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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

3. Liberalismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

                10. Keynesianismus

                11. Neoliberalismus

 

 

3. Liberalismus

 

 

Gliederung:

 

1. Vorbemerkung

2. Vorläufer: Die Physiokratische Lehre

3. Grundzüge des Liberalismus

4. Vertreter des Liberalismus

5. Smith: Das Prinzip der Arbeitsteilung

6. Smith: Die unsichtbare Hand

7. Smith: Das Harmonie-Modell

8. Mandeville Die Bienenfabel

9. Bentham: Die Lehre des Utilitarismus

                10. Hume: Ethik der Gefühle

                11. Cobden: Politische Auswirkungen

 

 

1. Vorbemerkung

 

In diesem Kapitel wollen wir uns mit dem Liberalismus befassen. Der Liberalismus entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Reaktion auf den Merkantilismus. Der Hauptwirkungsbereich des Liberalismus war England, aber auch in Frankreich, in Deutschland und anderen Ländern entstanden liberale Bewegungen.

 

In diesem Kapitel wollen wir uns im Wesentlichen auf den Liberalismus in England beschränken, so wie er vor allem von Adam Smith konzipiert wurde.

 

Die Arbeiten von Adam Smith lassen sich allerdings nicht nur dem Liberalismus zuordnen. Adam Smith kann auch als der Begründer der klassischen Richtung angesehen werden. In diesem Sinne wird Adam Smith oftmals auch als Vertreter der Frühklassik bezeichnet, im Gegensatz zu den späteren klassischen Arbeiten vor allem von David Ricardo. Während bei David Ricardo und auch bei Robert Malthus von einer pessimistischen Sicht gesprochen werden muss, zeichnen sich die Arbeiten von Adam Smith als eine durchaus optimistische Lehre aus. Wir wollen hier in dieser Vorlesung die Arbeiten von Adam Smith lediglich soweit berücksichtigen, als Adam Smith dem Liberalismus zugerechnet werden kann. Das folgende Kapitel, das der Klassik gewidmet ist, wird sich hingegen im Wesentlichen nur mit den Arbeiten von David Ricardo und Robert Malthus befassen.

 

In einem Punkt allerdings soll in diesem Kapitel von der Beschränkung auf englische Beiträge zum Liberalismus abgewichen werden und auch über die Arbeiten der Physiokraten berichtet werden. Die Lehre der Physiokraten beschränkte sich im Wesentlichen auf Frankreich und kann als Vorläufer des Liberalismus betrachtet werden. An und für sich enthält der Physiokratismus keinen über den englischen Liberalismus hinausgehenden Beitrag. In einer etwas anderen Hinsicht war der Physiokratismus jedoch ausgesprochen innovativ, indem er wohl erstmals ein Tableau entwickelte, das den vollständigen Kreislauf der Produktion innerhalb einer Volkswirtschaft beschreibt. Insofern nahmen die Physiokraten wichtige Erkenntnisse der vor allem von John Maynard Keynes entwickelten Kreislauftheorie vorweg.

 

 

 

2. Vorläufer: Die Physiokratische Lehre

 

Begründer des Physiokratismus war Francois Quesnay, der von 1694 – 1774 lebte und Leibarzt des französischen Königs Ludwig XV. war. Quesnay trat für ein ‚laissez faire‘ ein, für einen Grundsatz, nach dem den Bürgern und Unternehmern eine möglichst große Freiheit zur Selbstbestimmung eingeräumt werden sollte. Insofern kann man den Physiokratismus in der Tat als Vorläufer des Liberalismus einstufen.

 

Von größerem Interesse an dieser Stelle ist jedoch seine im Jahre 1758 veröffentlichte Arbeit über ein ‚Tableau Economique‘. Hier werden die Kreislaufbeziehungen der Güterströme zwischen den einzelnen Bereichen der Wirtschaft dargestellt.

 

Quesnay geht in seinen Ausführungen von einem freien Handel aus, wobei der Preis eines Gutes aus den Preisvorstellungen der Anbieter und Nachfrager auf einem freien Markt gebildet wird. Es werden drei Klassen im Sinne von Wirtschaftsbereichen unterschieden:

 

Zur ersten Klasse zählen die Bauern, welche zumeist nicht auf eigenem, sondern auf gepachteten Boden die Agrarprodukte erzeugen. Sie sind nach Auffassung von Quesnay die einzige Klasse, welche produktiv in dem Sinne ist, dass sie zur wirtschaftlichen Wertschöpfung beiträgt. Die Klasse wird deshalb auch als ‚classe productive‘ bezeichnet.

 

Die zweite Klasse bezeichnet Quesnay als ‚sterile‘ und fasst darunter die Kaufleute, Händler, aber auch Handwerker. Sie werden als steril eingestuft, um damit anzudeuten, dass ihr Beitrag nur darin besteht, die produzierten Waren vom Erzeuger zum Konsumenten zu bringen. An dem eigentlichen Wert der einzelnen Waren führe diese Klasse keine zusätzliche Wertschöpfung herbei. Diese Betrachtungsweise mag noch angehen, soweit die Gruppe der Händler angesprochen ist.

 

Zwar sind wir heute davon überzeugt, dass auch der Händler und Transporteur einen echten Beitrag zur Wertschöpfung leistet, dass der Gesamtnutzen, den der Endverbraucher mit dem Konsum der einzelnen Agrarprodukte erhält, nicht nur von dem eigentlichen Nutzen abhängt, den er durch den Konsum eines Gutes im engeren Sinne erfährt. Nutzensteigerungen treten auch dadurch ein, dass der Handel die sehr zeitraubende und auch kostenträchtige Suche nach den geeigneten Produkten übernimmt, sodass der Handel dazu beiträgt, Nutzenminderungen bei den Konsumenten zu vermeiden. Auch der Verkehrssektor bringt Nutzensteigerungen insofern hervor, als er die Produkte vom Standort der Produktion zum Standort des Konsums transportiert, eine Leistung, welche beim Konsumenten wiederum Nutzenminderungen erzeugen würde, wenn er jeweils die Produkte unmittelbar beim Bauern, der diese Waren produziert, hätte erwerben müssen. Offensichtlich übersah Quesnay diese Leistungen von Handel und Verkehr und unterstellt, dass es nur auf den Nutzen ankommt, den das Gut beim Konsum eines Gutes unmittelbar hervorruft.

 

Ganz unverständlich ist aus heutiger Sicht, dass auch die Handwerker, welche ja die agrarischen Rohstoffe vielfältig bearbeiten und damit auch aus den agrarischen Rohstoffen ganz neue Produkte erzeugen, als steril bezeichnet werden. Hier dürfte der unmittelbare Konsum einer handwerklich erstellten Ware einen wesentlich höheren Nutzen stiften als dann, wenn der Konsument die Rohstoffe beziehen und vor dem Konsum dieser Güter zunächst selbst durch handwerkliche Arbeit die Verarbeitung dieser Rohstoffe zu Endprodukten vornehmen müsste.

