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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

 

Teil II Spezialgebiete der Lehrgeschichte

 

Gliederung:

 

 1. Methodenlehre

 2. Marktformenlehre

 3. Collective bargaining

 4. Wohlfahrtstheorie

 5. Verteilung: macro

 6. Geldtheorie

 7. Außenhandel

 8. Dynamische Theorie

 9. Konjunkturtheorie

                 10. Wachstumstheorie

 

 

6. Geldtheorie

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Geldfunktionen: Tauschmittel, Recheneinheit, Wertaufbewahrungsmittel

3. Die Fisher’sche Verkehrsgleichung

4. Die Quantitätstheorie

5. Bankingtheorie versus Currency-Theorie

6. Die Cambridge-Gleichung

7. Die Keynes’sche Theorie der Liquiditätspräferenz

8. Die Neoquantitätstheorie

                  9.Theorie der Giralgeldschöpfung

 

 

 

1. Einführung

 

Geldtheoretische Fragen wurden im Verlauf dieser Vorlesung bereits wiederholt angesprochen. So haben wir gesehen, dass Jean Bodin, ein Vorläufer des Merkantilismus im 16. Jahrhundert erste Ansätze einer Quantitätstheorie des Geldes entwickelt hatte. Bodin hatte bereits erkannt, dass die Geldmenge den Geldwert (das Preisniveau) bestimmt.

 

Im Allgemeinen war man allerdings in der damaligen Zeit der Auffassung, dass der Warenwert des Geldes auch den Tauschwert des Geldes bestimme. Auf dieser Grundlage formulierte Thomas Gresham, englischer Finanzpolitiker und königlicher Finanzagent unter König Eduard VI. das nach ihm benannte Gesetz, wonach das schlechtere Geld (im Sinne seines Warenwertes) das wertvollere (z. B. Gold) aus dem Umlauf vertreibe, da jeder bemüht sei, seine Verpflichtungen mit schlechterem Geld zu begleichen und das gute zu behalten. Das gute Geld werde also gehortet.

 

Im Allgemeinen waren die Klassiker wie vor allem Adam Smith der Auffassung, der monetäre Bereich lege sich wie ein Schleier über den realwirtschaftlichen Bereich, ohne ihn zu beeinflussen. Auch Leon Walras, der Begründer der neoklassischen Lausanne-Schule hat in seinem Gleichungssystem gezeigt, dass die realen Verhältnisse die Preisrelationen der einzelnen Güter zueinander bestimmen und dass das Geld lediglich das Niveau der Preise festlege, aber keinen Einfluss auf die Preisrelationen ausübe.

 

Bei der Darstellung des Keynes’schen Systems haben wir schließlich gesehen, dass Keynes das Say’sche Theorem unter anderem deshalb ablehnte, da Ersparnisse nicht immer auf dem Kapitalmarkt angeboten, sondern teilweise gehortet würden.

 

 

2. Geldfunktionen: Tauschmittel, Recheneinheit, Wertaufbewahrungsmittel

 

Dem Geld werden im Allgemeinen drei Funktionen zugesprochen: Geld fungiert erstens als Tauschmittel, zweitens als Recheneinheit und drittens auch als Wertaufbewahrungsmittel.

 

Dem Geld in seiner Eigenschaft als allgemein akzeptiertes Tauschmittel ist es zu verdanken, dass sich Handel und Produktion überhaupt entwickeln konnten. Ohne ein allgemein akzeptiertes Tauschmittel würden die Tauschvorgänge äußerst kompliziert verlaufen.

 

Nehmen wir an, eine Person A biete ein bestimmtes Gut X an und habe Bedarf nach einem andern Gut Y. Es wäre äußerst mühsam, einen Tauschpartner zu finden, der das Gut Y anbieten könnte und gleichzeitig das Gut X nachfragte. Es mag zwar Anbieter des Gutes Y geben, diese werden jedoch in aller Regel nicht das Gut X, sondern irgendein anderes Gut Z nachfragen.

 

Es mag auch Tauschpartner geben, welche das von A angebotene Gut X nachfragen, aber wiederum ist nur in den seltensten Fällen damit zu rechnen, dass diese auch das Gut Y anbieten. Aus diesem Grunde wären normaler Weise zahlreiche Ringkäufe und -verkäufe notwendig, damit Person A sein Produkt X absetzen und das Produkt Y erhalten kann. Er wird vielleicht zunächst das Gut X gegen Gut Z tauschen um dann dieses Gut gegen das Gut F zu tauschen, um dann schließlich nach zahlreichen Tauschvorgängen Gut Y zu erhalten.

 

Auch muss man sich darüber klar sein, dass unter diesen Bedingungen an keinen Wettbewerb gedacht werden kann. Unsere Person wird froh sein, überhaupt einen Partner gefunden zu haben, er ist dann auch mehr oder weniger darauf angewiesen, den Wunschvorstellungen des anderen zu entsprechen. Es gäbe dann fast nur Monopolfälle.

 

Mit Hilfe eines allgemein akzeptierten Tauschmittels können sich überhaupt erst Märkte für bestimmte Güter bilden, da jeder, der ein bestimmtes Gut nachfragt, mit diesem allgemeinen Tauschmittel bezahlen kann und gleichzeitig jeder, der eine Ware anbietet, auch bereit ist, dieses Tauschmittel anzunehmen. Wir wollen also festhalten, dass die Existenz eines allgemein akzeptierten Tauschmittels in sehr großem Maße Transaktionskosten der Auffindung geeigneter Tauschpartner einsparen hilft.

 

Selbstverständlich muss ein solches Tauschmittel ganz bestimmte Eigenschaften aufweisen, um ein allgemein akzeptiertes Tauschmittel zu werden. Es muss ohne große Kosten transportiert werden können, um die Tauschvorgänge jederzeit ausführen zu können. Es muss wertbeständig sein, der Wert darf nicht unmittelbar nach vollzogenem Tausch seinen Wert durch Witterung oder anderer Einflüsse einbüßen, es muss auch eindeutig seinen Wert erkennen lassen und es muss auch gestückelt werden können, sodass alle möglichen Tauschvorgänge unabhängig von dem Gesamtwert eines Tausches auch durchgeführt werden können.

