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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

 

Teil II Spezialgebiete der Lehrgeschichte

 

Gliederung:

 

 1. Methodenlehre

 2. Marktformenlehre

 3. Collective bargaining

 4. Wohlfahrtstheorie

 5. Verteilung: macro

 6. Geldtheorie

 7. Außenhandel

 8. Dynamische Theorie

 9. Konjunkturtheorie

10. Wachstumstheorie

 

 

10. Wachstumstheorie

 

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Arten des technischen Fortschritts

3. Keynesianische Wachstumstheorie

4. Neoklassische Wachstumstheorie

5. Die Rolle des Sparens in der Wachstumstheorie

6. Die Bedeutung des technischen Fortschritts

7. Die Rolle des Wettbewerbs für das Wachstum

 

 

 

1. Problemeinführung

 

Die traditionelle Theorie kennt als Problemgrößen die Preise und Mengen einzelner Güter, aber auch gesamt­wirt­schaftliche Größen wie Inlandsprodukt, Investitionsvolumen und Beschäftigung. Im Gegen­satz hierzu befasst sich die Wachstumstheorie nicht mit den absoluten Größen der ökonomischen Variablen selbst, sondern mit den Wachstumsraten dieser Variablen. Zur Diskussion steht also z. B. nicht das Inlandsprodukt (Y), sondern die Wachstumsrate des Inlandsproduktes (dY/Y), also der prozentuale Zuwachs des Inlandsproduktes pro Periode.

 

Eine solche Problematik ist natürlich nur sinnvoll, wenn die Volkswirtschaft generell die Tendenz hat zu wachsen. Hierzu reicht es nicht aus, dass bestimmte Größen wie Volkseinkommen oder auch das Preisniveau einmalig zunehmen. Genauso wie in der klassischen Lehre nicht so sehr einzelne konkrete Variablen in einem bestimmten Zeitraum und in einem bestimmten Wirtschaftsraum zur Diskussion stehen, sondern nach Gleichge­wichtswerten gefragt wird, die zumindest bis zur nächsten Daten­änderung als konstant angesehen werden, genauso ist die Frage nach Wachstums­raten überhaupt nur in einer wachsenden Volkswirtschaft sinnvoll.

 

Auch für die im Rahmen der Wachstumstheorie untersuchten Wachstumsraten gilt, dass in erster Linie nach gleichgewichtigen Wachs­tums­raten gefragt wird. So wird beispielsweise untersucht, unter welchen Bedingungen mit einem gleichgewichtigen Wachstum des Inlandsproduktes gerechnet werden kann. Hier wird wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass das Inlandsprodukt im Durchschnitt der Jahre steigt.

 

Die kontroverse Diskussion, welche zwischen neoklassischen und keynesianischen allgemeinen Theorien geführt wurde, wird auch innerhalb der Wachstumstheorie fortgesetzt. Die keynesianische Wachstums­theorie beginnt mit Roy F. Harrod und seiner Arbeit über dynamische Wirtschaft. Wir hatten bereits angedeutet, dass Harrod den Begriff dynamische Theorie etwas anders verwandt hatte als Erik R. Lindahl und Erik F. Lundberg und darunter Wachstumsprobleme subsumiert hat.

 

Der keynesianischen Wachstumstheorie folgte die neoklassische Wachstumstheorie von Robert Merton  Solow und James Eduard Meade, wobei auch hier der wichtigste Unterschied beider Schulen darin zu sehen ist, dass die Keynesianer Nachfragefaktoren, die Neoklassiker hingegen Angebotsfaktoren für das Wachstum verant­wortlich machten.

 

 

2. Arten des technischen Fortschritts

 

R. F. Harrod hatte den Begriff des neutralen technischen Fortschrittes geprägt, bei dem sich die technischen Verbesserungen bei allen Faktoren gleichmäßig auswirken, es wird also zur Produktion einer Produktionseinheit von allen Faktoren in gleichem Maße weniger verbraucht, während beim arbeitssparenden technischen Fortschritt in erster Linie, aber nicht ausschließlich Arbeitseinheiten eingespart werden und beim kapitalsparenden Fortschritt insbesondere, aber wiederum nicht ausschließlich Kapital pro Produktionseinheit weniger benötigt wird.