 

Die dritte Klasse bildet schließlich die Gruppe der ‚Propriétaires‘, also der Grundeigentümer sowie des Adels, welche ja in der damaligen Zeit die meisten Grundstücke besaßen, wobei die Bauern entweder als Leibeigene des Grundbesitzers ihrer Arbeit verrichteten oder auf Grundstücken ihre Arbeit verrichteten, welche von den Eigentümern an die Bauern verpachtet wurden unter der Auflage, dass sie eine bestimmte Menge an Produkten dem Eigentümer kostenlos zur Verfügung stellen mussten. Die Bauern hatten aber immerhin die Möglichkeit, mehr zu produzieren und die Produkte, die nicht an den Eigentümer abgeführt werden mussten, selbst zu konsumieren oder an Händler weiterzuverkaufen.

 

Quesnay unterstellt nun – wohl zur Vereinfachung der Zusammenhänge, weniger als Tatsachenbehauptung – dass die Preise und auch getauschten Mengen jeweils für ein Jahr konstant blieben, sodass auch die Geld- und Warenströme Jahr für Jahr als gleichbleibend angesehen werden könnten. Man kann deshalb auch von einem stationären Kreislaufmodell sprechen. Die Produzenten liefern ihre Waren an die Händler und Handwerker und diese verkaufen ihre Waren an den Adel. Damit ist der Kreislauf geschlossen.

 

Betrachten wir nun den Wirtschaftskreislauf von Quesnay etwas genauer. Die drei Rechtecke symbolisieren die 3 Klassen, das grüne Rechteck die produktive Klasse der Bauern, das blaue Rechteck die Klasse des Adels und der Grundbesitzer und das graue Rechteck schließlich die Klasse sterile, die Händler und Handwerker:

 

 

 

 

Es wird unterstellt, dass die Klasse der Bauern, die einzige produktive Klasse insgesamt Nahrungsmittel (N) für 3 Millionen Geldeinheiten erstellt. Für eine Million werde hierbei Waren an den Adel verkauft; im Gegenzug hierzu erhalten die Bauern Einnahmen von 1 Million Geldeinheiten (GE). Die hierbei fließenden Geldströme sind gelb eingezeichnet, sie sind das Entgelt für die an den Adel verkauften Nahrungsmittel.

 

Nahrungsmittel im Werte einer zweiten Million GE werden an die Händler und Handwerker verkauft; somit fließt auch ein Geldstrom (gelb) von der sterilen Klasse zu der produktiven Klasse. Die restlichen Nahrungsmittel im Werte von 1 Million GE verbleiben schließlich im Bereich der produktiven Klasse. Die Bauern erhalten fiktiv auf der einen Seite Geldeinheiten im Werte 1 Milion GE für den Verkauf dieser Nahrungsmittel, müssen jedoch für den Kauf dieser Waren auch 1 Million GE bezahlen.

 

Neben Nahrungsmittel werden von der produktiven Klasse auch Rohstoffe im Werte von 2 Millionen GE produziert. Rohstoffe im Wert von 1 Million GE werden an die sterile Klasse verkauft, die Bauern erhalten hierfür GE im Werte von 1 Million. Die restlichen Rohstoffe im Werte einer Million GE verbleiben wiederum im Bereich der produktiven Klasse, werden also wiederum an sich selbst verkauft.

 

 

 

 

 

Betrachten wir nun die Klasse sterile. Sie kaufen wie gezeigt für 1 Million GE Rohstoffe sowie für eine weitere Million Nahrungsmittel ein und produzieren dafür Manufakturwaren im Werte von zwei Millionen. Wir hatten oben bereits davon gesprochen, dass die sterile Klasse keine Wertschöpfung erzielt, sodass der Wert des Outputs gerade dem Input entspricht. Hierbei wird für 1 Million GE Manufakturwaren an die Grundbesitzer sowie die restliche Million an die produktive Klasse ausgezahlt:

 

 

 

 

 

Unsere bisherigen Überlegungen haben gezeigt, dass die produktive Klasse insgesamt für 5 Milionen GE Waren (3 Millionen Nahrungsmittel und 2 Millionen Rohstoffe) verkauft und damit Erlöse von 5 Millionen GE erzielt und von diesen 5 Millionen vereinnahmten GE wiederum 2 Millionen Waren (je eine Million Nahrungsmittel und eine Million Rohstoffe) kauft, sowie 1 Million GE für den Ankauf von Manufakturwaren ausgibt. Die verbleibenden restlichen 2 Millionen Erlöse haben die Bauern an die Grundbesitzer als Grundpacht abzuführen.

 

Wir haben bereits gesehen, dass die Grundbesitzer insgesamt Waren im Werte von 2 Millionen erwerben (1 Million von den Bauern für Nahrungsmittel und eine Million von den Handwerkern für Manufakturwaren). Somit sind die Budget aller drei Klassen ausgeglichen: Die produktive Klasse erhält 5 Millionen und zahlt diese wieder aus. Die Grundbesitzer erhalten eine Pacht im Werte von 2 Millionen und geben diese für Waren (Nahrungsmittel sowie Manufakturwaren) aus. Schließlich erhalten die Händler und Handwerker insgesamt 2 Millionen für den Verkauf von Manufakturwaren und geben diese Beträge wiederum für den Ankauf von Nahrungsmittel und Rohstoffen aus.

 

 

 

 

 

Während Quesnay den Physiokratismus begründete, hatte Anne Robert Jacques Turgot, der von 1726 – 1781 lebte und Finanzminister Ludwig des XVIII. war, diese Lehre in die Praxis umgesetzt. Es war nur folgerichtig, dass Turgot die Abschaffung des Frondienstes forderte. Denn wenn die Bauern die einzige Klasse darstellen, welche zur Wertschöpfung der Nation beiträgt, dann lässt sich der Reichtum der Nation nur dadurch vermehren, dass in der Landwirtschaft die Produktivität gesteigert wird. Turgot hatte richtig erkannt, dass Bauern, welche als freie Menschen arbeiten und deren Fleiß ihnen auch unmittelbar zugutekommt, insgesamt mehr leisten als Leibeigene.

 

Auch die Forderung Turgots, nur den Boden zu besteuern, da nur dieser produktiv sei, ergibt sich unmittelbar aus den physiokratischen Lehren. Versucht man hingegen die handwerkliche Produktion zu besteuern, so muss notwendiger Weise die Steuerlast weitergewälzt werden, da ja im Bereich der sterilen Klasse angeblich keine Werte erzeugt werden.

 

Turgot sprach sich weiterhin für eine Unterdrückung von Handelsmonopolen aus. Die Bildung von Monopolen ermögliche den Monopolisten den Preis der verkauften Waren anzuheben, obwohl annahmegemäß in diesem Bereich gar keine Werte erzeugt würden und infolgedessen auch die durch Monopolisierung erzielten Gewinne keine Berechtigung hätten.

