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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

3. Liberalismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

 

 

2. Merkantilismus

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Begriff  und Verbreitung des  Merkantilismus

3. Die wichtigsten Vertreter des Merkantilismus

4. Die Philosophie des Merkantilismus

5. Zielhierarchie

6. Die geldtheoretischen Grundlagen

7. Das zollpolitische Instrumentarium des Merkantilismus

 

 

 

1. Problemeinführung

 

Wir wollen in dem ersten Teil dieser Vorlesung die wichtigsten Lehrmeinungen, welche im Verlaufe der Geschichte der Volkswirtschaftslehre entwickelt wurden, vorstellen.

 

Wir hatten bereits im einleitenden Kapitel 1 davon gesprochen, dass die moderne Volkswirtschaftslehre mit Adam Smith im ausgehenden 18. Jahrhundert beginnt. Man könnte deshalb versucht sein, aus diesem Grunde diese Lehrgeschichte auch mit Adam Smith beginnen zu lassen.

 

Nun hatten wir allerdings auch schon im ersten Kapitel erwähnt, dass die Lehren von Adam Smith als Reaktionen gegen den zu der damaligen Zeit gelehrten und praktizierten Merkantilismus entstanden sind. Gerade aus diesen Gründen dürfte es zweckmäßig sein, diese Lehrgeschichte bereits mit dem Merkantilismus zu beginnen, da wir die Reaktionen der von Adam Smith begründeten Lehre nur dann richtig verstehen und einordnen können, wenn wir auch die wichtigsten Grundsätze und Praktiken des Merkantilismus kennen, gegen den sich der Liberalismus von Adam Smith gewendet hatte. Wir beginnen also unseren lehrgeschicht­lichen Überblick mit der Darstellung des Merkantilismus.

 

Allerdings gibt es noch einen zweiten Grund, diese Lehrgeschichte bereits mit dem Merkantilismus zu beginnen. Wir werden im Verlaufe dieser Vorlesung feststellen können, dass sich fast zu allen Zeiten der untersuchten Epochen vorwiegend nur zwei Grundrichtungen miteinander auseinandergesetzt und bekämpft haben, dass es der einen Gruppe (dem Liberalismus) darauf ankam, sichtbar zu machen, dass ein marktwirtschaftliches System die beste aller möglichen Lösungen darstellt, während die zweite Gruppe (die Interventionisten) für die Überzeugung kämpfte, dass ein wirtschaftliches System nur dann befriedigende Ergebnisse liefert, wenn es in maßgeblichen Punkten vom Staat gelenkt und beeinflusst wird.

 

Eine dieser beiden Richtungen geht hierbei auf den von Adam Smith gelehrten Liberalismus zurück, während die andere Richtung immer wieder auf die vom Merkantilismus bereits praktizierten Maßnahmen und Ideen zurückgriff.  Selbstverständlich lässt sich diese permanente Auseinandersetzung nur dann richtig verstehen, wenn wir die Anfänge beider Richtungen kennen. In der Tat werden die Vorstellungen z. B. auch von John Maynard Keynes bisweilen als neomerkantilistisch umschrieben. Auch aus diesen Gründen wollen wir diese Geschichte der Wirtschaftstheorie mit dem Merkantilismus beginnen.

 

 

 

2. Begriff  und Verbreitung des  Merkantilismus

 

Der Begriff ‚Merkantilismus‘ entstammt ursprünglich dem Lateinischen und ist von dem Wort ‚mercari = handelstreibend‘ abgeleitet. Als wohl erster hatte Marquis de Mirabeau 1763 vom Merkantilismus gesprochen und damit die damals vorherrschende Wirtschaftslehre angesprochen. Auch Adam Smith hatte stets von dem Merkantilismus gesprochen, wenn er sich gegen diese Lehren wandte. Später wurde dieser Begriff ganz allgemein verwandt, um die damals vorherrschende Lehre zu bezeichnen; während zunächst nur die Kritiker dieser Lehre (Mirabeau und Smith) von Merkantilismus sprachen, wurde dieser Begriff später auch von den Anhängern dieser Lehre verwendet.

 

Merkantilismus bedeutet somit eine politische Einflussnahme des Staates auf den Handel und die Produktion im Allgemeinen und den Außenhandel im Besonderen. Heutzutage wird dieser Begriff weitgehend gleichgesetzt mit Interventionismus des Staates jeglicher Art, welcher die privaten Wirtschaftseinheiten, vor allem aber die Unternehmungen zu beeinflussen sucht.

 

Der Merkantilismus in der Ausprägung, in welcher Adam Smith ihn bekämpfte, war die wirtschaftspo­litische Lehre des Absolutismus. Der Absolutismus war das vorherrschende Staatssystem ab dem ausgehen­den 16. bis 18. Jahrhundert und vor allem in Frankreich, aber auch in etwas schwächerer Ausgestaltung in England und in mehreren deutschen Kleinstaaten verbreitet. Hierbei entstand der Absolutismus zunächst in Frankreich und erreichte seinen Höhepunkt unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. und unter dem König Ludwig XV. Die Art und Weise, wie Ludwig XIV. regierte und in Versailles Hof hielt, wurde bald zum Vorbild für die übrigen Herrscher in Europa, so vor allem auch für den sächsischen König August den Starken.

 

Der absolutistische König strebte die alleinige Herrschaft in seinem Herrschaftsgebiet an. Ludwig der XIV.  soll einmal gesagt haben: ‚Der Staat, das bin ich‘  (L'État, c'est moi). Im Mittelalter und in der beginnenden Neuzeit hatte der jeweilige Herrscher seine Macht mit dem Adel und dem Klerus zu teilen, er wurde kontrolliert von den Ständeparlamenten, in denen Adel, Klerus und Bürger vertreten waren.

