Startseite

Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15.  Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas  

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

Kapitel 14: Esthers Rettung der Juden

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Patriarchale Gesellschaft?

 

 

1. Das Problem

 

In diesem Kapitel wollen wir uns mit Ester, einer jüdischen Frau befassen, welche von dem Perserkönig Artaxerxes zur Frau und damit zur Königin erwählt wurde. Wir erinnern uns: Die Israeliten waren von Babylon besiegt worden und zu einem großen Teil von Nebukadnezzar, dem babylonischen König, mit Mann, Frau und Kindern in die babylonische Gefangenschaft verschleppt worden. Schließlich war Babylon – folgen wir den Berichten des Alten Testamentes – von dem Perserkönig Kyros besiegt worden, der größte Teil der Israeliten durfte in ihre Heimat zurückkehren, sie durften sogar auf Geheiß des persischen Königs den Tempel in Jerusalem neu errichten.

 

Unter späteren persischen Königen, vor allem unter Artaxerxes kam es jedoch zu einer Verfolgung derjenigen Juden, welche im persischen Reich verblieben waren. Das Alte Testament berichtet von Haman, dem zweiten Mann in Persien, welcher gegen Mordechai, dem Onkel der Waisen Ester, einen persönlichen Rachefeldzug unternahm, weil dieser sich geweigert hatte, Haman so zu verehren, wie er es von allen persischen Bürgern verlangt hatte: Haman hatte beim König einen Erlass erwirkt, aufgrund dessen die im persischen Reich lebenden Juden ausgerottet werden sollten. 

 

Mordechai hatte am persischen Hof eine hervorgehobene Stellung inne, weil er vor längerer Zeit in seiner Eigenschaft als Torhüter einen Anschlag auf Artaxerxes vereitelt hatte, wobei ihm allerdings diese Gunst erst sehr viel später erwiesen wurde. Nachdem er von der den Juden drohende Gefahr erfahren hatte, bat er seine Nichte Ester beim König eine Zurücknahme dieses Erlasses zu bewirken.

 

Unter Einsatz ihres Lebens suchte Ester den König auf, um ihn zum Einlenken zu bewegen. Entsprechend dem damals am persischen Hof gültigen Verhaltenskatalog durfte niemand, auch nicht die Königin, ohne ausdrücklichen königlichen Befehl vor dem König erscheinen. Mit einer großen List gelingt es ihr jedoch schließlich, dass Haman abgesetzt und gehenkt wurde, dass ihr Onkel Mordechai an die Stelle Hamans vom König eingesetzt wurde und dass der Erlass zur Ausrottung der Juden zwar nicht aufgehoben wurde, trotzdem aber den bedrohten Juden die Möglichkeit eingeräumt wurde, sich gegen die Angreifer erfolgreich zu wehren. So hatte schließlich Esther das jüdische Volk in Persien vor der Ausrottung gewahrt.

 

Wir erfahren also in dieser Geschichte von einer Frau, welche nicht nur Königin war, obwohl sie keine Perserin, sondern Jüdin war und darüber hinaus auch entscheidend zum Wohl ihrer Bevölkerung beitragen konnte, in dem sie ihre Landsleute vor der drohenden und eigentlich sicheren Vernichtung in letzter Minute errettete. Der König hatte bereits auf Anraten seines obersten Beamten Haman den Befehl zur Ausrottung der Juden erlassen und nach dem damaligen Staatsverständnis musste ein königlicher Befehl komme, was wolle, ausgeführt werden, noch nicht einmal der König selbst konnte diesen Befehl rückgängig machen, da er ja sonst zugeben müsste, dass er sich geirrt hatte, dass er zunächst einen Befehl erlassen hatte, der gar nicht hätte erlassen werden dürfen.

 

Ob sich diese Geschichte tatsächlich – so wie im Buch Ester geschildert – historisch zugetragen hat, wissen wir nicht, ob es vor allem Artaxerxes war, der diese Judenverfolgung zunächst angeordnet hatte, ist unter Historikern umstritten, schließlich hatte sein unmittelbarer Vorgänger Darius die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreit. Aber immerhin kann wohl als gesichert gelten, dass sich das jüdische Volk wiederholt gegen seine Feinde erwehren musste und immer wieder bis hin zur Verschleppung wiederholt besiegt und gedemütigt wurde.

 

Wir erinnern uns daran – worauf wir bereits wiederholt bei den bereits besprochenen Kapiteln dieser Vorlesung hingewiesen haben –, dass sich das Alte wie auch das Neue Testament niemals als eine Niederschrift versteht, welche wie ein Protokoll die Ereignisse bis ins Kleinste genau beschreibt.

 

Ganz im Gegenteil ist die gesamte Heilige Schrift so zu verstehen, dass anhand historischer Ereignisse auf tiefer liegende Wahrheiten aufmerksam gemacht werden soll und die Beziehungen der Juden zu ihrem Gott aufgedeckt werden sollen. Der Wahrheitsanspruch der Bibel bezieht sich also gerade nicht auf die Frage, wie sich historische Ereignisse tatsächlich abgespielt haben, sondern darauf, dass sich im Judentum eine Religion entwickelt hatte, in der es nur einen Gott gibt, der die Welt erschaffen hat und der das Schicksal der Menschen stets begleitet.

 

Und in diesem Zusammenhang entsteht bei der Interpretation dieser Geschichte über die Bedeutung der Ester die entscheidende Frage, wie denn aus religiöser Sicht das Verhältnis zwischen Mann und Frau zu sehen ist. Auf der einen Seite erfahren wir, dass alle Menschen, also auch Mann und Frau gleich sind, da sie in gleicher Weise von Gott erschaffen wurden. Auf der anderen Seite zeigt uns das Alte Testament eine Gesellschaftsordnung, die sogenannte patriarchale Gesellschaft, in der offensichtlich die Männer das Sagen haben, schließlich wurde die damalige Zeit nach dem Wirken der herausragenden Persönlichkeiten in den ersten Anfängen des Judentums, der sogenannten Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob benannt.

 

Und diese Ordnungselemente wirkten ja weiter, auch die Gesellschaft, in der Jesus wirkte, kann als patriarchal bezeichnet werden und dieses Ordnungselement galt eigentlich trotz zahlreicher gesellschaftlicher Entwicklungen bis zur Neuzeit. Auch das christlich geprägte Abendland gilt generell als eine patriarchale Gesellschaft, in der nahezu alle Führungsaufgaben von Männern ausgeführt werden.

 

Aber wir haben uns zu fragen, ob die Wirklichkeit tatsächlich in diesem Ausmaß patriarchal geordnet war. Wenn wir lediglich einen quantitativen Maßstab anlegen, kann sicherlich in der Tat von einer patriarchalen Gesellschaftsstruktur gesprochen werden. Fragen wir nach dem Anteil der Frauen, welche politische oder auch wirtschaftliche Führungspositionen inne hatten, war dieser in der Tat minimal.

