Startseite

 

Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

 

Teil II Spezialgebiete der Lehrgeschichte

 

Gliederung:

 

 1. Methodenlehre

 2. Marktformenlehre

 3. Collective bargaining

 4. Wohlfahrtstheorie

 5. Verteilung: macro

 6. Geldtheorie

 7. Außenhandel

 8. Dynamische Theorie

 9. Konjunkturtheorie

                 10. Wachstumstheorie

 

 

4. Wohlfahrtstheorie Fortsetzung 2

 

 

   

    Gliederung:

 

    1. Zwei Vorbemerkungen

    2. Die Wertprämissen der Wohlfahrtstheorie

    3. Wohlfahrtsmaximierung bei Einkommensgleichheit?

    4. Die Paretianische Wohlfahrtstheorie

    5. Die Kompensationskriterien

    6. Die Theorie des Zweitbesten

    7. Die Bedeutung des Wettbewerbes für die Wohlfahrt

    8. Externe Effekte

    9. Paretooptimale Redistribution

  

 

 

6. Die Theorie des Zweitbesten

 

Bei der Diskussion um die von Ian Malcolm David Little eingeführten Wohlfahrtskriterien im Zusammenhang mit der Diskussion um die Kompensationskriterien hatten wir gesehen: Es kann nicht immer davon ausgegangen werden, dass die technisch möglichen Lösungen auch als politisch realisierbar angesehen werden können. Genau diese Problematik ist der Gegenstand der Theorie des Zweitbesten. Die Wohlfahrtstheorie hat zwar zunächst versucht, aufzuzeigen, bei welchen Gütermengen eine Gesellschaft ihren – technisch gesehen – höchstmöglichen Nutzen erzielen kann. Die vor allem von Richard G. Lipsey und Kelvin J. Lancaster entwickelte Theorie des Zweitbesten geht jedoch davon aus, dass in der Realität nicht immer die erstbesten Lösungen realisiert werden können, in der Wirklichkeit müssen wir damit rechnen, dass aus politischen Gründen oftmals nur die zweit- oder drittbeste Lösung angesteuert werden kann. In unseren Wohlfahrtsmodellen tritt nun zusätzlich zur Transformations­kurve, welche über die technischen Begrenzungen unterrichtet, eine weitere politisch bedingte Begrenzungs­kurve:

 

 wohl24 

 

Technisch gesehen wäre es zwar erwünscht, eine Ophelimität entsprechend der Indifferenzkurve O2 zu realisieren, aus politischen Gründen lässt sich jedoch nur eine Ophelimität erreichen, welche der Indifferenzkurve O1 entspricht.

 

Wesentlich neue Erkenntnisse bringt diese Korrektur allerdings nicht, an die Stelle der Transformations­kurve tritt eben nun die Kurve der politisch verursachten Begrenzungen. Die Theorie des Zweitbesten kam jedoch darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass die unter der Annahme einer erstbesten Lösung abgeleiteten Optimalbedingungen nicht mehr immer gültig sind, wenn nur eine zweitbeste Lösung erreicht werden kann.

 

Verdeutlichen wir uns diese Aussage anhand eines Beispiels. Teilen wir hierzu die Volkswirtschaft in zwei Marktbereiche auf: Markt A und Markt B, auf beiden Märkten würden Güter gehandelt. Unter Bedingungen des Erstbesten lässt sich nachweisen (wie wir später noch sehen werden), dass die Wohlfahrt der Gesellschaft dann am größten ist, wenn auf beiden Märkten vollständige Konkurrenz herrscht. Nun wollen wir zunächst unterstellen, dass auf beiden Märkten im Ausgangszustand tatsächlich vollständige Konkurrenz vorherrsche. Wir wollen weiterhin annehmen, dass nun auf dem Markt A die Marktform eines Angebotsmonopols entstünde und dass dieses Monopol auch nicht auf politischem Wege wiederum in einen Konkurrenzmarkt überführt werden könne. Ist es nun wohlfahrtsoptimal, wenn auf Markt B die Konkurrenzbedingungen erhalten bleiben, oder ist es erwünscht, auch auf Markt B Monopolbedingungen herbeizuführen?

