Startseite

 

 

 

Zur Problematik der Entwicklungshilfe

 

 

Gliederung:

 

01. Definition: Entwicklungsländer

02. Entstehung der heutigen Entwicklungsländer

03. Entwicklungsländer u. internationale Organisationen

04. Die Entwicklung der Welthandelskonferenz

05. Die Theorien von Myrdal und Prebish

06. Arten der Entwicklungshilfe

07. Zielsetzungen

08. Problematik der Maßnahmen

09. Debt for Nature

 

 

 

01. Definition: Entwicklungsländer

 

Unter Entwicklungshilfe sollen alle Maßnahmen der wirtschaftlich hochentwickelten Nationen zugunsten der Entwicklungsländer verstanden werden. Wann sprechen wir jedoch von einem Entwicklungsland? Wir wollen uns hier auf wirtschaftliche Kriterien beschränken. Ein erster möglicher Maßstab liegt im Pro-Kopf-Einkommen der Bewohner einer Volkswirtschaft. Die Entwicklungshilfe besteht insoweit in einer Hilfe der reicheren zugunsten der ärmeren Volkswirtschaften.

 

Die Forderung nach Entwicklungshilfe ergibt sich dann aus der allgemeineren Forderung nach Abbau von Nivellierungen im Pro-Kopf-Einkommen und der Anwendung dieser Forderung auf die internationale Ebene.

 

Allerdings können sich hierbei Schwierigkeiten beim Vergleich der Pro-Kopf-Einkommen ergeben, da eine Umrechnung über den Wechselkurs notwendig wird. Eine Umrechnung wäre jedoch nur dann korrekt, wenn der Wechselkurs jeweils die unterschiedliche Kaufkraft zwischen den einzelnen betroffenen Ländern widerspiegeln würde. Genau dies muss jedoch gerade im Hinblick auf Entwicklungsländer bezweifelt werden, da hier nur ein minimaler Teil der Güter der Lebenshaltung zu den Gütern zählt, die den Wechselkurs de facto bestimmen.

 

Weiterhin läge bei einer solchen Definition eine sehr kurzfristige Sicht vor, da die Entwicklungsmöglichkeiten der heutigen Entwicklungsländer bei dieser Definition nicht berücksichtigt würden. Bringen wir ein Beispiel: Das Pro-Kopf-Einkommen einer Volkswirtschaft kann z. B. aufgrund der Ausbeute von Rohstoffen (z. B. Erdöl) sehr hoch sein, wobei jedoch die Ausbeute von Rohstoffen zeitlich begrenzt ist. Soweit nun die Erträge aus den Rohstoffen nicht zur Entwicklung der Volkswirtschaft eingesetzt werden, besteht die Gefahr, dass diese Volkswirtschaft in Zukunft wiederum in Armut zurückfällt.

 

Deshalb wird vorgeschlagen, als Kriterium die Frage zu nehmen, inwieweit ein Land die Fähigkeit erworben hat, auch in Zukunft einen bisher erreichten Wohlstand zu realisieren. Erfahrungsgemäß hat die Industrialisierung überhaupt erst die Möglichkeit zu einer solchen zukunftsorientierten Ausrichtung einer Volkswirtschaft eröffnet.

 

Der Mechanismus einer industrialisierten Volkswirtschaft sorgt nämlich auf zweierlei Weise für eine Reproduktion: Auf der einen Seite wird der mit der Produktion verbundene technische und wirtschaftliche Verschleiß automatisch durch Ersatzinvestitionen ausgeglichen und es wird nur soweit von Vermögenszuwächsen gesprochen, als die Investitionen das Ausmaß der notwendigen Ersatzinvestitionen übersteigen.

 

Auf der anderen Seite erfolgt die Reproduktion in Geldeinheiten, die nicht unbedingt wiederum in den Bereichen, aus denen die Erträge entstammen, angelegt werden müssen. Die Industriegesellschaft ist somit flexibler als die Agrargesellschaft. Insoweit enthält die Industriegesellschaft in viel stärkerem Maße als die Agrargesellschaft eine wesentliche Voraussetzung zur Erhaltung der Produktionskraft.

 

Oftmals wird die Entwicklungshilfe als reine Maßnahme der Umverteilung von reichen zu armen Ländern verstanden. Es ist jedoch unzweckmäßig, die Entwicklungshilfe lediglich auf Maßnahmen der Umverteilung zu beschränken. Bei einer echten Umverteilung geht die Hilfe stets zu Lasten der hochentwickelten Volkswirtschaften. Dieses Modell geht von einer Konfliktbeziehung aus: Der Nutzenzuwachs des einen bedeutet für den anderen einen Nutzenverlust.

 

Es entspricht jedoch liberalem Denken, dass auch in den internationalen Beziehungen mit harmonischen Beziehungen zu rechnen ist. Gemeinsame Aktivitäten können sehr wohl den Nutzen beider Gruppen vergrößern. In diesem Sinne liegt Entwicklungshilfe auch dann vor, wenn aufgrund bestimmter Aktivitäten der hoch entwickelten Volkswirtschaften zugunsten der Entwicklungsländer auch der Nutzen der hochentwickelten Volkswirtschaften vermehrt wird oder zumindest nicht zurückgeht.

