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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

 

Teil II Spezialgebiete der Lehrgeschichte

 

Gliederung:

 

 1. Methodenlehre

 2. Marktformenlehre

 3. Collective bargaining

 4. Wohlfahrtstheorie

 5. Verteilung: macro

 6. Geldtheorie

 7. Außenhandel

 8. Dynamische Theorie

 9. Konjunkturtheorie

10. Wachstumstheorie

 

 

 

9. Konjunkturtheorie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Grundbegriffe der Konjunktur

3. Unterscheidung unterschiedlicher Konjunkturzyklen

4. Schumpeters Konjunkturtheorie

5. Das Multiplikator-Akzelerator-Modell von Paul A. Samuelson

 

 

1. Problemeinführung

 

Im ersten Teil dieser Vorlesung hatten wir gesehen, dass ein Teil der Vertreter der historischen Schule bezweifelt hat, ob es überhaupt möglich ist, wirtschaftliche Tatbestände genauso wie naturwissen­schaftliche Phänomene exakt zu erklären, sie waren vielmehr der Meinung, dass wirtschaftliches Gesche­hen genauso wie jede menschliche Handlung nur im Nachhinein verstanden, nicht aber erklärt und schon gar nicht prognostiziert werden kann.

 

Walter Eucken war zwar der Überzeugung, dass auch wirtschaftliche Zusammenhänge wissenschaftlich exakt erklärt werden können, er bezweifelte jedoch, ob es so etwas wie eine Konjunkturtheorie geben könne, ob eine Konjunktur nach einem eindeutigen und immer wiederkehrenden Schema ablaufe. Bei einer Konjunktur handle es sich vielmehr um einmalige Vorgänge, welche jedes Mal wiederum anders verlaufen.

 

Dass Walter Eucken diese kritische Haltung einnahm, hing eng damit zusammen, wie er den Streit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller zu schlichten versuchte. Wir hatten im  ersten Teil der Vorlesung gesehen, dass Walter Eucken gegenüber den Vertretern der historischen Schule einräumte, dass jede konkrete wirtschaftliche Situation einmaliger Natur sei, trotzdem hielt er es für möglich, generell gültige Gesetzmäßigkeiten im wirtschaftlichen Bereich festzustellen, dies sei deshalb möglich, weil die Realität stets aus einer Mischung einiger Grundelemente wirtschaftlichen Handelns bestehe und in dieser Mischung einmalig sei; bezogen auf die Grundelemente, aus denen jede konkrete Volkswirtschaft bestehe, gebe es aber sehr wohl immer wiederkehrende Gesetzmäßigkeiten.

 

Was für die Volkswirtschaft im Allgemeinen zu gelten hat, gilt für Walter Eucken auch für das Konjunkturphänomen. Auch hier sei jede konkrete Konjunktur eine einmalige Mischung verschiedener Grundelemente, sodass man zwar durchaus im Verlaufe der Konjunktur Regelmäßigkeiten feststellen kann, dass aber jede Konjunktur als Gesamtheit sich jeglicher Erklärung verschließt.

 

Konjunkturen hängen mit Erfindungen zusammen, jede Erfindung ist einmaliger Natur und vor allem auch der Prozess, der mit einer Erfindung einhergeht, ist insofern einmaliger Natur, als es sich ja gerade bei der Innovation nicht um immer wiederkehrende Phänomene handelt wie z. B. ein Arbitragevorgang, sondern von einmaligen Persönlichkeiten hervorgerufen wurde. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler sind in dieser Frage allerdings Walter Eucken nicht gefolgt.

 

Auch über die Frage, welche Aufgabe denn eine Konjunkturtheorie habe, bestehen offensichtlich unter­schied­liche Vorstellungen. Natürlich bestreitet niemand, dass sich eine Konjunkturtheorie mit konjunktu­rellen Phänomenen zu befassen hat. Trotzdem kann festgestellt werden, dass sich ein beachtlicher Teil der sogenannten Konjunkturtheorien im Wesentlichen darauf beschränkt, einzelne besonders heraus­ragende Phänomene der Konjunktur wie z. B. das Entstehen einer Krise zu untersuchen. Dies gilt vor allem für die meisten Unterkonsumtions­theorien wie etwa die von Jean Charles Simonde de Sismondi   und Robert Malthus, welche den Zusammenbruch einer Volkswirtschaft damit zu erklären versuchen, dass die privaten Haushalte nicht so viel konsumieren, wie notwendig wäre, um alle arbeitsfähigen und arbeitswilligen Arbeitnehmer zu beschäftigen.