 

Harrod ging davon aus, dass a priori nichts darüber ausgesagt werden kann, welche Art des technischen Fortschritts sich durchsetzt. Es sei zwar durchaus möglich, dass in bestimmten Zeiten technischer Fortschritt tatsächlich dazu führt, dass per Saldo Arbeitskräfte eingespart werden, aber auch das Gegenteil ist denkbar. Gerade deshalb, weil über die Richtung des technischen Fortschritts nichts Eindeutiges gesagt werden kann, ging Harrod in seinen wachstumstheoretischen Analysen von einem neutralen technischen Fortschritt aus, da arbeitssparender und kapitalsparender Fortschritt gleichwahrscheinlich sind.

 

Im weiteren Verlauf der Entwicklung der Wachstumstheorie wurde der Begriff des technischen Fortschrittes präzisiert. Während Harrod dann von neutralem technischen Fortschritt sprach, wenn bei gleichbleibendem Zinssatz der Kapitalkoeffizient (K/Y) konstant bleibt, hatte John Richard Hicks von neutralem Fortschritt dann gesprochen, wenn bei konstant bleibendem Lohn-/Zinsverhältnis das Einsatzverhältnis Kapital zu Arbeit (K/A) unverändert bleibt.

 

Robert Merton Solow hatte einen dritten möglichen Begriff des neutralen Fortschrittes hinzugefügt: Neutral ist der technische Fortschritt dann, wenn bei konstantem Lohnsatz der Arbeitskoeffizient (A/Y) unverändert bleibt.

 

Unabhängig von der Art des technischen Fortschrittes und der Definition des neutralen Fortschrittes werden somit in aller Regel Arbeitseinheiten zur Produktion einer Gütereinheit in geringerem Maße als bisher benötigt, sodass bei unverändertem Inlandsprodukt im Allgemeinen die Arbeitslosigkeit partiell steigt. Allerdings wird dieser partielle Freisetzungseffekt zumindest zum Teil dadurch wiederum kompensiert, dass techni­scher Fortschritt nahezu immer Investitionen voraussetzt und dass diese autonomen Nachfrage­steigerungen die Beschäftigung partiell auch wiederum ansteigen lassen. Es hängt dann in der Tat von einer Reihe von Umständen wie etwa der Größe des Multiplikatoreffektes ab, welcher Effekt per Saldo überwiegt.

 

Erich Streißler vertrat die These, dass der technische Fortschritt langfristig kapitalsparend und nicht arbeitssparend gewesen sei, arbeitssparend wäre nur der relativ kleine Teil der Investitionen in Maschinen gewesen; langfristig wirkten sich jedoch die kapitalsparenden Effekte bei den Lagerin­vestitionen aus, die selbst wiederum durch den technischen Fortschritt im Transportwesen möglich geworden seien.

 

Trotzdem mag es richtig sein, dass in den beiden letzten Jahrzehnten der technische Fortschritt vorwiegend arbeitssparend ausgefallen ist. Dieser Bias erklärt sich jedoch nicht daraus, dass diese Entwicklung technisch eindeutig und unveränderlich vorgegeben ist, sie ist vielmehr Ergebnis einer ganz bestimmten Entwicklung in den Lohn-Zins-Verhältnissen. Je höher das Lohn-Zins-Verhältnis ist, umso mehr lohnt sich für die Unternehmungen die Steigerung der Kapitalintensität und die Einführung arbeitssparenden technischen Fortschritts.

 

Die Zunahme des Lohn-Zinsverhältnisses wurde selbst wiederum ausgelöst einmal durch eine expansive Lohnpolitik der Arbeitnehmer, insbesondere im unteren Lohnbereich, sowie durch eine keynesianische Politik des billigen Geldes. Steigt der Lohnsatz und sinkt gleichzeitig der Zinssatz, so steigt das Lohn-Zins-Verhältnis besonders stark, da hier sowohl der Lohnsatz als auch der Zinssatz verändert werden.

 

Nicholas Kaldor ging in seiner Wachstumstheorie sogar noch einen Schritt weiter, in dem er nachzuweisen versuchte, dass wachstumsimmanente Kräfte am Werke seien, die den Wachstumspfad langfristig immer wieder auf einen neutralen Fortschritt drängen. Immer dann, wenn der tatsächliche Wachstumspfad vom Pfad eines neutralen technischen Fortschrittes in Richtung arbeitssparenden Fortschritt abweiche, sinke mit der Nachfrage nach Arbeit der Lohnsatz und dies wiederum veranlasse die Unternehmer, stärker nach kapitalsparenden, arbeitsverbrauchenden Innovationen Ausschau zu halten.