 

Es entspricht auch den christlichen wie auch liberalen Wertvorstellungen von der Menschenwürde besser, Hilfe als Hilfe zur Selbsthilfe und nicht primär nur als Umverteilung zu verstehen.

 

 

02. Entstehung der heutigen Entwicklungsländer

 

Die meisten der heute als Entwicklungsländer eingestuften Volkswirtschaften gingen aus den Kolonien der früheren Kolonialmächte: England, Frankreich Spanien, Portugal und Niederlande hervor und wurden erst in den 50 und 60 er Jahren des 20. Jahrhunderts unabhängige Nationen.

 

Entwicklungshilfe wurde in der Vergangenheit vor allem von den Weltmächten geleistet, stärker von den Großmächten der westlich orientierten Länder als von der UdSSR. Für die USA und die UdSSR galt, dass bei der Entwicklungshilfe zunächst vorwiegend bündnispolitische Zielsetzungen im Vordergrund standen; es ging primär darum, Bündnispartner zu gewinnen. Ein Großteil der Hilfe bestand deshalb auch in Mitteln, die stärker der Verteidigungsfähigkeit einer Nation als dem materiellen Wohlstand der Bevölkerung dieser Länder galten.

 

Es entsprach allerdings auch der westlichen Ideologie, dass die Gefahr eines Überwechselns ins östliche Lager vor allem dadurch gebannt werden könnte, dass das Pro-Kopf-Einkommen in den Entwicklungsländern angehoben werde.

 

Die Art und Weise der Politik der ehemaligen Kolonialmächte gegenüber den Kolonien gibt auf der einen Seite einen Ansatzpunkt zur Rechtfertigung der Forderung nach Entwicklungshilfe; auf der anderen Seite hängt die sachliche Notwendigkeit zur Entwicklungshilfe entscheidend davon ab, welche Zukunftsinvestitionen von den Kolonialmächten getätigt oder vernachlässigt wurden.

 

 

03. Entwicklungsländer u. internationale Organisationen

 

Allgemein wird von Seiten der Entwicklungsländer der Vorwurf erhoben, sie seien im Rahmen der internationalen Organisationen unterrepräsentiert. Dies galt zunächst im Hinblick auf die Stimmenverteilung im IWF-System. Die Weltbank gewährte ihre Entwicklungskredite zunächst zum Wiederaufbau des zerstörten Europas, danach jedoch vorwiegend zur Finanzierung von Entwicklungsprojekten in den Entwicklungsländern.

 

In den 70 und 80er Jahren hat die Europäische Gemeinschaft mehrere Abkommen mit einem Teil der Entwicklungsländer abgeschlossen, in denen den Entwicklungsländern gewisse Zollpräferenzen eingeräumt wurden.

 

 

04. Die Entwicklung der Welthandelskonferenz

 

Die Welthandelskonferenz (United Nations Conference on Trade and Development, UNCTAD) wurde 1964 als Organ der UN-Vollversammlung gegründet. Später wurde sie in WTU (World Trade Union) umbenannt. Bereits 1947/48 hatte die UNO mit der Havanna-Charta eine Welthandelsordnung verabschiedet, in der die Grundsätze eines freien Handels und der Gleichberechtigung aller Nationen verankert waren. Da wichtige Länder wie z. B. die USA diese Charta nicht ratifizierten, trat sie nie in Kraft.

 

In der Folgezeit kam es allerdings auf Teilbereichen wie z. B. in den GATT-Verhandlungen (General Agreement on Trade and Tariffs) und im Internationalen Währungsfonds zu internationalen Vereinbarungen. Vor allem die Entwicklungsländer waren mit diesen Vereinbarungen unzufrieden, da sie in diesen Organisationen unterrepräsentiert wären und darüber hinaus die dort getroffenen Lösungen nicht geeignet seien, die Lage der Entwicklungsländer nachhaltig zu verbessern.

 

Die Ziele der UNCTAD bestehen in der Ausweitung des Welthandels und der allgemeinen internationalen Wirtschaftsbeziehungen, weiterhin in der Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung und vor allem in der vollen Integration der Entwicklungsländer in die Weltwirtschaft. Die Beschlüsse der UNCTAD haben für die Mitgliedsstaaten nur Empfehlungscharakter. Stimmberechtigte Mitglieder der UNCTAD können nur souveräne Staaten sein, wobei heute weit mehr als 150 Staaten der UNCTAD angehören. Internationale Organisationen können jedoch als Beobachter teilnehmen.

 

Die Mitgliedsstaaten hatten sich lange Zeit in vier Gruppen zusammengeschlossen, und zwar in die:

 

Gruppe A: afrikanische und asiatische Länder,

Gruppe B: entwickelte marktwirtschaftliche Länder, 

Gruppe C: lateinamerikanische Länder sowie

Gruppe D: sozialistische Länder;

 

die Entwicklungsländer der Gruppen A und C traten zumeist als Gruppe der 77 gemeinsam auf.

 

Die Welthandelskonferenz, die in der Regel alle 4 Jahre tagt, hat sich vor allem mit folgenden sechs Problembereichen befasst, die fast ausschließlich die Interessenlage der Entwicklungsländer betreffen:

 

1) Förderung stabiler Rohstoffpreise durch Schaffung eines gemeinsamen von den Abnehmerländern mitfinanzierten Rohstofffonds (Nairobi); das Interesse der Entwicklungsländer liegt hierbei darin, dass sie oftmals auf den Export weniger Rohstoffe angewiesen sind und dass die Rohstoffpreise besonders stark auf konjunkturelle Schwankungen der hochentwickelten Länder reagieren. Gleichzeitig soll der Fonds auch zur Verbesserung der Produktivität bei der Rohstoffgewinnung eingesetzt werden.