 

Diese Einschränkung gilt aber auch gegenüber den sogenannten Überinvestitionstheorien etwa von Gustav Cassel, die den konjunk­turellen Zusammenbruch einer Volkswirtschaft damit zu erklären versuchen, dass in Zeiten der Hochkon­junktur viel mehr Investitionen eingeleitet werden als überhaupt zur Fertigstellung dieser Investitions­vorhaben an erspartem Kapital zur Verfügung steht. Bisweilen gehen diese Theoretiker auch davon aus, dass Investitionen deshalb abgebrochen werden müssen, da es an Komplementargüter mangle. Auch die von Knut Wicksell formulierten Thesen, wonach das Auseinander­klaffen vom Geldzins und vom natürlichen Zins die Krise herbeiführe, heben wiederum nur auf ein Phänomen einer Konjunktur ab. Wicksell war der Meinung, dass die Privatbanken aufgrund ihrer Möglichkeit zur Giralgeldschöpfung Kredite an Unternehmer zu einem Zinssatz verleihen könnten, der unter den natürlichen Zinssatz absinke, wobei der natürliche Zins Sparen und Investieren gerade ausgleiche.

 

Schließlich kann auch bezweifelt werden, ob die Keynes’sche Lehre eine echte Konjunkturtheorie dar­stellt, die das gesamte Phänomen einer konjunkturellen Bewegung zu erklären versucht. Zwar bezeich­net John Maynard Keynes seine Überlegungen als allgemeine Theorie. Und es kann auch nicht bezweifelt werden, dass sich gerade die keynesianische Lehre wie keine andere Bewegung um die Beseitigung einer konjunkturell bedingten Arbeitslosigkeit bemüht hat. Wenn trotzdem bezweifelt werden muss, ob es sich hierbei um eine echte Konjunkturtheorie handelt, so liegt dies daran, dass ein konjunkturelles Phänomen: das Volkseinkommen und der Beschäftigungsgrad auf andere, ebenfalls konjunkturell bedingte Phänomene: ein zu geringer Konsum oder eine nicht ausreichende Investition zurückgeführt wird. Hier wird eine Unbekannte auf eine andere Unbekannte zurückgeführt und das Problem kann erst dann als gelöst angesehen werden, wenn es uns gelungen ist, konjunkturelle Phänomene auf nichtkonjunkturelle, nicht weiter erklärungsbedürftige Phänomene zurückzuführen.

 

 

2. Grundbegriffe der Konjunktur

 

Wir beginnen unsere Analyse damit, dass wir den Begriff der Konjunktur präzisieren. Mit dem Begriff "Konjunktur" werden im Allgemeinen drei Merkmale verbunden:

 

periodisch wiederkehrende Auf- und Abwärtsbewegungen,

Beschränkung auf makroökonomische Größen,

Schwankungen um das makroökonomische Gleichgewicht.

 

Dies bedeutet erstens, dass wir nur dann von Konjunktur sprechen, wenn in den rhythmischen Schwankungen gewisse Gesetzmäßigkeiten festgestellt werden können, für das Vorliegen einer Konjunk­tur reicht es nicht aus, dass rein zufällige oder nicht erklärbare Schwankungen in ökonomischen Größen beobachtet werden können. Es ist vielmehr ein feststehendes, immer wiederkehrendes Muster, das in diesen Bewegungen festgestellt werden kann.

 

Nicht alle zu beobachtenden Schwankungen in ökonomischen Größen werden mit dem Phänomen der Konjunktur in Verbindung gebracht. So lassen sich bei der Produktion einzelner Güter ebenfalls rhythmische Gesetzmäßigkeiten feststellen, die in keinerlei Beziehung zu konjunkturellen Phänomenen stehen. So unterscheidet z. B. Ernst Heuß verschiedene Phasen bei der Einführung industrieller Produkte. Auch bei der Produktion landwirtschaftlicher Produkte lassen sich im Zusammenhang mit der Dreifelderwirtschaft gewisse wiederkehrende Phasen unterscheiden. Der Begriff der Konjunktur ist auf makroökonomische Größen wie Volkseinkommen, Beschäftigung, Investitionsvolumen etc. beschränkt.

