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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

 

Teil II Spezialgebiete der Lehrgeschichte

 

Gliederung:

 

 1. Methodenlehre

 2. Marktformenlehre

 3. Collective bargaining

 4. Wohlfahrtstheorie

 5. Verteilung: macro

 6. Geldtheorie

 7. Außenhandel

 8. Dynamische Theorie

 9. Konjunkturtheorie

                 10. Wachstumstheorie

 

1. Methodenlehre

 

Gliederung:

 

1. Einführung

 

2. Gibt es ökonomische Gesetze?

2a. Der Streit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller

2b. Friedrich List: Sind Gesetze auf eine historische Phase beschränkt?

2c. Historische Gesetze in Form von Wirtschaftsstufen

2d. Entwicklungsgesetze

2e. Menschliche Freiheit verhindert Gesetze

2f.  Zu wenig empirische Kenntnisse?

2g. Von Hayek: Beschränkung auf Musteraussagen

2h. Walter Eucken: historisch unterschiedliche Formen

 

3. Das Prinzip der Werturteilsfreiheit

                  3a.  Max Weber: Werturteilsfreiheit

3b. Bewertungen im Umkreis der Wissenschaft

3c.  Drei verschiedene Positionen

3d. Die Soziotechnische Umformulierung

 

4. Der Vorwurf des Modellplatonismus

4a. Theorie als Denkwerkzeug

4b. Hans Alberts Vorwurf gegen die Neoklassik

4c. Die Bedeutung von Denkmodellen

 

 

 

1. Einführung

 

In der Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen hat der Streit um die richtige wissenschaftliche Methode eine entscheidende Rolle gespielt. Zwar wird sich der Laie in erster Linie für die Ergebnisse einer Wissenschaft interessieren und den Methodenstreit gerne den Wissen­schaftlern überlassen. Der Methodenstreit ist trotzdem von Bedeutung, da über die Wahl der Methode die Ergebnisse einer Wissenschaft maßgeblich beeinflusst werden können.

 

Um welche Streitpunkte ging es? Drei Fragen lassen sich unterscheiden.

 

Frage Nr. 1: Welche Bedeutung kommt der historischen Entwicklung für die Erklärung der heutigen wirtschaftlichen Probleme zu? Gibt es im Bereich der Wirtschaftswissenschaften überhaupt zeitlos gültige Gesetze?

 

Frage Nr. 2: Beschränkt sich die Wirtschaftswissenschaft darauf, Sachzusammenhänge aufzudecken oder kann der Wirtschaftswissenschaftler – ohne seine eigenen Grenzen zu überschreiten – wirtschafts- und gesellschaftspolitische Forderungen abschließend bewerten?

 

Frage Nr. 3: Befasst sich die Wirtschaftswissenschaft allein mit dem systematischen Durchleuchten und Ordnen vorgegebener Fakten, oder bemüht sich diese Wissenschaft darüber hinaus darum, neue Faktenzusammenhänge aufzufinden, mit anderen Worten: Will die Wirtschaftswissenschaft mehr sein als bloße Denktechnik?

 

 

2.   Gibt es ökonomische Gesetze?

 

2a. Der Streit zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller

 

Unsere erste Frage stand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt eines Streites zwischen den Anhängern der reinen Theorie und den Verfechtern der historischen Methode. Die reine Theorie wurde vor allem von Karl Menger, die historische Methode insbesondere von Gustav von Schmoller verteidigt. Die historische Schule kritisierte die Verfahrensweise der klassischen Theorie. Man warf den Klassikern der Wirtschaftstheorie vor, sie hätten bestimmte Gesetzmäßigkeiten voreilig verallgemeinert.

 

Gesetze, die für eine hochentwickelte Industrie- und Handelsnation wie das damalige England gälten, dürften keinesfalls ungesehen auf Länder übertragen werden, die – wie die damaligen übrigen europäischen Staaten – erst in der Anfangsphase einer industriellen Entwicklung stünden. Diese Verallgemeinerungen seien unzulässig, da die sozialen Gesetze im Gegensatz zu Naturgesetzen einem historischen Wandel unterworfen seien.

 

Man könne den Wirtschaftsablauf einer Nation nur dann voll verstehen, wenn man sich zuvor darüber klar geworden sei, wie sich der Wirtschaftsprozess historisch entwickelt habe und auf welcher Entwicklungsstufe sich eine Nation befinde.

 

Demgegenüber vertrat Karl Menger die Ansicht, die Frage nach den Entwicklungsgesetzen sei zweitrangiger Natur, es komme in der Nationalökonomie primär auf die generellen Erscheinungsformen der Wirtschaft an und diese könnten nur mit einer allgemeinen Theorie, nicht durch historische Forschung allein erkannt werden. Karl Menger leugnete allerdings nicht den Wert der historischen Disziplinen als Hilfswissenschaft für die Nationalökonomie.

 

 

 

2b. Friedrich List: Sind Gesetze auf eine historische Phase beschränkt?

 

In der Frage darüber, worin denn nun der historische Bezug bei der Entwicklung von Wirtschafts­theorien bestehe, gab es innerhalb der historischen Schule recht unterschiedliche Antworten. Als erstes kann auf die Vorstellungen Friedrich Lists verwiesen werden. Er war der Auffassung, dass die von den Klassikern wie vor allem Adam Smith entwickelte Theorie, dass Freihandel allen am Außenhandel beteiligten Nationen zugutekomme, lediglich für die Volkswirtschaften gelte, welche bereits auf einer fortgeschrittenen Entwick­lungsstufe stünden.

 

In England habe der Prozess der Industrialisierung bereits etwa 50 Jahre vor Deutschland begonnen. Mit dem Übergang einer Volkswirtschaft zu einer industriellen Produktion seien zunächst hohe Entwicklungs­kosten verbunden, die jedoch einmaliger Natur seien und deshalb nur die Volkswirtschaften belaste, welche sich noch am Anfang des Entwicklungsprozesses befinden.

 

Aus diesen Gründen könne Deutschland keinen Wettbewerb mit England bestehen. Aufgrund der Weiterentwicklung Englands würden bei der Produktion englischer Waren keine Entwicklungskosten mehr entstehen, während in Deutschland gerade deshalb, weil es zu Lebzeiten von Friedrich List noch am Anfang der Industrialisierung stand, hohe Entwicklungskosten anfielen. Deshalb müssten die deutschen Unterneh­mungen durch Schutzzölle vor der englischen Konkurrenz solange geschützt werden, bis auch die deutsche Wirtschaft den Entwicklungsstand der englischen Industrie erreicht habe.

 

Friedrich List war also keinesfalls ein genereller Gegner von Wirtschaftstheorien, er vermeinte nur darauf hinweisen zu müssen, dass diese Gesetze eine bestimmte historische Entwicklung voraussetzen.

 

Betrachten wir diese These etwas genauer. Als erstes gilt es darauf hinzuweisen, dass diese Aussage als eine allgemeine Einschränkung wirtschaftstheoretischer Zusammenhänge wohl kaum überzeugt. Von Unterneh­mungen erwarten wir ganz allgemein, dass sie sehr wohl in der Lage und willens sind, in der Gegenwart in Form von Investitionen Kosten aufzubringen, welche erst in zukünftigen Perioden Erträge abwerfen. Entscheidend für die Frage, ob ein Unternehmer zu einer solchen Investition bereit sei, ist allein maßgebend, ob die Erträge in der Zukunft so hoch ausfallen, dass sie die in den ersten Perioden anfallenden Kosten überkompensieren.

 

Es fragt sich, warum diese Gesetzmäßigkeit nicht auch für die Entwicklungskosten gelten sollte. Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Entwicklungskosten zur Industrialisierung zu hoch als dass sie durch spätere Erträge kompensiert werden, in diesem Falle wäre es auch volkswirtschaftlich gesehen unerwünscht, diesen Entwicklungsprozess einzuleiten. Oder aber die zukünftigen Erträge reichen aus, um die heutigen Kosten zu kompensieren, dann bleibt es unverständlich, warum sich Unternehmer nicht bereitfinden, dieses Risiko auf sich zu nehmen.