 

 

3. Keynesianische Wachstumstheorie

 

Wenden wir uns nun der keynesianischen Wachstumstheorie zu, welche vor allem von Roy F. Harrod initiiert wurde. Diese Theorie will aufzeigen, von welchen Bestimmungsgründen die Wachstumsrate des Inlandsprodukts im Gleichgewicht abhängt. Entscheidend für die Höhe der Wachstumsrate ist hierbei der Kapitaleinsatz. Die Bedeutung des Kapitaleinsatzes für die Wachstumsrate des Inlands­produkts hinwiederum ergibt sich aus folgenden Gleichungen.

 

Ausgangspunkt ist die auch in der Keynes’schen Beschäftigungstheorie entwickelte Identitäts­gleichung:

 

 I = S

 

Da wir uns allerdings im Zentrum einer Wachstumstheorie nicht für die absolute Höhe der relevanten Problem­größen, sondern für deren Wachstumsraten interessieren, gilt es diese beiden Grundbegriffe der keynesianischen Theorie in Wachstumsgrößen umzuwandeln. Wir berücksichtigen hierbei, dass die Investitionssumme (I) gleich dem Kapitalzuwachs (dK), bzw. dem Produkt aus dem Kapitalkoeffizient (dK/dY) und dem Einkom­mens­zuwachs (dY) ist , während die Sparsumme S hingegen dem Produkt aus Sparneigung (s) und Inlandsprodukt (Y) entspricht. Es gelten also folgende Gleichungen:

                              

S = s * Y          

 

Setzen wir die Werte für I und S in obige Definitionsgleichung (I = S) ein, so ergibt sich folgende Bezieh­ung:

 

 

 

bzw. wenn wir beide Seiten mit Y dividieren:

 

    

 

 

dK/dY entspricht jedoch dem Kapitalkoeffizienten β. Wenn wir nun noch beide Seiten durch den Kapitalkoeffizienten β dividieren, erhalten wir schließlich die Grundgleichung der keynesianischen Wachstumstheorie:

 

 

Die Wachstumsrate des Inlandsproduktes entspricht dem Quotienten: Sparneigung durch Kapital­koeffizient. Im Gleichgewicht muss die Wachstumsrate des Angebotes der Wachstumsrate der Nachfrage entsprechen. Hierbei gehen von der Investition zweierlei Effekte aus. Auf der einen Seite vergrößert die Investition entsprechend dem  Multiplikator die Nachfrage. Auf der anderen Seite führt die Investition gleichzeitig zu einem Anstieg der Produktionskapazität und erhöht damit das zukünftige Angebot.

 

Es wird also die Frage gestellt, ob es ein Wachstum der Investitionssumme gibt, bei dem Angebot und Nachfrage mit den gleichen Wachstumsraten wachsen und bei welcher Investitionssumme dieses Gleichgewicht realisiert wird.

 

Es wird nun im Allgemeinen im  Rahmen der keynesianischen Wachstumstheorie von der Annahme ausgegangen, der Kapitalkoeffizienten sei zumindest kurz- oder mittelfristig konstant. In diesem Falle hängt das wirtschaftliche Wachstum allein von der Ersparnis ab.

 

 

 

Aus dieser keynesianischen Wachstumstheorie wurde nun die Schlussfolgerung gezogen, Wachstum lasse sich allein durch Kapitalbildung erzielen. Es entsteht hier die Frage, ob die postkeynesianische Theorie doch wiederum die Bedeutung der Ersparnis für das Wachstum unterstreicht? Es hat den Anschein, als sei Sparen im Hinblick auf ein befriedigendes Wachstum wiederum wie bei den Klassikern eine Tugend, während doch die Botschaft der ursprünglichen keynesianischen Beschäfti­gungs­theorie darin bestand, dass Sparen – zumindest von eine bestimmten Ausmaß an – unerwünscht sei, da es zu Arbeitslosigkeit führe.

 

 

Die Formel:

 

 

  

besagt jedoch nicht:

 

               Je größer die Sparquote ist, umso größer ist auch die Wachstumsrate, sondern:

 

Je größer die Sparquote ist, umso höher muss die Wachstumsrate der Investition und damit auch die gleichgroße Wachstumsrate des Inlandsproduktes sein, damit sich ein dynamisches Gleichgewicht einstellen kann.

