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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

 

Teil II Spezialgebiete der Lehrgeschichte

 

Gliederung:

 

 1. Methodenlehre

 2. Marktformenlehre

 3. Collective bargaining

 4. Wohlfahrtstheorie

 5. Verteilung: macro

 6. Geldtheorie

 7. Außenhandel

 8. Dynamische Theorie

 9. Konjunkturtheorie

10. Wachstumstheorie

 

 

7. Außenhandel

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Die Theorie der komparativen Kosten

3. Die neoklassische Version dieser Theorie

4. Das Heckscher-Ohlin-Theorem

5. Einführung in die monetären Probleme der Außenwirtschaft

6. Ursachen von Devisenbilanzungleichgewichten

7. Der Wechselkursmechanismus

8. Der Geldmengen-Preis-Mechanismus

9. Der Zins-Kredit-Mechanismus

10. Der Einkommens-Mechanismus

11. Die policy-mix-Strategie

 

 

1. Problemeinführung

 

Diese Vorlesung hatte sich bisher nur am Rande mit außenwirtschaftlichen Fragen befasst, obwohl bei der Entstehung der modernen Volkswirtschaftslehre eigentlich ein außenwirtschaftliches Problem im Mittel­punkt der Betrachtung stand. Es waren die Merkantilisten, welche das Ziel einer aktiven Handelsbilanz verfolgten und es war der Liberalismus, der sich für einen Freihandel ausgesprochen hatte.

 

Wenn trotzdem die außenwirtschaftlichen Fragen weitgehend ausgeklammert wurden, lag es einmal an dem Bemühen, durch stark vereinfachte Annahmen in die sehr komplexe Problematik einer Volkswirtschaft einzuführen, zum andern wohl auch daran, dass man von der Vorstellung ausging, dass das, was für eine Volkswirtschaft gelte, auch ohne größere Probleme auf die Weltwirtschaft übertragen werden könne.

 

In diesem Kapitel sollen nun die außenwirtschaftlichen Probleme behandelt werden, welche bisher aus der Betrachtung ausgeklammert wurden. Im Zusammenhang mit der Außenwirtschaft sind neue Probleme entstanden. So liegen andere wirtschaftliche Bedingungen vor, z. B. eine verminderte Mobilität der Faktoren im grenzüberschreitenden Verkehr.

 

Als Folge gilt im Außenhandel das Gesetz der komparativen Kosten, in der Binnenwirtschaft jedoch das Gesetz der absoluten Kosten. Es sind auch andere politische Rahmenbe­dingungen gegeben, z. B. unterschiedliche Steuersätze und Zölle auf im In- und Ausland produzierte Güter. Als Folge sind die Mobilität und damit auch die Preisausgleichstendenz vermindert.

 

Es ist schließlich mit dem Devisen­markt ein zusätzlicher Markt mit unterschiedlichen Bedingungen gegeben. Auf dem Devisenmarkt ist z. B. die Gefahr zu geringer Elastizitäten größer als auf normalen Märkten, da Wertgrößen im Spiel sind. Bei allgemeinen Märkten kommt es primär auf Mengenelastizitäten an. Die Stabilitätsbedingung lautet hier:

  S (e + h) > 0   mit   

e := Angebotselastizität   h := Nachfrageelastizität

 

 

Bei Devisenmärkten sind hingegen vor allem die Wertelastizitäten zu beachten. Die Stabilitätsbedingung lautet hier:

                S (hI + hA) > 1      

 

hI:= Importnachfrageelastizität des Inlandes  hA:= Importnachfrageelastizität des Auslandes

 

Die Wechselkursstabilität ist weiterhin eher gefährdet als die Preisstabilität auf normalen Märkten, da verschiedene Volkswirtschaften und Märkte im Spiel sind und da in viel stärkerem Maße permanente Datenänderungen erwartet werden müssen.

 

Für allgemeine Märkte gilt: Die Summe der Elastizitäten muss größer null sein! Für den Devisenmarkt gilt hingegen: Die Summe der Importnachfrageelastizitäten hat größer als eins zu sein!

