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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

 

11. Neoliberalismus

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Vertreter

3. Konstituierende Prinzipien

4. Regulierende Prinzipien

5. Instabilität von Mischsystemen

6. Das Prinzip der Marktkonformität

7. Interdependenz der Ordnungen

8. Die soziale Frage bei Eucken

9. Die Rolle des Staates

                10. Hayek’s Beitrag

 

 

 

5. staatliche Planwirtschaft unmöglich?

 

Walter Eucken war im Gegensatz zu seinem Schüler K. Paul Hensel der Auffassung, dass eine effiziente zentrale Planung im Rahmen einer Zentralverwaltungswirtschaft gar nicht möglich sei, sodass im Grunde genommen nur eine einzige befriedigende Wirtschaftsordnung denkbar sei: die Verkehrswirtschaft. Diese radikale Auffassung ähnelt übrigens den Vorstellungen von Karl Marx, der bekanntlich nachzuweisen versuchte, dass sich die kapitalistische Gesellschaft notwendigerweise zu einer sozialistischen Wirtschaft entwickle. Beide Autoren gehen also davon aus, dass es auf lange Sicht nur eine Wirtschaftsordnung geben könne, die sozialistische Gesellschaft bei Karl Marx, die Verkehrswirtschaft bei Walter Eucken.

 

Begründet wird diese These damit, dass es ganz unmöglich sei, die für eine optimale Allokation der Ressourcen notwendige Kenntnis über alle markträumenden Preisrelationen von einer Planungsbehörde zu erstellen. Auf der einen Seite seien ja die Endpreise erst dann zu ermitteln, wenn zuvor die Preise der Produktionsfaktoren bekannt wären, auf der anderen Seite hänge jedoch der Preis der einzelnen Produktionsfaktoren selbst wiederum vom Preis der Endprodukte ab. Nur ein simultan ablaufender Marktprozess sei in der Lage, diese Informationen zu liefern.

 

Es kommt noch hinzu, dass zu Lebzeiten von Walter Eucken die Computertechnologie in ihren Anfängen stand und dass Funktionen dritten Grades, welche sowohl bei den Produktionsfunktionen wie auch bei den Nutzenfunktionen unterstellt werden, damals keinesfalls maschinell errechnet werden konnten.

 

In der Zwischenzeit ist die Computertechnologie so vorangeschritten, dass sicherlich auch Funktionen höheren Grades bestimmt werden können. Auch gilt es daran zu erinnern, dass K. Paul Hensel, der Schüler Walter Euckens in der Folgezeit nachzuweisen versuchte, dass auch im Rahmen einer Administration diese Bewertungsvorgänge prinzipiell gelöst werden könnten.

 

Allerdings war jedoch Walter Eucken auch der Auffassung, dass Mischsysteme, also marktwirtschaftliche Systeme mit interventionistischem Einfluss instabil seien. Eine Intervention ziehe weitere nach sich, mit der Folge, dass dieser Prozess schließlich eines Tages in einer Zentralverwaltungswirtschaft ende.

 

Nun wird man sicherlich zugeben müssen, dass in aller Regel Interventionen in der Tat weitere Interventionen nach sich ziehen. Hierfür sind mehrere Faktoren verantwortlich. Zunächst bestehen zwischen einzelnen Gütern Substitutions- und Komplementaritätsbeziehungen. Diese Beziehungen machen es unerlässlich, dass in aller Regel mehrere Bereiche in die Intervention einbezogen werden müssen, um erfolgreich zu sein. Nehmen wir den Fall substitutiver Güter. Der Staat wolle z. B. den Drogenkonsum eindämmen, würde aber nur einen Teil der Drogen verbieten. In diesem Falle wäre mit Sicherheit damit zu rechnen, dass sich die Nachfrage zu den noch erlaubten Drogen bewegen würde, mit der Folge, dass der Drogenkonsum insgesamt nur geringfügig vermindert wurde.

 

Nehmen wir als zweites Beispiel zwei Märkte, welche in einem Komplementaritätsverhältnis zueinander stehen: etwa Brot und Brotaufstrich. Wir unterstellen, dass der Staat beabsichtige den  Brotkauf zu subventionieren, um auch den Empfängern geringsten Einkommens einen ausreichenden Brotkonsum zu ermöglichen. Der Preis für Brot würde also aufgrund der Subventionierung fallen und das hätte hinwiederum zur Folge, dass die Nachfrage wie erwünscht steigen würde. Es muss jedoch erwartet werden, dass dann auch die Nachfrage nach Brotaufstrich steigt mit der weiteren Folge, dass der Preis für Brotaufstrich steigen würde und damit den positiven Effekt beim Brotpreis wiederum kompensieren würde.

 

Aber auch weitere Zusammenhänge führen dazu, dass die eine Intervention weitere nach sich zieht. Wenn der Staat eine Dynamisierung der Altersrenten (also z. B. eine Anpassung an den Lohnzuwachs) beschließt, so wird er sich sehr bald aus Gerechtigkeitsgründen veranlasst sehen, auch die Unfallrenten zu dynamisieren. Des Weiteren wird eine Regierung, welche einer bestimmten Branche Subventionen oder andere Vergünstigungen gewährt, sich sehr bald dem Druck der Interessenverbände anderer Wirtschafts­zweige ausgesetzt sehen, da diese in dieser Maßnahme Wettbewerbsverzerrungen sehen.

 

Also müssen wir in der Tat davon ausgehen, dass es zumeist nicht bei einzelnen Interventionen in den Marktprozess bleibt, dass in der Tat zumeist weitere Interventionen in benachbarten Bereichen notwendig werden, um den Erfolg dieser Maßnahme nicht zu vereiteln. Dies bedeutet jedoch noch lange nicht, dass dieser Prozess immer weiterschreiten wird und schließlich notwendiger Weise in einer totalen staatlichen Planwirtschaft enden muss. Die Entwicklung der Marktwirtschaft zu Beginn der Bundesrepublik zeigt ein ganz anderes Bild. Zunächst wurden bei der Freigabe der wichtigsten Märkte wichtige Wirtschaftszweige wie z. B. der Wohnungsmarkt ausgenommen. Wir begannen also unsere Marktwirtschaft in der BRD mit einem Mischsystem. Mit der Zeit wurde es nun möglich, die bisher von der Marktwirtschaft ausgenommen Bereiche ebenfalls freizugeben. Die von Walter Eucken formulierte These hatte genau das Gegenteil behauptet.

