immer auch davon ab, wie die von Knappheit betroffenen Menschen in der Vergangenheit gelernt haben, mit der Knappheit umzugehen. In der Realität stellen wir fest, dass es auf der einen Seite durchaus arme Menschen gibt, die jedoch mit ihrem Schicksal weitgehend zufrieden sind, während es auf der anderen Seite auch viele sehr reiche Menschen gibt, welche trotz ihres Reichtums unzufrieden sind.

 

Ob Knappheit Frustrationen auslöst, hängt neben dem absoluten Umfang der Knapp­heit auch davon ab, welchen Reichtum die Bürger erwarten. Ist ihr Erwartungshorizont gering, können sie trotz Armut durchaus zufrieden sein, während umgekehrt jemand der von der Erwartung ausgeht, dass das persönliche Einkommen Jahr für Jahr an­steigt, selbst dann frustriert sein kann, wenn der bisherige Reichtum erhalten werden konnte, ja sogar, wenn das Einkommen gegenüber der Vorperiode angestiegen ist, nur eben mit einer geringeren Wachstumsrate als erhofft.

 

Da Frustrationen aus dem Spannungsverhältnis von Erwartung und Realisierung entstehen, kann für das Aufkommen von Frustrationen entweder ein Anstieg in den Erwartungen verantwortlich sein, wenn diese gestiegenen Ansprüche nicht realisiert werden können. Viel häufiger dürfte jedoch der Fall sein, dass die Frustration aus dem Umstand erwachsen ist, dass die bisher realisierten Ansprüche wegen einer Verringerung des Gütervorrates nicht mehr erfüllt werden konnten.

 

Wir haben weiter oben bereits davon gesprochen, dass der Umfang der in den vergangenen Perioden möglichen Befriedigung von Bedürfnissen unsere heutigen Erwartungen bestimmt, sodass ein Rückgang im Vorrat unserer zur Verfügung stehenden Güter z. B. aufgrund einer Missernte oder einer Rezession Knappheit und diese hinwiederum Frustration auslöst.

 

Wenn wir also auch davon ausgehen können, dass Knappheit in der Regel Frustrationen auslöst und somit ein relativ einfacher Zusammenhang zwischen Knappheit und Frustration besteht, so ist dieser Zusammenhang dann, wenn wir bestrebt sind, diese Ursachen einer Frustration zu beseitigen, vielschichtiger.

 

Gerade weil der Umfang des bisher Erreichten unsere Erwartungen für die nächsten Perioden maßgeblich bestimmt, müssen wir nämlich damit rechnen, dass auch ein Zuwachs an materiellen Gütern keinesfalls immer automatisch eine Verringerung der Knappheit zur Folge hat. Und gerade weil wir reicher geworden sind, steigen auch unsere Bedürfnisse an. Das Spannungsverhältnis zwischen Bedarf und Vorrat hat sich dann nicht verbessert oder zumindest nicht in dem Maße, wie das Angebot gesteigert werden konnte.

 

Umgekehrt gilt natürlich auch, dass Knappheit und damit auch Frustrationen auch dadurch abgebaut werden können, dass bei gleichbleibenden Gütervorrat die Erwartungen korrigiert und an die geringer gewordenen Vorräte angepasst werden.

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen frugen wir nach den Beziehungen zwischen einer in einer gesamten Volkswirtschaft auftretenden Knappheit und dem Ausmaß an Fru­strationen in einer Bevölkerung. Fragen wir uns weiterhin, inwieweit auch die Verteilung der materiellen Güter auf die Bevölkerung für das Aufkommen von Frustration verantwortlich sein kann.

 

Wir haben mit der Möglichkeit zu rechnen, dass trotz Reichtums einer Nation, die Verfügung über die materiellen Güter sehr ungleich verteilt ist, dass die einen – die Reichen – im Überfluss leben, während andere – die Ärmeren – über so wenig Einkommen verfügen, dass sie kaum überleben können und deshalb in hohem Maße frustriert sind.

 

Hierbei führt diese ungleiche Verteilung der Güter auf zweifache Weise zu Frustration. Auf der einen Seite sind die Ärmeren frustriert, da sie auch elementare Bedürfnisse nicht erfüllen können. Frustrationen werden aber auch dadurch ausgelöst, dass die Ärmeren mit ansehen müssen, dass andere in Überfluss leben, während sie selbst noch nicht einmal über das Allernotwendigste verfügen. Frustrationen stellen sich in diesem Zusammenhange vor allem dann ein, wenn die Ärmeren diese Verteilung der materiellen Güter für ungerecht halten, wenn also zwischen der erbrachten Leistung und der Einkommensverteilung kein erkennbarer Zusammenhang besteht.