 

 

 

 

In diesem Kapitel sollen insbesondere zwei Problembereiche behandelt werden. In den ersten Abschnitten werden wir uns mit der realen Außenwirtschaftstheorie befassen. Es geht hierbei um die Frage, wann ist ein Außenhandel erwünscht, kommt Außenhandel allen beteiligten Volkswirtschaften zugute, welche Güter werden importiert und exportiert und welche Austauschverhältnisse (terms of trade) bilden sich im Gleich­gewicht heraus.

 

In den darauf folgenden Abschnitten werden wir uns der monetären Außenwirtschaftstheorie zuwenden, es ist hier zu klären, welche Beziehungen zwischen dem Wechselkurs und der Zahlungsbilanz bestehen und  ob wir stets damit rechnen können, dass automatische Kräfte am Werk sind, welche die Zahlungsbilanzen (oder Teile hiervon) zum Ausgleich führen.

 

 

 

2. Die Theorie der komparativen Kosten

 

Die Grundthese der von David Ricardo entwickelten Theorie der komparativen Kosten besagt: Im Außen­handel bestimmen nicht die absoluten, sondern die komparativen Kosten über die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Hierbei werden die komparativen Kosten als Kostenverhältnisse  (k1/k2) definiert. Die komparativen Kosten des Inlandes werden mit denen des Auslandes in Beziehung gesetzt, wobei das Inland dann in Gut x1 einen komparativen Vorteil aufweist, wenn folgende Beziehung gilt:

 

(k1/k2)I < (k1/k2)A

kn: Stückkosten    I: Inland   A:Ausland

 

Ein Land i hat danach genau dann im Hinblick auf Gut x1 einen komparativen Vorteil, wenn das Kostenverhältnis des Gutes x1 zu einem andern Gut x2 (k1/k22) im Inland geringer ausfällt als im Ausland.

 

Die Theorie der komparativen Kosten geht davon aus, dass jede Volkswirtschaft mindestens in einem Gut einen komparativen Kostenvorteil aufweist, und zwar auch dann, wenn die absoluten Kosten des Inlandes bei allen Gütern höher als im Ausland liegen. Die einzige Ausnahme von dieser Regel würde nur dann gelten, wenn die Kostenstrukturen aller Länder identisch wären.

 

Die Grundlage dieser Theorie in ihrer ursprünglichen Form liegt in der klassischen Arbeitswertlehre: Die relativen Preise sind langfristig nur vom Angebot, und zwar von den Durchschnittskosten bestimmt. Die Nachfrage hingegen beeinflusst nur kurzfristig die Preishöhe. Alle Kosten lassen sich im Rahmen der Arbeitswerttheorie auf einen homogenen Faktor Arbeit und damit auf eine bestimmte Anzahl von Arbeitsstunden zurückführen.

 

Die Rente ist Folge von Preissteigerungen, kann also nicht Ursache der langfristigen Preishöhe sein. Die Kapitalkosten (Zinskosten) erhöhen alle Preise proportional, scheiden also als Bestimmungsgrund der Preisverhältnisse aus. Voraussetzung für diese Aussage ist allerdings, dass die Nutzungsdauer bei allen Kapitalgütern gleich groß ist. Die Struktur der einzelnen Arbeitsqualitäten wird technisch bestimmt, sodass verschiedene Arbeitsstunden in eine Standardgröße umgerechnet werden können. Die Technik legt die Höhe der Durchschnittskosten eindeutig fest, es besteht vor allem keine Abhängigkeit von der Ausbringungs­menge.

 

Ricardo versuchte nachzuweisen, dass eine Vergrößerung der Weltproduktion erzielt wird, wenn sich jedes Land auf die Güter spezialisiert, in denen es einen komparativen Kostenvorsprung aufweist.

 

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Die Tabelle vergleicht die Produktionsverhältnisse vor und nach der Spezialisierung durch den Außen­handel. Das Inland hat einen komparativen Vorteil in Gut x1 und wird sich deshalb nach Aufnahme des Außenhandels auf dieses Gut spezialisieren, während das Ausland komparative Vorteile in Gut x2 besitzt und es wird sich deshalb auf dieses Gut spezialisieren. Wie die Tabelle zeigt, werden nach der Speziali­sierung sowohl von Gut x1 wie von Gut x2 mehr Güter produziert.