 

Es handelt sich bei dieser Gleichung um eine Gleichgewichtsbedingung, sie unterrichtet nicht darüber, wie sich eine Veränderung in der Ersparnis auf das wirtschaftliche Wachstum tatsächlich auswirkt, sondern allein darüber, unter welchen Bedingungen ein gleichgewichtiges Wachstum zu erwarten ist.

 

Nach wie vor sind auch die keynesianischen Wachstumstheoretiker skeptisch in der Frage, ob eine Zunahme der Sparneigung tatsächlich zu einem vermehrten Wachstum des Inlandsproduktes führt. Da aber die Botschaft dieser Gleichgewichtsbedingung lautet, dass bei einer Zunahme der Sparneigung ein gleichgewichtiges Wachstum nur bei einer höheren Wachstumsrate erreicht werden kann, bedarf es einer Zunahme der Investition, um die Voraussetzungen für ein gleichgewichtiges Wachstum herbeizu­führen. Ob diese Voraussetzung für ein gleichgewichtiges Wachstum in praxi erfüllt ist, kann man aus dieser Formel nicht ablesen.

 

Kernstück der Wachstumstheorie von Harrod ist die These vom Wachstum auf des Messers Schneide. Betrachten wir hierzu das Verhältnis der Identitätsgleichung zur Gleichgewichtsbedingung.

 

                                              

                                                    

Aus der Identitätsgleichung ergibt sich unmittelbar, dass einem Anstieg in der tatsächlichen Wachs­tums­rate (dY/Y)  bei konstanter Sparneigung notwendigerweise eine Abnahme des Kapitalkoeffizienten entspricht. Übersteigt nun die tatsächliche Wachstumsrate (dY/Y) diejenige, bei welcher ein Gleichgewicht erzielt wird (dY/Y)g, so muss deshalb auch der tatsächliche Kapitalkoeffizient kleiner sein als derjenige, welcher von den  Unternehmern als erwünscht angesehen wird. Dies bedeutet, dass immer dann, wenn das tatsächliche Wachstum über dem Wachstum liegt, das auf den Märkten ein Gleichgewicht garantiert hätte, die Unternehmer ihre Investitionen verstärken, um den  tatsächlichen Kapitalkoeffizienten auf die gewünschte Höhe zu bringen. Dies bedeutet jedoch auch, dass die Wachstums­rate steigt, obwohl sie bereits zu hoch ist (über dem Gleichgewichtsniveau) liegt. 

 

Wenn andererseits das tatsächliche Wachstum (dY/Y) dem gleichgewichtigen Wachstum (dY/Y)g  entspricht,  dann gibt es keine Gründe dafür, dass das Wachstum nicht wie bisher beibehalten wird, denn dann ist auch der tatsächlich realisierte Kapitalkoeffizient gleich dem gewünschten. Die Unternehmer fühlen sich in ihren Erwartungen bestätigt und sie werden deshalb mit ihrer bisherigen Investitionspolitik fortfahren.

 

Wenn jedoch das tatsächliche Wachstum das gleichgewichtige Wachstum übersteigt, dann muss auch der tatsächliche Kapitalkoeffizient notwendiger Weise geringer sein als der Koeffizient, welcher die Unter­neh­mer zufrieden stellt. Also werden sie versuchen, die Produktion auszuweiten und damit das tatsächliche Wachstum weiter über das gleichgewichtige Wachstum anheben.

 

Umgekehrt gilt, dass dann, wenn die tatsächliche Wachstumsrate unterhalb der gleichgewichtigen liegt, auch die tatsächliche Ausrüstung größer sein muss als von den Unternehmern erwünscht mit der Konsequenz, dass die Unternehmer die Produktion drosseln werden. Eine zu geringe Produktion führt also zu einer weiteren Minderung, obwohl eine Ausweitung der Produktion erwünscht wäre.

 

‚Längs der Generallinie des Fortschritts, die allein dann, wenn man an ihr festhält, Befriedigung verschafft, sind somit zentrifugale Kräfte am Werk, die das System mehr und mehr von der erforderlichen Fortschrittslinie abzugehen zwingen‘.