 

Hierbei kommt es nicht so sehr darauf an, ob tatsächlich ein Missverhältnis zwischen Leistung und Einkommen besteht, sondern in erster Linie darauf an, ob die Ärmeren der Überzeugung sind, dass die bestehende Verteilung ungerecht ist. Natürlich erwachsen die Vorstellungen darüber, wie gerecht eine Verteilung ist, letztlich daraus, inwieweit tatsächlich die Verteilung der Einkommen entsprechend der Leistung erfolgt. Es ist jedoch durchaus damit zu rechnen, dass in den einzelnen Bevölkerungsschichten die Leistung eines einzelnen nicht korrekt erkannt wird, es besteht immer die Gefahr, dass man seine eigene Leistung überschätzt und die des andern unterschätzt.

 

Besteht ein solches Missverhältnis, so kann ein Abbau der Frustrationen weniger dadurch erreicht werden, dass die tatsächliche Einkommensverteilung korrigiert wird, sondern dass über Aufklärung die tatsächliche Leistung der einzelnen besser erkannt wird. Eine bloße Nivellierung führt dann nicht zu einem Abbau der Frustrationen, wenn die bisherige Differenzierung tatsächlich auf Leistung beruhte und wenn nun aufgrund der Nivellierung das gesamte Volkseinkommen zurückgeht und mit ihm auch das Einkommen der Ärmeren.

 

Die Machtstrukturen können jedoch nicht nur Frustrationen dadurch auslösen, dass auch bei Reichtum einer ganzen Nation einzelne Bevölkerungsgruppen Not leiden oder  dass die Ärmeren die bestehende Verteilung als ungerecht empfinden, sondern darüber hinaus auch deshalb, weil die Macht des andern den eigenen Handlungsspielraum ein­engt und damit das eigene Freiheitsbedürfnis unerfüllt sein lässt.

 

Auch hier gilt wiederum, dass der Umfang der Frustration nicht nur davon abhängt, in welchem Maße der Handlungsspielraum von den Mächtigen tatsächlich eingeschränkt wird, auch hier kommt es auf den Erwartungshorizont an. Im Altertum und im Mittelalter, aber auch in heutigen Diktaturen hatte der größte Teil der Bevölkerung keinerlei Freiheitsrechte, musste willenlos für die Schicht der Adligen oder anderer Führungseliten arbeiten und waren Schikanen größten Ausmaßes ausgesetzt. Trotzdem stellte sich bei vielen keine größere Unzufriedenheit ein, man war mit dem eigenen Los zufrieden, weil man diesen Zustand für von Gott gewollt angesehen hat. Erst die von der Aufklärung und dem Liberalismus entwickelten Ideen ließen schließlich auch für die Masse der Bevölkerung den Anspruch entstehen, weitgehend selbst und frei über das eigene Leben entscheiden zu dürfen und die Vorstellung entwickeln, dass vor dem Gesetz jeder gleich sei.

 

Neben der Knappheit und der Einengung des eigenen Handlungsspielraumes gibt es noch eine dritte Wurzel für das Entstehen von Frustration. Frustrationen können sich auch deshalb einstellen, weil einzelne Menschen wegen eigenem Unvermögen ihre Ziele und Wünsche nicht erfüllen können. Ein einzelner mag sich ein ehrgeiziges Ziel vornehmen, z. B. als erster einen Berg zu ersteigen, der bisher noch nicht von anderen Menschen bezwungen werden konnte und er mag an seinem eigenen Unvermögen scheitern. Oder aber ein anderer mag einen sportlichen Erfolg anstreben, z. B. einen Sieg in einem olympischen Wettbewerb und dieses Ziel trotz hervorragender eigener Anstrengungen nicht erreichen, da eben andere noch höhere Leistungen erbringen konnten.

 

Schließlich ist es auch denkbar, dass der angestrebte Erfolg nur gemeinsam erreicht werden kann, z. B. im Rahmen einer Fußballgemeinschaft und dass der Erfolg trotz eigener guter Leistung ausblieb, da andere zu geringe Leistung erbrachten. Wie das Geschehen im Rahmen der Wettspiele zeigt, kann sich sogar die Frustration einstellen bei  Menschen, die sich gar nicht am Wettkampf selbst beteiligt haben, sondern als Zu-schauer und als ‚Fan‘ frustriert sind, da der eigene Club verloren hat.

 

Wiederum gilt auch hier, dass das Ausmaß der Frustration nicht einfach davon abhängt, wieweit die eigene Leistung von den gesteckten Zielen entfernt bleibt. Vielmehr wird der Umfang der Frustration wesentlich auch wiederum davon bestimmt, inwieweit der einzelne gelernt hat, seine Möglichkeiten realistisch einzuschätzen. Man kann bei den olympischen Spielen trotz ehrgeiziger Ziele ohne jede Trophäe nach Hause kommen und trotzdem nicht frustriert sein, da man sich mit dem Leitspruch tröstet, ‚dabei sein, ist das Wichtigste‘.