 

Vor der Spezialisierung hat das Inland von Gut x1 10 Einheiten zu Kosten von 4 Arbeitsstunden pro Einheit produziert, sodass für die Produktion von Gut x1 insgesamt 40 Kosteneinheiten aufgewandt wurden. Von Gut x2 hingegen hat das Inland 12 Einheiten zu Kosten von 5 Arbeitsstunden produziert, es wurden also für Gut x2 60 Kosteneinheiten aufgebracht. Zur Verfügung für beide Güter standen also insgesamt 100 Kosteneinheiten.

 

Nach der Spezialisierung werden alle 100 Kosteneinheiten für die Produktion x1 eingesetzt, da in diesem Gut der komparative Vorteil des Inlandes liegt. Also können insgesamt 100/4 = 25 Einheiten produziert werden.

 

Für das Ausland wird nun unterstellt, dass bei beiden Produkten absolut geringere Kosten entstehen, bei der Produktion des Gutes x1 3 Kosteneinheiten, bei der Produktion des Gutes x2 sogar nur 1 Kosteneinheit. Bisher produzierte das Ausland von Gut x1 10 und von Gut x2  12 Einheiten. Da das Ausland bei Gut x2 seinen komparativen Vorteil hat, spezialisiert es sich nun auf dieses Gut und kann mit seinen 42 Kosteneinheiten auch 42*1 = 42 Mengeneinheiten produzieren.

 

Für beide Länder zusammen werden also nun von Gut x1 25 und von Gut x2  42 Mengeneinheiten produziert. Bisher wurden von Gut x1 nur 20 und von Gut x2 24 Einheiten erstellt. Folglich können nach der Spezialisierung von beiden Gütern mehr Einheiten produziert werden.

 

Es besteht hier eine Tendenz zur vollständigen Spezialisierung, da sich die Kosten und damit auch die Kostenverhältnisse nach Aufnahme des Außenhandels nicht verändern. Wenn wir den  Spezialisierungs­prozess schrittweise verfolgen, so gilt bei jedem durchgeführten Umfang der Spezialisierung, dass beide Länder jeweils in einem Gut einen eindeutigen Kostenvorteil besitzen und dass deshalb eine Ausweitung der Spezialisierung solange vorteilhaft bleibt, bis schließlich eine vollständige Spezialisierung erreicht ist.

 

Es wird auch keine Aussage darüber gemacht, wie sich der Außenhandelsgewinn auf die beiden Länder verteilt. Der neue Gleichgewichtspreis liegt – je nach Machtverhältnissen – zwischen den bisherigen komparativen Kosten beider Länder.

 

Wie kommt es nun zu dieser Spezialisierung? Zunächst exportiert das Land mit den absolut niedrigeren Kosten (in unserem Beispiel das Ausland [rot]) beide Güter. Dieses Land erzielt deshalb zunächst einen positiven Leistungsbilanzsaldo. Das Inland zahlt seine Importe mit Gold, es fließt also Gold ins Ausland, während das Inland Gold verliert. Entsprechend der Praxis der Notenbanken wird im Inland die Geldmenge reduziert, es kommt zu allgemeinen Preissenkungen, während im Ausland die umlaufende Geldmenge ansteigt und mit ihr das allgemeine Preisniveau. Die Preisverhältnisse nähern sich einander an. Schließlich ist das Exportland (in unserem Beispiel das Ausland) nur noch in dem Gut absolut billiger, das auch die geringeren komparativen Kosten aufweist. Das Inland bietet somit das Gut mit den komparativen Kostenvorteilen (x1) auch zu einem absolut geringeren Preis an, es kommt zum Austausch beider Güter und der Saldo der Devisenbilanzen kann sich wiederum verringern.

 

 

Diese Schlussfolgerungen gelten analog in Systemen freier Wechselkurse; hier führt nicht der Export oder Import von Gold, sondern Auf- bzw. Abwertungen der Devisenkurse schließlich zu dem aufgezeigten Ergebnis.