 

Die Stände­parlamente hatten hierbei vor allem das Recht der Steuerbewilligung. Sie konnten auf diesem Wege die Macht des Königs maßgebend beschneiden. Gleichzeitig war der König vor allem auch auf die Adligen angewiesen, da alle Tätigkeiten am Hof und auch im Krieg von den Adligen verrichtet wurden. Auf der einen Seite waren  zwar auf diese Weise die Adligen verpflichtet, für den König tätig zu werden und zwar dadurch, dass sie Söldner für die Kriegszüge der Könige stellten und andererseits am Hof die unterschiedlichsten Verrichtungen zu erledigen hatten, auf der anderen Seite hing jedoch der König auf diese Weise selbst wiederum von der Bereitschaft der Adligen zu kooperieren ab.

 

Diese Macht der Stände suchten nun die absolutistischen Herrscher zu brechen. Sie schufen hierfür ein stehendes Heer, sodass die Kriegsführung und ihr Erfolg nun nicht mehr davon abhing, wie viel streitfähige und ausgebildete Söldner von den Adligen bereitgestellt wurden. Gleichzeitig bauten sie ein Beamtentum auf, mit dessen Hilfe alle Aufgaben am Hofe erledigt werden konnten, der König war deshalb auch nicht mehr auf die Dienste der Adligen  am Hof angewiesen.

 

Auf diese Weise konnte der König seine knappen Ressourcen sehr viel effizienter als bisher einsetzen. Auf der einen Seite konnten für die einzelnen Aufgaben die jeweils befähigtsten Beamten eingesetzt werden. Die Tatsache, dass bestimmte Personen nun immer für dieselbe Aufgabe zur Verfügung standen, erhöhte auf der anderen Seite ihre Fähigkeiten um ein weiteres.

 

 

3. Die wichtigsten Vertreter des Merkantilismus

 

Wie bereits angedeutet, entstand der Merkantilismus in Frankreich und war auch hier am weitesten verbreitet. Ein Vorläufer des französischen Merkantilismus war Jean Bodin, Jurist und Naturrechts­philosoph, welcher von 1530 – 1596 lebte. Er hatte auch schon die zentrale Bedeutung einer aktiven Handelsbilanz für die Wohlfahrt einer Nation erkannt, ein Hauptanliegen des französischen Merkantilismus.

 

Hauptvertreter des Merkantilismus in Frankreich war aber Jean Baptiste Colbert, der von 1619 – 1683 lebte und längere Zeit als Finanzminister Ludwig XIV. tätig war. Das Ziel einer aktiven Handelsbilanz sollte nach seinen Vorstellungen durch eine entsprechende protektionistische Zollpolitik erreicht werden. So erhöhte Colbert die Einfuhrzölle, während er auf der anderen Seite die Ausfuhr mit allen Mitteln zu fördern suchte. Der Stärkung des Außenhandels diente der Aufbau einer französischen Handelsflotte. Colbert unterstrich auch bereits die Bedeutung der Kolonien für das französische Wirtschaftssystem.

 

Die Ziele des Merkantilismus sollten nach Colbert aber nicht nur durch Förderung des Außenhandels erreicht werden. Colbert verfolgte auch das Ziel, die heimische Produktion durch Vergabe von Monopolen, weiterhin durch Qualitätskontrollen, Schutzmaßnahmen und staatliche Zuschüsse zu fördern. Diese Maßnahmen waren für den französischen Merkantilismus so typisch, dass in der Folgezeit in Frankreich auch einfach vom ‚Colbertismus‘ gesprochen wurde.

 

In England wurden die merkantilistischen Vorstellungen vor allem von William Petty, einem britischen Ökonom und Statistiker vertreten, welcher von 1623 – 1687 lebte. Historisch gesehen führte er eine der ersten ökonometrischen Untersuchungen über Irland durch. Er gilt auch als Vorläufer der klassischen Nationalökonomie und vertrat einen nur gemäßigten Merkantilismus. Bei ihm finden sich auch erste Ansätze für die Arbeitswerttheorie, die später dann im Mittelpunkt der Analysen David Ricardos stand. Es war auch Petty, welcher die statistischen und demographischen Methoden in die ökonomische Analyse eingeführt hatte.

 

In Deutschland schließlich entstand – vor allem aufgrund einer politischen Kleinstaaterei – eine ganz besondere Spielart des Merkantilismus. Hier standen weniger Fragen des Außenhandels als vielmehr der effizienten Ausgestaltung der staatlichen Verwaltung im Vordergrund und diese politische Auseinandersetzung brachte eine Fülle von Verwaltungsliteratur hervor. So hatte Joseph Schumpeter davon gesprochen, dass in England Kaufleute für Kaufleute, in Deutschland hingegen Professoren und Beamte für Beamte schrieben. Besondere Bedeutung erlangte unter den Kameralisten Johann Peter Süßmilch, Feldprediger Friedrich des Großen mit seiner Schrift über ‚die göttliche Ordnung in den Verhältnissen des menschlichen Geschlechts‘, welche den Beginn einer Bevölkerungslehre markierte. Auch der Mainzer Professor Johann Joachim Becher erreichte unter den Kameralisten größere Bedeutung, indem er bereits zwischen Monopolen (Monopolium) und Wettbewerb (Polypolium) unterschied und damit den Beginn der Marktformenlehre einleitete.

 

Trotz eines einheitlichen Namens unterscheiden sich die merkantilistischen Arbeiten in den einzelnen Ländern beachtlich. Zwar bemühen sich alle Merkantilisten darum, ihren Herrschern Ratschläge für eine kluge Wirtschaftspolitik zu geben, trotzdem ist es schwierig, einen gemeinsamen Nenner für diese Arbeiten zu finden. Nur in der einen Frage der maßgeblichen Bedeutung der Edelmetalle Gold und Silber für das Gedeihen der Volkswirtschaft waren sich alle Merkantilisten einig. Ein Land muss bemüht sein, die Edelmetalle im Land zu behalten oder wenn es über keine eigenen Gold- und Silberminen verfügt, diese durch Außenhandel (und zwar durch eine aktive Handelsbilanz) ins Land zu ziehen.

