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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

3. Liberalismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

 

4. Klassik

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Das Grundproblem

3. Das kurzfristig wirkende Marktgesetz

4. Die Rolle der Rente bei der Wertbestimmung

5. Die Rolle des Kapitals bei der Wertbestimmung

6. Unterschiedliche Arbeitsqualitäten überführbar in Normalarbeitsstunden?

7. Kritik an der Ricardianischen Werttheorie

8. Langfristige Entwicklung einer Volkswirtschaft

 

 

 

1. Einführung

 

Im vorhergehenden Kapitel habe ich bereits darauf hingewiesen, dass im ausgehenden 18. Jahrhundert vorwiegend in England, aber auch auf dem europäischen Kontinent wirtschaftswissenschaftliche Theorien entwickelt wurden, die auf der einen Seite nachzuweisen versuchten, dass eine freie Marktwirtschaft zu wesentlich besseren Ergebnissen führe als eine vom Staat gelenkte merkantilistische Volkswirtschaft, die aber auch auf der anderen Seite die Wirkungsweise einer Marktwirtschaft zu beschreiben versuchten.

 

Die erste Betrachtungsweise wurde bereits im vorhergehenden Kapitel beschrieben und als Liberalismus gekennzeichnet. Diese Betrachtungsweise ist normativ, sie will aufzeigen, welches Wirtschaftssystem die Wohlfahrt einer Bevölkerung am besten steigert. Die zweite Betrachtungsweise soll hier als Klassik bezeichnet werden, ihr Anliegen ist explikativer Natur, es soll nicht primär für eine freie Marktwirtschaft geworben werden, sondern aufgezeigt werden, welchen Gesetzmäßigkeiten eine Marktwirtschaft unterliegt. Nur mit dieser zweiten Betrachtungsweise wollen wir uns in diesem Kapitel beschäftigen.

 

Ich hatte allerdings auch schon erwähnt, dass die einzelnen wirtschaftswissenschaftlichen Autoren keineswegs streng zwischen diesen beiden Gruppen unterschieden werden können. Adam Smith z. B., welcher im Mittelpunkt des vorhergehenden Kapitels stand und als Begründer der neueren National­ökonomie gilt, hat sowohl zur Entwicklung der liberalen Ideen wesentlich beigetragen als auch bei der Formulierung einer explikativen Markttheorie mitgewirkt. Er wird deshalb in der Literatur sowohl als Vertreter des Altliberalismus sowie als Frühklassiker genannt.

 

Wir haben uns in dem vorhergehenden Kapitel allein mit den liberalen Vorstellungen Adam Smith’s beschäftigt und wollen in diesem Kapitel darauf verzichten, auch den Beitrag von Adam Smith zur klassischen Marktlehre zu berücksichtigen.

 

Im Mittelpunkt dieses Kapitels sollen allein die Ausführungen von David Ricardo stehen, welcher die auch schon bei Adam Smiths behandelten Betrachtungen zu einem gewissen Höhepunkt und Abschluss gebracht hat. Gerade aus diesen Gründen wird in der Literatur zwischen der optimistischen, frühklassischen Sichtweise bei Adam Smith und der spätklassischen, ausgesprochen pessimistischen Sichtweise bei David Ricardo und Robert Malthus unterschieden.

 

David Ricardo lebte von 1772-1823 und ist vor allem durch seine beiden Hauptwerke ‚The High Price of Bullion, a Proof of the Depreciation of Bank Notes’ (1809) und ‘On the Principles of Political Economy and taxation’ (1817) bekannt geworden. Zu seinen wichtigsten Beiträgen zur Wirtschaftstheorie zählen die Begründung der klassischen Arbeitswertlehre, die Erkenntnis, dass der Geldwert nur bei einem Notenbankmonopol garantiert werden kann, sowie seine Theorie der komparativen Kosten, in welcher er nachweist, dass im Allgemeinen alle Länder von einem internationalen Handel profitieren können.

 

Die notwendige zeitliche Beschränktheit eines Kapitels in diesem Seminar macht es sogar notwendig, sich auch innerhalb des Gesamtbeitrags von David Ricardo auf ein einziges, aber durchaus zentrales Thema der klassischen Theorie zu beschränken und sich nur mit der Werttheorie von David Ricardo auseinander­zusetzen. Hierbei beschränken wir uns im Wesentlichen auf die Arbeiten von Ricardo. Die Thesen von Robert Malthus gehen nur insoweit in diese Darstellung ein, als sie für das Verständnis des Ricardianischen Wertsystems notwendig sind. Ricardo selbst hat einige Gedanken von Malthus aufgegriffen. Der Beitrag Ricardos zur Außenwirtschafstheorie soll dann erst im zweiten Teil dieser Vorlesung behandelt werden.

 

 

 

2. Das Grundproblem

 

Wir befassen uns also in diesem Kapitel ausschließlich mit dem Wertproblem und seiner Lösung bei David Ricardo. Wir haben zu klären, auf welche Bestimmungsgründe denn der Wert eines Gutes zurückgeführt werden muss, welchen Wert die einzelnen Güter erlangen, wovon es abhängt, wenn der Wert des Gutes X größer ausfällt als der Wert des Gutes Y.

 

Hierbei müssen wir uns als erstes darüber klar werden, dass dem Wert der einzelnen Güter bei der Frage, welche Güter denn produziert werden, eine zentrale Rolle zufällt. Wirtschaften wird immer dann notwendig, wenn Knappheit herrscht, das heißt, wenn die vorhandenen Ressourcen nicht ausreichen, alle Güter, nach denen ein Bedarf besteht, zu produzieren. Es muss hier bestimmt werden, welche Produkte und in welchem Umfang in diesem Falle denn produziert werden sollen. Wir nennen dieses Problem in der Wirtschaftstheorie das Problem der Allokation, der Aufteilung knapper Ressourcen auf die einzelnen möglichen Verwendungsarten.

 

Hierbei gilt es stillschweigend davon auszugehen, dass die jeweils vorherrschende Technik uns sehr wohl erlaubt, ein und dieselbe Ressource für unterschiedliche Verwendungsarten einzusetzen. Nur deshalb, weil mehrere Verwendungsarten der knappen Ressourcen bekannt sind, entsteht überhaupt das Problem, auf welche Verwendungsarten knappe Ressourcen aufgeteilt werden sollen.

 

Die Antwort kann nur lauten, dass jeweils diejenige Aufteilung auf die einzelnen möglichen Verwendungs­arten erwünscht ist, welche bei gegebenem Ressourcenbestand und gegebener Technik den höchstmöglichen Nutzen stiftet.

 

Entscheidend ist nun, dass in einer Marktwirtschaft bei der Lösung dieses Allokationsproblems den Werten, welche die Güter auf einem freien Markt erlangen, eine zentrale Rolle zufällt. Es sind die Preisverhältnisse, welche die Ressourcen jeweils in die einzelnen Verwendungsarten lenken. Machen wir uns diesen Zusammenhang an einem Beispiel klar.