 

Diese Einordnung ist jedoch nicht mehr so eindeutig, wenn wir den Umfang patriarchaler Strukturen weniger an der Anzahl der betroffenen Frauen und Männer erfragen, sondern auf die qualitative Bedeutung von Frauen für das Wohl der Gesellschaft abheben. Trotz patriarchaler Gesellschaftsordnung weist uns die Geschichte auf politische Führungspositionen hin, die gerade nicht von Männern, sondern von Frauen eingenommen wurden.

 

So erfahren wir, dass in Großbritannien unter Elisabeth I. die Vormachtstellung Spaniens auf den Meeren durchbrochen wurde, dass es ihr gelang, das Vertrauen des Volkes in die Monarchie zurückzugewinnen, die konfessionelle Spaltung zu überwinden und den jahrzehntelang andauernde Krieg mit Frankreich zu beenden. Damit waren die wichtigsten Voraussetzungen für einen wirtschaftlichen Aufschwung Großbritanniens geschaffen.

 

Aber nicht nur mit dem Namen dieser großen Königin wurde ein ganzes Zeitalter benannt, auch nach der zweiten großen englischen Königin, Viktoria, welche über 80 Jahre lang im 19. Jahrhundert regierte, wurde von einem Viktorianischen Zeitalter gesprochen, unter ihrer Herrschaft erreichte Großbritannien einen relativ hohen wirtschaftlichen Wohlstand und konnte die imperiale Vormachtstellung ausgebaut werden.

 

Auch von der heutigen Königin Elisabeth II von Großbritannien kann von einer hervorragenden Rolle gesprochen werden. Sie verstand es in einer Zeit des Umbruchs, in welcher auf der einen Seite die Demokratisierungstendenzen auch in England zunahmen und auf der anderen Seite die ehemaligen Kolonien in selbständige Entwicklungsländer umgewandelt wurden, trotzdem die Einheit und Kontinuität des Commonwealth’s zu wahren und die Popularität der Monarchie zu erhalten.

 

Betrachten wir als zweites Land das russische Reich. Elisabeth Petrowna, die jüngste Tochter Peters des Großen, war von 1741 bis 1762 Zarin von Russland. Im Jahre 1743 beendete Elisabeth den langjährigen Krieg zwischen Schweden und Russland. Zu den bedeutenden Leistungen Elisabeths auf nichtpolitischer Ebene gehören die Gründung der Moskauer Universität 1755 und der Akademie der Künste in Sankt Petersburg 1757.

 

Ihre Nachfolgerin war Katharina die Große, welche als Zarin von Russland von 1762-1796 regierte und den von Peter dem Großen begonnenen Aufstieg Russlands zur europäischen Großmacht weiterführte. Sie war verantwortlich für zahlreiche Reformen in Verwaltung, Wirtschaft und Militär im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus. Russland konnte unter ihrer Regentschaft seine Grenzen bis zum Dnjestr vorschieben und erhielt außerdem einen breiten Zugang zum Schwarzen Meer. Auch gelang es ihr innerhalb der europäischen Politik eine Art Schiedsrichterrolle zu spielen. Dadurch, dass Katharina Kunst und Bildung förderte, wurde zu ihrer Zeit der russische Hof zu einem kulturellen Zentrum.

 

Aber nicht nur in England und Russland herrschten im Mittelalter und in der Zeit bis zur Französischen Revolution Königinnen, sondern fast alle größeren bedeutungsvollen Staaten des Mittelalters wurden durch herausstechende  weibliche Führungskräfte geprägt.

 

Im Heiligen Römischen Reich war Theophanu, die Nichte des byzantinischen Kaisers Johannes I. Tsimiskes und Frau Ottos II. sowie Mutter Ottos III elf Jahre Mitkaiserin des römisch-deutschen Reiches und nach dem Tod ihres Ehegemahl‘s Kaiserin für sieben Jahre. Als solche übte sie großen Einfluss auf die Politik aus. Auch hatte sie ihren Mann auf all seinen Reisen und Feldzügen begleitet. Sie gilt als eine der einflussreichsten Herrscherinnen des Mittelalters.

 

Neben Theophanu spielten aber auch andere Frauen wie z. B. Adelheid, die Witwe von Kaiser Otto des Großen und die Äbtissin Mathilde von Quedlinburg in dieser Zeit eine besondere Rolle. Adelheid wird auch als Heilige verehrt. Die Verheiratung Adelheid‘s mit Otto bildete die Grundlage für den Zusammenschluss des ostfränkischen und des lombardischen Königreiches, das später zum Kernstück des späteren Imperium Romanum des Mittelalters wurde. Als Otto im Jahre 962 in Rom zum Kaiser gekrönt wird, wurde Adelheid zur Kaiserin gekrönt. Sie hatte großen Einfluss auf die Politik des Römischen Reiches, sie stach vor allem durch ihre Bildung und ihre Belesenheit hervor.

 

Auch Mathilde die Jüngere spielte nach dem Tod Otto. II. und in den unruhigen Zeiten des Slawenaufstandes von 983 als Reichsverweserin eine wichtige Rolle, als sie von Quedlinburg aus das Reich lenkte und Abwehrmaßnahmen in Sachsen organisierte.

 

Blicken wir nach Österreich so war es hier vor allem Maria Theresia, welche als Kaiserin herausragte. Maria Theresia veranlasste eine grundlegende Reform  von Heer und Verwaltung und errichtete eine starke Zentralgewalt in den Österreich angeschlossenen Gebieten. Nachdem sie im Siebenjährigen Krieg Schlesien an Preußen endgültig verloren hatte, zeichnete sie sich durch eine weitgehend friedliche Außenpolitik aus, welche sich darauf beschränkte, den Status quo zu erhalten. Anstelle des Versuchs, durch Angriffskriege neues Land zu erobern, setzte sie den schon sehr früh in der Österreichischen Geschichte praktizierten Grundsatz: ‚Kriege führen mögen andere, du, glückliches Österreich, heirate. Denn was Mars den anderen, gibt dir die göttliche Venus‘. Durch Eheschließungen ihrer Kinder versuchte Maria Theresia ihren Machteinfluss auf die anderen europäischen Staaten zu sichern und auszuweiten.

 

Wenn auch in Frankreich vorwiegend Männer den Königsthron bestiegen haben, war der Einfluss einer Frau auf die politischen Ereignisse bisweilen auch hier von herausragender Bedeutung. Nach dem Tode Heinrichs im Jahre 1559 ging die Königswürde zunächst für sehr kurze Zeit an den ältesten Sohn Franz, da dieser bereits nach einem Jahr verschied wurde der zweite Sohn als Karl IX französischer König.

 

Da ihm politisches Geschick und Durchsetzungsvermögen weitgehend fehlten, stand er unter dem völligen Einfluss seiner Mutter, Katharina von Medici. Sie suchte auf der einen Seite durch Taktieren zwischen den konfessionellen Parteien, den Katholiken und den Hugenotten zu vermitteln, war jedoch auf der anderen Seite wesentlich dafür verantwortlich, dass die kriegerischen Auseinandersetzungen dieser Parteien schließlich in der Blutsnacht am Bartholomäus-Tag mit der massenweise Ermordung der Hugenotten endete.

