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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

 

6. historische Schule

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Die Vertreter der älteren historischen Schule

3. Die Vertreter der jüngeren historischen Schule

4. Der Institutionalismus in Großbritannien und den USA

5. Der Sonderfall: Werner Sombart und Max Weber

6. Was heißt historisch?

7. Der Verein für Socialpolitik

8. Der Methodenstreit

        9. Das Herausschieben des Datenkranzes

       10. Der Einfluss auf die Politik

       11. Der Einfluss auf den wissenschaftlichen Fortschritt

 

 

1. Einführung

 

Es mag verwundern, dass im Rahmen dieses Seminars auch ein Kapitel behandelt werden soll, das sich mit der historischen Schule befasst. Wie wir noch sehen werden, zeichnen sich die meisten Vertreter dieser Richtung durch eine ausgesprochen theoriefremde wie auch theoriefeindliche Haltung aus. Theoriefremd sind die meisten Vertreter dieser Richtung, weil ihre Arbeiten nur sehr selten ausgesprochen theoretische Abhandlungen darstellen. Zur Zeit der historischen Schule wurden in den Doktorandenseminare fast nur Themen behandelt, welche sich das Ziel gesetzt haben, die historische Entwicklung in einem bestimmten Wirtschaftszweig (a) eines bestimmten Landes (b) des Zeitraumes (c) bis (d) darzustellen.

 

Ich selbst habe noch an solchen Seminaren teilgenommen. Sie waren äußerst langweilig. Was interessiert auch einen Teilnehmer eines solchen Seminars, welcher an einer Doktorarbeit über die Stahlindustrie Belgiens in der Zeit von 1890 bis 1912 arbeitet, was zu berichten ist über die Zementindustrie Deutschlands von 1900 bis 1945, welches gerade das Thema des vortragenden Doktoranden darstellt. Auch die anschließenden Diskussionen brachten zumeist keine Aufhellung, schließlich hatten die meisten Teilnehmer über die speziellen Verhältnisse der gerade behandelten Industrie keine Ahnung, konnten deshalb auch keinen echten Beitrag zur Diskussion leisten. Auch war es verpönt, diese Ausführungen mit gewissen theoretischen Gedanken zu untermauern.

 

Ein Seminar folgte deshalb dem Schema: erstens einleitende Worte des Doktorvaters über die Bedeutung des speziellen Wirtschaftszweiges, mehr oder weniger langweiliger Vortrag des Doktoranden, bewertende (anerkennende oder kritische Bemerkungen des Doktorvaters), ein Beitrag des Assistenten, der diese Doktorarbeit zu begleiten hatte und deshalb etwas Ahnung vom Thema hatte, abschließende Frage des Seminarleiters, ob noch jemand einen Beitrag zu leisten habe, das meistens verneint wurde. Bevor das Seminar beendet wurde, wurde uns dann noch Thema und Zeitpunkt der nächsten Sitzung mitgeteilt und wir wurden entlassen.

 

Theoriefeindlich waren die meisten Vertreter der historischen Schule, weil sie mit gewissen Ausnahmen bezweifelten, ob man wirtschaftliche Tatbestände überhaupt mit naturwissenschaftlichen, sprich: exakten Theorien untersuchen kann. Wie wir noch sehen werden, gingen die meisten Vertreter dieser Schule von der Überzeugung aus, dass wirtschaftliche Tatbestände nicht exakt erklärt, sondern nur historisch verstanden werden können.

 

Da sich dieses Seminar mit der Entwicklung der Wirtschaftstheorie befassen will, läge es nahe, auch nur solche Schulen und Richtungen zu behandeln, welche einen echten Beitrag zur Entwicklung der Wirtschaftstheorie geleistet haben.

 

Wenn trotzdem in diesem Seminar ein Kapitel der historischen Schule gewidmet wird, so hat dies insbesondere zwei Gründe. Man kann sicherlich einen gewissen Nutzen aus Abhandlungen ziehen, welche keinen echten Beitrag zur Theorie leisten. Diese Ausführungen gelten dann gewissermaßen als abschreckendes Beispiel, sie zeigen auf, wie man eben nicht verfahren soll, was an der von uns abgelehnten Methode denn falsch und korrekturfähig ist.

 

Zum andern gilt folgender Grundsatz: Genauso, wie es auch einzelne (in Wirklichkeit sogar viele) Theorien gibt, welche zu Trugschlüssen, also zu den bekannten berühmten Denkfehlern im Verlauf der Geschichte der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrmeinungen geführt haben, genauso gilt natürlich auch umgekehrt, dass auch eine an und für sich theoriefeindliche Schule trotzdem de facto zu einer Weiterentwicklung der Wirtschaftstheorie beitragen kann.

 

In diesem Zusammenhang ist vor allem an die Tatsache zu denken, dass die Arbeiten der Vertreter der historischen Schule dazu beigetragen haben, dass der wirtschaftswissenschaftliche Datenkranz nach außen verschoben wurde.

 

Wir sind spätestens seit dem Wirken von Walter Eucken gewöhnt, bei unseren theoretischen Abhandlungen von gewissen Daten auszugehen, die zumindest für unsere Wissenschaft nicht weiter untersucht werden können, von denen aber sehr wohl zahlreiche wirtschaftswissenschaftlich relevante  Schlussfolgerungen abgeleitet werden können.

 

Die Tatsache, bestimmte Probleme in den Kranz der Daten zu verschieben, mag zwar im Allgemeinen zu einer fruchtbaren Arbeitsteilung der verschiedenen Wissenschaften führen, ist aber trotzdem bisweilen Anlass für das Scheitern einer Theorie. Es besteht in diesem Falle die Gefahr, dass der Wirtschaftswissenschaftler die Lösung bestimmter Teilprobleme einer anderen Wissenschaft zuschiebt, diese aber aufgrund ihrer Problemstellung gar nicht daran denkt, diese Probleme zu behandeln und zu einer Lösung zu führen.

 

So wird z. B. im Rahmen der Haushaltstheorie davon ausgegangen, dass die Aufteilung des Haushalts­einkommens auf die einzelnen Verwendungsarten neben der Bilanzgeraden (dem für Konsumzwecke zur Verfügung stehenden Einkommen) und den Preisverhältnissen auch von der Bedarfsstruktur abhängt. Über die Gründe für einen spezifischen Verlauf der Bedarfsstruktur (nämlich der konvexen Krümmung der Indifferenzkurven) äußert sich die Haushaltstheorie nicht, diese Frage gehört zum Datenkranz, der allenfalls von der Psychologie untersucht werden könnte. Hierbei interessiert den Volkswirt allerdings nur die Frage, von welchen Faktoren die jeweilige Krümmung der Indifferenzkurven, also die Grenzrate der Substitution bestimmt wird. Dies ist aber sicherlich nicht die vorherrschende Fragestellung in der Psychologie. Die Hoffnung, vom Psychologen eine Antwort auf die hier angesprochene Frage zu erhalten, ist vergebens. Es wäre sehr viel zweckmäßiger gewesen, hätte man diese Frage aus dem Kranz der Datengrößen herausgenommen und zur Problemgröße der Haushaltstheorie gemacht, was im Übrigen genau der Weg ist, den Garry Becker in seiner Haushaltstheorie gegangen ist.

 

Die Vertreter der historischen Schule haben nun mit ihren empirischen Untersuchungen zumindest eine Fülle von Material geliefert, das uns sehr wohl gestattet, den Datenkranz weiter hinauszuschieben. Wir werden uns weiter unten noch ausführlich mit diesem Problem befassen.