 

Der Einfachheitshalber wollen wir unterstellen, dass wir nur zwei Verwendungsarten kennen, dass mit Hilfe der vorhandenen Ressourcen nur die Güter X und oder die Güter Y produziert werden können. Gehen wir dabei davon aus, dass bisher eine ganz bestimmte Aufteilung der Ressourcen auf beide Güter stattgefunden hat, so werde z. B. jeweils die Hälfte des Ressourcenbestandes für Gut X und Gut Y verwandt.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass sich der Bedarf der Konsumenten so geändert hat, dass sie einen höheren Nutzen erzielen, wenn sie sehr viel mehr von Gut X und dementsprechend weniger von Gut Y konsumieren. Die Konsumenten werden also Gut X vermehrt und Gut Y vermindert nachfragen.

 

Diese Nachfrageverschiebung führt nun auf freien Märkten automatisch dazu, dass der Preis von X ansteigt, der Preis von Y jedoch sinkt. Diese Verschiebung in den Wertrelationen veranlasst die Unternehmer mehr von Gut X zu produzieren und weniger von Gut Y und zwar deshalb, weil sie aufgrund der veränderten Güterpreise bei der Produktion von Gut X mehr verdienen. Somit hat hier das Preisverhältnis letztendlich die Allokation der Ressourcen gesteuert.

 

Die klassische Werttheorie sucht nun die Frage zu klären, wovon denn nun der Wert im Sinne eines langfristig gültigen Preises abhängt. Wichtig ist hierbei erstens, dass sich der Begriff ‚Wert‘ im Rahmen der altklassischen Lehre immer nur auf den langfristigen Preis bezieht, das Problem kurzfristiger Preisschwankungen wird in der klassischen Literatur nur am Rande behandelt und folgt ganz anderen Gesetzmäßigkeiten.

 

Zweitens interessieren die Klassiker, wenn sie von Werten sprechen, immer nur die Relationen der langfristigen Preise, nicht aber die absolute Höhe eines Preises. Dass dem so ist, hängt damit zusammen, dass es von den Werten der Güter abhängt, welche Güter in welchen Mengen produziert werden und dass hierbei nur die Struktur der Preise, also das Preisverhältnis maßgebend ist. Wenn sich z. B. der absolute Preis beider Güter X und Y verdoppelt und sich deshalb das Verhältnis der Preise zueinander nicht verändert hat, gibt es auch keinen Grund, die Aufteilung der Ressourcen auf die beiden Güter zu verändern.

 

In der Beantwortung der Frage, welche Bestimmungsgründe den Wert eines Gutes letztendlich bestimmen, folgt David Ricardo der zu seiner Zeit gängigen Auffassung, welche sich auch bei Adam Smith findet und die den Wert eines Gutes auf die Kostensumme zurückführt, welche notwendig ist, um dieses Gut zu produzieren. Man beachte hierbei, es kommt darauf an, wie viele Kosten bei gegebener Technik notwendig sind, nicht unbedingt, welche Kosten tatsächlich aufgebracht werden. Ein Unternehmer, der nicht auf der Höhe der Technik steht und deshalb höhere Kosten als sein Konkurrent hat, wird trotzdem auf dem freien Markt keinen höheren Preis als sein Konkurrent erzielen können. Für den Preis, der sich durchsetzt, ist immer derjenige Konkurrent maßgeblich, dem es gelingt, mit den geringsten Kosten ein bestimmtes Gut anzubieten.

 

David Ricardo gibt sich jedoch mit dieser Antwort nicht zufrieden. Er erkennt klar – und darin liegt sein eigentlicher Beitrag zur klassischen Werttheorie  –, dass diese Antwort nur dann befriedigen könnte, wenn es nur einen einzigen Kostenfaktor gäbe. In Wirklichkeit aber ist davon auszugehen, dass bei der Produktion der meisten Güter mehrere Kostenfaktoren eingesetzt werden müssen. Die Produktion verlangt zumeist ein bestimmtes Grundstück, also den Produktionsfaktor Boden, weiterhin den Einsatz von Kapital zum Ankauf von Maschinen, weiter auch recht unterschiedliche Qualitäten von Arbeitskräften.

 

Müssen wir nun von mehreren Faktorarten ausgehen, kommen wir erst dann zu einem befriedigenden Ergebnis, wenn wir in der Lage sind, die Rolle der einzelnen Kostenarten für die gesamte Kostenhöhe anzugeben. Machen wir uns diesen Zusammenhang wiederum an einem Beispiel klar:

 

Für ein bestimmtes Gut X würden 100 Arbeitsstunden und Zinsen in Höhe von 100 Geldeinheiten (Geldeinheiten) benötigt. Für ein anderes Gut hingegen würden nur 30 Arbeitsstunden benötigt, aber dafür aufgrund einer Mechanisierung der Produktion 400 GE benötigt. Welches Gut hat nun einen höheren Wert? De facto hängt diese Frage davon ab, welchen Wert eine Arbeitsstunde im Vergleich zu einer GE Kapital besitzt. Das Wertproblem eines Gutes wird zurückgeführt auf ein Wertproblem der einzelnen Kostenfaktoren. Erst dann, wenn ich auch die Gründe kenne, wovon das Preisverhältnis von Lohn und Zins abhängt, kann ich auch etwas Verbindliches über den Wert eines Gutes aussagen. Ein Wertproblem (das der Güter) wird auf ein anderes Wertproblem (das der Produktionsfaktoren) zurückgeführt, das Problem ist nicht gelöst, eine Unbekannte wird mit einer anderen Unbekannten erklärt.

 

Dieses Problem hat David Ricardo klar erkannt, sein Bemühen geht dahin, die einzelnen Kostenarten auf eine einzige Kostenart zurückzuführen. Hierbei bemüht er sich sowohl die Rente als Preis für Böden, weiterhin den Kapitaleinsatz als mögliche Bestimmungsgründe des Wertes eines Gutes auszuschließen. Darüber hinaus werden entsprechend einer vorgegebenen technischen Relation die einzelnen Arbeitseinsätze in Einheiten von Normalarbeitsstunden (normierten Arbeitsstunden) umgerechnet. Am Schluss kann angegeben werden, wie viele Normalarbeitsstunden für die Produktion eines Gutes notwendig sind und das Verhältnis dieser Arbeitsstunden in der Verwendung zweier Güter zueinander bestimmt dann schließlich die Wertrelation beider Güter.

 

 

 

 

 3. Das kurzfristig wirkende Marktgesetz

 

Obwohl im Mittelpunkt der Werttheorie David Ricardos die langfristigen Preise der Güter stehen, wollen wir zu Beginn der Darstellung ganz kurz darlegen, welche Vorstellungen die Klassiker, vor allem John Stuart Mill,  von den Bestimmungsgründen der kurzfristigen Preisänderungen hatten.