 

Ein Fall ist allerdings denkbar, der eine echte Benachteiligung der Unternehmungen auslöst, welche sich erst in den Anfängen der Industrialisierung befinden. Wenn wir nämlich unterstellen, dass eine Volkswirtschaft keinen Patentschutz kennt, dann laufen die Unternehmungen, welche die hohen Entwicklungskosten auf sich nehmen, Gefahr, dass dann, wenn die Entwicklungskosten auslaufen und die industriellen Verfahren produktionsreif sind, Imitatoren auftreten, welche diese Verfahren übernehmen, ohne sich an den Entwicklungskosten zu beteiligen und welche gerade deshalb in der Lage sind, die innovatorischen Unternehmungen (die Pioniere, welche die Entwicklungskosten aufbrachten) aus dem Markt zu drängen. Falls also diese Schwierigkeiten in dem weiter fortgeschrittenen Land nicht aufgetreten sind, wohl aber in den nachfo­lgenden Volkswirtschaften bestehen, kann in der Tat davon gesprochen werden, dass kein fairer Wettbewerb möglich ist und dass ein Freihandel in diesem Falle das Land mit dem späteren Beginn der Industrialisierung benachteiligt.

 

Wir wollen einmal an dieser Stelle davon absehen, dass die eigentliche Lösung des von Friedrich List aufgeworfenen Problems in der Einführung einer Patentgesetzgebung und nicht in der Verhängung von Schutzzöllen liegt. Wir wollen uns hier allein mit der Frage befassen, ob die von List aufgezeigten Probleme den Schluss zulassen, dass im Bereich der Wirtschaft keine allgemeinen Gesetze formuliert werden können.

 

Wir gehen hierzu von der Annahme aus, dass Volkswirtschaften mit unterschiedlichem Entwicklungstand auch unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es nicht doch möglich wäre, eine allgemeine Theorie zu entwickeln.

 

Volkswirtschaftliche Gesetze werden ja im Allgemeinen nicht so formuliert, dass sie dem Schema: Immer dann, wenn x gegeben ist, tritt auch y auf, entsprechen. Oder um ein Beispiel zu bringen. Es stünde die These zur Diskussion: ‚Restlos jeder Unternehmer maximiert seinen Gewinn‘. Volkswirtschaftliche Theorien werden wohl ausnahmslos so formuliert, dass für das Auftreten eines bestimmten Ereignisses x eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein müssen.

 

So wird z. B. die These von der Gewinnmaximierung normaler Weise nur für den Fall behauptet, dass die Unternehmer in starkem Wettbewerb zueinander stehen. Unter diesen Bedingungen sieht sich ein Unternehmer gezwungen, jeden möglichen (erlaubten) Gewinn zu realisieren, weil er sonst Gefahr läuft, von den Konkurrenten unterboten und damit langfristig aus dem Markt gedrängt zu werden.

 

Die meisten Unternehmungen werden diesem Druck folgen und selbst dann, wenn einige Unternehmungen diesem Druck vielleicht aus moralischen Gründen nicht folgen würden, dann würden sie eben über kurz oder lang Bankerott gehen, sodass es auf lange Sicht diese Art von Unternehmer gar nicht mehr gäbe.

 

Wenn aber volkswirtschaftliche Theorien immer einen Satz von Annahmen voraussetzen, die gegeben sein müssen, damit das prognostizierte Ereignis auch eintritt, dann stellen eben auch die Gegebenheiten auf einer historischen Entwicklungsstufe solche Voraussetzungen dar, unter denen allein das besagte Ereignis eintreten wird. Der Beitrag von Friedrich List bezieht sich dann nicht mehr darauf, dass allgemeine Theorien nicht möglich sind, sondern allein darauf, dass bestimmte in den allgemeinen Theorien genannte Voraussetzungen in bestimmten historischen Epochen vermehrt auftreten.

 

 

2c. Historische Gesetze in Form von Wirtschaftsstufen

 

Die Vertreter der älteren historischen Schule lehnten allgemeine Theorien vor allem deshalb ab, weil sich im Verlaufe der Geschichte bestimmte Wirtschaftsstufen und Wirtschaftstile entwickelt hätten, wobei auf jeder Stufe der Entwicklung andere Gesetzmäßigkeiten beobachtet werden könnten. So hatte z. B. Bruno Hildebrand eine regelmäßige Entwicklungsfolge in allen Volkswirtschaften festzustellen geglaubt, so etwa die Entwicklung von einer Natural- zu einer Geld- und diese wiederum zu einer Kreditwirtschaft. Oder Karl Bücher sah eine Entwicklung von einer geschlossenen Hauswirtschaft zu einer Stadtwirtschaft und diese wiederum zu einer Volkswirtschaft.

 

W. W. Rostow sprach hingegen von fünf Entwicklungsstufen, die er zu entdecken glaubte und welche sich von einer traditionellen Gesellschaft, über eine Übergangs-, und dann Aufstiegs-, und einem Reifestadium schließlich zu einer Massenkonsumgesellschaft entwickelt haben.

 

Alfred Müller-Armack schließlich hob den von Werner Sombart geprägten Begriff des Wirtschaftssystems vom Begriff des Wirtschaftsstils ab. Ein konkretes Wirtschaftssystem gehe stets aus der Mischung unterschiedlichster Wirtschaftsstile hervor, während ein Wirtschaftsstil eine idealtypische Ausprägung darstelle.

 

Die Schwierigkeit bei all diesen Stufen- und Stiltheorien besteht darin, dass die weiterentwickelte Stufe einfach aus der vorhergehenden Stufe dadurch hervorgeht, dass man eine stärkere Entfaltung der Arbeitsteilung unterstellt. Es sind gedankliche Abläufe, welche hier konstruiert werden und keinesfalls tatsächlich beobachtete Entwicklungen. Die tatsächliche geschichtliche Entwicklung ist allenfalls häufig, aber keinesfalls immer diesem Verlauf gefolgt.

 

Nehmen wir das Beispiel des Zusammenbruchs der deutschen Wirtschaft unmittelbar nach Beendigung des zweiten Weltkriegs. Deutschland stand während der Weimarer Republik und dem Dritten Reich auf der höchsten von Hildebrand formulierten Entwicklungsstufe: der Kreditwirtschaft und wurde dann in der unmittelbaren Zeit nach dem Zusammenbruch von einer Wirtschaftsform abgelöst, bei der neben behördlich organisierter wirtschaftlicher Aktivität vor allem der schwarze Markt mit Anzeichen einer naturalen Tauschwirtschaft im Vordergrund stand.

 

Oder nehmen wir als weiteres Beispiel die These von Karl Marx, dass eine kapitalistische Gesellschaft notwendiger Weise in eine sozialistische Gesellschaft übergehe. Zwar lassen sich die von Karl Marx entwickelten Thesen keineswegs der historischen Schule zuordnen, wir werden auch weiter unten sehen, dass bei der Theorie von Karl Marx eine ganz anders begründete Entwicklungstheorie vorliegt als bei den Vertretern von Wirtschaftsstufen und -stilen; trotzdem geht auch Karl Marx wie die Anhänger von Stufentheorien von der Überzeugung aus, dass das eine System: die kapitalistische Gesellschaft durch das andere System: die sozialistische Gesellschaft abgelöst werde.

 

Auch hier hat die Geschichte eine ganz andere Entwicklung hervorgebracht. Eine kommunistische Gesellschaft wurde nach dem ersten Weltkrieg ausgerechnet in Russland eingeführt, dass nach den Entwicklungsvorstellungen von Karl Marx noch gar nicht auf der Entwicklungsstufe stand, die den Übergang zur sozialistischen Wirtschaft möglich machte. Dies gilt übrigens auch für die meisten europäischen Ostblockstaaten mit Ausnahme der DDR. Die DDR wurde jedoch gerade nicht automatisch von einer kapitalistischen Gesellschaft in eine kommunistische Gesellschaft umgewandelt, es war vielmehr das militärische Diktat der Sowjetunion, welche zwangsweise die Überführung in eine kommunistische Gesellschaft verordnete. Die Länder der anfänglichen BRD waren im Übrigen in der Entwicklung zur kapitalistischen Gesellschaft sogar noch in stärkerem Maße fortgeschritten und trotzdem wurde dort – wiederum auf Betreiben der Siegermächte – eine marktwirtschaftliche und nicht eine kommunistische Ordnung eingeführt.