 

 

6. Das Kriterium der Marktkonformität bei Walter Eucken

 

Der Liberalismus in seiner ursprünglichen Form lehnte jeden staatlichen Eingriff in den Wirtschaftsprozess ab, da er von der Vorstellung ausging, dass eine freie Marktwirtschaft auch ohne oder gerade ohne staatlichen Eingriff die bestmöglichen Ergebnisse liefere. Walter Eucken urteilte in dieser Frage sehr viel differenzierter. Auf der einen Seite ging er davon aus, dass der freie Markt nicht immer zu sozial befriedigenden Ergebnissen führt, dass es unter bestimmten Bedingungen durchaus staatlicher Maßnahmen bedürfe. Auf der anderen Seite war er aber auch der Meinung, dass nicht jede staatliche Einflussnahme für die Erhaltung des Marktes schädlich sei. Wichtig sei allein, dass der Staat sich solcher Maßnahmen enthalte, welche den Markt gefährden.

 

Zur Klärung der Frage, welche staatlichen Maßnahmen denn ungefährlich seien und welche anderen Maßnahmen auf jeden Fall unterbleiben sollten, formulierte Walter Eucken das Kriterium der Marktkon­formität. Eine Maßnahme des Staates gilt solange als marktkonform, als der Staat sich darauf beschränkt, nur die Daten des Wirtschaftsprozesses zu beeinflussen, die eigentlichen wirtschaftlichen Entscheidungen jedoch den privaten Marktteilnehmern überlässt. Zu den wichtigsten wirtschaftlichen Entscheidungen zählen hierbei die Festlegung der Angebots- und Nachfragemengen von Gütern und Produktionsfaktoren, die Bildung des Preises, die Wahl der Produktionstechnik und die Bestimmung des Produktionsstandortes.

 

Wenn der Staat also Preise – vielleicht auch nur in Form von Mindestpreisen – verordnet, greift er in den Marktprozess ein, er übernimmt einen Teil der wirtschaftlichen Entscheidungen, welche den privaten Marktpartnern überlassen bleiben sollen. Wenn der Staat jedoch die Unternehmer oder aber auch Arbeitnehmer zwingt, einen Teil ihrer Einkommen in Form einer Einkommenssteuer an den Staat abzuführen, so handelt es sich hier um eine Änderung der Daten, von denen die wirtschaftlichen Entscheidungen zwar abhängen, aber nicht diese Entscheidungen als solche darstellen.

 

Es handelt sich hierbei also um eine marktkonforme Maßnahme, die zwar das Ergebnis, nicht aber den eigentlichen Marktmechanismus beeinflusst. Der Staat übt hier zwar einen Zwang aus, jeder einzelne Marktteilnehmer kann jedoch im Prinzip nach wie vor frei entscheiden, ob er sein Angebot oder seine Nachfrage aufrechterhält und zu welchen Bedingungen er zu dieser Marktteilnahme bereit ist.

 

Die Frage, ob eine staatliche Maßnahme als marktkonform eingestuft werden kann, wird hier eindeutig daran gemessen, ob und inwieweit die Vertragsfreiheit erhalten bleibt. Eine marktkonforme Maßnahme kann zwar die Zahl der möglichen Alternativen verringern, solange jedoch mehrere Alternativen verbleiben und der einzelne nicht zu einer ganz bestimmten Entscheidung bei der Ausübung seines Angebotes oder seiner Nachfrage gezwungen wird, liegt nach wie vor eine freie Entscheidung des Marktteilnehmers vor.

 

Nun gehört – wie bereits erwähnt – die Vertragsfreiheit zu den von Walter Eucken formulierten konstituierenden Prinzipien einer Marktwirtschaft. Walter Eucken hat weitere, insgesamt 7 solcher Prinzipien benannt, ohne die eine marktwirtschaftliche Ordnung nicht reibungslos und befriedigend funktionieren kann. In der Kritik an der Festlegung des Kriteriums der Marktkonformität hat B. Steinmann bemängelt, dass dieses Kriterium einseitig auf eines dieser 7 konstituierenden Prinzipien beschränkt werde und er machte den Vorschlag, die Konformität mit dem Markt auch daran zu messen, inwieweit auch die anderen 5 konstituierenden Prinzipien verletzt werden.

 

Wenn man z. B. das Prinzip der offenen Märkte in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt, kann man zu einer etwas anderen Bewertung von Zöllen gelangen. Zölle greifen nicht unmittelbar in den Marktprozess ein, gelten also bei Walter Eucken als marktkonform; sie können jedoch so hoch angesetzt sein, dass sie prohibitiv wirken und jeglichen potentiellen Wettbewerb unterbinden. Damit wird jedoch die Funktionsfähigkeit der Märkte zumindest stark beeinträchtigt. Kritisch muss allerdings hinzugefügt werden, dass dann, wenn man jede politische Maßnahme auf eine Konformität im Hinblick auf alle konstituierenden Prinzipien überprüfen würde, der beabsichtigte Vorteil dieses Kriteriums, nämlich seine Einfachheit verloren ging.

 

K. C. Talheim hat gegen das Kriterium der Marktkonformität eingewandt, dass es zu wenig auf quantitative Merkmale politischer Maßnahmen eingehe, er schlug vor zwischen systemnotwendigen, -förderlichen, -neutralen, -schädigenden und schließlich -zerstörenden Maßnahmen zu unterscheiden. So sei die Monopolisierung der Schöpfung von Banknoten systemnotwendig. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmungen sei für das Funktionieren der Marktwirtschaft zwar nicht unerlässlich, aber doch systemförderlich. Eine allgemeine Umsatzsteuer gelte als marktneutral, da sie ja die Preisrelationen und mit ihnen die Allokation weitgehend unberührt lässt. Prohibitivzölle haben weiterhin als marktschädigend zu gelten, da sie internationalen Wettbewerb unterbinden und damit sonst wirksame Produktivitätsanreize ausschalten. Eine galoppierende Inflation ausgelöst durch eine expansive Geldpolitik führe schließlich zu einer Zerstörung einer Marktwirtschaft.