 

 

 

4. Die Philosophie des Merkantilismus

 

In nahezu allen Abhandlungen der Vertreter merkantilistischer Thesen klingt eine Grundüber­zeugung durch: Der Vorteil des einen (Landes) gerät zum Nachteil des anderen (Landes). Man könnte zunächst diese Beziehung in moralischer Sicht deuten. Man ist danach berechtigt, nach dem eigenen Vorteil zu trachten, selbst dann, wenn dadurch der jeweils andere einen Nachteil erleidet. Dies mag nach christlicher Überzeugung als amoralisch und deshalb unerwünscht angesehen werden, da die christliche Moral dort eine Grenze für Eigennutzstreben zieht, wo ein anderer aufgrund der eigenen Handlungen Schaden nimmt.

 

Die merkantilistische Philosophie geht jedoch einen Schritt weiter und interpretiert die Aussage: ‚der Vorteil des einen ist der Nachteil des anderen‘ nicht nur in moralischer Sicht. Sie versteht in dieser Aussage eine explikative Aussage in dem Sinne, dass gar keine andere Beziehung zwischen zwei Partnern möglich ist. Immer dann, wenn eine Aktivität zum Vorteil des einen gereicht, erleidet ein anderer stets Nachteile. Entweder schade ich dem andern oder er schadet mir. Eine andere Alternative wird gar nicht gesehen. In dieser Welt gilt auch für die zwischenmenschlichen Beziehungen das Naturgesetz des ‚Fressens oder des Gefressenwerdens‘.

 

Betrachten wir diese merkantilistische Grundüberzeugung etwas genauer, in dem wir von einer Matrix ausgehen, welche alle denkmöglichen Alternativen auflistet, die einer handelnden Person offenstehen. Wir können – wenn wir Vorteil und Nachteil zum Einteilungskriterium nehmen – zwischen fünf denkmöglichen Alternativen unterscheiden.

 

Alternative 1 und 2: Es wäre durchaus denkbar, dass bestimmte offenstehende Alternativen dem jeweils Handelnden gar keinen Vorteil bringen (Alternative 1), ja unter Umständen andelnden

sogar Schaden verursachen (Alternative 2). Es ist hierbei irrelevant, wie sich die Situation der Partner verändert: Diese kann unberührt bleiben, Vorteile, aber auch Schaden bringen.

 

Es ist klar: Eine Person, welche ihren Nutzen zu maximieren versucht, wird solche Alternativen nicht ergreifen, auch wird niemand, der nicht von altruistischer Haltung geprägt ist, den Rat geben, solche Alternativen vorzunehmen.

 

Alternative 3: Es sind weiterhin Alternativen denkbar, welche dem jeweils Handelnden Vorteile bringen (vielleicht auch nur in Aussicht stellen), ohne dass aber die Lage der jeweils anderen berührt wird. Es wird wohl niemand geben, welcher von einer solchen Alternative abrät. Auch demjenigen, welcher durchaus die Interessen der Mitmenschen respektiert, wird diese Alternative im Allgemeinen als erwünscht gelten.

 

Alternative 4: Wir betrachten nun die Alternativen, welche dem Handelnden genauso wie bei Alternative 3 Vorteile versprechen, gleichzeitig aber bei irgendwelchen Mitmenschen Schaden verursachen. Es ist klar. Hier scheiden sich die Geister: Während der Merkantilist ganz eindeutig eine solche Alternative für berechtigt und auch erwünscht ansieht, kommt eine christlich geprägte Moral zu einer Ablehnung. Natürlich wird auch hier nicht abgelehnt, dass es solche Alternativen gibt und dass ein Großteil der Menschen solche Alternativen für berechtigt ansieht.

 

Alternative 5: Es verbleiben schließlich diejenigen Alternativen, bei denen alle Beteiligten Vorteile erlangen. Es ist klar, dass in diesen Fällen von wohl allen Standpunkten aus solche Alternativen als in hohem Maße erwünscht gehalten werden.

 

Natürlich wäre auch eine weitere Alternative denkbar, bei der dem Vorteil des Handelnden unterschiedliche Wirkungen bei Dritten festzustellen sind: Einigen schadet die Handlung, andere erfahren ebenfalls Vorteile, eine dritte Gruppe bleibt hiervon unberührt. Wir können allerdings solche Möglichkeiten den bereits besprochenen Alternativen 3, 4 und 5 zuordnen. Eine Handlung umfasst in diesem Falle – im Hinblick auf die Wirkungen auf andere – mehrere Alternativen, stellt also einen Mix aus den übrigen Alternativen dar.

 

Der wesentliche Unterschied zwischen Merkantilisten und anderen Richtungen besteht nun darin, dass sich der Merkantilismus von den anderen Lehrmeinungen nicht nur darin unterscheidet, wie die einzelnen Handlungsweisen moralisch beurteilt werden. Der Merkantilismus leugnet darüber hinaus im Gegensatz zu anderen Richtungen, dass es in der realen Welt überhaupt Alternativen gibt, welche nicht der Kategorie 4 zuzuordnen sind. Der Vorteil des einen ist (fast) immer mit einem Nachteil eines anderen verbunden. Dies bedeutet, dass nach merkantilistischer Sichtweise Kategorie 4 100% der Alternativen enthält, während alle anderen Kategorien leer sind.

 

Wir müssen uns nun fragen, aufgrund welcher Erkenntnisse denn der Merkantilismus zu dieser pessimistischen Sicht gelangt ist, widerspricht diese Überzeugung nicht unseren alltäglichen Erfahrungen? Stellen wir in unserem Leben nicht fest, dass zumindest ein Teil der möglichen Alternativen durchaus mehreren Menschen gleichzeitig nützt?

