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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

 

 

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Die Arche Noah

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Verkauf des Erstgeburtsrechts an Jakob

  9. Josef und seine Brüder

10. David gegen Goliath

11. David und die Frau des Hethiters

12. Esthers Rettung der Juden

13. Josef in Ägypten

14. Moses vor dem Pharao

15.  Hiobs Leid und Gottvertra

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

Kapitel 22: Jesus und die Ehebrecherin

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. Interpretation

4. Ehebruch im Mosaischen Gesetz

5. Die Propheten und der Ehebruch

5. Jesus und das Mosaische Gesetz im Allgemeinen

6. Jesus Haltung zum Ehebruch im Allgemeinen

 

 

 

1. Das Problem

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel der Erzählung aus dem Neuen Testament zuwenden, in welcher die Schriftgelehrten und die Pharisäer Jesus eine Frau herbeiführten, welche beim Ehebruch auf frischer Tat erwischt wurde. Nun musste jeder, der beim Ehebruch erwischt wurde, nach dem mosaischen Gesetz gesteinigt werden.

 

Diese Erzählung wurde vermutlich erst sehr viel später eingefügt und fehlt in den ältesten Quellen für das Johannes-Evangelium.

 

Die Pharisäer gingen nun von der Überzeugung aus, Jesus würde einer Ehebrecherin ihre Sünden verzeihen und sie nicht verurteilen, sofern sie nur ihre Tat bereute.

 

Sie wollten nämlich Jesus in eine Falle locken, indem sie scheinheilig frugen, was denn nun mit dieser überführten Ehebrecherin geschehen solle. Diese Falle bestand darin, dass eigentlich jede denkbare Antwort Jesus überführt hätte. Würde er nämlich der Frau verzeihen und sie nicht zum Tode verurteilen, würde er sich offensichtlich gegen das mosaische Gesetz stellen, das klipp und klar festlegt, dass jeder, der beim Ehebruch ertappt wird, gesteinigt werden sollte.

 

Würde er jedoch diesem Gesetz folgen und wie das mosaische Gesetz verlangt, eine sofortige Steinigung dieser Frau befürworten, würde er gegen römisches Gesetz verstoßen, das ausdrücklich die Verhängung und Vollstreckung von Todesurteilen der römischen Besatzungsmacht vorbehalten hatte.

 

Auch müsste Jesus – so hofften offensichtlich die Schriftgelehrten – in Widerspruch zu seinen eigenen Lehren geraten, dass Gott sündigen Menschen vergebe, sofern sie nur Reue zeigen und zur Umkehr bereit sind und dass deshalb auch die Menschen dem reuigen Sünder verzeihen müssten und sie vor einer Todesstrafe eigentlich bewahren müssten, da ja nur derjenige, der weiter leben darf, überhaupt seine Umkehr unter Beweis stellen kann.

 

Auch schien in dem Urteil der Pharisäer Jesu Haltung widersprüchlich, da er auf der einen Seite klar gestellt hatte, dass er das mosaische Gesetz keinesfalls aufheben und durch ein neues Gesetz ersetzen wolle, jeder Buchstabe des Gesetzes müsse erfüllt werden und gelte bis zum Ende der Tage, da er aber auf der anderen Seite seinen eigenen Lehren entsprechend eigentlich der Sünderin verzeihen müsste, falls diese ihre Sünden bereue.

 

Diese Erzählung will uns zeigen, wie Jesus es dennoch fertig gebracht hatte, dass am Ende dieses Diskurses zwischen Jesus und den Schriftgelehrten, nicht er, sondern ganz im Gegenteil die anklagenden Pharisäer diesen Disput verloren hatten und einer nach dem andern kleinlaut den Platz heimlich verlassen hatte.

 

 

2. Der Text

 

Wenden wir uns wiederum zunächst dem Text der Erzählung zu. Von diesem Diskurs erzählt uns nur das Johannesevangelium. Dort heißt es in Kapitel 7 bis 8:

 

53 ‚Dann gingen alle nach Hause.

1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.

 

3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

 

6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

 

9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘ 

 

 

3. Interpretation

 

Folgen wir den einzelnen Schritten dieser Erzählung.

 

Die Erzählung beginnt damit, dass einzelne Schriftgelehrte offensichtlich eine Frau beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt hatten.

 

Es folgt der Hinweis, dass in diesen Fällen das mosaische Gesetz eine sofortige Steinigung dieser Frau verlangt und zwar anscheinend ohne eines vorausgehenden Gerichtsverfahrens, in dem die näheren Umstände dieses Vergehens geklärt werden sollen, um dann je nach Schwere dieses Verbrechens das Urteil zu fällen. 