 

Gleichzeitig hat das Geld auch die Eigenschaft einer allgemeinen Recheneinheit. Mit Hilfe des Geldes ist es überhaupt erst möglich, den Wert eines Gutes nur mit dem Wert eines einzigen, anderen Gutes zu vergleichen. Ohne allgemeine Recheneinheit hätten wir genauso viele Werte eines Gutes wie es insgesamt Waren gäbe (minus einem).

 

Ein solcher Vergleich ist jedoch notwendig, um jeweils die Güterkombination zu finden, welche mit gegebenen Ressourcen den höchsten Nutzen stiftet. Gewinnmaximierung und Nutzenmaximierung kann nur derjenige betreiben, der die einzelnen möglichen Alternativen jeweils mit einander vergleichen kann. Mit Hilfe des Geldes als allgemeine Recheneinheit können also wiederum enorme Wohlfahrtszuwächse erreicht werden.

 

Auch im Hinblick auf das Geld als Recheneinheit müssen einzelne Voraussetzungen erfüllt sein. Auch hier gilt, dass Geld nur dann, wenn das Geld wertbeständig ist, überhaupt für alternative Verwendungsarten der Ressourcen, welche in unterschiedlichen Perioden zur Verfügung stehen, als Recheneinheit  fungieren kann.

 

Geld dient drittens auch als Wertaufbewahrungsmittel. Wenn ein Verkäufer einer Ware als Gegenwert Geld erhält, so wird er in aller Regel dieses Geld nicht wieder sofort zum Kauf von Gütern einsetzen. Er wird es für eine gewisse Zeit in Kasse halten. Sehr oft muss damit gerechnet werden, dass die möglichen Verwendungsarten des Geldes zeitlich verteilt sind und dass nicht immer gerade die zur Verfügung stehenden Verwendungsarten die Verwendungen sind, welche den höchsten Nutzen stiften, sodass der Nutzen steigt, wenn das Geld erst nach Ablauf einiger Perioden eingesetzt wird. Also trägt das Geld auch in seiner dritten Eigenschaft, nämlich als Wertaufbewahrungsmittel dazu bei, die Wohlfahrt beachtlich zu steigern.

 

Es leuchtet ohne weiteres ein, dass Geld diese dritte Aufgabe nur erfüllen kann, wenn es im Zeitablauf wertbeständig ist. Gleichzeitig dürfen die Kosten der Geldaufbewahrung nicht zu hoch sein, weil ja sonst gerade der erwähnte Wohlfahrtsgewinn bei der Wertaufbewahrung verloren ginge.

 

Allerdings kann der Versuch, Geld in seiner dritten Funktion einzusetzen, auch zu größeren Verlusten führen. Wer Geld in Kasse hält, hat  nicht nur Aufbewahrungskosten, ihm  entgeht auch der Zinsertrag, den er erzielen könnte, wenn er das nicht benötigte Geld auf dem Kapitalmarkt zinsbringend anlegen würde. Dieses Argument gewinnt dadurch noch an Bedeutung, da normalerweise mit allgemeinen Preissteigerungen gerechnet werden muss, mit anderen Worten, da das Geld eben zumeist nicht vollständig wertbeständig ist. In Wirklichkeit kann man davon ausgehen, dass der Zinsertrag in allererster Linie ein Entgelt dafür ist, dass Geld im Zeitablauf seinen Wert verliert.

 

Nun könnte man fragen, warum es denn überhaupt sinnvoll sein kann, Geld in  Kasse ohne jeglichen Zinsertrag zu halten. Bei der Diskussion über den Keynesianismus hatten wir gesehen, dass es in gewissen Zeiten durchaus sinnvoll sein kann, vorübergehend Geld in Kasse zu halten und bewusst auf den Zinsertrag zu verzichten. Wird Geld nämlich in Wertpapieren angelegt, so sind in Zeiten des Konjunkturabschwungs Kursverluste zu befürchten, die ohne weiteres größer ausfallen können als der Zinsertrag. In diesem Falle ist es durchaus rational, das Geld in Kasse zu halten.

 

 

3. Die Fisher’sche Verkehrsgleichung

 

Ausgangspunkt der geldtheoretischen Überlegungen ist die Quantitätsgleichung, so wie sie unter anderem von Irving Fisher und Gustav Cassel, beide Neoklassiker formuliert wurde. Danach gilt folgende Gleichung:

 

G * U = P * H,

 

wobei G die in einer Volkswirtschaft umlaufene Geldmenge, U die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, P der Durchschnitt der Güterpreise, das sogenannte Preisniveau und schließlich H das Handelsvolumen, also der reale Gesamtwert der gesamten in einer Volkswirtschaft gehandelten Güter umschreibt.

 

Der Begriff der Umlaufsgeschwindigkeit bedarf noch einer etwas genaueren Umschreibung. Er umschreibt, wie oft im Durchschnitt eine Geldeinheit (z. B. eine Banknote) innerhalb einer Periode einen Warentausch vermittelt. Wenn also jeder Geldschein im Durchschnitt dreimal in einer Periode bei einem Kauf den Besitzer des Geldscheines wechselt, wäre de Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes 3.

 

Bei der Fisher’schen Verkehrsgleichung handelt es sich um eine tautologische, also immer wahre Aussage, sie gilt ex definitione. Und zwar stellt diese Formel die Angebots- und die Nachfrageseite aller Käufe innerhalb einer Periode und einer Volkswirtschaft gegenüber. Betrachten wir die getauschte Wertsumme von der Seite der Nachfragenden aus, dann entspricht dem Wert der getauschten Güter die Wertsumme des Geldes, das die Besitzer wechselt, wobei die Wertsumme des Geldes (G * U) sich aus dem Produkt aus Anzahl der Geldeinheiten (G) multipliziert mit der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes (U) ergibt.