 

2) Stärkung der Exportmöglichkeiten der Entwicklungsländer bei Halbfabrikaten und Endprodukten durch ein nicht reziprokes Zollpräferenzsystem zugunsten dieser Länder (New Delhi). Dieses Prinzip weicht von der Meistbegünstigungsregel des GATT-Systems ab. Verständlich werden die Forderungen der Entwicklungsländer durch den Umstand, dass diese Länder vor allem landwirtschaftliche Güter exportieren, die bisher (vor allem von der EG) aus den allgemeinen GATT-Regelungen ausgenommen wurden. Zusätzlich wurde eine Entschließung verabschiedet (Nairobi), um marktbegrenzende und den Wettbewerb beschränkende Maßnahmen von Unternehmungen wie Staaten einzuschränken.

 

3) Verstärkter Zugang der Entwicklungsländer zum Seetransport, eine Forderung, welche für diese Länder von besonderer Bedeutung ist, da ihre Export- und Importgüter hauptsächlich durch Schiffe transportiert werden müssen.

 

4) Verstärkte Kapitalhilfe für die Entwicklungsländer durch Festlegung, dass die entwickelten Länder 0,7% ihres Inlandsproduktes für allgemeine Entwicklungshilfe und 0,15% für die LDC-Länder (Least Developed Countries) aufwenden sollen; weiterhin wurde gefordert, dass die teilweise hohe Verschuldung der Entwicklungsländer gestundet wird, sowie dass den ärmsten Ländern ein vollständiger Schuldenerlass gewährt wird.

 

5) Forderung nach Erhöhung der internationalen Liquidität durch Ausweitung der Sonderziehungsrechte im Rahmen des IWF-Systems, sowie verstärkte Mitspracherechte beim IWF (die Beteiligungsrechte waren ursprünglich nach Währungsbestand und Umfang des Außenhandels gestaffelt).

 

6) Verabschiedung eines Verhaltenskodex beim Technologietransfer, um diskriminierende Auflagen seitens der hochentwickelten Staaten zu begrenzen.

 

Da die Beschlüsse der UNCTAD die Staaten nicht binden, ist der Einfluss dieser Organisation nur gering. So ist z. B. die 0,7% Vereinbarung über die Kapitalhilfe nur von wenigen Ländern voll realisiert worden. Trotz allem hat die UNCTAD auf indirektem Wege einen gewissen Erfolg gebracht, so wurde z. B. das GATT-Abkommen durch ein Kapitel der Zollbegünstigungen zugunsten der Entwicklungsländer erweitert oder die Sonderziehungsrechte wurden im IWF ausgeweitet.

 

 

05. Die Theorien von Myrdal und Prebish

 

Gegen die traditionelle Außenhandelstheorie wurden vor allem folgende Einwände vorgetragen: Sie sei lediglich anwendbar auf die Beziehungen der hochentwickelten Volkswirtschaften untereinander, aber nicht auf die Beziehungen zwischen Volkswirtschaften, die auf einem unterschiedlichen Niveau stehen. Allerdings standen die heutigen hochentwickelten Volkswirtschaften im Zeitpunkt ihres Entstehens ebenfalls auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus; auch die traditionelle Theorie hatte sich mit dem Argument auseinanderzusetzen, dass Freihandel die Länder mit einer geringeren Entwicklung benachteilige.

 

Die traditionelle Theorie könne auch nicht befriedigend erklären, weshalb es schwergewichtig zu einem Handel zwischen den hochentwickelten Volkswirtschaften gekommen sei. Eigentlich müssten die Theorie der komparativen Kosten sowie das Heckscher-Ohlin-Theorem zu dem Ergebnis kommen, dass vor allem ein Außenhandel zwischen Volkswirtschaften mit unterschiedlichem Entwicklungsniveau stattfindet.

 

Entsprechend der Theorie der komparativen Kosten ist nämlich eine internationale Arbeitsteilung umso vorteilhafter, je größer die Unterschiede in den komparativen Kosten im Autarkiezustand sind. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Kostenunterschiede z. B. zwischen Agrarprodukten und Industrieprodukten in beiden Ländergruppen wesentlich höher sind als zwischen den hochentwickelten Volkswirtschaften.

 

Auch entsprechend dem Heckscher-Ohlin-Theorem ist davon auszugehen, dass die Unterschiede in der Faktorausstattung vor allem zwischen den beiden Ländergruppen bestehen, sodass aus dieser Sicht her eigentlich vorwiegend ein  Außenhandel zwischen Entwicklungsländern und hochentwickelten Volkswirtschaften entstehen müsste.

 

Allerdings besagen die klassischen Theorien auch, dass nicht nur unterschiedliche Technologien und Faktorausstattungen Kostenunterschiede begründen, sondern auch Unterschiede in der Bedarfsstruktur. Zumindest ein Großteil des Außenhandels zwischen den hochentwickelten Volkswirtschaften lässt sich auf unterschiedlichen Bedarf, der sich vor allem an Qualitätsunterschieden ausrichtet, zurückführen.