 

Dies sind nur einige Beispiele dafür, dass auch in dem an und für sich patriarchal ausgerichteten christlichen Mittelalter sehr wohl die Geschicke Europas entscheidend von Frauen beeinflusst wurden. Diese Beispiele könnten sehr wohl beliebig erweitert werden, denken wir z. B. an Johanna von Orleans, welche die Franzosen vorübergehend aus der Gewalt der Englander befreite, oder an Hildegard von Bingen oder andere Adelsfrauen, welche entscheidenden Einfluss auf einzelne Klöster nahmen oder denken wir schließlich an Lucrezia Borgia. Sie wurde zunächst zum Spielball ihres Vaters, des Borgia-Papstes Alexander VI., indem dieser seine Tochter dreimal an Fürsten vermählte, sie galt zwar zu ihrer Zeit als verrufene Frau, welche keinerlei Skrupel hatte und für Betrug und Mord verantwortlich gewesen sei. Die Historiker sind sich jedoch heute weitgehend einig, dass dieser schlechte Ruf der Lukrezia weitgehend unberechtigt war, dass sie sehr wohl als Fürstin von Ferrara ihre Aufgaben verantwortlich wahrnahm und an ihrem Hofe einige der bedeutendsten Künstler, Schriftsteller und Gelehrten der Zeit um sich versammelte.

 

Nachdem wir also gezeigt haben, dass in dem an und für sich patriarchal geführten Mittelalter einzelne Frauen sehr wohl Macht ausübten und das Wohl der Völker maßgebend in positiven wie auch negativem Sinne trotz ihrer geringen Anzahl beeinflusst haben, wollen wir im letzten Abschnitt überprüfen, inwieweit denn in der Zeit, von der das Alte wie Neue Testament handeln, trotz patriarchaler Machtstrukturen ebenso einzelnen Frauen Macht zufiel und inwieweit sich überhaupt im alten Israel patriarchale Strukturen durchsetzen konnten, obwohl uns doch die Bibel lehrt, dass alle Menschen von Gott als gleichberechtigte Wesen erschaffen wurden.

 

 

2. Der Text

 

Wenden wir uns auch in diesem Kapitel zunächst dem Wortlaut dieser Erzählung um Esters Bedeutung bei der Befreiung der Juden im Persischen Reich zu. Im Buch Ester im 4. Kapitel heißt es zu dem Entschluss Esters, den persischen König um Gnade zu bitten:

 

17k ‚Auch die Königin Ester wurde von Todesangst ergriffen und suchte Zuflucht beim Herrn. Sie legte ihre prächtigen Gewänder ab und zog die Kleider der Notzeit und Trauer an. Statt der kostbaren Salben tat sie Asche und Staub auf ihr Haupt, vernachlässigte ihren Körper, und wo sie sonst ihren prunkvollen Schmuck trug, hingen jetzt ihre Haare in Strähnen herab. Und sie betete zum Herrn, dem Gott Israels:

 

17l  Herr, unser König, du bist der Einzige. Hilf mir! Denn ich bin allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht greifbar vor mir.

 

17m  Von Kindheit an habe ich in meiner Familie und meinem Stamm gehört, dass du, Herr, Israel aus allen Völkern erwählt hast; du hast dir unsere Väter aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erbbesitz ausgesucht und hast an ihnen gehandelt, wie du es versprochen hattest.

 

17n  Wir aber haben uns gegen dich verfehlt und du hast uns unseren Feinden ausgeliefert, weil wir ihre Götter verehrt haben. Du bist gerecht, Herr.

 

17o  Jetzt aber ist es unseren Feinden nicht mehr genug, uns grausam zu unterjochen, sondern sie haben ihren Götzen geschworen, dein Versprechen zu vereiteln, deinen Erbbesitz zu vernichten, den Mund derer, die dich loben, verstummen zu lassen und das Licht deines Tempels und das Feuer auf deinem Altar auszulöschen.

 

17p  Stattdessen wollen sie den Heiden den Mund öffnen, damit sie ihre nichtigen Götzen preisen und auf ewige Zeiten einen sterblichen König verherrlichen.

 

17q  Überlass dein Zepter, Herr, nicht den nichtigen Götzen! Man soll nicht höhnisch über unseren Sturz lachen. Lass ihre Pläne sich gegen sie selbst kehren; den aber, der all das gegen uns veranlasst hat, mach zum warnenden Beispiel!

 

17r  Denk an uns, Herr! Offenbare dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut, König der Götter und Herrscher über alle Mächte!

 

17s  Leg mir in Gegenwart des Löwen die passenden Worte in den Mund und stimm sein Herz um, damit er unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet.

 

17t  Uns aber rette mit deiner Hand! Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand außer dir, o Herr!‘

 

Kapitel 5 fährt dann fort, in dem aufgezeigt wird, welche List Ester anwandte, um den König zu veranlassen, den Befehl die Juden auszurotten, aufzuheben:

 

1  ‚Am dritten Tag legte Ester ihre königlichen Gewänder an und ging in den inneren Palasthof, der vor dem Haus des Königs lag. Der König saß im Königshaus auf seinem Königsthron, dem Eingang gegenüber.

 

2  Als der König die Königin Ester im Hof stehen sah, fand sie Gnade vor seinen Augen. Der König streckte ihr das goldene Zepter entgegen, das er in der Hand hielt. Ester trat näher und berührte die Spitze des Zepters.‘

 

Obwohl also entsprechend den am persischen Hof geltenden Regeln kein Untergebener, noch nicht einmal die Königin, vor die Augen des Königs treten durfte, wenn er nicht eigens hierzu vom König aufgefordert war, fand Ester Gnade vor dem König:

 

1b  ‚Sie selbst strahlte in blühender Schönheit, ihr Gesicht war bezaubernd und heiter, ihr Herz aber war beklommen vor Furcht.

 

1c  Sie durchschritt alle Türen und blieb vor dem König stehen. Er saß auf seinem königlichen Thron, angetan mit seinen Prunkgewändern voll Gold und Edelsteinen. Der Anblick war Furcht erregend.

 

1d  Als er aufblickte und die Königin in wildem Zorn mit feuerrotem Gesicht ansah, wurde sie bleich, fiel in Ohnmacht und sank auf die Schulter der Dienerin, die vorausging.

 

1e  Da erweichte Gott das Herz des Königs. Besorgt sprang er vom Thron auf und nahm sie in seine Arme, bis sie wieder zu sich kam. Dann redete er ihr mit freundlichen Worten zu und sagte:

 

1f  Was hast du, Ester? Ich bin dein Bruder, sei unbesorgt! Du sollst nicht sterben; denn unser Befehl gilt nur für die anderen. Komm her! 

 

2  Dann nahm er das goldene Zepter, legte es ihr auf den Nacken, küsste sie und sagte: Nun rede mit mir!

 

2a  Da sagte sie zu ihm: Ich sah dich, Herr, wie einen Engel Gottes und mein Herz erschrak aus Furcht vor deinem majestätischen Anblick; denn du bist herrlich, Herr, und dein Gesicht ist voll Wohlwollen.