 

Wir können die getauschte Wertsumme aber auch aus der Sicht der Anbieter betrachten. In diesem Falle entspricht dieser Wert dem Wert der Gütermengen (H) multipliziert mit dem Preisniveau (P). Hierbei ist dieses Produkt eine Kurzformel für eine Summe aller gehandelten mit ihren jeweiligen Preisen (pn) gewichteten Güter (hn):

 

p1 * h1 + p2 * h2 + …….. pn * hn

 

 

Beide Seiten müssen also aus logischen Gründen gleich groß sein, da sie sich ja immer auf die gleichen gehandelten Güter beziehen, nur einmal aus der Sicht des Nachfragers und einmal aus der Sicht des Anbieters.

 

Wenn man will, kann man  die Verkehrsgleichung auch als Definitionsgleichung der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes verstehen. Wir lösen hierzu obige Gleichung nach der Variablen U auf:

 

G * U = P * H  è U =(P * H) / G,

 

 

Hier wird der Wert der Umlaufsgeschwindigkeit dadurch ermittelt, dass man den Gesamtwert der gehandelten Waren auf die Gesamtzahl aller Geldeinheiten bezieht.

 

 

 

4. Die Quantitätstheorie

 

Von der aus logischen Gründen immer richtigen Verkehrsgleichung ist die Quantitätstheorie zu unter­scheiden, so wie sie vor allem von David Ricardo entwickelt wurde. Die Quantitätstheorie geht zwar von der Verkehrsgleichung aus, sie formuliert jedoch Hypothesen über die Beziehung dieser vier Variablen, welche keinesfalls bereits aus logischen Gründen wahr sind, sondern echte falsifizierbare Annahmen darstellen.

 

Die erste Hypothese der Quantitätstheorie besagt, dass Geldmengenzuwächse zu Preissteigerungen führen, wobei bei einer strengen Auslegung der Umfang der Preissteigrungen auch unmittelbar dem Umfang der Vermehrung der Geldmenge entspricht.

 

Da die Verkehrsgleichung ex definitione gilt, tritt diese Wirkung einer Geldzunahme deshalb auf, weil man unterstellt, dass erstens die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes (U) von den Zahlungssitten bestimmt wird und diese zumindest kurzfristig als konstant angesehen werden können. Zweitens geht man weiterhin davon aus, dass das Handelsvolumen wiederum kurzfristig konstant ist und vor allem nicht aufgrund einer Vermehrung der Geldmenge ausgeweitet werden kann.

 

Hinter dieser zweiten Annahme steht die neoklassische These, dass Märkte von sich aus die Tendenz aufweisen, dass Ungleichgewichte automatisch abgebaut werden. Es wird also unterstellt, dass Vollbe­schäftigung herrscht oder bei vorübergehender Unterbeschäftigung relativ schnell wieder hergestellt wird. Es bedarf also keiner Geldvermehrung, um Vollbeschäftigung herbeizuführen, man vertraut auf die Wirksamkeit des Preismechanismus (Lohnmechanismus).

 

Beide Annahmen wurden in der Folge vor allem von Keynes kritisiert. Keynes geht davon aus, dass die Nachfrage nach Geld unter anderem auch von der Zinshöhe abhängt. Vor allem, wenn der Zins konjunkturbedingt niedrig ist und vermutlich sein Konjunkturtief erreicht hat, dann wird mit baldigen Zinssteigerungen gerechnet, die selbst wiederum bei den festverzinslichen Wertpapieren Kursverluste auslösen. Wegen der Gefahr dieser Kursverluste werden Gelder nicht zinsbringend angelegt, sondern vorübergehend in Kasse gehalten.

 

Eine Mehrnachfrage nach Kasse ist jedoch in den Ausdrücken der Verkehrsgleichung gleichbedeutend damit, dass die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes zurückgeht. Je mehr und je länger Geld in Kasse gehalten wird, umso weniger finanziert es Warenkäufe und vermindert auf diese Weise die Umlaufsge­schwindigkeit des Geldes.

 

Keynes übte noch aus einem zweiten Grund Kritik an der Hypothese der Quantitätstheorie, dass Geldzu­wächse immer zu Preissteigerungen führten. Keynes unterstellt, dass der Markt nicht in der Lage ist, Arbeitslosigkeit abzubauen. Dies bedeute jedoch keineswegs, dass auf den Gütermärkten keine Gleich­gewichts­mechanismen am Werk seien. Es wird nur geleugnet, dass diese Gleichgewichtstendenzen von Preisvariationen ausgehen und dass sowohl von der Angebots- wie von der Nachfrageseite Ungleichgewichte abgebaut werden. Wie wir im Kapitel über den Keynesianismus gezeigt haben, reagieren die Unternehmer auf Marktungleichgewichte dadurch, dass sie unmittelbar ohne Preiskorrekturen ihre Angebotsmenge anpassen. Ein Angebotsüberhang führt automatisch dazu, dass die Unternehmer ihre Produktion verringern, während umgekehrt ein Nachfrage­überhang die Unternehmer veranlasst, die Produktion auszuweiten.

 

Indem nun eine Geldausweitung die Nachfrage steigere und damit Nachfrageüberhänge hervorrufe, führe der Zuwachs der Geldmenge entgegen den Ansichten der Neoklassiker dazu, dass die Gütermenge, also das Handelsvolumen steige.

 

Gegen die Quantitätstheorie wurde schließlich ein dritter Vorwurf erhoben: Es bleibt unklar, auf welchem Wege denn Veränderungen in der Geldmenge schließlich allgemeine Preissteigerungen hervorrufen. Sowohl die Klassiker wie auch die Neoklassiker sind sich darin einig, dass Güterpreise auf den einzelnen Märkten gebildet werden und durch Interaktionen zwischen Angebot und Nachfrage zustande kommen. Eine befriedigende Geldtheorie muss klar stellen, unter welchen Bedingungen eine Veränderung des Geldangebotes zu einer Veränderung des Zinssatzes führt, weiterhin wann Zinsvariationen eine Variation in der Nachfrage nach Güter herbeiführen und inwieweit schließlich Nachfragesteigerungen Preis­steigerungen auslösen.