 

Darüber hinaus dürften politische Begrenzungen  (Kontingentierungen und Zölle), weiterhin ein politisch bedingtes Risiko (Enteignungsgefahr) und schließlich der Umstand, dass die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer oftmals nicht marktwirtschaftlich organisiert sind, erklären helfen, weshalb die durch die Theorie vorhergesagte Richtung des Außenhandels nicht bestätigt wurde.

 

Schließlich hat auch die Integrationstheorie von Viner Argumente dafür geliefert, dass Freihandel zwischen komplementären Volkswirtschaften zu handelsablenkenden, also zu wohlfahrtsmindernden Effekten führen können, allerdings nur sofern der Abbau von Behinderungen des Güterverkehrs regional begrenzt ist.

 

Karl Gunnar Myrdal wirft der traditionellen Theorie vor allem vor, dass sie lediglich die Prozesse des Feedbacks betont, während in der Realität auch Kumulationsprozesse wirksam seien und im Verhältnis der beiden Ländergruppen sogar überwiegen. Es bestehe eine Tendenz, dass sich die in der Vergangenheit gebildeten wirtschaftlichen Zentren verstärken, wobei die Wanderung der Faktoren diesen kumulativen Prozess auslöse.

 

Die wirtschaftlichen Zentren ziehen aus den Randzonen nur qualitativ gute Kräfte an, was bewirkt, dass die Randzonen ausgedünnt werden und nur noch über weniger qualifizierte Arbeitskräfte verfügen. Gleichzeitig werde dieser Kumulationsprozess durch die Kapitalwanderungen verstärkt. Auf der einen Seite ermögliche das hohe Pro-Kopf-Einkommen in den Zentren eine höhere Ersparnis; damit sei eine weitere Voraussetzung für einen Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen und somit für eine weitere Differenzierung gegeben. Auf der anderen Seite sei aber auch die Investitionsbereitschaft in den wirtschaftlichen Zentren größer, da hier auch große Absatzmöglichkeiten bestehen.

 

Raul Prebish ergänzte diese Argumentation durch folgende Beweisführung: In den Zentren überwiege bei Rationalisierungsinvestitionen die Kompensation, da die Nachfrage groß genug sei, um die freigesetzten Arbeitskräfte wiederum einzugliedern; während in der Peripherie die Freisetzung überwiege, da der Absatz mangels Nachfrage nicht so stark ausgeweitet werden kann, dass die freigesetzten Arbeitskräfte wiederum eingegliedert werden.

 

Schließlich übernimmt Myrdal das von List entwickelte Argument, dass in der ersten Entwicklungsstufe die Entwicklungsländer aufgrund hoher Entwicklungskosten bei Freihandel benachteiligt sind.

 

Diese Argumente wurden von neoklassischen Theoretikern (Haberler u.a.) kritisiert. Sie erinnern an die These der klassischen Theorie, wonach in den weniger entwickelten Volkswirtschaften höhere Grenzerträge entstehen (Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag)  und dass Güter auch in die Randzonen ausgeführt werden könnten.  Standorte, die vorwiegend von der Absatzseite her bestimmt werden, seien relativ selten und könnten nur damit erklärt werden, dass die Transportkosten überwiegen. Wir haben bereits in anderen Artikeln gesehen, dass das List‘sche Argument (der Bevorzugung der weiterentwickelten Nationen) nur überzeugt, wenn externe Effekte vorliegen.

 

Nach Meinung von Prebish habe der Freihandel zu einer systematischen Benachteiligung geführt. Ausgangspunkt seiner Thesen ist die empirische Feststellung, dass sich die terms of trade in der Zeit von 1876 bis 1938 zu Lasten der Entwicklungsländer verschlechtert haben. Vier Ursachen werden hierfür benannt:

 

Ursache Nr.1: Die unterschiedliche Art der Verteilung von Wachstum. Im Zentrum sorgen Gewerkschaften dafür, dass Produktivitätssteigerungen in Form von Lohnsteigerungen und nicht in Form von Preissenkungen weitergegeben werden. Dies bedeutet, dass die Produktivitätsgewinne im Zentrum bleiben und nicht an die Käufer aus der Peripherie in Form von Preissenkungen weitergegeben werden.

 

Für die in der Peripherie erzeugten Rohstoffe gelte umgekehrt, dass Produktivitätsgewinne vorwiegend in Preissenkungen weitergegeben werden und damit an die Käufer aus den Zentren.

 

Ursache Nr. 2: Die Preise für Urprodukte der Peripherien sinken in Zeiten der Rezession stärker als sie in Zeiten des Aufschwunges steigen. Der wichtigste Grund hierfür ist wiederum der Umstand, dass sich Rezessionen im Zentrum vorwiegend in einem Mengenrückgang und damit in einer Verminderung der Nachfrage nach Primärprodukten auswirkten.

 

Ursache Nr. 3: Die Einkommenselastizität für Primärprodukte sei kleiner als eins, für Industrieprodukte hingegen größer als eins, also steige die Nachfrage nach Primärprodukten immer geringer, was sich in einer relativen Preissenkung auswirken müsse.

 

Ursache Nr. 4: Das Zentrum der Wirtschaftsmacht habe sich in den 20er Jahren von Großbritannien nach USA verschoben. Die USA seien jedoch weitgehend autark, sodass die Nachfrage der USA nach Produkten der Entwicklungsländer relativ gering sei.