 

2b  Während sie mit ihm redete, fiel sie wieder in Ohnmacht. Der König war sehr bestürzt und sein ganzes Gefolge suchte ihr Mut zu machen.

 

3  Der König sagte zu ihr: Was willst du, Königin Ester? Was hast du für einen Wunsch? Auch wenn es die Hälfte meines Reiches wäre, du sollst es erhalten.

 

4  Ester antwortete: Wenn es dem König gefällt, möge er heute mit Haman zu dem Festmahl kommen, das ich für ihn vorbereitet habe.‘

 

Die weiteren Verse schildern nun, wie der König und sein oberster Beamte zum Festmahl bei Ester erschien:

 

5  ‚Der König sagte: Holt in aller Eile Haman her, damit wir Esters Wunsch erfüllen können. Und der König kam mit Haman zu dem Festmahl, das Ester vorbereitet hatte.

 

6  Als sie beim Wein saßen, sagte der König zu Ester: Was hast du für eine Bitte? Sie wird dir erfüllt. Was hast du für einen Wunsch? Selbst wenn es die Hälfte des Reiches wäre, man wird es dir geben.

 

7  Ester antwortete: Das ist meine Bitte und mein Wunsch:

 

8  Wenn ich beim König Gnade gefunden habe und es ihm gefällt, mir zu geben, worum ich bitte, und meinen Wunsch zu erfüllen, dann möge der König auch morgen mit Haman zu dem Festmahl kommen, das ich für sie veranstalte. Morgen will ich dann die Frage des Königs beantworten.‘

 

Der dann folgende Text erklärt, warum Haman im Plan der Ester eine so entscheidende Rolle spielt:

 

9  ‚Haman ging an diesem Tag fröhlich und gut gelaunt nach Hause. Als er aber am Tor des Königspalastes Mordechai sah, der sich nicht erhob und keinerlei Ehrfurcht vor ihm zeigte, geriet er in Zorn über Mordechai.

 

10  Doch er ließ sich nichts anmerken. Er ging nach Hause und rief seine Freunde und seine Frau Seresch zu sich.

 

11  Und er erzählte ihnen von seinem gewaltigen Reichtum und von seinen vielen Söhnen, von all der Macht, die ihm der König verliehen habe, und wie er ihn hoch über alle anderen Fürsten und königlichen Diener gestellt habe.

 

12  Haman sagte: Auch Königin Ester hat an dem Festmahl, das sie veranstaltete, nur den König und mich teilnehmen lassen. Und auch morgen bin ich von ihr zusammen mit dem König eingeladen.

 

13  Aber mein Glück ist noch nicht vollkommen, solange ich den Juden Mordechai am Tor des Palastes sitzen sehe.

 

14  Da sagten seine Frau Seresch und alle seine Freunde zu ihm: Man könnte doch einen Galgen errichten, fünfzig Ellen hoch. Du aber sag morgen früh dem König, man solle Mordechai daran aufhängen. Dann kannst du mit dem König frohen Herzens zu dem Mahl gehen. Der Vorschlag gefiel Haman sehr und er ließ den Galgen aufstellen.‘

 

Kapitel 6 zeigt uns dann, wie und aus welchen Gründen Mordechais zu Ehren kam:

 

1 ‚In jener Nacht konnte der König nicht einschlafen. Darum ließ er sich das Buch der Denkwürdigkeiten, die Chronik, bringen und man las ihm daraus vor.

 

2  Da fand man den Bericht, wie Mordechai Bigtan und Teresch anzeigte, die beiden königlichen Kämmerer, die zu den Türhütern gehörten und einen Anschlag auf den König Artaxerxes geplant hatten.

 

3  Der König fragte: Welche Belohnung und Auszeichnung hat Mordechai dafür erhalten? Die Diener des Königs, die um ihn waren, antworteten: Er hat nichts erhalten.

 

4  Da fragte der König: Wer steht draußen im Hof? Haman aber war gerade in den äußeren Hof des Königspalastes gekommen, um dem König zu sagen, man solle Mordechai an dem Galgen aufhängen, den er für ihn hatte aufstellen lassen.

 

5  Die Diener antworteten dem König: Haman steht im Hof. Der König sagte: Er soll hereinkommen.

 

6  Haman trat ein. Der König fragte ihn: Was soll mit einem Mann geschehen, den der König besonders ehren will? Haman dachte: Wen könnte der König wohl mehr ehren wollen als mich?

 

7  Deshalb sagte Haman zum König: Wenn der König einen Mann besonders ehren will,

 

8  lasse er ein königliches Gewand holen, das sonst der König selbst trägt, und ein Pferd, auf dem sonst der König reitet und dessen Kopf königlich geschmückt ist.

 

9  Das Gewand und das Pferd soll man einem der vornehmsten Fürsten des Königs geben und er soll den Mann, den der König besonders ehren will, bekleiden, ihn auf dem Pferd über den Platz der Stadt führen und vor ihm ausrufen: So geht es einem Mann, den der König besonders ehren will.

 

10  Darauf sagte der König zu Haman: Hol in aller Eile das Gewand und das Pferd und tu alles, was du gesagt hast, mit dem Juden Mordechai, der am Tor des Palastes sitzt. Und lass nichts von dem aus, was du vorgeschlagen hast.

 

11  Haman nahm das Gewand und das Pferd, kleidete Mordechai ein, führte ihn auf dem Pferd über den Platz der Stadt und rief vor ihm aus: So geht es einem Mann, den der König besonders ehren will.

 

12  Dann kehrte Mordechai zum Tor des Palastes zurück. Haman aber eilte nach Haus, traurig und mit verhülltem Kopf.

 

13  Und er erzählte seiner Frau Seresch und seinen Freunden alles, was ihm zugestoßen war. Seine weisen [Ratgeber] und seine Frau Seresch sagten: Wenn Mordechai, der dich schon zu stürzen begonnen hat, zum Volk der Juden gehört, wirst du nichts gegen ihn ausrichten, sondern du wirst gewiss durch ihn zu Fall kommen.‘

 

Kapitel 7 berichtet dann von Hamans Ende:

 

1  ‚Der König und Haman kamen zu dem Mahl, das die Königin Ester gab,

 

2  und der König sagte auch am zweiten Tag zu Ester, als sie beim Wein saßen: Was hast du für eine Bitte, Königin Ester? Sie wird dir erfüllt. Was hast du für einen Wunsch? Selbst wenn es die Hälfte des Reiches wäre – man wird es dir geben.

 

3  Die Königin Ester antwortete: Wenn ich beim König Wohlwollen gefunden habe und wenn es ihm gefällt, dann möge mir und meinem Volk das Leben geschenkt werden. Das ist meine Bitte und mein Wunsch.

 

4  Man hat mich und mein Volk verkauft, um uns zu erschlagen, zu ermorden und auszurotten. Wenn man uns als Sklaven und Sklavinnen verkaufen würde, hätte ich nichts gesagt; denn dann gäbe es keinen Feind, der es wert wäre, dass man seinetwegen den König belästigt.