 

Die Antwort auf diese Frage finden wir in der Betrachtung der Handelsbilanz. Die Handelsbilanz eines Landes stellt alle Einnahmen und Ausgaben zusammen, welche aus dem Handel mit anderen Volkswirtschaften erwachsen. Auf der linken Seite der Bilanz tragen wir alle Einnahmen aus den Handelsbeziehungen mit anderen Ländern ein, auf der rechten Seite hingegen alle Ausgaben, welche aus den außenwirtschaftlichen Beziehungen erwachsen.

 

Anstelle der Handelsbilanz hätten wir auch die Leistungsbilanz oder sogar die Zahlungsbilanz wählen können. Die Leistungsbilanz geht von der Handelsbilanz aus und umfasst darüber hinaus die Erlöse und Ausgaben aus dem Transfer von Dienstleistungen und unentgeltlichen Leistungen. In der Zahlungsbilanz schließlich werden restlos alle Zahlungsströme aus den außenwirtschaftlichen Beziehungen in die Betrachtung einbezogen, also ausgehend von der Leistungsbilanz zusätzlich der kurz- und langfristige Kapitalverkehr einschließlich des Devisen­handels berücksichtigt. Dass der Merkantilismus in aller Regel von der Handels- und nicht von der Leistungsbilanz ausging, hing einfach damit zusammen, dass dem Leistungsverkehr im internationalen Handel noch keine größere Bedeutung zukam. Die Zahlungsbilanz schließlich eignet sich für unsere Betrachtungen weniger, einfach deshalb, weil eine Zahlungsbilanz ex definitione immer ausgeglichen ist.

 

Im Allgemeinen werden die Importe aus den Devisenerlösen bezahlt, welche aufgrund des Exportes von Waren erzielt werden. Wären die Wertsummen des Exportes und des Importes gleich groß, könnten alle Importe aus den Devisenerlösen im Zusammenhang mit den Exporten bezahlt werden.

 

Außenwirtschaftliche Transaktionen können aber auch immer mit Gold, also der offiziellen internationalen Währung der damaligen Zeit bezahlt werden. Zu diesem Schritt sehen sich die Importeure veranlasst, wenn die Devisenerlöse aus den Exporten nicht ausreichen, um alle beabsichtigten Importe zu bezahlen. Der Importeur kann prinzipiell seine Importe immer mit beiden Zahlungsformen begleichen. Ob er mit Devisen oder mit Gold bezahlt, hängt allein davon ab, ob Devisen oder Gold einen geringeren Preis erzielen. Immer dann, wenn weniger exportiert als importiert wird, steigen die Devisenkurse mit der Folge, dass ab einem bestimmten Preis der Ankauf von Gold billiger wird und es sich für den Importeur lohnt, mit Gold zu zahlen. Man nennt diesen Preis einer Devise deshalb auch Goldpunkt.

 

Der Importwertsumme entspricht in diesem Falle ex definitione die Summe aus Devisenerlösen plus der Bezahlung mit Gold, welche automatisch zu einem Gold-Export führen muss.

 

Umgekehrt gilt natürlich dass dann, wenn die Exportwertsumme die Importwertsumme übersteigt, für die Exporte nicht mehr ausschließlich Devisen vereinnahmt werden, sondern dass Exporte zum Teil zu Golderlösen und damit zu Gold-Importen führen. Auch hier gilt, dass im Falle eines Exportüberschusses die Summe aus Devisenerlösen und Goldimporten der Exportwertsumme entspricht. Beide Seiten der Zahlungsbilanz sind deshalb auch immer – in jedem Augenblick – ex definitione ausgeglichen, wenn neben den Erlösen aus dem Warentransfer auch der Goldtransfer in die Betrachtung einbezogen wird.

 

Betrachten wir nun zusätzlich die Handelsbilanz der Länder, welche mit uns Außenhandel betreiben. Ex definitione entspricht die Importwertsumme unserer Volkswirtschaft der Exportwertsumme aller unserer Handelspartner. Diese Beziehung ergibt sich einfach daraus, dass die gleiche Ware, die unser Land verlässt, die also exportiert wird, von einem unserer Handelspartner importiert wird, sodass also beide Wertsummen übereinstimmen müssen, beziehen sie sich doch auf ein und dieselben Güter. Gleiches gilt natürlich mutatis mutandis auch für die Exportwertsumme unseres Landes. Auch diese entspricht aus den gleichen Gründen der Importwertsumme der ausländischen Volkswirtschaften, mit denen wir Außenhandel betreiben. 

 

 

 

 

Aus diesen Überlegungen folgt nun, dass ein Exportüberschuss des eigenen Landes immer begleitet wird von einem gleichgroßen Importüberschuss unserer Handelspartner. Wenn wir nun einen Export­überschuss anstreben, so ist dies gleichbedeutend damit, dass bei Erfolg dieser Anstrengungen automatisch das Ausland insgesamt gegenüber unserer Volkswirtschaft einen gleichgroßen Importüberschuss erzielen muss.

 

Im Allgemeinen sprechen wir von einer aktiven Handelsbilanz einer Volkswirtschaft, wenn diese einen Exportüberschuss aufweist, umgekehrt weist ein Land eine passive Handelsbilanz auf, wenn die Importwertsumme die Exportwertsumme übersteigt.

 

Wenn wir nun unterstellen, dass die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft ceteris paribus steigt, je höher der Exportüberschuss ist und dementsprechend sinkt, je höher der Importüberschuss ist, können wir daraus automatisch den Kernsatz des Merkantilismus ableiten: Es ist erstrebenswert, eine aktive Handelsbilanz zu erzielen, dies bedeutet jedoch automatisch, dass das Ausland gegenüber unserer Volkswirtschaft eine passive Handelsbilanz erzielt, was entsprechendes dieser Vorstellungen einem Wohlfahrtsverlust im Ausland gleichkommt.