 

Theodor Pütz bemängelt, dass das von Eucken formulierte Kriterium der Marktkonformität zu wenig berücksichtige, dass die Wirkung einer Maßnahme oftmals entscheidend von den näheren Umständen  abhänge. Bei einer starken Depression könne ein Eingriff in den Preisprozess erwünscht und somit systemförderlich sein, um auf diese Weise eine gefährliche Preis-Lohnspirale nach unten zu beenden und zwar unabhängig davon, dass ganz generell Eingriffe in den Marktprozess als marktinkonform angesehen werden müssen.

 

Zweitens macht Pütz darauf aufmerksam, dass manche politischen Maßnahmen allgemein zwar als markt-inkonform bezeichnet werden müssten, dass sie aber trotzdem auf ganz bestimmten Märkten erwünscht sein können. Dies gelte z. B. für das Zulassen eines Monopols, das allgemein das Funktionieren einer Marktwirtschaft stören wird, aber bei der Ausgabe von Banknoten volkswirtschaftlich geboten erscheint.

 

Schließlich macht Pütz darauf aufmerksam, dass die Beurteilung einer Maßnahme sicherlich auch vom Ausmaß des jeweiligen Mitteleinsatzes abhängt. Eine geringfügige Geldvermehrung kann eine stockende Konjunktur unter Umständen wiederum in Fahrt bringen, eine plötzliche Verdopplung der Geldmenge könnte hingegen die Gefahr eines Zusammenbruches einer Marktwirtschaft zur Folge haben.

 

 

7. Die Interdependenz der Ordnungen

 

Vor allem Walter Eucken machte darauf aufmerksam, dass Ordnungen interdependent sein müssten, dass sich die einzelnen Ordnungen der gesellschaftlichen Subsysteme entsprechen müssten. So geht Walter Eucken davon aus, dass eine Marktwirtschaft nur dann reibungslos funktionieren könne, wenn auf der politischen Ebene eine freiheitlich demokratische Ordnung gegeben ist. Umgekehrt könne eine Zentral­verwal­tungswirtschaft nur funktionieren, wenn auf der politischen Ebene eine Diktatur verwirklicht sei.

 

Walter Eucken hat seine Überlegungen zur Interdependenz auf die Beziehungen zwischen wirtschaftlichem und politischem Subsystem beschränkt. Nun unterscheiden wir im Allgemeinen zwischen drei Subsystemen unserer modernen Sekundärgesellschaft, neben Wirtschaft und Politik wird drittens noch der kulturelle Bereich unterschieden. In diesem Sinne könnte man das Problem der Interdependenz auch noch auf die Beziehungen zwischen kulturellen und wirtschaftlichen Ordnungen ausdehnen.

 

So kannte das Christentum im Mittelalter ein Zinsverbot, da man von der Auffassung ausging, dass das Verleihen von Geld ohne Arbeit möglich sei und dass deshalb auch hierfür kein Entgelt verlangt werden dürfte. Ähnliche Vorstellungen begegnen wir in den islamischen Volkswirtschaften, in denen ein Gottesstaat errichtet wurde. Auch hier ist es Gläubigen aus religiösen Gründen verboten, für ein Kapitalangebot einen Zins zu verlangen. Schließlich kannte der Kommunismus ein Zinsverbot, hier von der Überzeugung geleitet, dass nur der Einsatz von Arbeit Wert erzeuge und deshalb nur die Arbeit einen Anspruch auf Entlohnung habe.

 

Es ist klar, dass ein eindeutiges Zinsverbot die Effizienz jeglichen Wirtschaftens beeinträchtigt. Die Preisrelationen zwischen Lohn und Zins spiegeln die Knappheitsverhältnisse zwischen Arbeit und Kapital wider. Wird für Kapital kein Preis gezahlt, so ist die Nachfrage nach Kapital größer als das Angebot, die Kapitalintensität der Produktionen ist zu hoch, Arbeit wird in zu geringem Maße nachgefragt, es entsteht auf diese Weise Arbeitslosigkeit.

 

Die These von der Interdependenz der Ordnungen kann nun erstens in dem Sinne verstanden werden, dass den einzelnen Ordnungen vor allem in ihrer idealtypischen Form ganz bestimmte Leitbilder zugrunde liegen und dass deshalb das gleiche gesellschaftliche Leitbild auch ganz bestimmte Ordnungsarten auf den einzelnen Stufen der Subsysteme erforderlich macht. Das Leitbild einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist die größtmögliche Verwirklichung der individuellen Freiheit; auf politischer Ebene wird dieses Freiheitsideal aber nur in einer rechtsstaatlichen Demokratie realisiert.

 

Umgekehrt gilt, dass sowohl im Rahmen einer Zentralverwaltungswirtschaft wie auch in seiner politischen Entsprechung einer Diktatur das oberste Ziel in der Unterordnung der einzelnen Bürger unter die Ziele der Gesamtgesellschaft liegt, wobei diese Ziele von staatlichen Repräsentanten formuliert werden. Im feudalen System schließlich bildete sich der Gemeinschaftswille aus dem Zusammenwirken der einzelnen Bevölke­rungs­gruppen (der Stände), sodass hier die wirtschaftliche Ordnung der Verhandlungslösung dieser Zielsetzung am besten entspricht.

 

Die These von der Interdependenz kann zweitens aber auch in dem Sinne verstanden werden, dass das reibungslose Funktionieren einer wirtschaftlichen Ordnung nur dann gewährleistet ist, wenn auf der politischen Ebene eine ganz bestimmte Ordnung verwirklicht ist. Während im ersten Falle eher von einen normativen Zusammenhang gesprochen wird, wird im Rahmen des zweiten Zusammenhanges eher an einen Sachzusammenhang gedacht; damit die Wohlfahrt in einer marktwirtschaftlichen Ordnung maximiert werden kann, bedarf es einer ganz bestimmten Ordnung auch im politischen Bereich.

 

Eine politische Diktatur führt im Allgemeinen zu einer Behinderung einer Marktwirtschaft. Der Diktatur kann nämlich seine Ziele nur dann durchsetzen, wenn diese nicht durch das Zulassen einer marktwirtschaftlichen Freiheit der einzelnen Individuen durchkreuzt werden können. So bringt vor allem der freie Handel mit anderen Volkswirtschaften die Gefahr mit sich, dass die einzelnen Bürger die Leistungen der eigenen Regierung mit den Leistungen der ausländischen Regierung vergleichen können, die Bürger erfahren durch den freien Verkehr mit dem Ausland auch, in welchen Punkten die eigene Regierung versagt hat; es besteht hier die Gefahr, dass die Kritik an der eigenen Regierung überhandnimmt und dass auf diese Weise die Stellung der eigenen Regierung langfristig gefährdet wird.