 

Dieser Vorwurf gilt allerdings nur gegen die älteren Versionen der Quantitätstheorie, während die Neoquantitätstheorie expressis verbis diese drei Fragen zu beantworten versucht.

 

Mit der Quantitätstheorie verbindet sich noch eine zweite Hypothese: Es wird festgestellt, dass Steigerungen in den Güterpreisen immer nur dadurch verursacht werden können, dass auch die Geldmenge im Verhältnis zur Gütermenge angehoben wurde. Das Geldmengenwachstum ist entsprechend den Thesen der Quantitäts­theorie somit nicht nur ausreichende, sondern auch notwendige Voraussetzung dafür, dass es zu Preis­steigerungen kommt.

 

Dieser These widersprechen sowohl die keynesianische Inflationstheorie wie auch die Angebotstheorie der Inflation. Entsprechend der keynesianischen Inflationstheorie ist ein Nachfrageüberhang auf den Gütermärkten wesentliche Voraussetzung dafür, dass Preissteigerungen eintreten. Zwar mag diese Nachfragesteigerung von einem Geldzuwachs begleitet sein, es ist jedoch nach Meinung der Keynesianer die Veränderung in dem Nachfrageverhalten, welche für die Inflation verantwortlich ist.

 

Auch die Angebotstheorie der Inflation, so wie sie etwa von Sidney Weintraub formuliert wurde, geht davon aus, dass nicht so sehr die Geldmenge für Inflationsprozesse verantwortlich ist. Auch hier wird davon ausgegangen, dass die Zunahme des Preisniveaus durch ein elastisches Geldangebot alimentiert werden muss. Maßgeblich für den Inflationsprozess ist jedoch der Anstieg in den Stückkosten bei der Güter­produktion.

 

 

 

5. Banking-Theorie versus Currency-Theorie

 

Die bisher behandelte Kritik an der Quantitätstheorie ging im Wesentlichen von der wissenschaftlichen Seite aus. Die Quantitätstheorie hat jedoch auch auf der politischen Bühne eine entscheidende Rolle gespielt. Hier vertrat vor allem David Ricardo die Position der Currency-Theorie, welche es für notwendig hielt, dass die Geldmenge politisch begrenzt werden müsse, um inflatorische Prozesse zu verhindern.

 

Diese Forderung ergab sich unmittelbar aus der Quantitätstheorie, wonach sich eine Zunahme der Geldmenge, welche nicht von einer Zunahme in des Handelsvolumens begleitet wird, notwendiger Weise in allgemeinen Preissteigerungen niederschlagen müsse.

 

Dieser Position traten die Anhänger der Banking-Theorie (unter anderem Thomas Tooke und John Fullarton) entgegen und vertraten die Auffassung, dass die Geldmenge nur dann  ausgeweitet werde, wenn auch von Seiten der Wirtschaft ein Bedarf an Geld bestehe. Die Gefahr, dass die Geldmenge stärker als das Gütervolumen ausgeweitet werde, bestehe deshalb gar nicht.

 

Diese unterschiedlichen Positionen erklären sich vor allem daraus, dass die Anhänger der Currency-Theorie den Begriff Geld stets im Zusammenhang mit dem von der Notenbank geschaffenen Banknoten, einschließlich der Goldmünzen verwendeten, während sich die Anhänger der Banking-Theorie darauf bezogen, dass der größte Teil des Warenumsatzes mit Warenwechsel und Schecks bezahlt werde, wobei dieses Giralgeld eben nur im Zusammenhang mit dem Handel von Waren und in Relation zu diesen Warenströmen von den Marktteil­nehmern geschaffen werde.

 

Dass ein Großteil des Warenumsatzes mit Giralgeld bezahlt wird, ist sicherlich unbestritten. Dies bedeutet jedoch nicht automatisch, dass deshalb das von der Notenbank geschaffene Geld keinen Einfluss auf das Preisniveau nehme. Wir haben vielmehr davon auszugehen, dass das Giralgeld letztlich mit Hilfe des von der Notenbank geschaffenen Geldes geschaffen wird und dass deshalb über die Banknotenmenge sehr wohl auch die Giralgeldsumme beeinflusst und deshalb gesteuert werden kann. Um jedoch der Notenbank auch das Instrumentarium an die Hand zu geben, mit dessen Hilfe die Giralgeldsumme gesteuert werden kann, bedurfte es mehrerer geldpolitischer Maßnahmen wie Diskontsatzpolitik, Mindestreservepolitik sowie Offenmarktpolitik, welche allerdings erst – von gewissen Ausnahmen abgesehen – nach dem zweiten Weltkrieg geschaffen wurden.

 

 

6. Die Cambridge-Gleichung

 

Wir hatten uns bei unseren bisherigen Darstellungen vor allem auf die von Irving Fisher und vor allem Gustav Cassel gewählte Terminologie bezogen. Ähnliche Beziehungen wurden jedoch auch von den Vertretern der Cambridge-Schule, vor allem von Alfred Marshall, in einer etwas abweichenden Gestalt formuliert. Danach bestehen folgende Beziehungen:

 

 

Danach muss das Geldangebot (M) immer der Geldnachfrage (L) entsprechen, welche die Wirtschafts­subjekte jeweils im Durchschnitt in Kasse halten. Die in Kasse gehaltene Geldmenge wird hierbei in Relation zum Volkseinkommen (Y) gesehen. Steigt das Volkseinkommen, so wird dementsprechend auch mehr Geld in Kasse gehalten, wobei hier davon ausgegangen wird, dass zumindest kurzfristig dieser in Kasse gehaltene Faktor (k) als konstant und vorgegeben angesehen werden kann.

 

Ähnlich wie auch bei der Quantitätstheorie lässt sich die Cambridge-Gleichung einmal als Definitions­gleichung, zum andern als Gleichgewichtsbedingung deuten. Als Definitionsgleichung besagt diese Formel, dass ex post (im Nachhinein) die Geldmenge, welche tatsächlich von der Notenbank ausgegeben wurde, notwendiger Weise identisch ist mit der Geldmenge, welche dann von den privaten Wirtschaftssubjekten in Kasse gehalten wird. Es sind die gleichen Banknoten, einmal aus der Sicht der Anbieter von und einmal aus der Sicht der Nachfrager nach Geld.