 

Das wohl wichtigste Merkmal einer Konjunktur besteht aber darin, dass diese Schwankungen als rhythmische Bewegungen um das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht zu verstehen sind. Dies ist die eigentlich zu erklärende Größe, wir haben zu klären, warum solche Schwankungen stattfinden, die offensichtlich – wie wir noch zeigen werden – den allgemeinen Markttheorien zumindest auf den ersten Schein zu widersprechen scheinen.

 

 

 

Nun lassen sich Konjunkturbewegungen in mehrere Phasen einteilen. Es gibt unterschiedliche Kriterien der Untergliederung: das Zweiphasenschema:

 

Auf- und Abschwung,

 

sowie das Vierphasenschema:

 

Aufschwung, Hochkonjunktur, Abschwung, Depression

 

Diese Vierteilung ergibt sich einmal aus der Frage, ob die gesamtwirtschaftlichen Größen fallen oder steigen, zum andern aus der Frage, ob eine Bewegung zum oder weg vom gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht stattfindet. Betrachten wir zunächst die Phase der Hochkonjunktur.

 

 

Die allgemeine Charakteristik einer Hochkonjunktur besteht aus folgenden Merkmalen: Die Produktion steigt an. Es entstehen Nachfrageüberhänge.

 

Als Symptome gelten: Ein Rückgang der Arbeitslosenziffern, in einzelnen Bereichen Überbeschäftigung, das Ansteigen der Güterproduktion bei steigenden Preisen, hohe Kapazitätsauslastung mit nur noch geringen Produktivitätszuwächsen, Lohnsteigerungen oberhalb der Produktivitätszu­wächse, deshalb Rückgang der Gewinne.

 

Zwei Merkmale bestimmen die allgemeine Charakteristik: die Aufwärtsbewegung, sowie das Entstehen von Nachfrageüberhängen.

 

Betrachten wir nun die Rezessionsphase:

 

 

 

Die allgemeine Charakteristik einer Rezession liegt in folgenden zwei Merkmalen: dem Abschwung, sowie einem Abbau der Nachfrageüberhänge.

 

Als Symptome gelten: Zunächst kommt es noch zu anhaltend hohen Lohnforderungen, die Preis­steigerungsrate verringert sich, die Auftragseingänge gehen zurück und mit ihnen die Zahlen der offenen Stellen, aufgrund zunehmenden Wettbewerbs kommt es zu einer Zunahme der Konkurse.

 

Betrachten wir nun die Depressionsphase:

 

 

 

 

Als Symptome der Depression lassen sich feststellen: Die Arbeitslosenziffern steigen an, es findet eine Stagnation in den Aufträgen und in der Güterproduktion statt, eventuell werden  sogar negative Wachstumsraten der Güterproduktion festgestellt, es kommt aber nur zu relativ geringen Preisstei­gerungen, eventuell sogar zu Preissenkungen. Auch die Löhne steigen nur geringfügig, es findet ein Abbau der „wage drift“ statt. Unter „wage drift“ versteht man die Kluft zwischen Effektivverdiensten und Tariflöhnen. Die Zinsen sind niedrig, die Liquidität jedoch hoch.

 

Zwei Merkmale bestimmen die allgemeine Charakteristik: die Abwärtsbewegung, sowie das Entstehen von Angebotsüberhängen.

 

Schließlich soll die Aufschwungsphase näher betrachtet werden:

 

 

Die allgemeine Charakteristik eines Aufschwungs besteht aus folgenden Merkmalen: Die Produktion steigt an. Angebotsüberhänge werden abgebaut.

 

Als Symptome gelten: ein Rückgang der Arbeitslosenziffern, das Ansteigen der Güterproduktion bei noch relativ stabilen Preisen, hohe Produktivitätszuwächse, Lohnsteigerungen unterhalb der Produktivitäts­zuwächse, deshalb hohe Gewinne.