 

 

3. Die neoklassische Version dieser Theorie

 

Die ursprüngliche Theorie der komparativen Kosten enthielt mehrere ungeklärte Fragen. So wurde nicht geklärt, wie die Nachfrage die Höhe des Preises bestimmt. Auch ist die Annahme, dass es nur einen Produktionsfaktor (eine standardisierte Arbeitskraft) gibt, unhaltbar. Der Versuch Ricardos, vor allem den Produktionsfaktor Kapital als Bestimmungsgrund der Preisbildung auszuscheiden, war gescheitert. Der prozentuale Anteil der Zinskosten an den Gesamtkosten wäre nur dann bei allen Produktionen gleich und würde nur dann die Preisstruktur der einzelnen Güter nicht beeinflussen, wenn bei allen Produktionen die Nutzungsdauer des Kapitals gleich lang wäre. Dies widerspricht jedoch jeder Erfahrung. Schließlich gehen wir seit der Neoklassik davon aus, dass die Durchschnittskosten von der Ausbringungsmenge abhängen und mit der Produktionsausweitung im Allgemeinen ansteigen.

 

Gottfried von Haberler hatte nun vorgeschlagen, anstelle der Arbeitskosten Opportunitätskosten zu wählen. Hierbei geben die Opportunitätskosten an, auf wie viel Nutzen des Gutes x2 verzichtet werden muss, um eine Einheit des Gutes x1 zu erwerben. Wir gehen also davon aus, dass das Einkommen oder auch die Ressourcen für mehrere Alternativen eingesetzt werden können. Man entscheide sich für Alternative 1, die zweitbeste Wahl wäre die Alternative 2 gewesen. In diesem Falle geben die Opportunitätskosten der getroffenen Wahl an, dass auf den Nutzen verzichtet werden muss, der bei der zweitbesten Wahl erzielt worden wäre.

 

Alfred Marshall hatte weiterhin zur Erklärung des Außenhandels das Konzept der Tauschkurven entwickelt. Diese stellen eine Art kombinierte Angebots- Nachfragekurve dar, die sich allerdings nicht auf einen einzelnen Markt, sondern auf den gesamten Außenhandel eines Landes beziehen. Auf der Abszissenachse werden die Exportmengen, auf der Ordinatenachse die Importmengen abgetragen. Die Preisverhältnisse (die sogenannten Terms of Trade) werden am Fahrstrahl durch den Koordinatenursprung gemessen. Eine solche Kurve kann dann als Exportangebots- und zur gleichen Zeit als Importnachfragekurve gedeutet werden.

 

 

 

 

 

J. Meade leitete schließlich diese Tauschkurven aus dem Indifferenzkurvensystem ab. Betrachten wir hierzu folgendes Vier-Quadranten-Diagramm:

 

 

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Im Quadranten I (Nordwest) wird die Transformationskurve und die Schar kollektiver Indifferenzkurven des Inlandes dargestellt, wobei der Einfachheit halber nur die Indifferenzkurve eingetragen wurde, welche die Transformationskurve tangiert. Die Abszissenachse misst hierbei das Gut, das bei einer Spezialisierung exportiert wird, die Ordinatenachse hingegen das Gut, das bei einer Spezialisierung importiert wird.

 

Im Quadranten III (Südost) werden die Transformationskurve und die Schar kollektiver Indifferenzkurven des Auslandes analog zu den inländischen Kurven dargestellt. Im Quadranten II (Nordost) schließlich werden dann die Tauschkurve des Inlandes und des Auslandes aus den Informationen der Quadranten I und III abgeleitet.

 

Betrachten wir zunächst den Autarkiezustand. Der Tangentialpunkt beider Kurven im Quadranten I gibt an, bei welcher Güterkombination die Volkswirtschaft ihr Optimum realisieren würde, wenn kein Außenhandel betrieben würde.

 

 

 frei4 

 

 

Fügen wir nun in unser Diagramm die Möglichkeit des Imports ein. Das Importgut des Inlandes wird – wie bereits angegeben – auf der Ordinate abgetragen. Wir verschieben hierzu den aus der Transformationskurve gebildeten Produktionsblock nach oben. Wir erhalten auf diese Weise einen neuen Tangentialpunkt mit einer Indifferenzkurve höheren Nutzens. Der Betrag, um den wir den Produktionsblock nach oben verschoben haben, misst den Umfang der Importgüter, die Gesamtordinate hingegen die Summe aus im Inland produzierten und importierten Güter (Im.)