 

Einen ganz anderen Stellenwert erlangt die Cambridge-Gleichung, wenn man sie als Gleichgewichts­bedingung versteht. Hier entsprechen sich beide Marktseiten nicht von selbst und in jedem Augenblick, es sollen vielmehr die Voraussetzungen benannt werden, unter denen allein ein Gleichgewicht auf den Geldmärkten erreicht werden kann. Geht man von einer politisch vorgegebenen Geldmenge aus, so gibt es nur ein ganz bestimmtes Volkseinkommen (Y), bei dem Gleichgewicht herrscht, wobei der Kassenhaltungs­koeffizient (k) maßgeblich dafür ist, bei welchem Volkseinkommen das Gleichgewicht erreicht wird. Umgekehrt lässt sich diese Gleichgewichtsbedingung auch dafür verwenden, um anzugeben, welche Geldmenge von Seiten der Zentralnotenbank bei Vorliegen eines bestimmten Volkseinkommens zur Verfügung gestellt werden muss, damit sich der der Geldmarkt im Gleichgewicht befindet.

 

Dass die Cambridge-Gleichung tatsächlich auf den gleichen Sachverhalt hinweist wie die Quantitätstheorie lässt sich relativ leicht zeigen, wenn wir beide Gleichungen (Quantitätstheorie und Cambridge-Gleichung) einander gegenüberstellen:

 

 

 Die Geldmenge (M) in der Cambridge-Gleichung entspricht der Geldmenge G in der Quantitätsgleichung, anstelle des Volkseinkommens (Y) in der Cambridge-Gleichung wird in der Verkehrsgleichung von dem Wert des Handelsvolumens (P * H) gesprochen, setzt man beide Ausdrücke (Y bzw. P * H) gleich, so muss notwendiger Weise der Kehrwert des Kassenhaltungskoeffizienten (k) dem Kehrwert der Umlaufsgeschwin­digkeit des Geldes (U) entsprechen. Anders formuliert: Wenn mehr Geld in Kasse gehalten wird, vermindert sich automatisch die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes.

 

Die Cambridge-Formel hat nun den Vorteil, dass sie ohne große Veränderungen zu der von Keynes entwickelten Theorie der Liquiditätspräferenz überleitet. Der wichtigste Unterschied besteht dann darin, dass eine durch Zinsänderungen ausgelöste Veränderung der Kassenhaltung in der Cambridge-Gleichung noch als Datenänderung (und zwar von k) angesehen wird, während Keynes in seiner Theorie der Liqui­ditäts­präferenz diese Abhängigkeit der Kassenhaltung von der Zinshöhe expressis verbis als Problemgröße behandelt.

 

 

7. Die Keynes’sche Theorie der Liquiditätspräferenz

 

Mit der Keynes’schen Theorie der Liquiditätspräferenz hatten wir uns schon ausführlich in dem Kapitel über den Keynesianismus befasst, es genügt also an dieser Stelle diese Theorie nochmals in Erinnerung zu rufen und die geschichtliche Abfolge in der Theorie der Geldnachfrage aufzuzeigen. Ausgangspunkt bildet die Cambridge-Gleichung in ihrer Form als Gleichgewichtsbedingung:

 

M = L(Y).

 

Die von der Zentralnotenbank zur Verfügung gestellte Geldmenge (M) muss im Gleichgewicht der Kassenhaltung der Wirtschaftssubjekte (L) entsprechen und diese Geldnachfrage hängt von der Höhe des Volkseinkommens (Y) ab, wobei eine Zunahme des Volkseinkommens auch zu einem Anstieg des in den Kassen gehaltenen Geldes führt.

 

Keynes spricht in diesem Zusammenhang vom Transaktionsmotiv. Wir gehen hierbei davon aus, dass die Struktur der Einzahlungs- und Auszahlungstermine durch die jeweils geltenden Zahlungssitten bestimmt wird und kurzfristig konstant bleibt. Gehen wir beispielsweise von einem Angestelltenhaushalt aus. Am Monatsersten erhält er sein Gehalt, er wird im Verlauf des Monats seine Miete zahlen und Tag für Tag Einkäufe tätigen, sodass der Kassenbestand zunehmend zurückgeht und am Monatsende seinen Tiefpunkt erreicht. Hieraus lässt sich dann unmittelbar der durchschnittliche Kassenbestand errechnen.

 

Neben dem Transaktionsmotiv unterscheidet Keynes noch zwei weitere Motive, welche die Wirtschafts­subjekte veranlassen, Geld in Kasse zu halten, das Spekulationsmotiv sowie das Vorsorgemotiv. Mit dem Spekulationsmotiv hatten wir uns bereits ausführlich beschäftigt, es wurde gezeigt, warum es für eine Privatperson ratsam sein kann, in Zeiten des Konjunkturtiefs Geld nicht zinsbringend anzulegen, sondern in Kasse zu halten, wobei es hierbei entscheidend war, dass der aufgrund von Zinserhöhungen befürchtete Sturz der Wertpapierkurse größer ausfällt als der in diesen Zeiten ohnehin geringe Zinsertrag. Von Spekulationsmotiv wird hier gesprochen, da die Kassenhaltung hier aufgrund von Erwartungen über die zukünftigen Zinsänderungen bestimmt wird.

 

Entscheidend ist hierbei, dass die Spekulationskasse von der Höhe des Zinssatzes abhängt und zwar so, dass die Spekulationskasse bei sehr geringen Zinssätzen hoch ist und bei steigenden Zinsen zurückgeht.