 

 

4. Folgen der Frustration

 

Wir wollen uns im Folgenden mit den Auswirkungen einer Frustration befassen. Wir verstehen hierunter vor allem die Frage, wie die einzelnen Menschen reagieren, wenn sich bei ihnen Frustration einstellt.

 

Zu den wohl häufigsten Reaktionen auf eine Frustration gehört sicherlich ein aggressives Verhalten. Die Aggression kann sich hierbei einmal gegen diejenigen Personen richten, welche diese Frustrationen ausgelöst haben, wobei es hierbei weniger ankommt, ob diese Personen diese Frustrationen tatsächlich ausgelöst haben. Entscheidend ist vielmehr allein, welche Auffassungen die frustrierten Personen haben, wer diese Frustrationen im Einzelnen ausgelöst hat.

 

Das auf Frustrationen folgende aggressive Verhalten richtet sich jedoch oftmals gegen dritte, unbeteiligte Personen. Die Frustration hat hier ein allgemein mürrisches Verhalten zur Folge, unter dem diejenigen zu leiden haben, mit denen der Frustrierte verkehrt, unabhängig davon, ob diese Personen irgendwie für die Beeinträchtigungen der Frustrierten verantwortlich sind. Im äußersten Fall äußert sich die Wut der Frustrierten darin, dass sich die Betroffenen Straßenschlachten mit der Polizei liefern und ziellos die auf den Straßen parkenden Autos oder auch die Einkaufsgeschäfte entlang der Straßen demolieren.

 

Man kann diese erste Reaktion auf Frustrationen insoweit als natürlich bezeichnen, da sie weitgehend angeboren sind und zumeist dann ausbrechen, wenn im Rahmen der Erziehung nicht der Versuch unternommen wird, andere zivilisiertere Verhaltensweisen herbeizuführen. In den Anfängen der Menschheit hatte der Mensch alltäglich um sein Überleben zu kämpfen, der Nahrungsspielraum war stark begrenzt, nur derjenige, der sich aggressiv verhielt, hatte eine Chance zu überleben. Dieser Aggressionstrieb äußerte sich hierbei einmal gegen die Tierwelt, da die Nahrung zu einem großen Teil durch Jagd gewonnen wurde, zum Teil aber auch gegen Mitmenschen, vor allem gegen andere Volksstämme, da sich die einzelnen den zu engen Nahrungsspielraum streitig machten. Diese Verhaltensweisen blieben auch in einer Zeit bestehen, in der der einzelne nicht mehr in diesem grassen und unzivilisierten Verhalten sein Überleben sichern musste.

 

Allerdings haben auch schon immer einzelne Personen Frustrationen nicht mit Aggression, sondern mit Regression beantwortet. Sie sind vielleicht aufgrund ihrer Konstitution gar nicht zu einem aggressiven Verhalten in der Lage oder lehnen aus religiöser Überzeugung jede Form von Aggression ab. Regression besagt, dass sich der einzelne aus der Gesellschaft zurückzieht und sich unter Umständen auch geistig zurückentwickelt, bis schließlich im Extremfall das physische und vor allem das psychische Überleben in Frage gestellt wird. Sie flüchten in eine Art Krankheit.

 

Aus der Sicht der Gesamtgesellschaft müssen in der heutigen Zeit beide Verhaltensformen (Aggression wie Regression)  als unerwünscht abgelehnt werden. Unser Ziel ist heute, ein friedliches Miteinander zu führen und dies ist nur möglich, wenn aggressives Verhalten soweit wie möglich vermieden wird. Während also das aggressive Verhalten das menschliche Miteinander verhindert oder zumindest erschwert, ist eine Regression unerwünscht, da sie die Selbstverwirklichung der Individuen verhindert.

 

Frustrationen können darüber hinaus zu irrationalem Verhalten führen, so etwa, wenn der Frustrierte wütend wird und zu rationalem Denken und Handeln nicht mehr in der Lage ist. Aggressives und irrationales Handeln liegen eng beieinander und aggressives Handeln erfolgt oftmals aus irrationalem Denken, beide Verhaltensweisen sind jedoch keinesfalls identisch. Hierbei haben wir zwischen dem Einzel- und dem Gesamtinteresse einer Gesellschaft zu unterscheiden.