 

5  Da sagte der König Artaxerxes zu Königin Ester: Wer ist der Mann? Wo ist der Mensch, der es wagt, so etwas zu tun?

 

6  Ester antwortete: Dieser gefährliche Feind ist der verbrecherische Haman hier. Da erschrak Haman vor dem König und der Königin.

 

7  Der König aber stand auf, verließ voll Zorn das Trinkgelage und ging in den Garten des Palastes. Haman trat zu Ester und flehte sie um sein Leben an; denn er sah, dass sein Untergang beim König besiegelt war.

 

8  Als der König aus dem Garten wieder in den Raum zurückkam, in dem das Trinkgelage stattfand, hatte sich Haman über das Polster geworfen, auf dem Ester lag. Der König sagte: Tut man jetzt sogar hier in meiner Gegenwart der Königin Gewalt an? Kaum hatte der König das gesagt, da verhüllte man schon das Gesicht Hamans.

 

9  Harbona, einer der Hofbeamten, sagte zum König: Vor dem Haus Hamans steht schon ein fünfzig Ellen hoher Galgen; ihn hat Haman für Mordechai aufgestellt, der dem König durch seine Anzeige einen guten Dienst erwiesen hat. Der König befahl: Hängt ihn daran auf!

 

10  Da hängten sie Haman an den Galgen, den er für Mordechai errichtet hatte, und der Zorn des Königs legte sich.‘

 

Nachdem Haman auf Befehl des Königs gehängt worden war, wurde Mordechais anstelle des gehenkten Haman zum obersten Beamten ernannt. Kapitel 8 berichtet darüber und zeigt, wie Ester die Gelegenheit benutzt, den König von der Vernichtung der Juden abzubringen:

 

3  ‚Ester redete noch einmal mit dem König; sie fiel ihm weinend zu Füßen und flehte ihn an, das drohende Unheil, das der Agagiter Haman gegen die Juden geplant hatte, von ihnen abzuwenden.

 

4  Der König streckte Ester sein goldenes Zepter entgegen und Ester stand auf und trat vor den König.

 

5  Sie sagte: Wenn es dem König gefällt und ich sein Wohlwollen gefunden habe, wenn ihm mein Vorschlag richtig erscheint und ich seine Gunst genieße, dann soll durch einen schriftlichen Erlass die Anordnung widerrufen werden, die der Agagiter Haman, der Sohn Hammedatas, in der Absicht getroffen hat, die Juden in allen königlichen Provinzen auszurotten.

 

6  Denn wie könnte ich das Unglück mit ansehen, das mein Volk trifft, wie könnte ich den Untergang meines Stammes mit ansehen?‘

 

In Kapitel 8 des Buches Ester erfahren wir dann, wie der König auf die Bitte Ester’s, den Erlass zur Ausrottung der Juden aufzuheben, geantwortet hatte. Zwar konnte Artaxerxes seinen Erlass nicht rückgängig machen, da königliche Befehle nach herrschendem Brauch noch nicht einmal vom König selbst zurückgenommen werden können. Er gestattete den Juden jedoch ausdrücklich, sich zur Wehr zu setzen, wobei sie auch dann nicht straffbar handelten, wenn sie hierbei im Kampf das Leben der Angreifenden bedrohen:

 

7  ‚Da sagte König Artaxerxes zu Königin Ester und zu dem Juden Mordechai: Ich habe Ester das Haus Hamans übergeben, den man am Galgen aufgehängt hat, weil er seine Hand gegen die Juden erhob.

 

8  Jetzt aber sollt ihr im Namen des Königs einen schriftlichen Erlass zugunsten der Juden herausgeben, wie er euch richtig erscheint. Siegelt ihn mit dem königlichen Siegelring; denn ein Schreiben, das im Namen des Königs verfasst und mit dem königlichen Siegelring gesiegelt ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

 

9  Da rief man die königlichen Schreiber; es war der dreiundzwanzigste Tag im dritten Monat, dem Monat Siwan. Und so, wie es Mordechai befahl, wurde zugunsten der Juden ein schriftlicher Erlass herausgegeben und an die Satrapen, Statthalter und Fürsten der hundertsiebenundzwanzig Provinzen von Indien bis Kusch geschickt, für jede einzelne Provinz in ihrer eigenen Schrift und für jedes einzelne Volk in seiner eigenen Sprache.

 

10  Man verfasste die Schreiben im Namen des Königs Artaxerxes, siegelte mit dem königlichen Siegelring und verschickte sie mit Eilboten auf Postpferden, die aus den königlichen Gestüten stammten.

 

11  Mit diesem Erlass gestattete der König den Juden in allen Städten, sich zusammenzutun, um für ihr Leben einzutreten, um in jedem Volk und in jeder Provinz alle ihre Gegner samt ihren Frauen und Kindern zu erschlagen, zu ermorden und auszurotten und ihren Besitz zu plündern;

 

12  das sollte in allen Provinzen des Königs Artaxerxes am gleichen Tag geschehen, am dreizehnten Tag im zwölften Monat, dem Monat Adar.‘

 

Kapitel 9 berichtet dann, wie es den Juden aufgrund dieses königlichen Erlasses gelungen war, ihre Feinde zurückzuschlagen und zu töten:

 

1 ‚Am dreizehnten Tag im zwölften Monat, dem Monat Adar, sollte der Erlass des Königs und sein Befehl ausgeführt werden. Es war der Tag, an dem die Gegner der Juden gehofft hatten, sie zu überwältigen. Doch nun überwältigten umgekehrt die Juden ihre Feinde.

 

2  In allen Provinzen des Königs Artaxerxes taten sich die Juden in den Städten zusammen und überfielen die, die den Untergang der Juden geplant hatten. Niemand konnte ihnen standhalten; denn alle Völker hatte Schrecken vor ihnen befallen;

 

3  auch alle Fürsten der Provinzen, die Satrapen, Statthalter und königlichen Beamten, waren aufseiten der Juden; denn Schrecken vor Mordechai hatte sie befallen.

 

4  Mordechai war nämlich im Königspalast hoch angesehen und es war in allen Provinzen bekannt geworden, dass er immer einflussreicher wurde.

 

5  So metzelten die Juden alle ihre Feinde mit dem Schwert nieder; es gab ein großes Blutbad. Sie machten mit ihren Gegnern, was sie wollten.

 

6  In der Burg Susa brachten die Juden fünfhundert Männer um

 

7  und auch Parschandata, Dalfon, Aspata,

 

8  Porata, Adalja, Aridata,

 

9  Parmaschta, Arisai, Aridai und Wajesata,

 

10  die zehn Söhne des Judenfeindes Haman, des Sohnes Hammedatas, töteten sie, aber sie vergriffen sich nicht an ihrem Besitz.

 

11  Als man an jenem Tag dem König meldete, wie viele Menschen in der Burg Susa erschlagen worden waren,

 

12  sagte er zur Königin Ester: In der Burg Susa haben die Juden ein Blutbad angerichtet; man hat fünfhundert Männer, auch die zehn Söhne Hamans, umgebracht. Was haben sie dann wohl in den übrigen königlichen Provinzen getan? Hast du einen Wunsch? Er wird dir erfüllt werden. Hast du eine Bitte? Sie soll erfüllt werden.