 

Das dritte Motiv, aus dem heraus nach Ansicht von Keynes Kasse gehalten wird, ist das Vorsichtsmotiv. Die Wirtschaftssubjekte müssen damit rechnen, dass Geld für unvorhergesehene Käufe benötigt wird, sodass es ratsam erscheint, stets etwas Geld über die Beträge hinaus in Kasse zu halten, welche aufgrund des Transaktions­motivs sowie des Spekulationsmotivs gehalten werden. Diese so motivierten Teile der Kassenhaltung hängen von kurzfristig vorgegebenen Bestimmungsgründen, wie Risikoscheue, Bildungsstand u.a. ab und können deshalb bei einer kurzfristigen Betrachtung als vorgegeben und konstant angesehen werden.

 

Es verbleiben somit zwei ökonomische Variablen (Y und i), von welchen die Kassenhaltung, also die Nachfrage nach Geld abhängen:

 

L = f(Y+, i-)

 

 

Wie im Kapitel über den Keynesianismus gezeigt, lässt sich die Nachfrage nach Geld (nach Liquidität) in einem Diagramm abbilden, auf dessen Abszisse wir die Nachfrage nach und das Angebot von Geld (L, M) und auf dessen Ordinate wir den Zinssatz (i) abtragen.  Gehen wir von einem gegebenen Volkseinkommens Ei und einem bestimmten Geldangebot Mi aus, so zeigt uns die Graphik, bei welchem Zinssatz der Geldmarkt ins Gleichgewicht kommt.

 

 

 

Wir wollen nun unterstellen, dass die Zentralnotenbank die Geldmenge von M1 auf M2 erhöhe. Das folgende Diagramm zeigt uns, wie diese Geldmengenänderung bei konstantem Zinssatz Einfluss auf das Volksein­kommen hat:

 

 

 

Hätten wir hingegen unterstellt, dass das Volkseinkommen unverändert geblieben wäre (z. B. deshalb, weil das reale Volkseinkommen wegen bereits voller Auslastung aller Kapazitäten und wegen Vollbeschäftigung kurzfristig gar nicht steigen kann), dann wäre der gleichgewichtige Zinssatz wie folgt aufgrund der Zunahme der Geldmenge gesunken:

 

 

 

In Wirklichkeit wird natürlich gerade dann, wenn die Notenbank die Geldmenge ausweitet, auch der Zinssatz sinken. Beide Zusammenhänge wirken also gleichzeitig.

 

 

 

8. Die Neoquantitätstheorie

 

Vor allem eine Präzisierung und auch Weiterentwicklung brachte die Neoquantitätstheorie, welche u. a. von Milton Friedman vorgetragen wurde. Wie bereits vermerkt, ging die Neoquantitätstheorie auf die Kritik gegenüber der älteren Quantitätstheorie ein, dass nicht aufgezeigt werde, auf welchem Wege denn Geld­mengen­ver­änderungen schließlich auf das allgemeine Preisniveau einwirken. Es ging also darum, die Geldtheorie in Einklang zu bringen mit den allgemeinen Markttheorien, wonach die Preise unmittelbar durch Veränderungen im Angebot von und in der Nachfrage nach Gütern bestimmt werden.

 

Es sind im Wesentlichen drei Schritte, welche bei einer Geldmengenveränderung schließlich die Güterpreise beeinflussen. In einem ersten Schritt wird gezeigt, wie sich eine Geldmengenvariation auf den Zinssatz auswirkt. Es wird hier ein neoklassischer Geldmarkt unterstellt. Angebot und Nachfrage bestimmen den kurzfristigen Geldmarktzins. Es wird unterstellt, dass alle berücksichtigten Reaktionskurven normal verlaufen, dass also ein Angebotsüberhang zu Zinssenkungen, ein Nachfrageüberhang hingegen zu Zins­steigerungen führen. Zinssenkungen bewirken weiterhin eine Zunahme der Geldnachfrage, Zinszuwächse hingegen eine Minderung in der Nachfrage nach Geld. Es sind somit die Voraussetzungen dafür gegeben, dass der Markt eine Gleichgewichtstendenz aufweist.

 

Vergleichen wir diese Aussage mit den von Keynes gezogenen Schlussfolgerungen. Auch bei Keynes wird im Rahmen der Theorie der Liquiditätspräferenz davon ausgegangen, dass Zinssenkungen zu einer Mehr­nachfrage nach Kasse führen. Der Unterschied besteht dann nur noch darin, dass bei Keynes ab einem kritischen Zinssatz die Nachfrage nach Geld (aufgrund des Spekulationsmotivs) unendlich groß wird, will heißen, dass jedes weitere Geldangebot in den Spekulationskassen versickert und deshalb auch nicht zu einer Ausweitung der Nachfrage verwendet werden kann. Es ist dies die berühmte Spekulationsfalle.

 

Wir kommen nun zum zweiten Schritt in der Frage, auf welchem Wege denn Geldmengenveränderungen eine Variation in den Güterpreisen auslösen. Eine Zunahme des Geldangebotes kann nun auf zweierlei Weise die Nachfrage nach Gütern erhöhen. Auf der einen Seite bedeutet die Geldzunahme in den Kassen der Wirtschaftssubjekte, dass mehr Geld in Kasse gehalten wird als eigentlich aufgrund der augenblicklichen Einkommenshöhe und des gültigen Zinssatzes geplant wird.

 

Die Wirtschaftssubjekte werden also ihr Vermögen, das bisher in zu großem Maße in Form von Geld gehalten wurde, so umstrukturieren, dass die Aufteilung des Vermögens auf die einzelnen Verwendungsarten wiederum den geplanten Größen entspricht. Hierzu werden unmittelbar Kassen aufgelöst und Güter gekauft. Man kann aber auch berücksichtigen, dass es eine Zinssenkung zweckmäßig erscheinen lässt, mehr Güter nachzufragen und zwar einmal als Investor, für den bei einer Zinssenkung weitere Investitions­vorhaben rentabel werden oder als Einkommensempfänger, welcher aufgrund der Zinssenkung zu dem Schluss kommt, dass weniger Einkommensteile gespart werden sollen und das ist gleichbedeutend damit, dass mehr Konsumgüter nachgefragt werden.