 

 

 

 2d. Entwicklungsgesetze

 

Eine etwas andere Art von historischen Entwicklungsgesetzen finden wir übrigens bereits bei Robert Malthus und David Ricardo sowie bei Karl Marx. Auch hier wird davon ausgegangen, dass sich die Volkswirtschaften auf ganz bestimmte Entwicklungsstufen zubewegen. Bei Robert Malthus und David Ricardo führt die Weiterentwicklung der kapitalistischen Gesellschaft aufgrund einer Tendenz der  Bevölkerung zu einem Wachstum entsprechend einer geometrischen Reihe und der gleichzeitigen Begrenzung des Nahrungsspielraums, welcher nur im Sinne einer arithmetischen Reihe wachsen könne, notwendiger Weise zu einer Stagnation, wobei sowohl die Profitrate stets weitersinke als auch das Lohneinkommen auf das Existenzminimum sinke.

 

Karl Marx hingegen versuchte – wie bereits angedeutet – nachzuweisen, dass der Zwang zur Akkumulation und die zunehmende Verelendung der Arbeiter zwangsweise zum Sturz der kapitalistischen Gesellschaft führe und damit eine sozialistische Gesellschaft hervorrufe.

 

Zwar müssen wir auch hier wiederum feststellen, dass beide Entwicklungstheorien durch die Geschichte eindeutig wiederlegt wurden. Die Bevölkerungsexplosion schlug in eine Stagnation um, das Lohneinkommen stieg beachtlich, nach wie vor erzielen die Unternehmer hohe Gewinne und auch die Prophezeiungen von Karl Marx sind bis heute nicht eingetreten.

 

Trotz dieser Feststellung entsprechen die Entwicklungsgesetze sowohl der Klassiker wie auch des Sozialismus

in viel stärkerem Maße als die Theorien der Wirtschaftsstufen den Anforderungen, welche an eine überzeugende Entwicklungstheorie zu stellen sind. Der Übergang von einer Wirtschaftsstufe zur nächsten ergibt sich allein aus einer zunehmenden Arbeitsteilung, die aus logischen Überlegungen heraus als höher entwickelt eingestuft wurde, wobei jedoch keinerlei Anstrengungen gemacht wurden, warum denn in der Realität jeweils die höher entwickelte Stufe notwendiger Weise aus der weniger entwickelten Stufe hervorgehen sollte. Ricardo, Malthus und Marx hingegen haben sich sehr wohl darum bemüht, aufzuzeigen, warum denn die eine Entwicklungsstufe aus der vorhergehenden notwendiger Weise hervorgehe. Der Ansatz zu einem echten Entwicklungsgesetz war hier durchaus gegeben, nur die unterstellen Annahmen entsprachen nicht der Wirklichkeit.

 

 

 2e. Menschliche Freiheit verhindert Gesetze

 

Ein weiterer Grund für die Ablehnung allgemeiner Gesetze im Bereich der Wirtschaft zeigte sich auch im Streitgespräch zwischen Karl Menger und Gustav von Schmoller. Gustav von Schmoller sowie Werner Sombart, der Begründer einer verstehenden Nationalökonomie, vertraten die Auffassung, dass menschliche Handlungen ganz allgemein und damit auch das wirtschaftliche Geschehen immer nur verstanden, aber keineswegs im Sinne der Naturwissenschaft eindeutig erklärt werden könne.

 

Bei Entscheidungen, welche von Menschen getroffen werden, gelte es immer zu berücksichtigen, dass der Mensch einen freien Willen habe und dass auch dann, wenn noch so sehr gesellschaftliche Zwänge vorlägen, die eine menschliche Entscheidung in eine ganz bestimmte Richtung drängten, trotzdem der einzelne Mensch anders entscheiden könne. Man sei nur in der Lage, nach einer vollzogenen Entscheidung nachzuvollziehen, warum sich eine bestimmte Person gerade so entschieden habe, wie er sich entschieden habe. Trotzdem wäre es durchaus möglich gewesen, dass sich diese Person unter gleichen Bedingungen doch anders entschieden hätte, sodass aus einer bestimmten Situation heraus niemals eine ganz bestimmte Entscheidung zwingend abgeleitet werden könne.

 

Nun mögen diese Überlegungen ja richtig sein, wenn man den Versuch unternehmen würde, mit Hilfe der Wirtschaftstheorie das Verhalten einzelner Persönlichkeiten etwa eines Unternehmers zu erklären. Die Wirtschaftstheorie eignet sich nie und nimmer als Blaupause zur Beschreibung von Biographien einzelner Personen.

 

Dies ist aber auch nicht die Absicht der Wirtschaftstheorie. Die Volkswirtschaftstheorie will immer nur allgemeine Vorgänge erklären. Wenn es z. B. darum geht, zu erklären, welche Auswirkungen von einer Preissteigerung auf Angebot und Nachfrage ausgehen, so will keine Theorie behaupten, dass jeder Anbieter und jeder Nachfragende in der von der Theorie behaupteten Weise agiere. Dies ist auch gar nicht notwendig.

 

Im Rahmen der neoklassischen Markttheorie steht lediglich die Frage zur Diskussion, inwieweit die gesamte Nachfrage oder das gesamte Angebot einer Branche auf Preisvariationen reagiert. Wenn also z. B. behauptet wird, dass eine Preiserhöhung zu einer Ausweitung des Mengenangebotes und gleichzeitig zu einer Verminderung der Nachfrage führt, so ist es völlig unerheblich, dass einzelne Wirtschaftssubjekte in anderer Weise auf Preissteigerungen reagieren.

 

Es kann durchaus akzeptiert werden, dass einzelne Personen überhaupt nicht reagieren und andere Personen sogar ihr Angebot verringern oder ihre Nachfrage ausweiten. Für die Gültigkeit dieser Theorie ist allein maßgebend, dass die Gesamtnachfrage und das Gesamtangebot in dieser Weise reagieren, anderes Verhalten verringert zwar vielleicht die Gesamtbewe­gungen und oftmals heben sich auch entgegengesetzte Verhaltensweisen einander auf, die Tendenz bleibt jedoch erhalten.

 

Hierbei ist davon auszugehen, dass sich die von der Theorie unterstellten Verhaltensweisen aufgrund starker Anreize ergeben, welche ein bestimmtes Verhalten nahelegen. So etwa das Ausnutzen jeglicher (erlaubter) Gewinnchancen eines Unternehmers, der dann, wenn er diesem Zwang nicht nachgeben würde, Gefahr liefe, von den Konkurrenten aus dem Markt gedrängt zu werden.

 

Weiterhin muss auch darauf hingewiesen werden, dass die meisten von der Markttheorie aufgestellten Verhaltensannahmen im Verlaufe der Geschichte tausend- und millionenfach belegt wurden, sodass es sich bei diesen Theorien keinesfalls um theoretisch abgeleitete Spekulationen, sondern sehr wohl um wiederholt empirisch nachgewiesene Hypothesen handelt.

 

 

2f.  Zu wenig empirische Kenntnisse?

 

Gustav von Schmoller hatte seine Haltung in dieser Frage in seinen späteren Verlautbarungen etwas korrigiert. Er sprach später nicht mehr davon, dass er generell die Möglichkeit wirtschaftlicher Gesetzmäßigkeiten ablehne, sondern er bejahte sehr wohl die Notwendigkeit und Möglichkeit der Bildung von allgemeinen Theorien, war aber nun der Meinung, dass unser historisches Wissen über die wirtschaftlichen Beweggründe und Gesetzmäßigkeiten noch viel zu gering sei, um bereits jetzt, eine allgemein gültige volkswirtschaftliche Theorie zu entwickeln.

 

In diese Haltung passt auch die Tatsache, dass an den von der historischen Schule lange Zeit beherrschten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten fast nur Forschungsarbeiten vergeben wurden, welche sich auf eine Beschreibung einzelner Branchen in ganz bestimmten Wirtschaftsräumen und bestimmten Zeitepochen beschränkt haben.