 

Wir müssen nun nur noch abschließend klären, warum denn die Merkantilisten davon ausgingen, dass eine aktive Handelsbilanz in jedem Falle für eine Volkswirtschaft erwünscht ist. Widerspricht diese Vorstellung nicht dem Augenschein? Wenn wir mehr Importgüter vom Ausland erhalten als wir selbst ins Ausland exportieren, vermehren wir doch unseren Reichtum, je mehr Waren wir für eine Exporteinheit erhalten, umso besser geht es uns doch?

 

Diese Betrachtung wäre allerdings zu oberflächlich. Wenn uns das Ausland mehr Waren zur Verfügung stellt als wir im Austausch dafür dem Ausland Waren liefern, erhalten wir diesen Warenüberschuss ja nicht geschenkt, wir müssen ihn mit Gold bezahlen, verlieren also durch den Goldexport wiederum Wohlfahrt.

 

Trotzdem kann festgestellt werden, dass zumindest für einen Teil der einheimischen Unternehmer eine aktive Handelsbilanz wegen ihrer unmittelbaren Folgen höchst unerwünscht ist. Überwiegen nämlich die Exporte die Importe, dann werden auch mehr Devisen vereinnahmt als wir zur Bezahlung der Importe benötigen. Dies bedeutet auf einem freien Devisenmarkt, dass auch das Angebot an Devisen die Nachfrage übersteigt mit der Folge, dass der Devisenkurs fällt.

 

Dies ist wiederum ex definitione gleichbedeutend damit, dass der Wert unserer eigenen Währung steigt. Gleichzeitig stehen die einheimischen Unternehmer in verstärkter Konkurrenz mit den ausländischen Unternehmungen, da diese nun in Währung unseres Landes berechnet einen geringeren Preis verlangen können, um den im Ausland geltenden Dollarpreis zu erhalten. Mit anderen Worten: Bei einer aktiven Handelsbilanz verschärft sich der internationale Wettbewerb, die einheimischen Unternehmer laufen nun Gefahr, dass sie wegen erhöhter Konkurrenz in Zukunft insgesamt weniger exportieren können. Gleichzeitig stehen die inländischen Unternehmer einer stärkeren Konkurrenz aus dem Ausland gegenüber. Warum soll dies aus der Sicht der gesamten Volkswirtschaft ein Vorteil sein?

 

Die Antwort liegt natürlich darin, dass der absolutistische Herrscher seine Ziele nur dann erreichen kann, wenn die Volkswirtschaft blüht. Die Ziele des Absolutismus können nämlich, wie wir im nächsten Abschnitt zeigen werden, nur dann verwirklicht werden, wenn der Staat seine Einnahmen vergrößert, also höhere Steuern erheben kann und selbstverständlich steigt die Aussicht auf erhöhte Steuereinnahmen in dem Maße, in dem auch die gesamte Volkswirtschaft wächst. Nach Vorstellung der Merkantilisten hängt jedoch das Wachstum der Volkswirtschaft selbst wiederum davon ab, ob die Volkswirtschaft mit ausreichendem Geld versorgt wird. Wir hatten zur Zeit des Absolutismus eine Goldwährung und Frankreich war ein Land, das damals über keine größeren eigenen Goldminen verfügte, sodass die Goldmenge vorwiegend nur aufgrund einer aktiven Handelsbilanz vergrößert werden konnte. Wir werden uns weiter unten noch mit diesen geldtheoretischen Lehren des Merkantilismus kritisch auseinandersetzen. An dieser Stelle reicht es, aufgezeigt zu haben, weshalb nach merkantilistischer Sicht eine aktive Handelsbilanz für das Wohlergehen einer Volkswirtschaft unerlässlich ist und weshalb somit der Vorteil des einen Landes immer einhergeht mit dem Nachteil eines oder mehrerer anderer Länder.

 

Abschließend wollen wir festhalten, dass der Merkantilismus als eine Lehre angesehen werden muss, welche den Vorteil einer Nation als Ergebnis von Konflikten zwischen den Volkswirtschaften ansieht. Wir werden in einem der nächsten Kapitel sehen, dass der Liberalismus dieser Vorstellung vehement widersprach und die Meinung verteidigte, dass ganz im Gegensatz hierzu harmonische Beziehungen zwischen den einzelnen Nationen bestehen, sofern man bereit ist, die merkantilistische Reglementierung des Außenhandels durch den Staat aufzugeben und Freihandel zuzulassen, der durch keinerlei Zölle und andere Maßnahmen behindert wird. Wir werden uns allerdings erst dann diesem Vergleich widmen können, wenn die Grundzüge des Liberalismus dargelegt wurden. Wir werden dann auch sehen, dass die Unterschiede zwischen beiden Weltbildern etwas komplizierter sind, als dass man das eine Weltbild nur als Konfliktmodell und das andere nur als Harmonie-Modell charakterisiert.

 

 

5. Zielhierarchie

 

Die unterschiedlichen Ziele und Maßnahmen, die unter dem Stichwort des Merkantilismus zusammengefasst werden, können nun in einer eindeutigen und übersichtlichen Zielhierarchie aufgeführt werden.

 

Auf der ersten, obersten Zielebene steht das Ziel des absolutistischen Herrschers, unabhängig (absolut) zu werden und die bestehenden feudalen Kontrollen seitens der Stände und des Ständeparlaments abzuschütteln. Diesem Ziel lassen sich alle anderen Ziele und Maßnahmenkomplexe des Merkantilismus unterordnen.

 

Diesem Ziel dienen auf der zweiten Zielebene unmittelbar die Bildung eines stehenden Heeres sowie die Etablierung eines Beamten­apparates. Über ein stehendes Heer kann der Herrscher jeder Zeit verfügen, er ist dann nicht mehr auf das Wohlwollen und natürlich auch nicht auf die Fähigkeit der eigenen Vasallen angewiesen, ein eigenes Herr zu rekrutieren. Gleichzeitig kann der Herrscher auch unmittelbar dafür sorgen, dass dieses Heer auf dem neuesten Stand der Ausrüstung und Kriegstechnik steht.

