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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

 

5. Wissenschaftlicher Sozialismus

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Die verschiedenen sozialistischen Richtungen

3.  Der deterministische Ansatz

4. Die Arbeitswertlehre

5. Übertragung der Arbeitswertlehre auf die Arbeitskraft selbst

6. Die Entstehung des Mehrwertes

7. Zwang zur Akkumulation

8. Tendenz zur Konzentration

9.  Die Verelendungsthese

                         10. Der Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft

                        

 

 

1. Einführung

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel mit dem wissenschaftlichen Sozialismus befassen. Begründer dieser Lehre waren Karl Marx und Friedrich Engels. ‚Wissenschaftlich‘ wurde diese Richtung des Sozialismus von Marx deshalb genannt, weil er vermeinte, wissenschaftlich nachweisen zu können, dass aus der vorliegenden kapitalistischen Wirtschaft notwendiger Weise eine sozialistische Gesellschaft erwachse.

 

Marx unterschied sich in dieser Betrachtungsweise z. B. von Adam Smith oder anderen Verfechtern einer liberalen Volkswirtschaft. Auch Adam Smith, der Begründer der modernen Volkswirtschafts­lehre war der Meinung, den Liberalismus mit wissenschaftlichen Methoden beweisen zu können. Trotzdem liegt bei beiden Autoren eine unterschiedliche wissenschaftliche Zielrichtung vor. Adam Smith ging es darum, wissenschaftlich nachzuweisen, dass der Liberalismus in viel besserer Weise als eine interventionistische und merkantilistische Wirtschaftspolitik in der Lage sei, die Wohlfahrt der Bevölkerung zu steigern. Sein wissenschaftliches Hauptinteresse bestand eben gerade nicht darin, in ähnlicher Weise wie es Karl Marx getan hat, nachzuweisen, dass der geschichtliche Prozess von selbst die erwünschte Wirtschaftsordnung (bei Karl Marx die sozialistische, bei Adam Smith die liberale Ordnung) zwingend herbeiführt.

 

Karl Marx hat sich zwar auch darüber Gedanken gemacht, warum die zukünftige Ordnung: die sozialistische Gesellschaft so viel besser sei als die bisherige Ordnung: die kapitalistische Wirtschafts­form. Überlegungen über die Wirkungsweise und Überlegenheit einer sozialistischen Ordnung stehen jedoch bei Karl Marx nur am Rande. So war er der Überzeugung, dass es in einer sozialistischen Gesellschaft, in welcher das Eigentum an den Produktionsmitteln sozialisiert ist, gelingt, die Produktivität so zu steigern, dass die Bedürfnisse aller arbeitenden Menschen bestens erfüllt werden könnten. Wie jedoch eine sozialistische Gesellschaft tatsächlich funktioniert, über welche Mechanismen die Wünsche der Konsumenten an die Produzenten herangetragen und erfüllt werden, darüber hat Karl Marx nur sehr wenig nachgedacht.

 

Mit der Charakterisierung seiner Lehre als ‚wissenschaftlicher‘ Sozialismus wollte er sich und seine Anhänger bewusst abgrenzen gegenüber andere Richtungen des Sozialismus. So hielt er insbesondere die Frühsozialisten, die zur Zeit der französischen Revolution vorwiegend in Frankreich aktiv wurden, für unwissenschaftlich und utopisch, insbesondere wandte er sich gegen Proudhon, der für einen Anarchismus ohne jeglichen Staat eintrat und seine Ideen 1846 in seiner Schrift über  Systèmes  des con­tradictions économiques, ou philosophie de la misère‘ entwickelt hatte. Die Verachtung, welche Karl Marx gegen Proudhon hegte, kommt deutlich in dem Titel der 1847 veröffentlichten Streitschrift:  Misère de la philosophie‘ zum Ausdruck.

 

Karl Marx hatte jedoch seinen ‚wissenschaftlichen‘ Sozialismus auch gegen die durchaus wissenschaftlich begründeten Vorstellungen der Vertreter der jüngeren historischen Schule wie Gustav Schmoller und Adolf Wagner abgehoben, welche mit der Gründung des Vereins für Socialpolitik im Jahre 1873 für sozialpolitische Reformen aktiv eintraten. Verächtlich bezeichnete Karl Marx deren Bemühungen als ‚Kathedersozialisten‘, welche weit abgewandt von der Realität in wissenschaftlicher Manier aber ohne jedes Gespür für die Realität ihre Ideen vortrugen.

 

 

2. Die verschiedenen sozialistischen Richtungen

 

Bevor wir mit der Darstellung des wissenschaftlichen Sozialismus beginnen, wollen wir ganz kurz die wichtigsten Richtungen des Sozialismus und deren Hauptvertreter vorstellen.

 

Im Zusammenhang und im Anschluss an die französische Revolution von 1789 entstand der vor allem auf Frankreich beschränkte Frühsozialismus, der insbesondere von Henri de Saint Simon und Charles Fourier begründet wurde.

 

Henri de Saint Simon lebte von 1772 bis 1837 und war der Begründer des religiös fundierten Sozialismus. In seiner 1825 veröffentlichten Arbeit über  Nouveau  Christianisme‘ sah er es als die Aufgabe der classe industrielle an, Arbeit und Wohlstand zu schaffen und diesen allen, vor allem auch den Ärmsten, zugutekommen zu lassen. Er hielt es für unumgänglich, sowohl die angestammten Privilegien des Adels zu beschneiden, als auch das Privateigentum, in dem er einen Grund für die Ausbeutung sah, zu beschränken.

 

Charles Fourier lebte von 1772 bis 1837 und entwickelte in seiner 1829 veröffentlichten Arbeit über  Nouveau monde industriel et sociétaire‘ die Idee einer  Aufteilung des Staates in Genossenschaften; soziale Vorschriften sollten Ehe und Familie ersetzen. Privateigentum sei zwar erlaubt, jedoch sollten Arm und Reich zusammenleben.

 

Eine gewisse Sonderrolle spielte Joseph Pierre Proudhon, der von 1809 bis 1856 lebte und als Vater des Anarchismus bezeichnet wurde. In seinem bereits erwähnten 1846 veröffentlichten Werk: ‚Systèmes  des contradictions économiques, ou philosophie de la misère‘ vertrat er die Ansicht, dass das moralische Verantwortungsgefühl des Einzelnen so weit entwickelt sei, dass jede Form der Regierung überflüssig werde. Er verwarf den Gebrauch von Gewalt, um den Menschen irgendein System aufzuzwingen.

 

Zu den Vertretern des wissenschaftlichen Sozialismus zählten wie bereits angedeutet Karl Marx und Friedrich Engels deren Begründer, aber auch Karl Kautsky.

 

Karl Marx lebte von 1818 bis 1883, war deutscher Philosoph und Publizist, Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus und Mitverfasser des Kommunistischen Manifestes. Seine Ideen entwickelte er insbesondere in seinen Hauptwerken 1847 ‚ Misère de la philosophie‘, in der er sich wie bereits erwähnt gegen die Ideen Proudhons wandte, weiterhin in seiner 1859 veröffentlichten Arbeit ‚Zur Kritik der politischen Ökonomie‘, sowie insbesondere in seinem Hauptwerk (1867) ‚Das Kapital‘, dessen dritter und vierter Band allerdings erst posthum von seinem Mitstreiter Friedrich Engels herausgegeben wurde. In diesem vierbändigen Werk wurden seine wirtschaftswissenschaftlichen Grundzüge entwickelt.

 

Friedrich Engels lebte von 1820 bis  1895, war deutscher Sozialreformer und wie bereits erwähnt  Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus. Seine Ideen entwickelte er insbesondere in seiner 1845 veröffentlichten Arbeit über ‚Die Lage der arbeitenden Klasse in England‘ sowie in der 1882 herausgegebenen Schrift über ‚Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft‘.

 

Karl Kautsky lebte von 1854 bis 1938. Er war der deutscher Vertreter des Marxismus in Nachfolge Friedrich Engels und Führer der Sozialdemokratie. In seiner 1899 veröffentlichten Schrift ‚Bernstein and the Social Democratic Program‘ wandte er sich gegen den Bernstein‘schen Revisionismus. 1908 veröffentlichte er seine Arbeit: ‘The Social Revolution and on the Morrow of the Social Revolution’, in der er  innerhalb der marxistischen Krisentheorie und Imperialismus-Debatte zu schlichten versuchte.