 

Schließlich sprach sich Turgot für eine Besteuerung des Adels aus. Auch diese Forderung lässt sich aus dem physiokratischen Lehren unmittelbar ableiten. Wie unser Kreislaufschema gezeigt hat, fließt der gesamte Mehrwert der Produktion den Grundbesitzern zu. Folgerichtig ist es deshalb, wenn auch die Gruppe besteuert wird, welche den verbleibenden Wert kassiert.

 

 

 

3. Grundzüge des Liberalismus

 

Nach weitverbreiteter Vorstellung wird der Liberalismus als eine Weltanschauung verstanden, welche die Freiheit der Bürger gegenüber dem Staat betont und welche vor allem die Forderung aufstellt, dass sich der Staat jeglicher Eingriffe in das Wirtschaftsleben enthalten solle. Um die Verteilung der materiellen Ressourcen habe sich der Staat grundsätzlich nicht zu kümmern.

 

Die Entstehung des Liberalismus geht auf mehrere Wurzeln zurück. In erster Linie war der wirtschaftlich ausgerichtete Liberalismus eine Reaktion auf den Absolutismus des 16. bis 18. Jahrhunderts. Der Absolutismus insbesondere in Frankreich hatte zunächst dazu beigetragen, dass moderne industrielle Volkswirtschaften überhaupt entstehen konnten. So wurde vor allem durch zahlreiche Infrastrukturinvestitionen ein Verkehrsnetz aufgebaut und Investitionshilfen gewährt, die überhaupt erst den Aufbau moderner industrieller Unternehmungen ermöglichten; schließlich wurde durch Schutzmaßnahmen gegenüber ausländischen Unternehmungen dafür Sorge getragen, dass sich die inländischen Unternehmungen gegenüber ausländischer Konkurrenz behaupten konnten.

 

Sehr bald schlug jedoch mit dem Ausbau des protektionistischen Staates die anfängliche Unterstützung der Unternehmungen in ihr Gegenteil um, der Schutz artete in eine bürokratische Bevormundung aus, welche die Weiterentwicklung der Unternehmungen behinderte. Gegen diese Behinderung entstand die liberale Bewegung, welche Freiheit der Unternehmungen in der Binnenwirtschaft und vollständige Aufgabe der protektionistischen Maßnahmen gegenüber dem Ausland forderte. So entstand in England die Freihandelsbewegung. Adam Smith entwickelte im Jahre 1776 in seinem ‚Reichtum der Nationen’ ein sehr optimistisches Konzept der freien Entfaltung einer vom Staat befreiten Volkswirtschaft, er bot hiermit nicht nur die Grundlage für das Entstehen der modernen Wirtschaftswissenschaft, sondern darüber hinaus das Fundament einer wirtschaftswissenschaftlichen Konzeption zur Verteidigung liberaler Auffassungen.

 

In der philosophischen Diskussion um die Freiheit wird oftmals zwischen den Themen einer Freiheit ‚wovon’ und einer Freiheit ‚wozu’ unterschieden. Im Hinblick auf diese Unterscheidung ging es dem Liberalismus stets in erster Linie darum, die Freiheit der Bürger vor Angriffen außenstehender, insbesondere des Staates  zu verteidigen.

 

Der Altliberalismus wandte sich gegen die dirigistische Wirtschaftspolitik des Absolutismus bzw. seiner wirtschaftspolitischen Variante des Merkantilismus. Im Gegensatz zum Neoliberalismus sah der ältere Liberalismus die Freiheit der Einzelnen nicht auch durch die monopolistische Macht von privaten Marktpartnern bedroht. Der Staat finde seine Begrenzung in der individuellen Freiheit, wozu insbesondere die Glaubens- und Meinungsfreiheit sowie die Freiheit zur wirtschaftlichen und politischen Betätigung zählt.

 

Wie kaum eine andere Idee trug der Liberalismus zu der Entwicklung zur Industrialisierung weltweit bei. Es nimmt auch kein Wunder, dass bei dem Versuch, die staatlichen Fesseln abzuschütteln, auch berechtigte Schutzmaßnahmen vor allem der Arbeitnehmer zunächst über Bord geworfen wurden und im Zuge der Industrialisierung ein Massenelend unter den Arbeitnehmern hervorgerufen wurde. Mit dem Zerfall der feudalen Strukturen auf dem Lande und dem massenweisen Zug in die Städte entstand ein Proletariat von Arbeitern, die ohne Schutz vor Ausbeutung, Krankheit und Elend ihr Leben oftmals in menschenun­würdigen Verhältnissen mit Kinder- und Frauenarbeit, mit extrem niedrigen Löhnen verbringen mussten, wobei noch nicht einmal das physische Existenzminimum garantiert war. 

 

Die Freiheit des einzelnen endet nach liberaler Vorstellung allerdings dort, wo individuelles Handeln den Freiheitsspielraum eines anderen beeinträchtigt. Insofern konnten diese Missstände auch nach liberalem Grundverständnis eigentlich nicht hingenommen werden. Bei John Stuart Mill finden wir deshalb auch bereits erste Ansätze für eine staatliche Sozialpolitik, welche die schlimmsten Auswüchse zu beseitigen versucht. Das staatliche Machtmonopol wird hier nicht in Frage gestellt.

 

Wenn also auch die Freiheit aller Individuen (aller Bürger) gefordert wird, so richtet sich das Augenmerk vor allem im Rahmen liberaler Vorstellungen auf die Freiheit der Unternehmer. Der Grund hierfür liegt vor allem darin, dass unternehmerische Freiheit nicht nur um ihrer selbst willen gefordert wird, sondern weil nach liberaler Vorstellung nur eine freiheitliche, allerdings durch Wettbewerb getragene Marktordnung letztendlich die Produktion an den Bedürfnissen der Konsumenten bestmöglich ausrichte. Nur ein freier im Wettbewerb stehender Unternehmer habe ein Interesse daran, alle möglichen Kostensenkungen und Qualitätsverbesserungen vorzunehmen, der Wettbewerb und der freie Markt sorgten automatisch dafür, dass die Produktion genau dann an den Bedürfnissen der Konsumenten ausgerichtet wird, wenn auch der Unternehmer sein Gewinnmaximum erzielt. 

 

In seiner ursprünglichen Verfassung lehnte der Liberalismus jede Form von Eingriffen des Staates in das Marktgeschehen strikt ab, die soziale Frage sowie Fragen der gerechten Verteilung seien Angelegenheiten, die von den Betroffenen selbst zu regeln seien.

 

Diese Ablehnung jeglicher verteilungspolitisch motivierter Eingriffe des Staates hat mehrere Wurzeln. Friedrich August von Hayek z. B. lehnt das Befassen mit Fragen der Gerechtigkeit unter anderem damit ab, da es sich hierbei um ein ‚Wieselwort’ handle und jeder in der Literatur unter diesem Begriff etwas anderes verstehe. Nun mag dies richtig sein, doch gilt dieser Vorwurf nicht auch gegenüber fast allen politischen Zielsetzungen wie Freiheit oder Demokratie? Eine Auseinandersetzung mit Gerechtigkeitsfragen ist durchaus sinnvoll, wenn man - wie dies z. B. John Rawls getan hat – zu Beginn der Erörterungen den Begriff ‚Gerechtigkeit’ präzisiert.