 

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In gleicher Weise können wir den Produktionsblock nach rechts verschieben, wobei der Umfang dieses Betrages im Quadranten II den Export des Gutes (Ex) anzeigt. Der inländische Konsum dieses Gutes entspricht nun der Differenz zwischen inländischer Produktion und Exportgütermenge von (Ex).

 

 

 

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Wir verschieben nun ausgehend vom Autarkiezustand den Produktionsblock entlang der Indifferenzkurve, welche die (rot eingezeichnete) Transformationskurve tangiert. Der Koordinatenursprung dieses Produktionsblockes zeichnet im Quadranten II (Nordost) eine neue (grün eingezeichnete) Kurve, die als Handelsindifferenzkurve bezeichnet wird und welche die Kombinationen von Export- und Importgütern anzeigt, die dem Inland die gleiche Wohlfahrt garantieren wie im Autarkiezustand. Die so entstehende Handelsindifferenzkurve geht durch den Koordinatenursprung, der die Autarkiesituation wiederspiegelt.

 

 

 

 

 

In ähnlicher Weise gehen wir nun von dem Produktionsblock aus, der gegenüber dem Autarkiezustand nach oben verschoben wurde und eine Indifferenzkurve mit höherem Nutzen tangiert. Wenn wir nun diesen Produktionsblock entlang der neuen Indifferenzkurve bewegen, entsteht im Quadranten (Nordwest) eine zweite Handelsindifferenzkurve, welche oberhalb der zuerst eingezeichneten Handelsindifferenzkurve liegt. Auf die gleiche Weise können wir für jedes denkbare Nutzenniveau des Inlandes eine Handelsindifferenz­kurve ableiten.

 

 

 frei8 

 

 

Schließlich können wir aus den Handelsindifferenzkurven die (gelb eingezeichnete) Tauschkurve des Inlandes (TI) ableiten. Der Fahrstrahl aus dem Koordinatenursprung gibt hierbei jeweils an, zu welchem Verhältnis sich Export- und Importgüter tauschen; man spricht hierbei von den Terms of Trade (ToT). Jeder Fahrstrahl tangiert eine Handelsindifferenzkurve. Dieser Tangentialpunkt gibt offensichtlich an, welche Kombinationen von Export- und Importgütern dem Inland bei alternativen Terms of Trade den höchstmöglichen Nutzen stiften und die deshalb bei freiem Tausch von den Inländern gewählt werden. Wir verbinden zum Schluss all diese Tangentenpunkte und erhalten die von Alfred Marshall entwickelte Tauschkurve des Inlandes.

 

 

 frei11 

 

 

Wir entwickeln nun in einem weiteren Schritt in analoger Weise die Handelsindifferenzkurven und hieraus schließlich die Tauschkurve des Auslandes.

 

 

 

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Wir sind nun in einem letzten Schritt in der Lage, das Handelsgleichgewicht zu bestimmen. Wir betrachten hierzu den Quadranten II (Nordost). Die beiden Tauschkurven schneiden sich in einem Punkt; dieser Punkt gibt an, bei welcher Kombination von Export- und Importgütern das Inland mit dem Ausland übereinstimmt. Die durch diesen Punkt gehenden Handelsindifferenzkurven des In- und des Auslandes (HI) geben an, welches Nutzenniveau das In- und Ausland erzielt, der Fahrstrahl, der den Koordinatenursprung mit diesem Schnittpunkt verbindet, gibt schließlich die Terms of Trade an, bei dem ein Gleichgewicht erreicht wird.

 

frei10 

 

 

 

Welche Folgerungen lässt das von Meade entwickelte Modell zu? Das Ausmaß des Außenhandelvolumens wird bestimmt durch die Preisverhältnisse. Bei Identität dieser Preisverhältnisse vor Aufnahme des Außenhandels entsprechen sich die Fahrstrahle an beide Tauschkurven im Ursprung. Kein Außenhandel ist unter diesen Bedingungen vorteilhaft.