 

In Deutschland entstand 1875 die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), die sich das Gothaer Programm gab und die aus dem Zusammenschluss des von Friedrich Lasalle gegründeten Allgemeinen deutschen Arbeitervereins sowie der von A. Bebel und W. Liebknecht geführten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei hervorging. Unter dem Druck der Sozialistengesetze Bismarcks setzten sich marxistische Vorstellungen in dieser Partei durch. Bereits 1899 setzte sich jedoch E. Bernstein für eine Abwendung der revolutionären Gedankengänge des Marxismus ein.

 

In der ideologischen Weiterentwicklung des Sozialismus kam es dann sehr schnell nach dem ersten Weltkrieg zu einer Spaltung der sozialistischen Parteien und zwar dadurch, dass die gemäßigten Gruppierungen innerhalb des Sozialismus eine sozialdemokratische Partei gründeten, die sich von der revolutionären kommunistischen Partei vor allem darin unterschied, dass sie die demokratische Verfassung der Weimarer Republik anerkannte und sozialistische Gedankengänge nur im Rahmen des freiheitlichen Rechtsstaates zu verwirklichen versuchte.

 

Anfangs ging zwar auch die sozialdemokratische Partei von der Vorstellung aus, dass die sozialen Missstände durch das kapitalistische System verursacht seien und dass deshalb bei einer Verstaatlichung des erwerbswirtschaftlichen Kapitals die sozialen und wirtschaftlichen Probleme gelöst werden könnten.

 

In der Folgezeit vollzog die sozialdemokratische Partei jedoch einen entscheidenden Wandel zum freiheitlichen Sozialismus hin. Bereits in der Weimarer Republik versuchten die Sozialdemokraten diese Sozialisierung des Kapitals dadurch zu erreichen, dass nur noch die sogenannten Schlüsselindustrien (Kohle, Stahl und Banken) verstaatlicht werden sollten. Auf der einen Seite reiche es aus, nur diese Wirtschaftszweige zu verstaatlichen, da nahezu jeder Wirtschaftssektor die Rohstoffe Energie und Stahl sowie Kredite benötige und deshalb über die verstaatlichten Schlüsselindustrien ausreichend gelenkt werden könnte. Auf der anderen Seite wurde befürchtet, dass bei einer Verstaatlichung der gesamten Wirtschaft die staatliche Bürokratie so mächtig würde, dass sie das Parlament und damit letzten Endes auch die Bevölkerung unterjochen könne.

 

Im Godesberger Programm (1959) vollzog die SPD einen weiteren Schritt hin auf marktwirtschaftliche Konzeptionen, indem sie Abschied nahm von allgemeinen Verstaatlichungszielen und anerkannte, dass  die Marktwirtschaft die effizientere Produktionsmethode darstelle und deshalb auch akzeptiert werden könne, sofern nur der Markt eine Korrektur im Hinblick auf Verteilungspolitik und Soziale Sicherheit erfahre.

 

Gleichzeitig wurde die im Grundgesetz festgelegte Anerkennung des Privateigentums, allerdings mit sozialer Verpflichtung bejaht. Damit wurde die Entwicklung des Sozialismus zu einem freiheitlichen Sozialismus eingeleitet. Neben der Verwirklichung einer gerechten Verteilung sei durchaus eine in die soziale Verpflichtung des Grundgesetzes eingebundene Freiheit des einzelnen, auch des Unternehmers zu bejahen.

 

 

3.  Der deterministische Ansatz

 

Karl Marx war der Begründer des sogenannten ‚wissenschaftlichen‘ Sozialismus. Er vermeinte nachweisen zu können, dass sich die kapitalistischen Gesellschaften notwendiger Weise zum Sozialismus (Kommunismus) entwickelten. In geschichtsphilosophischer Hinsicht war er Schüler Hegels, der von der Überzeugung ausging, dass die Geschichte in einem Dreierschritt These, Antithese und schließlich Synthese voranschreite.

 

In einem ersten Schritt werde nach Hegel eine Idee entwickelt, die ‚These‘. Diese werde jedoch nicht unwidersprochen hingenommen, sondern rufe in einem zweiten Schritt eine Gegenthese, die sogenannte Antithese hervor. Es komme schließlich in einem dritten Schritt durch Auseinandersetzung von These und Antithese zur Synthese, welche schließlich Elemente sowohl der These wie auch der Antithese enthalte.

 

In einem entscheidenden Punkt allerdings widersprach Karl Marx Georg Friedrich Hegel. Während Hegel der Überzeugung war, dass die Geschichte schließlich durch Ideen fortschreite, meinte Karl Marx, dass Hegel die Verhältnisse auf den Kopf gestellt habe, dass die Ideen nur die Entwicklung in den materiellen Verhältnissen widerspiegelten und dass es deshalb die Entwicklung in diesen materiellen Verhältnissen sei, welche die Geschichte vorantreibe. Die Ideen seien nur der ideologische Überbau, dessen sich die jeweiligen Mächtigen bedienen, um ihre Stellung zu verteidigen.

 

Die Vorstellung, dass die Menschen Ideen entwickeln, dass diese Widerspruch erfahren und dass sich aus der Auseinandersetzung dieser Meinungen schließlich Vorstellungen bilden, welche Elemente aller an der Diskussion beteiligter Ideen enthalten, entspricht nun sicherlich der Wahrheit. Falsch ist hierbei allerdings die Auffassung, dass dieser Prozess deterministisch erfolgt, in dem Sinne, dass es für eine bestimmte These immer nur eine Antithese gebe und dass aus der Auseinandersetzung dieser beiden Thesen schließlich eine von vornherein bestimmte Synthese entstehe.

 

Vielmehr zeigt die Erfahrung, dass auf der einen Seite eine bestimmte These durchaus mehrere Antithesen hervorrufen kann und dass es keinesfalls vorherbestimmt ist, welche Elemente der unterschiedlichsten Thesen sich schließlich durchsetzen. Auf der anderen Seite ist es eine Art schöpferischer Prozess, der Ideen und Antithesen entstehen lässt, sodass schon aus diesen Gründen nicht von vornherein feststeht, welche Antithesen entwickelt werden.

 

Weiterhin ist es sicherlich ebenfalls richtig, dass die materiellen Interessen einen entscheidenden Einfluss auf die Ideen und mit ihnen auf die geschichtliche Entwicklung nehmen. Wiederum ist es jedoch falsch zu unterstellen, dass diese materiellen Interessen die einzigen Bestimmungsgründe der geschichtlichen Entwicklung darstellen. Auch in der Frage der Beziehung von materiellen Interessen und Fortschreiten der Entwicklung gilt, dass bestimmte materielle Daten keinesfalls immer nur eine und die gleiche Idee erzeugen, dass vielmehr die ideelle Antwort auf bestimmte materielle Gegebenheiten zumeist eine unter mehreren möglichen Antworten ist.

 

Auch hier liegt ein schöpferischer Prozess vor, es hängt von den intellektuellen Leistungen einzelner geschichtlicher Persönlichkeiten ab, welche Antworten auf vorgegebene Fragen schließlich gefunden werden und es hängt in gleichem Maße von der Durchsetzungsfähigkeit dieser Persönlichkeiten ab, welche Idee sich schließlich durchsetzt.  

 

Das, was am geschichtlichen Prozess wissenschaftlich erfasst werden kann, liegt in einem ganz anderen Zusammenhang. Diese Frage wurde in der Auseinandersetzung zwischen neoklassischer Wirtschafts­lehre und historischer Schule im ausgehenden 19. Jahrhundert ausführlich diskutiert. Während die Vertreter der neoklassischen Schule - allen voran Karl Menger – die Meinung vertraten, dass auch wirtschaftliche Gegebenheiten mit den gleichen wissenschaftlichen Methoden analysiert werden könnten wie die Fragestellungen der Naturwissenschaft, warben die Vertreter der historischen Schule – hier vor allem Gustav von Schmoller – für die Idee, dass sich geschichtliche Prozesse der naturwissenschaftlichen Analyse entzögen, dass sie nur durch Methoden der Geschichtswissenschaft verstanden, aber nicht ursächlich erklärt werden könnten.