 

In ihrer Kritik an diesen Thesen weisen Jacob Viner, Gottfried von Haberler u. a. darauf hin, dass die von Prebish vorgelegten Statistiken ein falsches Bild entwerfen, da Importpreise im allgemeinen in cif-Werten (cost, insurance, freight) berechnet werden; bei der cif-Berechnung sind die Transportkosten enthalten, diese gingen jedoch in der Regel auf Rechnung der hochentwickelten Volkswirtschaften und verminderten sich in diesem Zeitraum sehr stark, sodass der tatsächliche Rückgang in den – den Entwicklungsländern zufließenden –Rohstoffpreisen wesentlich geringer ausfiel.

 

Die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft hänge darüber hinaus nicht nur von der Entwicklung der terms of trade, sondern auch vom Außenhandelsvolumen ab. Auch könne der Außenhandelsgewinn einer Volkswirtschaft immer auf zweierlei Weise verwendet werden: Zur Erhöhung der Pro-Kopf-Einkommen oder zur Zunahme der Bevölkerung. Die Entwicklungsländer wären bisher vorwiegend  den zweiten Weg gegangen.

 

Zweifel werden auch geäußert an der These der geringen Einkommenselastizität; die These von der geringen Einkommenselastizität gelte nicht für Rohstoffe, sondern nur für Nahrungsmittel; diese würden jedoch vorwiegend innerhalb der entwickelten Länder gehandelt.

 

Weiterhin sei zu berücksichtigen, dass höhere Arbeitskosten in den hochentwickelten Volkswirtschaften normaler Weise in Wechselkursänderungen weitergegeben würden, sie könnten also auch gar nicht die terms of trade nachhaltig beeinflussen.

 

Die geringe Importquote der USA sei schließlich eine Folge des Protektionismus und nicht des Freihandels.

 

 

06. Arten der Entwicklungshilfe

 

Zu den wichtigsten Arten der Entwicklungshilfe zählen:

 

Naturalhilfe (Gewährung von Nahrungsmitteln, Medikamenten)

Kapitalhilfe (Gewährung von Krediten, Sonderziehungsrechten)

technische und organisatorische Hilfe (Entsendung von Fachkräften, Ausbildungshilfen, freier Technologietransfer)

Zollpräferenzen zugunsten der Entwicklungsländer

Preisstützungsmaßnahmen durch Bildung von Fonds etc.

 

 

07. Zielsetzungen

 

Die ehemaligen Kolonialmächte sahen sich aufgrund der übernommenen Verantwortung und als Wiedergutmachung für frühere Ausbeutung zur Entwicklungshilfe verpflichtet. Bisweilen wird das Ziel der Entwicklungshilfe auch aus dem allgemeinen Ziel der Nivellierung von Einkommen abgeleitet, angewandt auf internationale Beziehungen. Auch geht es um Verhinderung von sozialen Revolutionen und einer dadurch erzwungenen zwangsweisen Umverteilung.

 

Entwicklungshilfe kann darüber hinaus den hochentwickelten Staaten auch eigene Vorteile aus hohem Entwicklungsstand der heutigen Entwicklungsländer bringen. So können z. B. die Möglichkeiten des Kapitaleinsatzes in den entwickelten Volkswirtschaften aufgrund des Gesetzes vom abnehmenden Grenzertrag des Kapitals zurückgehen, in den Entwicklungsländern dürften hingegen gerade deshalb, weil diese Staaten noch auf einer geringen wirtschaftlichen Entwicklungsstufe stehen, die Grenzerträge des Kapitals relativ hoch sein.

 

Kommt es in den Entwicklungsländern zu einem Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens, so ergeben sich für die hochentwickelten Staaten neue Absatzmöglichkeiten und damit auch  Möglichkeiten, die an und für sich effizienteren Methoden der Massenproduktion einzusetzen. Der Kritik, dass mit dem Entwicklungsstand der Entwicklungsländer auch die Konkurrenz im eigenen Land und auf den Weltmärkten zunehme, wird dadurch begegnet, dass sich gerade auch Außenhandel zwischen hochentwickelten Volkswirtschaften lohne und dass stärkerer Wettbewerb auch zu stärkerem Produktivitätswachstum führe.

 

 

08. Problematik der Maßnahmen

 

Beim Einsatz dieser Maßnahmen ergeben sich unterschiedliche Probleme. Beginnen wir zunächst mit der Problematik einer Naturalhilfe. Als Katastrophenhilfe ist sie unbestritten, es gibt wohl auch keine andere Möglichkeit, bei Ausbruch von Katastrophen, Hungersnot aufgrund von Dürre oder kriegerischen Auseinandersetzungen der betroffenen Bevölkerung rasch und gezielt zu helfen, jede andere Form von Hilfe käme zu spät.

 

Ansonsten ist jedoch eine Naturalhilfe aus mehreren Gründen heraus ungeeignet und unerwünscht. Sie widerspricht dem Selbstverständnis der Entwicklungsländer, die nicht Geschenkempfänger bleiben wollen. Weiterhin haben wir davon auszugehen, dass eine langfristige Entwicklung dieser Staaten nur durch Industrialisierung erreichbar ist, hierzu bedarf es aber zahlreicher Kapitalhilfen von Seiten der hochentwickelten Länder.

