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Geschichte der Ökonomie

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

10. Keynesianismus

11. Neoliberalismus

 

10. Keynesianismus

 

 

Gliederung:

 

1. Problemeinführung

2. Die wichtigsten Vertreter und Gegner

3. Ausgangspunkt: Saysches Theorem

4. Keynes Kritik am Sayschen Theorem

5. Ein einfaches C-I-Modell

6. Kritik an der Kaufkraftparitätstheorie

7. Das alternative S-I-Modell

8. Geldangebot und Geldnachfrage

9. Das Hick’sche IS-LM-Modell

                10. Einbeziehung der Beschäftigungsfunktion

                11. Kritik an den Annahmen von Keynes

               

 

1. Problemeinführung

 

In diesem Kapitel wollen wir uns der von John Maynard Keynes entwickelten Theorie zuwenden. Genauso wie wir für die historische Schule feststellen konnten, dass sich um die Jahrhundertwende fast alle nationalökonomischen Lehrstühle in Deutschland fest in der Hand der Vertreter der historischen Schule befanden, lässt sich feststellen, dass in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg wiederum der größte Teil der volkswirtschaft­lichen Lehrstühle in der BRD, aber auch fast auf der ganzen Welt in Händen der Keynesianer lag. Es gibt wohl kaum eine Richtung in der Ökonomie, welche einen so starken Einfluss auf die Wirtschaftspolitik der Nachkriegszeit genommen hat als der Keynesianismus.

 

Während im Mittelpunkt der Analysen sowohl der älteren wie auch der jüngeren Klassik die Werttheorie und mit ihr die Frage nach dem langfristigen Gleichgewicht freier Märkte stand, ging es John Maynard Keynes in erster Linie darum, aufzuzeigen, dass der Marktmechanismus vor allem in der Frage der Vermeidung von Massenarbeitslosigkeit versage, wobei es noch nicht einmal an den Mängeln des Arbeits­mark­tes selbst, sondern vielmehr des Kapitalmarktes liege, dass Unterbeschäftigung größeren Umfangs entstehe und nicht mehr durch Marktkräfte allein abgebaut werden könnte.

 

Der freie vom Staat unbeeinflusste Markt tendiere zwar auf den Gütermärkten zu einem Gleichgewicht, bei dem jedoch zur gleichen Zeit der Arbeitsmarkt ungleichgewichtig sei und Arbeitslosigkeit größeren Umfangs entstehe. Hierbei würden nicht nur die Anpassungsmechanismen zum Abbau von Arbeitslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt selbst versagen. Vielmehr sei der Kapitalmarkt nicht in der Lage, auf Zinssenkungen mit einer Ausweitung der Investitionsnachfrage zu reagieren. Er könne damit auch nicht dafür sorgen, die Voraussetzungen für einen Anstieg in der Beschäftigungsnachfrage  von selbst zu schaffen.

 

Ausgangspunkt der Keynes’schen Lehren ist das Say’sche Theorem, wonach gar keine gesamtwirt­schaftliche Arbeitslosigkeit in einer freien Marktwirtschaft entstehen könne, da jedes Angebot von selbst seine Nachfrage herbeiführe. Keynes glaubt nachgewiesen zu haben, dass das Say’sche Theorem von falschen Voraussetzungen ausgegangen sei und dass ein Abbau der Arbeitslosigkeit nur durch den Staat erreicht werden könne. Die Nachfrage, welche von den privaten Haushalten und den Unternehmungen ausgehe, sei zu gering, um alle Arbeitswilligen beschäftigen zu können. Aus diesem Grunde müsse der Staat über ein defizitäres Budget die Nachfrage ersetzen, welche von privater Seite in zu geringem Maße ausgeübt werde.

 

Während sich sowohl die ältere als auch die jüngere Klassik mit Ausnahme Leon Walras vorwiegend mit der Problematik von Einzelmärkten befasst haben, hat sich Keynes fast ausschließlich mit makroökonomischen Beziehungen, welche in einem Kreislaufzusammenhang stehen, auseinandergesetzt. Während sich die Klassik also mit Fragen der Allokation und damit mit den Preisrelationen beschäftigt hat, stehen bei Keynes gesamtwirtschaftliche Größen wie Inlandsprodukt, Beschäftigung, Investitionsvolumen und gesamtwirt­schaft­liche Sparsumme im Mittelpunkt des Interesses. Keynes befasste sich weder intensiv mit Fragen der Allokation noch der Verteilung.

 

 

 

 

2. Die wichtigsten Vertreter und Gegner

 

Neben John Maynard Keynes selbst wurde die Keynes’sche Lehre vor allem von Roy F. Harrod, Lawrence R. Klein, Abba P. Lerner, Nicholas Kaldor und Alvin Hansen verbreitet und ausgebaut. Wie kaum bei einer anderen wissenschaftlichen Schule fanden zwischen den Anhängern und Gegnern der Keynes’schen Botschaft Auseinandersetzungen statt.