 

Die Ablehnung des Altliberalismus gegenüber allen verteilungspolitischen Bemühungen hängt zweitens damit zusammen, dass man an der Effizienz verteilungspolitischer Maßnahmen zweifelte und unerwünschte Nebeneffekte auf Allokation, Beschäftigung und Wachstum befürchtete. Diese Befürchtungen gelten – sicherlich zu Recht – nur gegen die traditionellen Maßnahmen der Verteilungspolitik, die in unmittelbaren Eingriffen in den Markt bestanden. Es gibt aber auch weitgehend allokationsneutrale und marktkonforme Formen der Verteilungspolitik.

 

Bisweilen wird im Rahmen des Liberalismus überhaupt bezweifelt, ob der Markt tatsächlich zu Ungerechtigkeiten führe, ob die tatsächlich auftretenden Ungerechtigkeiten nicht gerade darin liegen, dass die Marktergebnisse z. B. durch Zulassung von Monopolen verfälscht würden. Unvollkommenheiten gebe es in jeder Wirtschaftsordnung, es wird bezweifelt, ob der Markt im Vergleich zu bürokratischen Lösungen tatsächlich schlechtere Ergebnisse im Hinblick auf Fährnis und Gerechtigkeit bringe.

 

Wenn also der Altliberalismus Verteilungsfragen im Allgemeinen skeptisch gegenüberstand, so gibt es doch bedeutende Ausnahmen. So ist bereits John Stuart Mill – einer der Begründer des Liberalismus – für zahlreiche Reformmaßnahmen, so z. B. im Jahre 1869 für ein aktives Wahlrecht der Frauen eingetreten.

 

Auch gilt es zu berücksichtigen, dass das Freiheitsziel immer auch einen verteilungspolitischen Aspekt besitzt. Eine Ausweitung der Freiheit des einen kann durchaus auch zu einer Beschränkung des Freiheitsraumes eines anderen führen. Es entspricht aber liberaler Tradition, dass die Freiheit dort ihre Grenzen findet, wo sie die Freiheit eines anderen verletzt. Später (so vor allem im Rahmen des Ordo-Liberalismus) wurden allerdings sozialpolitische Maßnahmen des Staates befürwortet, wenn sie verhindern, dass Arbeiter in Armut versinken und wenn sie vorwiegend in einer Hilfe zur Selbsthilfe bestehen.

    

Wenn wir den Liberalismus mit anderen Weltanschauungen der damaligen Zeit vergleichen, liegt ein erster Unterschied in dieser Frage bereits darin, ob die Möglichkeit bzw. Wahrscheinlichkeit eines solchen Zielkonfliktes bejaht wird. Der Grund, weshalb sich Liberale in geringerem Maße mit Fragen der Gerechtigkeit befassen, liegt unter anderem auch daran, dass man von der Vorstellung ausgeht, dass zwar sowohl eine Marktwirtschaft wie auch ein bürokratisches Wirtschaftssystem immer Unvollkommenheiten aufweisen, dass aber nur im Markt ein System gefunden wurde, in dem beide Ziele (Freiheit und Gerechtigkeit) realisiert werden könnten.

 

Es ist der Wettbewerb, der dafür verantwortlich ist, dass das Problem der Allokation bestmöglich gelöst wird, es ist aber auch dem Wettbewerb, dem Fehlen von monopolistischen Machteinflüssen zu verdanken, dass die Aufteilung des Wohlstandes zwischen Anbietern und Nachfragern einigermaßen fair erfolgt.

 

Aus diesen Gründen geht der Liberalismus im Allgemeinen davon aus, dass es in der Realität in einer funktionierenden Marktwirtschaft gar nicht zu ernsten Konflikten zwischen dem Ziel der Freiheit und dem Ziel der Gerechtigkeit kommt. Darüber hinaus verbindet man innerhalb dieses Leitbildes mit dem Begriff der Sozialpolitik fast ausschließlich dirigistische Maßnahmen mit dem Versuch, die Einkommensverteilung aus Gerechtigkeitsüberlegungen zu korrigieren. Diese werden jedoch nicht nur deshalb abgelehnt, weil sie die Allokation des Marktes behindern, sondern auch deshalb, weil bei ineffizienten Lösungen des Allokationsproblemes mit dem Rückgang der allgemeinen  materiellen Wohlfahrt auch gleichzeitig für die verbleibenden sozialen Ziele weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen und somit letztlich eben aufgrund der verteilungspolitischen Maßnahmen auch die Verteilungsziele unbefriedigend gelöst werden.   

 

Wenden wir uns schließlich der Frage zu, worin sich der Liberalismus in der Wahl seiner Mittel  von anderen Leitbildern unterscheidet. In der konkreten Politik liegen oftmals die unterschiedlichen Positionen weniger in den Zielen als in dem geforderten Mitteleinsatz.

 

Der Altliberalismus ging in seiner radikalsten Form von der Vorstellung aus, dass es ausreiche, eine Wettbewerbsordnung - vor allem durch Abschaffung aller Handelsbegrenzungen nach außen und aller Bevormundungen der Unternehmer im Innern - ein einziges Mal einzuführen, dass sich die Wettbewerbsordnung von selbst erhalte und dass der Markt aus eigenen Kräften stets ohne Zutun des Staates zu optimalen Ergebnissen führe. Später – vor allem beim Neoliberalismus, aber in gewissen Grenzen auch schon bei John Stuart Mill    wurde diese Haltung korrigiert. Der Markt könne in Einzelfällen durchaus versagen, sodass mitunter Maßnahmen des Staates zur Abwendung dieser Gefahren notwendig seien. Der Staat habe also nicht nur eine Wettbewerbsordnung herzustellen, es bedürfe vielmehr zahlreicher Maßnahmen, diese einmal hergestellte Wettbewerbsordnung auch zu verteidigen.

 

Stets wird jedoch betont, dass der Staat nicht direkt in die Märkte eingreifen darf, dass der Staat sich vielmehr auf indirekte Maßnahmen beschränken müsse und dass nur bei einer solchen Beschränkung der Markt erhalten bleibe. Wir werden uns noch sehr ausführlich mit diesen Fragen in dem Kapitel über den Neoliberalismus beschäftigen.

 

 

 

4. Vertreter des Liberalismus

 

Als wichtigster Vertreter und Begründer der liberalen Wirtschaftswissenschaft gilt Adam Smith, welcher von 1723 bis 1790 gelebt hat. Adam Smith gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, welche im ausgehenden 18. Jahrhundert einen Gesamtüber­blick über die Wirkungsweise einer freien Marktwirtschaft entworfen haben. Hierzu zählt insbesondere die von Adam Smith 1776 veröffentlichte Arbeit über ‘Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations’.