 

Je größer der Unterschied der nationalen Preisverhältnisse ist, umso größer ist auch das Außenhandels­volumen. Da die Stückkosten von der Ausbringungsmenge abhängen, nähern sich die Preisverhältnisse durch Außenhandel einander an. Dies bedeutet, dass im Allgemeinen keine vollständige Spezialisierung zu erwarten ist.

 

Internationale Preisunterschiede ergeben sich nicht nur aus unterschiedlichen Kostenstrukturen, sondern auch durch Unterschiede in der Bedarfsstruktur. Jedes Land wird sich auf die Güter spezialisieren, bei denen es komparative Preisvorteile aufweist.

 

 

 frei17 

 

 

Im Allgemeinen liegt das Tauschgleichgewicht für beide Länder auf einer höheren HI-Kurve (bei einer höheren Wohlfahrt) als im Autarkiezustand. Trotzdem könnte ein Land durch Begrenzung des Außen­handels (durch Einführung von Importzöllen) eine höhere Wohlfahrt erzielen als bei Freihandel.

 

Welche Kritik wurde gegen diese Theorie vorgetragen? Als erstes wurde kritisiert, dass ein empirischer Test dieser Theorie erschwert ist, da Opportunitätskosten nicht messbar sind und da Preisverhältnisse zumeist nur nach Einführung des Außenhandels bekannt sind. Um festzustellen, ob ein freier Handel die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft gesteigert hat, müsste man jedoch die unterschiedlichen in- und ausländischen Preisverhältnisse vor Einführung des Freihandels kennen. Die Preisverhältnisse nach Einführung des Freihandels sind jedoch aufgrund des Anpassungsprozesses gleich hoch und sagen deshalb nichts über die durch den Freihandel erzeugten Wohlfahrtsgewinne aus.

 

Eine zweite Kritik besagt, dass die Theorie der komparativen Kosten nicht erklären kann, warum in der Realität ein Außenhandel vor allem zwischen Volkswirtschaften ähnlicher Strukturen stattfindet, obwohl entsprechend der Theorie der komparativen Kosten gerade der Handel zwischen Volkswirtschaften mit unterschiedlichen Produktionsstrukturen vorteilhaft sein müsste.

 

Entsprechend der neueren Außenhandelstheorie entscheiden vor allem die Güterqualität und die jeweils realisierten Marktformen über den internationalen Wettbewerbsvorteil. Das von Meade entwickelte System wurde jedoch unter den Bedingungen eines vollständigen und vollkommenen Wettbewerbs abgeleitet. Weiterhin wird in der modernen Außenwirtschaftstheorie der Versuch unternommen, auch die Variablen, welche innerhalb der neoklassischen Außenhandelstheorie als nicht weiter zu untersuchende Daten galten, zu erklären.

 

So hängt z. B. die Entwicklung der Bedarfsstruktur vom Pro-Kopf-Einkommen ab. Mit zunehmendem Wohlstand steigt zunächst der Anteil der Industrieprodukte und damit der kapitalintensiven Güter an; bei weiterem Wachstum erhöht sich der Anteil der Dienstleistungen und damit der arbeitsintensiven Güter. Auch der Wandel in der Technik kann selbst wiederum vom Wohlstandsniveau abhängen. Dies gilt vor allem im Rahmen der These vom verkörperten technischen Fortschritt, also einem technischen Fortschritt, welcher automatisch bei der Produktion entsteht.

 

Schließlich hängt vom Wohlstand auch die Entwicklung der Produktionsfaktoren ab. Die Bevölkerungs­wachstumsrate geht mit zunehmender Entwicklung zurück, die Wachstumsrate des Kapitals steigt jedoch relativ an.