 

Aggression ist aus einer übergeordneten Sicht niemals erwünscht, kriegerische Handlungen lassen sich nur als Verteidigung rechtfertigen, wenn einzelne oder Volksgemeinschaften angegriffen werden. Aus dem Interesse eines Einzelnen betrachtet kann jedoch bisweilen aggressives Handeln durchaus rational in dem Sinne sein, dass auf diese Weise der Eigennutz vermehrt wird. In diesem Falle käme eine Aggression zwar dem einzelnen zugute, sie ist jedoch trotzdem aus der Sicht der Gesamtgesellschaft stets unerwünscht.

 

Aber selbst dann, wenn wir uns auf das Interesse des Einzelnen beschränken, kommt eine Aggression keinesfalls immer dem Einzelnen zugute. Sie ist oft irrational, durch Verzicht auf aggressive Handlungen wäre in diesem Falle dem Eigeninteresse besser gedient. Dies ist z. B. dann der Fall, wenn sich der angegriffene zur Wehr setzt, obwohl er eindeutig unterlegen ist und unter Umständen auch über erfolgversprechendere Mittel als  aggressives Verhalten verfügt.

 

Frustrationen können darüber hinaus demjenigen, der von Frustrationen geplagt wird, Krankheiten verursachen und auf diese Weise dem Einzelnen schaden, wobei man hierbei vor allem an psychosomatisch bedingte Krankheiten zu denken hat. So ist bekannt, dass vor allem Stress im Beruf, der eine Art Frustration darstellt, bei den hiervon Betroffenen zur sogenannten Managerkrankheit führt und auf diesem Wege schon sehr früh (etwa mit 50 Jahren) die Gefahr eines Herzinfarktes auslöst.

 

Betrachten wir das Gesamtwohl, so wird gerade dieses individuelle Fehlverhalten auch die Produktivität der Gesamtgesellschaft verringern und auf diesem Wege das Gesamtwohl vermindern. Beginnt der eine mit irrationalem und aggressivem Verhalten, sieht sich oftmals auch der Angegriffene veranlasst, mit einem höheren Aggressionsniveau zurückzuschlagen, es kommt zu einer Spirale der Gewalt und die Beteiligten sind nicht mehr in der Lage, diese Feindlichkeiten zu beenden, ein Ende der Gewalt kann allenfalls mit Hilfe dritter Erreicht werden. Dies gilt vor allem deshalb, weil aggressive Handlungen zumeist nicht auf die Beteiligten beschränkt bleibt, sondern auch dritte, an und für sich Unbeteiligte beschädigt, sodass zum Schluss jede Partei sich als Angegriffene ansieht und sich berechtigt fühlt zurückzuschlagen.

 

Ein gewisses aggressives Verhalten kommt natürlich auch im gegenseitigen Wettbewerb zum Ausdruck und der Wettbewerb ist eine der Voraussetzungen dafür, dass so effizient wie möglich produziert wird und ein fairer Interessenausgleich zwischen Angebot und Nachfrage stattfindet. Insoweit ist davon auszugehen, dass eine bestimmte Art von Aggressivität durchaus dem Gemeinwohl zugutekommt. Entscheidend ist jedoch, dass bei diesem Wettkampf ganz bestimmte Regeln eingehalten werden und dass nur dann die Gesamtwohlfahrt gesteigert wird, wenn diese Regeln anerkannt werden. Hier liegt jedoch bereits eine Art Sublimierung der Aggression vor, mit der wir uns weiter unten noch ausführlich befassen werden.

 

Fragen wir uns deshalb, welche möglichen Reaktionen auf Frustrationen übrig bleiben, welche aus der Sicht der gesamten Gesellschaft erwünscht sind. Einem rationalen Verhalten entspricht es, dass immer dann, wenn Probleme auftauchen, in einem ersten Schritt danach gefragt wird, welche Bestimmungsgründe diese Probleme verursacht haben und auf welchem Wege diese Bestimmungsgründe beseitigt werden können. Besteht die Ursache der Frustration in der Knappheit materieller Güter, so gilt es also die Frustration dadurch zu überwinden, dass man für die Zukunft die Knappheit zu überwinden versucht.

 

Da sich Knappheit in einem Spannungsverhältnis zwischen Bedarf und Vorrat äußert, kann die Knappheit für die zukünftigen Perioden prinzipiell dadurch überwunden werden, dass man sich um eine Erhöhung seines Einkommens bemüht, also z. B. einen Arbeitsplatz sucht, der besser bezahlt wird als der bisherige oder aber, dass man seine Bedürfnisse einschränkt. Natürlich muss man sich darüber im Klaren sein, dass in der Realität beide Wege mit Schwierigkeiten verbunden sein können. Ob jemand einen besser bezahlten Arbeitsplatz findet, hängt ja nicht nur von seinem eigenen Suchverhalten ab, sondern vor allem auch davon, ob und in welchem Umfang solche Arbeitsplätze angeboten werden.

