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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

10. Keynesianismus

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Die wichtigsten Vertreter und Gegner

3. Ausgangspunkt: Saysches Theorem

4. Keynes Kritik am Sayschen Theorem

5. Ein einfaches C-I-Modell

6. Kritik an der Kaufkraftparitätstheorie

7. Das alternative S-I-Modell

8. Geldangebot und Geldnachfrage

9. Das Hick’sche IS-LM-Modell

                10. Einbeziehung der Beschäftigungsfunktion

                11. Kritik an den Annahmen von Keynes

               

 

 

5. Ein einfaches C-I-Modell

 

Aus dieser anfänglichen Kritik am Say’schen Theorem entwickelte sich sehr bald ein ausgebautes System zur Erklärung der gesamtwirtschaftlichen Größen wie Volkseinkommen, Beschäftigung, Investitions­volumen und Konsumsumme. Wir wollen die Analyse des Keynes’schen Systems mit einem denkbar einfachen Modell beginnen. Problemgrößen seien hier allein die Höhe des Volkseinkommens, bei der Gleichgewicht herrscht, bei der sich also Angebot von und Nachfrage nach Konsumgütern entsprechen, sowie die Konsumgüter­nachfrage im Gleichgewicht. Wenn man will, kann man die Einkommenshöhe als Indiz für die realisierte Beschäftigung ansehen. Datengrößen des Modells sind die Konsumnachfragefunktion sowie die autonom bestimmte Investitionsnachfrage.

 

Im Mittelpunkt dieses einfachen Modells steht die These, dass die Konsumnachfrage stets kleiner sei als das Einkommen, sodass also immer oder in der Regel ein Teil des Einkommens gespart werde und gerade deshalb nicht mehr in den Kreislauf zurückfließe, also versickere. Während also Say von der Annahme ausging, dass das gesamte Einkommen wiederum zu Nachfrage führe (entweder zu einer Konsumnachfrage oder zu einer Ersparnis, diese aber in eine Investitionsnachfrage umgeleitet werde), wird hier bei Keynes von dem anderen Extrem ausgegangen, dass zunächst nur die Einkommensteile wieder zu Nachfrage führen, welche unmittelbar konsumiert werden.

 

Natürlich kennt auch die Keynes’sche Theorie die Investitionsnachfrage, sie wird jedoch in den anfänglichen Modellen als eine von der Ersparnis vollkommen unabhängige Kaufkraftschöpfung aufgefasst.

 

Betrachten wir die Konsumfunktion, welche angibt, wie sich die Konsumnachfrage bei Änderungen im Einkommen verändert, etwas genauer. Wir zeichnen zu diesem Zweck ein Diagramm, auf dessen Abszisse das jeweilige Volkseinkommen (E) und auf dessen Ordinate die Konsumgüternachfrage (C) sowie die Investitionsnachfrage (I) abgetragen werden. Als erstes zeichnen wir die Konsumfunktion ein.

 

Diese lila eingezeichnete Konsumfunktion schneidet die Ordinate in einem positiven Bereich. Dahinter steht die Tatsache, dass auch dann, wenn ein Haushalt über keinerlei regulären Einkommen verfügen würde, immer noch ein Konsumbedarf bestünde, der dem Existenzminimum entspricht und der notfalls über Staatshilfen (Sozialhilfe) alimentiert wird.

 

Des Weiteren stellen wir fest, dass die Konsumfunktion eine Steigung aufweist, welche geringer als eins ist und einfach der Annahme entspricht, dass nicht das gesamte Einkommen für den Konsum ausgegeben wird. Wir fragen danach, um wie viel der Konsum ansteigt (dC), wenn das Einkommen um eine Einheit (strenggenommen um eine unendlich kleine Einheit) ansteigt (dE). Wir bezeichnen hierbei diesen Quotienten (dK/dE) als Konsumneigung (c). Der Einfachheit halber gehen wir von einer linearen Konsumfunktion aus. In diesem Falle ist die Konsumneigung bei jeder Einkommenshöhe gleich groß, also konstant. In Wirklichkeit können wir damit rechnen, dass sich die Konsumneigung mit wachsendem Einkommen verringert, da bei steigendem Einkommen immer mehr Teile gespart werden können. Die Zusammenhänge, welche in diesem ersten Modell veranschaulicht werden sollen, werden  durch diese Vereinfachung jedoch nicht verfälscht.