 

Im Grunde genommen nahmen die Altklassiker die neoklassische Markttheorie in diesem Punkt in den wesentlichen Zügen vorweg. Die kurzfristigen Preise werden danach immer dann korrigiert, wenn Angebot und Nachfrage auseinanderfallen. Steigt das Angebot über die Nachfrage, sinkt der Preis; die Anbieter befürchten, bei dem bisherigen Preis auf ihren Waren sitzen zu bleiben und sind deshalb zu Preisnachlässen bereit. Diese Preissenkung bewirkt nun zweierlei: Auf der einen Seite steigt die Nachfrage, auf der anderen Seite geht das Angebot zurück mit der Folge, dass sich Angebot und Nachfrage näherkommen und schließlich bei einer ausreichenden Preissenkung einander entsprechen.

 

Gleiches gilt mutatis mutandis, wenn zunächst die Nachfrage das Angebot übersteigt. In diesem Falle steigen die Preise kurzfristig an, da dieses Mal die Nachfrager befürchten, bei den bisherigen Preisen nicht zum Zuge zu kommen. Steigt aber der Preis, so sinkt die Nachfrage, das Angebot steigt, beide nähern sich also wiederum an, bis schließlich ein neuer Gleichgewichtspreis eingetreten ist, bei dem sich Angebot und Nachfrage gerade entsprechen.

 

Diese Überlegungen beziehen sich aber nur auf die kurzfristigen Marktreaktionen, welche für David Ricardo von geringerem Interesse sind.

 

 

 

4. Die Rolle der Rente bei der Wertbestimmung

 

Wenden wir uns nun der Beweisführung Ricardos zu, dass letzten Endes die Zahl der notwendigen Einheitsarbeitsstunden den langfristigen Wert eines Gutes bestimmt. Beginnen wir mit der These, dass die Rente nicht den Wert eines Gutes bestimmen kann.

 

David Ricardo geht von einer Situation aus, bei der zunächst die Nachfrage nach Agrarprodukten (und an diesen Produkten wird das vorliegende Problem dargestellt) so gering ist, dass die jeweils fruchtbarsten Böden ausreichen, die Nachfrage zu befriedigen.

 

Aus einem beliebigen Grund, z. B. aufgrund eines Anstiegs der Bevölkerung, steige nun die Nachfrage nach Bodenprodukten so stark an, dass die fruchtbarsten Böden nicht mehr ausreichen, die Nachfrage nach Produkten zu befriedigen. Der Preis der Güter steigt an. Deshalb sehen sich die Landwirte veranlasst, auch weniger fruchtbare Böden zu bebauen, was natürlich gleichbedeutend damit ist, dass die Kosten pro Produkteinheit bei dem qualitativ schlechteren Boden größer sind. Diese zusätzlichen Produkte werden jedoch nur dann auf dem Markt angeboten, wenn auch die Kosten auf dem ungünstigsten Boden gedeckt werden, wenn also die Preise entsprechend der Kostensteigerung gestiegen sind. Da aber auf dem Markt die identischen Produkte einen einheitlichen Preis erzielen, erhalten die Besitzer der qualitativ besseren Böden einen Preis, der über ihren Kosten liegt, mit anderen Worten sie erhalten eine Rente.

 

Diese Rente sei also – so schließt David Ricardo – Folge der Preissteigerung der Bodenprodukte. Was aber Folge einer Preissteigerung sei, könne nicht gleichzeitig Ursache dieses Preises sein. Damit hat Ricardo – so scheint es zumindest – die Rente als möglichen Bestimmungsgrund eines langfristigen Güterpreises ausgeschaltet.

 

 

 

5. Die Rolle des Kapitals bei der Wertbestimmung

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, weshalb auch die Zinsen für Kapital nicht in den Kranz der Bestimmungsgründe des Wertes der Güter – nach Meinung Ricardos – eingehen können. David Ricardo geht in seiner Beweisführung von einer Produktion aus, die jeweils eine Periode andauert. Da die beschäftigten Arbeiter sofort bezahlt werden müssen, da aber die Verkaufserlöse erst nach Fertigstellung des Produktes zur Verfügung stehen, ist der Unternehmer gezwungen, einen Kredit aufzunehmen, um die Arbeitnehmer bereits in der ersten Periode bezahlen und damit beschäftigen zu können.

 

Wenn wir nun unterstellen, dass alle Arbeitnehmer zum gleichen Lohn beschäftigt werden, entspricht die benötigte Kreditsumme, welche den Lohnkosten entspricht, gerade der Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden. Zwei Unternehmen, welche die gleiche Anzahl von Arbeitnehmern (mit der gleichen Zahl von Arbeitsstunden pro Tag) beschäftigen, haben also auch eine gleiche Kreditsumme einzuholen und bei einheitlichen Zinssätzen auch die gleiche Zinssumme zu zahlen. Wenn umgekehrt bei der Produktion des Gutes X doppelt so viel Arbeitsstunden geleistet werden müssen als bei der Produktion des Gutes Y, dann entstehen bei der Produktion des Gutes X auch doppelt so hohe Zinszahlungen als bei der Produktion des Gutes Y.

 

Mit anderen Worten: Die anfallenden Kapitalkosten stellen immer einen bestimmten bei allen Produktionen gleichen Prozentsatz der Arbeitskosten dar und verändern somit zwar die absolute Höhe des Wertes, nicht aber die Wertrelationen zwischen den einzelnen Gütern. Da David Ricardo aber nur an den Wertrelationen interessiert ist, denn sie allein bestimmen die Produktionslenkung, scheint es David Ricardo gelungen zu sein, auch die Kapitalkosten als Bestimmungsgrund der Güterwerte auszuschalten.

 

Wir wollen uns im Gedächtnis behalten, dass David Ricardo bei seiner Beweisführung unterstellt hat, dass der Zeitraum, welcher für die Produktion benötigt wird, bei allen Produkten identisch ist und eine Periode umfasst. Bei der Kritik an der Ricardianischen Werttheorie weiter unten werden wir sehen, dass diese Annahme sehr problematisch ist, dass aber das Ergebnis nur unter dieser Annahme gewonnen wurde.

 

 

6. Unterschiedliche Arbeitsqualitäten überführbar in Normalarbeitsstunden?

 

Wenn wir der Beweisführung David Ricardos folgen, bleibt nun nur noch das Problem, dass bei fast allen Produktionen Arbeitnehmer der unterschiedlichsten Qualität (Hilfsarbeiter, angelernte Arbeiter, Fach­arbeits­kräfte) beschäftigt werden, sodass zunächst auch dann, wenn wir nur noch Arbeitnehmer als Bestimmungsfaktoren für den Wert eines Gutes akzeptieren, immer noch eine Vielzahl unterschied­licher Produktionsfaktoren mit unterschiedlicher Qualität übrig geblieben ist, sodass nach wie vor unklar ist, wie denn nun die Werte der einzelnen Arbeitsqualitäten eingestuft werden sollen, damit dann ein einheitlicher Maßstab für die Arbeitsstunde gefunden wird.