 

Man mag Gustav von Schmoller ohne weiteres zugeben, dass der Wissensstand der Volkswirtschaftslehre zu Lebzeiten der Vertreter der historischen Schule ungenügend war, aber dies mag eigentlich auf alle Wissenschaften und zu allen Zeiten gültig sein. Es kann der historischen Schule auch durchaus bescheinigt werden, dass sie aufgrund der Hinwendung zur Beschreibung historischer Gegebenheiten unseren Kenntnis­stand über wirt­schaft­liches Verhalten entscheidend vergrößert hat. Dies gilt insbesondere für die angelsächsische Variante der historischen Schule, also für die Gruppe der Institutionalisten wie Thorstein Veblen, welcher in der Tat unser Wissen über das Konsumentenverhalten sicherlich bereichert hat.

 

Nichtsdestotrotz muss festgestellt werden, das die theoretische Verweigerungshaltung – auch wenn sie nur als vorübergehende Haltung gedacht war – dazu geführt hat, dass die deutsche Nationalökonomie gegenüber der Frage, wie z. B. die in den 20er Jahren grassierende Inflation bekämpft werden kann oder wie Massenarbeitslosigkeit vermieden werden kann oder wie schließlich das Reparationsproblem befriedigend gelöst werden kann, kläglich versagt hat. Es ist das eine, zur Weiterentwicklung einiger spezieller Theorien beigetragen zu haben und das andere, sträflich die Weitergabe des bereits bekannten Wissens der Klassik und der Neoklassik versäumt zu haben.

 

 

 2g. Von Hayek: Beschränkung auf Musteraussagen

 

In diesem Zusammenhang verdient auch die These Friedrichs von Hayeks Beachtung, dass die Wirtschafts­wissenschaft nur Musteraussagen machen könne, aber niemals in der Lage sei, im Sinne von Naturwissenschaften die wirtschaftlichen Vorgänge exakt zu beschreiben. Zwar lassen sich die Arbeiten von Hayeks sicherlich nicht der historischen Schule zuordnen, Hayek zählt zu den Vertretern der liberalen Schule. Trotzdem ist sich von Hayek mit den Vertretern der historischen Schule darin einig, dass die neoklassische Theorie keine befriedigende Analyse des Wirtschaftsprozesses gebracht habe.

 

Nach Auffassung von Hayek sei die Wirtschaftswissenschaft auf keinen Fall in der Lage, exakt anzugeben, um wie viel z. B. die Nachfrage nach einem Gut ansteigt, wenn der Preis dieses Gutes um einen bestimmten Prozentsatz sinke. Die Wirtschaftstheorie könne nur ganz allgemein davon sprechen, dass von Preis­senkungen in aller Regel Nachfrage steigernde Effekte ausgehen, ohne jedoch die genaue Größe dieser Wirkungen angeben zu können.

 

Nun muss man sich in diesem Zusammenhang darüber klar werden, dass der Anspruch, den Wissenschaft und Praxis an eine Theorie stellen, ganz entscheidend davon abhängt, ob diese Theorie die Prozesse in einer Marktwirtschaft zu erklären versucht oder ob diese Theorie als Handlungsanweisung für staatliche Planungsbehörden im Rahmen einer staatlich gelenkten Volkswirtschaft verstanden wird.

 

Sollen mit Hilfe der Theorie allein die Prozesse eines freien, vom Staat unbeeinflussten Marktes beschrieben werden, besteht auch kein Bedarf, exakt zu klären, um wie viel Prozent sich bestimmte Marktvariablen verändern, wenn bestimmte Datenvariationen auftreten. Man geht hier ja davon aus, dass es der freie Markt richtet und dass es keines Eingreifens von Seiten des Staates bedarf. Musteraussagen reichen in diesem Falle vollkommen aus.

 

Die Wirtschaftstheorie ist dann vom Wirtschaftspolitiker gefragt, wenn z. B. der Markt seine Gleichgewichtsfunktion nicht erfüllt; hier gilt es zu klären, woran es liegt, dass der Gleichgewichts­mechanismus versagt hat. So könnte ein Grund für dieses Versagen darin liegen, dass der Gesetzgeber bestimmte Reaktionen z. B. durch lange Kündigungsfristen verhindert. Aufgabe der Wirtschaftstheorie besteht dann darin, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Behinderungen des Marktes beseitigt werden können, ohne dadurch die Zielsetzungen dieser Maßnahmen zu verletzen. Um diese Ratschläge zu erteilen, genügt es vollkommen die Musteraussagen der Theorie zu kennen, während die Kenntnis über die genauen Elastizitäten des Marktes nicht notwendig ist.

 

    

2h. Walter Eucken: historisch unterschiedliche Formen

 

 

Walter Eucken hatte sich bemüht, in dem Streit zwischen neoklassischer Theorie und historischer Schule zu vermitteln. Er nahm in dieser Frage eine Zwischenposition ein. Jede konkrete Handlung und jede einzelne Ordnung sei einmalig, trotzdem könne sie auf einige wenige Grundelemente zurückgeführt werden, die mit allgemein gültigen Theorien erklärt werden könnten.

 

Ein gesamtes Ordnungssystem bestehe also immer aus einer Vielzahl, aber doch begrenzten Zahl von einzelnen Ordnungselementen. So sei eine Volkswirtschaft aus einer Vielzahl einzelner Märkte zusammen­gesetzt. Diese Einzelmärkte unterscheiden sich nun aufgrund unterschiedlicher Merkmale. So könne z. B. auf dem einen Markt ein Wettbewerb vieler handelnden Personen auf beiden Markseiten bestehen, während auf einem anderen Markt auf der Angebotsseite ein einziger Unternehmer eine Monopolstellung inne habe, während auf der Nachfrageseite eine Vielzahl kleiner Haushalte stehe.

 

In seiner Marktformenlehre hat Walter Eucken zunächst wie auch Heinrich von Stackelberg zwischen drei Prototypen unterschieden: Es könne auf einer Marktseite ein einziger großer oder eine kleine Zahl mittelgroßer oder schließlich eine Vielzahl kleiner Wirtschaftseinheiten stehen. Da diese Möglichkeiten sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite auftreten können, gibt es bereits 3 x 3 = 9 Konstellationen einer Marktform.

 

Später hatte dann Walter Eucken dieses Schema dadurch erweitert, dass auf den einzelnen Marktseiten ja auch eine Mischung dieser drei Grundtypen auftreten kann: Neben einem großen können entweder einige mittlere Einheiten oder aber auch eine große Zahl kleiner Einheiten auftreten, in diesem Falle spräche man von Teilmonopolen oder begrenzten Monopolen. In ähnlicher Weise wäre es jedoch auch denkbar, dass einige wenige mittelgroße Einheiten zusammen mit vielen Kleinen auftreten. Da diese Möglichkeiten sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite auftreten können, kommen wir somit bereits zu 7 x 7 Möglichkeiten (1 großer allein, 1 großer mit wenigen mittleren, 1 großer mit vielen kleinen, 1 großer mit wenigen mittleren und vielen kleinen, wenige mittlere, wenige mittlere mit vielen kleinen, viele kleine).

 

Prinzipiell könnte nun auf den abertausenden Märkten eine dieser 49 Spezialtypen verwirklicht sein, was zu einer weiteren Gesamtmenge möglicher Konstellationen führt. Schließlich sind aber auch die Marktformen keinesfalls das einzige Element, in dem sich die Marktbeziehungen unterscheiden. So können sich etwa Märkte nach der realisierten Spezialisierung in den Tauschbeziehung voneinander unterscheiden, in dem z. B. in der einen Volkswirtschaft der Geldverkehr vorwiegend mit Bargeld bestritten wird, während in einer anderen Volkswirtschaft der größte Teil der Bezahlungen bargeldlos durch Überweisungen oder auch Schecks abgewickelt wird.

 

Bei dieser Vielfalt der einzelnen möglichen Typen kann man sicherlich davon ausgehen, dass das Mischungsverhältnis jedes konkreten Systems historisch durchaus einmalig sei, dass also bezogen auf eine Volkswirtschaft immer wieder andere Mischungsverhältnisse auftreten.

 

Zur Erklärung konkreter Tatbestände bedürfe man also auf der einen Seite der Kenntnis der historischen Fakten, also der Beantwortung der Frage, welche konkreten Formen die zu analysierenden Märkte besitzen. Diese Fakten können sich sehr wohl im Zeitablauf verändern. Seien jedoch die konkreten Fakten bekannt, könne nur aufgrund einer allgemeinen Theorie abgeleitet werden, wie sich die einzelnen Variablen innerhalb eines Grundtyps verhalten.