 

Von der Konsumneigung unterscheidet sich die Konsumquote (K/E), welche angibt, wie viel Prozent des Einkommens für Konsumgüter ausgegeben wird (c‘). Diese Konsumquote verändert sich – bei linearem Verlauf der Konsumfunktion – mit jeder Änderung des Einkommens. Wir bestimmen die Konsumquote bei einer bestimmten Einkommenshöhe dadurch, dass wir vom Koordinatenursprung aus den Fahrstrahl zu dem Konsum­punkt legen, welcher der gewählten Einkommenshöhe entspricht. Steigendem Einkommen entspricht eine immer geringer werdende Konsumquote.

 

 

 

 

Wir wollen nun in unsere Graphik unseren zweiten Bestimmungsgrund: die Investitionsnachfrage einfügen. In diesem vereinfachten Keynesianischen Modell wird die Investitionsnachfrage als autonome Größe behandelt, dies bedeutet, dass die Investitionsnachfrage von keinen ökonomischen Größen, vor allem nicht von der Höhe des Volkseinkommens oder der Konsumnachfrage in direkter Weise abhängt. Wir können also die Investitionsnachfrage in unserem graphischen Modell dadurch berücksichtigen, dass wir eine Parallele zur Konsumnachfrage bilden, wobei der Abstand von der Konsumfunktion dem Investitionsvolumen entspricht.

 

 

Die in unserer Graphik gelb eingezeichnete Linie (Kurve) gibt somit an, wie sich die Gesamtnachfrage nach Gütern, also die Summe aus Konsum- und Investitionsnachfrage verändert, wenn das Einkommen variiert. Da wir von einem konstanten Investitionsvolumen ausgingen, entspricht somit auch die Ausgabenneigung insgesamt (dC+dI)/dE der Konsumneigung, auch sie ist somit geringer als eins.

 

Wenn wir uns nun in einem nächsten Schritt zu fragen haben, ob und gegebenenfalls bei welcher Höhe des Volkseinkommens ein Gleichgewicht existiert, müssen wir uns noch über den Verlauf der Angebotskurve Gedanken machen. Der Wert des Angebotes entspricht ex definitione dem Volkseinkommen, da Volksein­kommen und Güterangebot lediglich zwei verschiedene Seiten ein- und derselben ökonomischen Größe darstellen. Also können wir in unserem Diagramm das Angebot als 45°-Linie vom Koordinaten­ursprung aus einzeichnen.

 

Der Schnittpunkt der Kurve der gesamten Nachfrage mit der des Angebots gibt an, bei welcher Einkommenshöhe sich Angebot und Nachfrage entsprechen. Da die Nachfragekurve oberhalb des Koordina­ten­ursprungs beginnt und da ihre Steigung auf jeden Fall geringer ist als die Steigung der Angebotskurve, kann davon ausgegangen werden, dass auch ein Gleichgewichtspunkt existiert.

 

Fragen wir uns nun, ob wir auch erwarten können, dass dieser Gleichgewichtspunkt von einem beliebigen Ungleichgewichtszustand aus von selbst angesteuert wird, ob also auch ein stabiles Gleichgewicht vorliegt.

 

 

           

 

 

In unserer obigen Graphik entspricht das Einkommen EG dem Gleichgewichtseinkommen. Bei dem niedrigeren Einkommen E1 hingegen ist die Gesamtnachfrage (gelbe Linie) größer als das Angebot (45°-Linie). Es besteht also ein Nachfrageüberhang. Die Unternehmungen werden versuchen, diese Mehrnachfrage dadurch zu befriedigen, dass sie die Produktion ausweiten. Damit steigt das Einkommen und nähert sich dem Gleichgewichtseinkommen an. Es besteht also eine automatische Tendenz zum Gleichgewicht.

 

Wählen wir nun ein Einkommen, das größer ist als das gleichgewichtige, das Einkommen E2. Bei diesem Einkommen übersteigt das Angebot die Nachfrage. Die Unternehmer werden das Angebot der verminderten Nachfrage anpassen und die Produktion reduzieren. Wiederum passt sich das Angebot an die Nachfrage an. Also auch von einem Angebotsüberhang aus bestehen Tendenzen hin zum Gleichgewicht.