 

Walter Eucken versuchte in diesem Streit zu vermitteln. Auch er war der Meinung, dass es im Bereich der gesellschaftlichen, vor allem der wirtschaftlichen Prozesse keine allgemein gültigen Gesetze in dem Sinne gebe, dass jedes einzelne Ereignis durch die historischen Prozesse vorherbestimmt sei. Jede wirtschaftliche Situation sei einmaliger Natur und gerade aus diesen Gründen lehnte Walter Eucken die Berechtigung einer Konjunkturtheorie ab, da der konkrete Verlauf einer Konjunktur immer einmaliger Natur sei.

 

Diese Erkenntnis bedeute jedoch nicht, dass im Bereich von Wirtschaft und Gesellschaft keine allgemeingültigen Zusammenhänge vorlägen. Vielmehr ging Walter Eucken von der Vorstellung aus, dass es eine begrenzte Anzahl von wirtschaftlichen Ordnungselementen gäbe und dass von diesen elementaren Ordnungsformen ganz bestimmte Wirkungen auf die Lösung wirtschaftlicher Probleme ausgehen. Jede konkrete Situation sei somit einmalig in dem Sinne, dass jeweils sehr unterschiedliche und in diesem Sinne einmalige Mischungen der einzelnen Ordnungselemente vorliegen. Trotzdem könnten sehr wohl von der Wirtschaftstheorie allgemeine Gesetzmäßigkeiten untersucht werden, so könne z. B. festgestellt werden, dass Konkurrenzmärkte in besserem Maße in der Lage seien, die Produktion an den Konsumentenwünschen auszurichten als monopolistische oder oligopolistische Märkte.

 

Zurück zu den Thesen von Karl Marx. Auf den geschichtlichen Verlauf der Wirtschaftssysteme übertragen besagt der Dreierschritt von These, Antithese und Synthese, dass in einem ersten Schritt als These im Mittelalter die feudale Gesellschaft mit der Vorherrschaft der Adligen und des Klerus entstanden war. Diese Gesellschaftsform führte zu Widersprüchen, zu einer Antithese also, welche schließlich in die kapitalistische Gesellschaft mündete, in der nun die Entscheidungen bei den Besitzern von Kapital, den Kapitalisten lägen. Im weiteren Verlauf des geschichtlichen Prozesses führe jedoch die kapitalistische Gesellschaft notwendiger Weise zu einer sozialen Revolution, welche eine sozialistische Gesellschaft herbeiführe, in welcher das Eigentum an den Produktionsmitteln in Händen der Volksgemeinschaft liege.

 

Karl Marx war also davon überzeugt, dass die sozialistische Gesellschaft automatisch und notwen­diger­weise aus dem Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaften entstehe. Die geschicht­liche Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass die allgemeine geschichtliche Entwicklung gerade nicht diesem Schema gefolgt ist und deshalb auch nicht deterministisch vorgegeben ist. Das führende kommunistische Land in der Vergangenheit war die Sowjetunion. Diese ist jedoch gerade nicht aus einer industrialisierten kapitalistischen Volkswirtschaft hervorgegangen, Russland stand im Zeitpunkt der kommunistischen Revolution noch auf einer vorindu­striellen Phase. Ähnliche Überlegungen gelten auch für China, ebenfalls einem führenden kommunistischen System.

 

Nur für die ehemalige DDR kann gelten, dass hier ein bereits industrialisiertes und vorwiegend kapitalistisches Wirtschaftssystem von einem sozialistisch geordneten System abgelöst wurde. Aber gerade hier entsprach der Übergang zur kommunistischen Gesellschaft nicht dem von Karl Marx vorgezeichneten Entwicklungsweg. Die ehemalige DDR wurde eben gerade nicht aufgrund der kapitalistischen Widersprüche zu einer sozialistischen Gesellschaft, sondern allein deshalb, weil die sowjetische Besatzungsmacht mit Waffengewalt die sozialistische Revolution erzwang. Die drei Westzonen waren genauso wie die Ostzone aus einem industrialisierten und kapitalistisch geordneten Wirtschaftssystem hervorgegangen – der Anteil am Industriesektor war in den Westzonen sogar noch höher als in der Ostzone – und trotzdem kam es hier nicht zu der Errichtung einer kommunistischen Wirtschaft.

 

 

4.  Die Arbeitswertlehre

 

Genauso wie Karl Marx im Hinblick auf seine philosophischen Ansichten Schüler von Georg Friedrich Hegel war, folgte Karl Marx – wie vor allem Joseph Alois Schumpeter gezeigt hat – in seinen wirtschaftlichen Überlegungen den Lehren David Ricardos. Vor allem legte Karl Marx seinen wirtschaftsanalytischen Gedankengängen die klassische Arbeitswertlehre zugrunde, welche vor allem von David Ricardo entwickelt worden war. Danach lässt sich der Wert eines Gutes danach feststellen, wie viel Arbeitsstunden für die Produktion einer Gütereinheit gesellschaftlich benötigt werden.

 

Eigentlich hätte man nach damaligem Commonsense erwarten müssen, dass entsprechend der damals vorherrschenden objektiven Wertlehre der Wert eines Gutes (und dies ist der langfristig gültige Güterpreis) von der Höhe aller Kostenfaktoren bestimmt werde. Und zu den Produktionsfaktoren wurden nicht nur die Arbeit, sondern auch der knappe Boden sowie das Kapital gerechnet. Eine objektive Wertlehre kann also nur dann überzeugen, wenn der Nachweis gelingt, dass weder der Boden noch das Kapital die Höhe des Wertes mitbestimmt.

 

Genau diese Aufgabe hatte sich David Ricardo gestellt. Im vorhergehenden Kapitel hatten wir gezeigt, dass David Ricardo versuchte nachzuweisen, dass eine Bodenrente nur deshalb gezahlt wird, weil mit wachsender Produktion immer mehr auf weniger produktive Böden zurückgegriffen werden müsse und weil der freie Markt dafür sorge, dass für die Endprodukte ein gleicher Preis gezahlt werde, unabhängig davon, wie produktiv die einzelnen Böden seien. Die Folge sei, dass die Besitzer von produktiveren Böden eine Differentialrente bezögen. Die Rente sei also Folge der gestiegenen Knappheit und der damit verbundenen Preissteigerungen bei den landwirtschaftlichen Produkten und könne deshalb – aus logischen Gründen – nicht gleichzeitig Ursache der gestiegenen Preise sein. Der Boden war also nach Auffassung David Ricardos als Bestimmungsgrund der Werte eines Gutes ausgeschaltet.

 

Im vorhergehenden Kapitel konnten wir weiterhin feststellen, wie es nun David Ricardo gelang, das Kapital als Bestimmungsgrund der Wertbildung der Güter zu eliminieren. Hierzu muss man sich daran erinnern, dass die primäre Aufgabe jeder klassischen Wertlehre darin bestand, nicht die absolute Preishöhe, sondern die Relation zwischen den einzelnen Güterpreisen zu bestimmen. Die Preisstruktur werde jedoch nach Auffassung David Ricardos nicht durch das bei der Produktion eingesetzte Kapital bestimmt. Es gelte nämlich ein einheitlicher Zins für erwerbswirtschaftlich angelegtes Kapital und dies wiederum bewirke, dass die  Zinskosten zwar die absolute Höhe der Güterpreise, nicht aber den Wert – die relative Preishöhe – mitbestimmten. Auf die Arbeitskosten werde jeweils ein gleicher, von der Zinshöhe abhängiger Prozentsatz für die Kapitalkosten aufgeschlagen, die Relation zwischen den einzelnen langfristig gültigen Güterpreisen werde also durch Zinsänderungen nicht berührt. Damit war auch das Kapital als zweiter möglicher Bestimmungsgrund eines Güter­wertes ausgeschlossen.

 

Schließlich haben wir im vorhergehenden Kapitel gesehen, dass David Ricardo den Versuch unternahm, auch die Vielzahl der verschiedenen Arbeitsqualitäten schließlich auf eine einzige normale Arbeitsqualität zurückzuführen. Ricardo tat dies dadurch, dass er von der Annahme ausging, dass die Lohnstruktur langfristig technisch und nicht von wirtschaftlichen Faktoren wie etwa Knappheit oder Produktivität bestimmt werde.