 

So könnte sehr wohl ganz allgemein davon gesprochen werden, dass sich Marktprozesse unter Konkurrenz­bedingungen nach ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten verhalten und man könnte auch eindeutig feststellen, dass dann, wenn die Marktform des reinen Angebotsmonopols (ein großer auf der Angebotsseite und viele kleine auf der Nachfrageseite) verwirklicht ist, es dem Monopolisten gelingt, den Marktpreis über die Grenzkosten anzuheben.

 

 

 

3. Prinzip der Werturteilsfreiheit

 

                  3a.  Max Weber: Werturteilsfreiheit

 

Die Vertreter der historischen Schule wurden zweitens nicht nur wegen ihrer Methode angegriffen. Man machte ihnen zum Vorwurf, dass sie Werturteile wissenschaftlich zu begründen versuchten. Vor allem Max Weber trat als Verfechter einer wertfreien Wissenschaft auf. Eine empirische Sozialwissenschaft könne nur darüber Auskunft geben, wie bestimmte soziale Probleme tatsächlich gelöst werden, nicht wie sie am besten gelöst werden sollten. Ein Werturteil könne nur aufgrund einer weltanschaulichen Position gefällt, nicht aber wissenschaftlich bewiesen werden.

 

Dies bedeutet allerdings nicht unbedingt, dass von Seiten der Wissenschaft überhaupt keine politischen Ratschläge gegeben werden können. Es würde dem Prinzip der Werturteilsfreiheit durchaus entsprechen, wenn ein Wissenschaftler eine bestimmte Empfehlung aus übergeordneten Zielsetzungen – vielleicht zusam­men mit einigen weiteren Sachverhalten – ableiten würde. Das Prinzip der Werturteilsfreiheit bezieht sich nur auf die Unmöglichkeit, die letztlichen Grundwerte wissenschaftlich nachweisen zu können.

 

Im Allgemeinen werden Wissenschaftler im Rahmen der Politikberatung aufgefordert, Maßnahmen zu empfehlen, welche geeignet erscheinen, bestimmte Ziele zu realisieren. Die Ziele werden hierbei von den Politikern vorgegeben, sie sind also gewissermaßen für die Wissenschaftler tabu und die Vorschläge, welche dann den Politikern unterbreitet werden, lassen sich aus diesen vorgegebenen Zielsetzungen ableiten. Auch hier handelt es sich um bewertende Aussagen seitens der Wissenschaft, ohne dass aber das Prinzip der Werturteilsfreiheit verletzt wird, da diese Art von Bewertung nur eine logische Schlussfolgerung der von den Politikern gesetzten Ziele darstellt.

 

Allerdings wollte Max Weber den Wissenschaftler keineswegs von der politischen Diskussion ausschließen. Max Weber hat selbst wiederholt in die politische Diskussion eingegriffen und damit bekundet, dass das politische Engagement eines Wissenschaftlers nicht dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft widerspreche. Selbstverständlich kann sich auch der Wissenschaftler zu Grundzielen äußern, diese angreifen oder verteidigen. Dies ist ein Recht eines jeden Bürgers, von dem natürlich die Wissenschaftler nicht ausgenommen werden dürfen.

 

Wohl sollte der Wissenschaftler seinen Zuhörer (Leser) nicht im Unklaren darüber lassen, wann er sich auf die Analyse von Sachzusammenhängen bezieht und wann er sich zu politischen Fragen bewertend äußert. Max Weber wollte mit dieser Forderung verhindern, dass persönliche Werturteile im wissenschaftlichen Gewande vorgetragen werden und auf diese versteckte und erschlichene Weise einen höheren Wahrheitsgehalt beanspruchen, als ihnen de facto zukomme. Auf der Ebene der letztlichen Grundwerte, welche sich auf keine anderen höheren Werte zurückführen lassen, ist die Meinung eines Wissenschaftlers genau so viel wert wie die Meinung eines beliebigen Bürgers, nicht mehr aber auch nicht weniger.

 

Diese Forderung gilt vor allem in einer pluralistischen Gesellschaft, in der über letzte Grundwerte keine Einigkeit besteht. Hier liegt die Gefahr nahe, dass der Wissenschaftler sein eigenes Weltbild im Gewande wissenschaftlicher und damit für alle gültiger Ergebnisse ausgibt und sich damit unberechtigte Startchancen sichert.

 

Eine politische Stellungnahme besonderer Art kann darin liegen, dass sich der Wissenschaftler weigert, dem Politiker oder Praktiker gewisse Sachauskünfte zu geben. Besonders aktuell wird diese Frage in Diktaturen. Auch dann, wenn sich der Wissenschaftler auf die Beantwortung von Sachfragen beschränkt, können seine Antworten den Diktator befähigen, die Bevölkerung stärker als bisher zu unterdrücken. Aber auch hier muss gesagt werden, dass dieses Verweigerungsrecht in keiner Weise dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft widerspricht.

 

Im Grunde genommen ergibt sich die Forderung Max Webers aus Feststellungen, welche auch schon vorher von den Vertretern des Frühliberalismus formuliert worden waren. So hatte bereits David Hume festgestellt, dass aus dem Sein niemals ein Sollen unmittelbar abgeleitet werden könne. Die Vernunft allein sei auch nicht in der Lage, moralische Vorschriften abzuleiten. Stets seien moralische Vorstellungen durch Gefühle hervorgerufen. Die Verwerflichkeit z. B. eines Mordes ergebe sich nicht allein aus Vernunftüberlegungen, sondern zu allererst aus dem Gefühl der Missbilligung.

 

 

3b. Bewertungen im Umkreis der Wissenschaft

 

Aus dem von Max Weber formulierten Postulat einer wertfreien Wissenschaft folgt keinesfalls, dass eine Wissenschaft nichts mit Werten zu tun hat. Wir möchten im Folgenden einige Wertbezüge aufzeigen, die durchaus mit dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft vereinbar sind.

 

Es dürfte unbestritten sein, dass Werte und Bewertungen als Studienobjekt in die empirische Sozialwissenschaft eingehen. Das Zustandekommen sozialer Bewertungsprozesse ist sogar ein Hauptproblem jeder Sozialwissenschaft. Die traditionelle Nationalökonomie untersucht primär die Bestimmungsgründe der Preise. Aber was stellt der Preis anderes dar als eine Bewertung der Güter?

 

Drei Fragenkomplexe interessieren in diesem Zusammenhang. Eine empirische Sozialwissenschaft fragt zunächst nach den Bestimmungsgründen sozial relevanter Werte und Bewertungen. So zeigt die Wirtschaftstheorie auf, dass der Preis eines Gutes als Resultante aus Angebots- und Nachfragestruktur entsteht. Weiterhin haben wir danach zu fragen, welche sozialen Folgen sich aus einer bestimmten Bewertung ergeben. So kann etwa eine Lohnsteigerung – eine Umbewertung der Arbeit – produktivitätssteigernd wirken. Schließlich ist es ein berechtigtes Anliegen einer Wissenschaft, die logischen und faktischen Beziehungen einzelner Werte zu beleuchten. Unsere Umwelt ist so kompliziert geworden, dass wir nicht mehr ohne weiteres erkennen, ob sich zwei Werte gegenseitig bedingen oder ausschließen. Wer will ohne theoretische Vorkenntnisse entscheiden, ob sich die Ziele der Preisstabilität und der Vollbeschäftigung gegenseitig ausschließen?

 

Eine empirische Sozialwissenschaft will in erster Linie Sachzusammenhänge aufdecken. Dieses Ziel darf aber nicht zum Selbstzweck werden. Die Kenntnis dieser Sachzusammenhänge dient uns vielmehr dazu, Entscheidungen in der Politik und im Alltagsleben zu erleichtern. Wir stehen immer wieder vor Entscheidungen. Wir können der Sache nach mehrere Wege beschreiten und wir haben uns darüber klar zu werden, welche der möglichen Alternativen wir beschreiten wollen.