 

Damit ist gezeigt, dass auf den Gütermärkten auch unter Keynesianischen Bedingungen mit einer Gleichgewichtstendenz gerechnet werden kann. Allerdings unterscheidet sich dieser Gleichgewichts­mechanismus in zweierlei Hinsicht von dem im Rahmen der neoklassischen Gleichgewichtstheorie geschilderten Gleichgewichtsprozess. Während es erstens auf einem neoklassisch funktionierenden Markt die Preisvariationen sind, welche den Gleichgewichtsprozess auslösen, findet im Keynes’schen Modell der Gleichgewichtsprozess nur über Mengenveränderungen statt. Zweitens wird in der neoklassischen Theorie beschrieben, dass das Gleichgewicht im Normalfall sowohl von der Angebots- als auch von der Nachfrageseite aus angesteuert wird. Im Keynes’schen Modell sind es nur Anpassungen im Angebot, welche das Ungleichgewicht beseitigen helfen.

 

Nun wollen wir uns daran erinnern, dass die Keynesianische Theorie während der Weltwirtschaftskrise entstanden ist und den Anspruch erhebt, ein Rezept zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit entwickelt zu haben. Von Arbeitslosigkeit und Beschäftigung war jedoch bisher allenfalls am Rande die Sprache. Wir haben nach den Bestimmungsgründen des Volkseinkommens gefragt und nicht nach den Ursachen einer zu geringen Beschäftigung. Wir müssen also nun in unserem Diagramm noch die Verbindung zwischen Volkseinkommen und Beschäftigung herstellen. Wir hatten bereits angedeutet, dass das Volkseinkommen als Indikator für Beschäftigung angesehen werden kann. Steigt das reale Volkseinkommen, dann steigt normaler Weise auch die Beschäftigung. Eine genauere Analyse dieser Beziehungen folgt erst in einem späteren Abschnitt dieses Kapitels.

 

Nun hatten wir gesehen, dass in diesem einfachen C-I-Modell allein die Konsumneigung zusammen mit dem autonomen Investitionsvolumen den Gleichgewichtspunkt bestimmt. Es gibt somit keinen Grund dafür, dass sich dieses Gleichgewicht auf den Gütermärkten gerade bei einer Einkommenshöhe einstellt, bei dem auch Vollbeschäftigung herrscht. Ganz im Gegenteil spricht alles dafür, dass dem Gleichgewicht auf dem Gütermarkt in aller Regel ein Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt – aber nicht unbedingt ein Angebotsüberhang – entspricht.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass das Einkommen, das Vollbeschäftigung garantieren würde, gerade bei dem Einkommen EVB  erreicht sei. Das tatsächliche Einkommen dagegen liege bei EG, dem Gleichgewichts­einkommen, das keine Vollbeschäftigung garantiert. Vollbeschäftigung kann hier offensichtlich nur dann erreicht werden, wenn es gelingt, die gelbe Kurve der Gesamtnachfrage um dI nach oben zu verschieben. Dies bedeutet, dass entweder die Konsum­neigung der privaten Haushalte und/oder die Investitionsnachfrage um diesen Betrag erhöht werden muss.

 

 

 

Nun handelt es sich in beiden Fällen zunächst um private Nachfrage, welche nicht unmittelbar von  Seiten des Staates beeinflusst werden kann. Immerhin wäre es denkbar, dass der Staat selbst die sogenannten Infrastrukturinvestitionen (wie etwa Investitionen in das Bildungswesen oder des Verkehrsnetzes), erhöhen würde oder dass er durch Subventionen den Unternehmungen einen Anreiz zur vermehrten Investitions­nachfrage gibt.

 

Allerdings hatten wir bei der Vorstellung dieses einfachen Modells darauf hingewiesen, dass in diesem Modell bewusst vereinfachte Annahmen getroffen wurden, um auf diese Weise die Grundproblematik dieses Modells leichter veranschaulichen zu können. Wir können nun – nachdem wir die Grundproblematik aufgezeigt haben – einen Teil dieser wirklichkeitsfremden Annahmen aufheben.

 

Zu diesem Zweck berücksichtigen wir, dass diejenigen Teile des Einkommens, welche nicht für den Ankauf von im Inland produzierten Konsumgütern eingesetzt werden, nicht nur gespart werden können, dass sie vielmehr auch an den Staat als Steuern abgeführt werden können oder als Nachfrage von Konsumgütern, welche im Ausland produziert werden, verwandt werden. Allen drei Verwendungsarten (Sparen, Einkommenssteuern, Importe) ist gemeinsam, dass Einkommen, welche im Inland erzeugt wurde, Verwendungszwecken zugeführt wird, welche nicht mehr in den unmittelbaren inländischen Kreislauf zurückfließen. Wir wollen deshalb diese drei Verwendungsarten des Einkommens als Stilllegung bezeichnen.