 

Die Gegner des Keynesianismus wurden hierbei als Neoklassiker bezeichnet, obwohl sich diese Gruppe in ihrer Thematik deutlich von den Neoklassikern der frühen Cambridge-Schule abhob. Zu den wichtigsten Gegnern der Keynes’schen Lehre gehörte u. a. John Richard Hicks, Arthur Cecil Pigou, Gottfried von   Haberler, Sidney Weintraub  sowie Milton Friedman. 

 

Neben der angelsächsisch geprägten Keynes-Schule hat die Gruppe der Deutsch-Keynesianer unabhängig von der Keynes’schen Bewegung ähnliche Gedankengänge etwa zur gleichen Zeit entwickelt. Zu dieser Gruppe zählte vor allem Carl Föhl.

 

John Maynard Keynes lebte von 1884 bis 1946 und war britischer Ökonom und Begründer der Keynesschule. Zu seinen Hauptwerken zählen: ‘The Economic Consequences of the Peace’ (1919), weiterhin: A Treatise on Money  2 Bd. (1930) sowie als bekanntestes Werk: ‘The general theory of employment, interest and money’(1930).

 

Keynes übte Kritik am Sayschen Theorem, da die Ersparnisse gehortet und die Investitionsnachfrage auch bei Zinssenkungen nicht erhöht werde. Er übte auch Kritik an der Quantitätstheorie, da die Liquiditäts­präferenz, der Kehrwert der Umlaufsgeschwindigkeit vom Zinssatz abhängig sei. Über einen Geldmengen­zuwachs könne das Inlandsprodukt bei Unterbeschäftigung durchaus erhöht werden. Bekannt wurde Keynes über den wirtschaftlichen Bereich hinaus aufgrund seiner Kritik an der Reparationspolitik der Alliierten gegen  Deutschland nach dem 1. Weltkrieg.

 

Roy F. Harrod lebte von 1900 bis 1978 und war britischer Ökonom und einer der einflussreichsten Keyne­sianer. Bekanntgeworden ist er vor allem durch seine Werke: ‚Die internationalen Wirtschafts­beziehungen‘ (1945), weiterhin: ‚Dynamische Wirtschaft‘ (1948) und: ‚Factor Price Relations Under Free Trade (1958).

 

Er führte in seiner Wachstumstheorie den Begriff des neutralen technischen Fortschritts ein, der sich von dem Hicks’schen Begriff dadurch unterschied, dass bei Harrod dann von einem neutralen technischen Fortschritt gesprochen wird, wenn bei konstantem Zinssatz der Kapitalkoeffizient konstant bleibt. Hicks hingegen spricht von neutralem Fortschritt dann, wenn bei konstantem Lohn-Zinsverhältnis das Einsatz­verhältnis von Kapital zu Arbeit konstant bleibt. Gegenstand der dynamischen Theorie von Harrod ist die Frage nach der gleichgewichtigen Wachstumsrate. Im Mittelpunkt seiner Wachstumstheorie steht die These vom Wachstum auf des Messers Schneide. Er hat auch nachgewiesen, dass das Leontief-Paradox mit umschlagenden Faktorintensitäten erklärt werden könne.

 

Lawrence R. Klein,  geboren 1920, war amerikanischer Ökonom und setzte sich für die Verbreitung des Keynesianismus in den USA ein. 1980  erhielt er den Nobelpreis. Zu seinen Hauptwerken zählen: ‘Macroeconomics and the Theory of Rational Behavior’ (1946), weiterhin: ‚The Keynesian Revolution’ (1947) und: ‘A Textbook of Econometrics’ (1953).

 

Klein sieht den Unterschied zwischen Keynes und Marx darin, dass John Maynard Keynes retten und bewahren wollte, während Karl Marx kritisieren und vernichten wollte. Er war davon überzeugt, dass Keynes eine Revolution sowohl in seiner theoretischen Analyse wie in der wirtschaftspolitischen Anwendung brachte. Er entwickelte eine Reihe dynamischer Konjunkturmodelle.

 

Abba P. Lerner lebte von 1903 bis 1982, war russisch- britischer Ökonom und Anhänger des Keynesianis­mus. Zu seinen Hauptwerken zählen: ‘The Concept of Monopoly and the Measurement of Monopoly Power’ (1934), weiterhin: ‘The Relation of Wage Policies and Price Policies’ (1939), sowie: ‘The Economics of Control: Principles of welfare economics’ (1944) und schließlich:  ‘Factor Prices and International Trade’ (1952).

 

Er übte Kritik an Paretos These, der Nutzen sei nicht interpersonell messbar. Er war der Überzeugung, dass Nutzen sehr wohl interpersonell verglichen werden könne und dass bei Einkommensgleichheit die Gesamt­wohl­fahrt maximiert werde. Lohnsatzsteigerungen könnten dann die Beschäftigung steigern, wenn aufgrund von Umverteilung die Konsumquote steige. Er entwickelte die Idee eines optimalen Währungsgebietes. Bekannt geworden ist er vor allem durch die Formulierung der Marshall-Lerner-Bedingung in der Außenwirtschaft. Schon sehr früh erkannte er die Gefahr einer Stagflation.