 

Karl Marx hat diese von Ricardo entwickelte Arbeitswertlehre übernommen. Genauso wie er jedoch vermeinte, die Hegelsche Lehre auf die Füße stellen zu müssen, hat Karl Marx auch die Ricardianische Arbeitswertlehre zumindest in zwei Punkten abgewandelt und damit weiterentwickelt. Auf der einen Seite versuchte er die Arbeitswertlehre auch zur Erklärung des Wertes der Arbeit anzuwenden. Wir werden im nächsten Abschnitt auf diesen Versuch näher eingehen. Auf der anderen Seite sah er im Arbeitswert nicht nur einen Maßstab und eine Steuerungsgröße und damit eine relative Größe, sondern der Arbeitswert diente ihm als Maßstab für den absoluten Wert eines Gutes.

 

Die im letzten Kapitel aufgeführten Kritikpunkte gegen die von David Ricardo entwickelte Arbeits­wert­lehre gelten natürlich auch für Karl Marx. Genauso wie es David Ricardo nicht gelungen ist, ein überzeugendes Konzept für eine logisch einwandfreie objektive Werttheorie zu entwickeln, muss auch für Karl Marx festgestellt werden, dass seine Wirtschaftstheorie gerade deshalb, weil sie auf der klassischen und widerlegten Arbeitswertlehre aufbaut, genauso der Kritik ausgesetzt ist wie die Werttheorie von David Ricardo.

 

Wir wollen jedoch im Folgenden diese Bedenken zurückstellen und den Gedankengängen von Karl Marx folgen.

 

 

5. Übertragung der Arbeitswertlehre auf die Arbeitskraft selbst

 

Eine wesentliche Weiterführung der von Ricardo entwickelten Arbeitswertlehre besteht nun darin, dass nach Auffassung von Karl Marx nicht nur für die Güter gelte, dass sich ihr Wert an der Anzahl der benötigten Arbeitsstunden ausrichte, sondern auch die Arbeit selbst erhalte ihren Wert dadurch, dass zur Reproduktion und Erhaltung der Arbeitskraft selbst wiederum Arbeit aufgewandt werden müsse. Der Arbeiter bleibe nur dadurch in der Lage zu arbeiten, dass er sich ernähre und in der ihm verbleibenden Freizeit seine Arbeitskraft regeneriere. Da der Wert eines Gutes nach klassischen Vorstellungen nicht primär davon abhängt, wie viel Arbeitsstunden tatsächlich zur Erzeugung eines Gutes aufgewandt wurden, sondern nur allein wie viel Arbeitsstunden notwendig sind, um ein Gut zu erzeugen, gilt für Marx das Existenzminimum (an Gütern und Freizeit) als Maßstab für den Wert der Arbeitskraft.

 

Diese Übertragung der Arbeitswertlehre auch auf den Produktionsfaktor Arbeit finden wir bei Ricardo genauso wenig wie auch bei den anderen Klassikern. Die Arbeitswertlehre der Klassik war allein der Versuch, den Wert der Güter zu ergründen, wobei das Interesse am Wert der Güter damit begründet wurde, dass die Produktionslenkung, also die Aufteilung knapper Ressourcen auf die einzelnen möglichen Verwendungsarten entscheidend von den Wertrelationen gesteuert werde. Diese Betrach­tung beschränkt sich auf die zu produzierenden Güter, es steht bei den Klassikern nicht die Frage zur Diskussion, wie die Arbeitskraft oder andere Ressourcen gebildet werden. Stets stellen die Ressourcen einen Bestand dar, welcher für die Wissenschaft als Datum, also als eine Größe angesehen wird, welche es zumindest nicht im Rahmen der Wirtschaftswissenschaft zu erklären gilt.

 

Es ist allerdings richtig, dass auch Teile der Klassiker, vor allem David Ricardo und Robert Malthus davon überzeugt waren, dass der Lohnsatz tatsächlich die Tendenz habe, auf das Existenzminimum zu fallen. Wir haben im vorhergehenden Kapitel auch gesehen, wie Ricardo und vor allem Malthus zu diesen Schlussfolgerungen im Rahmen ihres dynamischen Modells gekommen sind. Im Mittelpunkt steht das Gesetz von dem abnehmenden Grenzertrag des Bodens. Aufgrund der von Malthus entwickelten Bevölkerungslehre ist mit einem starken – im Sinne einer geometrischen Reihe – sich entfaltenden Bevölkerungswachstum zu rechnen.

 

Dem Nahrungsbedarf der wachsenden Bevölkerung kann nur dadurch entsprochen werden, dass immer mehr Böden minderwertiger Qualität bebaut werden müssen. Die notwendigen Nahrungsmittel werden jedoch nur dann produziert und auf den Märkten angeboten, wenn auch diejenigen Bodenbesitzer, welche den schlechtesten Boden bebauen, im Güterpreis noch auf ihre Kosten kommen. Da aber nun auf freien Märkten für gleiche Produkte auch ein gleichhoher Preis erzielt wird unabhängig davon, welche Kosten jeweils angefallen sind, erhalten die Besitzer der qualitativ besseren Böden eine Rente.

 

Je mehr nun Böden schlechterer Qualität bebaut werden müssen, fällt ein immer größerer Teil der Erlöse aus dem Verkauf der Bodenprodukte den Bodenbesitzern zu mit der Folge, dass für Zinsen und Gewinne sowie Löhne immer weniger übrig bleibt. Damit scheint geklärt zu sein, dass mit zunehmender Entwicklung die Löhne die Tendenz haben auf das Existenzminimum zu fallen oder dort zu verharren und die Profitrate stetig zurückgeht. Mit Recht werden deshalb auch die Lehren Ricardos und Malthus als pessimistische Spätklassik deklariert.

 

Karl Marx ist gerade in dieser Frage Ricardo nicht gefolgt. Er lehnte es ab, die Tendenz der Löhne, dem Existenzminimum zu entsprechen, aus dem Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag des Bodens abzuleiten. In gewissem Sinne ist dies auch richtig, da Marx zu einer Zeit seine Theorien entwickelte, in der die industrielle Produktion die Landwirtschaft immer mehr verdrängte. Also wird man auch wohl kaum Gesetzmäßigkeiten in der Lohnbildung auf ein Gesetz zurückführen können, das sich auf die Landwirtschaft (auf die Bodenproduktion) bezieht. Zur Rechtfertigung der Ricardianischen Thesen haben wir allerdings darauf hingewiesen, dass ja auch bei der industriellen Produktion ein Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag beliebiger Produktionsfaktoren nachgewiesen werden konnte.

 

Zu dem Versuch, die Arbeitswertlehre auch auf die Arbeitskraft selbst zu übertragen, muss natürlich darauf hingewiesen werden, dass zumindest in einer freien Gesellschaft, die kein Sklaventum mehr kennt, die Zeugung von Menschen anderen Gesetzmäßigkeiten folgt als die Erzeugung von Waren. Also gibt es auch wenig Sinn, davon zu sprechen, dass sich der Lohnsatz genauso bildet wie der Preis einer Ware. Während der Produzent einer Ware diese nur dann produziert, wenn er als Erlös zumindest den Wert der entstandenen Kosten ersetzt bekommt, dürften bei der Zeugung von Menschen ganz andere Überlegungen und Handlungen im Vordergrund stehen.

 

 

6. Die Entstehung des Mehrwertes

 

Folgen wir nun den weiteren marxistischen Gedankenschritten. Die Arbeitnehmer, welche beschäftigt werden, erhalten nun einen Lohn in Höhe des Existenzminimums. Wie im vorhergehenden Abschnitt gezeigt, entspricht ja der Wert der Arbeitskraft gerade dem Existenzminimum, also den Gütern, welche benötigt werden, die Arbeit zu regenerieren.

 

Da aber nun die Arbeitnehmer während ihrer gesamten Arbeitszeit mehr Güter produzieren können, als zur Regenerierung der Arbeitskraft benötigt wird, erzielen die Unternehmer einen Gewinn, den Karl Marx als Mehrwert bezeichnet. Das Wort Mehrwert bringt hierbei zum Ausdruck, dass der Wert der Güter, welche die Arbeitnehmer erzeugen, größer ist als der Wert der Arbeit.

 

Machen wir uns diesen Zusammenhang an einem Beispiel klar. Die Arbeitnehmer würden 8 Stunden am Tag beschäftigt. Zur Produktion der Güter, welche zur Reproduktion der Arbeitskraft benötigt werden, seien jedoch nur 5 Stunden notwendig. Folglich fällt den Unternehmern der Wert von 3 Arbeitsstunden als Mehrwert zu.