 

Auch der Versuch, seine Bedürfnisse auf die begrenzten Gegebenheiten zurückzuschneiden, ist sicherlich im Einzelfall nur sehr schwierig zu erreichen, zu groß ist oftmals das Verlangen oder der Trieb; und das Bemühen um Überwindung bestimmter Bedürfnisse ist oftmals ebenfalls mit erheblichen Frustrationen verbunden.  Wer z. B. im Hinblick auf Alkohol, Zigaretten oder Drogen bereits süchtig geworden ist, wird in der Regel nicht aus eigenen Kräften diese Sucht überwinden, er bedarf vielmehr ärztlicher und psychologischer Hilfe durch geschulte Kräfte. Auf jeden Fall ist eine erhebliche Erziehungsarbeit notwendig, um hier die Bedürfnisse den Gegebenheiten anzupassen. 

 

Es zählt deshalb auch zu den wichtigsten Zielen der Erziehung, die natürlichen Triebe in den Griff zu bekommen und je früher und besser diese erzieherische Aufgabe erfolgt ist, umso besser ist der einzelne in seinem späteren Leben als Erwachsener in der Lage, seinen Bedarf an die Gegebenheiten anzupassen, also z. B. einem Rückgang des privat verfügbaren Einkommens mit einer Einschränkung seines Bedarfs zu begegnen.

 

Damit ist jedoch bereits eine weitere Reaktionsart auf Frustrationen angesprochen. Eine Frustration äußert sich stets als ein Phänomen, das sich in einem bestimmten psychischen Verhalten ausdrückt. Anstatt dass man die Knappheit, welche die Frustration ausgelöst hat, zu verringern versucht, kann man sich natürlich zweitens auch darum bemühen, dass aufkommende Knappheit gar nicht erst dieses Empfinden einer Frustration auslöst.

 

Diese erzieherische Arbeit hängt eng mit den letztlichen Grundwerten eines Menschen zusammen. Wer im Sinne eines Utilitarismus als letztliches Ziel seines Lebens die Maximierung seiner persönlichen Lust sieht, dem wird es schwer fallen, die Knappheit dadurch zu überwinden, dass man seinen persönlichen Bedarf an die verringerten Einkommensmöglichkeiten anpasst, Knappheitsüberwindung wird dann zumeist darin bestehen müssen, dass man sich darum bemüht, sein bisheriges Einkommensniveau wieder zu erreichen oder sogar zu übersteigen.

 

Umgekehrt dürfte ein religiöser Mensch dazu erzogen sein, dass das Erlangen irdischer Güter ohnehin nur als zweitrangig angesehen werden kann, dass irdische Güter zwar auch benötigt werden, immaterielle Ziele zu verfolgen und dass es auch  einem Minimum an materiellen Gütern bedarf, um überhaupt die Kraft zu altruistischen Handlungen zu erlangen, dass aber im Vordergrund metaphysische Ziele stehen. Bei einer so internalisierten Grundhaltung dürfte es leichter fallen, auch eine vorübergehende Knappheit zu ertragen und nicht als frustrierend anzusehen.

 

Eine weitere Art auf Frustrationen zu reagieren, liegt in den Verhaltensweisen, welche als Sublimierung der Aggression bezeichnet werden. Die Aktivitäten, welche sich in einer Aggression äußern, bleiben bei der Sublimierung im Prinzip erhalten, sie werden jedoch umgelenkt und verlieren auf diese Weise ihre unerwünschten Wirkungen auf die Gesamtgesellschaft, aber auch auf die physische und psychische Verfassung der Betroffenen.

 

Die Liste solcher möglicher Sublimierungen ist lang. Sie beginnt damit, dass man bei Auftreten von Frustrationen körperlich aktiv wird, also z. B. Sport betreibt. Oder aber man bemüht sich, bei grundsätzlicher Beibehaltung des aggressiven Verhaltens bestimmte Verhaltensregeln einzuhalten, aufgrund derer der den Mitmenschen angerichtete Schaden einer Aggression verringert wird. Jeder sportliche Wettkampf, weiterhin der Wettbewerb zwischen Unternehmungen oder auch zwischen Arbeitnehmern um knappe Arbeitsplätze zählen zu diesen sublimierten Verhaltensweisen. Sie haben gemeinsam, dass man seinen eigenen Vorteil auf Kosten anderer vergrößert, also durchaus den Mit-streiter angreift, aber nach ganz bestimmten Regeln handelt, das unfaires Verhalten gegenüber den Mitstreitern verbietet und Verhaltensweisen wie Diebstahl, Täuschung, Körperverletzung oder Mobbing ausschließt. 