 

Es besteht sogar die Gefahr, dass sich in der Bevölkerung bei einer Beschränkung auf Naturalhilfe ein Verhalten einstellt, das kontraproduktiv ist, eine Abkehr vom erwerbswirtschaftlichen Verhalten fördert und damit sogar den Industrialisierungsprozess aufhält.

 

Befassen wir uns nun mit der Problematik der Kapitalhilfe. Hier liegt sicherlich ein geeigneter Ansatzpunkt zur langfristigen Entwicklung, da nur auf diese Weise ein verheerender Teufelskreis durchbrochen werden kann, dass nämlich das Verharren auf extrem niedrigem Pro-Kopf-Einkommen auch eine extrem geringe eigene Ersparnis nach sich zieht und dass sich hieraus hinwiederum ein geringes Pro-Kopf-Einkommen auch in der Zukunft ergibt.

 

Durch Kapitalhilfen seitens der hochentwickelten Staaten wird eine Vergrößerung des Pro-Kopf-Einkommens möglich, damit wird jedoch zugleich die Voraussetzung für zukünftige eigene Sparfähigkeit geschaffen.

 

Allerdings ergibt sich auch im Zusammenhang mit Kapitalhilfen eine Reihe von Problemen. Die Kapitalhilfe kann nur dann diese positiven Effekte auslösen, wenn auch ein realer Transfer stattfindet; die Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass die begünstigten Entwicklungsländer auf protektionistische Maßnahmen verzichten. Ein realer Kapitaltransfer setzt nämlich voraus, dass das Land, welches das Kapital erhalten soll, während der Zeit der Kapitalhilfe eine passive Leistungsbilanz aufweist. Versucht der Staat nun durch Einführung protektionistischer Zölle die Passivierung der eigenen Leistungsbilanz zu verhindern, trägt er auch dazu bei, dass kein realer Transfer der Kapitalhilfe erfolgt. Auf diese Zusammenhänge hatte bereits John Maynard Keynes im Zusammenhang mit der Reparationsverpflichtung Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg hingewiesen; diese Zusammenhänge gelten jedoch bei jeder Form des unentgeltlichen Kapitaltransfers.

 

Weiterhin muss darauf hingewiesen werden, dass ein privater Kapitalverkehr nur zu erwarten ist, wenn das politische Risiko in den Entwicklungsländern gering ist. Der Grenzertrag des Kapitals ist zwar im allgemeinen in wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern höher als in den hochentwickelten Staaten; dieser positive Anreiz zu Kapitalhilfe wird jedoch verbaut, wenn die Gefahr besteht, dass das Kapital später enteignet wird. Diese Gefahr besteht vor allem im Zusammenhang mit sozialistischen Revolutionen. Die Regierung eines Entwicklungslandes kann noch so sehr versprechen, dass das fremde Kapital nicht angetastet wird und dass keine Enteignung geplant ist, dieses Versprechen ist ohne Bedeutung, wenn die Kapitalgeber befürchten müssen, dass es in naher Zukunft zu einer sozialistischen Revolution kommt, bei der alles fremde Kapital enteignet wird.

 

Gerade aus diesen Gründen sind die Regierungen in den Entwicklungsländern oftmals auch gar nicht in der Lage, diese Zusagen (fremdes Kapital nicht zu enteignen) zu machen. Zwar kann natürlich die Gefahr einer sozialistischen Revolution dadurch vermindert werden, dass die eigene Regierung des Entwicklungslandes bemüht ist, das Land wirtschaftlich weiter zuentwickeln, das Inlandsprodukt gerecht auf alle Bevölkerungsgruppen aufzuteilen und eine Korruption zu bekämpfen. Eine Revolution kann jedoch auch aus Nachbarländern ausgelöst werden. Eine Sicherheit für die Kapitalgeber kann deshalb nur von den hochentwickelten Ländern in Form von Bürgschaften gewährt werden.

 

Eine letzte Gefahr besteht darin, dass Kapitalhilfe gar nicht für investive Zwecke verwandt wird, dass sie vielmehr konsumtiv angelegt wird, z. B. dadurch, dass sich die diktatorischen Herrscher oder auch korrupte Beamte mit der Kapitalhilfe Prunkvillen und Luxusautos zulegen.

 

Als nächstes soll die Problematik der organisatorischen und technischen Hilfe besprochen werden. Beide Probleme sollten zusammen behandelt werden, da ein Technologietransfer zumeist zusammen mit der Entsendung von Arbeitskräften und der Ausbildung einheimischer Fachkräfte erfolgt. Die Übernahme moderner Technik scheitert sonst daran, dass das Entwicklungsland in der Regel noch nicht über qualifizierte Facharbeitskräfte verfügt, um die importierten Maschinen und Produktionsanlagen sachgerecht zu bedienen. Eine Entsendung von Fachkräften aus den hochentwickelten Staaten ermöglicht so die unmittelbare Umsetzung der Technologie, während die dann zu erfolgende Ausbildung einheimischer Arbeitskräfte den späteren Einsatz unter eigener Regie der Entwicklungsländer möglich macht.