 

Der Umstand, dass ein Mehrwert entsteht, ist bei Karl Marx sicherlich nicht die Folge einer Ausbeutung, wie dieser Begriff von kommunistischen Agitatoren auf der Straße gebraucht wird. Diese Gruppe von Kommunisten versteht unter Ausbeutung, dass die Kapitalisten die Arbeitnehmer räuberisch erpressen und aufgrund ihrer Vormachtstellung um ihren gerechten Lohn betrügen. Karl Marx hat immer eine solche Deutung des Begriffes Ausbeutung abgelehnt. Nach seiner Darstellung bezahlt der Unternehmer seine Arbeiter mit dem vollen Wert der Arbeitskraft.

 

Es ist nach Meinung von Karl Marx auch nicht der Unternehmer, welcher ausbeutet. Er folgt nur den Gesetzen der kapitalistischen Gesellschaft. Ausbeuterisch ist nach Meinung von Karl Marx allerdings das System der kapitalistischen Gesellschaft selbst. Es ist dem System zu verdanken, dass der Wert der Arbeitskraft und der Wert der mit Arbeitskraft erzeugten Produkte auseinanderfällt, dass also die Arbeiter, obwohl sie als einzige einen Wert erzeugen, trotzdem nicht den gesamten Wert der von Arbeitern erzeugten Güter erhalten.

 

Hier hat die Kritik anzusetzen. Selbstverständlich entstehen nicht nur aus der Tätigkeit von Arbeitnehmern Werte, auch diejenigen, welche unternehmerische Leistungen erbringen oder Kapital vorstrecken, tragen zur Wertschöpfung bei. Genauso wie es falsch ist, dass Güter ohne Zutun der Arbeiter erzeugt werden können, genauso ist es falsch, dass Güter allein mit Hilfe von Arbeitnehmern produziert werden können.

 

Damit die Arbeiter auch schon vor dem Verkauf der Produkte ausgezahlt werden können, bedarf es eines Geldgebers, der einen Kredit vorschießt und damit in aller Regel, das Risiko eingeht, dass Teile seines Vermögens nicht mehr zurückgezahlt werden können. Entweder werden die Waren gar nicht von den Konsumenten gekauft oder ein Konkurrent ist in der Lage, diese Waren billiger zu produzieren oder es entstehen bei der Produktion durch Unfälle hohe Kosten, welche durch die Verkaufserlöse nicht gedeckt sind.

 

Jede erfolgreiche Produktion setzt voraus, dass die Unternehmer die günstigsten Bezugsbedingungen für die bei der Produktion eingesetzten Rohstoffe und Halbfabrikate eruieren, dass sie die einzelnen Produktionsschritte so koordinieren, dass die Stückkosten nicht zu hoch ausfallen und dass auch Absatzmärkte erkundet werden, auf denen die Produkte zu Preisen abgesetzt werden können, die zumindest den entstandenen Stückkosten entsprechen. Selbstverständlich handelt es sich bei diesen Beiträgen um Leistungen, die für eine erfolgreiche Produktion unerlässlich sind und gerade deshalb auch zur Wertschöpfung genauso wie der Einsatz der Arbeitnehmer beitragen.

 

 

 

7. Zwang zur Akkumulation

 

Was machen nun die Kapitalisten mit dem Mehrwert, der ihnen zufällt? Nach Auffassung von Karl Marx können die Kapitalisten diesen Mehrwert nicht verkonsumieren, der unerbittliche Konkurrenz­kampf zwingt sie, diesen Mehrwert sofort wiederum in den eigenen Unternehmungen zu investieren, bzw. – wie es Karl Marx bezeichnet – zu akkumulieren.

 

Hierbei ist nicht allein von Bedeutung, dass der Mehrwert akkumuliert wird, sondern dass der Konkurrenzkampf die Unternehmungen ebenfalls zwingt, immer größere Teile dieses Mehrwertes für Maschinen auszugeben und damit einen immer geringeren Anteil für den Lohnfonds vorzusehen, der dazu dient, die Arbeiter zu entlohnen. Karl Marx spricht davon, dass sich auf diese Weise die organische Zusammensetzung des Kapitals verschlechtert. Und die Reduzierung des Lohnfonds bedeutet dann auch, dass weniger Arbeiter beschäftigt werden können, dass also die Arbeitslosigkeit ansteigt und eine industrielle Reservearmee entsteht. Wir werden auf die Bedeutung dieser Reservearmee später zurückkommen.

 

Von einer Verschlechterung in der Zusammensetzung der Kapitalverwendung spricht Karl Marx deshalb, weil seiner Theorie nach ja nur die Arbeitskraft Wert erzeuge. Infolgedessen könne auch nur durch den Teil des eingebrachten Kapitals (Mehrwerts) eine Wertsteigerung erwartet werden, welche für die Bezahlung von Arbeitern verwendet werde. Da aber der Anteil des Lohnfonds am gesamten eingebrachten Kapital zurückgeht, bedeutet dies auch, dass der Wert der Gesamtproduktion zurückgeht.

 

Diese Argumentation erscheint mir nicht stichhaltig. Der Teil des Mehrwertes, der für den Ankauf von Maschinen verwendet wird, dient doch –  wenn auch nur auf Umwegen – ebenfalls zur Bezahlung von Arbeitnehmern, derjenigen Arbeiter nämlich, welche die Maschinen hergestellt haben.

 

In einem Gedankenexperiment könnte man sich ja eine Unternehmung vorstellen, in welcher in den ersten beiden Perioden eine Maschine erstellt wird und in welcher dann in der dritten Periode die gleichen Arbeitnehmer an der in den Vorperioden erstellten Maschine die Endprodukte herstellen. Anstatt dass hier der eine Teil des Mehrwertes für den Ankauf von Maschinen verwendet wird, würde in diesem Beispiel der gesamte Mehrwert (das gesamte Kapital) für die Bezahlung der Arbeitnehmer eingesetzt, da wir ja davon ausgehen müssen, dass die Produktion dem Unternehmer erst nach Ablauf der dritten Periode Verkaufserlöse bringt, die Arbeitnehmer jedoch bereits von der ersten Periode ab bezahlt werden müssen.

 

Nun hat Joseph Alois Schumpeter darauf aufmerksam gemacht, dass einzelne Teile der Beweisführung von Marx durchaus widersprüchlich und auch falsch sind, dass aber die Ergebnisse trotzdem stimmen, da andere Bestimmungsgründe, die von Marx nicht berücksichtigt wurden, zu dem erwünschten Ergebnis kommen.

 

In diesem Sinne kann man darauf hinweisen, dass sich auch bereits David Ricardo mit der Frage befasst hat, ob die Einführung von Maschinen nicht auch zu Arbeitslosigkeit führe. In den zwei ersten Auflagen seines Hauptwerkes: ‘On the Principles of Political Economy and taxation’ ging Ricardo noch von der optimistischen Erwartung aus, dass eine Mechanisierung zu keiner nennenswerten Zunahme der Arbeitslosigkeit führe. Zwar müsse man damit rechnen, dass in den Fabriken, in denen Maschinen eingeführt werden, Arbeiter entlassen werden (Freisetzungseffekt). Gleichzeitig würden jedoch in den Wirtschaftszweigen, in denen diese Maschinen erstellt werden, Arbeitskräfte neu eingestellt werden (Kompensationseffekt). Auf diese Weise müsse also per Saldo keine wesentliche Verringerung der Beschäftigung befürchtet werden.

 

In seiner dritten Auflage korrigierte Ricardo diesen Standpunkt, in dem er in dem berühmten Maschinenkapitel im Anhang dieser Auflage zugibt, dass in gewissen Fällen auch per Saldo die Arbeitslosigkeit ansteigen kann und er versucht dies anhand eines Beispiels aufzuzeigen.

 

In der heutigen Wirtschaftstheorie geht man davon aus, dass es von der Art des technischen Fortschritts abhängt, ob Arbeitslosigkeit entsteht oder nicht. Die moderne Wachstumstheorie unterscheidet zwischen neutralem, kapitalsparenden und arbeitssparenden Fortschritt. Nur dann, wenn ein arbeitssparender Fortschritt vorliegt, besteht die Möglichkeit,  dass der Freisetzungseffekt größer ausfällt als der Kompensationseffekt. Roy F. Harrod und andere Wachstumstheoretiker gingen von der Vermutung aus, dass der technische Fortschritt insgesamt neutral verläuft, es gebe keine zwingenden Gründe, weshalb technischer Fortschritt in seiner Gesamtheit einseitig Arbeit oder Kapital einspare. Nicholas Kaldor versuchte sogar nachzuweisen, dass Marktprozesse auf einen neutralen Fortschritt hinwirkten.