 

David Ricardo hat diese Tatsache einer Vielzahl unterschiedlicher Arbeitsqualitäten durchaus akzeptiert. Er war jedoch der Meinung, dass es rein technische, kurzfristig auch durchaus konstant bleibende Relationen gibt, welche es gestatten, eine Arbeitsstunde eines qualifizierten Arbeitnehmers in Normalarbeitsstunden umzurechnen. So könnte eine Arbeitsstunde eines Vorarbeiters jeweils 3 normierten Arbeitsstunden entsprechen.

 

Das entscheidende bei dieser Vorgehensweise besteht darin, dass David Ricardo der Überzeugung war, dass das angesprochene Verhältnis der einzelnen Arbeitsstunden untereinander auf keinen Fall ein wirtschaft­liches Problem darstelle. Hierbei ist eine Wertrelation immer dann ein wirtschaftliches und nicht ein rein technisches Problem, wenn diese Relation von der Knappheit der einzelnen Arbeitskräfte abhängt.

 

Folgen wir der Beweisführung David Ricardos, so ist am Schluss dieser Beweiskette ein einziger Produktionsfaktor: die normierte Arbeitsstunde übriggeblieben. Wir sind dann tatsächlich in der Lage, für die Produktion eines jeden Gutes die Anzahl an normierten und notwendigen Arbeitsstunden anzugeben und damit exakt zu bestimmen, in welchem Verhältnis die Werte der einzelnen Güter zueinander stehen. Die Gültigkeit dieser Beweisschritte unterstellt, ist es David Ricardo offensichtlich gelungen, das Problem der klassischen objektiven Werttheorie zu lösen. Auch dann, wenn in Wirklichkeit fast immer eine Vielzahl unterschiedlicher Produktionsfaktoren für die Produktion eines Gutes benötigt wird, ist es möglich, über Angabe der Anzahl normierter Arbeitsstunden den Wert eines jeden Gutes zu bestimmen.

 

 

9. Kritik an der Ricardianischen Werttheorie

 

Fragen wir uns nun nach der möglichen Kritik an dieser Werttheorie. Beginnen wir mit dem ersten Schritt der Beweisführung: mit dem Nachweis, dass Renten als Folge einer Preissteigerung nicht zur gleichen Zeit auch Bestimmungsgrund eben dieses Preises sein könnten.

 

Zur Erinnerung: Nach David Ricardo kommt es zu einer Steigerung in der Nachfrage nach Agrarprodukten und diese führt wegen Knappheit der Güter zu Preissteigerungen. Dieser Beweisführung kann auf jeden Fall zugestimmt werden.

 

In einem zweiten Schritt führt der Versuch der Anbieter, dieser Mehrnachfrage durch Ausdehnung der Produktion zu entsprechen dazu, dass nun Böden minderer Qualität bebaut werden müssen. Auch dieser Behauptung kann zugestimmt werden.

 

Auf freien Märkten erzielen Produkte mit gleicher Qualität auch einen einheitlichen Preis, unabhängig davon, ob bei der Produktion in den einzelnen Unternehmungen unterschiedliche Stückkosten anfallen.

Auch diese Feststellung entspricht der heute gültigen Theorie.

 

Weiterhin werden die Produkte, welche höhere Stückkosten wegen geringerer Qualität der Böden verursachen, nur dann produziert und auf dem Markt angeboten, wenn der Preis zumindest den Stückkosten entspricht.  Auch an dieser Feststellung kann sicherlich keine Kritik geübt werden.

 

Gleicher Preis bei ungleichen Stückkosten führt schließlich automatisch dazu, dass die Besitzer der besseren Böden eine Rente beziehen.

 

Es hat also den Anschein, dass der Versuch, die Rente aus dem Kranz der Bestimmungsfaktoren eines Preises auszuscheiden, von David Ricardo erfolgreich durchgeführt wurde. Es fragt sich jedoch, warum diese Beweisführung nur für Böden und damit für Boden-Renten Gültigkeit besitzt. Gilt diese Beweisführung nicht eigentlich für alle denkbaren Produktionsfaktoren? Dass ein Teil der bebauten Böden Renten bezieht, liegt offensichtlich allein daran, dass Böden unterschiedliche Qualitäten aufweisen. Gilt dies aber nicht auch für die anderen Produktionsfaktoren?

 

Überprüfen wir diese Frage für das Kapital. Bekanntlich müssen wir recht oft damit rechnen, dass die Hingabe von Kapital bisweilen recht risikoreich ist. Der Markt billigt in diesen Fällen den Anbietern von Kapital in erhöhten Zinsen einen Risikoausgleich. Hierbei lässt sich feststellen, dass der Zinssatz umso höher ausfällt, je höher das eingegangene Risiko ist. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Kapitalanlagen, die nahezu kein Risiko mit sich bringen. Also stellen wir fest, dass auch die Qualität des Kapitals unterschiedlich ist und dass deshalb für unterschiedliches Kapital auch unterschiedliche Zinsen entrichtet werden müssen.

 

Zwar hat es den Anschein, als wäre die Qualität der Böden von anderem Charakter als die Qualität des Kapitals. Dass Bodenrenten gewährt werden, liegt in der Beschaffenheit der Böden, also in den Eigenschaften des angebotenen Produktionsfaktors. Dass aber Kapital eine unterschiedliche Qualität aufweist, liegt darin, dass Unternehmungen, also die Nachfrager dieses Produktionsfaktors ein unterschied­liches Risiko eingehen möchten.

 

Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit. Die Unternehmungen, welche Kapital nachfragen, benötigen je nach eingegangenem Risiko Kapital unterschiedlicher Qualität. Ein Unternehmer, welcher eine Anlage mit sehr hohem Risiko errichten möchte, benötigt eben Kapitalgeber, welche bereit sind, ein höheres Risiko einzugehen. Es ist diese unterschiedliche Bereitschaft der Anbieter von Kapital, welche die Qualität des gewährten Kapitals ausmacht.

 

Im Hinblick auf den Produktionsfaktor Arbeit geht ja auch David Ricardo von unterschiedlichen Qualitäten aus. Und sicherlich unterstellt auch er, dass Arbeitnehmer, welche eine überdurch­schnittliche Qualität aufweisen, auch einen überdurchschnittlich hohen Lohn erhalten. Warum sollte man hier nicht auch davon sprechen können, dass die qualitativ besseren Arbeitnehmer eine Qualitätsrente erhalten?

 

Wenn aber das von David Ricardo für Böden nachgewiesene Rentenkonzept de facto auf jeden denkbaren Produktionsfaktor angewandt werden kann, sind alle Faktoren aus dem Kranz der möglichen Bestimmungsgründe herauskatapultiert mit dem Ergebnis, dass der Wert der Güter unbestimmt bleibt, solange man den Wert der Güter objektiv auf den Faktoreinsatz zurückführen will.