 

Verfügt der absolutistische Herrscher weiterhin über einen etablierten permanent arbeitenden Beamten­apparat, so ist er wiederum auch in diesen Fragen nicht mehr auf die Dienste des Adels angewiesen, er selbst kann dafür sorgen, dass seine Beamten ausreichend für ihre Aufgaben ausgebildet werden und dass jeweils die für eine bestimmte Aufgabe fähigsten Beamten ausgewählt werden.

 

Die Kehrseite dieser Vorzüge besteht allerdings darin, dass sowohl die Bildung eines stehenden Heeres als auch die Einführung eines permanent tätigen Beamtenapparates dem Herrscher hohe Kosten verursacht, die er bisher im Rahmen der feudalen Ordnung auf seine untergegebenen Vasallen weitgehend abwälzen konnte.

 

Es entwickelte sich deshalb auf einer dritten Zielebene das Bedürfnis, neue Steuern zu erheben. In der bisherigen feudalen Ordnung gab es mit wenigen Ausnahmen vor allem direkte Steuern, die als Abgaben auf Grund und Boden erhoben wurden, wobei der Herrscher Grundstücke als Lehen seinen Untertanen zur Verfügung gestellt hatte und ihm das Recht gab, einen Teil der Erträge als periodische Abgaben zu verlangen. Allerdings hatten sich die Ständeparlamente in einer langjährigen Auseinandersetzung mit dem Herrscher das Recht erkämpft, dass direkte Abgaben auf Grund und Boden vom Ständeparlament genehmigt werden mussten.

 

Damit stand es von vornherein fest, dass der Herrscher sicherlich nicht dadurch sein Ziel erreichen konnte, dass er Heer und Beamten aus Steuern finanzierte, welche von eben diesen Ständen, deren Kontrollen abgeschüttelt werden sollen, bewilligt werden mussten. Also bedurfte es der Einführung neuer Steuerarten, welche auch nicht vom Ständeparlament eigens genehmigt werden mussten. Dies waren alle indirekten Steuern auf den Waren-Umsatz bzw. Zölle auf Ein- oder Ausfuhren. Da die industrielle Produktion und ein weitverzweigter Handel mit Waren erst in der Neuzeit  entstanden, hatten die Stände auch noch nicht das Recht über indirekte Steuern ebenfalls zu entscheiden.

 

Das Steueraufkommen hängt jedoch nun unmittelbar davon ab, dass auch viele Waren produziert und gehandelt wurden, auf die dann der Staat eine Umsatzsteuer oder Zölle erheben konnte. Der Staat konnte somit sein Ziel einer Ausweitung des Steueraufkommens zur Finanzierung von Heer und Beamtentum nur dann erreichen, wenn er gleichzeitig dafür Sorge trug, Produktion und Handel auszuweiten. Der Staat war also auf einer vierten Zielebene gezwungen, Anreize zur Ausweitung der Produktion und des Handels zu gewähren.

 

Zu diesem Zweck vergab der Herrscher an willige Kaufleute sogenannte Monopole, also Rechte, bestimmte Rohstoffe oder Waren als einzige in einem Gebiet produzieren und vertreiben zu dürfen. Diese Unternehmungen wurden oftmals darüber hinaus durch staatliche Subventionen (Zuschüsse) begün­stigt.

 

Nun hängt das wirtschaftliche Wachstum einer Volkswirtschaft nicht nur davon ab, ob das Land über ausreichende Unternehmerpersönlichkeiten verfügt, welche das technische know how zur Produktion dieser Güter besitzen und gleichzeitig die bei fast jeder Produktion entstehenden Risiken zu tragen bereit sind. Ein reibungsloses wirtschaftliches Wachstum kann nur dann garantiert werden, wenn eine Volkswirtschaft auch mit ausreichendem Geld versorgt ist. Denn die Geldmenge bestimmt nach der Quantitäts­gleichung, welche auch schon einigen Merkantilisten  bekannt war, das Preisniveau. Reicht die Geldmenge nicht aus, um das produzierte Warenangebot abzunehmen, sinken die Preise und damit verlören die Unternehmer die Möglichkeit und den Anreiz, die Produktion auch für die Zukunft aufrechtzuerhalten.

 

Die in der Zeit des Absolutismus geltende Geldwährung bestand vorwiegend aus Gold. Der Staat hatte somit zur Aufrechterhaltung eines wirtschaftlichen Wachstums auf einer fünften Zielebene einen unmittelbaren Bedarf, die Menge an Gold möglichst auszuweiten, auf jeden Fall nicht zu verringern. Hier kommt nun das bereits im vorhergehenden Abschnitt behandelte Ziel einer aktiven Handelsbilanz ins Spiel. Der Staat strebt eine aktive Handelsbilanz an, um auf diese Weise die zirkulierende Geldmenge auszuweiten und damit das wirtschaftliche Wachstum aufrecht zu erhalten. Da der französische Staat zurzeit Ludwig des XIV. über keine größeren Goldminen und damit auch nicht über eine eigene nationale Goldproduktion verfügte, war er darauf angewiesen, dass die Handelsbilanz möglichst aktiv blieb und dass somit ein Teil der exportierten Waren mit Gold bezahlt wurden.

 

Der Außenhandel wurde vom merkantilistischen Staat allerdings nicht nur deshalb gefördert, um eine ausreichende Geldversorgung zu garantieren, sondern darüber hinaus auch deshalb, weil der Staat durch Erhebung von Zöllen seine Einnahmen vergrößern konnte.