 

Käme es nämlich zu einem arbeitssparenden Fortschritt und würden deshalb Arbeitskräfte entlassen, so würde der Angebotsüberhang auf den Arbeitsmärkten eine Lohnsenkung und damit auch eine Verringerung des Lohn-Zins-Verhältnisses herbeiführen und dies wiederum würde die Unternehmer veranlassen, stärker in kapitalsparenden Fortschritt zu investieren.

 

Weiterhin hat Erich Streißler aufgezeigt, dass der technische Fortschritt tatsächlich langfristig kapitalsparend und nicht arbeitssparend war, arbeitssparend war nur der relativ kleine Teil der Investitionen in Maschinen; langfristig wirkten sich jedoch die kapitalsparenden Effekte bei den Lagerinvestitionen aus, die selbst wiederum durch den technischen Fortschritt im Transportwesen möglich wurden. Wir hatten also in Wirklichkeit vorwiegend einen technischen Fortschritt, der Kapital und gerade nicht Arbeit eingespart hat.

 

Drittens schließlich ist die Frage, welcher technische Fortschritt sich letzten Endes im Durchschnitt durchsetzt, keinesfalls unveränderlich vorgegeben, sondern selbst wiederum davon abhängig, wie sich die Lohn-Zins-Relation entwickelt. Steigt der Lohnsatz stärker an als der Zinssatz, werden kapitalintensive Produktionsverfahren für die Unternehmungen vorteilhafter und sie werden in der Tat durch Mechanisierung Arbeitsplätze abbauen. Wenn auf diese Weise die gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit ansteigt, ist dies nur ein Anzeichen dafür, dass ein technischer Fortschritt ausgelöst wurde, welcher in sozialer Hinsicht keinesfalls erwünscht ist. Er hätte vermieden werden können, wenn sich die Lohn-Zins-Relation entsprechend den Knappheitsverhältnissen entwickelt hätte.

 

Arbeitssparender Technischer Fortschritt ist in sozialer Hinsicht nur dann erwünscht, wenn es an Arbeitskräften mangelt, wenn aufgrund dieses Mangels technisch gesehen mögliche Steigerungen der Produktion und damit Wohlfahrtszuwächse unterbleiben müssten. Hier bedeutet es einen Wohlfahrtsgewinn, wenn durch Mechanisierung die Produktion gesteigert werden kann, ohne dass dadurch Arbeitslosigkeit entsteht. Entscheidend ist nun, dass gerade die keynesianische Theorie – entgegen ihrer politischen Absichten – dazu beigetragen hat, dass sich die von ihr ausgehenden Empfehlungen nicht immer beschäftigungssteigernd, sondern manchmal sogar arbeitsplatzvernichtend auswirken.

 

Nach Vorstellung einiger Keynesianer sollen ja in Zeiten des Konjunkturabschwungs auf der einen Seite die Löhne stärker angehoben werden als die Arbeitsproduktivität steigt (Forderung nach expansiver Lohnpolitik). Auf der anderen Seite sollen die Zinsen sinken, um das Investitionsvolumen zu steigern. Beide Maßnahmen zusammen führen jedoch dazu, dass das Lohn-Zins-Verhältnis steigt mit der Folge, dass verstärkt kapitalintensivere Produktionsverfahren eingeschlagen werden. Das Investitionsvolumen steigt zwar an, es werden jedoch vorwiegend nicht Erweiterungs-, sondern Rationalisierungs­investitionen durchgeführt, welche Arbeitsplätze (bei arbeitsplatzsparendem techni­schen Fortschritt) eher vernichten als neu entstehen lassen.

 

Abschließend halte ich die marxistische Vorstellung, dass nur Arbeit Wert erzeuge und dass deshalb bei arbeitssparendem technischem Fortschritt der Gesamtwert der Produktion zurückgehe, für wenig überzeugend. Aufgrund der Mechanisierung steigt das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung an, die Gesamtbevölkerung kann sich einen immer höheren Konsumstandard leisten, trotzdem spricht Karl Marx von einem Rückgang im Gesamtwert der Produktion, anstatt dass er anerkennt, dass die Haushalte eine Nutzensteigerung nicht primär daraus ziehen, dass der Arbeitsaufwand zur Erzeugung der Konsumgüter angestiegen ist, sondern daraus, dass sie mehr und qualitativ bessere Waren konsumieren können.

 

 

8. Tendenz zur Konzentration

 

Fahren wir in der Marx’schen Beweiskette fort. Der gegenseitige, erbarmungslose Konkurrenzkampf der Unternehmer untereinander führt nicht nur dazu, dass die Unternehmer sich gezwungen sehen, ihren gesamten Gewinn wieder in die Unternehmung zu investieren und dass sich die organische Zusammensetzung des Kapitals verschlechtert und daraus Arbeitslosigkeit erwächst. Der Konkurrenz­kampf führt auch dazu, dass kleinere Unternehmungen Konkurs gehen oder von größeren Unterneh­mungen übernommen werden. Infolge dieses Konzentrationsprozesses wird die Zahl der Unterneh­mungen immer kleiner und die Größe der übrigbleibenden Unternehmungen immer größer.

 

Man wird wohl kaum bezweifeln können, dass in den letzten hundert Jahren ein beispielsloser Konzentrationsprozess auf der ganzen Welt stattgefunden hat und auch noch stattfindet. Schumpeter spricht in seinem Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie von einer großartigen und richtigen Vision.

 

Wir müssen uns allerdings auch darüber klar werden, welche Rolle dieser Konzentrationsprozess in der Marx’schen Beweisführung einnimmt und inwieweit dieser Baustein auch wirklich zur Bestätigung seiner Thesen beiträgt. Karl Marx geht es allein darum, nachzuweisen, dass der Verlauf der kapitalistischen Gesellschaft notwendiger Weise zu seinem Zusammenbruch und zu dem Übergang zu einer sozialistischen Gesellschaft führt.

 

Es bleibt aber fraglich, ob der Konzentrationsprozess tatsächlich den Zusammenbruch der kapitali­stischen Unternehmungen beschleunigt oder vielleicht sogar verzögert. Zumindest wird davon gesprochen, dass die Unternehmungen gerade aufgrund der Konzentration an Stabilität gewonnen haben. Und dies leuchtet auch für die Fälle ein, in denen der Konzentrationsprozess zu sogenannten Mischkonzernen geführt hat. Mischkonzerne zeichnen sich dadurch aus, dass recht unterschiedliche Produktpaletten angeboten werden. Man konzentriert sich hier bewusst nicht auf einige wenige Produkte und hofft auf diese Weise das Risiko des Scheiterns durch Streuung zu verringern. War die Produktion eines bestimmten Gutes ein totaler Misserfolg, dann kann der Mischkonzern immer noch darauf hoffen, dass ihn die übrigen Produkte über Wasser halten. Man weiß auch, dass verschiedene Produkte auch zu sehr unterschiedlichen Zeiten boomen bzw. eine Baisse haben. Durch die Aufnahme von Produkten mit zeitlich recht unterschiedlichen Spitzen und Tälern in die Palette eines Konzerns trägt man dazu bei, dass in jeder Phase zumindest mit einem Produkt gepunktet werden kann.

 

Aber diese Vorteile gelten sicherlich nicht für alle Konzerne. Wir müssen auch berücksichtigen, dass aus mehreren Gründen heraus gerade die Volkswirtschaften mit Großkonzernen an den Rand des Ruins gebracht wurden.

 

Als erstes gibt es wohl für den Vorstand sowie für den Aufsichtsrat auch so etwas wie eine optimale Unternehmungsgröße. Wird diese überschritten, so schwindet der Überblick, es gibt immer mehr Fehlentscheidungen, der Konzern wird unbeweglich, da ein Großteil der Entscheidungen zeitraubend zunächst zwischen den einzelnen Abteilungen abgestimmt werden muss.