 

 

 2. Die Vertreter der älteren historischen Schule

 

Die historische Schule gliedert sich in mehrere Richtungen. Wir unterscheiden zunächst zwischen einer älteren und einer jüngeren historischen Schule. Auch bestimmte Richtungen in USA und England, die als Institutionalisten benannt werden, können der Gruppe der historischen Schule zugerechnet werden. Daneben gibt es eine Gruppe von Ökonomen in Deutschland, welche zwar mit der historischen Betrachtung sympathisieren, trotzdem aber die Wirtschaftstheorie nicht vernachlässigt haben. Schließlich kann man zu diesem weiteren Kreis der historischen Schule einige Soziologen rechnen, welche sich in starkem Maße um historische Aspekte der Wirtschaftswissenschaft bemüht haben. Beginnen wir mit der Gruppe der älteren historischen Schule.

Zu dieser Gruppe zählen vor allem Bruno Hildebrand, Wilhelm Roscher,  Karl Knies und mit gewissen Einschränkungen auch Friedrich List. Diese Gruppe rechnet man vor allem zur historischen Schule deshalb, weil ihre Vertreter auf der einen Seite bemüht sind, den Ablauf der Wirtschaftsgeschichte in Art von Wirtschaftsstufen oder auch Wirtschaftsstilen zu beschreiben, aber auf der anderen Seite auch einfach betonen, dass die zu beobachtenden wirtschaftlichen Vorgänge wesentlich davon abhängen, auf welcher Entwicklungsstufe die jeweilige zu untersuchende Volkswirtschaft steht.

 

Bruno Hildebrand lebte von 1812 bis 1878, sein 1848 herausgegebenes wirtschaftswissenschaftliches Hauptwerk befasst sich mit der ‚Economics of the Present and the Future‘. Darin übt er Kritik an Ricardos Theorie, die materialistisch, universalistisch und kosmopolitisch sei. Gleichzeitig entwickelte er eine Stufentheorie der ökonomischen Geschichte.

 

Wilhelm Roscher lebte von 1817 bis 1894 und ist vor allem durch zwei Arbeiten hervorgetreten, dem 1843 veröffentlichten ‚Grundriss zu Vorlesungen über die Staatswissenschaft nach geschichtlicher Methode‘ sowie der 1851 herausgegebenen Schrift: ‚Zur Geschichte der englischen Volkswirtschafts­lehre‘. In diesen Schriften sieht Roscher die Hauptaufgabe der Nationalökonomie, - ausgehend von Stufentheorien – in der Entwicklung historischer Gesetze. Roscher war der Überzeugung, dass sich Geschichte in zyklischen Stufen entwickle. Aufgabe der Nationalökonomie, - ausgehend von Stufentheorien – sei es, historische Gesetze zu entwickeln.

 

Karl Knies lebte von 1821 bis 1898. Sein 1853 veröffentlichtes Hauptwerk beschreibt ‚Die politische Ökonomie vom Standpunkt der geschichtlichen Methode‘. Knies spricht von einem moralischen Fortschritt, der sich im Verlaufe der Geschichte entwickelt.

 

Friedrich List lebte von 1789 bis 1846. Er wird teils den deutschen Klassikern, teils aber auch der historischen Schule zugerechnet. Sein Hauptwerk behandelt das  ‚Nationale(s) System der politischen Ökonomie‘. In dieser Schrift entwickelte List die Forderung, da Deutschland etwa 50 Jahre später als England mit der Industrialisierung begonnen habe, müsse Deutschland zwischenzeitlich durch Erziehungszölle vor ausländischer Konkurrenz geschützt werden, da Deutschland wegen der noch anfallenden Entwicklungskosten noch nicht konkurrenzfähig sei.

 

 

3. Die Vertreter der jüngeren historischen Schule

 

Zu den Vertretern der jüngeren historischen Schule zählt unter anderem Adolf Wagner, Gustav von Schmoller, Georg Friedrich Knapp und zum Teil auch Ludwig Joseph Brentano. Diese Gruppe wird der historischen Schule vor allem deshalb zugerechnet, weil sie zum Teil bezweifelt, ob man geschichtliche Ereignisse wissenschaftlich erklären kann oder ob man sich nicht doch darauf beschränken muss, geschichtliche Ereignisse zu verstehen. Allerdings begegnet man bei dieser Gruppe  auch der Vorstellung, dass eine erklärende Wirtschaftstheorie möglich und erwünscht sei, dass es aber noch zu früh sei, bereits jetzt solche Theorien zu entwickeln, da unser empirischer Wissensstand noch zu gering sei. Gemeinsam ist jedoch dieser Gruppe das Eintreten für sozialpolitische Reformen, welche auf der Plattform des Vereins für Socialpolitik diskutiert wurden.

 

Adolf Wagner lebte von 1835 bis 1917. Er befasst sich vor allem mit Geldtheorie und mit der Finanzwissenschaft. Entgegen den übrigen Vertretern dieser Gruppe unterstützte er C. Menger im Methodenstreit. Er sprach sich gegen das laissez faire aus und für sozialpolitische Reformen. Nach ihm ist das von ihm formulierte Gesetz der wachsenden Ausdehnung der Staatstätigkeit« (wagnersches Gesetz) benannt, wonach eine starke Tendenz bestehe zu einem fast automatisch wachsenden Staatsbudget.

 

Gustav von Schmoller lebte von 1838 bis 1917 und war Gründer der jüngeren historischen Schule sowie

Mitbegründer des Vereins für Socialpolitik. Zu seinen Hauptwerken zählen folgende Arbeiten: ‚Die sociale Frage und der preußische Staat‘ (1874), ‚Die Gerechtigkeit in der Volkswirtschaft‘ (1881) und ‚Zur Methodologie der Staats- und Sozialwissenschaften‘ (1883). Unter seiner Regie wurden vorwiegend wirtschaftshistorische Arbeiten erstellt, wobei seine wirtschaftshistorischen Wurzeln auf Darwin, Spencer und Comte zurückgeführt werden können. Bekannt ist sein Eintreten für sozialpolitische Reformen und für eine Umverteilung zugunsten der schwächeren Bevölkerungsgruppen. Vor allem in späteren Jahren findet sich bei ihm eine grundsätzliche Anerkennung deduktiver Theorien, jedoch eher als ein Programm für die entfernte Zukunft.

 

Georg Friedrich Knapp lebte von 1842 bis 1926. Im Mittelpunkt seines Interesses standen eine ‚Theorie des Bevölkerungswechsels‘ (1874), ‚Die Bauernfreiung und der Ursprung der Landarbeiter‘ (1887) und ‚die Staatstheorie des Geldes‘ (1905). Der Geldwert werde durch die Steuerbedürfnisse des Staates bestimmt.

 

Ludwig Joseph  Brentano lebte von 1844 bis 1931. Er zählt zwar zu den deutschen Vertretern der historischen Schule, ist jedoch theoriefreundlich und liberal eingestellt. Zu seinen Hauptwerken zählen: ‚Eine Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung Englands (1927-29), ‚Das Wirtschaftsleben der antiken Welt‘ (1929) und ‚Mein Leben im Kampf um die soziale Entwicklung‘ (1931). Brentano trat für eine vom Staat unabhängige Arbeitsbewegung ein.

 

 

4. Der Institutionalismus in Großbritannien und den USA    

 

Zu den Institutionalisten zählen vor allem William Cunningham und William Ashley, beide aus England weiterhin aus den USA Thorstein Veblen,  Herbert J. Davenport und Edwin R. A. Seligman. Diese Gruppe von Institutionalisten hat gemeinsam, dass man skeptisch ist gegen die Abstraktheit der reinen ökonomischen Theorie, dass man für soziale Reformen eintritt und dass nach psychologischen Bestimmungsgründen menschlichen Verhaltens gesucht wird.

