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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

10. Keynesianismus

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Die wichtigsten Vertreter und Gegner

3. Ausgangspunkt: Saysches Theorem

4. Keynes Kritik am Sayschen Theorem

5. Ein einfaches C-I-Modell

6. Kritik an der Kaufkraftparitätstheorie

7. Das alternative S-I-Modell

8. Geldangebot und Geldnachfrage

9. Das Hick’sche IS-LM-Modell

                10. Einbeziehung der Beschäftigungsfunktion

                11. Kritik an den Annahmen von Keynes

               

 

 

 

                10. Einbeziehung der Beschäftigungsfunktion

 

Wir haben bisher das (reale) Volkseinkommen als Indikator für Beschäftigungs­schwankungen angesehen. Es gilt nun in einem letzten Schritt aufzuzeigen, welche Beziehungen denn zwischen realem Volkseinkommen und Beschäftigung von Arbeitnehmern bestehen.

 

Hierbei gehen wir von einer gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion aus, da diese angibt, wie sich Veränderungen im Produktionsfaktoreinsatz auf das reale Inlandsprodukt auswirken. Wir wollen hierbei von der empirisch wiederholt getesteten Cobb-Douglas-Produktionsfunktion ausgehen. Danach gilt folgende Beziehung zwischen Inlandsprodukt (X) und Beschäftigung (A):

 

X = b * Aα * K1-α

 

Wobei b ein Wachstumsfaktor und α die Produktionselastizität der Arbeit (wie viel Produktionseinheiten werden vermehrt produziert, wenn die Arbeitskraft um ein Prozent vergrößert wird) wiedergibt. Wir wollen diese neue Funktion dadurch in unserer Graphik berücksichtigen, dass wir sie in einen neuen Quadranten, den Südost-Quadranten einzeichnen. Wir tragen auf der Abszisse des SO-Quadranten die Einkommens­höhe, auf der Abszisse hingegen die Zahl der Arbeitseinheiten (Arbeitsstunde oder Zahl der beschäftigten Arbeit­nehmer) nach unten ein.

 

Die rot eingezeich­nete Beschäftigungsfunktion weist jeder Höhe des realen Inlandsprodukts eine bestimmte Beschäftigung zu, wobei mit dem Inlandsprodukt auch die Beschäftigung steigt. Allerdings führt der Umstand, dass das Gesetz vom Fallen des partiellen Grenzproduktes gilt, für jede weitere Zunahme im Inlandsprodukt dazu, dass eine immer größer werdende Beschäftigungsmenge pro Gütereinheit benötigt wird. Kennen wir die Parameter dieser Produktions­funktion, den Wachstumsfaktor b sowie die Produktionselastizität α, so können wir an dieser Funktion ablesen, um wie viel die Beschäftigung aufgrund des Anstiegs im Inlandsprodukt zunimmt.

 

 

               

11. Kritik an den Annahmen von Keynes

 

Wir wollen uns nun im Folgenden der Kritik zuwenden, welche von den Gegnern des Keynesianismus vorgebracht wurden.

 

Unterbeschäftigung als Spezialfall

Als erstes gilt es festzustellen, dass das Keynes’sche Modell in der Fassung des von Hicks eingeführten IS-LM-Modells die Schlussfolgerung nahelegt, dass ein funktionierender Marktprozess durchaus in der Lage ist, Unterbeschäftigung abzubauen. Betrachten wir hierzu nochmals das zuletzt angezeigte Diagramm.

 

Wir wollen unterstellen, dass wir uns in einem Zustand befinden, welcher dem Inlandsprodukt E1 entspricht, dass aber Vollbeschäftigung erst bei einem Arbeitseinsatz A2 und damit bei einem Inlandsprodukt E2 erreicht werden könnte. Bei dem in dieser Graphik unterstellten Verlauf der IS und LM-Funktionen könnte der Zustand der Vollbeschäftigung sehr wohl dadurch erreicht werden, dass entweder die nominelle Geldmenge vermehrt oder eine generelle Preis­senkung stattfinden würde, welche ebenfalls zu einer Ausweitung der realen Geldmenge führen würde. Im Schnittpunkt zwischen der gestrichelten LM-Kurve mit der IS-Kurve liegt ein Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung vor.