 

Nicholas Kaldor lebte von 1908 bis 1986 und war britischer Ökonom, Keynesianer und ist vor allem durch seine wohlfahrtstheoretischen Arbeiten bekannt geworden. Seine Hauptwerke befassen sich mit  Welfare Propositions in Economics´(1939), weiterhin mit: ‚Alternative Theories of Distribution‘ (1956) und: ‚A Model of Economic Growth‘ (1957).

 

Entsprechend dem Kaldor-Hicks-Kriterium lässt sich auch dann von einer Wohlfahrtssteigerung sprechen, wenn es zwar Verlierer gibt, wenn aber die Gewinner einer Maßnahme die Verlierer entschädigen können. Im Rahmen seiner gesamtwirtschaftlichen Verteilungstheorie wird die Gewinnquote maßgeblich von der Spar- und Investitionsfunktion bestimmt, während der Lohnsatz keinen Einfluss auf die Verteilung ausübt. Im Rahmen seiner Wachstumstheorie versucht Kaldor nachzuweisen, dass das Wirtschaftswachstum eine inhärente Tendenz zum neutralen technischen Fortschritt habe.

 

Alvin Hansen lebte von 1887 bis 1975. Er war der Hauptvertreter des Keynesianismus in den USA. Seine Hauptwerke sind: ‘Full Recovery or Stagnation?’ (1938), weiterhin: ‘Economic Progress and Declining Population Growth’ (1939), ‘A Guide to Keynes’ (1953) und: ‘The Dollar and the International Monetary System’ (1965).

 

Alvin Hansen unterscheidet sich von Keynes vor allem darin, dass er die Gefahr der Arbeitslosigkeit nicht nur im Zusammenhang mit Konjunkturkrisen sieht, sondern im Rahmen seiner Stagnationsthese davon ausgeht, dass bei Rückgang des Bevölkerungswachstums die privaten Investitionen wegen geringerem Wohnungsbedarf und Rückgang in den Industrieanlagen nicht ausreichen, Vollbeschäftigung zu garantieren.

 

John Richard Hicks  lebte von 1904 bis 1989, war britischer Ökonom und Vermittler zwischen Neoklassik und Keynes. Seine Hauptwerke befassen sich mit folgenden Themen: The Theory of Wages‘ (1932), ‘Mr Keynes and the Classics: A suggested simplification’ (1932), ‘The Foundations of Welfare Economics’ (1939) und schließlich: ‘Value and capital’ (1939).

 

Hicks wurde vor allem durch das Kaldor-Hicks-Kriterium bekannt, wonach auch dann noch mit einer  Wohlfahrtssteigerung zu rechnen ist, wenn es Verlierer einer Maßnahme gibt, wenn jedoch die Gewinner einer Maßnahme die Verlierer entschädigen können. Von Hicks stammt vor allem die heutige Darstellung der Keynes’schen Theorie in den Lehrbüchern, dem IS-LM-Schema, in dem gezeigt wird, dass sich durch die Zusammenführung von Geld- und Kapitalmarkt (Sparen u. Investieren) ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht, unter Umständen bei Unterbeschäftigung ergibt.

 

Im Rahmen der Wohlfahrtstheorie hat Hicks gezeigt, dass sich Preiserhöhungen eines Gutes in einem Indifferenzkurven-System in einen Einkommens- und einen Substitutionseffekt aufteilen lassen. Hierbei ist der Substitutionseffekt stets negativ, der Einkommenseffekt jedoch bei inferioren Gütern positiv.

 

Arthur Cecil Pigou lebte von 1877 bis 1959 und war britischer Ökonom der Cambridgeschule sowie Kritiker von Keynes. Als Hauptwerke gelten: ‘Producers' and Consumers' Surplus’ (1910), weiterhin: ‘Wealth and welfare’ (1912), ‘Mr. J.M. Keynes's General Theory’ (1936) und schließlich: ‘Real and Money Wage Rates in Relation to Unemployment’ (1937).

 

Pigou hat gezeigt, dass die Elastizität der Arbeitsnachfrage im Allgemeinen größer eins ist. Er hat weiterhin darauf hingewiesen, dass eine Ausbeutung der Arbeit gegeben sei, wenn der Lohnsatz unter dem Grenzprodukt der Arbeit liege. Diese Aussage gilt allerdings nur bei vollständiger Konkurrenz, da bei monopoloiden Marktformen der Lohnsatz stets unterhalb des Grenzproduktes liegt.

 

Nach ihm ist weiterhin der sogenannte Pigou-Effekt bezeichnet: Danach führen Lohnerhöhungen über Preiserhöhungen zu einer Abnahme des Vermögens, damit zu einer Zunahme der Ersparnis und schließlich zu einer Reduzierung des Inlandsproduktes und der Beschäftigung. Pigou hatte sich auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Umweltfragen befasst und eine Besteuerung der Produkte  zum Ausgleich externer Kosten vorgeschlagen (Pigousteuer).