 

 Nun gab es in den letzten Jahrzehnten auch Versuche kommunistischer Staaten, welche die politische Form der Diktatur gewählt haben, auf wirtschaftlichem Gebiet marktwirtschaftliche Beziehungen zuzulassen. Der Grund hierfür lag vor allem darin, dass sich im Wettbewerb der Systeme (Kapitalismus versus Sozialismus) die Zentralverwaltungswirtschaft der Marktwirtschaft als unterlegen erwiesen hat und dass sich deshalb die kommunistischen Machthaber gezwungen sahen, Methoden der Marktwirtschaft auf wirtschaftlichem Gebiet zu übernehmen. Auf der einen Seite konnte nur dadurch die Gefahr einer Revolution verhindert werden, dass der Konsumstandard dem freiheitlich demokratischer Staaten angepasst wurde, auf der anderen Seite konnte die Verteidigungsbereitschaft gegenüber den ausländischen Staaten nur dadurch aufrechterhalten werden, in dem die Effizienz marktwirtschaftlicher Systeme übernommen wurde.

 

In ähnlicher Weise würden jedoch auch die Ziele einer Marktwirtschaft (die Wohlfahrtssteigerung der Individuen) gefährdet, wenn auf politischer Ebene eine Diktatur realisiert wäre. Ein Diktator wird zur bestmöglichen Erreichung seiner politischen Ziele immer dann in den Markt eingreifen und die Marktergebnisse korrigieren, wenn die politischen Ziele gefährdet erscheinen. Da der Diktator bestimmte Vorstellungen darüber hat, wie sich der einzelne zu verhalten habe, was für ihn gut und was für ihn schlecht ist, bedarf es von Seiten des Staates zahlreicher Korrekturen des freien Marktes.

 

Die These von der Interdependenz kann drittens auch so verstanden werden, dass von den Ordnungsformen der einzelnen gesellschaftlichen Subsysteme Wirkungen auf andere Subsysteme ausgehen, welche entweder die Ordnungen der jeweils anderen Subsysteme gefährden oder umgekehrt deren Stabilität verstärken.

 

So können vor allem die Versuche der Politik, den Markt zu korrigieren, schließlich zu einem Zusammenbruch des marktwirtschaftlichen Systems überhaupt führen. Walter Eucken hat in diesem Zusammenhang – wie wir bereits besprochen haben – die These vertreten, dass Mischsysteme instabil seien und schließlich notwendigerweise dazu führen müssten, dass das Wirtschaftssystem schließlich in einer totalen Zentralverwaltungswirtschaft ende.

 

Wir haben also davon auszugehen, dass von politischen Systemen negative Wirkungen auf die wirtschaftliche Ordnung ausgehen und dass diese negativen Wirkungen in stärkerem Maße von einer politischen Diktatur als von einer demokratischen Ordnung zu erwarten sind. Wie steht es jedoch mit dem umgekehrten Zusammenhang, haben wir auch damit zu rechnen, dass z. B. ein freier Markt von sich aus den Zusammenbruch diktatorischer Systeme nach sich zieht? Sicherlich haben in der Vergangenheit kommunistische Diktatoren marktwirtschaftliche Ordnungen vor allem deshalb unterdrückt, weil sie befürchteten, dass freie Märkte das politische System bedrohen. Umgekehrt war es die Hoffnung der westlichen Regierungen, dass durch Einführung marktkonformer Elemente der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme eingeleitet werde.

 

Wie steht es aber mit dem umgekehrten Zusammenhang, können wir auch damit rechnen, dass die Einführung einer freiheitlichen Demokratie die Durchsetzung marktwirtschaftlicher Strukturen erzwing? Die Erfahrung scheint diesen Zusammenhang nicht zu bestätigen. Politiker machen immer wieder den Versuch, durch planwirtschaftliche Eingriffe in den Markt die Wahlen zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Die Politiker geraten vor allem in Zeiten der Not unter starkem Druck, überhaupt aktiv zu werden, wobei die Frage, ob diese Maßnahmen auch geeignet sind, die aktuellen Probleme (z. B. Arbeitslosigkeit oder Inflation) zu lösen, in den Hintergrund rückt. Dies gilt vor allem dann, wenn erst nach sehr langer Zeit nach Einführung der politischen Maßnahmen festgestellt werden kann, ob diese Maßnahmen auch erfolgreich waren.

 

 

 

8. Walter Eucken und die soziale Frage

 

Es entspricht einem weitverbreiteten Vorurteil, dass der Neoliberalismus die soziale Frage vernachlässige. Dieses Urteil trifft weder auf den Neoliberalismus im Allgemeinen, noch auf Walter Eucken, den Begründer des Neoliberalismus im Besonderen zu. In seinen Grundsätzen zur Wirtschaftspolitik wird die soziale Frage nicht nur ausführlich behandelt, sie steht sogar im Zentrum der Grundsätze der Wirtschaftspolitik.

 

Im Rahmen dieser Kritik wird übersehen, dass es im Wesentlichen die von Walter Eucken entwickelten Gedankengänge waren, die in der unmittelbaren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg zur Einführung der ‚sozialen’ Marktwirtschaft geführt haben, dass weiterhin in den von Eucken geforderten regulierenden Prinzipien eine Einkommenspolitik gefordert wird, welche allen Menschen einen minimalen Lebensstandard garantiert, und dass auch dann, wenn ein anomales Verhalten des Angebots auf dem Arbeitsmarkt befürchtet werden müsse, ein staatlicher Eingriff als notwendig erachtet wird.

 

W. Eucken erkennt an, dass es nicht verwunderlich sei, dass unter den im 19. Jahrhundert bei der Einführung der Industrialisierung vorliegenden sozialen Missständen die Idee der freien Ordnung, die den Arbeitnehmern zunächst faktisch keine Freiheit gebracht habe, auf Widerstand gestoßen sei. Entscheidend sei jedoch, dass diese Mängel aufgrund eines Nachfragemonopols auf den Arbeitsmärkten aufgetreten seien und nicht, wie K. Marx behauptet habe, deshalb, weil die Arbeiter im Zuge der Industrialisierung ihr Eigentum an Produktionsmitteln verloren hätten.