 

 

 

 

 

Wir wollen uns nun fragen, welchen Verlauf die beiden IS- und LM-Kurven nehmen müssten, damit die Skepsis von Keynes, der Markt würde von selbst nicht zu einem Zustand der Vollbeschäftigung finden, nach wie vor berechtigt ist. Betrachten wir hierzu das neu eingezeichnete IS-LM-Schema.

 

 

 

Hier verläuft die IS-Kurve mit einer so geringen Steigung, dass der Schnittpunkt dieser Kurve mit der Abszisse bei einem Einkommen liegt, das keine Vollbeschäftigung garantiert. Es gibt also in diesem Beispiel keinen positiven Zinssatz, bei dem Vollbeschäftigung erreicht worden wäre. Der Grund hierfür liegt natürlich in einer extrem geringen Elastizität der Investitionsnachfrage in Bezug auf den Zinssatz. Es spielt aber auch eine Rolle, wie hoch die Sparneigung ist. Bei sei hoher Sparneigung wird eine gegebene Investitionssteigerung nur zu einer sehr geringen Einkommenssteigerung führen. Ist die Sparneigung hingegen äußerst gering, können auch durch geringfügige Steigerungen im Investitions­volumen hohe Einkommenszuwächse ausgelöst werden.

 

Die Keynesianische Apokalypse könnte zweitens auch dann eintreten, wenn die Liquiditätspräferenz extrem hoch (nahezu unendlich groß) wäre. Betrachten wir hierzu die nächste Graphik:

 

 

Hier verläuft die LM-Kurve (nahezu) parallel zur x-Achse, es wird hier unterstellt, dass jede noch so große Zunahme in der Geldmenge unmittelbar in den Spekulationskassen verschwindet. In diesem Falle bleibt die sich im Umlauf befindende Geldmenge nahezu konstant, mit dem Ergebnis, dass trotz Geldmengenver­mehrung die LM-Kurve unverändert bleibt, sie verschiebt sich sozusagen in sich nach rechts. Dies bedeutet aber, dass die Geldpolitik nicht mehr in der Lage ist, den Schnittpunkt der IS-Kurve mit der LM-Kurve in Richtung höheren Inlandsproduktes zu verschieben.

 

Nun hat Keynes selbst einmal zum Ausdruck gebracht, dass es sich hier um einen theoretisch höchst interessanten Fall handelt, der aber sehr unwahrscheinlich sei. Es bleibt dann im Wesentlichen bei der These von Keynes, dass Zinssenkungen in Zeiten der Depression nicht in der Lage seien, Vollbeschäftigung ohne Eingreifen des Staates herbeizuführen (These von der Zinsunelastizität der privaten Investi­tionen).

 

Aber gerade diese Annahme ist äußerst fragwürdig, wenn man sie auf das gesamtwirtschaftliche Investitions­volumen bezieht. In der Wirklichkeit sind zwei wesentliche Einschränkungen zu machen, auch dann, wenn man zugibt, dass bei einem gewissen Teil der Investitionen in der Tat Zinssatzänderungen nur eine geringe Rolle spielen.

 

Die Rolle von Rationalisierungsinvestitionen

Auf der einen Seite gelten die Überlegungen von Keynes zur Begründung für eine Zinsunelastizität der Investitionen nur für die Erweiterungsinvestitionen. In der Tat werden Unternehmungen dann, wenn sie aufgrund eines generellen Absatzrückgangs überschüssige Kapazitäten besitzen, kaum bereit sein, ihre Kapazitäten noch auszubauen.

 

Aber es gibt eben auch noch Rationalisierungsinvestitionen, welche primär nicht der Erweiterung der Kapazität dienen, sondern den Zweck verfolgen, die Konkurrenzfähigkeit durch Kostensenkungen sowie Qualitätsverbesserungen zu steigern. Und dieses Motiv tritt gerade in den Zeiten auf, in denen ein Unternehmer Absatz verliert.