 

In ähnlicher Weise gilt es auch die Investitionsnachfrage durch einen erweiterten Begriff zu ersetzen. Wir haben in diesem Modell unterstellt, dass die Investitionsnachfrage autonom sei, also nicht von anderen ökonomischen Größen induziert wird. Nun stellt die Investitionsnachfrage natürlich nicht die einzige Nachfrage dar, welche autonom gesetzt werden kann. Neben der Investitionsnachfrage kann der Staat seine Ausgaben erhöhen, wobei an Ausgaben für Güter und Dienstleistungen, aber auch an Subventionen für Unternehmungen oder private Haushalte gedacht werden kann. Auch diese Ausgaben sind autonom, ergeben sich nicht einfach aus dem Wirken der anderen ökonomischen Größen.

 

Allerdings wirken die Staatausgaben offensichtlich nur dann nachfragesteigernd, wenn sie defizitär finanziert werden. Würde der Staat diese Ausgaben mit zusätzlichen Steuereinnahmen finanzieren, würde ja in gleichem Umfang die private Konsumnachfrage reduziert werden, per Saldo hätte sich die autonome Nachfrage nicht oder – wie wir später noch zeigen werden – nicht wesentlich erhöht.

 

Neben Staatsausgaben kann die autonome Nachfrage auch von ausländischen Käufern ausgeübt werden, dann nämlich, wenn die Exporte stärker steigen als die Importe. Wir wollen alle drei autonomen Nachfragearten (Investitionen, defizitär finanzierte Staatsausgaben sowie Exportüberschüsse) als Kaufkraftschöpfung zusammenfassen. In unserer Graphik bedeutet dies, dass an Stelle der Investitionsnachfrage die gesamte Kaufkraftschöpfung auf die Konsumnachfrage aufgeschlagen werden muss.

 

Deshalb kann nun auch der Staat auf recht unterschiedliche Weise dafür Sorge tragen, dass das Einkommen durch Kaufkraftschöpfung auf die Höhe angehoben wird, welche für Vollbeschäftigung notwendig ist. Er kann im eigenen Bereich Infrastrukturinvestitionen durchführen und mehr Beamte einstellen, er kann aber auch Unternehmungen Subventionen in Aussicht stellen, wenn sie die Investitionsnachfrage ausweiten, er kann die Steuersätze reduzieren und damit die Konsumneigung bezogen auf das Volkseinkommen erhöhen oder schließlich an die Haushalte Transfereinkommen z. B. in Form von erhöhten Renten auszahlen.

 

Bevor wir uns mit der Frage befassen können, welche staatlichen Maßnahmen notwendig sind, um die Beschäftigung zu steigern, wollen wir das IC-Modell in ein SI-Modell überführen, da sich die Zusammenhänge zwischen staatlichen Maßnahmen und Beschäftigung in diesem Modell leichter aufzeigen lassen.

 

 

 

 

 

Wir gelangen von dem C-I-Modell zum S-I-Modell, wenn wir uns in Erinnerung rufen, dass zwischen der Konsumnachfrage (C) und der Ersparnis (S) – in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität des Staates – folgende Beziehung ex definitione besteht:

 

S = E - C

 

Wir erhalten also den jeweiligen Wert für die Ersparnis dadurch, dass wir bei den alternativen Werten für das Volkseinkommen jeweils nicht die Konsumnachfrage, sondern die Differenz zwischen Volksein­kommen und Konsumnachfrage abtragen. Hierbei können wir unter S in dem vereinfachten  Modell die Ersparnis oder in dem erweiterten Modell, in dem wir die außenwirtschaftlichen Beziehungen sowie die wirtschaftliche Aktivität des Staates berücksichtigen, die gesamte Kaufkraftstillegung abtragen. In diesem Falle entspricht dem Wert von I nicht nur die Investition, sondern die gesamte Kaufkraftschöpfung.

 

In unserem neuen Diagramm zeigt der Schnittpunkt der blau eingezeichneten Sparfunktion mit der rot eingezeichneten Investitionsfunktion das Volkseinkommen E1 an, bei dem sich auf dem Kapitalmarkt Ersparnis und Investition im Gleichgewicht befinden. Aufgrund der definitionsbedingten Zusammenhänge besteht auf den Kapitalmärkten genau dann ein Gleichgewicht, wenn auch auf den Gütermärkten Gleichgewicht herrscht.