 

 

4. Das Heckscher-Ohlin-Theorem

 

Im Gegensatz zur Theorie der komparativen Kosten befasst sich das von E. Heckscher und B. Ohlin formulierte Theorem mit den Faktorpreisen und enthält eine allokative wie eine distributive Hypothese. Die allokative These besagt, dass ein Land jeweils die Güter exportieren wird, die in dem Faktor intensiv sind, der relativ reichlich vorhanden ist. Hierbei wird die relative Knappheit am Verhältnis des Faktoreinsatzes im In- und Ausland gemessen:

 

(F1/F2)I > (F1/F2)A    

Fn : Faktor n (z. B. Arbeit, Kapital)

 

 

Bisweilen wird die relative Knappheit aber nicht am Verhältnis der Faktormengen, sondern der Faktorkosten gemessen:

 

(L/K)I > (L/K)A     

L: Lohnkosten, K: Kapitalkosten.

 

 

Es gilt nun folgende These: Mit zunehmender Entwicklung wird Arbeit immer knapper und deshalb teurer, also wird sich ein hoch entwickeltes Land vorwiegend auf kapitalintensive Güter spezialisieren und arbeitsintensive Güter importieren.

 

Was besagt nun die distributive These des Heckscher-Ohlin-Theorems? Aufgrund des Außenhandels nähern sich die Faktorpreisverhältnisse einander an. Da die arbeitsintensiven Güter in einem hoch entwickelten Land vorwiegend importiert werden, geht die Nachfrage nach Arbeit – und damit auch der Lohn – relativ zurück. Der jeweils knappe Faktor erleidet also aufgrund einer Liberalisierung des Außenhandels relative Einkommensverluste.

 

Bringen wir als Beispiel die Handelsbeziehungen zwischen den USA und Japan in den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Die USA waren das weiterentwickelte Land, während Japan damals noch am Anfang der Industrialisierung stand. Deshalb war der Faktor Arbeit in USA knapp, in Japan jedoch relativ reichlich vorhanden.

 

Im Rahmen des Heckscher-Ohlin-Theorems wurde auch die These vom vollständigen Ausgleich der internationalen Faktorpreisverhältnisse entwickelt. Diese These gilt allerdings nur bei Gültigkeit zahlreicher unrealistischer Annahmen. So wird erstens von identischen Produktionsfunktionen im In- und Ausland ausgegangen. Weiterhin werden Produktionsfunktionen vom Typ Cobb-Douglas unterstellt, es gilt der Grenzproduktivitätssatz, wonach die Produktionsfaktoren zu ihren Grenzprodukten entlohnt werden.

 

Hierbei muss unterstellt werden, dass auf allen Güter- und Faktormärkten vollständige Konkurrenz herrscht. Schließlich wird stillschweigend unterstellt, dass sich die Faktorintensitäten aufgrund des Außenhandels nicht umkehren. Umkehrende Faktorintensitäten lägen z. B. vor, wenn Land A vor Einführung des Außenhandels im Produktionsfaktor Arbeit als relativ knapp galt, dass aber aufgrund der Produktionsänderungen in Folge des Freihandels schließlich der Produktionsfaktor Kapital als relativ knapp anzusehen sei.

 

frei16 

 

 

 

Wenden wir uns nun der Beweisführung für einen vollständigen Faktorpreisausgleich zu. Der Freihandel baut die Güterpreisunterschiede ab. Bei gleichen Güterpreisverhältnissen entsprechen sich jedoch auch die Faktoreinsatzverhältnisse:

 

 L = p1 * G1A = p2 * G2A

 

Mit l: Lohnsatz   GPi,A: Grenzprodukt der Arbeit bei Gut i.

 

Es gilt somit entsprechend dem Grenzproduktivitätssatz auch:   

p1/p2 = GP2A/GP1A.

 

 

Nun hängen die Grenzprodukte von insgesamt drei Faktoren ab, und zwar:

 

- von den Strukturparametern der Produktionsfunktion,

- von dem jeweiligen Produktionsniveau und

- von der jeweiligen partiellen Faktorintensität (k).