 

Nun könnte allerdings eine Rationalisierungsinvestition auf anderem Wege neue Arbeitslosigkeit hervor­rufen. Rationalisierungen bestehen oftmals darin, dass Produktionsfaktoren eingespart werden. Werden weniger Arbeitskräfte zur Produktion benötigt, bedeutet dies, dass Arbeitskräfte entlassen werden.

 

Ob dies allerdings per Saldo zu einer Vergrößerung der Arbeitslosigkeit führt, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Erstens besteht ein Teil der Rationalisierungsinvestitionen in Qualitätsverbesserungen. Zweitens können sich Kostensenkungen nicht nur in Einsparungen an Arbeitskräften niederschlagen.

 

Streißler hat drittens in einer historisch empirischen Studie nachgewiesen, dass in der Vergangenheit in viel stärkerem Maße kapitalsparender als arbeitssparender technischer Fortschritt festzustellen war.  Viertens gibt es auch bei arbeitsspa­rendem Fortschritt neben dem Freisetzungseffekt in der Industrie, in welcher diese Rationalisierungen stattfinden, einen Kompensationseffekt in den Indu­strien, in denen diese Maschinen erzeugt werden, sodass zumindest ein Großteil der Entlassungen durch Neueinstellungen an anderer Stelle kompensiert wird.

 

Fünftens schließlich hängt die Frage, welche Art von technischem Fortschritt angewandt wird, entscheidend von dem Lohn-Zinsverhältnis ab. Wenn dieses Lohn-Zinsverhältnis dem realen Knappheitsverhältnis Arbeit zu Kapitel entspricht, wird auch eine Technik gewählt, die zu keiner größeren Unterbeschäf­tigung führt. Wenn allerdings im Rahmen einer keynesianischen Politik sowohl eine Politik des geringen Geldes (niedriger Zinsen) betrieben wird und wenn gleichzeitig Lohnsteigerungen, welche über dem Produktivitätswachstum liegen, durchgesetzt werden, dann in der Tat trägt ein falsches Lohn-Zins-Verhältnis dazu bei, Arbeits­losigkeit zu erzeugen.

 

Die Rolle der Bauinvestitionen

 

Die These von der Zinsunelastizität der Investitionen ist in ihrer Verallge­meinerung auch noch aus einem zweiten Grund fraglich. Ein beachtlicher Teil der Investitionen erfolgt in Gebäuden. Diese Investitionen haben eine extrem lange Produktionsperiode. Während Maschinen bisweilen in drei bis sieben Jahren abgeschrieben werden, dauern Investitionen in Gebäuden und Straßen viele Jahrzehnte. So sehr es auch richtig sein mag, dass bei Investitionen von einer Dauer einiger weniger Jahre die Zinskosten im Rahmen der gesamten Kosten keine entscheidende Rolle spielen, genauso ist davon auszugehen, dass bei Investi­tionen über fast 100 Jahre auch kleinste Zinsänderungen bereits zu einer beachtlichen Steigerungen der Kosten führen, sodass das Investitionsverhalten im Hinblick auf diese Investitionen sogar in starkem Maße von der Zinshöhe abhängt.

 

Die Bedeutung von Angebotsfaktoren

Bei unseren bisherigen Überlegungen gingen wir stillschweigend davon aus, dass gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit auf jeden Fall auf einen Mangel an Nachfrage nach Gütern zurückzuführen sei. Gerade diese Annahme muss bezweifelt werden. Gerade in den letzten Jahrzehnten waren wiederholt Angebots­faktoren für das Entstehen von Arbeitslosigkeit verantwortlich. So können Kostensteigerungen bei den Rohstoffen zu einem Umbruch in der Konjunktur führen und auf diese Weise Massenarbeitslosigkeit auslösen. So haben vor allem die beiden Ölkrisen Mitte der 70er und Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts eine starke Konjunkturkrise und damit auch Massenarbeitslosigkeit ausgelöst.