 

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts habe sich die Lage der Arbeiter wesentlich verbessert. Nicht etwa deshalb, weil die Trennung der Arbeiter vom Eigentum an den Produktionsmitteln rückgängig gemacht worden wäre, sondern weil die Produktivität der Arbeit aufgrund zunehmender Mechanisierung gestiegen sei, und weil das Nachfragemonopol auf den Arbeitsmärkten weitgehend überwunden werden konnte.

 

Die Abhängigkeit der Einkommenshöhe vom Markt könne zwar durchaus zu Ungerechtigkeit führen, aber die Abhängigkeit von zentralen Machtkörpern sei noch viel gefährlicher. Beim Übergang zur staatlichen Planwirtschaft sei die eine Form der Unsicherheit nur durch eine andere Form abgelöst worden.

 

Die Geschichte habe gezeigt, dass weder eine Kollektivierung des Eigentums an Produktionsmitteln noch eine zentrale Planung eine befriedigende Lösung der sozialen Frage gebracht habe, vielmehr sei auf diesem Wege die Unfreiheit vergrößert worden und gerade in dieser Ausweitung der Unfreiheit liege die neue soziale Frage.

 

Man sollte die Lösung der sozialen Frage nicht in der Abschaffung des Privateigentums suchen. Privateigentum könne zwar zu Missständen führen, Kollektiveigentum müsse jedoch dazu führen. Das Kollektiv könne zwar Arbeitslosigkeit vermeiden, aber es beschwöre die viel schwerere Gefahr persönlicher Unsicherheit herauf. Eine Verkehrswirtschaft könne andererseits den Menschen wirtschaftliche Sicherheit gewähren, allerdings nur dann, wenn sie störungsfrei verlaufe.

 

Sozialpolitik sei notwendig, sie dürfe jedoch nicht den Markt außer Kraft setzen, sie bestehe vielmehr selbst in einer Ordnungspolitik. Es sei gerade der Wettbewerb, der einseitige monopolistische Vermachtungs­erscheinungen abzubauen hilft und der damit eine ausgeglichene Verteilung der materiellen Güter zwischen Unternehmungen und Haushalten, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ermögliche. Insofern trage der Wettbewerb eben nicht nur für eine möglichst effiziente, am Konsumenteninteresse ausgerichtete Allokation bei, er ermögliche auch gleichzeitig eine durchaus befriedigende Distribution des Sozialproduktes.

 

Umgekehrt gelte, dass überall dort, wo der Markt zu Ergebnissen geführt habe, die als höchst ungerecht angesehen wurden, es fast immer daran gelegen habe, dass der Wettbewerb unterbunden war und dass deshalb unbefriedigende Verteilungsergebnisse realisiert wurden.

 

9. Die Rolle des Staates

 

Der Neoliberalismus fordert einen starken Staat, der sich allerdings auf marktkonforme Maßnahmen beschränkt. Während der Altliberalismus mit wenigen Ausnahmen jeglichen Eingriff des Staates in die Marktwirtschaft abgelehnt hat, hielt es Walter Eucken durchaus für notwendig, dass der Staat wirtschaftspolitische Maßnahmen ergreife, die allerdings stets marktkonform sein müssten.

 

Staatliche Eingriffe sind vor allem notwendig, um zu verhindern, dass sich auf den Märkten Monopole bilden, welche auf der einen Seite die Effizienz der Marktwirtschaft schwächen und auf der anderen Seite zu sozialer Ausbeutung führen.

 

Der Staat kann jedoch nur dann diese Aufgabe übernehmen, wenn er stark genug ist und wenn er unabhängig von den Interessengruppen agieren kann. Eine solche Unabhängigkeit der Staatsorgane kann jedoch nur dann erreicht werden, wenn die Politiker nicht darauf angewiesen sind, ihre Wahlkampagnen mit Mitteln zu finanzieren, welche als Spenden von den großen Interessenverbänden gewährt werden. Die Interessenverbände werden nur dann zu großzügigen Spenden bereit sein, wenn sie als Gegenleistung auch Zugeständnisse von Seiten der staatlichen Organe erhalten. Aus diesem Zusammenhang heraus ist es wichtig, dass Politiker vom Staat selbst mit Geldmitteln ausgestattet werden und somit auch ohne solche Spenden ihren Wahlkampf bestreiten können.

 

 

                 10. Hayek’s Beitrag

 

Wir wollen zum Schluss dieses Kapitels noch kurz auf die Arbeiten von Friedrich von Hayek eingehen. Wir hatten eingangs erwähnt, dass bisweilen von Hayek der Freiburger Schule zugerechnet wird. Formal gesehen mag dies stimmen, da von Hayek – allerdings Jahre nach dem Tod Walter Euckens – ebenfalls in Freiburg gelehrt hat. Schaut man jedoch auf die Lehrinhalte beider Wissenschaftler, so unterscheiden sie sich doch gravierend.

 

Während Walter Eucken wie gezeigt, dem Staat eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Wirtschaft zuwies und davon überzeugt war, dass jeder Markt eines vom Staat gesetzten Ordnungsrahmens bedürfe, lehnte sich Friedrich von Hayek sehr viel stärker an den Grundideen des älteren englischen Liberalismus an. Er beschränkte sich allerdings keinesfalls darauf, diese älteren Grundsätze wieder zu beleben und zu verteidigen, sondern entwickelte auch vor allem auf der Grundlage sozialphilosophischer Darlegungen den Liberalismus in entscheidenden Punkten weiter. Hierbei befasste sich von Hayek besonders in seinen späteren Arbeiten außer mit ökonomischen Fragen vor allem mit informationstheoretischen, erkenntnis­theoretischen, kulturtheoretischen und rechtsphilosophischen Problemen sowie mit theoretischen Fragen der Psychologie.

 

Der Freiheitsbegriff bei von Hayek

 

Als überzeugter Anhänger des Liberalismus geht es von  Hayek im Rahmen seiner Überlegungen fast immer um die Erhaltung der Freiheit, wobei Freiheit als allgemeines Prinzip der Politik und auch als ursprüngliches Ziel aller freiheitlichen Bewegungen ausschließlich in der Abwesenheit von willkürlichem Zwang bestehe.