 

Allerdings steht das Ziel eines möglichst großen Zollaufkommens in einem gewissen Widerspruch zu dem Ziel, eine aktive Handelsbilanz zu erreichen. Je mehr nämlich die Exporte die Importsumme übersteigen und damit die Importwertsumme sinkt und die Handelsbilanz aktiv wird, umso weniger erzielt der Staat zusätzliche Einnahmen aus Importzöllen. Nun könnte natürlich der Staat auch auf Exporte Zölle erheben und wie wir weiter unten noch sehen werden, erhob der merkantilistische Staat in der Tat auch Exportzölle, allerdings – wie wir noch sehen werden – nur auf sehr spezielle Exporte, die sich vorwiegend auf Rohstoffe beschränkten.

 

 Im Hinblick auf den Export von Waren versuchte der merkantilistische Staat sogar Prämien zu gewähren, um auf diese Weise den einheimischen Unternehmungen neue Absatzmärkte im Ausland zu eröffnen. Gleichzeitig führte der Staat Importzölle nicht nur deshalb ein, um auf diesem Wege zusätzliche Einnahmen zu erzielen, sondern auch deshalb, um die einheimischen Unternehmungen vor ausländischer Konkurrenz zu schützen.

 

Der Staat versprach sich auf diesem Umwege zusätzliche Einnahmen für den Fall, dass auf diese Weise die Produktion der einheimischen Unternehmungen ausgeweitet werde und aufgrund der Produktion wiederum neue Steuereinnahmen aus Umsatz- und Verbrauchssteuern anfielen. Der Staat musste also einen gewissen Kompromiss schließen um die Aktivierung der Handelsbilanz nicht zu stark ansteigen zu lassen, weil sonst die Zolleinnahmen automatisch zurück­gegangen wären. Das Ziel einer ausreichenden Geldversorgung stand also in einem gewissen Konflikt mit dem Ziel möglichst hoher Zoll-Einnahmen aus dem Außenhandel.

 

 

6. Die geldtheoretischen Grundlagen

 

Ich hatte bereits darauf hingewiesen, dass zumindest einige der merkantilistischen Schriftsteller geldtheore­tische Zusammenhänge erkannt hatten, die dann später bei den Klassikern in die sogenannte Quantitäts­theorie und Quantitätsgleichung Eingang gefunden haben.

 

Die Quantitätsgleichung stellt eine Beziehung zwischen dem Wert des sich im Umlauf befindenden Geldes und dem Wert der gehandelten Waren her. Der Wert des Geldes wird hierbei durch die im Umlauf befindende Geldmenge (G) multipliziert mit der Umlaufsgeschwindigkeit (U) bestimmt, also der Größe, die angibt, wie oft innerhalb einer Periode ein- und dasselbe Geldstück im Durchschnitt für den Kauf von Waren eingesetzt wird. Der Wert der gehandelten Waren hingegen entspricht dem Produkt aus realer Gütermenge (H auch als Handelsvolumen bezeichnet) und durchschnittlichem Preisniveau der gehandelten Waren (P).

 

In jeder Periode muss der Wert des Handelsvolumens dem Wert des Geldes entsprechen, stellen sie doch einfach nur zwei Seiten desselben Kaufaktes dar. Der Geldwert gibt an, welche Geldmenge zum Kauf der Waren ausgegeben wird, während der Warenwert angibt, welchen Erlös der Anbieter dieser Waren erhält. Selbstverständlich sind beide Größen identisch, es wird der Tauschakt einmal aus der Sicht des Nachfragers und einmal aus der Sicht des Anbieters betrachtet. Es gilt also die Gleichung:

 

G * U = P * H

 

 

Wenn wir nun davon ausgehen, dass die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes von den zumindest kurzfristig konstant bleibenden Zahlungssitten abhängt und deshalb ebenfalls konstant und vorgegeben ist, dass weiterhin ebenfalls das Warenangebot kurzfristig als konstant und vorgegeben angesehen werden kann, hängt es notwendiger Weise von der Geldmenge ab, welcher Warenpreis sich einstellt. Reicht z. B. die vorhandene Geldmenge zusammen mit ihrer Umlaufsgeschwindigkeit nicht aus, das Warenangebot zu kaufen, sinkt der Preis der Güter solange, bis dann mit der vorhandenen Geldmenge das gesamte Angebot aufgekauft werden kann.

 

Gehen wir nun davon aus, dass der absolutistische Herrscher den Warenumsatz vergrößern lassen will, weil er nur so zu den erhofften zusätzlichen Steuereinnahmen gelangt, muss er dafür Sorge tragen, dass die Geldmenge ebenfalls in entsprechendem Umfang ausgeweitet wird. Da offensichtlich nur das Gold als Geld anerkannt wird und Frankreich nur über eine aktive Handelsbilanz seine Goldvorräte vergrößern konnte, ergibt sich aus diesem Zusammenhang folgerichtig die Forderung nach aktiver Handelsbilanz.

 

Zu fragen bleibt allerdings, warum es denn Gold sein muss, um  die Geldmenge auszuweiten, warum man zu der damaligen Zeit nicht einfach die Geldmenge dadurch ausweitete, dass der Staat oder eine vom Staat beauftragte Notenbank die erforderliche Geldmenge in Form von Banknoten zur Verfügung stellte?

 

Gerade weil wir feststellen konnten, dass zumindest einige Merkantilisten über die quantitätstheoretischen Zusammenhänge Bescheid wussten, hätte man eigentlich erwarten müssen, dass sie auch realisieren, dass der Wert des Geldes bei gegebener Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes und gegebenem Handelsvolumen einzig und allein von der umlaufenden Geldmenge abhängt. Hieraus hätte man eigentlich den Schluss ziehen  können, dass der Geldwert eben nicht primär durch seinen Edelmetallgehalt, sondern allein durch die Menge des umlaufenden Geldes bestimmt wird.

 

Warum war diese Einsicht den Merkantilisten verbaut? Man ging offensichtlich von der Vorstellung aus, dass die privaten Tauschpartner nur auf den Wert des Geldes vertrauten, wenn sie gegebenenfalls das Geld auch als Ware verkaufen könnten. Der Warenwert des Geldes entspricht dem Edelmetallgehalt und wird nach Meinung der Merkantilisten deshalb von der Bevölkerung akzeptiert, während der Warenwert einer Banknote nur einen kleinen Bruchteil des nominellen Geldwertes ausmacht.