 

Genau dies ist dann auch die Antwort der Wiener Schule, der ersten Variante der neoklassischen Theorie. Der Wert eines Gutes lässt sich niemals auf den Einsatz eines Produktionsfaktors allein zurückführen, er wird vielmehr einzig und allein durch den Nutzen bestimmt, den der Endverbraucher aus dem Konsum eines Gutes gewinnt.

 

Eine etwas andere Antwort findet die Cambridge-Schule, die dritte Variante der neoklassischen Theorie. Diese Vertreter der Neoklassik gehen nämlich davon aus, dass der Wert eines Gutes von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, dass sowohl eine Änderung im Angebot eines Produktions­faktors als auch eine Änderung im Bedarf eine Wertänderung bei den Gütern hervorrufen kann.

 

Fragen wir nun in einem zweiten Schritt, inwieweit der Versuch David Ricardos, auch die Kapital­kosten aus der Liste der möglichen Bestimmungsgründe zu streichen, überzeugt. Wir hatten bereits oben bei der Beweisführung darauf hingewiesen, dass es David Ricardo nur deshalb gelang, die Kapitalkosten aus dem Kranz der möglichen Bestimmungsgründe des Wertes der Güter zu streichen, weil er stillschweigend unterstellt hat, dass alle Unternehmungen für ihre Produktion eine einzige Periode benötigen. Diese Annahme stimmt sicherlich nicht mit der Wirklichkeit überein.

 

In Wirklichkeit haben wir davon auszugehen, dass die Produktion aufgrund von Produktionsumwegen zumeist mehrere Perioden benötigt und dass die Dauer dieses Produktionsumweges von Produkt zu Produkt unterschiedlich ist.

 

Wenn dem aber so ist, können wir die Kapitalkosten nicht mehr als überall gleichen Prozentsatz der Arbeitskosten ansehen. Betrachten wir ein Beispiel:

 

Wir nehmen an, dass ein Unternehmen A recht arbeitsintensiv produziert, dass 10 Arbeitnehmer – bereits umgerechnet in normierte Arbeitsstunden  – insgesamt 100 Arbeitsstunden beschäftigt werden und dass die Produktion vom Beginn an bis zum Ende gerade nur eine Periode betrage. Der Unternehmer ist gezwungen, vor Beginn der Produktion einen Kredit aufzunehmen, der gerade ausreicht, die Arbeitnehmer auszuzahlen. Der Einfachheit halber wollen wir unterstellen, dass neben Arbeitskosten keine weiteren Kosten entstehen, dass also z. B. Rohstoffe verarbeitet werden, welche schon im Besitz des Unternehmers sind.

 

Wir gehen nun von einem zweiten Unternehmen B aus, dass im Gegensatz zu Unternehmen A sehr kapitalintensiv produziere, wobei wir hier wiederum unterstellen wollen, dass die bei der Produktion benötigten Rohstoffe bereits im Besitz dieser Unternehmung sind, weiterhin sei der Einfachheit halber unterstellt, dass die für die Produktion des Endproduktes benötigten Maschinen in dieser Unternehmung selbst erstellt werden. Wiederum würden 10 Arbeitnehmer mit insgesamt 100 normierten Arbeitsstunden beschäftigt.

 

Die Produktion des Endproduktes benötige nun für den Gesamtprozess der Produktion zwei Perioden, wobei in der ersten Periode zunächst nur die benötigte Maschine hergestellt werde, mit deren Hilfe dann in der zweiten Periode das Endprodukt produziert würde. Der Produktionsumweg umfasse also bei Unternehmung B zwei Perioden, bei Unternehmung A hingegen nur eine Periode.

 

Diese Annahmen haben nun zur Folge, dass Unternehmung A einen Kredit benötigt, der ausreicht, um die Arbeitnehmer insgesamt 100 Stunden arbeiten zu lassen und sie sofort zu entlohnen. Da der Zinssatz bei 3% liege, würden auf die Arbeitskosten nochmals 3% der Arbeitskosten als Zinskosten auf die gesamte Kostensumme aufgeschlagen.

 

Unternehmung B hingegen benötigt einen Kredit, welcher ausreicht, die beschäftigten Arbeitnehmer zwei Perioden lang zu beschäftigen. Bei gleichem Zinssatz bedeutet dies, dass auf die Arbeitskosten Zinskosten aufgeschlagen werden müssen, welche nicht 3%, sondern 6% der Arbeitskostensumme ausmachen.

 

Damit ist gezeigt, dass die Wertsummen beider Produkte durch die Berücksichtigung der Kapitalkosten nicht nur in ihrem absoluten Niveau erhöht werden, sondern dass sich auch die Wertrelationen verändern. Damit ist erwiesen, dass bei Berücksichtigung unterschiedlich langer Produktionsperioden die Wertrelationen zwischen zweier Gütern nicht nur von der Anzahl der notwendigen und normierten Arbeitsstunden, sondern darüber hinaus auch von der Höhe der Kapitalkosten bestimmt werden. Der Versuch, die Anzahl der Arten von Produktionsfaktoren auf eins zu reduzieren, ist somit gescheitert.

 

Wenden wir uns schließlich dem dritten Schritt David Ricardos zu, zu beweisen, dass man die Vielzahl der unterschiedlichen Arbeitsqualitäten auf  eine normierte Arbeitsqualität zurückführen könne. Wie gezeigt, versucht David Ricardo diese Aufgabe dadurch zu lösen, dass er die Lohnunterschiede unterschiedlicher Arbeitsqualitäten auf rein technische Bestimmungsgründe zurückführt, welche darüber hinaus auch zumindest kurzfristig als konstant und damit vorgegeben betrachtet werden können.

 

Gerade diese Annahme muss jedoch bezweifelt werden. In Wirklichkeit sind diese Wertrelationen bei den Löhnen wirtschaftlicher Art und damit Problemgrößen und nicht wie bei Ricardo unterstellt Datengrößen. Von wirtschaftlichen Problemen sprechen wir hierbei immer dann, wenn die Wertrela­tionen von der Knappheit dieser Faktoren abhängen. Und in der Tat müssen wir davon ausgehen, dass Knappheitsverhältnisse bei der Bestimmung der Wertrelationen der unterschiedlichen Arbeitsquali­täten im Spiel sind. Verdeutlichen wir diese These anhand eines einfachen Beispiels:

 

Wir unterstellen eine Kleinunternehmung, welche zur Herstellung eines handwerklichen Produktes 10 ungelernte Arbeiter beschäftigt, welche der normierten Arbeitsqualität entsprechen und zusätzlich noch einen Vorarbeiter benötigt, welcher die Handgriffe der Arbeiter überprüft. Wir wollen weiterhin unterstellen, dass traditionsbedingt der Vorarbeiter in der Vergangenheit einen Lohn bezog, welcher gerade dem Doppelten des Lohns der ungelernten Arbeiter entspreche. Es ist mir zwar schleierhaft, wie man in der Lage sein soll, dass aus technischen Gründen die Überwachung der Arbeiter gerade das Doppelte wert ist als die Ausführung der Arbeit, aber wir wollen trotzdem unterstellen, dass aufgrund solcher Vorstellungen das Gehalt des Vorarbeiters bisher festgelegt worden war.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass das Beschäftigungsverhältnis des Vorarbeiters beendet wird, z. B. weil dieser in den Ruhestand tritt, sodass die Unternehmung einen neuen Vorarbeiter einstellen muss. Wir wollen weiterhin unterstellen, dass aufgrund einer boomenden Wirtschaft, Vorarbeiter sehr knapp geworden sind und dass die Unternehmung deshalb nur unter der Bedingung einen neuen Vorarbeiter einstellen kann, dass er diesem nicht das Doppelte, sondern das Dreifache vom Grundgehalt der anderen beschäftigten Arbeiter bezahlt.