 

Gottfried von  Haberler  lebte von 1900 bis 1995, war österreichischer Ökonom, lehrte später in Havard und war einer der Hauptkritiker von Keynes. Seine Hauptwerke behandelten folgende Themen: ‚Der internationale Handel‘ (1939), ‚Prosperität und Depression‘ (1948), 1936: ‚Mr Keynes' Theory of the Multiplier‘ (1936) und schließlich: ‚Integration and Growth of the World Economy in perspective  (1946)

 

Gottfried von Haberler hat darauf hingewiesen, dass die Theorie der komparativen Kosten durch Einführung der Opportunitäts­kosten von den Resten der Arbeitswertlehre bereinigt werden kann. Er hat auch Kritik an den empirischen Untersuchungen v. J. Prebish geübt, indem er aufgezeigt hat, dass aus dem empirischen Material über die Terms of Trades im Verhältnis zwischen hochentwickelten Staaten und Entwicklungsländern falsche Schlussfolgerungen gezogen wurden, da die Transportkosten falsch zugeordnet wurden. Seiner Meinung nach entstehen wirtschaftliche Krisen vorwiegend durch Überinvestitionen.

 

Sidney Weintraub lebte von 1914 bis 1983, war amerikanischer Ökonom, befasste sich mit den Themen: Geld und Konjunktur und zählt zu der Gruppe der Angebotstheoretiker, welche im Gegensatz zu Keynes die Arbeitslosigkeit nicht auf eine zu geringe Nachfrage, sondern auf Mängel in den Angebotsfaktoren zurückführen. Seine Hauptwerke gelten folgenden Themen: ‘An Approach to the Theory of Income Distribution’ (1958), ‘A General Theory of the Price Level, Output and Income Distribution’ (1959) und schließlich: ‘Classical Keynesianism: A plea for its abandonnment’ (1961).

 

Nach Auffassung von Weintraub wird eine Inflation vorwiegend durch den Anstieg der Stückkosten verursacht. Die Unternehmer sehen einen branchenüblichen Aufschlag auf die Stückkosten vor und beeinflussen damit das Preisniveau.

 

Milton Friedman lebte von 1912 bis 2006, war amerikanischer Ökonom und Begründer der Neoquantitäts­theorie. Zu seinen Hauptwerken zählen: ‚Studies in the quantity theory of money‘ (1956:), weiterhin: ‘A theory of the consumption function’ (1957) und schließlich: ‚Kapitalismus und Freiheit‘ (1962).

 

Im Rahmen seiner Neoquantitätstheorie weist er darauf hin, dass jede Inflation letzten Endes monetäre Ursachen habe. Bekannt ist sein Plädoyer gegen eine ‚go and stop‘ Geld-Politik. Er gehört auch zu den wenigen maßgeblichen Ökonomen, welche ein Plädoyer für eine Deflation gehalten hatten. Im Rahmen seiner Kritik an Keynes geht er davon aus, dass auf lange Sicht die Nachfrage nach Kasse mit der Wohlfahrt ansteige.

 

Carl Föhl  lebte von 1901 bis 1973 und zählt zu den wichtigsten Deutschkeynesianern, welche unabhängig von Keynes etwa zur gleichen Zeit ähnliche Gedankengänge entwickelten. Seine beiden Hauptwerke gelten dem Thema: ‚Geldschöpfung und Wirtschaftskreislauf‘ (1937), sowie der ‚Kritik der progressiven Einkommensbesteuerung‘ (1953/54).

 

Carl Föhl gilt als einer der Deutschkeynesianer, die wichtige Erkenntnisse der keynes‘schen Theorie vorwegnah­men. Nach Föhl hat die progressive Einkommenssteuer überhaupt erst zu einem Ansteigen der  Gewinne und auf diesem Wege zu einer Inflation geführt. Die vermehrten Steuereinnahmen aus der Gewinnbesteuerung würden vom Staat voll zum Ankauf von Gütern und Dienstleistungen verwandt, sodass die Bruttogewinne und die Erlöse anstiegen, die Nettogewinnsumme jedoch unverändert bliebe. Im Gegensatz zu Keynes sind seine gesamtwirtschaftlichen Modelle in der Lage, nicht nur Einkommen und Beschäftigung, sondern auch die Einkommensverteilung zu erklären.

 

 

3. Ausgangspunkt: Saysches Theorem

 

Die Keynes’sche Revolution beginnt mit der Kritik von Keynes am Say’schen Theorem. Deshalb ist es notwendig, wenn wir unsere Analyse der Keynes’schen Lehre mit dem Say’schen Theorem starten.

 

Jean Baptiste Say lebte von 1767 bis 1832 und war einer der Hauptvertreter der französischen Klassik. Bekanntgeworden ist er vor allem durch das nach ihm benannte Say’sche Theorem.