 

Eine besondere Art dieser Sublimierung liegt dort vor, wo sich die Aggression nachwievor  darin äußert, dass einem Anderen Schaden zugefügt wird, dass aber diese Schädigung im Auftrag der Gesamtgesellschaft und in der Realisierung einer Rechtsordnung erfolgt. So fügen natürlich Polizisten und Gerichte den Verfolgten letztendlich Schaden zu und stellen eine offene Aggression dar, diese erfolgt jedoch als Verfolgung und Bestrafung von Personen, welche die Gesetze übertreten haben und dienen gerade zur Aufrechterhaltung der Rechtsordnung.

 

Aber auch hier haben sich die Vollzugspersonen an bestimmte Regeln zu halten, in einem Rechtsstaat ist es den Polizisten z. B. verboten, Geständnisse durch Foltermethoden zu erpressen, auch dann, wenn aufgrund dieser Methoden die Wahrheitsfindung verbessert worden wäre. In einem Rechtsstaat hat jeder Bürger – mag seine Straftat noch so groß sein – ein Recht auf Menschenwürde. Wir werden uns im zweiten Teil noch sehr ausführlich im Zusammenhang mit den Methoden der Frustrationsbewältigung mit den Möglichkeiten der Sublimierung befassen, sodass es an dieser Stelle ausreicht, auf die Vielzahl dieser Folgen hinzuweisen.

 

Unsere bisherigen Überlegungen beschränkten sich zunächst auf die Folgen einer Frustration, welche durch eine Knappheit der materiellen Güter ausgelöst wurde. Ähnliche Überlegungen gelten jedoch auch für den Fall, dass die Frustration dadurch ausgelöst wurde, dass andere den eigenen Freiheitsspielraum einengen, ihn an der Wahrnehmung seiner eigenen Interessen hindern oder ihn zu bestimmten Handlungen zwingen. Auch hier wird dieses Verhalten des anderen aus der hierdurch entstehenden Frustration aggressives Verhalten auslösen, zu irrationalem Verhalten führen und unter Umständen das Wohl des einzelnen wie der gesamten Gesellschaft vermindern.

 

Schließlich gilt, dass Frustrationen, welche dadurch ausgelöst werden, dass die selbst gesetzten Ziele an der eigenen Unfähigkeit scheitern, in ähnlicher Weise Schaden bei den Betroffenen, aber auch bei den Personen, welche mit diesen Frustrierten zu tun haben, verursachen.

 

 

5. Vom Wandel der Möglichkeiten

 

Wir hatten gesehen, dass Frustrationen in starkem Maße auf Knappheit zurückgeführt werden muss. Die enormen Wachstumsschübe im 19. und 20. Jahrhundert müssten somit eigentlich auch das Frustrationsniveau in den beiden letzten Jahrhunderten ganz erheblich abgesenkt haben. Wir können hierbei den Anstieg im Wachstumsniveau an der Wachstumsrate des Inlandsproduktes messen.

 

Es kann kein Zweifel bestehen, dass das Inlandsprodukt zumindest in den Industrienationen seit Beginn der Industrialisierung enorm angestiegen ist. Viel eindrucksvoller ist es jedoch, dieses Wachstum an der Vielzahl der technischen Erneuerungen zu messen wie in der Verbesserung unserer Wohnverhältnisse, der Vielfalt unserer Nahrungsmittel und Bekleidungen, weiterhin der Verhältnisse der beruflichen Arbeit sowie der Freizeitmöglichkeiten.

 

Die Menschheit konnte sich eine Vielzahl von Lebensträumen erfüllen, denken wir nur an die Möglichkeit des Fliegens oder der Nachrichtentechnik. Wenn wir allein die Verbesserungen in den sanitären Anlagen betrachten, hat heute eine durchschnittliche Arbeiterfamilie durch Toiletten und Bäder einen Luxus erreicht, von dem selbst der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. zu Beginn der Neuzeit nur träumen konnte.

 

Auch dann, wenn wir die heutigen Arbeitsbedingungen eines Arbeitnehmers mit denen eines Arbeitnehmers zu Beginn der Industrialisierung vergleichen, hat sich der Lebensstandard enorm verbessert. Oder denken wir an die Entwicklungen im Gesundheitsbereich: Die Sterblichkeitsrate der Neugeborenen konnte drastisch gesenkt werden, die Lebenserwartung ist um mehr als 20 Jahre gestiegen, die wichtigsten Epidemien des Altertums und des Mittelalters konnten weitgehend überwunden werden.

 

Die Wirklichkeit zeigt uns jedoch, dass diese Verminderung im Frustrationsniveau längst nicht so stark war, wie man es eigentlich aufgrund dieses wirtschaftlichen Wachstums hätte erwarten können. Wir müssen uns also fragen, worauf dieses Missverhältnis zurückzuführen ist.