 

Als zweites steigt das Risiko einer Fehlentscheidung mit der Größe einer Unternehmung. Nehmen wir als Beispiel zwei Wirtschaftsbereiche, wobei der Bereich A lediglich aus einem Riesenkonzern besteht, während im Bereich B immerhin 100 kleinere Unternehmungen neben einander bestehen. Stets ist damit zu rechnen, dass an der Spitze des Großkonzerns auch einmal eine grundlegende Fehlent­scheidung gefällt wird. Sie betrifft den ganzen Bereich. Man wird natürlich auch im Bereich B damit rechnen müssen, dass in einigen Unternehmungen grundlegende Fehlentscheidungen gefällt werden. Aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass in fast allen Unternehmungen Fehlentscheidungen dieser Art gefällt werden. Anders formuliert: Wenn ein Riesenkonzern eine inkompetente Führung erhält, so ist der gesamte Bereich betroffen, während bei einer Vielzahl von Unternehmungen schwache Führungs­kräfte sicherlich nicht in allen kleineren Unternehmungen gegeben sind.

 

Drohen Großkonzerne Konkurs zu gehen, so sind die Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft zumeist so groß, dass eine Krise nur dadurch abgewendet werden kann, dass der Staat mit Subventionen die Unternehmung rettet. Gerade die Tatsache, dass ein Großkonzern diese Gefahren mit sich bringt und deshalb auf jeden Fall vom Staat gestützt werden wird, hat selbst wiederum zur Folge, dass die Unternehmungsspitze nicht mehr unter dem Druck steht, jede mögliche Kostensenkung durchzuführen. Die Unternehmungen werden hier unrentabel und bleiben trotzdem erhalten.

 

 

9.  Die Verelendungsthese

 

Wir hatten oben gesehen, dass die Verschlechterung in der organischen Zusammensetzung des Kapitals zu Entlassungen von Arbeitern führt. Diese so entstehende industrielle Reservearmee führt nun in zweierlei Hinsicht zur Verelendung der Arbeitnehmer. Auf der einen Seite ist der arbeitslose Arbeiter ohne Arbeit und damit auch ohne Ziel, auf der anderen Seite ist er gerade deshalb, weil er dringend auf eine neue Arbeitsstelle angewiesen ist, auch bereit, zu einem Lohn  zu arbeiten, der noch geringer ausfällt als der bisher geltende Lohn.

 

Nun scheint für die Gültigkeit der Verelendungsthese eine wachsende Arbeitslosigkeit gar nicht notwendig zu sein. Denn entsprechend der Arbeitswertlehre – angewandt auf die Arbeitskraft – erhält der Arbeiter ohnehin nur einen Lohn, der dem Existenz­minimum entspricht, und dies würde auch dann gelten, wenn alle Arbeitnehmer beschäftigt wären. Allerdings scheint mir, dass diese Folgerung nur dann stichhaltig wäre, wenn man nachweisen könnte, dass bei der Zeugung von Kindern (von Arbeitskräften) sowie der Regeneration der Arbeitskraft genauso ein Gewinnkalkül den Ausschlag gäbe wie bei der Produktion von Gütern. Genau davon kann man jedoch nicht ausgehen.

 

Die These, dass der Wert der Arbeit dem Existenzminimum entspreche, wäre vielleicht richtig, wenn die Unternehmer die Bezahlung der Arbeiter an moralischen Grundsätzen ausrichten würden und von der Vorstellung ausgingen, der Arbeiter werde gerecht entlohnt, wenn ihm ein Loheinkommen in Höhe des Existenzminimums gewährt werde. In Wirklichkeit liegt jedoch dem Handeln der Unternehmer ein Gewinnkalkül zugrunde und danach ist es für den Unternehmer zweckmäßig, wenn er die Lohnsatzhöhe an der Knappheit der Arbeitskräfte ausrichtet.

 

Diese prophezeite Verelendung der gesamten Arbeitnehmerschaft ist jedoch in Wirklichkeit auch gar nicht eingetreten. Zwar ist es richtig, dass der Übergang zur Industrialisierung im ausgehenden 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert zunächst zu einer starken Verarmung der Industriearbeiter geführt hat.

 

Diese Verelendung hielt jedoch keinesfalls an, da sich die wirtschaftliche und soziale Lage der Arbeitnehmer im Zuge der Weiterentwicklung der industrialisierten Gesellschaft entscheidend verbesserte. Im weiteren Verlauf der Industrialisierung  kam es jedoch auf der einen Seite  zu einem enormen Anstieg der Produktion, gleichzeitig ging jedoch die Wachstumsrate der Bevölkerung wiederum zurückging mit der Folge, dass das Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung anstieg. Damit waren jedoch auch die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass schließlich auch das Einkommen der Arbeitnehmer im Durchschnitt ansteigen konnte.

 

Diese Entwicklung hätte eigentlich die Aufgabe der marxistischen Verelendungstheorie zur Folge haben müssen. Da aber diese Theorie einen wichtigen Baustein der marxistischen Lehre vom notwendigen Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft darstellte und mit dieser These auch die Theorie des automatischen Übergangs zur sozialistischen Gesellschaft zusammenbrechen musste, hielt der Marxismus an der Verelendungstheorie fest. Da man aber schließlich die Tatsachen nicht leugnen konnte, versuchten marxistische Theoretiker die These von der Verelendung umzudeuten.

 

So kam es zunächst einmal dazu, dass der Marxismus nicht mehr davon ausging, dass die Arbeitnehmer in absolutem Sinne verarmten, dass also ihr reales Pro-Kopf-Einkommen immer mehr absolut zurückging, es wurde nun vielmehr davon gesprochen, dass lediglich eine ‚relative‘ Verelendung zu erwarten sei, dass also das Wachstum der Produktion vor allem den Kapitalisten (den Selbständigen) zufiele mit der notwendigen Folge, dass der Anteil der Arbeitnehmer am Inlandsprodukt (die sogenannte Lohnquote) permanent zurückgehe.

 

Aber auch diese Umdeutung der Verelendungstheorie befriedigt aus zweierlei Gründen nicht. Erstens kann eine Theorie der relativen Verelendung der Arbeitnehmer wohl kaum den notwendigen Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft erklären. Die Bereitschaft der Arbeiter, das kapitalistische System in einer Revolution zu stürzen, könnte nur damit begründet werden, dass die Arbeitnehmer massenweise in absolutem Sinne verarmen. Ein Rückgang in der Lohnquote kann ein solches revolutionäres Verhalten nicht ausreichend erklären, vor allem dann nicht, wenn – wie gezeigt – das absolute durchschnittliche Einkommen der Arbeitnehmer stark angestiegen ist.

 

Zweitens stimmt jedoch diese These ebenfalls nicht mit der Wirklichkeit überein. Es ist zwar richtig, dass es in der Vergangenheit – wie z. B. auch gerade in den letzten Jahren – vorübergehend zu einem Rückgang der Lohnquote gekommen ist und dass die Lohnquote vor allem einen antizyklischen Verlauf nimmt, dass also in Zeiten des Konjunkturaufschwungs die Lohnquote zurückgeht. Die Lohnquote steigt jedoch in Zeiten des Konjunkturabschwungs wiederum an. Man erklärt dieses antizyklische Verhalten der Lohnquote unter anderem damit, dass die Gewerkschaften sehr viel größeren Erfolg aufweisen, in dem Ziel, ein Absinken der Löhne in Zeiten des Abschwungs zu verhindern, als in dem Ziel, die Lohnquote im Aufschwung zu steigern.

 

Über längere Sicht hinweg konnte aber bisher kein Rückgang in der Lohnquote festgestellt werden. Ganz im Gegenteil wurde immer wieder die These aufgestellt, dass die Lohnquote eine bemerkenswerte Tendenz aufweise, über einen längeren Zeitraum hinweg bemerkenswert konstant zu bleiben. Es gibt in der Literatur eine Vielzahl von Theorien, welche diese Konstanz der Lohnquote zu erklären versuchen.

 

Betrachten wir allerdings einen noch größeren Zeitraum und fragen uns, wie sich die Lohnquote über ein Jahrhundert und mehr verhalten hat, kann man eindeutig feststellen, dass die Lohnquote gegenüber den Anfängen der industriellen Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend angestiegen ist. Dies bedeutet nicht, dass es in unserer Gesellschaft überhaupt keine ernst zunehmende Armut gibt, es gab in der Vergangenheit immer gewisse Teilgruppen, welche einer Verarmung anheimfielen. Aber die These, dass die gesamte Arbeitnehmerschaft nicht am wirtschaftlichen Wachstum beteiligt worden sei und dass die durchschnittliche Höhe des Arbeit­nehmer­ein­kommens weniger stark als das Pro-Kopf-Einkommen der gesamten Bevölkerung angestiegen sei und dass deshalb die Lohnquote auf sehr lange Sicht zurückgegangen sei, stimmt nicht mit den Tatsachen überein.