 

Entsprechend der allgemeinen Wohlfahrtstheorie könnte man versucht sein, die Erhaltung der Konkurrenz auf Markt B zu bejahen; wenn schon nicht auf beiden Märkten Konkurrenz verwirklicht werden könne, so sei es doch erwünscht, dass wenigstens auf den Märkten Konkurrenz herrsche, auf denen dies politisch möglich sei. Es trete zwar dann eine geringere Wohlfahrtssteigerung ein als dann, wenn auf allen Märkten Konkurrenzbedingungen gegeben wären, es trete aber auf jeden Fall bei einer partiellen Einführung eines Monopols auf allen Märkten eine Wohlfahrtsminderung ein.

 

Dieser Aussage widerspricht nun die Theorie des Zweitbesten. Sie versucht zu zeigen, dass die Wohlfahrt unter Bedingungen des Zweitbesten dann größer ist, wenn auf beiden Märkten Monopolbedingungen vorherrschen. Machen wir uns diesen Gedankengang anhand einer Graphik klar:

 

 wohl25 

 

 

Im Ausgangszustand herrschte auf beiden Märkten Konkurrenz, das Gleichgewicht lag jeweils auf beiden Märkten beim Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve (hell- und dunkelroter Punkt!). Nun trete auf Markt A eine Monopolisierung auf, der Gleichgewichtspunkt verlagere sich zum Schnittpunkt der Angebotskurve mit der (grünen) Grenzumsatzkurve (grüner Punkt!). Hierdurch werden auf Markt A Produktionsfaktoren freigesetzt, welche unter den Bedingungen der Vollbeschäftigung zum Markt B wandern.

 

Wenn nun unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz eine optimale Aufteilung der Produktionsfaktoren auf beiden Märkten stattgefunden hat, dann führt die Wanderung von Produktions­faktoren zu Markt B aufgrund der Monopolisierung des Marktes A zu suboptimalen Ergebnissen. Wenn nun weiterhin die Monopolisierung des Marktes A nicht rückgängig gemacht werden kann, dann würde bei einer Monopolisierung auch des Marktes B eine Rückwanderung der Produktionsfaktoren zu Markt A eintreten, was gleichbedeutend wäre, dass wir uns nun wiederum dem Zustand der optimalen Aufteilung der Produktionsfaktoren auf beiden Märkten annähern. Also garantiert in diesem Beispiel eine Monopolisierung auf beiden Märkten eine höhere Wohlfahrt als wenn auf Markt B und nur dort Konkurrenz erhalten bliebe.

 

Diese Schlussfolgerung lässt sich jedoch kritisieren, da sie von der Annahme ausgeht, dass eine Monopo­lisierung keinen Einfluss auf die Produktionstechnik ausübt. In Wirklichkeit müssen wir jedoch damit rechnen, dass vom Wettbewerb starke Impulse ausgehen, durch Änderung der Produktionstechnik die Höhe der Kosten zu senken und die Qualität der Güter zu erhöhen. In diesem Falle dürfte jedoch eine Monopo­lisierung des Marktes B in der Regel die Wohlfahrt vermindern, da die dynamischen Wettbewerbseffekte höher ausfallen als die statischen und negativen Allokationseffekte einer Monopolisierung.

 

 

7. Die Bedeutung des Wettbewerbes für die Wohlfahrt

 

Im Rahmen der Besprechung der paretianischen Wohlfahrtstheorie haben wir gesehen, dass dann und nur dann, wenn die Grenzrate der Substitution der Grenzrate der Transformation entspricht, eine optimale Aufteilung der Produktionsfaktoren auf die einzelnen Güter erfolgen kann.