 

Wir wollen nun unterstellen, dass bei diesem Einkommen Unterbeschäftigung vorliegt und dass erst bei einem Volkseinkommen in  Höhe von E2 Vollbeschäftigung erreicht sei. Der  Winkels s, der im Schnittpunkt beider Kurven entsteht, misst die Sparneigung bzw. Die Stilllegungsneigung. Bekanntlich entspricht der Sinus dieses Winkels der Gegenkathede dI dividiert durch die Hypotenuse dE. Es gilt also die Gleichung des Einkommensmultiplikators: 

 

 

 

Wenn der Staat also das Einkommen um dE steigern möchte, so hat er die Kaufkraftschöpfung dI so zu steigern, dass die Staatsausgaben einen Bruchteil der erwünschten Einkommenssteigerung ausmachen, wobei dieser Bruchteil dem Kehrwert der Sparquote (im verallgemeinerten Modell der Stilllegungsquote) entspricht.

 

Prinzipiell lassen sich hierbei drei Strategien unterscheiden, wenn der Staat in Anwendung der Keynes’schen Lehren die Beschäftigung durch fiskalpolitische Maßnahmen zu steigern versucht: Er kann ein deficit spending, ein deficit without spending oder ein spending without deficit beschließen.

 

Von einem deficit spending sprechen wir immer dann, wenn der Staat aus beschäftigungspolitischen Gründen die Staatsausgaben erhöht, diese aber mit Krediten oder Staatsanleihen, also defizitär finanziert. Ein deficit without spending liegt hingegen dann vor, wenn  bei konstant bleibender Staatsausgabenhöhe die Steuereinnahmen reduziert werden. Das Konzept des spending without deficit sieht schließlich vor, dass die Staatsausgaben erhöht, aber durch zusätzliche reguläre Steuereinnahmen finanziert werden.

 

Das erste Konzept des deficit spending erbringt die höchste Effizienz. Entsprechend dem oben entwickelten  Einkommensmulti­plikator, welcher in einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität gerade dem Kehrwert der Sparneigung entspricht, ergibt z. B. bei einer Sparneigung von 20% (1/5) und einer Ausgabensteigerung von 1 Mrd. € eine Einkommenssteigerung von 5 Mrd.

 

Das zweite Konzept des deficit without spending hat einen um eins verringerten Multiplikator und hat somit eine etwas geringere Effizienz:

 

Hierbei bezeichnet dT die Reduzierung der Steuereinnahmen. Der Abzug von dT in der Formel lässt sich verstehen, wenn wir berücksichtigen, dass in der ersten Periode, in welcher die Steuersätze gekürzt werden, lediglich das privatverfügbare Einkommen erhöht wird, während das Volkseinkommen noch unverändert bleibt. In den folgenden Perioden steigt die Konsumnachfrage aufgrund des erhöhten privat verfügbaren Einkommens der Vorperiode und dies bewirkt eine Steigerung im Volkseinkommen.

 

Damit vollzieht sich ab der zweiten Periode ein gleicher multiplikativer Prozess wie bei einem deficit spending. Da aber der Einkommensanstieg in der ersten Periode beim deficit without spending entfällt und dieser beim deficit spending gerade dem Umfang der Staatsausgabensteigerung entspricht, bedeutet dies, dass beim deficit without spending die Einkommenssteigerung insgesamt gerade um den Betrag der Steuersenkung geringer ausfällt als beim deficit spending. In unserem Beispiel würde eine Steuerreduzierung von 1 Mrd. € zu einem Einkommensanstieg von 4 Mrd. führen.

 

Die geringste Wirkung zeigt das Konzept des Spending without deficit. Sie beträgt nur 1, sodass eine Ausgabensteigerung von 1 Mrd. lediglich zu einer  Einkom­mens­steigerung von ebenfalls 1 Mrd. führt. Zunächst mag es unverständlich erscheinen, dass dann, wenn die zusätzlichen Staatsausgaben mit Steuereinnah­men finanziert werden, überhaupt expansive Effekte auf das Einkommen erwartet werden können. Man könnte vermuten, dass die expansiven Effekte der Staatsausgaben gerade durch die kontraktiven Effekte der gleichhohen Steuereinnahmen kompensiert werden. Der Grund dafür, dass hier trotzdem eine geringe expansive Wirkung erwartet werden kann, liegt daran, dass der Anteil des Staates, welcher bei einem ausgeglichenem Budget eine Ausgabenneigung von eins hat, hier ansteigt und dass deshalb die durchschnittliche Ausgabenneigung der gesamten Volkswirtschaft steigt, da die privaten Haushalte eine Ausgaben­neigung geringer als eins aufweisen.