 

William Cunningham  lebte von 1849 bis 1919, veröffentlichte 1879 eine Schrift über: ‚The Progress of Socialism in England‘ und 1910 über: The Case Against Free Trade. Er übte Kritik an der liberalen Schule. Ökonomische Gesetze würden nur im historischen, sozialen und kulturellen Kontext gelten.

 

William Ashley  lebte von 1860 bis  1927 und veröffentlichte mehrere lehrgeschichtliche Arbeiten über die englische Wirtschaftstheorie. Es finden sich bei ihm ähnliche Gedankengänge wie bei der deutschen historischen Schule. Er führt Angriffe gegen den Universalismus und gegen die Abstraktheit der klassischen und neoklassischen Theorie. Er war Gegner eines laissez-faire und popagierte einen Imperalismus und einen Korporatismus in den Beziehungen zwischen Staat, Industrie und Arbeiter­vertretungen.

 

Thorstein Veblen lebte von 1857 bis 1929 und erregte Aufsehen mit seinen Arbeiten über:  ‚Theorie der feinen Leute‘ (1899), Christian Morals and the Competitive System (1910) und schließlich: The Instincts of Worksmanship and the State of the Industrial Arts (1914).

 

Herbert J. Davenport lebte von 1861 bis 1931 und war Schüler von Thorstein Veblen. Seine Arbeiten befassen sich mit den Themen: ‚Proposed Modifications in Austrian Theory and Terminology‘ (1902), weiterhin: Capital as a Competitive Concept’ (1904) und schließlich: ‘Value and Distribution’ (1908). Es findet sich in seine Arbeiten eine Betonung der psychologischen Faktoren, wobei er allerdings den Utilitarismus ablehnt. Ökonomisches Verhalten könne nicht auf einen einzigen Grund zurückgeführt werden. Er übernimmt auch die von Gustav von Haberler formulierte Theorie der alternativen Kosten.

 

Edwin R. A. Seligman lebte von 1861 bis 1939, befasste sich mit finanzwissenschaftlichen Themen sowie mit der Lehrgeschichte der Wirtschaftstheorie. Seine beiden Hauptwerke gelten den Themen: ‚Progressive taxation in theory and practice‘ (1908) und ‚Economic Interpretation of history‘ (1902). Er trat unter anderem für eine progressive Besteuerung ein und untersuchte die Problematik der Steuerüberwälzung.

 

 

5. Der Sonderfall: Werner Sombart und Max Weber

 

Gedanklich lassen sich auch Werner Sombart und Max Weber mit der historischen Schule verbinden, obwohl beide nicht eindeutig der historischen Schule zugerechnet werden können.

 

Werner Sombart lebte von 1863 bis 1941 und war deutscher Ökonom und Soziologe, und vertrat in einigen Punkten den Standpunkt der Vertreter der historischen Schule. Als Hauptwerk gilt vor allem sein 3 bändiges Werk über den modernen Kapitalismus (1902 - 1908). Seine Arbeiten stellen einen Versuch einer verstehenden Nationalökonomie dar, die auf historisch-soziologischen Grundlagen aufbaut. Er setzte sich für einen Ausgleich zwischen Grenznutzenschule und historische Schule ein. Historisch gesehen teilte er den Kapitalismus in einen Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus ein.

 

Max Weber lebte von 1864 bis 1920  und war deutscher Ökonom, Soziologe und Wirtschaftshistoriker. Bekannt geworden ist Max Weber vor allem durch seine Schrift: ‚Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus‘ (1905), weiterhin durch die ‚Gesammelte(n) Aufsätze zur Wissenschaftslehre‘ (1922) sowie ‚die Gesammelten Aufsätze zur Soziologie und Sozialpolitik‘. So weist er in seinen religionssoziologischen Arbeiten auf die Zusammenhänge zwischen protestantischer Ethik und Entwicklung des Kapitalismus hin. Auf ihn geht weiterhin das Prinzip der Werturteilsfreiheit zurück, wonach Werte letztendlich weder beweisbar noch widerlegbar seien. Unter den Bestimmungsgründen des Handelns wird schließlich zwischen zweckrational, wertrational, affektuell und traditional unterschieden.

 

 

6. Was heißt historisch?

 

Wir wollen unsere systematische Darstellung der historischen Schule damit beginnen, dass wir uns fragen, in welchem Sinne denn der Begriff ‚historisch‘ in diesem Zusammenhang verwendet wird. Bereits der kurze Überblick über die wichtigsten Vertreter dieser wissenschaftlichen Richtung hat uns gezeigt, dass dieses Wort ‚historisch‘ offensichtlich von den einzelnen Vertretern dieser Richtung recht unterschiedlich gebraucht wird. Wir wollen hierbei drei verschiedene Interpretationen besprechen:

 

Als erstes wird der Begriff ‚historisch‘ in dem Sinne verstanden, dass die Wirtschaftstheorie unter unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, vor allem bei einem unterschied­lichen Entwicklungsstand durchaus auch zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen kann. Nehmen wir die Arbeiten von Friedrich List. Dieser Ökonom verstand sich als ein Gelehrter, welcher bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Vorgänge sehr wohl Theorien anwendet. Er ist jedoch der Auffassung, dass die Schlussfolgerungen, welche für den Freihandel Englands gezogen wurden, nicht ohne weiteres auch auf andere Länder, wie z. B. Deutschland übertragen werden können.

 

Der Grund für diesen Unterschied sieht Friedrich List in dem Umstand, dass der Industrialisierungs­prozess in England etwa 40 bis 50 Jahre vor den gleichen Ereignissen in Deutschland begonnen hatte. In der ersten Phase der Entwicklung zur Industrialisierung würden nun hohe Entwicklungskosten entstehen, welche dann nach Abschluss der Entwicklungsphase weitgehend wegfallen würden. Dieser Umstand habe zur Folge, dass der Konkurrenzkampf zwischen englischen und deutschen Unterneh­mungen zu einer Benachteiligung der deutschen Firmen führen müsse, da die englischen Unternehmer im Gegensatz zu ihren deutschen Konkurrenten die Entwicklungsphase bereits abgeschlossen hätten und insofern wesentlich geringere Kosten aufbringen müssten und deshalb auch in der Lage seien, die deutschen Unternehmungen aus den Märkten zu vertreiben, sofern ein freier Handel zwischen den Nationen erlaubt sei.

 

Aus diesen Gründen forderte Friedrich List die Einführung von Schutzzöllen für Deutschland, um sie auf diese Weise vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen. Diese Schutzzölle könnten sehr wohl wiederum aufgehoben werden, wenn in Zukunft die deutsche Wirtschaft ebenfalls keine Entwicklungs­kosten mehr aufzubringen habe und dann durchaus auch gegenüber den englischen Unterneh­mungen konkurrenzfähig sei.

 

Aus heutiger Sicht ist die Wirtschaftstheorie skeptisch in der Frage, ob ein solcher Zollschutz wirklich erwünscht ist. Mehrere Gründe sprechen dagegen. Als erstes zeigt die Erfahrung, dass sich die durch Zoll angegriffene Volkswirtschaft dadurch wehrt, dass sie seinerseits Importzölle einführt. Es kommt dann zum Zollkrieg. Die moderne Außenhandelstheorie hat eindeutig gezeigt, dass ein solcher Zollkrieg beide Nationen belastet, der anfängliche Gewinn aufgrund der Verbesserung  der terms of trade geht verloren, gleichzeitig schrumpft das Handelsvolumen und mit ihm schrumpfen die Wohlfahrtsgewinne aus dem Außenhandel für beide Länder.