 

13  Ester antwortete: Wenn es dem König gefällt, soll den Juden in Susa erlaubt werden, auch morgen nach dem Gesetz von heute zu handeln. Außerdem soll man die zehn Söhne Hamans an den Galgen hängen.

 

14  Der König befahl, es solle so geschehen. Man gab also in Susa noch einen Erlass heraus und hängte die zehn Söhne Hamans auf.

 

15  Auch am vierzehnten Tag des Monats Adar taten sich die Juden in Susa zusammen und töteten dort dreihundert Männer; aber an ihrem Besitz vergriffen sie sich nicht.

 

16  Die übrigen Juden in den königlichen Provinzen versammelten sich, um für ihr Leben einzutreten; sie verschafften sich Ruhe vor ihren Feinden und töteten fünfundsiebzigtausend ihrer Gegner; aber an ihrem Besitz vergriffen sie sich nicht.‘

 

Schließlich endet dieser Bericht mit der Feststellung, dass die Juden von nun an diesen Tag der Befreiung an jedem 14. Tag des Monats Adar als Purimfest feierten:

 

17  ‚Das geschah am dreizehnten Tag des Monats Adar, am vierzehnten Tag des Monats jedoch war Ruhe. Sie feierten ihn als Festtag mit Essen und Trinken.

 

18  Die Juden in Susa aber versammelten sich am Dreizehnten und Vierzehnten des Monats; bei ihnen war am Fünfzehnten wieder Ruhe, und sie feierten ihn als Festtag mit Essen und Trinken.

 

19  Deswegen begehen die Juden in den unbefestigten Orten auf dem Land den vierzehnten Tag des Monats Adar als Festtag, den sie mit Essen und Trinken feiern und an dem sie sich gegenseitig beschenken.

 

20  Mordechai schrieb alles auf, was geschehen war. Er schickte Schreiben an alle Juden in allen Provinzen des Königs Artaxerxes nah und fern

 

21  und machte ihnen zur Pflicht, den vierzehnten und den fünfzehnten Tag des Monats Adar in jedem Jahr als Festtag zu begehen.‘

 

 

3. Interpretation

 

Um diesen Bericht besser verstehen zu können, wollen wir ganz kurz die Vorgeschichte dieser Ereignisse in Erinnerung rufen. Diese beginnt mit einem Traum, den Mordechais viele Jahre vor diesem Ereignis hatte. Das Buch Ester beginnt in seinem 1. Kapitel mit der Darstellung dieses Traumes:

 

1a ‚Im zweiten Jahr der Regierung des Großkönigs Artaxerxes, am ersten Tag des Monats Nisan, hatte Mordechai, der Sohn Jaïrs, des Sohnes Schimis, des Sohnes des Kisch, aus dem Stamm Benjamin, einen Traum.

 

1b  Der Jude Mordechai wohnte in der Stadt Susa; er war ein angesehener Mann, der am Hof des Königs diente.

 

1c  Er gehörte zu denen, die der babylonische König Nebukadnezzar mit Jojachin, dem König von Juda, aus Jerusalem verschleppt hatte.

 

1d  Er hatte folgenden Traum: Es gab Geschrei und Lärm, Donner und Erdbeben und ein Tumult entstand auf der Erde.

 

1e  Plötzlich kamen zwei große Drachen, beide bereit zu kämpfen. Sie brüllten laut

 

1f  und durch ihr Brüllen wurden alle Völker zum Kampf aufgereizt, sodass sie gegen das Volk der Gerechten Krieg führten.

 

1g  Es war ein Tag des Dunkels und der Finsternis; Bedrängnis und Not, Unheil und großer Tumult waren auf der Erde.

 

1h Das ganze Volk der Gerechten geriet in Bestürzung. Sie fürchteten Unheil und rechneten mit ihrem Untergang. Da schrien sie zu Gott.

 

1i Auf ihr Rufen hin wurde aus einer kleinen Quelle ein großer Strom mit viel Wasser.

 

1k Licht und Sonne schienen wieder; die Niedrigen wurden erhöht und sie vernichteten die Angesehenen.

 

1l Als Mordechai diesen Traum gehabt hatte, erwachte er. Den ganzen Tag überlegte er, was Gott wohl beschlossen habe, und versuchte, auf jede nur mögliche Weise den Traum zu verstehen.‘

 

In der Fortsetzung dieser Erzählung erfahren wir dann, dass es Mordechai gelang, eine Verschwörung zur Ermordung des Königs rechtzeitig aufzudecken, dass er zwar für diese Handlung belohnt wurde, aber unmittelbar danach mit Haman, einer der obersten Beamten des Königs aneinander geriet:

 

1m ‚Mordechai schlief im Palast in der Nähe der zwei Hofbeamten Gabata und Teresch, die den Palast bewachten.

 

1n  Dabei hörte er, was sie miteinander überlegten; er versuchte, über ihre Pläne Genaueres zu erfahren, und entdeckte, dass sie einen Anschlag gegen König Artaxerxes vorbereiteten. Er zeigte sie beim König an

 

1o  und der König verhörte die beiden Beamten. Sie gestanden und wurden hingerichtet.

 

1p  Zur Erinnerung ließ der König diese Begebenheit aufzeichnen; auch Mordechai machte Aufzeichnungen darüber.

 

1q  Und der König beauftragte Mordechai, im Palast zu dienen, und belohnte ihn für seine Tat mit reichen Geschenken.

 

1r  Aber der Bugäer Haman, der Sohn Hammedatas, ein angesehener Mann beim König, suchte wegen der beiden Hofbeamten des Königs Unheil über Mordechai und sein Volk zu bringen.‘

 

Im weiteren Verlauf dieser Erzählung erfahren wir von einem königlichen Fest und weiterhin davon, dass die Königin Waschti sich weigerte, trotz ausdrücklichen Befehls des Königs zu diesem Fest zu erscheinen. Hierauf verstößt der König Waschti wegen dieses Ungehorsams, nachdem er für diese Handlung Rückendeckung durch seine Berater gefunden hatte.

 

Einige Zeit danach wurden junge Mädchen angeworben, aus denen sich der König eine neue Königin aussuchen sollte. Und hier kommt Ester, eine nahe Verwandte Mordechai’s ins Spiel, da auch sie zu diesen Mädchen zählte. Schließlich endet diese Suche damit, dass Ester zur Königin auserwählt wurde. Auf Geheiß Mordechai’s, ihres Vormundes, hatte Ester allerdings dem König ihre jüdische Herkunft verschwiegen.

 

In der Zwischenzeit war Haman zum obersten Beamten des Königs ernannt worden und verlangte von allen Dienern des Königs, dass man ihm huldigte. Mordechai war jedoch hierzu nicht bereit, was Haman mit Zorn erfüllte und er beschloss nicht nur Mordechai, sondern alle seine jüdischen Volksgenossen im persischen Reich zu vernichten. In Kapitel 3 wird berichtet:

 

8  ‚Darauf sagte Haman zu König Artaxerxes: Es gibt ein Volk, das über alle Provinzen deines Reiches verstreut lebt, aber sich von den anderen Völkern absondert. Seine Gesetze sind von denen aller anderen Völker verschieden; auch die Gesetze des Königs befolgen sie nicht. Es ist nicht richtig, dass der König ihnen das durchgehen lässt.