 

Bereits 1759 hatte Adam Smith in seiner Schrift: ‚Theory of moral sentiments‘ seine Vorstellungen über Moral entwickelt, wobei das moralische Bewusstsein aus den gegenseitigen und ähnlichen Gefühlen der Lust sowie des Leides hervorgehre. Nicht etwa der Nutzen, sondern das Gefühl der Anständigkeit entscheide darüber, was als rechtmäßig zu gelten habe. Hierbei sei es auch notwendig, dass der einzelne seine Eigenliebe überwinde. Durch die Konstruktion eines ‚unparteiischen Beobachters‘ könne man schließlich entscheiden, welche Verhaltensweisen moralisch gebilligt werden könnten.

 

In seinen geistigen Wurzeln bezieht sich Adam Smith auf die Arbeiten von Jeremy Bentham (1789: Einführung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung), weiterhin auf David Hume vor allem mit seiner Schrift von 1740: ‚Traktat über die menschliche Natur‘, und auf Bernard de Mandeville mit seiner berühmten 1714 veröffentlichten ‚Bienenfabel‘. Wir werden uns weiter unten noch etwas ausführlicher mit diesen geistigen Voraussetzungen auseinandersetzen.

 

Die Bereitschaft für die Aufnahme der liberalen Grundgedanken war vorbereitet worden durch die Aufklärung im Allgemeinen und die Arbeiten von John Locke (1632 – 1704), welcher neben anderen Aufklärern für eine freie Entfaltung der Wissenschaften frei von einer Bevormundung durch kirchliche Behörden eintrat und welcher Begründer des Empirismus, einer auf Erfahrung beruhenden Wissenschaft war.

 

Neben Adam Smith haben sich vor allem James Mill, welcher von 1773 – 1836 lebte und sein Sohn John Stuart Mill, welcher von  1806 – 1873 lebte, um einen Gesamtüberblick über die Funktionsweise einer freien Wirtschaft auf liberaler Grundlage bemüht. James Mill hat in seinem Hauptwerk von 1820: ‚Elements of political economy‘ das Saysche Theorem (jedes Angebot schaffe sich seine Nachfrage) vorweggenommen, weiterhin die Anwendung des Utilitarismus auch auf psychologische Bereiche übertragen und darauf hingewiesen, dass man durch den Geldschleier hindurchsehen müsse, um die Wirklichkeit zu erkennen.

 

John Stuart Mill, der Sohn von James Mill, hingegen hat in seinem 1848 veröffentlichten Hauptwerk: ‚Principles of political economy‘ einen systematischen Aufbau und Ausbau des Utilitarismus vorgenommen, hat hierbei eine Gesamtschau aller wirtschaftlicher Phänomene versucht. Im Gegensatz zu den meisten Altliberalen lassen sich bei John Stuart Mill bereits Forderungen feststellen, welche erst sehr viel später von den Sozialisten und Kathedersozialisten erhoben wurden, so etwa die Forderung nach öffentlichem Eigentum an den natürlichen Ressourcen, weiterhin die Forderung nach Gleichstellung der Frauen, nach Schulpflicht und nach Geburtenkontrolle.

 

 

5. Smith: Das Prinzip der Arbeitsteilung

 

Wie ich bereits erwähnte, vertrat Adam Smith eine ausgesprochen optimistische Wirtschaftslehre. Er vertraute darauf, dass dann, wenn es den Unternehmungen überlassen bleibe, was und wie sie produzieren, die Produktivität und damit die Gesamtproduktion gesteigert werden könne. Eine wesentliche Ursache für diesen Produktivitätsanstieg sah Adam Smith in der Arbeitsteilung und in der hiermit einhergehenden Spezialisierung.

 

Adam Smith erläuterte dieses Prinzip an seinem berühmt gewordenen Nadelbeispiel. Er unterstellt, dass ein einzelner Arbeiter, dem die Anfertigung von Nadeln anvertraut werde, pro Tag vielleicht eine, aber sicherlich nicht mehr als 20 Nadeln anfertigen könne. Wenn nun in der gleichen Fabrik zehn Arbeiter beschäftigt würden und die Gesamtaufgabe der Produktion von Nadeln in unterschiedliche Schritte zerlegt werde, sodass der eine den Draht ziehe, ein zweiter den Draht schneide, ein dritter die Spitzen schärfe usw., könnte die tägliche Gesamtproduktion vielleicht auf 48 000 Nadeln gesteigert werden.

 

Die eigentliche Ursache dieser Arbeitsteilung beruht nun darin, dass sich die einzelnen Arbeiter spezialisieren. Diese Spezialisierung kann durchaus die Produktivität steigern helfen. Der einzelne ist gerade dadurch, dass er nur noch einen oder nur noch wenige Handgriffe ausübt, in der Lage, erstens durch permanente Wiederholung derselben Griffe eine größere Fertigkeit zu erlangen. Weiterhin lohnt es sich für ihn, Spezialwissen zu erlernen, das eine weitere Steigerung der Produktion ermöglicht.

 

Adam Smith hat sein Beispiel für die produktivitätssteigernden Auswirkungen einer Arbeitsteilung anhand eines innerbetrieblichen Vorganges (der Anfertigung von Nadeln) erläutert. Eine wesentlich stärkere Bedeutung erlangte jedoch die Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Unternehmungen. In dem sich die einzelnen Unternehmungen auf einige wenige Produkte beschränkten, konnten sie sich Spezialwissen über den Bezug der notwendigen Rohstoffe und der Anheuerung versierter Fachkräfte, weiter über die Anfertigung dieser wenigen Produkte bis hin über die möglichen Absatzwege aneignen und gerade auf diese Weise ihre Produktivität steigern.

 

Natürlich kennt die Spezialisierung auch ihre Grenzen. Werden die einzelnen Verrichtungen eines Arbeiters immer mehr vereinfacht und enden in ganz wenigen Handgriffen, so kann sehr wohl von einem bestimmten Punkt der Spezialisierung an die Wirkung umkippen und erneut zu einer Minderung der Produktivität führen. Eintönige Arbeiten führen sehr leicht zur Ermüdung und verringern auf diese Weise die Produktions­leistung. Besonders hohe Leistungen werden gerade von den Arbeitnehmern erreicht, bei denen die Verrichtung interessant und abwechslungsreich verläuft.

 

Des Weiteren hat Adam Smith nicht voll realisiert, dass eine immer weiter fortschreitende Arbeitsteilung bis hin zu einzelnen Griffen die Möglichkeit eröffnet, Teilaufgaben Maschinen zu übertragen. Diese können immer dann, wenn es sich auf der einen Seite um eindeutig definierbare Handgriffe handelt, die aber auf der anderen Seite mit einer extrem hohen Präzision ausgeliefert werden müssen, viel effizienter als Arbeitnehmer ihre Aufgabe erfüllen.