 

Zweitens fragt es sich, warum denn das Vorhandensein von Entwicklungskosten inländische Unterneh­mungen gegenüber ausländischen Unternehmungen benachteiligt. Wir haben zwischen zwei Möglichkeiten zu unterscheiden. Entweder sind die Entwicklungskosten so hoch, dass sie durch Gewinne in der Zukunft nicht ausgeglichen werden können. In diesem Falle ist es unerwünscht, dass diese Produktion überhaupt aufgenommen wird. Oder aber, wir können erwarten, dass die heutigen Entwicklungskosten durch zukünftige Gewinne überkompensiert werden können. In diesem Falle ist nicht einzusehen, weshalb die Unternehmungen die Produktion nicht auch ohne Zollschutz aufnehmen können. Dass Investitionen zunächst hohe Kosten verursachen, welche erst durch Gewinne in zukünftigen Perioden gedeckt werden, ist eine alltägliche Erscheinung, nahezu jede Unternehmung führt solche Investitionen durch.

 

Nur in einem Fall erscheint ein staatlicher Schutz berechtigt, dann nämlich, wenn kein Patentschutz gewährt wird. Hier laufen die Unternehmungen, welche diese Investition tätigen, Gefahr, dass sie zwar die Entwicklungskosten in der Gegenwart übernehmen, dass ihnen aber die Gewinne in der Zukunft dadurch entgehen, dass andere Unternehmungen diese neuen Verfahren imitieren, ohne sich an den Kosten der Erfindung dieser Verfahren zu beteiligen. In einer solchen Situation wäre es aber besser, einen Patenschutz und nicht Importzölle einzuführen.

 

Wenden wir uns nun einer zweiten Deutung des Begriffes ‚historisch‘ bei Vertretern der historischen Schule zu. Im Abschnitt über die wichtigsten Vertreter der historischen Schule sahen wir, dass einige Gelehrte der älteren historischen Schule wie z. B. Bruno Hildebrand und Wilhelm Roscher das Ziel verfolgten, im Rahmen von Wirtschaftsstufen oder Wirtschaftsstilen Gesetze zu formulieren, welche den Ablauf in der Entwicklung der Volkswirtschaften charakterisieren.

 

Genauso wie Karl Marx zeigen wollte, dass ein bestimmtes Wirtschaftssystem wie das vorherrschende kapitalistische System eines Tages abgelöst wird von einem sozialistischem System, genauso wollen auch diese Gelehrten aufzeigen, wie sich Wirtschaftsstufen im Verlaufe der Geschichte wandeln und vervollkommnen.

 

Allerdings besteht doch ein gravierender Unterschied zwischen Marx und den Vertretern der älteren historischen Schule. Während nämlich Karl Marx zwar nicht immer mit Erfolg den Versuch machte, aufzuzeigen, wie der eine geschichtliche Schritt notwendiger Weise zum nächsten führt, wird bei den Stufen- und Stiltheorien zumeist gar nicht aufgezeigt, wie die eine Stufe notwendiger Weise zur nächsten führt, vielmehr beschränkt man sich bei den Stufentheorien systematisch zwischen verschiedenen Stufen zu unterscheiden, wobei die jeweils nächste Stufe einfach dadurch aus der vorhergehenden hervorgeht, dass man im Hinblick auf bestimmte Merkmale eine Vervollkommnung unterstellt.

 

Als mögliches Beispiel unterstellen wir eine Unterscheidung einer reinen Tauschwirtschaft und einer Geldwirtschaft, dem weitere Stufen z. B. des Giralgeldes und des Internetbanking nachfolgen könnten. Bei dieser Unterscheidung geht es nicht darum, dass man eindeutig aufzeigt, wie die eine Wirtschaftsform aus der anderen erwachsen ist, man beschränkt sich darauf, dass eine Geldwirtschaft einer Tauschwirtschaft und ein System mit Giralgeld einer Geldwirtschaft auf Basis von Münzen und Geldscheinen überlegen ist.

 

Aber warum sollte die geschichtliche Entwicklung immer in die Richtung der Vervollkommnung verlaufen? Stellen wir in der Realität nicht fest, dass im geschichtlichen Ablauf wiederholt auf Wirtschaftsformen zurückgefallen wird, die wir glaubten schon längst überwunden zu haben. So wurde z. B. in der unmittelbaren Zeit nach Beendigung des zweiten Weltkrieges eine reibungslos funktionierende Geldwirtschaft durch eine Wirtschaftsstufe abgelöst, in der Waren gegen Waren getauscht wurden und zwar deshalb, weil das Geld seine Funktionen weitgehend eingebüßt hatte.

 

Wollte man eine wissenschaftlich befriedigende Theorie über den geschichtlichen Verlauf der Wirtschaftsstufen und -stile entwickeln, so müsste man darlegen, unter welchen Bedingungen damit gerechnet werden kann, dass sich Wirtschaftsbereiche vervollkommnen und unter welchen anderen Bedingungen die Gefahr droht, dass die Wirtschaftsbereiche in vorhergehende Stufen zurückfallen.

 

Schließlich gilt es eine dritte Variante des Begriffs ‚historisch‘ im Zusammenhang mit der historischen Schule zu unterscheiden. Vertreter insbesondere der jüngeren historischen Schule wie vor allem Gustav von Schmoller gingen davon aus, dass Geschichte vor allem von Menschen gemacht werde, die einen freien Willen haben und deren Handlungen deshalb niemals eindeutig aus sachlichen Gegebenheiten eindeutig abgeleitet werden könnten.

 

Menschliches Verhalten könnten wir niemals im Sinne der Naturwissenschaften erklären, wir könnten es nur verstehen. Wir könnten uns durch ein Studium der Bismarck’schen Politik ein Bild davon machen, warum sich Bismarck auf der einen Seite für eine aktive Sozialgesetzgebung eingesetzt hat, aber auf der anderen Seite die sozialistischen Parteien verbat, welche die Belange gerade der Menschen vertraten, welche durch die Bismarck’sche Gesetzgebung begünstigt werden sollten. Wir meinen verstehen zu können, dass Bismarck auf diese Weise die Sozialisten von den Arbeitern trennen wollte. Eine solche Politik mag im Nachhinein durchaus verständlich sein, wir können aber nie mit Sicherheit behaupten, dass Bismarck oder auch ein anderer Politiker in der gleichen Situation genauso gehandelt hätte. Im Allgemeinen äußern sich Politiker nicht zu ihren eigenen wahren Absichten und wenn sie dies tun, wissen wir nie, ob diese Äußerungen nur vorgetäuscht wurden, aber ganz andere Motive im Vordergrund standen.

 

An diesem gewählten Beispiel mag die These des nur Verstehen, aber nicht des Erklären Könnens durchaus plausibel erscheinen. Es ist aber ein gewaltiger Unterschied, ob wir die Handlungsweise einer Einzelperson, z. B. eines Politikers zu verstehen oder erklären versuchen, oder ob es darum geht, zu klären, ob Preissteigerungen zu einer Zunahme des Angebotes führen. Im zweiten Beispiel geht es der Wirtschaftstheorie auf keinen Fall darum, das Verhalten einer einzelnen Person zu erklären oder auch zu verstehen, es interessiert allein, ob damit gerechnet werden kann, dass ein beachtlicher Teil der Unternehmer bei einer Preissteigerung ihr Angebot ausweitet.