 

Nun wissen wir aber, dass die heutige Bevölkerung in allgemeinen Zeiten sehr wohl Banknoten und auch Giralgeld akzeptiert. Der Grund liegt vor allem darin, dass der Staat das Papiergeld zum offiziellen Geld erklärt hat und dies bedeutet, dass jeder, der seine Schulden mit diesem staatlich garantierten Geld begleicht, diese Schulden endgültig getilgt hat. Kein Gläubiger hätte vor Gericht Erfolg, wenn er die Annahme von Papiergeld verweigern würde und darauf bestehen würde, dass die Schulden in einer anderen, angeblich härteren Währung beglichen werden. Es reicht also aus, dass der Staat diese Garantie (dass Schulden als endgültig getilgt angesehen werden, wenn mit diesem Geld bezahlt wurde) abgibt, um Vertrauen in dieses Geld zu schaffen.

 

 

 

7. Das zollpolitische Instrumentarium des Merkantilismus

 
Wir wollen uns zum Abschluss noch etwas ausführlicher mit dem zollpolitischen Instrumentarium des Merkantilismus beschäftigen. Dieses Instrumentarium zählt sicherlich zu den am meisten durchdachten Maßnahmenkomplexen des Merkantilismus. Dieses Instrumentarium dient wie bereits gezeigt zweierlei Zielsetzungen. Auf der einen Seite geht es darum, dem Staat zusätzliche, von den Ständeparlamenten nicht zu kontrollierende Einnahmen zu beschaffen. Auf der anderen Seite will der Staat auf diesem Wege aber auch für die inländischen Unternehmungen neue Absatzmärkte eröffnen. Hierbei gilt, dass die Importzölle dazu dienen, zu verhindern, dass die inländischen Unternehmungen im Inland ausländischer Konkurrenz ausgesetzt sind. Gleichzeitig erleichterte der Staat durch Gewährung von Exportprämien inländischen Unternehmungen den Zugang zu ausländischen Märkten und zwar dadurch, dass inländische Unterneh­mungen in der Lage waren, ihre Waren im Ausland auch unter Kosten zu verkaufen.

 

Hierbei werden Fertigprodukte anders behandelt als Rohstoffe. Während der Staat bestrebt war, den Warenimport über Erhebung von Importzöllen zu drosseln, ging es darum, zur gleichen Zeit den Export von Rohstoffen soweit wie möglich durch Exportzölle zu unterbinden. Frankreich zählte zu den Ländern, die nur in geringem Maße im Inland über Rohstoffe verfügten und die auch während der Zeit der Hochblüte des Merkantilismus noch nicht über ausreichend Kolonialstaaten in Afrika, Amerika oder Asien verfügt haben, aus denen dann die benötigten Rohstoffe bezogen werden konnten. Sie waren also darauf angewiesen, dass die wenigen zur Verfügung stehenden Rohstoffe den inländischen Unternehmungen vorbehalten blieben. Diese Politik wurde dadurch ergänzt, dass für den Import knapper Rohstoffe vom Staat Prämien gewährt wurden, genauso wie für den Export von Waren Prämien ausgezahlt wurden.

 

Diese Politik mag zu Beginn der merkantilistischen Phase durchaus Erfolg gehabt haben. Man muss sich jedoch darüber klar werden, dass eine solche protektionistische Politik nur solange Erfolg haben kann, solange nur ein einzelner Staat diese Politik verfolgt. Damit ist jedoch auf Dauer nicht zu rechnen. Auf Dauer werden die negativ betroffenen Staaten reagieren, sie müssen schon deshalb reagieren, weil kein Staat auf Dauer eine passive Handelsbilanz aufweisen kann. Solange nämlich die Handelsbilanz negativ ausfällt, fließen Gold bzw. harte Devisen ab und kein Land hat unbegrenzte Gold- oder auch Devisenvorräte.

 

Vor allem dann, wenn keine währungspolitischen Maßnahmen (Abwertungen) möglich sind, werden die meisten Staaten auf ‚feindliche‘ Importzölle damit reagieren, dass sie ihrerseits Zölle auf den Import derjenigen Staaten erheben, welche mit dieser Zollpolitik begonnen haben. Es bricht ein Zollkrieg aus und diese wechselseitige Zollerhebung und deren Erhöhung haben zwei verhängnisvolle Folgen. Sie machen erstens die Anfangserfolge der einseitigen Zollerhebung rückgängig, die terms of trade verschieben sich wieder in Richtung der Preisverhältnisse vor Beginn dieser Zollpolitik. Somit waren die Maßnahmen auf jeden Fall langfristig umsonst.

 

Schwerer wiegt jedoch der Umstand, dass jede Zollerhebung – gleichgültig ob sie vom eigenen Land oder von den ausländischen Regierungen ausgeht – zu einer Reduzierung des absoluten Handelsvolumens führt. Da aber die Wohlfahrt eines Landes entscheidend davon abhängt, in welchem Umfang eine internationale Arbeitsteilung stattfindet, schadet diese Politik auf lange Sicht allen am Zollkrieg beteiligten Nationen.

 

Handelsverträge zwischen verschiedenen Volkswirtschaften verfolgen im Allgemeinen den Zweck, den internationalen Handel durch beiderseitigen Abbau der Handelsbeschränkungen zu beleben. Gerade das entgegengesetzte Ziel lässt sich bei den Handelsverträgen feststellen, welche von merkantilistisch beeinflussten Staaten abgeschlossen wurden. Typisch für solche den Handel unterbindende Verträge war der Methuen-Vertrag, den England und Portugal im Jahre 1703 abgeschlossen haben. Dieser Vertrag verfolgte vorwiegend den Zweck, Warenimporte aus Frankreich möglichst zu verhindern.