 

Diese drei Konzepte sind allerdings nicht nur nach ihrer Effizienz zu beurteilen. Die Entscheidungen für oder gegen eines dieser Konzepte hängt auch davon ab, welche Nebenwirkungen auf andere Ziele erwartet werden und wie unterschied­lich sich die einzelnen Methoden politisch durchsetzen lassen.

 

Während der Weltwirtschaftskrise wurde die Frage diskutiert, ob es eines permanenten Eingreifens von Seiten des Staates bedürfe oder ob eine einmalige Konjunkturspritze genüge, um das Wirtschaftssystem aus der Krise herauszu­holen.

 

In den Anfangsjahren der Krise überwog die Meinung, dass der Staat die Konjunktur lediglich ankurbeln müsse und dass das Wirtschaftssystem - einmal wiede­rum in Gang gebracht - selbst in der Lage sei, ein hohes Beschäftigungs­niveau aufrechtzuerhalten.

 

Beschränken wir uns auf die Multiplikatortheorie, so lässt sich eindeutig feststel­len: Eine einmalige Erhöhung der Staatsausgaben wird das Volkseinkommen und mit ihm auch den Grad der Beschäftigung nur vorübergehend erhöhen. Will man das Einkommensniveau auf lange Sicht anheben, so bedarf es auch eines permanenten Einsatzes der fiskalpolitischen Mittel.

 

Berücksichtigen wir allerdings neben der Multiplikatortheorie auch das Akzelerationsprinzip, so fallen die Schlussfolgerungen keinesfalls mehr so eindeutig aus. Wie P. A. Samuelson gezeigt hat, können von einmaligen Veränderungen der effektiven Nachfrage (also auch von einmaligen Staatsausgabenerhöhungen) durchaus kumulative Effekte ausgehen, und das Volkseinkommen für mehrere Perioden auf das Vollbeschäftigungsniveau anheben.

 

 

Im Rahmen der konjunkturpolitischen Diskussion wurde weiterhin die Frage diskutiert, ob sich der Staat gewisser automatisch wirkender Mechanismen (built-in flexibility) bedienen solle oder ob der Staat ein Instrumentarium bevorzugen solle, das jederzeit autonome Entscheidungen ermögliche.

 

Automatisch wirkende Mechanismen liegen z. B. in der Arbeitslosenversicherung oder in der Steuerprogression vor. Innerhalb der Arbeitslosenversicherung steigen in Zeiten der Rezession und Depression automatisch die Ausgaben an (es werden Arbeitslosengelder gewährt), die Beitragseinnahmen gehen aufgrund des Rück­ganges der Leistungseinkommen zurück. Der Zuwachs in den Ausgaben vergrößert das Niveau der Konsumausgaben, ohne dass dieser expansive Effekt durch kontraktive Wirkungen von Seiten der Beitragseinnahmen kompensiert wird.

 

Auch von der Steuerprogression gehen konjunkturstabilisierende Effekte aus. Steigt das Einkommen aus konjunkturellen Gründen an, so nehmen die Steuereinnahmen wegen der Progression überproportional zu.

 

Automatisch wirkende Mechanismen haben den Vorteil, dass sie von keinem inside lag (von keiner Zeitverzögerung) begleitet sind, also schneller wirken und dass sie auch dann in Wirkung treten, wenn die konjunkturpolitisch notwendigen Maßnahmen unpopulär sind und wenn die Politiker aus wahltaktischen Gründen nicht bereit sind, diese Maßnahmen zu beschließen.

 

Der Nachteil eines eingebauten Stabilisators besteht jedoch darin, dass der Staat hier keine Möglichkeit hat, die beschäftigungspolitischen Maßnahmen auf die konkrete Situation anzupassen. So könnte es z. B. erwünscht sein, je nach Höhe der Arbeitslosigkeit und Schwere der strukturellen Defizite ein unterschiedlich umfangreiches Beschäftigungsprogramm anzustreben. Auf solche Unterschiede muss verzichtet werden, wenn Konjunkturpolitik allein auf dem Wege eingebau­ter Stabilisatoren angesteuert wird.