 

Nachdem wir geklärt haben, wann wir allein im Folgenden von Konjunktur sprechen wollen, gilt es nun die weitere Frage zu beantworten, welche spezifischen Aufgaben eine Konjunkturtheorie zu klären hat. Wir gehen hierbei davon aus, dass ökonomische Gesetzmäßigkeiten auch schon bereits im Rahmen der allgemeinen Markttheorie erkannt werden. Soweit sich konjunkturelle Gesetzmäßigkeiten einfach aus diesen allgemeinen Gesetzen ergeben und diesen entsprechen, bedarf es auch keiner zusätzlichen Erklärung.

 

Erklärungsbedarf entsteht jedoch dort, wo die konjunkturellen Erscheinungen mit diesen allgemeinen Markttheorien in Widerspruch geraten, wo also diese Markttheorien konjunkturelle Gesetzmäßigkeiten nicht mehr erklären können. Vor allem zwei Merkmale lassen sich mit der allgemeinen Markttheorie nicht erklären. Betrachten wir hierzu nochmals die einzelnen Konjunkturphasen.

 

Beginnen wir mit der Aufschwungsphase. Sie ist dadurch ausgezeichnet, dass es aufwärts geht und dass Angebotsüberhänge abgebaut werden. Dies sind Vorgänge, die mit der allgemeinen Markttheorie erklärt werden können. Wir gehen davon aus, dass Marktungleichgewichte von selbst abgebaut werden.

 

Die Hochkonjunkturphase hingegen ist dadurch ausgezeichnet, dass die Aufwärtsbewegung anhält, obwohl sie vom Gleichgewicht wegführt. Dies kann mit der Markttheorie nicht mehr erklärt werden. Auf der Grund­lage der Markttheorie hätten wir eigentlich erwartet, dass der Anpassungsprozess beendet ist, es ist ein Gleichgewicht erreicht, es bleibt unklar, weshalb der Aufwärtstrend weiter anhält und neue Ungleichgewichte aufgebaut werden.

 

Die nächste Konjunkturphase ist die Rezessionsphase, sie lässt sich wieder mit der allgemeinen Markt­theorie erklären, wonach der Markt Nachfrageüberhänge von selbst abbaut. Erklärungsbedürftig ist jedoch die Depressionsphase. Obwohl die Nachfrageüberhänge abgebaut sind, geht der Abwärtstrend weiter. 

 

Der Erklärung bedarf es weiterhin, weshalb der Aufschwung in der Hochkonjunkturphase eines Tages zu Ende geht, genauso wie es unklar ist, weshalb die Depressionsphase schließlich beendet wird. Zwar ist es richtig, dass bei der Umkehr der Konjunktur Ungleichgewichte bestehen und diese Ungleichgewichte Kräfte entfalten, die auf einen  Abbau der Ungleichgewichte hinarbeiten. Aber diese Ungleichgewichte bestanden auch schon während der ganzen Hochkonjunktur- bzw. Depressionsphase, es bleibt trotzdem unklar, weshalb gerade jetzt dieser Umschwung einsetzt.

 

 

3. Unterscheidung unterschiedlicher Konjunkturzyklen

 

Empirisch wurden drei unterschiedliche Konjunkturzyklen nachgewiesen:

 

die kurzen, nach J. Kitchin benannten Konjunkturwellen, welche circa 2 - 3 Jahre dauern,

die mittleren, nach C. Juglar benannten Konjunkturwellen mit einer Dauer von circa 8 - 9 Jahren und

die langen, sogenannten Kondratief-Konjunkturwellen, welche sich über circa 50 - 60 Jahre erstrecken.

Beginnen wir mit den Kondratieff-Konjunkturwellen:

 

 

Wir zeichnen nun in diese Graphik zusätzlich die Juglar-Wellen ein:

 

 

 

Schließlich sollen zusätzlich auch die Kitchin-Wellen Berücksichtigung finden:

 

Fassen wir alle drei Zyklen zusammen, so ergibt sich ein recht strukturiertes Bild vom Gesamtverlauf, das ohne Kenntnis der drei sich überlagernden Zyklen kaum eine Gesetzmäßigkeit erkenne ließe.