 

Scheinheilig fragen die Pharisäer Jesus, was denn nun mit dieser Frau geschehen solle. Das Gesetz verlange doch eindeutig die Steinigung dieser Frau.

 

Es folgt nun der Hinweis des Evangelisten, dass die Schriftgelehrten mit dieser Frage Jesus eine Falle stellen wollten, da sie nach einem Grund suchten, Jesus anzuklagen.

 

Jesus wartet mit seiner Antwort zunächst einmal ab. Statt dessen bückt er sich und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Wir wissen nicht, was er auf die Erde schrieb, vielleicht waren es die Namen einiger Anwesender, welche ebenfalls im Verborgenen gegen das sechste Gebot verstoßen hatten oder vielleicht deutete er nur mit seinen Zeichen gewisse Umstände an, welche bei den Verfehlungen der Anwesenden aufgetreten waren. De facto bewirkten diese Zeichnungen, dass sich immer mehr Anwesende als ertappt ansahen und deshalb still und leise das Weite suchten.

 

Wir erfahren weiterhin, dass die Schriftgelehrten nicht locker ließen und auf eine Antwort drängten. Auch hier bleibt uns der Evangelist schuldig, durch welche zusätzlichen Fragen oder Vorhaltungen die Pharisäer Jesus in die Enge zu treiben versuchten.

 

Schließlich antwortet Jesus, indem er ganz bewusst den Fehdehandschuh den anklagenden Schriftgelehrten zurückwarf und darauf aufmerksam machte, dass das mosaische Gesetz auch verlange, dass nur derjenige sich an einer Steinigung einer Ehebrecherin beteiligen dürfe, der ohne Sünde sei. Er folgt also scheinbar dem Wortlaut des mosaischen Gesetzes und erweckt den Eindruck, dass er eigentlich einer Steinigung der überführten Ehebrecherin zustimme.

 

Er erinnert aber die Schriftgelehrten auch daran, dass sich eigentlich – nach dem mosaischen Gesetz – nur derjenige an einer Steinigung beteiligen darf, der selbst nicht das gleiche Verbrechen begangen hat. Und da Jesus offensichtlich weiß, dass alle diese Ältesten ebenfalls gegen das sechste Gebot verstoßen haben, verstößt er auch nicht gegen das römische Recht, die Schriftgelehrten müssen selbst entscheiden, ob sie zu einer Steinigung der Ehebrecherin berechtigt sind: ‚wer ohne Schuld sei, werfe als Erster einen Stein auf sie.‘

 

Und als dann schließlich alle Anklagenden den Platz verlassen hatten und Jesus allein mit der Ehebrecherin übrig blieb, fragte er sie, wo denn die geblieben seien, welche sie angeklagt hatten, denn offensichtlich blieb niemand mehr übrig, der sie verurteilte und zu einer Beteiligung an der Steinigung bereit war.

 

Jesus sagt dann zu ihr: ‚Auch ich verurteile dich nicht‘, wobei offensichtlich Jesus aus einem ganz anderen Grunde keine Verurteilung aussprach. Während wir für die Schriftgelehrten unterstellen können, dass sie sich zurückzogen, weil sie selbst in ihrem Leben wiederholt gegen das sechste Gebot verstoßen haben, geht es Jesus darum, den Grundsatz sicher zu stellen, dass ein Sünder die Möglichkeit erhalten muss, seine Tat zu bereuen und umzukehren. Diese Möglichkeit wird sicherlich einer Ehebrecherin verbaut, wenn sie unmittelbar nach ihrer Tat gesteinigt wird.

 

Allerdings verharmlost Jesus auch nicht den Ehebruch. Er sagt ja keineswegs, dass es keine Sünde gewesen sei, dass die Frau Ehebruch begangen hatte. Indem er die Frau auffordert, nicht mehr zu sündigen, stellt er eindeutig fest, dass auch für ihn der Ehebruch eine schwere Sünde darstellt. Was aber nach dem Verständnis Jesu sehr viel wichtiger als die Sühne für die vergangenen Verbrechen ist, bezieht sich auf die christliche Forderung, die Sünden zu bereuen und durch eine Umkehr den bisherigen sündhaften Taten nun in Zukunft Akte einer tatkräftigen Nächstenliebe entgegenzusetzen.

 

 

4. Ehebruch im Mosaischen Gesetz

 

Wir wollen nun im Folgenden diese Überlegungen vertiefen. Wie gezeigt, ging es in diesem Disput zwischen Jesus und einigen Pharisäern vor allem um die Frage, ob die Bestimmung der Thora, dass Frauen, welche auf frischer Tat bei einem Ehebruch ertappt werden, gesteinigt werden sollen. Fragen wir uns deshalb als erstes, wie denn die Thora tatsächlich den Ehebruch bewertet und welche Strafen dieses Gesetzbuch vorsieht.