 

Schließlich haben wir zu klären, unter welchen Bedingungen denn Nachfragesteigerungen zu Preissteige­rungen führen. Bekanntlich geht die Keynes’sche Lehre von der Annahme aus, dass in Zeiten der Unterbe­schäftigung Nachfragesteigerungen zu einer annähernd gleichgroßen Mehrproduktion führen und dass erst dann, wenn die Kapazitäten voll ausgelastet sind und Vollbeschäftigung erreicht ist, weitere Nachfrage­steigerungen voll in Preissteigerungen verpuffen.

 

Demgegenüber geht die Neoquantitätstheorie davon aus, dass in aller Regel von Anfang an jede Nachfrage­steigerung zum Teil zwar zu einer Ausweitung der Güterproduktion führt, dass sich aber andererseits immer ein gewisser Teil der Nachfragesteigerung in Preissteigrungen niederschlägt. Betrachten wir diese Zusam­men­hänge anhand folgenden Diagramms, in dem auf der Abszisse die produzierte Gütermenge, auf der Ordinate hingegen die Grenzkosten sowie der Güterpreis abgetragen wird:

 

 

 

Der Umstand, dass bei einer Mehrproduktion die Grenzkosten ansteigen, trägt dazu bei, dass der Unter­nehmer nur dann zu einer Mehrproduktion bereit ist, wenn er auch einen dem Kostenzuwachs entspre­chenden Preisaufschlag erzielt.

 

Milton Friedman hat die Vorstellungen über die Motive einer Kassenhaltung durch seine Luxusgeld­hypothese erweitert. Im Rahmen dieser These vertritt Friedman die Auffassung, dass die Wohlfahrts­steigerung aufgrund gestiegenen Einkommens nicht nur aufgrund des Transaktionsmotivs zu einer größeren Kassenhaltung Anlass gibt. Vielmehr erlaube die erhöhte Wohlfahrt dem Sicherheitsbedürfnis der Bürger etwas mehr zu entsprechen und deshalb einfach deshalb mehr Kasse zu halten, um unvorhergesehenen Ereignissen besser begegnen zu können. Man könne es sich nun auch erlauben, aus Gründen der Bequem­lich­keit etwas mehr Kasse zu halten und  müsse nicht jeden Cent zinsbringend anlegen. Man kann auch davon

Sprechen, dass das Vorsichtsmotiv von der langfristigen Einkommensentwicklung abhängt.

 

 

                 9. Theorie der Giralgeldschöpfung

 

Unsere bisherigen Überlegungen befassten sich fast ausschließlich mit der Nachfrage nach Geld. Dies war auch folgerichtig, solange man davon ausgeht, dass das gesamte Geldangebot von einer Zentralnotenbank geschaffen wird. Entgegen den Verhaltensweisen, welche wir normaler Weise für die privaten Wirtschafts­personen unterstellen, können wir davon ausgehen, dass die Notenbank ihr Geldangebot ausschließlich an dem volkswirtschaftlichen Bedarf ausrichten sollte. Es interessiert also in erster Linie nicht die Frage, wie sich die Notenbank tatsächlich verhält, sondern, wie sie sich verhalten sollte, damit bestimmte Zielsetzungen wie vor allem Geldwertstabilität, aber auch Vollbeschäftigung oder eine ausgeglichene Leistungsbilanz erreicht werden können.

 

Im Zusammenhang mit der Diskussion zwischen Currency-Theoretikern und Banking-Theoretikern haben wir aber auch darauf hingewiesen, dass ein Großteil des umlaufenden Geldes nicht Banknoten oder Münzen sind, sondern Giralgeld darstellt, welches von den privaten Banken geschaffen wird und deshalb wie jedes andere Güterangebot von wirtschaftlichen Interessen der Anbieter beeinflusst wird. Soweit das Geldangebot von privaten Banken angeboten wird, bedarf es auch einer Theorie, welche genauso wie die Theorie der Geldnachfrage nach den Bestimmungsgründen dieses Angebots fragt.

 

Wir haben einmal zu klären, warum es den Privatbanken gelingt, Giralgeld zu schaffen, zum andern die Frage, wovon es abhängt, wie viel Giralgeld eine einzelne Bank sowie der Bankenapparat insgesamt schaffen  und auf welchem Wege gegebenenfalls die Notenbank die Giralgeldausgabe beeinflussen kann.

 

Beginnen wir damit, dass wir nach den Möglichkeiten einer einzelnen Bank fragen, Giralgeld zu schaffen. Eine Privatbank A verfüge über eine bestimmte Summe von Banknoten, sagen wir 100 Einheiten. Wir bezeichnen diese Summe als Überschussreserve (ÜR). Die Bank räume einem Kunden nun einen Kredit in Höhe dieser Überschussreserve ein.

 

Nun kann die Bank erfahrungsgemäß davon ausgehen, dass nicht der gesamte Geldbetrag abgehoben wird und damit die Bank verlässt. Ein gewisser geringer Prozentsatz wird einfach nicht ausgenutzt, weil der Kreditnehmer vielleicht nicht genau wusste, welchen Betrag er schließlich benötigen wird oder einfach, weil er aus Sicherheitsgründen einen etwas höheren Betrag beantragt hat, als er voraussichtlich benötigt.

 

Von größerer Bedeutung ist jedoch, dass ein Teil des ihm eingeräumten Kreditrahmens für Rechnungen an Unternehmungen oder auch Haushalte benötigt wird, welche ihrerseits Kunde dieser Bank sind und als solche über ein Girokonto bei eben dieser Bank verfügen. In diesen Fällen bleibt dieses Geld ebenfalls in der Bank. 

 

Wir wollen nun unterstellen, dass auf diese Weise insgesamt 20 Geldeinheiten in der Bank verbleiben, über welche die Bank erneut verfügen kann. Dies bedeutet, dass die Bank in der nächsten Periode weitere 20 Einheiten als Kredit an einen anderen Kunden vergeben kann.

 

Auch hier wollen wir davon ausgehen, dass nur 20% dieser Mittel, also 4 Einheiten innerhalb dieser Bank verbleiben, somit in der nächsten Periode erneut ausgeliehen werden können usw. usf. Wir erhalten auf diese Weise eine geometrische Reihe, die in praxi in diesem Beispiel bereits nach wenigen Perioden ausläuft, welche wir uns aber auch unendlich lang vorstellen können.