 

 

 

 

Schumpeters Konjunkturtheorie

 

Zu den wenigen Konjunkturtheorien, welche das Gesamtphänomen der Konjunktur zu erklären versu­chen, gehört sicherlich die von Joseph A. Schumpeter entwickelte Konjunkturtheorie. Diese Theorie zeichnet sich dadurch aus, dass sie auf den Ansätzen verschiedener Theorien und empirischen Untersuchungen aufbaut. So wird wie bei Knut Wicksell die besondere Rolle der Banken beim Entstehen konjunktureller Schwankungen herausgearbeitet, auch wird den Unternehmungen, welche das Risiko jeder Erneuerung eingehen, eine besondere Bedeutung zugewiesen, schließlich wird aufgezeigt, wie es sowohl zu den mittelfristigen Juglar-Zyklen als auch zu den langfristigen Kondratief-Zyklen kommt.

 

Beginnen wir mit der Abschwungsphase. Dieser kommt eine besondere volkswirtschaftliche Funktion zu. In der Aufschwungsphase konnten aufgrund der Nachfrageüberhänge und der hierdurch ausgelösten Preissteigerungen auch Unternehmungen die Produktion aufnehmen und eine gewisse Zeit aufrecht­erhalten, welche an und für sich unrentabel arbeiten und unter normalen Bedingungen im Wettbewerbs­kampf sehr schnell unterliegen würden, sie können sich aber unter der Sonne der Hochkonjunktur, in welcher alle noch so hohen Kosten auf den Preis abgewälzt werden können, im Markt halten. Es ist primäre Aufgabe der Rezessionsphase, diese Unternehmungen auszuscheiden, dafür Sorge zu tragen, dass nur Unternehmungen, welche rentabel arbeiten, bestehen bleiben.

 

Wenn dann der konjunkturelle Abschwung weitergeht, obwohl die unrentablen Unternehmungen bereits ausgeschieden sind und damit auch die Angebotsüberhänge beseitigt sind, so trägt selbst dieser Prozess immer noch dazu bei, dass der Aufschwung vorbereitet wird und zwar dadurch, dass im Zuge der Depression Rohstoffe, Maschinen und Halbfabrikate immer billiger werden. Dies ist zwar für die Unternehmungen, welche Konkurs gehen, sehr schmerzhaft, bedeuten doch diese Preissenkungen, dass die Verluste dieser Unternehmungen noch zunehmen. Gleichzeitig tragen jedoch diese Preissenkungen dazu bei, dass Unter­nehmungen, welche zu Innovationen bereit sind, die für diese Innovationen notwendigen Ressourcen immer billiger erhalten, mit der Folge, dass das mit Innovationen verbundene Risiko immer geringer wird und der Aufschwung immer näher rückt.

 

Im Hinblick auf die nun beginnende Aufschwungsphase unterscheidet Schumpeter zwischen Unterneh­mern, die bereit sind auch risikoreiche Innovationen durchzuführen und sogenannten Wirten, welche sich darauf beschränken, durch Arbitrage knappe Güter aufzukaufen und sie dann sofort wieder zu einem erhöhten Preis weiterzuverkaufen. Es sind nach Auffassung Schumpeters nur die Unternehmer nicht die Wirte, welche für die Zunahme in der allgemeinen Wohlfahrt verantwortlich sind. Hierbei zeichnen sich die Unternehmer nicht so sehr dadurch aus, dass sie Erfindungen machen, sondern, dass sie Erfindungen anderer aufkaufen und das mit diesen Investitionen verbundene Risiko auf sich nehmen.

 

Nun reicht es allerdings nicht aus, dass es Unternehmer gibt, welche bereit sind, das Risiko innovativer Investitionen einzugehen. Es bedarf auch risikofreudiger Personen, welche bereit sind, diesen Unterneh­mern Kapital auch dann zu leihen, wenn die damit durchgeführten Investitionen besonders risikoreich sind.

 

Hier kommen nun die Banken ins Spiel. Da die Banken die Möglichkeit besitzen, Giralgeld zu schöpfen, sind sie auch in der Lage, Kapital zu Zinsen zu verleihen, die unterhalb des natürlichen Zinssatzes liegen, also dem Zinssatz, bei dem sich Angebot an und Nachfrage nach Kapital entsprechen. Es bedarf also nach Auffassung Schumpeters sowohl risikobewusster Unternehmer wie auch Banken, um einen erneuten Aufschwung einzuleiten.