 

Als erstes müssen wir darauf hinweisen, dass der Zusammenhang zwischen dem Wachs­tum in  den materiellen Gütern und dem Frustrationsniveau nur ceteris paribus gilt, dass also eine Vermehrung in den Vorräten an materiellen Gütern nur dann automatisch zu einer Verringerung des Frustrationsniveaus führt, wenn die sonstigen Bestimmungsgründe der Frustration unverändert blieben. Wir haben jedoch bereits darauf hingewiesen und werden weiter unten noch ausführlich darauf zu sprechen kommen, dass auch ein Zusammenhang zwischen dem Wachstum in den materiellen Gütern und dem Bedarf besteht.

 

Der Bedarf bleibt nicht konstant und ist nicht allein durch die menschlichen Erbfaktoren bestimmt, sondern steigt mit den materiellen Möglichkeiten. Das Frustrationsniveau wird aber von dem Spannungsverhältnis zwischen Bedarf und Vorrat bestimmt, die Frustration kann nur sinken, wenn und soweit der Vorrat an materiellen Gütern stärker steigt als die menschlichen Bedürfnisse. Es ist also nicht verwunderlich, dass der Umfang an Frustrationen auch heute noch – trotz enormen technischen Fortschritts – beachtlich hoch ist.

 

Als zweites muss darauf hingewiesen werden, dass dieses starke Wachstum eng mit der Industrialisierung verbunden ist und dass nur ein kleiner Teil der Nationen bereits überhaupt die Industrialisierung eingeleitet hat. Die sogenannten Entwicklungsländer in Afrika, Asien und Südamerika haben teilweise noch nicht mit der Industrialisierung begonnen, die landwirtschaftliche Produktion steht im Vordergrund, auch die Vorteile der arbeitsteiligen Geldwirtschaft sind noch lange nicht eingeführt. Der Lebensstandard der Bevölkerung ist damit extrem gering, nur eine verschwindend kleine Minderheit lebt im Luxus, während die Masse der Bevölkerung kaum über das Lebensnotwendigste verfügt, vor Hunger oder Durst oder an den Folgen nicht behandelbarer Krankheiten vorzeitig stirbt.

 

Auch dann, wenn wir drittens unsere Betrachtung auf die reichsten Industrienationen beschränken, gilt dieser enorme Anstieg in den Lebensbedingungen keinesfalls für alle Bevölkerungsschichten. Die Armutsberichte, welche in den letzten Jahren z. B. in der BRD vorgelegt wurden, zeigen, dass immerhin 10 bis 20% der Gesamtbevölkerung in Armut leben, also ein Einkommen beziehen, das nicht wesentlich über dem kulturellen Existenzminimum liegt. Gegenüber der vorindustriellen Zeit und den Anfängen der Industrialisierung hat sich allerdings insoweit ein entscheidender Fortschritt eingestellt, als nicht nahezu die gesamte Arbeitnehmerschaft von Armut betroffen ist. Der größte Anteil der Arbeitnehmer hat im Zuge der Industrialisierung sehr wohl einen starken Anstieg im Pro-Kopf-Einkommen erfahren.

 

Viertens müssen wir davon ausgehen, dass in naher Zukunft der weitere Wachstumsprozess keinesfalls sichergestellt ist. Die zur Verfügung stehenden Rohstoffe sind begrenzt und näheren sich zum Teil schon für das nächste Jahrhundert bei optimistischer Sicht, ja sogar für die nächsten Jahrzehnte bei pessimistischer Sicht bedenklich ihrem Ende. Hier kommt es darauf an vor allem durch Recycling, die bei der Produktion benötigten Rohstoffe bei der Entsorgung der nicht mehr benutzbaren Produkte zurückzugewinnen.

 

Etwas anders liegt die Problematik bei den Energierohstoffen. Diese gehören zu den Rohstoffen, die nicht gebraucht, sondern verbraucht werden. Die bisherigen Energiequellen bezogen sich auf die fossilen Rohstoffe wie Kohle und Gas, deren Vorrat begrenzt ist. Natürlich ist es möglich, neue alternative Energiequellen wie Sonnen- und Erdwärme, Windkraft und erneuerbare Energierohstoffe wie z. B. Raps zu erschließen. Um diese aber in Massenproduktion anbieten zu können, bedarf es technischer Entwicklungen, mit denen erst in einigen Jahrzehnten zu rechnen ist.

 

Auf sehr lange Sicht sind die Vorräte an alternativer Energie geradezu unbegrenzt, die Sonnenenergie – lässt sie sich eines Tages in Massenproduktion einsetzen – steht noch Milliarden von Jahren zur Verfügung. Das eigentliche Problem besteht also bei den Energierohstoffen weniger darin, dass sie auf lange Sicht knapp sind, sondern darin, dass die technischen Voraussetzungen zur Massengewinnung dieser Energie nicht recht-zeitig gewonnen werden können, bis die traditionellen fossilen Brennstoffe erschöpft sind.