 

Im Rahmen der fiskalpolitischen Diskussion wurde schließlich die Frage erörtert, auf welche Weise das Defizit des Staates finanziert werden soll. Folgende Finanzierungsarten lassen sich unterscheiden:

 

-         Finanzierung aus einem vorher angesammelten Überschuss,

-         Finanzierung durch Kapitalmarktmittel,

-         Finanzierung durch Aufnahme eines Kredites bei gleichzeitiger Geldschöpfung.

 

Laut Grundgesetz dürfen außerordentliche Staatsausgaben allerdings allenfalls vorübergehend durch Kredite bei der Notenbank abgedeckt werden.

 

Die Entscheidung zugunsten der einen oder der anderen Finanzierungsart hängt wiederum von der Beantwortung der Frage ab, in welcher Weise diese Instrumente als effizient gelten können, wie sich diese einzelnen Finanzierungs­arten politisch durchsetzen lassen (ob z. B. eine Finanzierung durch Notenbank­kredite von der Verfassung ausgeschlossen wird) und welche Nebenwirkungen u. U. von den einzelnen Instrumenten ausgehen.

 

Eine Minderung der Effizienz tritt bei einer Finanzierung aus Kapitalmarkt­mitteln ein, da sich die Tatsache, dass der Staat als Nachfrager auf dem Kapitalmarkt auftritt, zinssteigernd auswirkt und da Zins­steigerungen zu einer Verringerung der effektiven Nachfrage (Investition) führen. Sofern in Zeiten der Rezession und Depression die Liquiditätspräferenz hoch und die Zinselastizität der Nachfrage gering ist, kommt diesen Effizienzminderungen allerdings nur eine untergeordnete Bedeutung zu.

 

 

6. Kritik an der Kaufkraftparitätstheorie

 

In der Öffentlichkeit wird oftmals der Versuch unternommen, die Keynesianische Theorie als Beleg dafür anzusehen, dass auch eine expansive Lohnpolitik, bei welcher die Lohnsätze über die Produktivität der Arbeit angehoben werden, dazu beitrage, die Beschäftigung zu steigern. Steige nämlich das Lohneinkommen aufgrund gestiegener Lohnsätze, dann steige auch die Konsumnachfrage und dies führe bekanntlich – die Keynes’sche Theorie unterstellt – zu einer Ausweitung des Volkseinkommens und damit auch der Beschäftigung.

 

Diese Schlussfolgerung beruht auf Missverständnissen. Betrachten wir hierzu nochmals das C-I-Modell. Werden die Lohneinkommen erhöht, so findet eine Bewegung entlang der Konsumfunktion statt. Wir gehen hierbei von einem Einkommen E1 aus, bei dem Arbeitslosigkeit gegeben sei. Durch die Lohner­höhung steige nun das Einkommen auf E2, bei dem Vollbeschäftigung herrsche.

 

Wie die Graphik zeigt, besteht bei diesem neuen Volkseinkommen, dem auch eine vergrößerte Beschäftigung entspricht, auf den Gütermärkten ein Angebotsüber­hang. Dieser Angebotsüberhang löst nun bei den Unternehmungen eine Redu­zierung der Produktion und damit auch wiederum der Beschäftigung aus. Eine dauerhafte Lösung hätte nur erreicht werden können, wenn sich der Gleichgewichtspunkt zwischen Angebot und Nachfrage auf den Güter­märkten in Richtung Vollbeschäftigungseinkommen E2 bewegt hätte.

 

 

Der Fehler dieser Kaufkrafttheorie liegt darin, dass hier nicht zwischen einer induzierten und einer autonomen Erhöhung der Konsumnachfrage unterschieden wird. Entsprechend der Keynes’schen Theorie führt nur eine Steigerung der autonomen (effektiven) Nachfrage zu einem Einkommens- und damit auch Beschäftigungsanstieg. Eine Erhöhung der Lohneinkommen durch gestiegene Lohnsätze löst jedoch keine autonome, sondern nur eine induzierte Nachfrage­steigerung aus.

 

Eine expansive Lohnpolitik zeigt sich in unserem Modell als Bewegung entlang der vorgegebenen und unveränderten Konsumfunktion. Aber nur eine Verschie­bung der Konsumfunktion nach oben hätte auch eine Erhöhung des Gleichge­wichts­­einkommens hervorgerufen. Eine Verschiebung der Konsumfunktion nach oben wäre jedoch nur dann eingetreten, wenn bei gleichem Einkommen die Konsumneigung gestiegen wäre.