 

Im zweiten Buch Moses, dem Levitikus wird in Kapitel 20 über den Ehebruch festgelegt:

 

10  ‚Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, wird mit dem Tod bestraft, der Ehebrecher samt der Ehebrecherin.‘

 

Und zu Unzuchtverbrechen wird in diesem Kapitel hinzugefügt:

 

11  ‚Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.

12  Schläft einer mit seiner Schwiegertochter, so werden beide mit dem Tod bestraft. Sie haben eine schändliche Tat begangen, ihr Blut soll auf sie kommen.

13  Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.

14  Heiratet einer eine Frau und ihre Mutter, so ist das Blutschande. Ihn und die beiden Frauen soll man verbrennen, damit es keine Blutschande unter euch gibt.‘

 

Wir wollen festhalten, dass im Levitikus zwar bei Vergehen gegen das sechste Gebot die Todesstrafe gefordert wird, dass aber hier noch nicht von Steinigung, also von einer besonders grausamen Todesart gesprochen wird. Gleichzeitig gilt es festzuhalten, dass im Levitikus stets die Todesstrafe für alle am Ehebruch beteiligten Personen, also für Mann und Frau gefordert wird und dass nicht etwa nur die Ehebrecherin gesteinigt werden müsse. Auch enthalten diese Passagen keinen Hinweis darauf, dass Ehebruch dann, wenn die Ehebrecher auf frischer Tat ertappt werden, sofort, das heißt ohne vorheriges Gerichtsverfahren, in dem die Schwere der Schuld und dementsprechend der Umfang der Strafe für den Einzelfall festzulegen ist, zur Steinigung der Ehebrecherin berechtigt und dass diese Strafe dann auch von allen Laien ausgeführt werden darf.

 

Nun findet sich bekanntlich das mosaische Gesetz und vor allem die Bestimmungen über die Bestrafung bei Vergehen gegen das sechste Gebot nicht nur im Levitikus, sondern ein zweites Mal auch im Deuteronomium. Dieses fünfte Buch Moses berichtet über die letzten Lebenstage Moses. Kurz vor seinem Tod brachte Moses noch einmal das Gesetz vom Sinai in Erinnerung. Daher rührt auch der Name dieses Buches: Deuteronomium.

 

Das Buch Deuteronomium enthält zum Teil sehr alte Texte. Doch in seiner heute vorliegenden Form stammt dieses Buch erst aus der ausgehenden Königszeit, dem Exil und vor allem aus der Zeit nach dem Exil, in welcher man angesichts der Zerstörung des Tempels durch die Babylonier bestrebt war, die biblischen Auskünfte, welche bisher vor allem mündlich weitergegeben wurden, für alle Zeiten schriftlich für die zukünftigen Generationen festzuhalten.

 

In diesem Buch heißt es in Kapitel 22 unter anderem:

 

13 ‚Wenn ein Mann eine Frau geheiratet und mit ihr Verkehr gehabt hat, sie aber später nicht mehr liebt 

14  und ihr Anrüchiges vorwirft, sie in Verruf bringt und behauptet: Diese Frau habe ich geheiratet, aber als ich mich ihr näherte, entdeckte ich, dass sie nicht mehr unberührt war!,

15  wenn Vater und Mutter des Mädchens dann das Beweisstück ihrer Unberührtheit holen und zu den Ältesten der Stadt ans Tor bringen 

16  und der Vater des Mädchens den Ältesten erklärt: Ich habe diesem Mann meine Tochter zur Frau gegeben, aber er liebt sie nicht mehr,

17  ja er wirft ihr jetzt Anrüchiges vor, indem er sagt: Ich habe entdeckt, dass deine Tochter nicht mehr unberührt war!; aber hier ist das Beweisstück für die Unberührtheit meiner Tochter!, und wenn sie das Gewand (aus der Hochzeitsnacht) vor den Ältesten der Stadt ausbreiten,

18  dann sollen die Ältesten dieser Stadt den Mann packen und züchtigen lassen.

19  Sie sollen ihm eine Geldbuße von hundert Silberschekel auferlegen und sie dem Vater des Mädchens übergeben, weil der Mann eine unberührte Israelitin in Verruf gebracht hat. Sie soll seine Frau bleiben. Er darf sie niemals entlassen.