 

In diesem Beispiel sind die Wertrelationen der einzelnen Arbeitsqualitäten eindeutig durch Knappheits­verhältnisse bestimmt und man wird einräumen müssen, dass sogar  in der Realität sehr oft mit dieser Möglichkeit (der Knappheit bestimmter Facharbeitskräfte) gerechnet werden muss. Dann aber hat David Ricardo auch in diesem dritten Beweisschritt sein Ziel verfehlt: Er hat wiederum eine Unbekannte (nämlich den Wert eines Gutes) durch eine andere Unbekannte (nämlich den Wert einer Arbeitsqualität unter mehreren) zu erklären versucht und damit sein Ziel verfehlt. Das Problem wäre nur gelöst, wenn es ihm gelungen wäre, die jeweiligen Lohnrelationen eindeutig auf Datengrößen zurückzuführen, welche keiner weiteren Begründung bedürfen.

 

Versuchen wir diese drei Kritikpunkte in der Beweisführung David Ricardos zusammenzufassen: Es ist David Ricardo nicht gelungen, die Vielzahl der tatsächlich existierenden Arten von Produktionsfaktoren auf eine einzige Größe zurückzuführen. Damit bleibt es dabei, dass der Versuch der Vertreter der Klassik, den Wert eines Gutes auf objektive Größen, nämlich auf die notwendigen Stückkosten eines Gutes zurückzuführen, misslungen ist.

 

Nun bedeutet dies sicherlich nicht, dass die Werttheorie David Ricardos auf den Müllhaufen der Lehrgeschichte geworfen werden sollte. Es bleibt das Verdienst, dass es David Ricardo fast als einziger der klassischen Wissenschaftler gelungen ist, das Problem jeder objektiven Werttheorie zu erkennen. Es war eine große Leistung, richtig erkannt zu haben, dass die Zurückführung der Werte der einzelnen Güter auf die notwendigen Stückkosten nur dann befriedigen kann, wenn man nachweisen kann, dass ein einziger homogener Produktionsfaktor allein den Wert eines Gutes bestimmt.

 

Man sagt, dass das richtige Erkennen eines Problems bereits die Hälfte der Lösung darstellt, aber eben nur die eine Hälfte. Bei der Lösung des richtig erkannten Problems liegt einer der berühmten Denkfehler in der Geschichte der Nationalökonomie vor. Aber selbst hier muss die Art und Weise, wie David Ricardo vorgegangen ist, um die Vielzahl von Produktionsfaktoren, welche den Wert der Güter bestimmen, schließlich auf einen bestimmenden Faktor zurückzuführen, als geradezu brillant bezeichnet werden.

 

Der Fehler Ricardos lag daran, dass er erstens nicht erkannte, dass die Beweisführung für das Ausscheiden des Faktors Boden im Grunde für jeden beliebigen Produktionsfaktor angewandt werden könnte, dass er zweitens offensichtlich von der Annahme ausging, die Unterschiede in der Länge der Produktionsperioden seien für seine Beweisführung unerheblich und dass er schließlich drittens übersehen hat, dass die Lohnrelationen zwischen den einzelnen Arbeitsqualitäten sehr oft von der Knappheit und damit von einer Problemgröße abhängen, die im Rahmen einer Wirtschaftswissenschaft abzuklären ist.

 

 

 

8. Langfristige Entwicklung einer Volkswirtschaft

 

Unser bisher behandeltes Modell der Ricardianischen Werttheorie war statisch und stationär. Es war statisch, weil wir uns darauf beschränkten, welchen Wert ein Gut auf lange Sicht erreichen wird. Wir frugen nicht danach, auf welchem Wege und in welcher Zeitspanne ein solcher Wert in praxi erreicht wird.

 

Das Modell war darüber hinaus stationär, weil wir lediglich danach fragten, welchen Wert ein Gut in der heutigen Welt erreichen wird. Wir haben bisher nicht überprüft, mit welchen Veränderungen dieser Werte im langfristigen Zeitablauf zu rechnen ist, ob wir von einer Wachstumsrate in diesen Werten ausgehen können und ob diese Werte auf sehr lange Sicht einem bestimmten Grenzwert zusteuern.

 

David Ricardo hat sich in seinen Arbeiten auch über diese dynamischen Aspekte einer Werttheorie Gedanken gemacht und wir wollen zum Abschluss dieses Kapitels dieses dynamische Modell Ricardos kurz vorstellen und danach kritisch beleuchten. Hierbei greift Ricardo auch auf die von Robert Malthus entwickelte Bevölkerungslehre zurück.

 

Robert Malthus hatte bekanntlich eine sehr pessimistische Prognose über die Bevölkerungsentwicklung und über die Möglichkeit eines angemessenen Wirtschaftswachstums abgegeben. In seiner populären Version besagt diese Theorie, dass die Bevölkerung die Tendenz habe, im Sinne einer geometrischen Reihe zu wachsen, während der Nahrungsspielraum nur im Sinne einer arithmetischen Reihe wachsen könne.

 

Von einer geometrischen Reihe sprechen wir immer dann, wenn die betreffenden Zahlen einem Schema wie folgt entsprechen:

1    2    4    8    16   ….

 

Die Werte einer bestimmten Größe – im Beispiel der Bevölkerungslehre von Malthus: der Bevölkerung – verdoppeln sich also von Periode zu Periode oder allgemein die Werte der jeweils nächsten Periode entstehen aus dem Wert der Vorperiode, in dem dieser mit einer konstant bleibenden Größe (in unserem Beispiel mit der Größe 2) multipliziert wird.

 

Von einer arithmetischen Reihe sprechen wir hingegen immer dann, wenn die betreffenden Zahlen folgendem Schema entsprechen:

1     2     3     4     5    ….

 

Die Werte der hier angesprochenen Variablen (des Nahrungsspielraums in unserem Beispiel) vermehren sich von Periode zu Periode um eine Einheit oder allgemein um einen konstant bleibenden absoluten Betrag.