 

9  Wenn der König einverstanden ist, soll ein schriftlicher Erlass herausgegeben werden, sie auszurotten. Dann kann ich den Schatzmeistern zehntausend Talente Silber übergeben und in die königlichen Schatzkammern bringen lassen.

 

10  Da zog der König seinen Siegelring vom Finger und gab ihn dem Agagiter Haman, dem Sohn Hammedatas, dem Feind der Juden,

 

11  und er sagte zu Haman: Das Silber lasse ich dir; mach mit dem Volk, was dir richtig erscheint.

 

12  Am dreizehnten Tag des ersten Monats wurden die Schreiber des Königs gerufen. Man schrieb an die Satrapen des Königs, die Statthalter der einzelnen Provinzen und die Fürsten aller Völker der einzelnen Provinzen in ihrer eigenen Schrift und Sprache alles genau so, wie es Haman befohlen hatte. Der Erlass war im Namen des Königs Artaxerxes geschrieben und mit dem Siegelring des Königs gesiegelt.

 

13  Durch Eilboten sandte man das Schreiben an alle königlichen Provinzen (mit dem Befehl): Man solle alle Juden, Jung und Alt, auch Kinder und Frauen, am gleichen Tag, dem dreizehnten Tag im zwölften Monat, dem Monat Adar, erschlagen, ermorden und ausrotten und ihren Besitz plündern.‘

 

Und mit diesen Ereignissen beginnt dann die eigentliche Erzählung darüber, wie es Ester gelang, mit viel List und Mut die Ausrottung ihrer jüdischen Volksgenossen zu verhindern.

 

 

4. Patriarchale Gesellschaft?

 

Wenden wir uns nun wiederum der Frage zu, inwieweit denn in der Zeit, von der  das Alte und Neue Testament berichtet, die Gesellschaftsordnung patriarchal aufgebaut war und ob nicht auch bereits zu diesen Zeiten ähnlich wie im christlichen Mittelalter zahlreiche Frauen die Geschicke des Volkes mitbestimmt hatten?

 

Beginnen wir mit Abraham, der als erster Patriarch gilt, der also offensichtlich in seinem Zuhause das Sagen hatte, was ja auch dann dazugeführt hat, dass dieses Zeitalter als Patriarchalismus bezeichnet wurde.

 

In der Tat bestand in jener Zeit eine geschlechtsbezogene Arbeitsteilung. Während der Mann die Aufgabe hatte, außerhalb des Hauses für die tägliche Ernährung zu sorgen, war es der Ehefrau aufgetragen, dafür zu sorgen, innerhalb der Wohnung die anstehenden Aufgaben zu übernehmen, vor allem aber für die Erziehung der Kinder zu sorgen.

 

Diese geschlechtsbezogene Arbeitsteilung hatte zunächst keinerlei diffamierende Auswirkungen auf die Frau. Es waren vorwiegend Gründe der Zweckmäßigkeit, welche diese Aufteilung  der anstehenden alltäglichen Aufgaben nahe legten. Die Aufgaben der Frau waren keinesfalls geringer bewertet als die Pflichten des Mannes, ja man kann sogar davon sprechen, dass zur Zeit Abraham‘s genauso wie bei den ihm nachfolgenden Patriarchen die Frau eine Aufgabe zu erfüllen hatte, die zunächst als die viel wichtigere Aufgabe angesehen werden musste. Die alltägliche Ernährung war weitgehend gesichert und es bedurfte deshalb auch keiner außerordentlichen Anstrengungen des Mannes, seinen Pflichten nachzugehen.

 

Wie stand es jedoch um die Aufgaben, welche der Frau übertragen waren? Wir erinnern uns, dass Jahwe – als er den Bund mit Abraham geschlossen hatte – prophezeit hatte, dass er eine Nachkommenschaft haben werde so zahlreich wie die Sterne am Himmel und die Staubkörner am Boden. Trotzdem sollte sich lange Zeit kein Erbe einstellen, als Abraham mit Sarah, seiner Ehefrau seinen Sohn Isaak zeugte, waren beide bereits in einem Alter, in dem die Frau normaler Weise kein Kind mehr gebären und der Mann kein Kind erzeugen konnte.

 

Also war es offensichtlich eine enorm wichtige Aufgabe der Frau – damals weit wichtiger als die Abraham übertragenen Aufgaben – , dafür Sorge zu tragen, dass diese Prophezeiung auch war wurde, so ist es auch zu verstehen, dass Sarah, als sie wegen  ihres bereits fortgeschrittenen Alters befürchten musste, dass ihr selbst keine eigenen Kinder mehr beschert sind, Abraham aufforderte, Ihrer Magd Hagar beizuwohnen.

 

Später allerdings wendete sich das Blatt. Als einmal die Nachkommenschaft gesichert war und Abraham zum Stammvater eines großen Volksstammes geworden war, waren die Aufgaben, welche der Frau in der patriarchalen Welt zukommen, weniger bedroht, dementsprechend verringerte sich auch die allgemeine Wertschätzung der Frau.

 

Gleichzeitig gewann die Sorge für die Ernährung immer größere Bedeutung, da die Nachkommen Abrahams immer stärker von äußeren Feinden bedroht wurden. So entstand allmählich eine Gesellschaftsordnung, in welcher die Bedeutung und der Wert des Mannes im Vergleich zur Frau immer größer wurde. Es entstand dann schließlich eine Ordnung, so wie sie mit all ihren negativen Begleiterscheinungen als Patriarchalismus in die Geschichte einging.

 

Aber auch in der Folgezeit gab es – so berichtet das Alte Testament – genauso wie im christlichen Mittelalter eine große Zahl einzelner Frauen, die sehr wohl an der Spitze des Gemeinwesens tätig waren und denen es gelang, genauso wie den bedeutendsten Männern wie etwa Moses, David und Salomon, das Gemeinwesen vor der Bedrohung äußerer Feinde erfolgreich zu schützen.

 

Wir erfuhren in früheren Erzählungen dieser Vorlesung bereits von Rut, welche sogar als eine nichtisraelitische Frau zur Ahnfrau Davids wurde, in diesem Kapitel haben wir Ester‘s Schicksal kennengelernt, welche nicht nur zur Königin aufrückte, sondern welche durch List und Wagemut die Israeliten vor ihrer drohenden Ausrottung bewahrte. An anderen Stellen des Alten Testamentes wird uns weiterhin von Judit berichtet, welche die mutlos gewordenen Israeliten vor ihrer fast sicheren Vernichtung dadurch bewahrte, dass sie ins feindliche Heerlager schlich und Holofernes, dem obersten Feldherr des Assyrerkönigs Nebukadnezzar den Kopf abschlug, eine Aufgabe, welche normaler Weise entsprechend der patriarchalen Rollenverteilung dem Manne zugefallen wäre.