 

Zur Diskussion steht nun die Frage, ob der neueste Stand der Technik transferiert werden soll oder ob mit den in den hochentwickelten Ländern veralteten Techniken begonnen werden soll, mit denen auch in früheren Zeiten die Entwicklung der heute hochindustrialisierten Staaten begonnen wurde. Es besteht die Gefahr, dass die kulturelle Veränderung in den Entwicklungsländern mit dem technischen Wandel nicht mitkommt und dass deshalb hohe Reibungsverluste im kulturellen Bereich entstehen. Die Technologieentwicklung in den hochentwickelten Ländern erfolgt zumeist als Reaktion aufgrund von Verknappungserscheinungen bei den Arbeitskräften. Die heutigen Entwicklungsländer unterscheiden sich aber gerade in der Ausstattung mit Faktoren: Sie verfügen noch über wenig Kapital und viel Arbeitskräfte. Dieser Unterschied bedingt auch andere Technologien.

 

Ein  besonderes Problem entsteht im Zusammenhang  mit der Übernahme des medizinischen Standards; eine zu abrupte Übernahme könnte das Gleichgewicht zwischen Bevölkerungswachstum und Güterwachstum stören. Nur dann, wenn die Bevölkerung nicht stärker steigt als die Produktivität, kann ein Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens erzielt werden.

 

Als weitere Maßnahme der Entwicklungshilfe benannten wir oben Maßnahmen der Preisstützung. Drei Möglichkeiten der Preisstützung wurden in der Vergangenheit praktiziert: Als erste Möglichkeit können Kartelle der Rohstoffanbieter (vor allem bei Rohöl) gebildet werden. Diese scheiterten jedoch zumeist daran, dass einzelne Anbieter strategische Ziele verfolgten. Weiterhin besteht die Möglichkeit, die Abnehmerländer zu verpflichten, bestimmte Quoten abzunehmen. Eine solche Regelung ist jedoch kaum bei generellen Konjunkturrückgängen durchsetzbar. Auch wohlfahrtspolitisch wäre eine solche Regelung unerwünscht, da eigentlich die Verbraucher darüber befinden sollten, wie hoch ihr Verbrauch ist.

 

Schließlich könnte eine Preisstützung auch dadurch erfolgen, dass Rohstoff-Fonds gebildet werden, die auf den Rohstoffmärkten zur Preisstützung intervenieren. Die Problematik solcher Fonds ist ähnlich der Interventionspraxis auf dem europäischen Agrarmarkt. Langfristig bestimmt der Entwicklungsstand der hochentwickelten Länder den Bedarf an Rohstoffen. Bei permanenter Preisstützung besteht die Gefahr, dass die Lagerbestände immer größer werden, dass  dann – wegen finanzieller Schwierigkeiten – auf administrativem Wege Angebotskontingentierungen durchgeführt werden, die wiederum starke Benachteiligungen einzelner Länder mit sich bringen und die Entwicklung der Entwicklungsländer behindern. Entsprechend den Vorschlägen von Kaldor und Hicks wären Transferzahlungen an die Entwicklungsländer wohlfahrtspolitisch wahrscheinlich effizienter.

 

 

09. Debt for Nature

 

Als letzte Maßnahme soll eine Praxis etwas ausführlicher diskutiert werden, welche in den letzen Jahren wiederholt angewandt wurde: der Vorschlag von ‚Debt for Nature’.

 

Viele Entwicklungsländer sind hochverschuldet und kaum in der Lage, ihre Schulden rechtzeitig zurückzuzahlen. Sie sind daran interessiert, dass ihre Schulden zumindest teilweise erlassen werden. Die Rodungen der Regenwälder in einem Teil der Entwicklungsländer tragen zur Erwärmung der Erde und zu einer Vergrößerung des Ozonloches bei. Beide wirken sich negativ auf die Wohlfahrt in den Industrienationen aus. Eine Reduzierung der Rodungen könnte die Wohlfahrtslage der Industrienationen verbessern.

 

Aus diesen Erkenntnissen heraus wurde ein Tauschgeschäft zwischen den Industrienationen auf der einen und den Entwicklungsländern auf der anderen Seite vorgeschlagen: Debt for Nature. Die Industrienationen sollten den Entwicklungsländern einen teilweisen oder gesamten Erlass ihrer Schulden vorschlagen, wenn diese ihrerseits zu einer Verminderung der Rodungen bereit wären.

  

Die Interessenlage der Industrienationen kann durch die blaue Tauschkurve (im unteren Diagramm) dargestellt werden. Der Verzicht auf Zurückzahlung eines Teils der Schulden bringt den Industrienationen einen Wohlfahrtsverlust. Andererseits würde sich bei einem teilweisen Verzicht auf die Rodung der Regenwälder die Umweltqualität auch in den Industrienationen verbessern und damit Wohlfahrtsgewinne auslösen.

  

Es ist klar, dass die Industrienationen nur solange zu einem solchen Tauschgeschäft bereit sind, als die Wohlfahrtsgewinne aufgrund der verbesserten Umweltqualität zumindest die Wohlfahrtsverluste ausgleichen, die aufgrund des teilweisen Verzichts auf Zurückzahlung der Schulden eintreten. Je größer nun der Umfang des Verzichts auf Rodungen ist, umso größer kann auch der teilweise Verzicht auf Schuldenrückzahlung werden, ohne dass sich die Wohlfahrtssituation der Industrienationen verschlechtert.