 

Entscheidungen einzelner Personen mögen in  der Tat wohl kaum in ähnlicher Weise wie naturwissen­schaftliche Ereignisse vorausgesagt werden können. Wir können sie in der Tat nur im Nachhinein verstehen. Wenn es aber darum geht, ob eine wirtschaftliche Datenänderung bei den Marktteilnehmern eine ganz bestimmte Reaktion hervorrufen wird, können wir oftmals fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass diese Ereignisse ganz bestimmte Verhaltensweisen auslösen, wir können dies deshalb, weil wir zuvor bestimmte Anreizsysteme getestet haben. Wenn wir feststellen können, dass ein intensiver Wettbewerb zwischen den Unternehmungen besteht, dann ergibt sich daraus, dass sehr starke Anreize bestehen, welche die Unternehmungen in der Mehrzahl veranlassen werden, in einer ganz bestimmten Weise zu reagieren. Vor allem wenn wir berücksichtigen, dass es ja auch in naturwissenschaftlichen Bereich viele Aussagen auf Mikroebene gibt, welche nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden können, dürfen wir durchaus auch bei wirtschaftlichen Vorgängen von Gesetzmäßigkeiten sprechen, welche - vergleichbar mit der Naturwissenschaft – erklärt werden können.

 

 

7. Der Verein für Socialpolitik

 

Die Vertreter der verschiedenen Richtungen der historischen Schule verband nicht nur die Überzeu­gung, dass Wirtschaftstheorien historisch relativiert werden müssen, sie traten darüber hinaus fast einheitlich für eine sozialpolitische Reform der kapitalistischen Wirtschaft ein und versuchten ihre Vorstellungen auch in der Öffentlichkeit zu propagieren. Sie bildeten 1873 hierzu den Verein für Socialpolitik als öffentliches Forum zur wissenschaftlichen Diskussion der sozialpolitischen Reformen. Der Verein schreibt auf seiner Webseite über die Gründung dieser Vereinigung:

 

‚Der Verein für Socialpolitik wurde im Jahr 1873 gegründet. Die Vereinsgründung, die auf eine im Jahr 1872 einberufene Versammlung von Persönlichkeiten aus Publizistik, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zurückgeht, richtete sich einerseits gegen die von der deutschen Manchesterschule betriebene Politik des Laissez-faire in der Sozialpolitik und andererseits gegen die sozialrevolutionären Ideen des aufkommenden Sozialismus. Die Gründer des Vereins, für die bald die Bezeichnung "Kathedersozialisten" üblich wurde, wollten nach den Worten des langjährigen Vorsitzenden (1890 - 1917) Gustav Schmoller "auf der Grundlage der bestehenden Ordnung die unteren Klassen soweit heben, bilden und versöhnen, dass sie in Harmonie und Frieden sich in den Organismus einfügen". Bereits unter Schmoller begann die von schweren inneren Auseinandersetzungen gekennzeichnete Entwicklung von einem sozialpolitischen "Agitationsverein" zur politisch neutralen, fachübergreifenden Gesellschaft‘.

 

Es waren vor allem zwei sozialpolitische Schwerpunkte, welche die Vertreter der historischen Schule in den Mittelpunkt ihrer Forderungen und Untersuchungen stellten. Auf der einen Seite ging es darum, die Arbeiter vor den schlimmsten Auswirkungen der sozialen Risiken: Krankheit, Unfall und Alter zu schützen. Auf der anderen Seite kämpften die Vertreter dieser Schule für den Ausbau des Schutzes der Arbeiter im Betrieb.

 

Im Hinblick auf das erste Problem: Schutz vor den Folgen der sozialen Risiken wurden Vorstellungen einer gesetzlichen Versicherung entwickelt, welche dann auch unter der Regierung Bismarcks zu der deutschen Sozialgesetzgebung und zwar einer gesetzlichen Krankenversicherung, einer gesetzlichen Unfallversicherung und schließlich einer gesetzlichen Altersversicherung führten. Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Diskussionen und Forderungen der sogenannten Kathedersozialisten dieses Sozialver­siche­rungswerk maßgebend beeinflusst haben.

 

Diese Gesetzgebung, welche in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde, galt zu der damaligen Zeit innerhalb Europas als besonders fortschrittlich und dies trotzdem, obwohl objektiv betrachtet die Bismarck’schen Sozialgesetze lediglich einen Minimalschutz boten. Es wurde nur vorgesehen, dass derjenige, der aufgrund von Krankheit oder aufgrund eines Unfalls vorübergehend keiner geregelten Arbeit nachgehen konnte und deshalb auch während der risikobedingten Arbeitsun­fähigkeit über keinen regulären Lohn verfügte, ein Krankengeld oder eine Unfallrente bezog, das gerade das physische Existenzminimum garantierte. Weiterhin kamen nur die Industriearbeiter in den Genuss dieser Versicherung, während der überaus größte Anteil der Arbeitnehmer, welcher damals noch in der Landwirtschaft beschäftigt war, keinen Versicherungsschutz erhalten hatte.

 

Drittens wurden nicht alle sozialen Risiken mit einbezogen, vor allem nicht das Arbeitslosenrisiko noch das Währungsrisiko. Schließlich erfüllte dieses Sozialwerk nur einen Schutz bei bereits eingetretenem Risiko. In keiner Weise machte man sich darüber Gedanken, wie die Risiken selbst bekämpft werden können und ob die Gefahr besteht, dass unter Umständen aufgrund einer speziellen Ausgestaltung der Versicherung von diesem System sogar Anreize zur Ausweitung des Risikoeintritts ausgehen.

 

Erste Ansätze zu einem Arbeitsschutz, dem zweiten Problemkreis des Vereins für Socialpolitik  finden sich bereits 1839 in Preußen. Im Jahr 1828 hatte der preußische Generalleutnant von Horn der Preußischen Regierung mitgeteilt, dass aufgrund verbreiteter Nachtarbeit der Kinder bei Musterungen von Rekruten eine hohe Zahl Untauglicher festgestellt wurde. Dieser Bericht gab dann auch den Anstoß zu einem staatlichen Arbeitsschutz in Preußen. 1839 wurde hierauf das Preußische Regulativ eingeführt, das Kinderarbeit unter 9 Jahren verbot. Jugendliche bis zum 16. Lebensjahr durften nur 10 Stunden pro Tag arbeiten. Allerdings wurde die Einhaltung dieser Bestimmungen zunächst nicht überwacht.

 

1853 kam es zur Einsetzung von staatlichen Fabrikinspektoren. Damit war der Grundstein zur Gewerbeaufsicht gelegt. Gleichzeitig wurde in der preußischen Gewerbeordnung die Sonn- und Feiertagsarbeit verboten. Erst 1878 wurde durch den Aufsichtsparagraphen den Fabrikinspektoren erlaubt, jederzeit eine Revision in den Fabriken durchzuführen. 1891 wurde schließlich das Arbeiter­schutz­gesetz erlassen und damit die staatliche Gewerbeaufsicht ins Leben gerufen.

 

Auch in dieser Frage dürften die Diskussionen und Resolutionen im Verein für Socialpolitik dazu beigetragen haben, dass diese hier kurz skizierte Entwicklung der Arbeitsschutzgesetzgebung weitergeführt wurde.