 

 

6. Smith: Die unsichtbare Hand

 

 In den Arbeiten von Adam Smith spielt auch der Gedanke des Wirkens einer unsichtbaren Hand eine ganz entscheidende Bedeutung. Was ist mit diesem Gleichnis gemeint?

 

Adam Smith geht davon aus, dass die einzelnen Marktteilnehmer in aller Regel aus Eigeninteresse handeln, dass also – um in der Sprache der Neoklassik zu sprechen – die Unternehmer bestrebt sind, ihren Gewinn zu maximieren und die Konsumenten das Ziel verfolgen, ihren eigenen Nutzen zu optimieren. Trotz dieses eigennützigen Verhaltens werde jedoch eben durch das Wirken einer unsichtbaren Hand trotzdem in aller Regel auch das Wohl der gesamten Bevölkerung auf diese Weise gefördert.

 

Wiederum lässt sich dieser Gedanke etwas exakter formulieren, wenn wir uns der Sprache der modernen Wohlfahrtstheorie bedienen. Der freie Markt tendiert von sich aus auf ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Dieser Gleichgewichtspreis ermöglicht nun – sofern bestimmte Voraussetzungen gegeben sind – eine Maximierung der Gesamtwohlfahrt. Unter den Bedingungen der atomistischen Konkurrenz entsprechen die Preise den jeweiligen Knappheitsverhältnissen. Die Unternehmer erreichen ihr Gewinnmaximum gerade bei dem Angebot der einzelnen Güter, bei dem auch die Haushalte ihren Nutzen maximieren.

 

Etwas einfacher ausgedrückt besagt dieses Theorem der unsichtbaren Hand, dass die Unternehmer gerade dann einen Gewinn erzielen, wenn sie die Produktion an den Wünschen der Konsumenten ausrichten. Niemand wünscht von sich aus in der Regel die Förderung des Gemeinwohls, er denkt bei seinen Handlungen vielmehr in erster Linie an seine eigenen Belange, trotzdem werden die Geschicke quasi wie von einer unsichtbaren Hand so gelenkt, dass im Endergebnis auch das allgemeine Wohl zum Zuge kommt, zumindest nicht verletzt wird.

 

Die Bedeutung dieses Gleichnisses von der unsichtbaren Hand wird erst richtig sichtbar, wenn wir uns klar machen, welche Alternativen wir im Hinblick auf unsere Motive denn haben. Wir kennen Wirtschafts- und Staatsordnungen, in denen von den Führungskräften erwartet wird, dass sie ausschließlich für das Gemeinwohl arbeiten und ihre eigenen Interessen hintanstellen. Es wäre falsch, wollten wir unterstellen, dass in einer solchen Gesellschaft stets tatsächlich dem Gemeinwohl entsprochen wird. Wir müssen stets mit der Möglichkeit rechnen, dass die Führungskräfte eine Gemeinwohlabsicht nur vortäuschen, da dies von ihnen verlangt wird, dass sie aber in Wirklichkeit ihren eigenen Nutzen, ihren materiellen Gewinn oder auch ihre Macht mehren möchten.

 

Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Frage, ob bestimmte Handlungen dem Gemeinwohl nützen oder schaden, nicht primär davon abhängt, welches Motiv eine Führungskraft bewegt hat, bestimmte Dinge zu tun, sondern dass es einzig und allein darauf ankommt, welche Wirkungen tatsächlich von dieser Maßnahme im Hinblick auf Gemeinwohl ausgehen. Es ist das Verdienst des Liberalismus, darauf hingewiesen zu haben, dass es von der Ordnung eines Systems abhängt, bei welchen Handlungen das Gemeinwohl gewahrt wird. Unter Konkurrenzbedingungen (und wir müssen hinzufügen unter gewissen weiteren Bedingungen, z. B. Fehlen externer Kosten) führt ein freier Markt dazu, dass gerade dann und nur dann das Gemeinwohlziel erreicht wird, wenn jeder seinen Vorteil im Auge hat. Von dem System gehen hier Kräfte aus, welche bewirken, dass das Gesamtwohl der Gesellschaft eben gerade dann erreicht wird, wenn der einzelne sein eigenes Wohl bestmöglich realisiert.

 

Man kann es als ein Positivum ansehen, dass eine solche Ordnung nicht nur dann funktioniert, wenn alle Führungskräfte das Gemeinwohl im Auge haben. Es ist positiv zu wissen, dass Fehler der Führungskräfte, die in jeder Ordnung auftreten, nicht immer zu Lasten der Allgemeinheit gehen.

 

 

7. Smith: Das Harmonie-Modell

  

Bei der Beurteilung des merkantilistischen Systems kamen wir zu dem Ergebnis, dass es als ein Konfliktmodell beschrieben werden kann. Der Vorteil des einen (Landes) ist immer auch der Nachteil eines anderen (Landes). Als Gegenvision entwickelt der Liberalismus ein Modell der Harmonie. Wenn wir darauf verzichten, auf dem Wege von Importzöllen eine aktive Handelsbilanz zu erzwingen und damit bewirken, dass die anderen Länder, mit denen wir einen Außenhandel betreiben, eine passive Handelsbilanz notwendiger Weise  hinnehmen müssen, kann der hierdurch entstandene Freihandel dazu führen, dass alle beteiligten Staaten davon profitieren.

 

Bei der Kritik am Merkantilismus haben wir darauf hingewiesen, dass Importzölle nur vorübergehend zu einer Verbesserung der eigenen terms of trade führen, dass aber auf lange Sicht damit gerechnet werden muss, dass die mit Hilfe der Handelspartner erzwungenen Importzölle die Produktion stören werden, mit der Folge, dass auf der einen Seite zwar die terms of trade  der importerhebenden Nation verbessert werden, dass aber gleichzeitig das Außenhandelsvolumen zurückgeht. Auf lange Sicht werden sich die benachteiligten Länder dadurch wehren, dass auch sie Importzölle erheben. Dies wird notwendiger Weise dazu führen, dass sich die terms of trade wieder zurückentwickeln und dass das Handelsvolumen erneut schrumpft. Der positive Effekt des ersten Landes verschwindet somit wieder, die Schrumpfung des Handelsvolumens steigt jedoch erneut an, was beiden Staaten schadet.

 

Folgt man also den Empfehlungen Adam Smith’s und gibt den Außenhandel frei, so kann sich der Handel wieder beleben und beide Nationen profitieren von dem Verzicht auf Zölle. Also kann man mit Smith davon sprechen, dass die Einführung von Freihandel letztlich allen beteiligten Volkswirtschaften hilft, der Vorteil des einen wird begleitet vom Vorteil des anderen.

 

Bei der Diskussion über den Merkantilismus hatte ich allerdings hinzugefügt, dass die Unterschiede zwischen beiden Systemen (Merkantilismus versus Liberalismus) nur sehr unvollkommen beschrieben werden, wenn wir in dem einen System, dem Merkantilismus nur ein Konfliktmodell und in dem anderen System, dem Liberalismus nur ein Harmoniemodell sehen. In Wirklichkeit kennen nämlich beide Systeme sowohl harmonische wie auch konfliktbehaftete Beziehungen, nur eben an unterschiedlichen Stellen.