 

Weiterhin berichtet uns auch schon das Buch Exodus über Mirjam, der Schwester Moses, welche beim Auszug der Israeliten aus Ägypten eine maßgebliche Rolle übernommen hatte. Im Buch der Richter erfahren wir von Deborah, der Frau von Lappidot, welche als Richterin das damals oberste Amt des israelitischen Staates übernommen hatte und erfolgreich die Geschicke der Israeliten leitete.

 

Im 2. Buch der Könige wird dann von Hulda berichtet, welche Prophetin wurde und genauso wie ihre männlichen Propheten ihre Aufgaben erfüllte und den Mächtigen ins Gewissen sprach.

 

Auch das Neue Testament kennt sehr wohl zahlreiche Frauen, denen wesentliche Aufgaben des israelitischen Volkes zugefallen war. Rein äußerlich war auch die erste christliche Gemeinschaft eine Welt, die aus Männern bestand. Jesus bildete den Führungsstamm der Apostel offensichtlich allein aus Männern.

 

Auch wird im Neuen Testament fast ausschließlich von Jüngern, also männlichen Personen gesprochen, nur in der Apostelgeschichte wird im 9. Kapitel Vers 36 erwähnt, dass in Joppe eine Jüngerin namens Tabita, das heißt übersetzt: Gazelle lebte, welche viele gute Werke tat und reichlich Almosen gab. Aber selbst hier wird nicht von davon gesprochen, dass diese Jüngerin so wie ihre männlichen Kollegen führende Aufgaben in der christlichen Gemeinde wahrnahm.

 

Vor allem in den Paulus Briefen finden wir zahlreiche Textstellen, in denen wiederholt angedeutet wird, dass die Frau in der Gemeinde zu schweigen habe. So heißt es z. B. im 1. Korintherbrief Kapitel 14:

 

33 ‚Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens. Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist,

 

34  sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz es fordert.

 

35  Wenn sie etwas wissen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, vor der Gemeinde zu reden.‘

 

Aber auch hier gilt ähnliches, was wir bereits für das christliche Mittelalter festgestellt haben. Nur dann, wenn wir auf den zahlenmäßigen Anteil der Frauen an den Führungsaufgaben innerhalb der Jüngerschaft Jesu abheben, lässt sich von einer eindeutigen Unterordnung der Frauen sprechen, auch das Neue Testament kennt nämlich zahlreiche Stellen, in denen einzelnen Frauen eine überragende Bedeutung für die Entstehung des Christentums zuerkannt wird, dies gilt insbesondere für das Evangelium des Lukas, der in viel stärkerem Maße als wir es in den drei übrigen kanonischen Evangelien finden, den Beitrag einzelner Frauen für die Ausbreitung der Lehre Jesu eigens hervorhebt.

 

Im ersten Kapitel des Lukasevangelium erfahren wir von der Geburt des Täufers durch Elisabet sowie der Geburt Jesu durch Maria. Da die Evangelien das Wirken Jesu und der Vorbereitung dieses Wirkens durch Johannes des Täufers in den Mittelpunkt stellen, kommt natürlich den beiden Frauen, welche Johannes und Jesus geboren haben, ebenfalls eine zentrale Rolle zu.

 

Im zweiten Kapitel wird dann von einer Prophetin namens Hanna berichtet, welche sich hochbetagt ständig im Tempel aufhielt und Tag und Nacht mit Fasten und Beten zubrachte. Als Jesus dann im Tempel beschnitten wurde, trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Ihr kam also die maßgebende Rolle zu, als erste auf Jesus als Messias hinzuweisen.

 

Wenn auch in den Evangelien vorwiegend davon gesprochen wurde, dass Jesus vor allem (männliche) Jünger auf seinen Wanderpredigten folgten, so hebt Lukas dennoch wiederholt hervor, dass Jesus auch von Frauen begleitet wurde, welche offensichtlich wesentlich zum Unterhalt Jesu und seiner engeren Jünger beitrugen. Es werden vor allem drei Frauen namens Maria und zwar Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus genannt.

 

Als Jesus dann am Kreuze gestorben und am 3. Tage wiederauferstanden war, begegnete er zunächst nicht etwa Simon, dem er seine Nachfolge übertragen hatte oder seinem Lieblingsjünger Johannes, sondern wiederum den beiden Frauen Maria Magdale und der anderen Maria. In Kapitel 28 des Lukasevangeliums lesen wir hierzu:

 

1  ‚Nach dem Sabbat kamen in der Morgendämmerung des ersten Tages der Woche Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen.

 

2  Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.

 

3  Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz und sein Gewand war weiß wie Schnee.

 

4  Die Wächter begannen vor Angst zu zittern und fielen wie tot zu Boden.

 

5  Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten.

 

6  Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht euch die Stelle an, wo er lag.

 

7 Dann geht schnell zu seinen Jüngern und sagt ihnen: Er ist von den Toten auferstanden. Er geht euch voraus nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen. Ich habe es euch gesagt.

 

8 Sogleich verließen sie das Grab und eilten voll Furcht und großer Freude zu seinen Jüngern, um ihnen die Botschaft zu verkünden.

 

9 Plötzlich kam ihnen Jesus entgegen und sagte: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, warfen sich vor ihm nieder und umfassten seine Füße.

10  Da sagte Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen.‘

 

Es war also diesen Frauen vorbehalten, die Nachricht der Auferstehung Jesu den Jüngern bekannt zu geben. Deutlicher kann gar nicht zum Ausdruck gebracht werden, welche zentrale Bedeutung Jesus nach der Auskunft des Lukas herausragenden Frauen zuerkannte.

 

Wenn wir nun noch bedenken, dass alle vier kanonisierten Evangelien zu einer Zeit aufgeschrieben wurden, in welcher wie selbstverständlich davon ausgegangen wurde, dass die Führungsaufgaben in der Gesellschaft den Männern vorbehalten seien, sollte man die Tatsache, dass im Neuen Testament in quantitativer Hinsicht relativ wenig über die Bedeutung der Frauen gesagt wurde, nicht als Indiz dafür verwenden, dass nun auch nach der Lehre Jesu den Frauen nur eine untergeordnete Stelle auf Dauer zugewiesen war.

 

Jesus hatte einmal gesagt (siehe Markus Kapitel 12,17): So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!‘ und vor Pilatus bekannte er, dass sein Königtum nicht von dieser Welt sei. (siehe Johannes 18,36). Diese Textstellen zeigen, dass Jesus nicht seine eigentliche Aufgabe darin sah, diese Welt zu ordnen und alle weltlichen Fehlentwicklungen zu geißeln, sondern seine Aufgabe bestand allein darin, Gottes Wort zu verkünden. So mag es auch verständlich erscheinen, dass sich Jesus nicht ex pressis verbis gegen den Patriarchalismus seiner Zeit aussprach, ohne dass aber daraus bereits der Schluss gezogen werden könnte, Jesus habe eine patriarchale Gesellschaftsordnung gutgeheißen oder sogar als erwünscht angesehen.