 

Der eigentliche Fehler dieser Betrachtungsweise liegt darin, dass man das, was man beweisen möchte, bereits als bewiesen unterstellt. Man spricht hierbei von einer petitio principii. Man will beweisen, dass eine expansive Lohnpolitik Einkommen und damit auch Beschäftigung steigern lässt. Um dies zu beweisen wird unterstellt, dass aufgrund der expansiven Lohnpolitik die Einkommen steigen. Dies ist aber gerade das Problem.

 

Es ist strittig, ob Lohnsatzsteigerungen zu einer anhaltenden Zunahme von Einkommen und Beschäftigung führen. Deshalb darf die Annahme, das Einkom­men sei gestiegen, auch nicht gemacht werden. Diese Aussage muss sich vielmehr aus der Beweisführung erst ergeben. Natürlich steigt vorübergehend das Einkom­men an. Eine anhaltende Lösung des Beschäftigungsproblems wäre jedoch nur zu erwarten, wenn auch das Gleichgewichtseinkommen, der Schnittpunkt zwischen Angebots- und Nachfrage­kurve nach rechts verschoben worden wäre.

 

Nun hat Abba P. Lerner einen Weg gezeigt, wie die Kaufkrafttheorie durch einige Änderungen in den Annahmen mit der Keynes’schen Lehre in Einklang gebracht werden kann. Lerner unterstellt hierbei, dass die Erhöhung der Lohnsätze (über den Produktivitätsanstieg hinaus) zu einer Umverteilung zugunsten der Arbeit­neh­mer führe. Wenn man nun unterstellt – und dies entspricht durchaus den empirischen Untersuchungen –, dass die Arbeitnehmer eine höhere Konsum­neigung aufweisen als die Gewinnempfänger, dann führt die Lohnerhöhung tat­sächlich auf dem Umwege einer Umverteilung zu einer gestiegenen Konsum­neigung. Dies ist aber wiederum gleichbedeutend damit, dass die Konsumfunktion nach oben verschoben wird und dass damit auch das Gleichgewicht auf den Gütermärkten bei einem höheren Einkommen und damit auch bei einer höheren Beschäftigung realisiert wird.

 

Hier steigt in der Tat die autonome Konsumnachfrage an und dies ist im Rahmen eines Keynes-Modells ausreichend, um die erwünschte Einkommenssteigerung herbeizuführen. Es hat also den Anschein, als würde diese modifizierte Kaufkrafttheorie mit der Keynes’schen Lehre in Einklang stehen.

 

Diese Beweisführung basiert allerdings auf der Annahme, dass Lohnsteigerungen zu einer Umverteilung des Volks­einkom­mens zugunsten der Arbeitnehmer führen. Genau diese Annahme entspricht nicht den sonstigen Ergebnissen der Keynes’schen Lehre. Keynes selbst hatte die Frage, von welchen Faktoren denn die Einkommensverteilung abhänge, aus seiner Betrachtung ausgeschlossen. In seinen Modellen geht die Einkommensverteilung als Datengröße in die Betrach­tung ein, welche nicht weiter zu untersuchen sei.

 

Wohl aber hatte die Weiterführung der Keynes’schen Lehre durch Nicholas Kaldor dazu geführt, auch nach den Bestimmungsfaktoren der Einkommens­verteilung zwischen Lohnempfängern und Selbständigen zu fragen.

 

Zu den wichtigsten Ergebnissen dieser gesamtwirtschaftlichen und auch keynesianischen Verteilungs­theorie zählt die Aussage von Nicholas Kaldor, dass bloße Lohnsatz­erhöhungen keinen langfristigen Einfluss auf die Einkommens­verteilung hätten, dass die Lohnquote nur dann nachhaltig gesteigert werden könne, wenn die Arbeitnehmer einen größeren Teil ihres Einkommens sparen. Würden die Arbeitnehmer nicht sparen, dann könnten die Unternehmungen die Lohnsteigerungen voll auf den Preis aufschlagen, da ja auch die Kaufsumme um diesen Betrag aufgrund der Lohnerhöhung angestiegen ist.

 

Wir werden uns erst im zweiten Teil dieser Vorlesung  mit der keynesianischen Verteilungslehre noch ausführlicher beschäftigen. Hier wollen wir diese Überlegungen mit der Feststellung abschließen, dass eine expansive Lohnpolitik allein ein ungeeignetes Mittel darstellt, um die Beschäftigung nachhaltig zu steigern.

 

Fortsetzung folgt!