 

Wenn wir uns rational verhalten, entscheiden wir uns für die Alternative mit den meisten Vor- und den geringsten Nachteilen. Welcher Weg uns am vorteilhaftesten erscheint, kann zwar nur durch Bewertung geklärt werden. Dieser hat jedoch die Kenntnis vorauszugehen, welche Konsequenzen mit den einzelnen Alternativen verbunden sind. Bewerten heißt nichts anderes, als die Wirkungen abzuschätzen und zu gewichten. Die Kenntnis über diese Wirkungen vermittelt jedoch der Wissenschaftler. Indem dieser dem Praktiker die Voraussetzungen für eine rationale Entscheidung gibt, erfüllt er eine seiner wichtigsten Funktionen gegenüber der Gesellschaft.

 

Wenn indessen eine rationale Entscheidung die vorherige Kenntnis der Sachzusammenhänge voraussetzt, kann es sein, dass wir unsere politischen Entscheidungen aufgrund neuen Wissens überprüfen müssen. Zwar ist es nicht möglich, vom Sein unmittelbar auf das Sollen zu schließen. Das heißt aber nicht, dass Änderungen im Sein nicht auch Änderungen im Sollen bedingen können.

 

Das Wissen ist nicht nur Voraussetzung für eine rationale Bewertung. Es hängt selbst wiederum in vielfältiger Weise von unseren Wertvorstellungen ab. Es ist ein alter und immer wieder erneut bestätigter Erfahrungssatz, dass die Weltanschauung des einzelnen Wissenschaftlers wie auch seiner Zeit ganz entscheidend den wissenschaftlichen Fortschritt beeinflusst. Das Weltbild kann den wissenschaftlichen Fortschritt hemmen, aber auch fördern. Weltbild und Wissenschaft sind nur im Logischen, nicht aber im Faktischen voneinander zu trennen.

 

Wahrheiten sind oft unbequem und dem eigenen Interesse abträglich und bleiben deshalb oftmals unausgesprochen. Es ist weiterhin eine bekannte Tatsache, dass wir Dinge, die wir nicht sehen wollen, bisweilen auch gar nicht sehen. Wir beobachten die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wie wir sie zu sehen gelernt haben. Jede noch so objektive Beobachtung kommt als Resultante aus den verschiedensten psychischen Faktoren zustande.

 

Freilich sollten wir aus diesem Erfahrungssatz keine Maxime machen. Wenn auch psychologische und ideologische Faktoren auf unsere wissenschaftliche Arbeit vielfach einwirken, so ist dies kein Grund, diese Beeinflussung als Ideal hinzustellen. Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass ein solcher Einfluss prinzipiell möglich erscheint, mahnt uns zu doppelter Aufmerksamkeit. Unsere Forderung, diesen Einfluss wo immer nur möglich auszuschalten, bleibt bestehen.

 

Allerdings sollten wir diesen Einfluss auch nicht überschätzen. Die Wissenschaft hat Methoden entwickelt, ihn einzudämmen. Für einen einzelnen Wissenschaftler mag der Zusammenhang zwischen Weltbild und Wissen beachtlich sein. Was jedoch für den einzelnen Wissenschaftler gilt, mag noch lange nicht für die Wissenschaft insgesamt gelten. Auch das Wissen entsteht heute immer mehr aus einer arbeitsteiligen Zusammenarbeit.

 

Wenn ein einzelner Wissenschaftler aufgrund seiner empirischen Untersuchungen zu neuen Hypothesen gelangt, so ist der Entstehungsprozess dieses Wissens keinesfalls bereits abgeschlossen. Lediglich der erste Schritt ist getan. Damit aus unserer Hypothese eine allgemein anerkannte Theorie wird, bedarf es einer eingehenden wissenschaftlichen Diskussion. Gerade in dieser Einrichtung liegt eines der wesentlichen Elemente wissenschaftlichen Arbeitens überhaupt. Auf diese Weise kann eine Hypothese kritisiert und gegebenenfalls falsifiziert werden. Das Ergebnis dieser Diskussion ist in viel geringerem Maße gegenüber Weltanschauung und Interesse anfällig als die Hypothesen eines einzelnen Wissenschaftlers.

 

Weltbild und Interesse können auf den wissenschaftlichen Entstehungsprozess nicht nur einen negativen Einfluss ausüben. Ganz im Gegenteil können vom Weltbild des einzelnen Forschers starke Anreize ausgehen, die den Wissensprozess fördern. Auf lange Sicht dürfte gerade der Umstand, dass der weltanschauliche Kampf auch auf der wissenschaftlichen Tribüne ausgefochten wird, dazu beitragen, alteingesessene Vorurteile zu revidieren. Man sollte deshalb bei dem Versuch einer Entideologisierung der Wissenschaften vorsichtig sein. Auch hier kann es ein  Zuviel geben, auch hier besteht die Gefahr, dass wir mit dem Weltbild das Interesse an neuem Wissen beseitigen.

 

Von den Verfechtern einer wertgebundenen Wissenschaft wird oft gegen das Konzept einer wertfreien Wissenschaft eingeworfen, bereits die in jeder Wissenschaft notwendige Abstraktion und Auswahl der Probleme bringe eine Bewertung mit sich. Die Wirklichkeit sei so kompliziert, dass wir uns immer auf einige wenige Wirkungszusammenhänge beschränken müssen. Damit gäben wir jedoch bestimmten Problemen den Vorrang, mit anderen Worten: Wir bewerten.

 

Die Tatsache als solche wird von den Anhängern einer wertfreien Wissenschaft nicht geleugnet. Es handle sich indessen hierbei um eine ganz andere Art von Bewertung, die keine praktischen Empfehlungen an die Politik erlaube. Trotzdem muss eingeräumt werden, dass der Praktiker diese Auswahl bisweilen im Sinne einer Empfehlung versteht.

 

Darüber hinaus weist uns dieses Auswahlproblem darauf hin, dass wir erst aufgrund bestimmter Bewertungen überhaupt zu Wissen gelangen können. Wann wir eine Hypothese als von der Wirklichkeit bestätigt ansehen, kann mit wissenschaftlichen Mitteln allein nicht entschieden werden. Wir haben bereits gesehen, dass eine hundertprozentige Bestätigung einer generellen Aussage logisch gar nicht möglich ist. Es bedarf einer Konvention darüber, wann eine These als verifiziert gilt. Diese Absprache ist bereits eine Bewertung.

 

Von den Anhängern einer wertfreien Wissenschaft wird also nicht gefordert, dass unser Wissen ohne Bewertungen entstehen müsse; dies ist gar nicht möglich. Es wird vielmehr allein bezweifelt, dass aus der empirischen Arbeit heraus aufgrund wissenschaftlicher Ergebnisse unmittelbar wertende Schlussfolgerungen gezogen werden können.

 

Der Wissenschaftler hat sich somit bei seiner Arbeit an gewisse Spielregeln zu halten. Diese haben nicht nur den Sinn, den Erfolg der Wissenschaft zu garantieren, sondern auch negative Sekundärwirkungen, die von der wissenschaftlichen Betätigung ausgehen können, soweit wie möglich auszuschalten. Nicht selten könnte unser Wissen durch gewagte und zweifelhafte Experimente verbessert werden. Die Mehrheit der Wissenschaftler lehnt solche Praktiken ab, da diese mit den menschlichen Grundwerten in Konflikt geraten. In der Anerkennung dieser Spielregeln dringt ein weiteres Bewertungselement in den Bereich der Wissenschaft ein. Aber auch dieses Bewertungselement gerät mit dem Ideal einer wertfreien Wissenschaft nicht in Widerspruch.

 

Fassen wir die Ergebnisse unserer Überlegungen zusammen: Die Forderung nach wertfreier Wissenschaft im Sinne Max Webers darf nicht zu wörtlich genommen werden. Jede Wissenschaft hat es mit Werten und Bewertungen zu tun. Das wird von den meisten Anhängern einer wertfreien Wissenschaft auch gar nicht bestritten. Wenn man will, besteht das Programm einer wertfreien Wissenschaft aus einer Binsenwahrheit und aus einer wohl von den meisten Wissenschaftlern gebilligten Forderung: Aus der Binsenwahrheit, dass man Sollsätze aus Seinssätzen allein nicht logisch ableiten kann, dass also jede politische Stellungnahme auch einen Kern persönlicher Willensentscheidung enthält, und aus der von den meisten gebilligten Forderung, dass bei der Diskussion um politische Werte die persönliche Meinung eines Wissenschaftlers nicht mehr wiegen sollte als die eines anderen Bürgers.