 

 

8. Der Methodenstreit

 

Nur sehr selten finden sich in der Geschichte der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrmeinungen Beispiele dafür, dass führende Vertreter entgegengesetzter Richtungen öffentlich einen Streit austragen. Zu diesen wenigen Beispielen zählt der Methodenstreit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller. Karl Menger vertrat hier den Standpunkt, auch in den Wirtschaftswissenschaften gäbe es den Naturgesetzen vergleichbare exakte Gesetzmäßigkeiten. Demgegenüber vertrat Gustav von Schmoller die Auffassung, die Vorgänge im Bereich der Wirtschaft könnten zwar verstehend nachvollzogen werden, es sei aber nicht möglich, wirtschaftliche Ereignisse in Art eines Naturgesetzes eindeutig zu erklären.

 

Die Überlegungen, welche Gustav von Schmoller und mit ihm die meisten Vertreter der historischen Schule angestellt haben, um ihren Standpunkt zu beweisen, haben wir im Verlaufe dieses Kapitels bei der skizzenhaften Vorstellung der wichtigsten Vertreter der historischen Schulen kennengelernt. Es wird darauf hingewiesen, dass der handelnde Mensch in seinen Entscheidungen frei sei, dass er sich selbst dann noch anders verhalten kann, wenn die näheren Umstände ein ganz bestimmtes Verhalten nahelegen. Auch würden die Schlussfolgerungen, welche im Rahmen der traditionellen klassischen Theorie gezogen würden, in der Regel immer nur für ganz bestimmte Wirtschaftsepochen gelten.

 

Demgegenüber verteidigte Karl Menger die Vorgehensweise im Rahmen der klassischen und neoklassischen Theorie, man könne sehr wohl eindeutige Schlussfolgerungen aus bestimmten wirtschaft­lichen Ereignissen, wie etwa Preisvariationen oder Änderungen in den zur Verfügung stehenden Ressourcen ziehen.

 

Wenn man nach der Gültigkeit von wirtschaftlichen Gesetzen fragt, muss man sich natürlich zunächst darüber klar werden, welcher Art die einzelnen Schlussfolgerungen sind. Wollte der Wirtschafts­theoretiker für jeden einzelnen Unternehmer oder Konsumenten bestimmte Reaktionen auf Preisänderungen konstatieren, würde sich sehr schnell herausstellen, dass eine solche Aussage sehr leicht widerlegt werden könnte. Wenn wir z. B. die These aufstellen würden, restlos alle Unternehmer würden den Gewinn maximieren, so würde man sehr bald zahlreiche Ausnahmen finden, in denen das Verhalten eines Unternehmers von dieser Haltung abweicht.

 

Solche Formulierungen nach dem Schema für alle x gilt, dass die Variable x die Variable y auslöst, gehören aber eher zu den Ausnahmen. Im Allgemeinen sprechen Wirtschaftstheoretiker davon, dass eine Preisvariation bei einer Vielzahl (vielleicht auch Mehrzahl) von Unternehmern eine ganz bestimmte Reaktion auslösen und sie fügen noch hinzu, dass nur unter bestimmten Bedingungen, wenn z. B. starke Konkurrenz unter den Unternehmungen besteht, mit dieser Reaktion zu rechnen ist.

 

Weiterhin besteht auch ein großer Unterschied, ob man Wissen zu Tage bringen will, um den Wirtschaftsprozess zu verstehen und um ordnungspolitische Maßnahmen vorzuschlagen für den Fall, dass die Marktprozesse unbefriedigend verlaufen oder ob man aus der Theorie Anweisungen für eine staatlich bürokratische Behörde ablesen will.

 

Im ersten Falle reicht es nämlich zumeist aus, nachgewiesen zu haben, dass z. B. Preiserhöhungen eine Zunahme des Angebotes und eine Abnahme der Nachfrage auslösen, dass hierdurch eine Tendenz zum Gleichgewicht (zur Markträumung) eintritt und dass diese solange anhält, als noch ein Marktungleich­gewicht besteht.

 

Diese Angaben würden für einen Chef einer staatlichen Planungsbehörde nicht ausreichen, er müsste ja auch darüber entscheiden, um welchen Betrag er bestimmte Planungsgrößen verändern muss. Wenn z. B. einer staatlichen Planungsbehörde die Aufgabe gestellt wird, zu eruieren, wie groß das Staatsbudget sein muss, um Arbeitslosigkeit zu beseitigen, so muss der Leiter dieser Planungsbehörde darüber unterrichtet sein, wie viele Arbeitslose existieren, weiterhin mit welchem Einkommensmultiplikator gerechnet werden kann, usw. usf.

 

In diesem Falle würde eine Wirtschaftstheorie nur dann befriedigende Ergebnisse liefern, wenn die numerischen Größen (Elastizitätswerte etc.) restlos alle bekannt wären. Und diese Antworten zu liefern, verfehlen wohl die meisten Wirtschaftstheorien. Wenn wir jedoch von einer Marktwirtschaft ausgehen, kommt es dann nicht mehr auf alle relevanten numerischen Werte an, sondern es interessiert etwa, ob wir mit einer Gleichgewichtstendenz rechnen können und in welchen Zeiträumen diese Anpassungs­prozesse stattfinden.

 

In diesem Streit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller versuchte Walter Eucken einzugreifen und zu schlichten. Er räumte gegenüber Schmoller ein, dass nahezu jedes wirtschaftliche Ereignis einmaliger Natur sei. Jede Konjunktur sei z. B. einzig und gerade aus diesen Gründen hat Eucken bestritten, dass es so etwas wie eine allgemeine Konjunkturtheorie geben könne, die den Verlauf aller konkreten Konjunkturbewegungen erklären könne.

 

Diese Einmaligkeit rühre nun daher, dass es eine begrenzte Menge von elementaren Ordnungs­elementen gäbe, die recht unterschiedlich gemischt werden könnten und damit eine jeweils neue Situation erzeugten. Trotz der Einmaligkeit einer konkreten Mischungsstruktur, kann jede Situation auf einige wenige Grundelemente zurückgeführt werden, für die sehr wohl allgemein gültige Aussagen möglich seien. So könne man z. B. eindeutig feststellen, dass bei der Realisation eines Angebots­monopols der Preis höher und die verkaufte Menge geringer ausfallen als dann, wenn dieses Gut unter Konkurrenzbedingungen verkauft worden wäre.

 

 

        9. Das Herausschieben des Datenkranzes

 

Wie wir noch in den beiden letzten Abschnitten dieses Kapitels sehen werden, hat das Wirken der historischen Schule wesentlich dazu beigetragen, sowohl die Entwicklung der Wirtschaftstheorie in Deutschland zu behindern als auch eine große Unfähigkeit herbeigeführt, Lösungsmöglichkeiten für die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aufkommenden Probleme wie etwa die Inflationsgefahr in den 20er der Politik anzubieten.

 

Trotz dieses eigentlich vernichtenden Urteils über das Wirken der historischen Schule kann man trotzdem in einem Punkt nicht leugnen, dass die Arbeiten dieser wissenschaftlichen Richtung durchaus für eine fruchtbare Erweiterung des ökonomischen Denkens beigetragen haben.

 

Ich denke hierbei vor allem daran, dass zahlreiche Arbeiten der historischen Schule – allen voran die Vertreter des Institutionalismus in Großbritannien und den USA – dazu geführt haben, den Datenkranz der Wirtschaftstheorie weiter herauszuschieben und damit Problemstellungen, welche bisher als wirtschaftswissenschaftliches Datum galten wie z. B. die Bedarfsstruktur nun  Gegenstand zahlreicher wirtschaftswissenschaftlicher Untersuchungen wurden.

 

Bekanntlich hatte Walter Eucken, der – wie wir bereits gesehen haben – zwischen theoretischer und historischer Betrachtungsweise zu vermitteln versuchte und gleichzeitig wesentlich zur Weiterent­wicklung der Wirtschaftstheorie beigetragen hat, die Vorstellung eines Datenkranzes entwickelt.