 

Die Strukturparameter sind im In- und Ausland gleich, sofern identische Produktionsfunktionen unterstellt werden. Wenn darüber hinaus homogen-lineare Produktionsfunktionen angenommen werden, hängen die Grenzprodukte nicht mehr vom Produktionsniveau ab. Es verbleibt also die Abhängigkeit vom relativen Faktoreinsatz:

 

p1/p2 = f1(k1)/f2(k2)

 

 

Gleiche Faktoreinsatzverhältnisse führen schließlich zu gleichen Faktorpreisverhältnissen. Es gilt für beide Produkte x1 und x2:

 

l   = p * GPa ; i = p * GPk

l/i = f(k1) = f(k2)

 

Also entspricht einem bestimmten Faktoreinsatz auch ein bestimmtes Faktorpreisverhältnis.

 

 

 frei14 

 

 

 

Einem bestimmten Güterpreisverhältnis ist aber auch ein ganz bestimmtes Faktoreinsatzverhältnis zugeordnet:

 

 

 frei13 

 

 

Unten stehende Grafik zeigt schließlich, dass unter den gemachten Annahmen identische Güterpreis­verhältnisse auch identische Faktorpreisverhältnisse nach sich ziehen. Die blau eingezeichnete Linie gibt die in dem oberen Boxdiagramm dargestellten Beziehungen wieder, während sich die grün eingezeichnete Linie auf die Zusammenhänge zwischen Produktionsblock und Preisverhältnisse bezieht.

 

 

 

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Da jedoch diese Bedingungen in der Realität nahezu nie erfüllt sind, kommt es auch bei vollständigem Freihandel niemals zu einem vollständigen Ausgleich der Faktorpreisverhältnisse.

 

Vergleichen wir nun das Heckscher-Ohlin-Theorem mit der Theorie der komparativen Kosten: Die Theorie der komparativen Kosten kennt nur einen allokativen Aspekt, da nur ein (Wert bestimmender) Faktor unterstellt wird. Das Heckscher-Ohlin-Theorem kennt auch einen distributiven Aspekt.

 

Heckscher und Ohlin versuchen eine Antwort auf die Frage, warum bei internationaler Arbeitsteilung ein bestimmtes Gut relativ billiger produziert werden kann. Bei Ricardo wird die Frage nach den Gründen für die komparativen Kostenvorteile nicht gestellt. Bisweilen spricht man aber auch von Ricardo-Gütern, wenn der Kostenvorteil auf einer überlegenen Technik beruht.

 

Wenden wir uns der Kritik am Heckscher-Ohlin-Theorem zu. Wassily W. Leontief wies in den 50er Jahren in empirischen Untersuchungen nach, dass die USA nach Japan vorwiegend arbeitsintensive Produkte exportierten, obwohl entsprechend dem Heckscher-Ohlin-Theorem die USA wegen ihres relativen Kapital­reichtums eigentlich kapitalintensive Güter hätten exportieren müssen.

 

Es gibt mehrere Versuche, dieses Paradoxon aufzulösen: Ein erster Erklärungsversuch wurde von Leontief selbst vorgenommen: Heckscher-Ohlin hätten einen gleichen Stand an Technik in beiden Ländern unterstellt, de facto sei jedoch in dem betrachteten Zeitraum die Arbeitsproduktivität in USA höher als in Japan gewesen. Höhere Arbeitsqualität in den USA bedeute quasi hohes human capital; damit seien auch die in formalem Sinne als arbeitsintensiv geltenden Güter in Wirklichkeit reichlich mit Kapital (mit human capital) ausgestattet.

 

Ein zweiter Erklärungsversuch geht davon aus, dass die USA zwar reichlich mit Kapital ausgestattet seien, dass aber gleichzeitig die USA auch eine überdurchschnittlich große Nachfrage nach kapitalintensiven Gütern entfaltet hätten, sodass sich aufgrund dieses Umstandes die Faktorpreisverhältnisse wieder angenä­hert hätten.

 

Ein dritter Erklärungsversuch wurde von Roy F. Harrod versucht. Im Zuge der internationalen Arbeitsteilung könnten sich u. U. die Faktorintensitäten umkehren. Ein Gut, das zunächst bei geringer Produktion arbeitsintensiv war, kann ab einer bestimmten Ausbringungsmenge kapitalintensiv werden. Das Heckscher-Ohlin-Theorem gilt aber nur bei nicht umschlagenden Faktor-Intensitäten.

 

Fortsetzung folgt!