 

Auch bildungspolitische Mängel können für Arbeitslosigkeit verantwortlich sein. Auf der einen Seite findet ein immer größer werdender Anteil von Arbeitnehmern deshalb keine Anstellung, weil sie noch nicht einmal über die geringsten Kennt­nisse verfügen. Dies gilt vor allem für Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund.

 

Aber auch ein Mangel an hochausgebildeten Fachkräften kann Arbeitslosigkeit größeren Umfangs auslösen.  Die Produktion erfordert fast immer eine Reihe hochausgebildeter Fachkräfte. Mangelt es an diesen, so können auch andere Arbeitnehmer durch Arbeitslosigkeit betroffen sein, da in diesem Falle die Produktion gar nicht begonnen werden kann.

 

Verlagerung von Arbeiten ins Ausland

Weiterhin gilt es zu berücksichtigen, dass auch dann, wenn es aufgrund keynesianischer Politik tatsächlich gelingt, über eine Nachfragesteigerung auch eine Zunahme in der Produktion auszulösen, es keinesfalls sicher ist, dass diese Zunahme in der Nachfrage nach Gütern auch eine Nachfrage nach inländischen Arbeits­kräften auslöst. Unternehmungen machen in immer stärkerem Maße von der Möglichkeit Gebrauch, Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern, weil dort die Lohnkosten geringer ausfallen.

 

Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass es nicht ausreicht, die Nachfrage nach Gütern anzukurbeln. Gleichzeitig machen diese Beispiele darauf aufmerksam, dass die Lohnhöhe bzw. die gesamten Arbeitskosten eben doch den Umfang der Arbeit mitbestimmen. Es war der gravierende Fehler der Keynes’schen Politik, anzunehmen, dass Preise keinen nennenswerten Einfluss auf die Beschäftigung nehmen können.

 

Die Bedeutung von time lags

Milton Friedman hat darauf aufmerksam gemacht, dass bei der Verwirklichung politischer Ziele ein relativ langer Zeitraum verstreicht von dem Zeitpunkt, an dem das Problem entstanden ist bis zu dem Zeitpunkt, an dem die politischen Maßnahmen greifen. Im Rahmen der Politiklehre wird hierbei zwischen einem inside lag und einem outside lag unterschieden. Von einem inside lag wird gesprochen, wenn man an die Entscheidungen der Politiker denkt, während der outside lag die Zeit umfasst, welche die Betroffenen einer Maßnahme benötigen, bis sie auf diese Maßnahme reagiert und die notwendigen Vorkehrungen getroffen haben. Hierbei untergliedert man diese Zeitspanne, in einen recognition lag, der Zeitraum, der verstreicht, bis überhaupt ein Problem zur Kenntnis genommen wird, weiterhin in einen decision lag, der sich auf die Dauer der Entscheidungs­prozesse bezieht und schließlich in einen realization lag, den Zeitraum, den die Verwirklichung der Entscheidungen benötigt. 

 

Milton Friedman hat darauf hingewiesen, dass bei fiskalpolitischen Maßnahmen etwa ein Zeitraum von 1 1/2 Jahren vergeht, vom Entstehen der Probleme, z. B. der Massenarbeitslosigkeit über die Verabschiedung der Gesetze oder Maß­nahmen zur Bekämpfung dieser Arbeitslosigkeit bis zu dem Anstieg der hierdurch ausgelösten Beschäftigungssteigerung.

 

Dieses Vorhandensein eines sehr langen time lag vermindert nun die Erfolgsaussichten dieser Maßnahmen. Um eine rationale Beschäftigungspolitik zu betreiben, müssten z. B. schon zu einem Zeitpunkt der Hochkonjunktur beschäftigungs­politische Maßnahmen eingeleitet werden und in Zeitpunkt, in dem noch Massenarbeitslosigkeit vorherrscht, müssten bereits kontraktive Maßnah­­men begonnen werden. Eine solche Vorgehensweise überfordert jedoch Politiker, welche permanent dem Druck unterliegen, ihre Maßnahmen öffentlich zu verteidigen.