 

20  Wenn der Vorwurf aber zutrifft, wenn sich keine Beweisstücke für die Unberührtheit des Mädchens beibringen lassen,

21  soll man das Mädchen hinausführen und vor die Tür ihres Vaterhauses bringen. Dann sollen die Männer ihrer Stadt sie steinigen und sie soll sterben; denn sie hat eine Schandtat in Israel begangen, indem sie in ihrem Vaterhaus Unzucht trieb. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen.

 

22  Wenn ein Mann dabei ertappt wird, wie er bei einer verheirateten Frau liegt, dann sollen beide sterben, der Mann, der bei der Frau gelegen hat, und die Frau. Du sollst das Böse aus Israel wegschaffen.

 

23  Wenn ein unberührtes Mädchen mit einem Mann verlobt ist und ein anderer Mann ihr in der Stadt begegnet und sich mit ihr hinlegt,

24  dann sollt ihr beide zum Tor dieser Stadt führen. Ihr sollt sie steinigen und sie sollen sterben, das Mädchen, weil es in der Stadt nicht um Hilfe geschrien hat, und der Mann, weil er sich die Frau eines andern gefügig gemacht hat. Du sollst das Böse aus deiner Mitte wegschaffen.

25  Wenn der Mann dem verlobten Mädchen aber auf freiem Feld begegnet, sie fest hält und sich mit ihr hinlegt, dann soll nur der Mann sterben, der bei ihr gelegen hat,

26  dem Mädchen aber sollst du nichts tun. Bei dem Mädchen handelt es sich nicht um ein Verbrechen, auf das der Tod steht; denn dieser Fall ist so zu beurteilen, wie wenn ein Mann einen andern überfällt und ihn tötet.‘

 

In diesem Buch wird in der Tat von Steinigung als Strafe bei schweren sexuellen Vergehen gesprochen. Aber auch hier verfallen Mann und Frau und nicht nur die Frau der Strafe, vor allem sehen diese Texte eine vorherige Prüfung vor, ob die Frau nicht vergewaltigt wurde und deshalb keine Strafe verdient hat. Es wird zwar nicht eigens davon gesprochen, dass die Strafen erst nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren vollzogen werden dürfen, es wird nur erwähnt, dass die Männer dieser Stadt sie steinigen sollen und diese Formulierung legt nahe, dass diese Männer im Auftrag des Gemeinwesens tätig werden.

 

Fragen wir uns nun zum Abschluss dieses Abschnittes, welche Haltung denn die Propheten gegenüber einem Ehebruch und den zu verhängenden Strafen bei diesem Vergehen eingenommen haben. Bei Jeremias in Kapitel 29 lesen wir:

 

20  ‚Ihr jedoch, hört jetzt das Wort des Herrn, all ihr Verschleppten, die ich von Jerusalem nach Babel wegführen ließ.

21  So spricht der Herr der Heere, der Gott Israels, über Ahab, den Sohn Kolajas, und über Zidkija, den Sohn Maasejas, die euch in meinem Namen Lüge weissagen: Seht, ich liefere sie Nebukadnezzar, dem König von Babel, aus. Er wird sie vor euren Augen niederhauen lassen.

22  Dann wird man bei allen Verschleppten Judas, die in Babel sind, von ihnen das Fluchwort herleiten: Der Herr mache dich Zidkija und Ahab gleich, die der König von Babel im Feuer rösten ließ.

23  Sie haben nämlich Schändliches in Israel getrieben, mit den Frauen ihrer Nächsten Ehebruch begangen und in meinem Namen Worte verkündet, die ich ihnen nicht aufgetragen hatte. Ich bin der Wissende und der Zeuge – Spruch des Herrn.‘

 

Hier wird zwar nicht ex pressis verbis gefordert, dass diejenigen, welche Ehebruch begangen haben, mit dem Tode zu bestrafen und zu steinigen sind. Aber immerhin wird auf die Schwere dieser Vergehen hingewiesen. Jeremias stellt es ja so hin, dass die Verschleppung der Einwohner Judas (des israelitischen Südreiches) nach Babylon von Gott mit der Begründung veranlasst wurde: ‚‚Ihr jedoch, hört jetzt das Wort des Herrn, all ihr Verschleppten, die ich von Jerusalem nach Babel wegführen ließ‘ und: ‚Sie haben nämlich Schändliches in Israel getrieben, mit den Frauen ihrer Nächsten Ehebruch begangen.‘

 

 

5. Jesus und das Mosaische Gesetz im Allgemeinen

 

Da es ja im Zusammenhang mit dieser Erzählung den Anschein hat, dass sich Jesus nicht exakt an das mosaische Gesetz hält und die auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin anscheinend nicht verurteilt, wollen wir uns nun mit der Frage etwas näher befassen, wie Jesus im Allgemeinen zu dem mosaischen Gesetz steht. Im Matthäusevangelium Kapitel 5 lässt der Evangelist Jesus folgende Feststellung über das mosaische Gesetz treffen:

 

17 ‚Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

18  Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.