 

Auch diese letzte Feststellung musste schließlich vom Marxismus akzeptiert werden. Man versuchte nun ein zweites Mal die These von der Verelendung der Arbeitnehmerschaft umzudeuten. Man behauptete nun nicht mehr, dass die Arbeitnehmerschaft in absoluter oder auch nur in relativer Hinsicht verarme, sondern nur noch, dass sie eigentlich hätte verarmt werden müssen, wenn die hochentwickelten Staaten nicht die Gelegenheit gehabt hätten, im Zuge des Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts die an und für sich fällige Ausbeutung der Arbeitnehmer in den hochentwickelten Staaten auf die arbeitende Bevölkerung in den Kolonialländern zu übertragen.

 

Die Ausbeutung der ehemaligen Kolonien erfolgt nach dieser These dadurch, dass auf der einen Seite Rohstoffe zu verbilligten Preisen ausgeführt wurden und dass auf der anderen Seite die Industriegüter zu überhöhten Preisen importiert wurden, welche einen Mehrwert enthielten, der den Kapitalisten zufließe. So konnten die Arbeitnehmer aus den Ländern der Kolonialmächte auf Kosten der Bevölkerung in den Kolonien am Mehrwert beteiligt werden. Es finde also nach wie vor eine Ausbeutung statt, allerdings nun nicht der einheimischen Arbeitnehmer, sondern der Arbeitnehmer aus den Kolonien.

 

Diese Ausbeutung habe auch dann noch stattgefunden, nachdem in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg die ehemaligen Kolonien zu selbständigen Staaten wurden. Wie vor allem Raul Prebish (nicht unbedingt ein Sozialist!) nachzuweisen versuchte, hätten sich die Terms of Trade zuungunsten der Entwicklungsländer entwickelt. Nach Meinung von Prebish habe der Freihandel zu einer systematischen Benachteiligung der Entwicklungsländer geführt. Ausgangspunkt war die empirische Feststellung, dass sich die Terms of Trade in der Zeit von 1876 bis 1938 zu Lasten der Entwicklungsländer verschlechtert haben.

 

Wie vor allem Gottfried von Haberler  und Jakob Viner gezeigt haben, entwerfen diese Statistiken ein falsches Bild über die Verteilung des Wohlstandes auf hoch entwickelte Volkswirtschaften und Entwicklungsländer, da in diesen Statistiken die Importpreise in cif (cost, insurance, freight) gerechnet wurden. Bei der cif-Berechnung sind jedoch auch die Transportkosten enthalten, diese gingen jedoch vorwiegend auf Rechnung der hochentwickelten Volkswirtschaften und verminderten sich in diesem Zeitraum sehr stark.

 

Weiterhin hänge die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft nicht nur von der Entwicklung der Terms of Trade, sondern auch vom Außenhandelsvolumen ab. Auch müsse berücksichtigt werden, dass das geringe Pro-Kopf-Einkommen in den Entwicklungsländern zum Teil damit erklärt werden müsse, dass die Wachstumsrate der Bevölkerung in diesen Ländern sehr hoch sei und die Wachstumsrate der Produktion übersteige.

 

Wichtig ist in unserem Zusammenhang jedoch die Feststellung, dass ein Zusammenbruch des kapitalistischen Systems in den hochentwickelten Staaten voraussetzt, dass die inländischen Arbeit­nehmer ausgebeutet werden, sodass bei einer Verlagerung dieser Ausbeutung auf die Arbeitnehmer in den Entwicklungsländern nicht mit einer Revolution zu rechnen ist, zumindest nicht mit einer Revolution innerhalb der Industrieländer.

 

Die tatsächlich zu beobachtende Verelendung der Industriearbeiter zu Beginn der Industrialisierung hatte auch nichts mit der Industrialisierung und mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung als solcher zu tun; sie trat ein, weil im Zuge der Industrialisierung das soziale System der mittelalterlichen Ordnung zerbrach und eine Binnenwanderung größten Umfanges in die Städte stattfand und damit unter anderem die in der mittelalterlichen Gesellschaft bestehende Kontrolle über die Geburtenrate entfiel. Es kam zu einem immensen Bevölkerungswachstum, wobei die Wachstumsrate der Bevölkerung zunächst die der Güterproduktion überstieg und damit notwendigerweise zu einem Rückgang im Pro-Kopf-Einkommen der Bevölkerung und damit auch der Industriearbeiter  führen musste, obwohl die Industrialisierung als solche sehr wohl langfristig zu einer Steigerung in der Wachstumsrate des Inlandsproduktes beitrug.

 

Dass die Verelendung der Industriearbeiter mit zunehmender Entwicklung entgegen der Aussagen von Karl Marx nicht anstieg, sondern sogar zurückging, lag gerade daran, dass aufgrund kapitalistischer Methoden die Wachstumsrate der Produktion so stark angehoben werden konnte, dass sie über die Wachstumsrate der Bevölkerung anstieg und damit auch eine Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens der Arbeitnehmer ermöglichte.

 

 

                         10. Der Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft

 

In einem letzten Schritt werden die Ergebnisse sowohl der Verelendungsthese als auch der Konzentrationsthese zusammengeführt. Die zunehmende Verelendung der Arbeiter führt nun dazu, dass die Arbeiter immer mehr radikalen Ideen zuneigen, welche einen Umsturz der bestehenden Gesellschaft und die Ausrufung einer sozialistischen Gesellschaft zum Ziel haben.

 

Nun haben wir bereits gesehen, dass die Verelendung der gesamten Arbeitnehmerschaft nicht im Sinne von Karl Marx eingetreten ist, sodass die soziale Revolution auch nicht erwartet werden muss. Zwar ist es der neuen Linken gelungen, Eingang in die Parlamente zu erlangen, es besteht aber sicherlich nicht die Gefahr, dass es dieser Linken in nächster Zeit gelingt, die absolute Mehrheit zu erreichen. Eine solche absolute Mehrheit ist jedoch für eine soziale Revolution notwendig, da sich wohl keine der sonstigen Parteien bereitfände, in einer Koalition mit den Linken eine Revolution auszulösen.

 

Auch die zweite These von Karl Marx, welche den Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft herbeiführen sollte, wurde durch die geschichtliche Erfahrung widerlegt. Zwar ist es richtig, dass freie Unternehmer Konkurrenz als lästig empfinden und dass sie sich darum bemühen, Konkurrenz durch monopolistische Zusammenschlüsse zu überwinden. Und in der Tat ist die Geschichte der Industria­lisierung auf der ganzen Welt durch Konzentrationsprozesse geprägt.

 

Die Geschichte hat aber auch gezeigt, dass diese Monopolisierungstendenz immer wieder dadurch durchbrochen wird, dass neue Konkurrenz entsteht, zumindest dort, wo sie nicht durch staatliche Maßnahmen behindert wird. Dort, wo sich Monopolsituationen längere Zeit hindurch festsetzen konnten, lag es in erster Linie daran, dass die Staaten durch Abschottung ihrer Volkswirtschaften (vorwiegend durch Importzölle und andere Behinderungen des Außenhandels) sonst mögliche Konkurrenz unterbunden haben. Weiterhin haben Walter Eucken und andere daraufhin gewiesen, dass ein funktionierender Wettbewerb nur durch eine aktive Wettbewerbspolitik erhalten werden kann und dass der Staat die Aufgabe hat, entweder durch eine Kartellverbotsgesetzgebung oder zumindest durch eine Missbrauchskontrolle den Monopolisierungstendenzen in der Volkswirtschaft entgegenzu­wirken.

 

Gerade durch den in den letzten Jahrzehnten stattgefundenen Globalisierungsprozess ist immer wieder erneut weltweite Konkurrenz entstanden. Die Größe der Unternehmungen stieg zwar stetig an, führte aber trotzdem in der Regel nicht zu einer Zunahme der Konzentration, da gerade die Großkonzerne vermehrt einem internationalen Wettbewerb gegenüber treten mussten.

 

Für die These von Karl Marx vom Zusammenbruch der kapitalistischen Gesellschaft ist es jedoch unerlässlich, dass dieser Konzentrationsprozess solange anhält, bis schließlich nur noch eine geringe Anzahl von Unternehmungen bestehen bleibt, welche dann auch relativ leicht sozialisiert und in Staatshand überführt werden können.