 

Als nächstes setzt Harrod diese beiden Gleichungen (Definitionsgleichung und Gleichgewichts­bedingung) in Beziehung zu der natürlichen Fortschrittsrate, welche durch das Bevölkerungs­wachstum sowie dem technischen Fortschritt bestimmt wird und Arbeitslosigkeit ausschließt:

 

 

                                                            

 

 

Harrod zieht nun die Abweichungen der Größe von (dY/Y) und (dY/Y)n  in seine Betrachtung mit ein. Als erstes ist darauf hinzuweisen, dass die natürliche Wachstumsrate (dY/Y)n dem höchsten Durch­schnittswert der tatsächlichen Wachstumsrate (dY/Y) eine obere Grenze setzt. In einer Krise kann zwar die tatsächliche Wachstumsrate (dY/Y) eine gewisse Zeit die natürliche Wachstumsrate (dY/Y)n überschreiten, aber nicht für eine unbegrenzte Zeit. Auf lange Sicht setzen Bevölkerungswachstum und technischer Fortschritt dem tatsächlichen Wachstum eindeutige Grenzen. 

 

Zweitens sind die Beziehungen zwischen natürlicher (dY/Y)n und gleichgewichtiger Wachstumsrate (dY/Y)g von entscheidender Bedeutung dafür, ob die Wirtschaft für längere Zeit boomt oder kriselt. Jedes Mal wenn die tatsächliche Wachstumsrate (dY/Y) größer wird als die gleichgewichtige (dY/Y)g, wird ein Aufschwung einsetzen. Wenn nun auch noch die natürliche Wachstumsrate (dY/Y)n größer ist als die gleichgewichtige (dY/Y)g  dürfte der Aufschwung sehr lange anhalten, da keine Kräfte sichtbar sind, welche diesen Aufschwung stoppen. Aber wenn die gleichgewichtige Wachstumsrate (dY/Y)g  größer wird als die natürliche (dY/Y)n, dann  muss das tatsächliche Wachstum (dY/Y)  die längste Zeit unter dem gleichgewichtigen Wachstum (dY/Y)g liegen, da der Durchschnittswert des tatsächlichen Wachstums (dY/Y) nicht längere Zeit den Wert des natürlichen Wachstums (dY/Y)n übersteigen kann. Es ist also dann mit längeren Depressionsperioden  zu rechnen.

 

Dies scheint auf den ersten Blick paradox, da annahmegemäß die Unternehmungen bestrebt sind, die Entwicklung über den Punkt hinauszutreiben, der von den Grundbedingungen vorgeschrieben ist. In Wirklichkeit übe jedoch die Abweichung von den Grundwerten und nicht die Richtung dieser Abweichung den entscheidenden Einfluss aus, der über Aufschwung oder Abschwung entscheidet.

 

Sparen sei eine Tugend, solange die gleichgewichtige Wachstumsrate (dY/Y)g, kleiner ist als die natür­liche (dY/Y)n. Es hat jedoch verheerende Folgen, wenn das gleichgewichtige Wachstum  (dY/Y)g größer wird als das natürliche Wachstum (dY/Y)n.

 

Das gleichgewichtige Wachstum (dY/Y)g sollte aber auch nicht wesentlich geringer sein als das natürliche Wachstum (dY/Y)n. Denn in diesem Fall sei zwar ein Aufschwung zu erwarten, aber es sei auch zu befürchten, dass dieser Aufschwung mit Preissteigerungen verbunden ist. Dieser inflatorische Prozess hätte durch vermehrtes Sparen vermieden werden können. Nur dann, wenn die gleichgewichtige Wachstumsrate (dY/Y)g entscheidend über die natürliche Wachstumsrate (dY/Y)n ansteigen würde, müsste gerade durch das Sparen eine Depression ausgelöst werden.

 

Die keynesianische Wachstumstheorie wurde nun kritisiert, da sie den Kapitalkoeffizienten als konstant angesehen hat. In Wirklichkeit müsste befürchtet werden, dass eine Zunahme der Investition auch zu einem Anstieg im Kapitalkoeffizienten führt. In diesem Falle wird jedoch wiederum bei einem geringeren Wachstum das Gleichgewicht erreicht. Betrachten wir hierzu nochmals die grundlegende Gleichung:

 

                                                        

 

Wir wollen unterstellen, dass aufgrund einer Zunahme in der Ersparnis ein gleichgewichtiges Wachstum nur erreicht werden könnte, wenn auch die Investition ansteigen  würde. Nehmen wir an, dass der Staat einen solchen Anstieg im Investitionsvolumen über Investitionsanreize herbeiführen wollte. Dieser Anstieg im Investitionsvolumen führe jedoch selbst wiederum zu einem Anstieg im Kapitalkoeffizienten. Dies würde jedoch wiederum dazu führen, dass die gleichgewichtige Wachstumsrate des Inlandsproduktes bei einer geringeren Größe liegen würde.