 

Danach untergliedert er die in der Wirtschaftstheorie behandelten Variablen in Datengrößen und Problemgrößen. Während es die Aufgabe der Wirtschaftstheorie ist, die Problemgrößen zu erklären, stellen die Datengrößen Bereiche dar, welche nicht mehr von der Wirtschaftswissenschaft erklärt werden können, welche entweder einfach als historisches Faktum hinzunehmen sind oder – falls sie erklärungsbedürftig sind – von anderen Wissenschaften wie z. B. der Wirtschaftspsychologie – aus der Sicht eines Ökonomen  erklärt werden sollten.

 

Als solche Datengrößen zählte Walter Eucken insgesamt 6 Bereiche auf: Als erstes Datum gilt bei Walter Eucken die Bedarfsstruktur einer Bevölkerung. Als zweites, drittes und viertes Datum werden die einer Volkswirtschaft zur Verfügung stehenden Ressourcen wie Böden und Natur, die Arbeitskraft und das zur Verfügung stehende Kapital benannt. Das Kapital stellt natürlich ebenso eine Problemgröße dar, soweit es die Frage betrifft, wovon es abhängt, wie viel Kapital in der gegenwärtigen Periode gebildet wird. Das Kapital, welches jedoch für die heutige Produktion benötigt wird, und bereits in den vergangenen Perioden gebildet wurde, ist für die heutige Wirtschaft und damit auch für die diese Wirtschaft erklärende Wirtschaftstheorie ein Datum.

 

Als fünftes Datum wird bei Walter Eucken das technische Wissen über die Produktion bezeichnet, als sechstes Datum kennzeichnet Eucken die Wirtschaftsordnung, welche dafür verantwortlich ist, welche Anreize auf die wirtschaftlich handelnden Personen ausgehen.

 

Das Hauptanliegen der Wirtschaftstheorie besteht nun darin, aufzuzeigen, wie die wirtschaftlichen Problemgrößen – also vor allem die Preise und angebotenen Gütermengen – von den Datengrößen her bestimmt werden.

 

Eine solche Betrachtungsweise läuft dann leicht Gefahr, in einen Modellplatonismus zu verfallen – wie Hans Albers einem Teil der Neoklassiker vorgeworfen hatte –, der sich darauf beschränkt, nur nach den logischen Schlussfolgerungen vorgegebener Daten zu fragen. Die eigentlichen empirisch gehaltvollen Fragen werden in den Datenkranz geschoben, was zur Folge hat, dass sich der Wirtschaftstheoretiker um die Klärung dieser Fragen nicht mehr zu kümmern hat. Diese Fragen sind dann jeweils an andere Wissensdisziplinen zu stellen, z. B. bei der Klärung der Bedarfsstruktur an die Wirtschaftspsychologie.

 

Die Schwierigkeit bei einer solchen Arbeitsteilung zwischen den Wissensdisziplinen liegt nun darin, dass die angesprochene Disziplin gar nicht die Fragen, welche wir zur weiteren Vertiefung unserer wirtschaftlichen Probleme an die Nachbardisziplinen herantragen, zu beantworten weiß. Jede Disziplin entscheidet selbst darüber, welchen Wissensausschnitt sie wählt und für welche Problemgruppen sie sich interessiert.

 

Es wäre für den wissenschaftlichen Fortschritt sehr viel besser, wenn die Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Wissensbereichen so gewählt würde, dass jede Wissenschaft bemüht ist ihren Datenkranz soweit herauszuschieben, dass die empirische Überprüfung der informativ gehaltvollen Hypothesen in den Bereich der Disziplin fällt, welche auch überprüft, inwieweit diese als Daten aufgefasste Größen die eigentlichen Problemgrößen verursachen.

 

Es ist nun das Verdienst der historischen Schule, dass sie dazu beigetragen hat, den Datenkranz der Wirtschaftstheorie herauszuschieben. Dies erfolgte zum einen dadurch, dass z. B. Veblen Unter­suchungen über das Verhalten der Konsumenten durchgeführt hat. Aber auch dort, wo keine empirisch-theoretische Arbeit geleistet wurde, wo sich die Vertreter der historischen Schule wie bei Schmoller im Wesentlichen darauf beschränkt haben, empirische Daten zu sammeln, haben sie doch dazu angeregt und empirische Voraussetzungen dafür geschaffen, dass andere Wissenschaftler wie z. B. Gary Becker und die Vertreter der Neueren Politischen Ökonomie solche theoretischen Untersu­chungen über Problemfelder, welche bisher als wissenschaftliches Datum angesehen wurden, begonnen haben. So ist es Gary Becker gelungen, Hypothesen über die Bedarfsstruktur zu entwickeln und auch Problemfelder wie Heirat, Liebe theoretischen Überlegungen zu unterziehen. Die Vertreter der NPÖ haben ihre theoretischen Untersuchungen auf Bereiche der Politik und des Rechts ausgeweitet.

 

 

10. Der Einfluss auf die Politik

 

Wir möchten die beiden letzten Abschnitte dieses Kapitels dafür benutzen, uns zu fragen, wie sich das Wirken der historischen Schule auf die Politik sowie auf den wissenschaftlichen Fortschritt ausgewirkt hat. Beginnen wir mit der Frage nach dem Einfluss auf die Politik.

 

Damit die Erkenntnisse der Wissenschaft in der praktischen Politik umgesetzt werden, sind insbeson­dere drei Voraussetzungen notwendig: Die Wissenschaftler müssen daran interessiert sein, dass ihre Forschungsergebnisse in der Politik umgesetzt werden, sie dürfen sich nicht in ein Glashaus zurückziehen und mit der praktischen Politik nichts zu tun haben wollen. Zweitens müssen die Politiker ebenfalls bereit sein, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in die praktische Politik umzusetzen. Die dritte Voraussetzung besteht darin, dass die Wissenschaftler auch über das Wissen verfügen, um die anstehenden politischen Probleme erfolgreich zu lösen. Fragen wir uns deshalb, ob im Hinblick auf die Bemühungen der historischen Schule diese drei Voraussetzungen erfüllt waren.

 

Dass die meisten Vertreter der historischen Schule bemüht waren, auf die Politik Einfluss auszuüben, kann kaum bestritten werden. Wie gezeigt gründeten sie den Verein für Socialpolitik, ein Forum, auf dem sie ihre sozialreformerischen Vorstellungen publik machen konnten. Wir haben gesehen, dass nahezu alle Vertreter der historischen Schule bemüht waren, aufzuzeigen, dass die vorherrschende Wirtschaftsform des Kapitalismus mangelhaft sei, dass vor allem die Arbeitnehmer benachteiligt würden und dass dringend sozialpolitische Reformen notwendig seien.

 

Wir können weiterhin auch davon ausgehen, dass die Politiker und vor allem die staatliche Bürokratie willens waren, bei den Vorbereitungen der Gesetzesvorlagen wissenschaftlichen Rat einzuholen. Die führenden Vertreter der historischen Schule allen voran Gustav von Schmoller, aber auch Adolf Wagner fanden in der politischen Praxis vor allem schon deshalb ausreichend Gehör, weil in den letzten Jahrzehnten des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nahezu alle wirtschaftswissen­schaftlichen Lehrstühle in Deutschland von Vertretern der historischen Schule besetzt waren – die deutsche Nationalökonomie war fest in den Händen  der historischen Schule –. Somit waren die wirtschaftlichen Akademiker, welche nach Abschluss ihres Studiums in die staatliche Verwaltung und in die Spitzenverbände der Wirtschaft überwechselten, vorwiegend von Schmoller und seinen Schülern ausgebildet und bereit, den Rat ihrer bisherigen Lehrer einzuholen.