 

Die Freiheit der einzelnen Bürger werde vor allem dadurch gesichert, dass die staatliche Zwangsausübung begrenzt werde und nur nach allgemeinen Regeln erfolgen dürfe, nie jedoch willkürlich. Nie gehe es darum, wer über wen herrschen dürfe, sondern allein darum, wie viel Herrschaft die Herrschenden überhaupt ausüben dürfen.

 

 

Der Begriff einer spontanen Ordnung

 

Ein entscheidender Unterschied zwischen Eucken und von Hayek lässt sich daran feststellen, wie beide das zu untersuchende Grundobjekt: die Marktwirtschaft bezeichnen. Walter Eucken sprach von einer Verkehrs­wirt­schaft und hob diese ab gegenüber der Zentralverwaltungswirtschaft. Von Hayek hingegen sprach von spontaner Ordnung und setzte diese in Gegensatz zur vom Menschen gesetzten Ordnung.

 

Auch Eucken hat in das Zentrum seiner Forderungen die Erhaltung des Preismechanismus gestellt, schließlich ist der Preismechanismus der Angelpunkt aller konstituierenden Prinzipien, denen sich die übrigen sechs konstituierenden Prinzipien unterzuordnen haben. Und dieser Preismechanismus entwickelt sich auch bei Eucken aus den freien Entscheidungen der Marktteilnehmer, sodass also beide Gelehrten im Grunde genommen auf das gleiche Geschehen abheben.

 

Trotzdem lassen sich in der unterschiedlichen Bezeichnung für das gleiche Objekt ‚Marktwirtschaft‘ entscheidende Unterschiede erkennen. Bei von Hayek lässt sich ein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber jeglicher Planung außerhalb der Unternehmungen feststellen, während Walter Eucken diese Abneigungen gegenüber staatlichen Planungen vorwiegend gegen die punktuellen Interven­tionen während der Weimarer Republik erworben hat, im Grunde war er sehr wohl der Meinung, dass es staatlicher Aktivität bedarf, eben nur nicht unmittelbare Eingriffe in den Markt, aber doch aktiver ordnungs­politischer Gestaltung.

 

 

                 Wettbewerb als Entdeckungsverfahren

 

Auch im Hinblick auf Begriff und Aufgabe des Wettbewerbs lassen sich zwischen Eucken und von Hayek beachtliche Unterschiede feststellen. Beide Autoren weisen zwar dem Wettbewerb eine entscheidende Rolle in der Marktwirtschaft zu. Von Hayek warf jedoch der von Eucken angewandten Betrachtungsweise eine  zu sehr statische, an den oberflächlichen Gegebenheiten orientierte Sichtweise vor, da es Eucken in erster Linie darauf ankomme, ob in der Realität die morphologische Struktur der Märkte Merkmale der Konkurrenz aufweise.

 

Von Hayek  sah im Wettbewerb eher eine dynamische Entwicklung, für ihn ist der Wettbewerb in allererster Linie nicht nur ein System, das die richtigen Preise auffindet, ein im Grunde genommen statisches Problem, sondern ein Entdeckungsverfahren, das dafür verantwortlich ist, dass immer wieder neue Ideen entwickelt werden, welche die allgemeine Wohlfahrt steigern helfen. Es ist der Wettbewerb, der die Unternehmungen unter permanenten Druck setzt, nach Innovationen Ausschau  zu halten, um auf diesem Wege der Gefahr zu entgehen, von Konkurrenzunternehmungen aus dem Markt geworfen zu werden.

 

In diese Charakterisierung des Wettbewerbs als dynamisches Element fällt auch der Vorwurf von Hayeks Eucken gegenüber, dieser würde zu sehr danach fragen, inwieweit tatsächlich Monopolstellungen in dem Sinne aufgebaut wurden, dass allein eine Unternehmung den gesamten Markt beherrsche.

 

Von  Hayek genügte es, dass in der Realität dafür Sorge getragen werde, dass Konkurrenz möglich wäre. Die heilvollen Wirkungen, welche vom Wettbewerb ausgehen, könnten auch dann erreicht werden, wenn formal gesehen innerhalb einer Volkswirtschaft Monopole im morphologischen Sinne bestünden, wenn diese Unternehmungen aber permanent mit der Gefahr rechnen müssten, dass dann, wenn sie eine monopoli­stische Preispolitik betrieben, Konkurrenz aus dem Ausland entstehe. In diesem Falle würden sich die Monopolisten im Innern einer Volkwirtschaft wie Unternehmungen verhalten, welche unter tatsächlichen Konkurrenzbedingungen produzieren müssten.

 

Damit eine solche potentielle Konkurrenz wirksam werde, genüge es, dass der Staat darauf verzichtet, gegenüber dem Ausland Importbeschränkungen in Form von Importzöllen und Importkontingentierungen zu erlassen und damit die Monopolposition der inländischen Unternehmungen nicht überhaupt erst entstehen zu lassen.

 

Auch wenn es richtig ist, dass Eucken wohl nie von potentieller Konkurrenz gesprochen hat und das Vorhandensein von Monopolen vorwiegend an den morphologischen Marktstrukturen maß, gilt es doch daran zu erinnern, dass sich in der Sache selbst Eucken und von Hayek gar nicht so sehr voneinander unterschieden. Schließlich gehörte das Postulat der offenen Märkte zu den konstituierenden Prinzipien Walter Euckens.

 

 

Die Anmaßung von Wissen

 

Von Hayek war überzeugt, dass das Marktgeschehen von einer unsichtbaren Hand gelenkt werde, wie es Adam Smith bereits formuliert hatte. Der Markt sei stets das unangestrebte Resultat menschlichen Handelns. Von Hayek bezweifelte, dass die Planungsbehörden des Staates über das Wissen verfügen würden, das notwendig sei, um den Fähigkeiten und Bedürfnisse der Individuen zu entsprechen. Nur der Markt liefere im Rahmen eines hochkomplexen vielfältigen und simultanen Verfahrens all das Wissen, das notwendig sei, um gerade die Allokation der Ressourcen zu erreichen, welche den Bedürfnissen der Bevölkerung am besten entspreche. Über diese Fülle von Informationen könne eine einzelne planende Behörde niemals verfügen. Das für eine befriedigende Allokation notwendige relevante Wissen  sei eben nicht zentralisierbar. Nur der freie Markt bilde im Preissystem alle relevanten Informationen ab und führe zu sinnvollen Allokationen.