 

 

4. Neoklassische Wachstumstheorie

 

Die neoklassische Wachstumstheorie, welche von R. M. Solow, J. Meade und anderen entwickelt wurde, erwuchs vor allem aus der Kritik an der keynesianischen Wachstumstheorie, wonach wirt­schaft­liches Wachstum allein durch vermehrte Kapitalbildung erzielt werden könnte. Demgegenüber waren die Neoklassiker bemüht, nachzuweisen, dass der Kapitalbildung für das wirtschaftliche Wachstum eine bedeutend geringere Bedeutung zukomme.

 

Nach Auffassung von Solow und Meade hänge nämlich zwar das Wachstumsniveau, nicht aber die Wachstumsrate von der Höhe des Kapitaleinsatzes ab. Ausgangspunkt der Beweisführung bildet eine Produktionsfunktion vom Typ Cobb-Douglas:

 

                                                                X  =  b*Aα *K1-α

 

X : reales Sozialprodukt

A : Arbeitseinsatz in Stunden

K : Kapitaleinsatz in Mengeneinheiten

b,α : Strukturparameter.

 

Folgende Annahmen werden hierbei getroffen:

 

Das Inlandsprodukt ist allein von dem Arbeitseinsatz (A) und dem Kapitaleinsatz  (K) abhängig.

 

Es liegt ein neutraler technischer Fortschritt vor.

 

Eine partielle Differentiation der Produktionsfunktion: X  =  b*Aa *K1-a    ergibt:

 

                                  i)     

 

 

                                 ii)    

 

                                iii)   

 

 

Das totale Differential ergibt sich nun aus der Summe der partiellen Ableitungen:

 

                               

 

 

Wir kürzen die Gleichung durch X und erhalten:

 

 

                                  

 

 

Wenn wir nun einen neutralen Fortschritt unterstellen, also annehmen, dass (K/X) bei konstantem Zinssatz ebenfalls konstant ist, entsprechen sich auch die Wachstumsraten von K und X:

 

                                             

 

 

 

Ausgangspunkt sei nun die totale Differentiation von X. Es gilt die Gleichung:

 

                             

 

 

Wir ersetzen  dK/K durch dX/X, da der Kapitalkoeffizient (K/X) konstant ist:

 

                         

 

 

Wir bringen die X-Terme auf die linke Seite:

 

                         

 

 

Durch Division der gesamten Gleichung mit a ergibt sich schließlich:

 

                         

 

 

Wir kommen somit zu folgenden Schlussfolgerungen:

 

Die Wachstumsrate des Inlandsproduktes ist unabhängig von der Höhe des Kapitaleinsatzes. Der Kapitaleinsatz (K) geht nicht in die Bestimmungsgründe für die Wachstumsrate des Inlandproduktes ein. Nach wie vor gilt natürlich, dass das Inlandsprodukt entsprechend der Cobb-Douglas-Produk­tions­funktion vom Kapitaleinsatz abhängt: X = f(A,K).

 

Eine weitere Folge dieses Ansatzes besteht darin, dass das intensive Wachstum nur vom technischen Fortschritt abhängig ist. Dividieren wir nämlich in der obigen Gleichung beide Seiten durch den Term: (dA/A), hängt die Wachstumsrate des Pro-Kopfeinkommens (dX/X : dA/A) allein von der Produktions­elastizität in Bezug auf die Arbeit (α) sowie dem Wachstumsfaktor (b) ab:

 

                                            

 

 

Wenn aber der Kapitalkoeffizient K/X konstant ist und wenn deshalb die Wachstumsrate des Kapitals (dK/K) gleich der Wachstumsrate des Inlandsproduktes (dX/X) ist, dann entspricht auch ex definitione der Zinssatz (i = dK/K) der Wachstumsrate des Inlandsproduktes. Damit ist hier im Gleichgewicht auch die goldene Regel der Akkumulation von Edmund S. Phelps erfüllt, wonach das Pro-Kopf-Einkommen der Bevöl­kerung genau dann maximiert wird, wenn der Zinssatz der Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens gleich ist.