 

Das Say'sche Theorem wendet sich gegen die Unterkonsumtionstheorien, wonach eine zu geringe Konsum­güternachfrage Arbeitslosigkeit verursache. Entsprechend dem Say'schen Theorem kann eine zu geringe Güternachfrage allgemeine Arbeitslosigkeit nicht erklären, da sich jedes Angebot seine Nachfrage selbst schaffe. Allerdings leugnet Say keinesfalls das Entstehen von Massenarbeitslosigkeit, er führt diese jedoch nicht auf eine zu geringe Güternachfrage, sondern in seiner Theorie der verstopften Absatzwege auf falsche Preisrelationen zurück.

 

Der Wert des Angebotes werde nämlich voll zu Einkommen und dieses hinwiederum voll zu Nachfrage, da Ersparnisse stets investiert werden. Generelle Arbeitslosigkeit könne deshalb nur mit strukturellen Ursachen erklärt werden.

 

 

 

Betrachten wir die einzelnen Schritte dieses Theorems etwas genauer. Als erstes wird festgestellt, dass die gesamten Verkaufserlöse zu Einkommen werden. Wir betrachten hierbei nicht eine einzelne Unternehmung, sondern eine konsolidierte Bilanz aller Unternehmungen. Auf der rechten Seite der Bilanz im oberen  Teil der Graphik tragen wir auf der Einnahmenseite die Verkaufserlöse, also den Wert des Angebotes ein, welche die Verkäufer der Endprodukte erzielen. Hierbei haben wir zu berücksichtigen, dass ein Teil dieser Verkaufs­erlöse benötigt wird, um Halbfabrikate und Rohstoffe von anderen Unternehmungen zu beziehen. Hier fallen die Ausgaben der Endproduktunternehmugen mit den Verkaufserlösen der Halbfabrikat- und Rohstoff­unter­nehmungen zusammen, wir können also diese Beträge in einer konsolidierten Gesamtbilanz vernach­lässigen.

 

Die Verkaufserlöse der Endproduktunternehmungen dienen weiterhin dazu, die eingekauften Produktions­faktoren zu entlohnen, an die beschäftigten Arbeitnehmer werden Löhne, an die Bodenbesitzer Grund­pachten und an die Kapitalgeber Zinsen ausgezahlt. Die verbleibende Restsumme aus den Verkaufs­erlösen fließt dem Unternehmer als Gewinneinkommen zu. Wir können also feststellen, dass die gesamte Verkaufs­erlössumme zu Einkommen wird.

 

Als nächstes wenden wir uns der Verwendung dieser Einkommen zu. Einkommen können für den Ankauf von Konsumgütern verwandt oder gespart werden. Beide zusammen entsprechen stets der gesamten Einkaufssumme. Es wird hier also der Einfachheit halber von einer geschlossenen Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität des Staates ausgegangen.

 

Die Ersparnisse dienen den Unternehmungen zur Finanzierung ihrer Investitionen, also zum Ankauf der Investitionsgüter. Somit wird nicht nur der Teil des Einkommens zu Nachfrage, welcher für den Ankauf von Konsumgütern verwandt wird, sondern auch die Sparsumme wird voll zum Kauf von Investitionsgütern eingesetzt.

 

Damit ist jedoch erwiesen, dass das gesamte Angebot (die Verkaufserlöse) zu Nachfrage wird, entweder als Konsumgüter- oder als Investitionsnachfrage. Was zu beweisen war.

 

Wie sind nun die hier getroffenen Annahmen zu bewerten? Der erste Schritt, der Nachweis, dass die Summe der Verkaufserlöse beim Endproduktproduzenten voll zu Einkommen wird, ergibt sich aus logischen Überlegungen. Der Gewinn der Unternehmung (G) ist so definiert, dass er der Differenz zwischen Verkaufserlösen (P * X) und der Entlohnung der eingesetzten Produktionsfaktoren (EF) entspricht. Es gelten also die Gleichungen:

 

G = P*X - EF ®  P*X = EF + G

 

 

Wenden wir uns deshalb dem zweiten Schritt in der Analyse des Say’schen Theorems zu. Dass ein Teil der Einkommen (EF + G) konsumiert wird und deshalb zu der Nachfrage nach Konsumgütern führt, ergibt sich wiederum aus logischen  Zusammenhängen, wer Güter konsumiert, muss diese zuvor gekauft haben.

 

Kritischer zu beurteilen ist die zweite These, dass die Ersparnisse stets voll investiert werden. Diese Annahme ergibt sich allerdings aus der Tatsache, dass zu Lebzeiten von Jean Baptiste Say die vorherr­schende Unternehmungsform die Personengesellschaft war und dass deren Unternehmer das benötigte Kapital aus ihrem eigenen Einkommen in Form von Ersparnissen aufbringen mussten, da das Einkommen der Nichtunternehmer noch zu gering war, um größere Einkommensteile zu sparen. Der einzige Grund zum Sparen lag also darin, dass Unternehmer Kapital für ihre Investitionen benötigten. Unternehmer sparten also nur dann, wenn sie einen Investitionsbedarf hatten. Ihr Kapitalbedarf konnte nur durch eigene Ersparnisse, nicht aber über eine Kreditnahme auf dem Kapitalmarkt befriedigt werden. In der Zeit, in der Say lebte, entsprach es durchaus der Wirklichkeit, dass fast alle Ersparnisse zum Ankauf von Investitionsgütern verwandt wurden.