 

Schon sehr früh in den 1920er-Jahren machte von Hayek darauf aufmerksam, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft auch das Wissen aufgeteilt sei und dass der einzelne Planer einer staatlichen Behörde niemals das Gesamtsystem bis ins Detail überblicken könnte, dass also eine Zentralverwaltungswirtschaft schon von ihre Ansatz her nicht funktionsfähig sei und deshalb einer Marktwirtschaft weit unterlegen sei.

 

 

Komplexitätsgrad gesellschaftlicher Prozesse

 

Wie bereits erwähnt, versuchte von Hayek vor allem in seinen späteren Arbeiten seine Aussagen über das Wirken einer Marktwirtschaft durch informationstheoretische, erkenntnis­theoretische, kulturtheoretische und rechtsphilosophische Fragestellungen zu untermauern. So vertrat er in seiner Theorie komplexer Phänomene die Auffassung, dass wirtschaftliche Prozesse immer nur im Sinne von Mustervoraussagen erkannt werden könnten, niemals sei es möglich, die Wirkung einzelner politischer Maßnahmen im Sinne einer Naturwissenschaft zu erklären. Der Grund hierfür sei die außerordentliche Komplexität aller Prozesse, die sich zwischen Menschen abspielen.

 

Auch habe zu gelten, dass die politischen Werte nicht oder nur in geringem Maße als Resultat menschlicher Gestaltung und Vernunft hervorgegangen seien. Sie entstammten vielmehr aus dreierlei Wurzeln: den biologischen „vererbten“, den kulturell „erprobten“ und erst als dritte und am wenigsten weitreichende, den rational „geplanten“ Vorgängen. Man müsse deshalb davon ausgehen, dass die gewachsenen Traditionen sowohl reproduktiv als auch adaptiv in besonderem Maße wirksam seien. Sie würden deshalb auch von den meisten Sozialtheoretikern unterschätzt, während umgekehrt die Machbarkeit einer „idealen Gesellschaft“ bei Weitem überschätzt werde.

 

 

Der Wettbewerb der Währungen

 

Von Hayek zählt zu den ganz wenigen Ökonomen, welche den Zentralnotenbanken misstrauen und von der Vorstellung ausgehen, dass gerade das staatliche Monopol der Ausgabe von Banknoten dazu geführt habe, dass der Wert des Geldes in hohem Maße instabil war und sich mit der Zeit permanent verschlechterte.

 

Im Allgemeinen gehen gerade auch liberale Wissenschaftler davon aus, dass eine Stabilität der Währung nur bei einer Monopolisierung der Banknotenausgabe erreicht werden könne. Liberale Wissenschaftler sind zwar davon überzeugt, dass nur unter Wettbewerbsbedingungen die wirtschaftlichen Aufgaben befriedigend gelöst werden können, sie sind aber gleichzeitig davon überzeugt, dass dieser Grundsatz nicht für den Geldmarkt, nicht für die Ausgabe von Banknoten gelten könne. Den Grund dafür, das Banknoten nicht von privaten Unternehmungen unter Wettbewerbsbedingungen erstellt werden dürfen, sahen diese Theoretiker vor allem darin, dass der Warenwert von Banknoten extrem gering ist, sodass bei einer freien Produktion von Banknoten eine Tendenz befürchtet werden müsste, dass Banknoten weit über ihren Bedarf produziert würden und damit die Stabilität des Geldes gefährden würden.

 

Dieser Ansicht gegenüber vertrat von Hayek vor allem in seinen späteren Arbeiten die Forderung, auch die Ausgabe von Banknoten sollte dem freien Wettbewerb privater Anbieter überlassen bleiben. Er verneint die Gefahr, dass auf diese Weise der Wert der Banknoten drastisch sinken würde. Im gegenseitigen Wettbewerb der Banken würden die Banknoten der Banken, welche bei ihrer Ausgabe nicht auf eine Knapphaltung ihrer Ware achten würden, sehr schnell dadurch bestraft, dass ihre Banknoten nicht mehr nachgefragt werden. Im Wettbewerb untereinander würden sich die Banken bewähren, welche bei der Ausgabe von Banknoten stets dafür Sorge tragen würden, dass ihre Banknoten ihren Wert behielten.

 

Auch von Hayek war sich wohl klar darüber, dass es vollkommen utopisch sei, darauf zu hoffen, dass auf nationaler Ebene die Banknotenausgabe dem freien Wettbewerb privater Banken jemals übertragen würde. Er sah jedoch seine Vorstellungen bereits in gewissem Maße dann realisiert, wenn innerhalb Europas ein Wettbewerb zwischen den einzelnen Währungen zugelassen wird. Auch hier könne man hoffen, dass sich deshalb, weil sich jeweils die stabilste Währung als wichtigste Währungsreserve durchsetze, sehr wohl Anreize vorhanden wären, die Stabilität der Währung zu fördern. Er wandte sich deshalb entschieden gegen die Schaffung eines in Europa geltenden einheitlichen Euro.

 

 

Sozial ein Wieselwort? 

 

Bekannt geworden sind auch die Attacken, welche von Hayek gegen den Gebrauch des Wortes ‚sozial‘ im Zusammenhang mit den Zielen einer sozialen Gerechtigkeit, einer sozialen Marktwirtschaft oder einer sozialen Demokratie geritten hat. Er sprach in diesem Zusammenhang von einem Wieselwort. Vom  Wiesel behaupte man, dass es aus einem Ei den gesamten Inhalt so heraussaugen könne, dass man von außen dem Ei nicht ansehe, dass es in Wirklichkeit gar keinen Inhalt mehr habe.

 

Auch im Bereich der Wissenschaft und vor allem der Politik würden Begriffe im Sinne eines Wieselwortes gebraucht, auch hier ohne jeglichen Inhalt, bei der im Grunde nur eine leere Hülse für einen nicht genau definierten Inhalt gebraucht werde. Diesen Vorwurf erhebt von Hayek insbesondere für den Begriff des Sozialen. Niemand wisse, was sich hinter diesem Begriff verberge oder man könnte auch sagen, dass jeder unter diesem Begriff etwas anderes verstehe. So hat von Hayek in seinen letzten Arbeiten seine Aufmerksamkeit und Kritik vor allem gegen den sozialistischen Kampfbegriff "Soziale Gerechtigkeit" gerichtet.