 

 wohl26 

 

Man kann nun aufzeigen, dass diese optimale Bedingung im Allgemeinen nur erfüllt ist, wenn auf allen Märkten die Marktform der vollständigen Konkurrenz verwirklicht ist. Bei Konkurrenz entspricht bekanntlich der Preis den Grenzkosten, da die Unternehmer ihren Gewinn gerade unter diesen Bedingungen maximieren. Eine Ausweitung der Produktion lohnt sich hier nicht mehr, da die Grenzkosten dann höher ausfallen würden als die Verkaufserlöse (der Güterpreis).

 

Betrachten wir die zwei unterstellten Güter x1 und x2, so muss auch gelten, dass im Gleichgewicht das Preisverhältnis (p1/p2) dem Verhältnis der Grenzkosten von Gut 1 und Gut 2  entspricht. Die Grenzrate der Transformation bezieht sich nun auf das Verhältnis der Gütermengen, welche bei gegebener Technik im Tangentialpunkt hergestellt werden können: (dx1/dx2). Diesen Ausdruck können wir jedoch aus der Umformulierung des Grenzkostenverhältnisses gewinnen:

 

(dK1/dX1) : (dK2/dX2) = (dx2/dx1) * (dK1/dK2)

 

Da sich jedoch im Tangentialpunkt die Grenzkosten beider Güter entsprechen (solange sich die Grenzkosten beider Güter nicht gleichen, lohnt sich ja eine Verlagerung der Produktion zu dem Gut, welches die geringeren Grenzkosten aufweist), können wir den Ausdruck (dK1/dK2) herauskürzen, so dass das Grenzkostenverhältnis im Tangentialpunkt gerade der Grenzrate der Transformation entspricht. In diesem Falle gilt: Im Gleichgewicht entsprechen sowohl die Grenzrate der Substitution wie auch die Grenzrate der Transformation dem Preisverhältnis und damit auch sich selbst (Grundsatz: Sind zwei Größen einer Dritten gleich, so sind sie auch untereinander gleich), sodass unter den Bedingungen der vollständigen Konkurrenz eine optimale Wohlfahrt garantiert ist.

 

Gegen diese Überlegungen lässt sich einwenden, dass hier wiederum von den dynamischen produktivi­tätssteigernden Effekten des Wettbewerbs abgesehen wird und lediglich die statischen Allokationseffekte berücksichtigt werden. Wenn jedoch vom Wettbewerb und nicht von monopolistischen Verhältnissen zusätzliche wohlfahrtsteigernde dynamische Effekte ausgehen, so gilt natürlich a fortiori, dass unter Wettbe­werbs­bedingungen eine höhere Wohlfahrt als unter Monopolbedingungen erreicht wird.

 

Diese Überlegungen gelten allerdings dann nicht, wenn ein bilaterales Monopol vorliegt, wenn weiterhin die Partner entsprechend der Strategie der schrittweisen Annäherung vorgehen und wenn schließlich die Ertrags- und Nutzenkurven homogen linear verlaufen. Im Rahmen der Theorie des bilateralen Monopols konnte nachgewiesen werden, dass unter diesen Bedingungen die Verteilung im Vergleich zum Konkurrenzzustand verändert werden kann, ohne dadurch Veränderung in der Allokation auszulösen.

 

Zwar gibt es in der Tat viele Bereiche, in denen die Marktform des bilateralen Monopols vorliegt und in denen die Verhandlungspartner die Strategie der schrittweisen Annäherung anwenden; im Allgemeinen wird jedoch unterstellt, dass zumindest die Grenznutzenfunktionen nicht homogen linear verlaufen, sodass in der Realität nur sehr selten bei Nichtvorhandensein von Konkurrenz optimale Marktergebnisse erzielt werden können.

 

 

8. Externe Effekte

 

Es gibt neben dem Wettbewerb noch eine weitere Bedingung dafür, dass der Markt von selbst ein Wohlfahrtsoptimum ansteuert. Es müssen alle Kosten (Nutzenentgänge), die einer Volkswirtschaft aufgrund der Produktion entstehen, in die Kostenrechnungen der Unternehmer eingehen. Nun gibt es in der Realität jedoch zahlreiche Kosten, die einer Volkswirtschaft im Zusammenhang mit der Produktion entstehen, welche jedoch trotzdem nicht den Unternehmungen angelastet werden und deshalb auch nicht in die Kostenrechnung eingehen. Man spricht hierbei von externen Kosten.