 

Hinter der Aussage, dass sich die Bevölkerung im Sinne einer geometrischen Reihe entwickelt, steht natürlich genau betrachtet gar keine echte, empirisch überprüfbare Annahme, solange nicht die genaue Periodenlänge angegeben wird. Sofern die Bevölkerung wächst, wird sie sich irgendwann einmal verdoppelt haben, das kann in zehn Jahren der Fall sein, dann würde von einem rasanten, beängstigten Wachstum der Bevölkerung ausgegangen werden; das kann aber auch erst nach 10 000 Jahren eintreten, dann gingen wir von einem sehr moderaten Wachstum der Bevölkerung aus.

 

Einen gewissen informativen Gehalt erhält die These von Malthus über das Wachstum der Bevölkerung allerdings bereits dann, wenn die Länge der Perioden immer identisch groß bleibt.

 

Die weitere Aussage, dass der Nahrungspielraum nur im Sinne einer arithmetischen Reihe wachse, ist von dem Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag des Bodens abgeleitet, das sowohl von David Ricardo wie auch Robert Malthus entwickelt worden war.  

 

Danach lässt sich der Bodenertrag dadurch steigern, dass weitere Böden, die bisher brach lagen, bebaut werden oder dass zu einer intensiveren Bebauungsart übergegangen wird. Allerdings sinkt der Ertrags­zuwachs mit jeder Vermehrung der bebauten Bodenfläche bzw. mit jeder stärker werdenden Intensi­vierung. Dieser Ertragszuwachs wird als Grenzertrag bezeichnet.

 

Der Grund für diesen Rückgang im Grenzertrag liegt bei einer Ausweitung der bebauen Bodenfläche darin, dass immer mehr Böden herangezogen werden müssen, welche sich weniger für eine Bebauung eignen. Zunächst wählt man die qualitativ besten Böden aus, je mehr jedoch produziert wird, umso mehr muss auch auf Böden zurückgegriffen werden, welche eine mindere Qualität aufweisen.

 

Wählt man den Weg einer Intensivierung um den Gesamtertrag zu steigern, so führt die Intensivierung deshalb zu sinkenden Grenzerträgen, weil bei jeder Bebauung eine Vielzahl von Faktoren (der Bodenbeschaffenheit) mitwirkt und weil im Zuge der Intensivierung die optimale Zusammensetzung der einzelnen Faktoren immer mehr verlassen wird.

 

Unterstellen wir nun, dass die Bevölkerung wächst und dass aufgrund der Ausweitung der Bodenproduktion der Grenzertrag des Bodens immer mehr zurückgeht, entwickelt sich eine Gesetzmäßigkeit, welche in folgendem Diagramm dargestellt wird:

 

 

 

 

 

 

 

Wir wollen auf der Abszisse die Bevölkerungsgröße und davon abgeleitet auch die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeiter abtragen, auf der Ordinate hingegen tragen wir den Grenzertrag des Bodens ab.

 

Wir gehen aus von einem Zeitpunkt, in welchem die Bevölkerungsgröße noch relativ gering war und beispielsweise der Größe B1 entsprach. Es konnten noch aufgrund der geringeren Bevölkerung nur die qualitativ besten Böden bebaut werden, mit der Folge, dass deshalb auch nur eine geringe Rente erzielt wurde, die Qualität der bebauten Böden wies noch keine beachtlichen Unterschiede auf.

 

Die Fläche, die unterhalb der Trennungslinie für die Rente liegt, stellt den Gesamtertrag der Produktion abzüglich der Rentensumme dar. In diese verbleibende Summe teilen sich nun Unternehmer und Kapitalgeber auf der einen Seite und die Arbeiter auf der anderen Seite. Die Lohnsumme entspricht hierbei dem Produkt aus Anzahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeitnehmer multipliziert mit dem vorherrschenden Lohnsatz, der in etwa dem Existenzminimum entspricht. Es kann durchaus auch eingeräumt werden, dass der aktuelle Lohnsatz auch über dem Existenzminimum liegt. Auf der eine Seite haben die Unternehmer eine relativ große Gewinnspanne, die es ihnen erlaubt, die Löhne anzuheben; auf der anderen Seite kann durchaus mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass sich die Unternehmer wegen einer Knappheit an Arbeitskräften gezwungen sehen, mehr als das Existenzminimum als Lohn zu gewähren, um überhaupt ausreichend Arbeitskräfte einstellen zu können. Halten wir fest, dass in diesem Ausgangspunkt der Entwicklung der Gewinn, die Profitrate noch relativ groß ist.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass die Bevölkerung weiter wächst (entsprechend dem von Robert Malthus prognostizierten geometrischen Wachstum) und dass deshalb immer qualitativ schlechtere Böden zusätzlich zur Bebauung herangezogen werden müssen. Da der Preis der Bodenprodukte mindestens die Stückkosten decken muss, welche auf dem qualitativ schlechtesten Boden entstehen, ergibt sich eine immer größer werdende Rentensumme, die den Besitzern der qualitativ besseren Böden zufällt. Von der Gesamtpro­duktion, der Gesamtfläche unterhalb der Grenzertragskurve bleibt für Gewinn und Lohn immer weniger übrig; und dies bedeutet, dass insbesondere die Profitrate sinkt, da der Lohn ohnehin weitgehend dem Existenzminimum entspricht und gerade aus diesen Gründen nicht weiter reduziert werden kann:

 

 

 

Nun wollen wir uns fragen, ob es in dieser wirtschaftlichen Entwicklung einen Endpunkt gibt, in dem das Wachstum beendet wird und in der Folge in einem stationären Zustand verharrt. Die Graphik zeigt, dass dann, wenn die Bevölkerung die Größe B3 angenommen hat, die wirtschaftliche Entwicklung ausläuft. Die Profitrate ist auf null gesunken, die Rentner und die Arbeiter teilen sich in das Gesamtprodukt, wobei der Lohnsatz nach wie vor nur dem Existenzminimum entspricht. Unternehmer und Kapitalgeber haben keinen Anreiz, die Produktion auszudehnen, sodass dann entsprechend der pessimistischen Bevölkerungslehre von Robert Malthus die Bevölkerungsexpansion nur durch Hungersnöte oder Krieg gestoppt werden kann.

 

 

 

Wenden wir uns nun der Beurteilung dieses dynamischen Modells von David Ricardo zu und überprüfen die einzelnen Annahmen dieses Modells. Als erstes fällt auf, dass Ricardo und mit ihm natürlich auch Robert Malthus lediglich die Produktion landwirtschaftlicher Produkte berücksichtigte. Nun mag es in der Anfangsphase, in welcher die klassische Theorie entstanden ist, der Wirklichkeit entsprochen haben, dass die Landwirtschaft bis über 90% der Gesamtproduktion übernommen hatte, so dass es verständlich und auch berechtigt erscheint, in einem einfachen Modell die industrielle und handwerkliche Produktion aus der Betrachtung auszuschließen. Wir müssen jedoch hinzufügen, dass der Anteil der industriellen Produktion sehr schnell anstieg, sodass auch noch zu Lebzeiten Ricardos dieser Teil der Volkswirtschaft in einem Gesamtmodell nicht mehr außer Acht gelassen werden durfte.