 

Im Rahmen der goldenen Regel der Akkumulation wird die Frage gestellt, unter welchen Bedin­gungen das Pro-Kopf-Einkommen maximiert wird. Es geht hier im Wesentlichen um die Frage, wie viel gespart werden muss, damit das Pro-Kopf-Einkommen bzw. der Konsum pro Kopf ein Maximum erreicht. Es ist klar, wenn überhaupt nicht gespart und damit auch nicht investiert würde, wäre das Pro-Kopfeinkommen denkbar gering. Würde jedoch auf der anderen Seite das gesamte Einkommen für Ersparnisse reserviert, würde der Konsum auf null absinken. Das Optimum muss also zwischen diesen beiden Extremen liegen. Eine Steigerung der Ersparnis vergrößert die Produktion und kommt so auch dem Konsum zugute. Da aber das Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag des Kapitals gilt, werden bei zunehmender Kapitalbildung die Einkommenszuwächse immer geringer, sodass von einer bestimmten Sparquote ab der Zuwachs an Kapital nur noch ausreicht, die Investitionen zu alimentieren. Hier ist die optimale Sparquote erreicht.

 

Wenn die Wachstumsraten aller wesentlichen Variablen, also des Inlandsproduktes, des Kapital­einsatzes und der Investitionen gleich groß sind und deshalb auch im Zeitablauf keinen Veränderungen unterliegen, spricht man vom steady state Wachstum.

 

Die neoklassischen Schlussfolgerungen unterliegen der Kritik. Erinnert sei daran, dass das Wachs­tums­niveau durchaus vom Kapitaleinsatz abhängt, nur die Wachstumsrate des Inlandsproduktes ist unabhängig.

 

Weiterhin setzen diese Schlussfolgerungen der neoklassischen Wachstumstheorie eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion voraus. Nur für diese Produktionsfunktion ist nachgewiesen, dass die Wachs­tums­rate des Kapitaleinsatzes mit der Wachstumsrate des Inlandsproduktes zusammenfällt. Bei anderen Produk­tions­funktionen kann die Wachstumsrate durchaus vom Kapitaleinsatz abhängen.

 

Schließlich ist daran zu erinnern, dass ein verkörperter technischer Fortschritt selbst wiederum vom Kapitaleinsatz abhängt. Von einem verkörperten technischen Fortschritt sprechen wir bekanntlich immer dann, wenn sich allein aufgrund der Tatsache, dass produziert wird, das technische ‚know how‘ verbessert.

 

 

5. Die Rolle des Sparens in der Wachstumstheorie

 

Wir hatten oben gezeigt, dass auch die Vertreter der keynesianischen Wachstumstheorie nach wie vor davon überzeugt sind, dass nicht Sparen allein die Wachstumsrate des Inlandsproduktes steigern hilft, dass es vielmehr in der Regel einer vermehrten Investition bedarf, um das tatsächliche Wachstum zu steigern.

 

Allerdings hat die Weiterentwicklung der keynesianischen Theorie durch Nicholas Kaldor gezeigt, dass der Ersparnis auch im Rahmen einer keynesianischen Theorie eine entscheidende durchaus positive Funktion zuerkannt werden muss. Bei der Diskussion der Harrod’schen Theorie auf des Messers Schneide hatten wir auf diesen Zusammenhang bereits kurz hingewiesen.

 

Nachfragesteigerungen können nämlich in Preissteigerungen verpuffen, wenn die Ersparnis gering ist. Es ergibt sich somit aus der Kaldor’schen Theorie folgende Schlussfolgerung: Eine von der Kapital­nachfrageseite her ausgelöste Erhöhung des Kapital-Einsatzes wird zu Preissteigerungen und damit zu einer Verschlechterung der Lohnquote führen. Um dies zu verhindern, bedarf es auch der Zunahme der Ersparnis.

 

Betrachten wir hierzu das im Kapitel über die gesamtwirtschaftliche Verteilungstheorie entwickelte Modell:

 

 

 

Auf der Ordinate hatten wir die Sparquote s und die Investitionsquote Y  und auf der Abszisse die Gewinnquote γ abgetragen. Wir gehen von dem Schnittpunkt der rot eingezeichneten gesamtwirt­schaftlichen Sparfunktion mit der Investitionsgeraden aus, welcher eine Gewinnquote γ0 entspricht. Wir steigern nun die Investition und gelangen zu einem neuen Gleichgewicht bei der Gewinnquote γ1. Der Anstieg in der Gewinnquote ist gleichbedeutend mit einer Reduzierung der Lohnquote. Diese unerwünschte Lohnquotenminderung hätte nur vermieden werden können, wenn auch gleichzeitig die Sparquote der Arbeitnehmer gestiegen wäre:

 

 

 

Aus diesen Überlegungen ergibt sich folgende Schlussfolgerung für eine keynesianische Sparpolitik: Auch die Förderung der Ersparnis ist für den Erfolg der Wachstumspolitik notwendig. Es können auf diese Weise die inflatorischen Nebenwirkungen sowie eine unerwünschte Verringerung der Lohnquote vermieden werden.