 

Externe Kosten entstehen überall dort, wo an und für sich freie Güter (wie z. B. Luft) bei der Produktion verunreinigt werden und auf diese Weise volkswirtschaftlicher Schaden auftritt. Man kann auch davon sprechen, dass saubere Luft zu einem knappen Gut wird, dass Produktionsanstrengungen notwendig werden, um die Luft sauber zu halten. Entlässt z. B. eine Unternehmung Umweltgifte über den Schornstein in die Luft, können auf diese Weise bestimmte Gesundheitsschädigungen bei der Bevölkerung im Umkreis der Produktionsstätte gehäuft auftreten, das Krankheitsrisiko erhöht sich. Dies ist ein Beispiel einer regional begrenzten Umweltverschmutzung. Eine globale – nahezu in allen Ländern dieser Erde auftretende – Umweltverschmutzung liegt z. B. vor, wenn CO2-Abgase in die Luft abgegeben werden, die Erde sich deshalb erwärmt und auf diese Weise eine starke Klimaveränderung eintritt, in dessen Folge gehäuft Stürme, Überflutungen etc. auftreten. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass aufgrund der Erwärmung der Erde die Gletscher abschmelzen, dass auf diese Weise der Meeresspiegel ansteigt und viele Landstriche auf der Erde überschwemmt werden.

 

Die eigentliche Ursache für das Auftreten externer Kosten liegt in einer mangelnden Eigentumsordnung. Nur dann, wenn Eigentumsrechte an den zur Produktion benötigten knappen Gütern bestehen, kann davon ausgegangen werden, dass unter normalen Bedingungen die Konsumenten von Gütern im Preis auch die Kosten zu zahlen haben, die bei der Produktion entstehen und nur in diesem Falle ist damit zu rechnen, dass das Güterbündel produziert wird, das den Bedürfnissen der Bevölkerung am besten entspricht.

 

Das Vorliegen externer Kosten bringt es mit sich, dass das Wohlfahrtsoptimum verfehlt wird und zwar dadurch, dass die privaten Kosten mehr oder weniger von den gesamtwirtschaftlichen Kosten abweichen. Da das gesamtwirtschaftliche Optimum vom Schnittpunkt der gesamtwirtschaftlichen Grenzkosten mit der Nachfragekurve bestimmt wird, da aber die Unternehmungen eine Produktionsmenge ansteuern, bei denen die privaten Grenzkosten dem Güterpreis entsprechen, wird eine Produktion angesteuert, welche mehr oder weniger vom Wohlfahrtsoptimum abweicht. Machen wir uns diese Zusammenhänge anhand folgender Graphik klar:

 

 wohl27 

 

Die Graphik zeigt, dass das gesamtwirtschaftliche Optimum bei der Menge xopt liegt, dass aber die Unternehmungen die Menge x0 anbieten. Sie können diese Menge allerdings nur dadurch absetzen, dass sie nicht den volkswirtschaftlich notwendigen Preis popt verlangen, sondern den Preis auf p0 herabsetzen. Da die Käufer nun für dieses umweltverschmutzungsintensive Gut weniger ausgeben müssen, werden sie diese Güter vermehrt nachfragen und können deshalb von den anderen, die Umwelt weniger verschmutzenden Gütern auch weniger nachfragen mit der Folge, dass gerade von den Gütern mit einer hohen Umwelt­belastung zu viel und von den Gütern mit geringer Umweltbelastung zu wenig nachgefragt wird. Das ‚zu viel’ und ‚zu wenig’ wird hierbei an der Allokation (Güteraufteilung) gemessen, welche unter optimalen Bedingungen realisiert worden wäre.