 

In der Zwischenzeit ergaben sich in dieser Frage zwei wesentliche Änderungen. Auf der einen Seite entstanden Kapitalgesellschaften, welche einen so hohen Kapitalbedarf hatten, dass die Eigenersparnisse der Unternehmereigner nicht ausreichten und deshalb zusätzliches Kapital auf dem Kapitalmarkt nachgefragt werden musste. Auf der anderen Seite war in der Zwischenzeit das Einkommen großer Teile der Bevölkerung so stark gestiegen, dass auch die Nichtunternehmerhaushalte einen Teil ihrer Einkommen sparen konnten und diese Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt anboten.

 

Obwohl also nun Sparer und Investoren nicht mehr dieselben Personen waren und obwohl deshalb damit gerechnet werden musste, dass die gesamtwirtschaftliche Sparsumme größer oder auch kleiner als die gesamtwirtschaftliche Investitionssumme ist, ging die neoklassische Theorie immer noch davon aus, dass das Say’sche Theorem nach wie vor gelte, da nun der Kapitalmarkt dafür Sorge trage, dass Ersparnis und Investition sich entsprechen. 

 

Der frei Marktmechanismus sorge dafür, dass bei einem Überhang der Ersparnis über die Investitions­nachfrage der Zinssatz sinke und dass deshalb sowohl weniger  Ersparnisse gebildet und gleichzeitig mehr Investitionen getätigt würden. In gleicher Weise gelte, dass bei einem Investitionsüberhang der Zinssatz steige und aus diesen Gründen die Ersparnisse anstiegen und die Investitionsvorhaben gekürzt würden. Mit anderen Worten: Die Neoklassiker gingen davon aus, dass der Marktmechanismus automatisch einen Ausgleich von Ersparnis und Investition herbeiführe.

 

Man kann natürlich drittens auch bezweifeln, ob Konsumieren und Sparen die einzigen Verwendungsarten des Einkommens darstellen. Schließlich muss man davon ausgehen, dass beachtliche Teile des Einkommens in Form von Steuern abgeführt werden müssen. Es kann deshalb kritisiert werden, dass das Say’sche Theorem eine geschlossene Volkswirtschaft ohne wirtschaftliche Aktivität unterstellt.

 

Zur Beantwortung dieser letzten Kritik kann jedoch angeführt werden, dass es sehr zweckmäßig sein kann, zum besseren Verständnis komplexer Zusammenhänge ganz bewusst von gewissen realen Gegebenheiten abzusehen. Sind einmal die Zusammenhänge anhand einfacher Modelle richtig erkannt, lassen sich sehr schnell die unrealistischen Annahmen des ersten Modells aufheben. Es ist ein leichtes, das Say’sche Theorem so umzudefinieren, dass die wichtigsten Ergebnisse des Say’schen Theorems auch für eine offene Volkswirtschaft mit wirtschaftlicher Aktivität des Staates aufrechterhalten werden können. 

 

 

4. Keynes Kritik am Say‘schen Theorem

 

John Maynard Keynes hat nun – wie bereits erwähnt – das Say’sche Theorem kritisiert, da es von falschen Annahmen ausgehe. Man könne nicht damit rechnen, dass der freie Markt Ersparnis und Investition einander angleiche. Der Kapitalmarkt funktioniere in der Realität nicht so, wie es im Rahmen der neoklassischen Theorie unterstellt wurde.

 

Hierfür gebe es vor allem zwei Gründe: Erstens könne nicht damit gerechnet werden, dass alle Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt angeboten werden, Ersparnisse würden zum Teil gehortet, also nicht zinsbringend angelegt. Aber auch dann, wenn die Ersparnisse auf dem Kapitalmarkt angeboten werden und aufgrund der Zunahme im Kapitalangebot der Zinssatz sinkt, führe dies keinesfalls dazu, dass die Investitionsnachfrage ansteige. Die industriellen Investitionen seien nämlich weitgehend zinsunelastisch. Eine hohe Zinselastizität sei jedoch Voraussetzung dafür, dass entsprechend dem Say’schen Theorem die Gesamtnach­frage dem jeweiligen Angebot entspreche.

 

Wie begründet nun Keynes seine Behauptung, ein Teil der Ersparnisse werde gehortet und nicht dem Kapitalmarkt angeboten? Man könnte hierbei an Verhaltensweisen denken, welche in früheren Zeiten bei vielen Rentnern beobachtet wurden, dass sie nämlich den Banken und dem Kapitalmarkt misstrauten und aus diesen Gründen ihre Ersparnisse im Strumpf (in der eigenen Wohnung) aufbewahrten, wobei ihr Misstrauen so stark war, dass sie sogar auf diese Weise auf sonstige Zinserträge verzichteten.