 

Der Tatbestand, dass die Unternehmer in der Aufschwungsphase mit Innovationen beginnen und diese Investitionen mit einer Ausweitung der Geldmenge in Form von Giralgeld begleitet werden, trägt dazu bei, dass die Güterpreise steigen. Sie steigen einmal deshalb, weil ein Teil der Ressourcen von der Konsumgüterproduktion abgezogen und in den Investitionsgütersektor abgezweigt wird, das verrin­gerte Konsumgüterangebot führt unmittelbar zu Nachfrageüberhängen, die sich in Preisstei­gerungen nieder­schlagen. Zum andern trägt die vermehrte Geldmenge entsprechend der Quantitäts­theorie dazu bei, das Preisniveau anzuheben. Wie bereits erwähnt, gelingt es nun aufgrund der Nachfrageüberhänge auch Unternehmungen, welche unter normalen Bedingungen sich nicht im Markt halten können, die Produktion aufzunehmen.

 

Nach einer gewissen Zeit sind die mit den Innovationen eingeleiteten Produktionsumwege abgeschlossen und dies hat zweierlei zur Folge: Auf der einen Seite wird nun das Angebot an Konsumgütern wieder erhöht. Auf der anderen Seite können die Unternehmungen ihre Investitionsgüter absetzen, sie erhalten deshalb Verkaufserlöse, welche sie in die Lage versetzen, ihre Kredite zurückzuzahlen. Beide Tatbestände (erhöhtes Konsumgüterangebot sowie verminderte Geldmenge aufgrund der Zurückzahlung der Kredite) wirken sich preissenkend aus und leiten so die Rezessionsphase ein.

 

Kommen wir nun zu der Frage, wann diese geschilderten Prozesse einen Juglar-Zyklus und wann einen Kondratief-Zyklus einleiten. Schumpeter geht gestützt auf die empirischen Erfahrungen mit der Industrialisierung davon aus, dass in gewissen länger andauernden Abständen gewisse grundlegende Erfindungen gemacht werden, die eine Vielzahl von Einzelerfindungen auslösen und deren Anzahl so groß ist, dass mehrere Juglar-Zyklen damit alimentiert werden können.

 

So hatten wir in den letzten 200 Jahren die Erfindung des Webstuhls, der Dampfmaschine, des Elektromotors, des Computers u.v.m. Jede diese Erfindung löste einen langfristigen Kondratief-Zyklus aus. Diese grundlegenden Erfindungen speisten also mehrere Juglar-Zyklen. Aber bei jedem neuen Beginn eines Juglar-Zyklus war der Umfang der noch zu verwertenden Erfindungen immer geringer, sodass als auch die Ausstrahlungskraft jedes Zyklus immer geringer wurde. In einem ausgesprochenen Tief des Kondratief-Zyklus schließlich waren alle möglichen Erfindungen der vorhergehenden Innovation er­schöpft, ohne dass bereits eine neue Grunderfindung in Sicht war.

 

Es bleibt noch zu erklären, weshalb denn ein Juglar-Zyklus zu Ende geht, lange bevor das Reservoir aus einer Grunderfindung erschöpft war. Der Grund hierfür liegt in den oben geschilderten Geschehnissen. Die Zahl der unrentablen Betriebe mag angestiegen sein, deshalb kommt es im Zuge der Preissenkungen zu zahlreichen Konkursen, welche dann, wenn immer mehr Betriebe davon betroffen sind, weitere Unternehmungen in den Ruin treiben, sodass dann eines Tages die Rezession  in eine Depression umschlägt.

 

 

 

5. Das Multiplikator-Akzelerator-Modell von Paul A. Samuelson

 

Wir wollen zum Abschluss ein Modell besprechen, welches noch am ehesten den Anforderungen entspricht, welche wir oben an eine Konjunkturtheorie angelegt haben. Es handelt sich hierbei um das von Paul A. Samuelson entwickelte Modell zur Erklärung konjunkturähnlicher Schwingungen im Volks­ein­kommen. Samuelson geht hierbei von einem gegebenen Wert der Konsumneigung c = 0,8 und dem  Akzelerator α = 1 aus. Weiterhin wird unterstellt, dass das Volkeinkommen e im Zeitpunkt n der Summe aus Konsumgüternachfrage und Investitionsgüternachfrage entspricht. Hierbei wird entspre­chend der Robertson-Konsumfunktion unterstellt, dass der heutige Konsum (Periode n) vom Einkommen der Vorperiode n-1 abhängt und gleich ist dem Produkt aus Konsumneigung c und Einkommen En-1.