 

Das System des Merkantilismus ist im Grunde ein System staatlicher Planung. Eine staatliche Behörde schreibt vor, was zu tun und was zu lassen ist. Die Vorgaben der Behörde werden quasi harmonisch von den Untergegebenen und von den Privatpersonen erfüllt. Wenn der Staat einer Unternehmung ein Regal z. B. zur Förderung von Kohle einräumt, kann diese Unternehmung als Monopolist agieren. Konflikte bestehen dann erst im Ergebnis, das die einzelnen Unternehmungen oder Staaten erzielen. Der Gewinn des einen Landes schlägt sich als Verlust des jeweils anderen Landes nieder. Oder der Umstand, dass der Monopolist durch künstliche Preissteigerung seinen Gewinn steigern kann, bedeutet gleichzeitig, dass der Konsument aufgrund des überhöhten Preises Nutzenverluste hinzunehmen hat.

 

In einem marktwirtschaftlichen System haben wir im Gegensatz hierzu davon auszugehen, dass zwischen den einzelnen agierenden Unternehmer Konkurrenz besteht. Wir müssen sogar davon ausgehen, dass es nicht nur in der Realität zu einem Wettbewerb unter den Unternehmungen kommen kann, sondern dass eben dieser Wettbewerb wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass das System reibungslos funktioniert, dass also genau die Güter produziert werden, welche auch von den Konsumenten nachgefragt werden. Während also für den Merkantilismus gilt, dass man über harmonische Beziehungen im Ergebnis zu einem Konflikt kommt, gilt für den Liberalismus, dass die Konfliktbeziehungen der einzelnen Unternehmer untereinander (also der Wettbewerb) schließlich zu einem harmonischen Gesamtergebnis führen.

 

 

8. Mandeville: die Bienenfabel

 

Bernard de Mandeville (1670-1733) war ein holländischer Arzt, welcher 1723 in seiner Schrift über die Bienenfabel aufzuzeigen versuchte, dass genauso wie in einem Bienenstaat undurchsichtig und willkürlich erscheinende Betriebsamkeit der einzelnen Bienen letztendlich zu dem Wohlergehen des Bienenstockes führe, auch in einer liberalen Wirtschaftsordnung Laster wie Luxus und Neid zu einer Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt beitragen würden, indem sie Unternehmungen Anreize verschafften genau das zu tun, was auch im Interesse des Gemeinwohls liege.

  

Hier finden sich zwar ähnliche Gedankengänge wie in dem oben beschriebenen Modell der Harmonie bei Adam Smith. Trotzdem stimmt Adam Smith keineswegs den Ausführungen Mandeville voll zu. Während bei Mandeville alle vermeintlichen Tugenden letztlich nur aus Eitelkeit und Egoismus entspringen und es also Laster und andere amoralische Verhaltensweisen sind, welche letzten Endes für die gesamte Bevölkerung Wohlfahrt herbeiführen, wird bei Adam Smith nur davon ausgegangen, dass ein Verhalten, das sich vorwiegend am eigenen Interesse orientiert, trotzdem – bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen - der Allgemeinheit zugutekommen kann. Hier wird überhaupt nichts darüber ausgesagt, wie moralisch oder auch amoralisch bestimmte individuelle Zielsetzungen zu beurteilen sind.

 

Ein Individuum kann sehr wohl in erster Linie auf sein eigenes Wohl bedacht sein und trotzdem Dinge tun, welche durchaus als höchst moralisch und im Sinne der Volksgemeinschaft erwünscht angesehen werden. Entscheidend ist, dass es primär nicht auf das Motiv ankommt, ob bestimmte Handlungen zu einer Steigerung der Gesamtwohl­fahrt führen, sondern dass allein die Frage von Bedeutung ist, welche Wirkungen von einem bestimmten Verhalten ausgehen und die Beantwortung dieser Frage hängt selbst wiederum letztlich von der jeweiligen Ordnung, in welcher diese Handlungen vollzogen werden und nicht nur vom Motiv ab.

 

Gewinnmaximierung kann natürlich sehr wohl zu volkswirtschaftlichem Schaden führen, so z. B. wenn ein Monopolist seinen Gewinn dadurch erhöht, dass er das Produkt künstlich verknappt. Nur unter Wettbewerbsbedingungen (und einigen weiteren Bedingungen) treten die wohlfahrtstei­gernden Effekte auf. In gleicher Weise kann aber auch eine Handlung, welche ausschließlich altruistisch motiviert wird, bei der also die  eine Person einer andern Gutes zu tun beabsichtigt, trotzdem aus der Sicht des Beschenkten in hohem Maße unerwünscht und lästig sein. So besteht z. B. die Möglichkeit, dass sich der altruistisch Handelnde einfach über die Wirkung seiner Handlung irrt. Oder aber die Handlung ist nur in den Augen des Schenkenden, nicht aber des Beschenkten eine Wohltat, sie kann hier sogar leicht zur Belästigung und Bevormundung führen.

 

 

9. Bentham: Die Lehre des Utilitarismus

 

Jeremy Bentham lebte von 1748 – 1832 und war Begründer des Utilitarismus, britischer Philosoph und Ökonom. Seine wichtigsten Gedanken hat er 1789 in seiner Schrift über ‚Einführung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung‘ niedergeschrieben. Jeremy Bentham kam von der Aufklärung und übertrug diese Ideen auch auf wirtschaftliche Tatbestände. Die Aufklärung richtete sich bekanntlich vor allem gegen die geistige Bevormundung durch die offizielle Kirche, sie appellierte an die Vernunft des Menschen und an die unbegrenzten Möglichkeiten eines aufgeklärten Menschen.

 

Für Bentham gilt als oberstes moralisches Prinzip, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen herbeizuführen. Hierbei findet eine Gleichsetzung von Glück und Vergnügen statt. Auch hält Bentham es für möglich, Freud und Leid miteinander aufzurechnen.

 

So entstand die Bewegung des Utilitarismus, welche den Nutzen zum Maßstab wirtschaftlichen Handelns postulierte und eine Maximierung dieses Nutzens aller forderte. Dies bedeutete jedoch nicht in jedem Falle – wie oft beklagt – die Abkehr von moralischen Werten. So hat Joseph Alois Schumpeter die Auffassung vertreten, dass zwar ein großer Teil der frühklassischen Autoren ihre Vorstellungen in Form einer utilitaristischen Sichtweise vorgetragen haben, dass aber der Kern der Wert- und Nutzentheorie, welcher im Grunde genommen vollkommen vom Utilitarismus unabhängig sei, von keinem der Klassiker der Volkswirt­schafts­­lehre verraten wurde.