 

Eine solche irrationale Verhaltensweise mag zwar in der Vergangenheit bisweilen beobachtet worden sein, sie entspricht jedoch nicht den Annahmen, welche Keynes zu seiner Theorie des Hortens veranlasst hatten. Keynes legt in seiner Theorie des Hortens (Theorie der Liquiditätspräferenz) sehr wohl rationale Verhaltensweisen zugrunde. Es seien hochrationale Überlegungen, welche die privaten Haushalte veranlassten, vorübergehend ihre Ersparnisse nicht zinsbringend anzulegen.

 

Um diese These zu verstehen, müssen wir uns darüber klar werden, dass ein Teil der risikoscheuen Haushalte die Ersparnisse vorwiegend in festverzinslichen Wertpapieren anlegt. Wir unterscheiden im Allgemeinen zwischen Aktien und Aktienfonds und festverzinslichen Wertpapieren. Während mit dem Kauf von Aktien – in etwas geringerem Maße mit Aktienfonds – hohe Risiken verbunden sind, sind die Risiken beim Kauf festverzinslicher Wertpapiere im Allgemeinen begrenzt. Nach Ablauf einiger Jahre werden die festverzinslichen Wertpapiere zum vollen Nominalwert zurückgezahlt, die Zinsen bleiben jedoch konstant, unabhängig davon, wie sich der aktuelle Marktzins entwickelt.

 

Es bestehen nun eindeutige Beziehungen zwischen dem aktuellen Zinssatz und dem Kurs der festverzins­lichen Wertpapiere. Steigt der aktuelle Zinssatz, so bedeutet dies, dass der bei festverzinslichen Papieren gewährte konstant bleibende Zins gegenüber dem aktuellen Zins zurückbleibt. Es sind deshalb viele Besitzer festverzinslicher Wertpapiere bestrebt, ihr Papiere zu verkaufen, um Anlagen mit höheren Zinsen zu erwerben. Dieser Verkauf dieser Wertpapiere führt jedoch zu einem Sinken der Kurse.

 

Umgekehrtes gilt für den Fall, dass der aktuelle Zinssatz sinkt. Hier erhalten die Besitzer festverzinslicher Wertpapiere Zinsen, die über dem Marktzins liegen und gerade aus diesen Gründen werden Besitzer von Spargeldern bestrebt sein, die bestehenden Papiere mit einem höheren Zinssatz zu kaufen. Dieser Kauf bewirkt jedoch einen Anstieg der Kurse dieser Papiere.

 

Somit haben wir gezeigt, dass Variationen in den aktuellen Zinssätzen automatisch zu entgegengesetzt gerichteten Veränderungen in den Kursen der festverzinslichen Wertpapiere führen. Zinssteigerungen führen also zu Kurssenkungen und Zinssenkungen hingegen zu Kurssteigerungen.

 

Weiterhin müssen wir uns daran erinnern, dass der aktuelle Zinssatz – vor allem auch aufgrund der aktiven Politik der Notenbank – im Konjunkturverlauf in den Abschwungsphasen ebenfalls sinkt und somit im Konjunkturtief seinen Tiefpunkt erreicht. Je tiefer nun der aktuelle Zinssatz gefallen ist, umso wahrscheinlicher wird es, dass er bereits seinen Tiefpunkt erreicht hat und deshalb in Kürze wieder steigen wird.

 

Dies bedeutet, dass bei niedrigen Zinsen mit einem baldigen Anstieg der Zinsen gerechnet wird, was – nach den gerade angestellten Darlegungen – gleichbedeutend ist, dass in naher Zukunft mit starken Kursverlusten bei den festverzinslichen Wertpapieren gerechnet werden muss. Wer also nun vor der Entscheidung steht, ob er seine Ersparnisse zinsbringend anlegen soll, muss davon ausgehen, dass der ohnehin geringe Zinsertrag in Zeiten eines Konjunkturtiefs dadurch wiederum verloren geht, dass mit Kursverlusten gerechnet wird. Es kann in einer solchen Situation durchaus wahrscheinlich werden, dass die erwarteten Kursverluste höher ausfallen als die erwarteten Zinserträge. In einer solchen Situation ist es ausgesprochen rational, wenn man mit der Kapitalanlage noch wartet, also zunächst die Ersparnisse hortet und damit auf Zinserträge verzichtet.

 

Wenden wir uns nun der These zu, dass die Investitionsnachfrage auf Zinssenkungen nicht mit einer Ausweitung reagiere. Diese These wurde von Keynes zunächst für Zeiten der Rezession und Depression formuliert. Keynes verteidigt seine These, dass die Investitionsnachfrage auf Zinssenkungen kaum reagiere, mit drei Argumenten.