 

               

3c.  Drei verschiedene Positionen

 

 Akzeptiert man dieses Prinzip der Werturteilsfreiheit, so gibt es im Grunde nur drei verschiedene Positionen einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit normativen Aussagen. Man kann erstens mit Hans Albert die Meinung vertreten, dass ein Wissenschaftler sich darauf zu beschränken habe, Faktenzusammenhänge im Sinne einer Sachanalyse zu untersuchen. Der Wissenschaftler könne also z. B. untersuchen und darlegen, wie sich eine keynesianische Fiskalpolitik auf die Inflation auswirke, er sei aber nicht in der Lage, mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden über die Erwünschtheit dieser Maßnahmen als Wissenschaftler zu urteilen. Er habe sich also – in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler –  jeglicher normativer Aussagen über die Erwünschtheit politischer Maßnahmen oder Zustände zu enthalten.

 

Eine zweite Position nahm Gerhard Weisser (der Lehrer Hans Alberts) in dieser Frage ein. Der Wissenschaftler könne – ohne mit dem Prinzip der Werturteilsfreiheit in Konflikt zu geraten – sehr wohl zu normativen Aussagen über politische Maßnahmen und Zustände vorstoßen, wenn er zuvor die Wertprämissen offen lege, auf Grund derer er zu diesen Aussagen gelangte.

 

Eine wissenschaftliche Analyse entsprechend dieses von Gerhard Weisser formulierten wissenschaftlichen Normativismus beginnt danach stets mit der Offenlegung der Wertprämissen, gefolgt von der dann korrekten Ableitung normativer Aussagen aus diesen offengelegten Wertprämissen für konkrete politische Maßnahmen. Ein solches Vorgehen sei dem von Hans Albert vorgeschlagenen Weg deshalb vorzuziehen, da der Wissenschaftler viel besser als ein normaler wirtschaftswissenschaftlich nicht ausgebildeter Bürger in der Lage sei, Schlussfolgerungen aus Wertprämissen und Sachzusammenhängen zu ziehen.

 

Kritisch wäre hier allerdings anzumerken, dass diese Schlussfolgerungen in diesem Falle immer nur für diejenigen Bürger Gültigkeit besitzen, welche die Werturteile des Wissenschaftlers teilen. Es besteht hier die Gefahr, dass die Gruppe der Wissenschaftler in weltanschaulich gegliederte Teilgruppen zerfällt und dass damit auch der Anspruch, dass die wissenschaftlichen Aussagen unabhängig von der weltanschaulichen Position des einzelnen Wissenschaftlers Gültigkeit besitzen sollten, verloren geht.

 

Eine dritte Position nahm die traditionelle Wohlfahrtstheorie ein. Sie versuchte in einem ersten Schritt zu überprüfen, welche letztlichen Wertprämissen von der überwiegenden Mehrheit der Bürger akzeptiert werden, um dann in einem zweiten Schritt zu klären, welche konkreten Maßnahmen und Wirtschaftssysteme notwendig sind, um diese allgemein akzeptierten Grundziele zu realisieren. Auch diese dritte Position widerspricht nicht dem von Max Weber formulierten Prinzip der Werturteilsfreiheit.

 

 

3d. Die Soziotechnische Umformulierung

 

Soziale Tatbestände können als Ursache-Wirkungszusammenhang oder als Zweck-Mittel-Relation dargestellt werden. In beiden Fällen beschränkt sich der Wissenschaftler auf eine Sachanalyse und enthält sich jeden Werturteils. Bringen wir ein Beispiel: Eine Zunahme der Konsumnachfrage steigert – wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind – den Beschäftigungsgrad. Die Zunahme der Konsumnachfrage wird als Ursache, die Steigerung des Beschäftigungsgrades als Wirkung angesehen. Den gleichen Sachverhalt können wir in eine Zweck-Mittel-Relation umformulieren. Man spricht hierbei von einer soziotechnischen Umformulierung. Unser Satz hieße dann: Wenn wir eine Steigerung des Beschäftigungsgrades wünschen (wenn wir also das Ziel verfolgen, den Beschäftigungsgrad zu steigern), müssen wir die Konsumnachfrage (oder auch eine andere Nachfrage) steigern. Maßnahmen, die zu einer Konsumsteigerung führen, wären dann das Mittel, um das Beschäftigungsziel zu erreichen.

 

Mit dieser bedingten Empfehlung spricht der Wissenschaftler keine Bewertung aus, er verbleibt im Rahmen einer Sachanalyse. Wir könnten sogar diese Aussage so umformulieren, dass ihr konditionaler Gehalt gar nicht mehr auf den ersten Blick erkennbar ist und zunächst wie eine kategorische Empfehlung aussieht: Zur Steigerung des Beschäftigungsgrades bedarf es einer Zunahme der Konsumnachfrage.

 

 

4. Modellplatonismus

 

4a. Theorie als Denkwerkzeug

 

Ein Streit über die Methode innerhalb der Wirtschaftslehre erwuchs drittens aus dem recht unterschiedlichen Gebrauch des Wortes ‚Theorie’. Einige Wissenschaftler verstehen Theorie im Sinne eines Denkwerkzeuges. Ein Denkwerkzeug ermöglicht zwar, die soziale Wirklichkeit in den Griff zu bekommen, es darf jedoch mit der eigentlichen Kenntnis von Faktenzusammenhängen nicht verwechselt werden.

 

Die Theorie im Sinne eines Denkmodells sei eine Methode, unser Wissen zu erweitern, sie sei aber nicht dieses Wissen selbst. Eine solche Theorie beschränke sich darauf, bereits bekannte Fakten zu ordnen und aus vorgegebenen Annahmen weitere Schlussfolgerungen zu ziehen. Das Auffinden neuer Faktenzusammenhänge sei Sache der Soziologen, nicht des Wirtschaftstheoretikers. Die Wirtschaftstheorie könne die Gültigkeit der Annahmen nicht selbst überprüfen. Wenn man von logischen Denkfehlern absehe, könne eine Theorie überhaupt nicht falsch oder richtig, sondern allenfalls aktuell und zweckmäßig oder auch nicht sein.

 

 

4b. Hans Alberts Vorwurf gegen die Neoklassik

 

Diese weitverbreiteten Thesen der neoklassischen Theorie wurden um die Mitte des letzten Jahrhunderts von den Neopositivisten angegriffen. So meinte Hans Albert, dass die Wirtschaftstheorie zu einem Modellplatonismus entartet sei. Von einer echten Theorie könne man nur dann sprechen, wenn sich ihre Aussagen  auf Tatsachenzusammenhänge bezögen, die bereits an der Wirklichkeit überprüft seien oder sich zumindest überprüfen ließen. Die neoklassische Theorie gebe hingegen Lehrsätze, die lediglich aus hypothetisch unterstellten Annahmen logisch abgeleitet seien und noch der empirischen Überprüfung bedürften, bereits als erwiesene Wahrheiten aus.

 

Weiterhin arbeite die Neoklassik mit Annahmen, die aufgrund vergangener empirischer Untersuchungen bereits widerlegt seien. Schließlich sei die Neoklassik in dem Versuch, klassische Positionen zu verteidigen, mehr und mehr in Tautologien geflüchtet, die zwar logisch zwingend immer richtig, aber gerade deshalb zu einer empirisch gehaltlosen Leerformel erstarrt seien.

 

Bei aller berechtigten Kritik an der Neoklassik lassen sich die meisten neoklassischen Theorien durchaus so umformulieren, dass sie empirisch gehaltvolle Aussagen enthalten, welche sich empirisch überprüfen lassen. Nehmen wir den Fall der Grenzproduktivitätstheorie des Lohnes. Diese von John Bates Clark entwickelte Theorie entspricht in ihrer ursprünglichen Form in der Tat den von Albert gegeißelten Merkmalen.

 

Diese Theorie geht aus von drei Annahmen: erstens der Annahme der Gewinnmaximierung, zweitens der Annahme, dass sich die Unternehmer als Mengenanpasser verhalten, welche den Preis als Datum vom Markt nehmen und drittens die Annahme einer Produktionsfunktion, welche wie etwa die Cobb-Douglas-Produk­tions­funktion vom Gesetz abnehmender partieller Grenzerträge der Arbeit ausgeht.