 

Anpassungsprozesse

Milton Friedman hat darüber hinaus darauf hingewiesen, dass sich Gewerkschaften und Unternehmungen auf die fiskalpolitischen Maßnahmen einstellen und gerade aufgrund ihrer Reaktion den Erfolg dieser Maßnahmen in Frage stellen. So erhofft man sich im Rahmen einer keynesianischen Beschäfti­gungs­politik dadurch einen Erfolg, dass die Ausgabensteigerungen des Staates die Erlöse und mit ihnen auch die Gewinne steigern und dass die Unternehmungen diese Gewinnsteigerungen zum Anlass nehmen, die Produktion und mit ihr die Beschäftigung zu steigern. Über kurz oder lang werden jedoch die Gewerkschaf­ten in den nächsten Tarifverhandlungen Lohnsteigerungen als Kompensation für die Preissteigerungen verlangen und durchsetzen. Damit verringern sich jedoch die Gewinne wiederum auf ihr bisheriges Niveau und die Unternehmer haben keine Veranlassung mehr, die Mehrproduktion aufrechtzuerhalten.

 

Entscheidend ist nun, dass dann, wenn die Unternehmer erkannt haben, dass diese Gewinnsteigerungen nur kurzfristig anhalten, diese gar nicht mehr bereit sind, die Produktion und mit ihr die Beschäftigung zu steigern, da es aufgrund einer rigorosen Kündigungsschutzgesetzgebung schwer ist, einmal eingestellte Arbeitskräfte wieder zu entlassen, wenn die Produktion wieder zurückgeht. Der Erfolg einer expansiven Fiskalpolitik beschränkt sich dann auf den Zeitraum, in dem die Maßnahmen für die Beteiligten überraschend kommen. Sobald die Unternehmungen und Gewerkschaften diese Maßnahmen zur Kenntnis genom­men haben und sich daran angepasst haben, verschwindet der Erfolg einer expansiven Beschäfti­gungs­politik.

 

Politische Konjunkturzyklen

William D. Nordhaus hat die These vertreten, dass eine keynesianische Fiskalpolitik im Rahmen einer repräsentativen Demokratie sehr leicht dazu führt, die konjunkturellen Schwankungen der Volkswirtschaft sogar noch zu verstärken. Die regierenden Politiker sind kurz vor den Wahlen bestrebt, über kurzfristig wirkende Beschäftigungsprogramme Wählerstimmen zu gewinnen. Da diese Maß­nah­men relativ schnell zu einer Belebung der Volkswirtschaft führen, können die regierenden Politiker auf diesem Weg Wählerstimmen und mit ihnen die Wahlen gewinnen. Nachdem sie wiedergewählt worden sind, sehen sich jedoch die Politiker veranlasst, kontraktive, stabilisierende Maßnahmen einzuleiten.

 

Die Beschäftigungs­programme unmittelbar vor der Wahl trügen nämlich dazu bei, dass langfristig die Geldmengenzuwächse zu inflatorischen Wirkungen führ­ten, welche nun nach der Wahl durch kontraktive Maßnahmen wiederum abgebaut werden müssten. Die Vergesslichkeit der Wähler mache es den Politikern möglich, unmittelbar nach der Wahl eine solche stabilisierende Politik zu betreiben, da die Wähler bei den nächsten Wahlen bereits wiederum diese Beeinträchtigungen kurz nach der Wahl vergessen haben. Mit andern Worten: Der Versuch der Politiker, Beschäftigungspolitik zu treiben, trägt zu einem Auf und Ab zwischen expansiver und kontraktiver Politik bei und verstärkt auf diese Weise die konjunkturellen Ausschläge, welche ja eigentlich gerade durch diese Politik hätten gedämpft werden sollen.

 

Die Bedeutung der Nebenwirkungen

Die Keynes’sche Politik wird oftmals einseitig nur danach beurteilt, inwieweit es ihr gelingt, die Beschäftigung zu steigern. Es gilt jedoch daran zu erinnern, dass nahezu alle politischen Maßnahmen unerwünschte Nebenwirkungen auf andere Ziele der Politik haben. Also bedarf es zur Beurteilung auch der keynesianischen Politik der Überprüfung aller möglichen Nebenwirkungen.