 

Auf der anderen Seite führen die traditionellen Methoden der industriellen Produktionen zu einer enormen Umweltverschmutzung. So wird allein durch den Ausstoß von Kohlendioxid die Ozonschicht zu großen Teilen zerstört, es kommt zu einer starken Erderwärmung, welche das Eis des Nord- und Südpols zum Schmelzen bringt, den Meeresspiegel ansteigen lässt und dazu führt, dass weite Teile bewohnten Landes dieser Erde überschwemmt werden.

 

Es bedarf enormer, sehr kostspieliger Anstrengungen, um diese Umweltprobleme so in den Griff zu bekommen, dass auch für die nahe Zukunft ein anhaltendes Wachstum der Weltproduktion sichergestellt werden kann. Die Lösung dieses Problem wird einerseits dadurch erschwert, dass die heutigen Entwicklungsländer bemüht sein werden, das Produktionsniveau der heutigen Industrienationen zu erreichen, was notwendigerweise dazu führt, dass der Ausstoß der Umweltgifte ansteigen wird. Andererseits sind die meisten Umweltprobleme globaler Natur, nicht unbedingt die Nation, welche die meisten Umweltgifte ausstößt, erleidet auch die meisten Umweltschäden. Es besteht hier die Gefahr, dass sich ein Trittbrettfahrerverhalten herausbildet, dass sich nicht alle Nationen an den Bemühungen zur Verringerung dieser Umweltgefahren beteiligen, aber wegen des globalen Charakters der Umweltprobleme von den internationalen Bemühungen um Verringerung der Umweltschäden profitieren.

 

Aber selbst dann, wenn wir eines Tages diese Umweltprobleme befriedigend lösen werden und wenn deshalb auch wiederum mit höheren Wachstumsraten zu rechnen sein wird, gibt es viele Gründe dafür, dass das Frustrationsniveau hoch bleibt. Wir haben bereits gesehen, dass die Knappheit der materiellen Güter keinesfalls der einzige Bestimmungsgrund für das Entstehen von Frustrationen darstellt. So entstehen Frustrationen auch dann, wenn der Staat oder die Gesellschaft den Handlungsspielraum einengen und damit das Freiheitsbedürfnis der Menschen verletzen.

 

Auf der einen Seite hat die Entwicklung zu den modernen Rechtsstaaten vor allem in Europa und in Nordamerika sicherlich dazu beigetragen, dass der Umfang von Freiheitsverletzungen reduziert wurde. Diese Entwicklung gilt jedoch nur für einen relativ kleinen Anteil der Staaten, die einfachsten Menschenrechte werden nachwievor in großen Teilen der Erde gravierend verletzt.

 

Auf der anderen Seite sind jedoch nicht nur die tatsächlichen Freiheitsrechte in den modernen Rechtsstaaten ausgeweitet worden, gleichzeitig ist auch der Freiheitsanspruch der Bürger gestiegen, die Bereitschaft, die vom Staat oder anderen gesellschaftlichen Kräften ausgehenden Freiheitseinschränkungen werden heute in viel geringerem Maße als früher akzeptiert. Aber auch für Frustrationen, welche durch Freiheitsberaubung entstehen, gilt, dass das Frustrationsniveau nicht so sehr vom Umfang der Handlungsbeschränkung, sondern eben auch hier von dem Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und Realisierung bestimmt wird.   

 

Fragen wir uns schließlich, inwieweit das Frustrationspotential verringert werden konnte, das dadurch entsteht, dass die Zielsetzungen und Erwartungen am eigenen Unvermögen scheitern. Auch hier können wir feststellen, dass der technische Fortschritt durchaus dazu beigetragen hat, dass die persönlichen Fähigkeiten gesteigert werden konnten. Denken wir nur an die Fortschritte der Spitzensportler, welche die Rekorde der Vergangenheit immer wieder überbieten konnten. Gerade der technische Fortschritt hat es ermöglicht, viele Menschheitsträume der Vergangenheit zu realisieren. Wir können heute nicht nur von einem Ort dieser Erde zum andern fliegen, sondern sogar Ausflüge in den Weltraum veranstalten und durch unbemannte Satelliten das Geschehen im Weltall erkunden.

 

Aber auch hier gilt, dass trotz eines beachtlichen Anstiegs der Möglichkeiten auch die Ansprüche selbst angestiegen sind, sodass also das für das Niveau der Frustrationen allein verantwortliche Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und Verwirklichung auch hier wesentlich weniger abgebaut werden konnte, als der realisierte technische Fortschritt vermuten lässt.

 

Fortsetzung folgt!