 

Es gibt im Wesentlichen drei Versuche, die mit den externen Kosten verbundenen Schäden auf politischem Wege zu beseitigen bzw. zu verringern. Das erste Instrument sieht Verbote der Güter, die in besonderem Maße die Umwelt schädigen, bzw. Beschränkungen der Produktion oder Auflagen vor, welche erfüllt werden müssen, wenn diese Güter produziert werden. Zu den Auflagen zählt z. B. die Vorschrift, bestimmte Filteranlagen vorzusehen, damit keine Umweltgifte über das erlaubte Maß hinaus in die Umwelt (Luft, Wasser) emittiert werden.

 

Im Rahmen eines zweiten Instrumentes erhebt der Staat eine Umweltsteuer, welche im idealen Zustand genau der Höhe der externen Kosten entspricht, mit der Folge, dass nun auch die privatwirtschaftlichen Kosten den gesamtwirtschaftlichen Kosten entsprechen, die externen Kosten also internalisiert sind.

 

Ein drittes Instrument besteht darin, dass der Staat Verschmutzungsrechte schafft und den einzelnen Unternehmungen nur dann und in dem Umfange die Produktion der die Umwelt belastenden Produkte erlaubt, wenn diese Unternehmungen in ausreichendem Maße solche Umweltzertifikate angekauft haben. Eine mögliche Einführung dieses Instrumentes besteht darin, dass der Staat von dem bisherigen Umfang der Produktion dieser Güter ausgeht und den einzelnen Unternehmungen im Umfang der bisherigen Produktion Umweltzertifikate (u. U. kostenlos) zur Verfügung stellt.

 

Die Unternehmungen erhalten das Recht, einen Teil dieser Umweltzertifikate an der Börse zu verkaufen an Unternehmungen, welche aufgrund einer Ausweitung der Produktion einen größeren Bedarf an Umwelt­zertifikaten haben. Unternehmungen erhalten auf diese Weise einen Anreiz, neue Technologien mit geringerer Umweltbelastung zu entwickeln und auf diese Weise durch Verkauf der Zertifikate zusätzliche Erlöse zu erzielen. In dem Maße, in dem neue Technologien auf diese Weise entwickelt werden, hat der Staat die Möglichkeit, einen Teil der Umweltzertifikate zurückzukaufen und damit die Umweltbelastung zu reduzieren, ohne dass die Gefahr besteht, dass aufgrund höherer Umweltanforderungen die Beschäftigung zurückgeht.

 

Diese drei aufgezeigten Instrumente sind in sehr unterschiedlichem Umfang in der Lage, das Problem der externen Kosten und der dadurch entstehenden Umweltbelastung zu lösen. Den geringsten Erfolg wird man mit dem Instrument der Verbote und Auflagen erzielen. Eine sachgerechte Lösung dieses Problems setzt voraus, dass die Nutzenzuwächse aufgrund der Güterproduktion und die Nutzenentgänge (Schäden) aufgrund der hierbei auftretenden externen Kosten gegeneinander aufgerechnet werden. Hierzu ist jedoch nur ein Markt in der Lage, der Staat verfügt über keine Möglichkeiten, Nutzengrößen zu eruieren und miteinander zu vergleichen, sodass Verbote immer eine Unsicherheit mitbringen, ob der Staat zu wenig oder zu viel in dieser Frage unternimmt.

 

Wenn der Staat darüber hinaus das Einsetzen ganz bestimmter Filteranlagen vorschreibt, behindert er gleichzeitig den Fortschritt in der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien. Besser ist es, wenn der Staat nur vorschreibt, welche Emissionswerte von Schadstoffen nicht überschritten werden dürfen und es den Unternehmungen selbst überlässt, die zweckmäßigsten und billigsten Verfahren zu wählen, um den Schadstoffausstoß auf die erlaubte Menge zu reduzieren.