 

 

6. Die Bedeutung des technischen Fortschritts

 

Die quantitative Bedeutung des technischen Fortschritts für das Wachstum ist unbestritten. Der technische Fortschritt äußert sich hierbei in einer Veränderung der Strukturparameter der Produk­tions­funktion b und α, wobei (b) auf den Wachstumsfaktor und (α) auf die Produktionselastizität in Bezug auf den Arbeitseinsatz hinweist.

 

                                           X = b * A a * K 1- a 

 

 

Schwierigkeiten entstehen allerdings bei der praktischen Zurechnung des Anteils des Fortschrittes zum Wachstum: Der technische Fortschritt kann nämlich wiederum vom Kapitaleinsatz abhängig sein. Nehmen wir den Fall, dass eine bestimmte produktivitätssteigernde Innovation eine Investition erfordere, bei welcher die Kapitalintensität erhöht werde. Hier ist es nicht möglich anzugeben, welcher Teil dieser Produktivitätssteigerung auf den vermehrten Einsatz an Kapital und welcher restliche Teil auf die veränderte Technik zurückgeführt werden kann. Man kann lediglich in diesem Falle feststellen, dass diese Produktivitätssteigerung dadurch ausgelöst wurde, dass sowohl die Technik als auch der Kapitaleinsatz verändert wurde.

 

Weiterhin müssen wir bedenken, dass eine verbesserte Technik zumeist auch eine höhere Arbeits­qualität erfordert. Auch hier lässt sich der Wohlfahrtsgewinn nicht mehr auf die verbesserte Technik und auf die gestiegene Arbeitsqualität aufteilen.

 

 

7. Die Rolle des Wettbewerbs für das Wachstum

 

Die Rolle des Wettbewerbs für den technischen Fortschritt wird kontrovers diskutiert: Die Klassiker der Wirtschaftstheorie gingen zumeist davon aus, dass die Unternehmer nur bei Wettbewerb genügend Anreize zur Rationalisierung erhalten. Es sei der Wettbewerb, welcher die Unternehmer unter Druck setze, jede mögliche Kostensenkung und Qualitätsverbesserung einzusetzen.

 

J. A. Schumpeter ging hingegen davon aus, dass nur Großbetriebe und Konzerne die Fähigkeit zur Innovation hätten. Auf der einen Seite könnten nur Großbetriebe das Kapital aufbringen, das für innovative Investitionen benötigt werde. Auf der anderen Seite brächte eine Monopolstellung den Unternehmungen die Sicherheit, dass der mögliche Ertrag aus einer Innovation nicht wieder dadurch zunichte gemacht werde, dass auch Konkurrenten diese oder ähnliche Innovationen durchführen. Der Unterschied zwischen beiden Positionen (Klassik und Schumpeter) besteht also darin, dass die Klassiker auf die Anreize zur Innovation abheben, während Schumpeter hingegen die Möglichkeiten zu Innovation stärker betont.

 

Der Wettbewerb hängt selbst wiederum von mehreren Faktoren ab:

 

Erstens ist an dieser Stelle die jeweilige Konjunkturlage zu nennen. In Zeiten der Nachfrageüberhänge versagen die Wettbewerbskräfte, auch Unternehmungen, welche überdurchschnittlich hohe Stück­kosten aufweisen, können sich im Markt halten, in dem sie die Kosten auf den Preis überwälzen.

 

Weiterhin hängt der Wettbewerbsgrad auch davon ab, ob die Wirtschaftspolitik auch den Ausländern einen freien Marktzugang garantiert. Oftmals wird ein Wettbewerb durch eine prohibitive Zollpolitik verhindert.

 

Der Umfang des Wettbewerbes hängt drittens auch davon ab, welche Möglichkeiten der Gesetzgeber den Unternehmungen zu Zusammenschlüssen (Konzernen, Kartelle) einräumt.

 

Schließlich entscheidet auch die jeweilige Ausgestaltung der Patentgesetzgebung darüber, wie viel Wettbewerb entsteht. Bei einem zu großzügigen Patentschutz kann der Wettbewerb auf Jahre unterbunden sein.