19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

20  Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.‘

 

Hier wird also eindeutig unterstrichen, dass Jesus Mission eben gerade nicht darin besteht, das Alte Testament und die dort aufgeführten Weisungen aufzuheben und an die Stelle des Alten Testamentes ein Neues zu setzen, sondern dass Jesus sogar unterstreicht, dass auch kein Jota des Gesetzestextes vergehen wird und dass dies so bleiben wird bis zum Untergang dieser Welt. Er fügt noch hinzu, dass jeder, der auch nur das geringste Gebot aufzuheben versucht, am Ende der Zeiten im Himmelreich der geringste sei und dass umgekehrt derjenige, der sich strikt an die Gebote Gottes hält, im Himmel schließlich groß dastehe.

 

Diese Passage findet sich dann auch nochmals im Lukasevangelium, im Kapitel 16. Allerdings findet sich hier eine Präzisierung der Haltung Jesus zur Thora im Allgemeinen:

 

16 ‚Bis zu Johannes hatte man nur das Gesetz und die Propheten. Seitdem wird das Evangelium vom Reich Gottes verkündet und alle drängen sich danach, hineinzukommen.

 

17 Aber eher werden Himmel und Erde vergehen, als dass auch nur der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt.‘

 

Danach ist es klar, dass Jesus Rolle zwar nicht darin besteht, das alte Gesetz aufzuheben, sondern eher zu ergänzen. Bisher – so sagt Jesus  – habt ihr nur das Gesetz und die Lehren der Propheten gehabt.‘ Jesus sieht seine Aufgabe offensichtlich darin, das Gesetz richtig auszulegen, Fehlinterpretationen und Fehlhaltungen unter den Juden zu korrigieren.


Also müssen wir davon ausgehen, dass für Jesus das von Moses verkündete Gesetz sehr wohl nach wie vor Geltung habe, ja dass noch nicht einmal die geringste Weisung gestrichen werden dürfe, dass aber sehr wohl die Juden vor und während der Zeit Jesu diese Weisungen oft missverstanden haben, dass sie mehr an dem Buchstaben als an dem eigentlichen Sinn dieser Vorschriften festhalten würden und dass sie heuchlerisch seien, indem sie auf der einen Seite nach außen vor dem Volk die strikte Einhaltung der Thora verlangen, aber in ihrem Herzen und verborgen vor der Öffentlichkeit trotzdem diese Weisungen missachten und zu ihren Gunsten auslegen.

 

Aber wenn Jesus tatsächlich vom bisherigen Gesetz noch nicht einmal ein Jota wegnehmen möchte, warum dann verurteilt er denn nicht die Frau, die auf frischer Tat beim Ehebruch erwischt worden war und warum will er eine Verurteilung dieser Frau offensichtlich verhindern, wo doch im Deuteronomium klar und unmissverständlich gefordert wird, dass beim Ehebruch auf frischer Tat ertappte Sünder von den Männern der Stadt gesteinigt werden müssen? Weicht hier Jesus nicht sichtbar von den Vorschriften der Thora ab?

 

Um diese Frage zu klären, müssen wir davon ausgehen, dass man strikt zwischen den letzten Weisungen Gottes und der Anwendung dieser Weisungen im konkreten Einzelfall unterscheiden muss. Und bei der Lektüre der Heiligen Schrift stellen wir dann immer wieder fest, dass die Bibel nicht wie die Vorlesung eines Gelehrten an den Anfang ihrer Ausführung die obersten Werte und anzustrebenden Ziele stellt, aus denen dann die konkreten Vorschriften im Einzelfall abgeleitet werden, sondern dass in aller Regel die obersten Maximen – ohne eigene Nennung des eigentlichen Zieles – anhand konkreter Beispiele vorgetragen werden. Es ist dann Aufgabe der obersten Kirchenbehörden bei Änderungen der äußeren Bedingungen, die Weisungen so umzudeuten, dass sie auf der einen Seite der obersten sich nie verändernden Zielsetzung nach wie vor entsprechen, aber andererseits auch der veränderten Situation gerecht werden.