 

Ähnliche Vorbehalte gelten für die Einführung einer Umweltsteuer, welche bereits von Arthur Cecil Pigou Anfang des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen wurde. Würde der Staat den Umfang der externen Kosten kennen, wäre zwar die Steuerlösung ideal, da sie zu einer vollständigen Internalisierung der externen Kosten führen würde. Wie bereits erwähnt, fiele in diesem Falle die privatwirtschaftliche Grenzkostenkurve mit der gesamtwirtschaftlichen zusammen und es wäre die Gewähr gegeben, dass genau eine optimale Produktionsausweitung stattfände. Da es aber für externe Kosten keinen Markt gibt, ist auch die Höhe der hierbei entstehenden Nutzenentgänge unbekannt und es besteht die Gefahr, dass der Staat entweder eine zu hohe oder eine zu niedrige Umweltsteuer erhebt.

 

Das Instrument der Umweltzertifikate ist unter den drei besprochenen Maßnahmen die sachgerechteste. Dieses Instrument wurde von der Gruppe der property-rights-Bewegung (Harold Demsetz, James M. Buchanan, Ronald Coase u.a.) in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg vorgeschlagen. Mit der Schaffung dieser Verschmutzungsrechte wird die eigentliche Ursache der Externalität beseitigt, nämlich der Umstand, dass für den Gebrauch der freien Güter keine Eigentumsrechte bestehen, obwohl der Einsatz dieser freien Güter in gesamtwirtschaftlicher Hinsicht sehr wohl genauso Nutzenentgänge (Schäden) verursacht wie der Einsatz knapper Güter.

 

 

9. Paretooptimale Redistribution

 

Die durch Pareto eingeleitete Revolution erweckte zunächst den Anschein, als könnte die Wohlfahrtstheorie zu Verteilungsfragen überhaupt keine bewertende Stellung beziehen. Wenn wir nicht in der Lage sind, Nutzenvorstellungen miteinander personell zu vergleichen, können wir natürlich auch die Frage, ob sich eine bestimmte Umverteilung wohlfahrtssteigernd oder -mindernd auswirkt, nicht beantworten. Aber auch dann, wenn man mit Pareto die Möglichkeit interpersoneller Nutzenvergleiche ablehnt, lässt sich mit der neueren Wohlfahrtstheorie die Erwünschtheit von Umverteilungen erklären, sofern man externe Konsumeffekte berücksichtigt.

 

Externe Konsumeffekte liegen vor, wenn ein Haushalt nicht nur aus dem eigenen Konsum, sondern auch aus dem Konsum anderer Personen eine Befriedigung erfährt. Dies ist erstens bei altruistischer Haltung der Fall, wenn sich der einzelne verpflichtet fühlt, anderen zu helfen, wenn diese Hilfe benötigen. Eine solche Haltung ergibt sich z. B. aus dem christlichen Gebot der Nächstenliebe. Aber auch reines Mitleid mit dem Leid anderer oder das Bedürfnis, Freunden Gutes zu tun zählt zu dieser altruistischen Haltung.

 

Damit erschöpft sich jedoch der Bereich der externen Konsumeffekte nicht. Ein Individuum kann nämlich auch aus rein egoistischen Zielen heraus Einkommen für andere Individuen verwenden. Dies ist z. B. der Fall, wenn er hofft, durch Gewährung von Entwicklungshilfe an die ärmsten Länder der Welt die Gefahr abzuwenden, dass sich die Völker dieser Länder oder auch einzelne Personen kriegerisch (z. B. durch Terrorakte) gegen die hochentwickelten Länder verhalten. Oder aber dies ist auch dann der Fall, wenn ein Reicher Geld für ein Obdachlosenheim stiftet, um auf diese Weise in geringerem Maße von auf Straßen herumlungerten Obdachlosen belästigt zu werden.

 

Drei Formen externer Konsumeffekte können unterschieden werden. Der einzelne kann erstens eine Befriedigung seiner externen Konsumeffekte dadurch erlangen, dass er eine ganz bestimmte Spendenhöhe gewährt, unabhängig davon, wie diese Spenden im Einzelnen verwendet werden. Es ist hier die Spendenhöhe, welche die Befriedigung herbeiführt:

 

Wext = f(Sp),

 

mit Wext: Wohlfahrt aus externen Konsumeffekten; Sp: Spendensumme.