 

Wenn wir aber davon ausgehen, dass in der Zwischenzeit ein großer Teil der Produktion aus nichtlandwirtschaftlichen Produkten bestand, fragt sich, ob wir das zunächst nur für die Landwirtschaft und für den Produktionsfaktor Boden entwickelte Grenzertragsgesetz immer noch als maßgebend für die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft ansehen können. Selbstverständlich hängt die wirtschaftliche Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft in erster Linie vom Ertragsverlauf in der Industrie ab, wenn wir unterstellen müssen, dass der größte Teil des Inlandsproduktes in der Industrie und im Handwerk erzeugt wird.

 

Trotz dieses Umstandes können wir den von Ricardo aufgezeigten Ertragsverlauf durchaus übernehmen. Es hat sich nämlich relativ schnell herausgestellt, dass die im Ertragsgesetz beobachtete Gesetzmäßigkeit eigentlich sehr wenig mit der landwirtschaftlichen Produktion zu tun hat, sondern vielmehr damit, dass bei der Produktion nahezu aller Güter mehrere Produktionsfaktoren mitwirken und dass es bei einer gegebenen Technik immer ein optimales Einsatzverhältnis dieser Faktoren gibt. Wenn dann nur einer dieser Produktionsfaktoren, z. B. die Arbeitskraft verstärkt eingesetzt wird bei Konstanz der anderen Faktoren muss zwangsweise der Grenzertrag sinken. Dies bedeutet, wir können davon ausgehen, dass auch im Bereich der industriellen Produktion mit sinkenden Grenzerträgen zu rechnen ist.

 

Wir haben in diesem Falle allerdings das Wachstumsmodell von Ricardo insoweit zu modifizieren, als bei einer Produktion in der Industrie die Knappheitsrente nicht mehr den Bodenbesitzern zufällt, sondern den Unternehmungen und dass deshalb nach Abzug des Unternehmergewinnes der verbleibende Gesamtertrag auf Bodenbesitzer, Kapitalgeber und Arbeitnehmer aufgeteilt werden muss. Damit wird es allerdings unwahrscheinlich, dass die Profitrate auf null tendiert.

 

Das Wachstumsmodell Ricardos unterliegt weiterhin der Kritik, dass Ricardo zu wenig berücksichtigt hat, dass das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag nur für den Fall gilt, dass die Technik der Produktion nicht verändert wird. In dem Maße, in dem technischer Fortschritt eintritt, steigt die Produktivität, auch der Grenzertrag, mit der Folge, dass die Grenzertragskurve in unserem Diagramm nach außen verschoben wird, wodurch der Punkt der Stagnation immer wieder in die Zukunft verschoben wird. 

 

De facto wurde im Verlauf der Industrialisierung die Produktion so stark gesteigert, dass die Wachstumsrate der Produktion recht bald über die Wachstumsrate der Bevölkerung anstieg und damit nicht nur ermöglichte, dass das Inlandsprodukt, sondern auch – aufgrund eines immer stärker werdenden Einflusses der Gewerkschaften auf die Lohnhöhe –  das Lohneinkommen gesteigert werden konnte.

 

Diese Entwicklung wurde dadurch noch verstärkt, dass die Wachstumsrate der Bevölkerung ab einem bestimmten Zeitpunkt zurückging, bisweilen sogar negativ wurde. Diese Entwicklung widerspricht vollkommen der pessimistischen Sicht von Robert Malthus. Sie hängt von vielen Faktoren ab. In der Anfangsphase der Industrialisierung bedurfte ein Arbeitnehmer der Kinder, damit er dann, wenn er ab einem bestimmten Alter an nicht mehr erwerbstätig sein konnte, von seinen in der Zwischenzeit groß gewordenen Kindern miternährt werden konnte. Da in der Anfangsphase der Industrialisierung die Kindersterblichkeit extrem groß war, konnte ein Arbeitnehmer nur dann hoffen, im Alter miternährt zu werden, wenn er eine größere Zahl von Kindern auf die Welt brachte.

 

Dieser Zwang viel weg, sobald die Regierungen eine Sozialgesetzgebung einführten und deshalb die Arbeitnehmer auch ohne materielle Unterstützung ihrer Kinder mit Hilfe ihrer Altersrente materiell überleben konnten. Auch die Kindersterblichkeit ging mit wachsendem medizinischem Fortschritt zurück, sodass der Kinderwunsch auch mit weniger Geburten erreicht werden konnte.

 

Die Ausbildung der Kinder wurde mit der Zeit immer kostspieliger, sodass die eigenen Kinder von einer anfänglichen Ertragsgröße sehr bald zu einem Kostenfaktor wurden. Auch dieser Umschwung hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Geburtenrate mit wachsendem Wohlstand zurückging.

 

Schließlich muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden, dass aufgrund der Emanzipationsbewegung immer mehr Frauen in die Erwerbsarbeit drängten, mit der Folge, dass der Wunsch, Kinder zu bekommen, zurückgestellt wurde, da zu wenig Zeit für die Kindererziehung blieb.

 

Allerdings lässt sich in den am meisten wirtschaftlich fortgeschrittenen Volkswirtschaften auch hier wiederum eine erneute Umkehr zu verstärkten Geburtenraten feststellen. Auch hierfür dürften mehrere Faktoren verantwortlich sein. Erstens ist das pro Kopf-Einkommen oftmals so stark angestiegen, dass sich die Familien wieder Kinder leisten können. Es kommt noch hinzu, dass das Kinderhaben oftmals das Sozialprestige anhebt, vor allem dann, wenn man es sich leisten kann, den Kindern eine exzellente Ausbildung zu ermöglichen. Weiterhin übernehmen immer mehr Staaten einen beachtlichen Teil der Kosten, die mit der Kindererziehung verbunden sind. Hierzu zählen auch die Maßnahmen zur Errichtung von  staatlich geförderten Kindertagestätten. Schließlich sind auch die Unternehmungen immer mehr bereit, Berufschancen auch Frauen mit Kindern zu eröffnen, in dem z. B. Teilzeitarbeit auch für Führungskräfte vorgesehen wird, oder Eltern ihre Kinder in einem betriebseigenen Kindergarten unterbringen können oder schließlich Eltern länger andauernde Erziehungszeiten eingeräumt werden.

 

Zusammenfassend kommen wir auch bei der Beurteilung des dynamischen Modells zu ähnlichen Schluss­folgerungen wie bei der Beurteilung des statischen Wertmodells. Robert Malthus hat mit seiner Bevöl­kerungs­theorie die grundsätzliche Problematik jeder Bevölkerungslehre richtig erkannt. Er hat gezeigt, dass Armut nur dann überwunden werden kann, wenn die Wachstumsraten der Bevölkerung und des Inlandsproduktes in Übereinstimmung gebracht werden. Auch dann, wenn er in seinem Modell von teils fehlerhaften Annahmen ausging, hat er den Anstoß zu einer sehr fruchtbaren Diskussion über Bevölkerungs­fragen gegeben.