 

Geht man von dieser Unterscheidung (oberste Grundwerte versus Anwendung für den konkreten Einzelfall) aus, so entsprechen die von Moses verkündeten Zehn Gebote (eigentlich Worte) Gottes den letzen Grundwerten, sie sind eine Art Magna Charta oder die religiöse Verfassung, die es immer einzuhalten gilt, während die einzelnen Vorschriften im dritten Buch des Moses, dem Levitikus sowie vor allem im fünften Buch Moses, dem Deuteronomium Anwendungen dieser Grundsätze auf die zur Zeit Moses gegebenen Verhältnisse sind.

 

In diesem Sinne hat Jesus auch der Interpretation vieler Juden zur Zeit Jesu energisch widersprochen, dass man am Sabbath auch nicht heilen dürfte. Auch hier fragt Jesus nach dem letzen Sinn des Sabbath-Gebotes und dieser liegt eben neben der Verehrung Gottes auch darin, menschliches Leben und Auskommen überhaupt zu ermöglichen. ‚Der Sabbath ist für den Menschen eingerichtet worden und nicht der Mensch für den Sabbath.‘

 

Hierbei fällt weiterhin auf, dass die Zehn Gebote Gottes keinerlei Vorschriften darüber enthalten, mit welchem Strafmaß Vergehen gegen diese zehn Gebote geahndet werden sollen. Angaben über das genaue Strafmaß finden sich allein in den dem der Verkündung des Dekalogs folgenden Schriften der Thora. Also wird man auch daraus folgern können, dass Fragen der Art der Bestrafung immer erst Teil der Anwendung der immer gültigen Zehn Gebote sind und dass deshalb diese Fragen sehr wohl im Laufe der Zeiten unterschiedlich beantwortet werden müssen. Eine veränderte Interpretation darüber, ob Ehebruch mit dem Tod und zwar mit der besonders harten Strafe der Steinigung geahndet werden muss, bedeutet somit noch keinesfalls, dass am eigentlichen Gesetz, an den zehn Geboten Gottes, auch nur ein Jota weggelassen oder anders interpretiert wurde.

 

Im sechsten Gebot heißt es lediglich, dass Ehebruch eine schwere Sünde darstellt. Wie diejenigen zu bestrafen sind, welche dieses Gebot verletzt haben, ist ausschließlich eine Sache der Anwendung dieses immer gültigen Grundsatzes auf konkrete Situationen. Es widerspricht nicht dem Dekalog, dass die Art und Schwere der Strafe durchaus zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich praktiziert wird.

 

Eine ähnliche Unterscheidung findet sich im Matthäusevangelium in Kapitel 19. Dort heißt es:

 

3  ‚Da kamen Pharisäer zu ihm [Jesus], die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen? 

4  Er antwortete: Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer die Menschen am Anfang als Mann und Frau geschaffen hat 

5  und dass er gesagt hat: Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein? 

6  Sie sind also nicht mehr zwei, sondern eins. Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.

7  Da sagten sie zu ihm: Wozu hat dann Mose vorgeschrieben, dass man (der Frau) eine Scheidungsurkunde geben muss, wenn man sich trennen will? 

8  Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so.‘

 

Hier wird also in gleicher Weise zwischen dem eigentlichen Grundsatz und der Anwendung dieses Grundsatzes unterschieden. Der Grundsatz besteht hier darin, dass Mann und Frau durch die Heirat ein Fleisch geworden sind und deshalb auch nicht mehr getrennt werden sollen. Da jedoch zur Zeit Moses die Israeliten hartherzig waren und deshalb zu dieser Zeit dieser Grundsatz nicht voll umgesetzt werden konnte, habe Moses den Israeliten erlaubt, etwas von diesem Grundsatz abzuweichen und unter gewissen Bedingungen die Frau auch dann zu entlassen, wenn keine Unzucht seitens der Frau vorliegt. Die Anwendung dieses Grundsatzes machte also damals wegen der Unzulänglichkeit der Israeliten einen gewissen Abstrich notwendig. Der Grundsatz als solcher blieb jedoch bestehen.

 

Ganz allgemein finden wir diese Unterscheidung auch im Zusammenhang mit der weltlichen Gerichtsbarkeit. Vor Beginn der Rechtstaatlichkeit herrschte vieler Orts eine Lynchjustiz. Wurde z. B. in einer Gemeinde ein Mord oder eine andere Straftat bekannt, versammelten sich die Bürger dieser Gemeinde und zogen zu dem vermeintlichen Übeltäter und hängten diesen auf, ohne dass sie zuvor in einem ordentlichen Gerichtsverfahren überprüften, ob der vermeintliche Verbrecher tatsächlich diese Straftat begangen hatte.