 

Es gehe im Rahmen der Werttheorie immer darum, dass Individuen bestimmte Ziele formulierten und dementsprechend Nachfrage nach bestimmten Gütern ausübten und bestrebt sind, so zu agieren, dass ihre Ziele bestmöglich realisiert werden, man könne ein solches Verhalten als nutzenmaximierend oder sogar als lustsuchend und leidvermindernd umschreiben, wie dies in der Tat einige Frühklassiker getan haben. Aber die eigentlichen Theoreme der Haushalts- und Werttheorie gelten unabhängig davon, welche Ziele sich ein Haushalt setzt. Dies können durchaus auch moralisch hoch stehende Ziele sein.

 

Wer sich über die Moral des Liberalismus, vor allem des Utilitarismus beklagt, sollte auch bedenken, dass mit der liberalen Bewegung erstmals davon Abstand genommen wurde, das Wohl der Volksgemeinschaft mit dem Wohl des absolutistischen Herrschers zu identifizieren. Während Ludwig XIV. noch den Satz prägte: ‚der Staat, das bin ich‘, wird nun im Rahmen des Liberalismus das Gemeinwohl mit dem Wohl der Gesamtheit aller einzelnen Bürger dieser Volksgemeinschaft gleichgesetzt, und dies ist sicherlich auch in moralischer Hinsicht ein gewaltiger Fortschritt.

 

 

 

10. Hume: Ethik der Gefühle

 

Adam Smith wurde in viel stärkerem Maße von den Ideen David Hume‘s als von denen Jeremy Bentham’s beeinflusst. David Hume lebte von 1711 – 1776, war schottischer Philosoph und Ökonom und mit Adam Smith, mit dem er einen regen Gedankenaustausch pflegte, freundschaftlich verbunden.  Als in unserem Zusammenhang wichtigste Hauptwerke David Humes zählen das 1740 veröffentlichte ‚Traktat über die menschliche Natur‘ und die 1748 herausgegebene ‚Untersuchung in Betreff des menschlichen Verstandes‘.

 

David Hume vertrat die Ansicht, dass die Vernunft bloß aus Assoziationen bestimmter Sinneswahr­nehmungen bestehe. Er verwarf das Kausalprinzip, überhaupt gäbe es keine Naturgesetze. Das höchste moralische Gut sei die Rücksichtnahme auf das allgemeine Wohlergehen; dies könne sehr wohl mit dem individuellen Glück in Einklang gebracht werden.

 

David Hume vertritt eine Gefühlsethik. Die Moral sei in den Gefühlen der Menschen, in dem sogenannten ‚moral sense‘ begründet. Der Mensch suche nach dem Angenehmen als auch Nützlichen, sowohl als Einzelperson aber auch hinsichtlich der Gemeinschaft von Menschen.

 

Moralische Handlungen spielen sich für David Hume stets auf zweierlei Ebenen ab: Auf der einen sei Moral immer emotional bestimmt, auf der anderen Seite könne sie aber sehr wohl durch den Verstand korrigiert werden. "Die menschliche Natur besteht nun einmal aus zwei Hauptfaktoren, die zu allen ihre Handlungen notwendig sind, nämlich aus den Neigungen und dem Verstande; nur die blinden Betätigungen der ersteren, ohne Leitung des letzteren, machen die Menschen für die Gesellschaft untauglich" (Traktat über die menschliche Natur).

 

Beachtung fand darüber hinaus die These David Hume‘s, dass aus dem Sein niemals ein Sollen unmittelbar abgeleitet werden könne. Die Vernunft allein sei nicht in der Lage, moralische Vorschriften abzuleiten. Stets seien moralische Vorstellungen durch Gefühle hervorgerufen. Die Verwerflichkeit z. B. eines Mordes ergebe sich nicht allein aus Vernunftüberlegungen, sondern zu allererst aus dem Gefühl der Missbilligung.

 

 

 

                11. Cobden: Politische Auswirkungen

 

Der Liberalismus kennt genauso wie wir dies bei der Vorstellung des Merkantilismus und des Physio­kratismus gesehen haben, Forscher, welche die grundlegenden Ideen entwickelt haben und Praktiker, welche diese Ideen in die Tat umgesetzt haben.

 

Bei den Merkantilisten war es vor allem Jean Bodin in Frankreich und William Petty in England, welche die grundlegenden Prinzipien des Merkantilismus entwickelt haben. Es war dann vor allem Jean Baptiste Colbert, der als Finanzminister Ludwig XIV. diese Ideen in die Praxis umgesetzt hat.

 

In ähnlicher Weise wurden die Ideen der physiokratischen Lehre von Francois Quesnay, dem Leibarzt König Ludwig XV. entwickelt, während Anne Robert Jacques Turgot in seiner Eigenschaft als Finanz­minister Ludwig des XVIII. in der Zeit von 1774 bis 1776 diese Ideen verwirklicht hatte.

 

Gleichermaßen können wir nun auch für den Liberalismus feststellen, dass wir auf der einen Seite Theoretiker kennen, welche die liberalen Ideen entwickelt haben, dass aber auf der anderen Seite Praktiker den Versuch unternahmen, diese Ideen auch zu verwirklichen.

 

Zu diesen Praktikern zählt vor allem Richard Cobden, welcher zwischen 1804 und 1865 lebte und 1839 die Anti-Corn Law League gründete, welche sich die Abschaffung der Getreidezölle zum Ziel setzte. Bald darauf (1841) wurde Cobden auch ins House of Commons gewählt und konnte sich für die Abschaffung der Getreidezölle auch im Parlament einsetzen.

 

Cobden setzte sich in zahlreichen Reden für den Freihandel ein und erreichte auf diese Weise, dass die Freihandelsbewegung in der Bevölkerung großen Anklang fand. Die konservative Regierung unter Robert Peel stand auf diese Weise unter starken Druck, die Kornzölle abzuschaffen, was dann auch 1846 geschah. Die Folge war ein enormer Fall der Getreidepreise mit der weiteren Folge, dass die vorher grassierende Hungersnot schnell zu Ende ging.

 

In der Folgezeit fielen weitere Zölle, da die Corn Laws Vorbildcharakter für fast alle importierten Waren erlangten. 1860 wurde dann unter Leitung von Cobden der sogenannte Cobden-Vertrag abgeschlossen, der ein bilaterales Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich vorsah, in dem aus britischer Sicht weit über 300 Einzelzölle abgeschafft wurden.

 

Während der 1703 zwischen England und Portugal abgeschlossene Methuen-Vertrag noch zum Ziel hatte, Warenimporte aus Frankreich möglichst zu verhindern, ging es beim Cobden-Vertrag darum, durch Abbau der internationalen Handelsbeschränkungen Freihandel zu ermöglichen. Dem Cobden-Vertrag folgten im europäischen Bereich weitere Handelsverträge, welche eine Ära des Freihandels einleiteten. Kennzeichnend für diese liberalen Handelsverträge war die Meistbegünstigungsklausel. Sie sah vor, dass alle Begünstigungen, welche anderen Ländern eingeräumt werden, automatisch auch dem Handelspartner gewährt werden.