 

Trägt man in einem Diagramm auf der Ordinate den Verzicht auf Entschuldung, auf der Abszisse hingegen den Verzicht auf Rodung ab, so erhält man eine Tauschkurve der Industrienationen, welche die Abhängigkeit von Entschuldungsbereitschaft und Bereitschaft zum Verzicht auf Rodung wiedergibt. Diese Kurve ist positiv geneigt, d. h., einer größeren Bereitschaft zum Verzicht auf Rodung entspricht auch eine größere Bereitschaft, auf Schuldenrückzahlung zu verzichten.

 

 

 

 

Die Interessenlage der Entwicklungsländer kann durch die grüne Tauschkurve dargestellt werden. Der teilweise Verzicht auf Rodung der Regenwälder bringt den Entwicklungsländern einen Wohlfahrtsverlust. Andererseits würde sich bei einem teilweisen Verzicht auf Zurückzahlung der Schulden seitens der Industrienationen die Wohlfahrt der Entwicklungsländer erhöhen.

 

Es ist klar, dass die Entwicklungsländer nur solange zu einem solchen Tauschgeschäft bereit sind, als die Wohlfahrtsgewinne aufgrund des Verzichtes auf Zurückzahlung der Schulden zumindest die Wohlfahrtsverluste ausgleichen, die aufgrund des teilweisen Verzichts auf Rodung der Regenwälder eintreten. Je größer nun der Schuldenerlass ist, um so größer kann auch der teilweise Verzicht auf Rodung der Regenwälder werden, ohne dass sich die Wohlfahrtssituation der Entwicklungsländer verschlechtert.

 

 Man kann nun in das bereits erwähnte Diagramm eine Tauschkurve der Entwicklungsländer eintragen, welche die Abhängigkeit von Verzicht auf Rodung und Entschuldungsbereitschaft der Industrienationen wiedergibt. Auch diese Kurve ist positiv geneigt, d. h., einer größeren Bereitschaft zum Schuldenerlass entspricht auch eine größere Bereitschaft, auf Rodungen der Regenwälder teilweise zu verzichten.

 

Allerdings spricht vieles dafür, dass die Steigung der Tauschkurve der Entwicklungsländer steiler verläuft als die der Industrienationen. Je ärmer ein Land ist, umso größer ist der Wohlfahrtsverlust aufgrund eines Verzichtes auf Rodung, sodass der Schuldenerlass sehr hoch ausfallen muss, um die Wohlfahrtsverluste aufgrund des Rodungsverzichtes zu kompensieren.

 

Der Schnittpunkt beider Tauschkurven zeigt den Kompromiss an, auf den sich beide Nationen verständigen können, ohne Wohlfahrtsverluste hinnehmen zu müssen. Eine Verhandlung zwischen beiden Ländergruppen könnte also bei einem Schuldenerlass von (SCH) und einem Rodungsverzicht von (U) zustande kommen.

  

Die Lage der Tauschkurve der Industrienationen wird nun entscheidend durch das Verhalten der Industrienationen bestimmt. Da das Tauschgeschäft auf freiwilliger Basis beruht, kommt es darauf an, wie viel Industrienationen bereit sind, an diesem Tauschgeschäft teilzunehmen. Die Wohlfahrtsgewinne aufgrund der Verbesserung der Umweltqualität kommen allen Industrienationen zugute, unabhängig davon, ob sich eine Industrienation an diesem Abkommen beteiligt oder nicht und deshalb aufgrund eines Schuldenerlasses Wohlfahrtsverluste in Kauf nimmt.

  

Auf Seiten der Industrienationen besteht somit die Gefahr, dass sich einzelne Nationen als Trittbrettfahrer verhalten, also die Wohlfahrtsgewinne in Anspruch nehmen, ohne sich an den Kosten dieses Abkommens zu beteiligen. Je mehr Nationen sich als Trittbrettfahrer verhalten, umso geringer ist der Schuldenerlass, der bei einem bestimmten Umfang an Rodungsverzicht angeboten wird.

 

Dies bedeutet, dass sich die Tauschkurve der Industrienationen nach rechts-unten bewegt, je größer das Trittbrettfahrerverhalten ist. Die mögliche Kompromisslösung, der Schnittpunkt beider Tauschkurven bewegt sich zum Ursprung hin, weniger Verbesserung der Umweltqualität und weniger Schuldenerlass sind die Folge.

  

Auch die Lage der Tauschkurve der Entwicklungsländer hängt vom Verhalten der Entwicklungsländer ab. Es besteht nämlich die Gefahr, dass sie - wie im Vertrag vereinbart - auf Rodungsvorhaben verzichten, gleichzeitig jedoch an anderen Stellen vermehrt Rodungen durchführen oder andere Umwelt schädigende Aktivitäten entfalten.

  

Die Vertragspartner können im Grunde nur die im Vertrag angegebenen Rodungsflächen überprüfen. In diesem Falle werden für einen bestimmten Umfang an Schuldenerlass weniger Verbesserungen der Umweltqualität angeboten. Damit verschiebt sich jedoch die Tauschkurve der Entwicklungsländer nach links oben.

 

 

 

Beschreibung: Beschreibung: umw2

 

  

Der Schnittpunkt beider Kurven, die mögliche Kompromisslösung wird wiederum in Richtung weniger Schuldenerlass und weniger Qualitätsverbesserung der Umwelt verschoben. Da das Verhalten vertragswidrig ist, spricht man von Moral-Hazard-Verhalten.