 

Nun mag es durchaus zutreffend sein, dass sowohl in der Literatur über soziale Probleme sowie in der Alltagspolitik das Wort sozial allzu leichtfertig, ungenau und mehrdeutig verwandt wird, so dass gar nicht klar wird, inwieweit sich die Diskutanten tatsächlich mit demselben Problem auseinandersetzen.

 

Wir sind bei der geschichtlichen Darstellung der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen in dieser Vorlesung widerholt auf diese Gefahren gestoßen. So hatte bekanntlich Hans Albert gegen die neoklassische Theorie den Vorwurf des Modellplatonismus erhoben. Er hatte darunter das Bemühen einiger Neoklassiker verstanden, aus vorgegebenen, nicht weiter zu untersuchenden Annahmen allein durch logische Schlussfolgerungen Thesen abzuleiten, welche dann als echte Theorien über empirische Gesetzmäßigkeiten ausgegeben werden.

 

Und auch bei der kritischen Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Sozialismus konnten wir feststellen, dass der Begriff der Verelendung im Verlaufe der Geschichte wiederholt umgedeutet wurde, dass also unter Verelendung recht unterschiedliches verstanden wurde, dass zunächst bei Marx eine absolute Verelendung der Industriearbeiter gemeint war, dass dann, als sich diese These nicht mehr mit der tatsächlichen Entwicklung vereinbaren ließ, dieser Begriff in eine relative Verarmung umgewandelt wurde, der sich nur noch auf die Lohnquote bezog, bis dann schließlich von einem Export der Verarmung in die Kolonialländer gesprochen wurde, da ja auch die Lohnquote im langfristigen Durchschnitt keinesfalls gesunken war. Hier wurde in der Tat der Begriff der Verelendung wie eine leere Hülse gebraucht.

 

Es ist auch richtig, dass in der Alltagspolitik Begriffe wie sozial oder auch Demokratie gerade deshalb, weil sie sich offensichtlich abgenutzt hatten und unglaubhaft geworden waren, durch eine Umdeutung in  ihrem Sinn verstärkt werden sollten. Warum gibt sich eine Partei nicht mit der Kennzeichnung ‚sozial‘ zufrieden und muss sich als sozialistisch bezeichnen oder warum wurde die Diktatur in der DDR als Volksdemokratie bezeichnet, obwohl das Wort Demokratie bereits für den Begriff der Volksherrschaft verwendet wird? Im Volksmund wurde dann auch davon gesprochen, dass in diesen Staaten alle gleich, nur eben einige etwas gleicher seien.

 

Aber gilt diese Kritik gegen Allerweltswörter nicht eigentlich gegen nahezu alle hehren Ziele der Politik, muss dieser Vorwurf nicht auch gegen Begriffe wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit erhoben werden? Immerhin gibt es doch auch gerade im Hinblick auf das Ziel einer Gerechtigkeit sehr ernstzunehmende Arbeiten, ich erinnere nur an die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls, einem Wissenschaftler, dem Hayek ja insgesamt recht nahe stand.

 

Hayek spricht sich in diesem Zusammenhange für eine Regelgerechtigkeit aus, in der für alle Menschen die gleichen Regeln gelten. Eine Ergebnisgerechtigkeit, wie sie die "soziale Gerechtigkeit" verlangt, lehnt Hayek ab, da sie bei ungleichen Menschen nur erreicht werden kann, wenn man einige Menschen bevorzugt und andere benachteiligt. Damit würde man aber gegen den Grundsatz verstoßen, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sein sollen.

 

Bei aller berechtigten Kritik gegen diesen Sprachgebrauch bestand für mich die eigentliche Gefahr bei diesen Diskussionen in Literatur und Öffentlichkeit eher darin, dass hier ideologisch argumentiert wird. Ich verstehe unter einer ideologischen Position im Grunde zweierlei, einmal die Tatsache, dass viele Sozial­politiker nicht bereit sind, zwischen Zielen und Mitteln zu unterscheiden. Sie kämpfen für ein Ziel, das in der Regel ohnehin weitgehend akzeptiert wird und unbestritten ist, wollen aber die Einführung dieses Zieles einfach per Gesetz erzwingen.

 

Sie sind gar nicht bereit, zur Kenntnis zu nehmen, dass es unabhängig davon, in welchem Maße ein Ziel anerkannt wird, Mittel gibt, welche ganz eindeutig das Ziel verfehlen. So hat z. B. die Wissenschaft schon immer darauf hingewiesen, dass man  streng zwischen den Personen unterscheiden muss, die eine Steuer zahlen und denjenigen, welche letzten Endes diese Steuer auch tragen. In der Realität finden stets Überwälzungsprozesse statt und die Finanzwissenschaft geht sogar davon aus, dass Umsatzsteuern nahezu 100% von den zahlenden Unternehmungen auf die jeweiligen Kunden in Form von Preissteigerungen überwälzt werden. Warum nehmen viele Politiker diese Feststellungen nicht zur Kenntnis?

 

Besonders fragwürdig wird ein solches Vorgehen dann, wenn denjenigen, welche darauf aufmerksam machen, dass mit bestimmten Mitteln – vor allem bei Einführung der Ziele per Gesetz – die genannten Ziele gar nicht erreicht werden können, dann vorgeworfen wird, sie würden sich gegen die Ziele als solche aussprechen.

 

Unter ideologischer Argumentation verstehe ich darüber hinaus die weitverbreitete Auffassung, dass bestimmte politische Aktivitäten bereits deshalb als verwerflich eingestuft werden, weil die politisch Handelnden aus Eigeninteresse handeln. Dabei gilt es festzustellen, dass eine politische Handlung nur danach beurteilt werden kann, inwieweit sie dem Gemeinwohl nützt oder schadet, nicht aber danach, aus welchen Motiven heraus diese Handlungen begangen wurden. Der ältere Liberalismus hat eindeutig gezeigt, dass nicht jede Handlung, welche aus Eigeninteresse begangen wird, dem Allgemeinwohl schadet genauso so wenig, wie nicht jede Handlung, welche aus altruistischen, moralisch hochstehenden Motiven heraus begangen wird, tatsächlich das Gemeinwohl fördert. Es kommt vielmehr immer auf die Ordnung an, wie sich die einzelnen Handlungen auf das allgemeine Wohl auswirken.