 

Es wird nicht als Aufgabe dieser Theorie angesehen, diese Annahmen empirisch zu testen. Sie werden als gegeben unterstellt. Wenn diesen Theoretikern vorgeworfen wird, dass diese Annahmen ja gar nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmten, wird entgegnet, dass diese Theorie zu dieser Frage gar keine Stellung nehme, dass nur behauptet werde, dass dann, wenn diese Annahmen gegeben seien, die behaupteten Schlussfolgerungen, der Lohn entspreche dem Grenzprodukt der Arbeit, gelten würden.

 

Diese Schlussfolgerungen ergeben sich nun in der Tat aus den drei unterstellten Annahmen. Nehmen wir an, dass ein Unternehmer eine bestimmte Menge an Arbeit nachfrage. Er stehe vor der Frage, ob er seine Nachfrage nach Arbeit ausdehnen solle. Er wird sie ausdehnen, wenn er dadurch seinen Gewinn steigern kann. Und dies ist genau dann der Fall, wenn die Ausgabenzuwächse aufgrund der Mehrnachfrage nach Arbeit um eine Einheit, nämlich der Lohnsatz geringer ist als der hierdurch erzielte Mehrertrag, nämlich das Grenzprodukt der Arbeit. Also wird der Unternehmer solange seine Nachfrage nach Arbeit ausdehnen, bis das Grenzprodukt der Arbeit gerade dem von  außen gegebenen Lohnsatz entspricht.

 

Diese Schlussfolgerungen ergeben sich in der Tat allein aus den gemachten Annahmen, enthalten deshalb auch keine zusätzlichen Informationen, die über das hinausgehen, was wir bereits in den drei Annahmen unterstellen.

 

Wir wollen nun versuchen, diese Theorie so umzuformulieren, dass sie aus falsifizierbaren Hypothesen besteht. Als erstes stellen wir die Behauptung auf, dass die Unternehmer in Wettbewerb zueinander stehen. Dies ist keine selbstverständliche Annahme, sie muss empirisch überprüft werden, kann jedoch als realistisch eingestuft werden, wenn wir unterstellen, dass eine Kartellbehörde wirksam Monopolbildungen unterbindet.

 

Die zweite Hypothese besagt dann, dass unter Wettbewerbsbedingungen starke Anreize auf die Unternehmungen ausgehen, jede Gewinnsteigerungen auszunutzen, da sie sonst Gefahr laufen, von den Konkurrenten aus dem Markt geworfen zu werden. Auch hierbei handelt es sich keinesfalls um eine selbstverständliche Annahme. Wir könnten z. B. unterstellen, dass Unternehmungen in Art eines informellen Gleichschritts auf gewisse Formen der Gewinnmitnahme verzichten, sie können sich diese Haltung erlauben, weil sie davon ausgehen, dass sich fast alle Mitkonkurrenten in gleicher Weise verhalten. Trotz allem dürfte diese Hypothese einer Gewinnmaximierung durchaus mit der Realität übereinstimmen.

 

Als dritte Hypothese wird dann eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion unterstellt, welche ja in der Tat wiederum nicht selbstverständlich ist, wir kennen ja auch andere Produktionsfunktionen wie die klassische Funktion. Aber auch hier können wir davon ausgehen, dass diese Funktion wiederholt empirisch getestet wurde.

 

 

4c. Die Bedeutung von Denkmodellen

 

Mit den Denkmodellen versuchen wir, einen Komplex von Aussagen über einen klar abgegrenzten Sachbereich systematisch zu ordnen. Worin besteht aber das Ordnungsprinzip? Wir untersuchen jede Aussage daraufhin, ob sie von den übrigen Aussagen des Systems abhängt. Aussagen, die sich nicht mehr auf andere Aussagen des Systems zurückführen lassen, also als gegeben vorausgesetzt werden müssen, bezeichnen wir als Prämissen oder Daten des Modells. Bei den von diesen Prämissen abgeleiteten Aussagen handelt es sich hingegen um die Abhängigen, Variablen oder Problemgrößen.

 

Eine erste Aufgabe eines Denkmodells besteht darin, sich darüber klar zu werden, welche Konsequenzen bestimmte Annahmen implizieren. Die Annahmen als solche gelten als gegeben. Das Denkmodell ist nicht in der Lage, ihre Gültigkeit und Wirklichkeitsnähe zu überprüfen. Wir erfahren nicht mehr, als wir bereits in den Annahmen implizite unterstellt haben. Wohl können wir mit Hilfe eines Denkmodells unser tatsächliches Wissen klären, da wir uns nicht immer aller Konsequenzen bestimmter Annahmen ohne weiteres bewusst sind.

 

Wir können Denkmodelle zweitens dazu benutzen, die Voraussetzungen gewisser Aussagen uns vor Augen zu führen. Zugrunde liegt die gleiche logische Beziehung. Während wir aber im ersten Falle die Annahmen als bekannt voraussetzen und uns nach den Konsequenzen fragen, gehen wir hier von einer konkreten, in der Öffentlichkeit geäußerten Behauptung aus und machen uns klar, unter welchen Voraussetzungen überhaupt diese Aussage Gültigkeit beanspruchen kann.

 

Denkmodelle können drittens die Aufgabe erfüllen, die Problematik einer Situation herauszuarbeiten. Das Denkmodell gestattet uns, die logischen Beziehungen zwischen den bisher als gültig  angesehenen Annahmen über die Wirklichkeit aufzudecken. Wir legen uns Rechenschaft darüber ab, was wir bereits wissen und was wir noch nicht wissen. Wir können unter Umständen auf gewisse logische Widersprüche verschiedener Aussagen stoßen, und wir können schließlich entscheiden, ob wir alle bekannten Fakten mit Hilfe unserer bisherigen Erkenntnisse klären können. Das Denkmodell hilft uns, die noch nicht befriedigt beantworteten Fragen klarer zu formulieren.

 

Denkmodelle können uns viertens dazu verhelfen, neue Hypothesen zu bilden. Unter Hypothesen verstehen wir noch nicht empirisch überprüfte Aussagen über die Wirklichkeit. A priori sind die unterschiedlichsten Zusammenhänge denkbar. Wir würden hingegen gegen das Prinzip der Rationalität verstoßen, wollten wir in mühseliger Kleinarbeit alle denkbaren Zusammenhänge auf ihre Gültigkeit hin überprüfen. In praxi wenden wir ein erfolgversprechenderes Verfahren an. Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen greifen wir unter den Millionen von denkbaren Zusammenhängen einige wenige heraus, die uns realistisch erscheinen und überprüfen diese an der Wirklichkeit. Auch bei diesem Verfahren leistet uns das Denkmodell gute Dienste. Gibt es uns doch an, welche Hypothesen unseren bisherigen Erkenntnissen am besten entsprechen.

 

Eine fünfte Aufgabe des Denkmodells liegt im Pädagogischen. Wir haben nicht nur neue Faktenzusammenhänge aufzudecken, sondern auch die bereits bekannten, aber oft sehr schwierig zu verstehenden Beziehungen dem Studierenden verständlich zu machen. Hier kann es aus pädagogischen Gründen zweckmäßig sein, zunächst bewusst von wirklichkeitsfremden, aber einfachen Annahmen auszugehen, um auf diese Weise bestimmte Beziehungen umso deutlicher hervortreten zu lassen. Sind die einfachsten Zusammenhänge dem Studierenden einmal klargeworden, so ist es bedeutend leichter, das Denkmodell an die Wirklichkeit anzupassen und nun auch komplizierte Gebilde zu verstehen.

 

So ist es üblich, in einem ersten Schritt die Kreislaufzusammenhänge für eine geschlossene Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität des Staates zu untersuchen, nicht weil man diese Annahmen als realistisch ansieht, sondern deshalb, weil unter diesen vereinfachten Annahmen bestimmte Zusammenhänge besser erkannt werden können. Es ist dann ein leichtes, diese unrealistischen Annahmen in einem zweiten Schritt aufzuheben und zu zeigen, dass die eingangs aufgezeigten Zusammenhänge im Prinzip auch unter realistischeren, komplexeren Annahmen Gültigkeit bewahren.