 

Nun lässt sich bekanntlich die Summe einer unendlichen geometrischen Reihe als endliche Größe darstellen, sie tendiert auf einen Grenzwert und dieser Grenzwert lässt sich nach folgender Formel berechnen:

 

a0 + a0*(1-v)1 + a0*(1-v)2….+ a0*(1-v)n = a0/v

 

In unserem Beispiel könnte also die Bank bei einer Überschussreserve von 100 GE (a0) und einem Verbleib von 20 GE in derselben Bank insgesamt eine Kreditsumme von 125 € gewähren, ihr Geldschöpfungs­multiplikator wäre also 25%. Nun handelt es sich bei dem gewählten Beispiel um relativ kleine, vernachlässigbare Summen. Je größer jedoch die Bank ist, umso wahrscheinlicher wird es, dass größere Teile der Kreditsumme an Kunden dieser Bank überwiesen werden mit der Folge, dass dann doch der Geld­schöpfungs­multiplikator eine nennenswerte Größe erreicht.

 

 

 

Wir wollen nun unsere Betrachtung auf den gesamten privaten Bankenapparat ausdehnen und überprüfen, wie groß das Potential für eine Giralgeldschöpfung aller privaten Banken ist. Wiederum gehen wir von einer Überschussreserve aller Banken zusammen von 100 GE aus. In der ersten Periode würde also eine Kreditsumme von wiederum 100 GE vergeben. Nun müssen wir jedoch davon ausgehen, dass der größte Teil der Kreditsumme für Überweisungen an irgendein Geldinstitut dieses Bankenapparates benutzt würde und dass nur insgesamt 20% der gesamten Summe für Barauszahlungen an Nichtbanken (Haushalte oder sonstige Unternehmungen) abgehoben würden.

 

Diese Annahme bedeutet nun, dass immerhin 80 GE im Bankenapparat verbleiben und somit in der nächsten Periode für weitere Kredite eingesetzt werden können. Wenn wir  in dieser Betrachtung fortfahren, erreichen wir eine Gesamtsumme von 500 GE, der Geldschöpfungsmultiplikator für das gesamte Banken­system beträgt also in diesem Beispiel 5 und ergibt nach der Summenformel:

 

S Kredite = ÜR /k

 

Damit allerdings die Banken insgesamt diesen Rahmen für eine Giralgeldschöpfung auch ausfüllen, müssen wir unterstellen, dass die Banken nach dem Prinzip des Gleichschritts handeln. Auch dann, wenn wir diese Wirkung für den gesamten Bankenbereich untersuchen, bleibt immer noch bestehen, dass die einzelne Bank nach diesem Prinzip nur dann handeln kann, wenn sie darauf vertrauen kann, dass auch die Konkurrenten von diesen Möglichkeiten Gebrauch machen und ihre Kreditsumme ausweiten. Nur dann, wenn die Konkurrenten ebenfalls ihre Kreditsumme in dem gleichen prozentualen Umfang ausdehnen, kann die einzelne Bank davon ausgehen, dass die Gelder wiederum zurückfließen; zwar wird nach wie vor der größte Teil der Kreditsumme nicht an Kunden der gleichen Bank überwiesen, verlässt also den Bereich der Einzelbank. Bei einem Gleichschritt der Banken kann jedoch jede Bank davon ausgehen, dass aufgrund der Kreditvergabe anderer Banken ein Teil dieser Kredite auf dem Wege von Überweisungen zu der hier untersuchten Bank zurückfließt.

 

 

Wir wollen nun zum Abschluss überprüfen, in wieweit die Notenbank in der Lage ist, diese Giralgeld­schöpfung zu kontrollieren. Prinzipiell kann die Notenbank auf drei verschiedenen Wegen das Verhalten der Privatbanken und damit auch die Möglichkeit zur Giralgeldschöpfung kontrollieren. Sie kann erstens den Privatbanken Kredite gewähren, diese Möglichkeit entsprach früher bei der deutschen Notenbank der Diskontsatz- und Lombardpolitik; diese Instrumente sind bei der Gründung der Europäischen Währungsunion weggefallen,  nach wie vor können sich jedoch die Privatbanken bei der Notenbank Geld besorgen, vor allem über sogenannte Pensionsgeschäfte, bei denen als Sicherheit Wertpapiere übergeben werden, welche aber wiederum zurückgekauft werden müssen. Da die Giralgeldschöpfung darauf beruht, dass die Privatbanken über Überschussreserven in Form von Banknoten verfügen, kann die Notenbank über die Festlegung der Kreditsummen an die Banken indirekt auch deren Giralgeldschöpfung kontrollieren.

 

Ein zweiter Einfluss auf die Geldpolitik der Privatbanken ist in der Form der Offenmarktpolitik gegeben. Die Notenbank tritt hierbei als Käufer oder Verkäufer von Wertpapieren auf den Kapitalmärkten auf. Indem sie z. B. als Verkäufer von Wertpapieren auftritt, kann die Notenbank den Versuch unternehmen, den Privatbanken Wertpapiere zu verkaufen, sodass diesen Banken weniger Mittel für die Giralgeld­schöpfung verbleiben.

 

Eine dritte Möglichkeit der Notenbank auf die Geldpolitik der Privatbanken Einfluss zu nehmen, besteht in der Mindestreservepolitik. Die Notenbank legt hierbei fest, wie viel Prozent der eingegangenen Verbindlichkeiten als Mindestreserve bei der Notenbank hinterlegt werden müssen. Die untenstehende Tabelle lässt erkennen, wie die Notenbank durch eine Mindestreserve von 20% den Spielraum der Privat­banken bei der Giralgeld­schöpfung einengen kann. Das Beispiel zeigt, dass anstelle der Kreditsumme von 500 im obigen Beispiel die Banken bei sonst gleichen Bedingungen nur noch etwas mehr als die Hälfte an Krediten vergeben können.