 

Zweitens ist es denkbar, dass es dem Spender mit den Gaben an andere vor allem darum geht, dass der Beschenkte über ein Existenzminimum an Einkünften verfügt. In diesem Falle ist es dem Spender gleichgültig, wie der Beschenkte sein Einkommen verwendet. Auch ist für die Befriedigung aufgrund ex­terner Konsumeffekte an und für sich gleichgültig, ob und wie viel der potenzielle Geber selbst zu diesem Einkommen des Begünstigten beigetragen hat.

 

Wext = f(EB),

 

mit EB: Einkommenshöhe des Beschenkten.

 

Drittens ist es denkbar, dass der Spender daran interessiert ist, dass der Beschenkte ganz bestimmte Güter oder Leistungen in Anspruch nimmt und dass der Spender deshalb seine Spende in Form von Sachgütern gewährt. So mag z. B. einen Reichen stören, dass in seiner Straße verlumpte Gestalten herumlaufen:

 

Wext = f(X1B, X2B...),

 

mit XnB: Menge des von B konsumierten Gutes (n).

 

Folgende Graphik mag nun verdeutlichen, von welchen Umständen es abhängt, wie viel der einzelne aufgrund externer Konsumeffekte spendet:

 

 wohl28 

 

Im rechten Quadranten des obigen Diagramms werde der interne Nutzen abgetragen, welchen der Spender bei alternativen Höhen des Nettoeinkommens (Bruttoeinkommen minus Spendensumme) erfährt, im linken Quadranten wird dargestellt, wie der externe Nutzen mit der Höhe der Spende variiert. Sowohl für den internen wie auch für den externen Nutzen wird das Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen unterstellt.

 

Der potentielle Spender verfüge über ein Bruttoeinkommen von E0 und erreiche einen Grenznutzen entsprechend dem Verlauf der Kurve des internen Grenznutzens. Verwendet er nun eine Einkommenseinheit für Spenden, hat er auf der einen Seite eine Minderung im internen Nutzen, gleichzeitig aber einen Anstieg im externen Nutzen. Solange der externe Nutzenzuwachs größer ist als die interne Nutzenminderung, kann der potentielle Spender seine Gesamtwohlfahrt durch Ausweitung der Spendensumme vergrößern. Das Wohlfahrtsmaximum dieser Person ist erreicht, wenn der externe Grenznutzen gerade dem internen Grenznutzen entspricht.

 

Dieser nachparetianische Ansatz erklärt zunächst nur freiwillige Formen der Umverteilung. Der einzelne hat ja ein eigenes Interesse daran, eine bestimmte Spendensumme zu gewähren. Ein Zwang kann jedoch notwendig werden, wenn der Erfolg der Umverteilung den Charakter von Kollektivgütern aufweist. Die Höhe des externen Nutzens hängt in diesem Falle allein davon ab, dass das Einkommen oder auch der Konsum bei der Gruppe der zu Begünstigenden eine bestimmte Höhe erreicht oder zumindest einen Zuwachs erfährt. Wieweit der einzelne selbst durch Spenden dazu beigetragen hat, dass dieses externe Ziel erreicht wurde, ist hierbei von geringerer Bedeutung. 

 

In diesem Falle besteht die Gefahr von Trittbrettfahrerverhalten. Der einzelne stellt sich besser, wenn durch Spenden anderer die externen Ziele erreicht werden, z. B. bestimmte Entwicklungshilfen gewährt werden. Hier könnte ein staatlicher Zwang zur Beteiligung am Spendenaufkommen diese Gefahr vermindern. Dieser Zwang liegt auch im eigenen Interesse der Betroffenen, da der einzelne nun in diesem Falle davon ausgehen kann, dass sich auch die übrigen Personen an den Umverteilungsaktivitäten beteiligen und dass auf diese Weise der Erfolg der Spendenaktion größer ausfällt als dann, wenn kein Zwang ausgeübt würde.