 

Es war nun sehr schwer, diese Bürger von einer solchen Lynchjustiz abzuhalten und sie dazu zu bewegen, die Verfolgung und Bestrafung der Staatsgewalt zu überlassen und damit die Einhaltung rechtstaatlicher Prinzipien zu garantieren, nach denen eine Verurteilung erst und nur dann erfolgen darf, wenn einwandfrei bewiesen ist, dass der Angeklagte tatsächlich diese Straftat begangen hat.

 

Vor allem das Bedürfnis nach Vergeltung bei den Angehörigen der Opfer war so groß, dass die Bürger nur bereit waren, auf Lynchjustiz zu verzichten, wenn sie auch davon ausgehen konnten, dass der Staat auch wirklich in der Lage ist, die Schuldigen aufzufinden und sie nach dem Grundsatz Auge um Auge angemessen zu bestrafen.

 

Gerade dieses Drängen vieler Bürger auf Vergeltung hat dann dazu geführt, dass im Zusammenhang mit der weltlichen Gerichtsbarkeit auch in Staaten, welche sich an und für sich christlichen Prinzipien verpflichtet fühlten, in allererster Linie bei der Strafverfolgung der Sühnegedanke im Vordergrund stand.

 

Die Heilige Schrift – vor allem das Neue Testament – zeigt uns jedoch, dass im Zusammenhang von Verfehlungen eben gerade nicht der Sühnegedanke, sondern die Reue und Umkehr des sündigen Menschen im Vordergrund stehen sollte. Entscheidend ist hierbei nicht, dass der Sünder bestraft wird, sondern dass er seine Taten bereut und zur Umkehr bereit ist. Auch Juden und Christen gehen zwar davon aus, dass jeder entsprechend seiner Taten letzten Endes gerecht bestraft oder belohnt wird, diese Strafe erfolgt jedoch nach christlicher Überzeugung erst beim Endgericht.

 

Es ist davon auszugehen, dass wir Menschen gar nicht in der Lage sind, den Schuldanteil und damit die Schwere der individuellen Schuld eindeutig zu erkennen, nur Gott sieht in die Herzen der Menschen und kann beurteilen, wie schwer die Schuld jedes Einzelnen wiegt. Hier auf Erden soll nach christlicher Überzeugung jedem, der gesündigt hat, die Möglichkeit gegeben werden, durch Reue und Umkehr den bisher schlechten Taten gute folgen zu lassen. Aber gerade diese Umkehr ist gar nicht möglich, wenn z. B. der Übeltäter, also z. B. die auf frischer Tat erwischten Ehebrecher, unmittelbar nach der Tat gesteinigt werden. Auch das Verbringen der Strafgefangenen in Gefängnissen ist im Allgemeinen nicht geeignet zur Umkehr, vielmehr legen die näheren Umstände und Verhältnissen in den Gefängnissen den Schluss nahe, dass die Gefängnisse oftmals nicht Einrichtungen darstellen, in denen die Straftäter zu Gutem erzogen werden, sondern eher Anstalten, in denen diese Umkehr gerade verhindert wird.

 

Diese Überlegungen zeigen zwar, dass ohne Betonung und Verwirklichung des Sühnegedankens rechtstaatliche Prinzipien kaum hätten verwirklicht werden können. Trotzdem gilt eben, dass diese Betonung des Sühnegedankens nicht das eigentliche Ziel darstellt, auf das es ankommt, sondern nur deshalb im Vordergrund der Gerichtsbarkeit gerückt ist, weil sonst hier auf Erden überhaupt keine Gerechtigkeit ausgeübt werden könnte.

 

Übertragen auf unser hier zur Diskussion stehende Problem bedeutet dies, dass der Grundsatz die Vermeidung des Ehebruches darstellt, dass aber der Umstand, dass das mosaische Gesetz die Steinigung des auf frischer Tat ertappten Ehebrechers vorschreibt, wiederum damit zu tun hat, dass Moses wegen der Hartherzigkeit der Israeliten eine harte Bestrafung der Ehebrecher vorgesehen hat, weil nur auf diese Weise überhaupt die Israeliten bereit waren, die Zehn Gebote Gottes zu befolgen. 