 

Im Hinblick auf die Frage, ob die Vertreter der historischen Schule auch in der Lage waren, einen brauchbaren Rat für die anstehenden politischen Fragen zu geben, können wir auch hier diese Frage insoweit bejahen, als es um sozialpolitische Reformen ging. Wir hatten bereits erwähnt, dass die Bismarck’sche Sozialgesetzgebung der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts in der Tat auf Vorstellungen und Vorschläge der Kathedersozialisten zurückging. Auch für die Weiterentwicklung des Arbeits­schutzes standen sicherlich viele Vorschläge dieser Wissenschaftsgruppe Pate.

 

Wenn wir jedoch unsere dritte Frage auf die eigentlichen wirtschaftspolitischen Probleme der Weimarer Republik beziehen, müssen wir feststellen, dass die deutsche Nationalökonomie eher ein erbärmliches Bild abgab. Die Vertreter der historischen Schule waren nicht in der Lage, brauchbare Vorschläge zu den brennendsten Fragen der Wirtschaftspolitik der damaligen Zeit zu entwickeln, mangels theoretischer Kenntnisse hatten sie keine Idee, wie die Inflation in den 20er Jahren oder die Massenarbeitslosigkeit seit Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts erfolgreich bekämpft werden konnten, auch in der Frage der Reparationszahlungen Deutschlands gegenüber Frankreich und Großbritannien fehlten die theoretischen Grundlagen für ausreichende Lösungen.

 

Selbst dann, wenn wir nochmals auf den tatsächlichen Einfluss der historischen Schule auf die Sozialgesetzgebung unter Bismarck zurückkommen, sind einige Einschränkungen notwendig. Um z. B. ein befriedigendes Ordnungssystem der Krankenversicherung beurteilen zu können, wären durchaus theoretische Kenntnisse von Nöten gewesen, über welche die Kathedersozialisten auch in diesen Fragen nicht verfügten. Wir wissen heute, dass der Erfolg in der Krankenversicherung wesentlich davon abhängt, welche Anreize vom System der Versicherung auf  das Verhalten der Versicherten ausgehen. Diese Anreize können positiver Natur sein, in dem sie sparsames Verhalten prämieren, sie können aber auch negativ sein, in dem sie ein Moral Hazard Verhalten, bei dem die Versicherung über Gebühr in Anspruch genommen wird, begünstigen.

 

 

 

11. Der Einfluss auf den wissenschaftlichen Fortschritt

 

Wir wollen uns zum Abschluss dieses Kapitels die Frage stellen, wie sich denn die Theoriefremdheit und -feindlichkeit auf den weiteren Fortschritt der Wirtschaftswissenschaft in Deutschland ausgewirkt hat. Wir haben davon auszugehen, dass sich wissenschaftlicher Fortschritt darin äußert, dass neue Hypothesen aufgestellt werden, welche im Anschluss daran einer empirischen Überprüfung unterzogen werden. Hierbei gilt es daran zu erinnern, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht nur dann vorliegt, wenn eine neue Hypothese empirisch bestätigt wurde, sondern auch dann, wenn Thesen, welche bisher als wahr angesehen wurden, durch empirische Untersuchungen falsifiziert wurden und damit aus dem Kranz der gültigen Aussagen gestrichen wurden.

 

Die Theoriefeindlichkeit der historischen Schule führte nun dazu, dass sich die Wissenschaftler gar nicht mehr um das Auffinden neuer Theorien bemühten, da sie ja in dem Ansatz der Theorie bereits eine falsche Betrachtungsweise sahen. Es ist zwar richtig, dass sie eine Vielzahl empirischer Untersuchungen einleiteten. Obwohl jede Theorie erst dann Gültigkeit erlangt, wenn sie empirisch überprüft wurde, leisten die Arbeiten der historischen Schule hier keine Dienste zur Weiterentwicklung der Theorie. Diese Forscher lehnen es ja ab, Theorien zu entwickeln und sind der Meinung, dass entweder auf dem Bereich der Wirtschaft gar keine allgemeingültigen Theorien entwickelt werden können oder dass zumindest unser heutiger Kenntnisstand noch keine Bildung einer Theorie zulässt.

 

Es kommt noch ein weiteres Moment hinzu. Wissenschaftlicher Fortschritt setzt nämlich weiterhin voraus, dass auch das bisherige Wissen weitergegeben wird. Würde dies nicht geschehen, müsste ja jeder Forscher von neuem beginnen und er würde die meiste Zeit damit verplempern, dass er Dinge erforscht, welche bereits von früheren Wissenschaftlern erforscht wurden. Fortschritt im Bereich der Wissenschaft ist nur möglich, wenn das bisher gesammelte Wissen übernommen werden kann und wenn der einzelne Forscher sofort damit beginnen kann, aufbauend auf dem bisher gefundenen Wissen neue Erkenntnisse zu eruieren.

 

Wir müssen uns weiterhin darin im Klaren sein, dass der wissenschaftliche Fortschritt davon lebt, dass auf der ganzen Welt geforscht wird und dass sich ein Land nur dann auf der Höhe der Kenntnisse befindet, wenn es Kenntnis nimmt von den Forschungen im Ausland. Genauso, wie ein einzelner Forscher nur dann zur Weiterentwicklung der Theorie beitragen kann, wenn er das Wissen der anderen Forscher dieses Landes zur Kenntnis nimmt, genauso hängt die Wachstumsrate des Wissens davon ab, ob die einheimischen Forscher auch die im Ausland gefundenen Entdeckungen zur Kenntnis nehmen.

 

Wer jedoch wie die Vertreter der historischen Schule jede Beschäftigung mit der Theorie ablehnt, wird auch an den internationalen wissenschaftlichen Kongressen nicht teilnehmen und gerade deshalb auch bewirken, dass das Wissen um die in der Vergangenheit und im Ausland entwickelten Theorien immer mehr verloren geht und von der nachfolgenden Generation nicht mehr zur Kenntnis genommen wird.

 

Diese Zusammenhänge wurden dadurch noch verschärft, dass in Deutschland nach dem Zusammen­bruch der Weimarer Republik das Entstehen des dritten Reiches und im Anschluss daran der Ausbruch des zweiten Weltkrieges bewirkt hatten, dass die deutsche Wissenschaft überhaupt keine Kenntnis über die Weiterentwicklung der Wirtschaftstheorie im Ausland erlangen konnte. Zunächst waren es ideologische Gründe, weshalb im dritten Reich die deutschen Wissenschaftler keinen Kontakt mit Kollegen aus den angelsächsischen Staaten nehmen durften, nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges war es dann den deutschen Ökonomen mehr aus technischen Gründen nicht mehr möglich, an internationalen Tagungen teilzunehmen.

 

So war der Wissensstand der deutschen Ökonomie über den Stand der Wissenschaft auf der ganzen Welt, vor allem in den angelsächsischen Staaten  nach Beendigung des zweiten  Weltkrieges verheerend gering. Es war dann einzelnen Wissenschaftlern, wie z. B. Erich Schneider, welcher in den Kriegsjahren an der Universität in Arrhus in Dänemark gelehrt hatte und von dort immer noch Zugang zu der angelsächsischen und skandinavischen Wirtschafts-Literatur hatte, welcher die Wirtschaftstheorie nach der Isolierung im Dritten Reich im Nachkriegsdeutschland bekannt machte und deshalb von Schumpeter als Präzeptor Germania bezeichnet wurde.