 

Nebenwirkungen sind erstens auf das Ziel der Geldwertstabilität zu befürchten. Die expansiven Maßnahmen der keynesianischen Beschäftigungspolitik werden in aller Regel von einer starken Steigerung der Geldmenge begleitet. Diese Geldvermehrung wirkt sich zumeist erst nach einer gewissen Zeit inflationär aus. Zunächst wird ein Großteil der Gelder in Kasse gehalten, die erst dann in den Wirtschaftskreislauf zurück­gegeben werden, wenn die ersten Anzeichen eines Aufschwungs sichtbar werden. Wenn es in dieser Phase die Notenbank unterlässt, die überschüssigen Geldmengen wiederum zurückzunehmen, kommt es zu beachtlichen Preissteigerungen.

 

Auch das wirtschaftliche Wachstum und die Allokation können aufgrund einer expansiven Beschäftigungs­politik beeinträchtigt werden. Dies gilt vor allem dann, wenn die staatlichen Ausgaben vorwiegend konsumtiven Zwecken zugeführt werden. Auch werden die staatlichen Programme oftmals unter Umgehung einer marktwirtschaftlichen Effizienzkontrolle vergeben, sodass die Güterproduktion nicht den Knappheits­verhältnissen entspricht.

 

Führt die expansive Politik zu Preissteigerungen, schlagen sich diese Maßnahmen auch in einer Passivierung der Leistungsbilanz nieder, vor allem dann, wenn das Ausland an einer strikten Stabilitätspolitik festhält. Wenn die Preise der Güter, welche exportiert werden sollen, überproportional ansteigen, verschlechtern sich die Exportmöglichkeiten mit der Folge, dass die Leistungsbilanz passiv wird.

 

Auch die funktionelle Einkommensverteilung kann je nach Beschäftigungs­programm zu einer unerwünsch­ten Umverteilung der Einkommen zu Gunsten der Unternehmungen führen. Die meisten Beschäftigungs­programme sehen nämlich Subventionen an Unternehmungen vor, um diesen einen Anreiz zur vermehrten Investition zu geben.

 

In der Öffentlichkeit wird zurzeit die Befürchtung geäußert, dass eine Politik der Verschuldung zu einer Belastung der zukünftigen Generation führe und deshalb unerwünscht sei. Wenn sich die Politik heute verschulde, müsste die zukünftige Generation diese Schulden eines Tages zurückzahlen und werde auf diese Weise belastet.

 

In Wirklichkeit hängt die Beantwortung dieser Frage allein davon ab, inwieweit das wirtschaftliche Wachstum durch diese Maßnahmen beeinträchtigt oder sogar gefördert wird. Wenn Investitionen in die Zukunft z. B. in das Bildungswesen gelenkt werden, so kommen sie der zukünftigen Generation zugute und auch eine defizitäre Finanzierung dieser Investitionen würde die zukünftige Bevölkerung begünstigen und nicht belasten. Konsumtive Ausgaben hingegen belasten die zukünftige Generation, wenn sie defizitär finanziert werden, da in diesem Falle Ressourcen von sonst produktiven Anlagen abgezogen werden und im heutigen Konsum untergehen.

 

Schließlich kann eine defizitäre Beschäftigungspolitik den politischen Kontrol­lmechanismus einer repräsen­tativen Demokratie schädigen. Nur bei einem ausgeglichenen Budget kann der Wähler frei entscheiden, ob ihm die mit Steuern finanzierten Staatsausgaben eine höhere Wohlfahrt bringen als dann, wenn er diese Gelder für private Konsumgüter eingesetzt hätte.

 

Kann ein Politiker seine Ausgaben defizitär finanzieren, so sehen die Wähler nur noch die positiven Effekte der Staatsausgaben. Obwohl der Wähler auch diese Ausgaben letztendlich bezahlen muss und zwar in Form von Preissteigerungen, bleibt ihm unklar, ob der Nutzen der Staatsausgaben wirklich höher zu veranschlagen ist als der Nutzenverlust, der aufgrund der inflatorischen Wirkungen entsteht.