 

 

6. Jesus Haltung zum Ehebruch im Allgemeinen

 

Der Umstand, dass Jesus in der hier problematisierten Erzählung schließlich die auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin nicht verurteilte, sondern gehen ließ, könnte so missverstanden werden, dass Jesus den Ehebruch als solchen gar nicht als ein Vergehen gegen die Gebote Gottes verstanden habe. Nichts wäre falscher als dies. Jesus hat ja keinesfalls zu der Ehebrecherin gesagt, dass du die Ehe gebrochen hast, ist nicht weiter schlimm und überhaupt keine schwere Sünde. Sondern er sagte zu ihr: Geh hin und sündige nicht mehr. Dies bedeutet, dass das, was diese Frau tatsächlich mit einem Mann getan hatte, von Jesus sehr wohl als Sünde gebrandmarkt wird und deshalb auf jeden Fall vermieden werden sollte. Es ging Jesus aber nur darum, dass dieser Frau die Möglichkeit eröffnet werden sollte, ihre Tat zu bereuen und durch aktive Umkehr sich in Zukunft getreu den Geboten Gottes zu verhalten. Wie schon erwähnt, wäre diese Möglichkeit aber gerade dadurch verbaut worden, wäre diese Frau unmittelbar nach ihrer Tat gesteinigt worden.

 

Ganz im Gegenteil hierzu zeigen uns die Evangelien, dass Jesus sogar die hierbei zu beachtenden Grundsätze noch sehr viel stärker betonte, als dies zur Zeit Jesu in Israel üblich war. Die eigentliche Haltung Jesu zur Frage des Ehebruches findet sich vor allem bei Matthäus in Kapitel 5,27-32:

 

27 ‚Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen.

28 Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.

29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.

30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt.

31 Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben.

32 Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.

 

Diese Textstelle zeigt zweierlei. Auf der einen Seite ist für Jesus der Ehebruch – genauso wie dies im mosaischen Gesetz niedergelegt ist – ein schweres Vergehen gegen das 6. Gebot. Und die Zehn Gebote Gottes, so wie sie Moses vom Berge Sinai auf zwei ehernen Tafeln den Israeliten verkündet hatte, stellen die immer gültigen letztlichen Grundsätze jüdischen wie auch christlichen Glaubens dar, an denen nicht gerüttelt werden darf.

 

Auf der anderen Seite hebt jedoch Jesus im Gegensatz zu der Haltung der damaligen Juden nicht so sehr auf den Wortlaut, sondern vielmehr auf den Sinn der einzelnen Gesetze ab, der mit diesen verbunden ist. Die Straftat beginnt hier nicht erst in dem Augenblick, in dem sie begangen wird, also in unserem Beispiel bei dem Vollzug des Ehebruches, sondern bereits dann, wenn die einzelnen Menschen sich dem Wunsch hingeben, diese verbotenen Handlungen zu begehen.

 

Wer eine sündhafte Tat plant und sie aus Gründen, die er selbst nicht zu vertreten hat, nicht vollziehen kann, ist trotzdem schuldig geworden, es lag ja hier nicht am Willen des Betroffenen, dass die Tat nicht vollzogen wurde, wäre es nur auf den Willen des Einzelnen angekommen, wäre ja die Tat begangen worden, er wurde ja nur durch Umstände, die er selbst nicht zu verantworten hat, an der Ausübung der Tat verhindert.

 

Diese Überlegungen besagen allerdings nicht, dass nach christlichem Glauben für sündige Taten überhaupt keine Bestrafung und damit Sühne notwendig ist und jemals eintreten wird. Ganz im Gegenteil geht der christliche Glaube davon aus, dass im Endgericht sehr wohl jeder für seine guten Taten belohnt, für seine schlechten Taten bestraft wird.  Bei Matthäus in Kapitel 25 heißt es:

 

31 ‚Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen.

32 Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet.

33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken.

34 Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist….

 

41 Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist!

Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten…‘ 

 

Die gerechte Strafe soll nach dieser Überzeugung nur nicht bereits hier auf Erden vollzogen werden. Auf der einen Seite sind Menschen niemals in der Lage, die wahre Schuld des Straftäters zu erkennen. Auf der anderen Seite jedoch soll jedem die Möglichkeit eröffnet werden, seine Schuld zu bereuen und durch Umkehr den bisher bösen Taten gute Taten folgen zu lassen, sodass dann beim Endgericht diese guten Taten sehr wohl gegen die schlechten taten aufgerechnet werden können.

 

Im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen bei Matthäus Kapitel 13 lesen wir:

 

24 ‚Und Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.

25 Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg.

26 Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.

27 Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?

28 Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

29 Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus.

30 Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune.‘

 

Danach sind also die Menschen eben nicht in der Lage, die Spreu vom Weizen zu trennen, es besteht deshalb zu leicht die Gefahr, dass die Menschen beim Versuch, das Unkraut sofort zu vernichten, auch die Saat zerstören und dies bedeutet, dass eben wegen des unvollkommenen Wissens der Menschen immer auch die Gefahr besteht, dass der Falsche bestraft wird und dass der Straftäter eben durch die Art der Bestrafung nicht zum Guten, sondern zum Verharren im Bösen verleitet wird.