 

Gleichzeitig wird für das Investitionsvolumen unterstellt, dass die Investitionsnachfrage von der Veränderung im Einkommen der Vorperiode und der davor liegenden Periode (en-1 - en-2) abhängt. Der Koeffizient, mit dem diese Einkommensvariation multipliziert werden muss, um die heutige Investitions­nachfrage zu erhalten, wird als Akzelerator bezeichnet und mit dem Wert α umschrieben.

 

Wenn wir nun für die einzelnen Perioden den Verlauf des Volkseinkommens entsprechend dieser Formel berechnen, ergibt sich eine rhythmische Bewegung, die in etwa den üblichen konjunkturellen Schwan­kungen entspricht und bei denen die konjunkturellen Ausschläge im Zeitablauf konstant bleiben.

 

 

 

 

Wir verändern nun den Werte für den Akzelerator auf α = 1,1. Den Wert für die Konsumneigung lassen wir unverändert. Die Graphik zeigt, dass die Schwingungen immer stärker werden, dass wir also ein explosives System vor uns haben.

 

 

 

Nun wollen wir den Wert des Akzelerators gegenüber dem Ausgangsmodell auf α = 0,9 verringern. Wiederum lassen wir die Konsumneigung unverändert. Unten stehende Graphik zeigt, dass unter diesen Annahmen die Schwingungen immer geringer werden, also in eine Gleichgewichtsposition übergehen.

 

 

 

 

Wir wollen nun dieses Modell dazu benutzen, festzustellen, wie sich eine Erhöhung der Staatsausgaben auf die Einkommensentwicklung auswirkt.

 

Zunächst unterstellen wir, dass die Staatsausgaben (G) einmalig ansteigen (schwarze Linie). Diese einmalige Ausgabensteigerung führt entsprechend dem Einkommensmultiplikator zu Einkommens­steigerungen, zunächst zu einem größeren Zuwachs, in den folgenden Perioden aufgrund der induzierten Konsumsteigerungen zu immer geringeren Zuwächsen (rote Linie).

 

Die Veränderungen im Einkommen führen nun aufgrund des Akzelerators zu einer Veränderung der Investition, wobei zunächst ein Anstieg der Investition, dann aber aufgrund gebremster Einkommens­steigerungen eine Reduzierung der Investition eintritt (orangene Linie).

 

Diese Investitionssteigerung führt selbst wiederum über Einkommenssteigerungen zu induzierten Konsum­steigerungen (lila Linie). Aufgrund der Investitions- und Konsumsteigerung ist schließlich eine Steigerung des Einkommens zu erwarten, die selbst wiederum ein Vielfaches der Konsum- und Investitionszuwächse ausmacht. 

 

 


 

Kritisch muss hinzugefügt werden, dass aus diesem Modell allein nicht zwingend abgeleitet werden kann, dass es sich hierbei tatsächlich um Schwingungen handelt, die von den Bestimmungsgründen einer konjunkturellen Bewegung ausgelöst wurden. Wir konnten nur feststellen, dass diese durch die Annahmen dieses Modells hervorgerufenen Schwingungen konjunkturähnlich verlaufen.

 

In der Literatur wurde in der Tat bezweifelt, dass dieses Modell die konjunkturellen Bewegungen erklären kann. Aber auch dann, wenn man nachweisen könnte, dass die konjunkturellen Ausschläge von ganz anderen Faktoren bestimmt werden, bleibt doch das Verdienst von Samuelson aufgezeigt zu haben, dass Schwingungen in den ökonomischen Größen im Rahmen einer dynamischen Analyse erklärt werden können.

 

Auch dann, wenn die Annahmen dieses Modells unrealistisch sein mögen, dieses Modell zeigt doch den Weg, auf dem man Schwankungen in den ökonomischen Variablen allein dadurch erklären kann, dass man jeweils die Perioden angibt, in denen bestimmte Variablen ihre Wirkungen entfalten.