 

Argument 1: In Zeiten der Rezession und Depression geht der Absatz der Konsumindustrie zurück, weil Arbeitnehmer entlassen werden und deshalb über geringeres Einkommen verfügen oder weil in weniger Arbeitsstunden gearbeitet werde und aus diesen Gründen das Einkommen zurückgehe. Ein Rückgang in der Nachfrage nach Konsumgütern kann jedoch auch bei den Arbeitnehmern erwartet werden, deren Beschäftigungssituation sich noch nicht verschlechtert hat, die aber aus Furcht, dass sich ihre Einkommens­situation konjunkturbedingt in naher Zukunft verschlechtern könnte, ihre Konsumwünsche zurückhalten.

 

Dieser Rückgang der Konsumnachfrage in Zeiten des Konjunkturabschwungs hat nun unmittelbar zur Folge, dass die Konsumgüterproduzenten ihre Produktion einschränken und somit über überschüssige Kapazitäten verfügen.

 

In einer solchen Zeit könne man nicht erwarten, dass die Unternehmungen ihre nicht ausgelasteten Kapazitäten über neue Investitionen noch vergrößerten. Selbst dann, wenn der Zinssatz für Kredite sinke und eine Zinssenkung in normalen Zeiten dazu führe, dass neue Investitionsprojekte nun rentabel würden, könne in Zeiten der Konjunkturkrise nicht damit gerechnet werden, dass die Unternehmungen solche Investitionsvorhaben durchführen.

 

Argument 2: Wenn die Zinsen sinken, so bedeutet dies im Allgemeinen, dass die Kosten gesenkt werden und dass deshalb die Gewinne steigen. In Zeiten der Rezession und Depression könnten jedoch diese Gewinnsteigerungen nicht realisiert werden. Gerade weil die Nachfrage gesunken sei, werden die Unternehmungen den Versuch unternehmen, durch Preissenkungen die Nachfrage wieder auszuweiten oder zumindest eine weitere Reduzierung der Nachfrage zu verhindern. Dies bedeute jedoch, dass wegen des Angebotsüberhanges die Unternehmungen unter dem Druck stünden, alle Kostensenkungen und damit auch etwaige Verringerungen in den Zinszahlungen sofort im Preis – also in Form von Preissenkungen – weiterzugeben. Selbst dann also, wenn die Zinskosten sinken, und die Unternehmungen unter normalen Bedingungen Luft für weitere Investitionen erhalten würden, kommen diese Effekte nicht zum Zuge, da konjunkturbedingt alle Kostensenkungen an die Konsumenten weitergereicht werden. Den Unternehmungen würden deshalb selbst bei Zinssenkungen die Mittel fehlen, neue Investitionen durchzuführen.

 

Argument 3: Im Übrigen führten ganz bestimmte Abschreibungsmethoden in der Industrie dazu, dass der Umfang der Zinskosten ohnehin so gering ist, dass er vernachlässigt werden kann und dass deshalb auch bei an und für sich beachtlichen Zinssenkungen seitens der Notenbank nicht davon ausgegangen werden kann, dass auf diese Weise die gesamten Kosten entscheidend verringert werden können und auf diese Weise Impulse für eine Ausweitung der Nachfrage geschaffen werden.

 

Gedacht wird hierbei bei Keynes an die sogenannten pay-of-Methoden, welche vor allem in der Industrie angewandt würden. Danach seien die Unternehmungen bestrebt, ihre Produktionsanlagen in einem sehr kurzen Zeitraum von 3 bis 5 Jahren abzuschreiben. Der Grund für ein solches Verhalten sieht Keynes in der Tatsache, dass aufgrund eines an und für sich rasanten technischen Fortschritts die Maschinenanlagen relativ schnell veralten. Da aber eine Unternehmung in der Regel erst dann bereit ist, neue Anlagen anzuschaffen, wenn die alten bisherigen Anlagen voll abgeschrieben sind, sehen sich die Unternehmungen zu solchen kurzfristigen Abschreibungsmethoden gezwungen.

 

Während die Argumente 1 und 2 nur für eine spezielle Konjunkturlage – nämlich Rezession und Depression – Gültigkeit besitzen, bezieht sich das dritte Argument auf spezielle Abschreibungspraktiken, welche unabhängig von der jeweiligen Konjunkturlage angewandt werden.

 

Wie bereits erwähnt, entwickelte Keynes seine Thesen für spezielle konjunkturelle Phasen (der Rezession und Depression) und insofern war die Keynes’sche Theorie ursprünglich nicht eine allgemeine für alle Konjunkturphasen gültige Theorie. Alvin Hansen unterschied sich von Keynes in dieser Frage ganz beachtlich, als er die Gefahr von Massenarbeitslosigkeit nicht nur als konjunkturelles Phänomen ansah, sondern der Überzeugung war, dass es so etwas wie eine säkulare Depression und damit anhaltende Arbeitslosigkeit gebe.

 

Folgen wir den Überlegungen von Hansen, so ist noch ein weiteres viertes Argument zu erwähnen, dass die Investitionen der Industrie nicht auf Zinssenkungen positiv reagieren.

 

Alvin Hansen befürchtet eine säkulare Depression vor allem deshalb, weil in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften mit einem Rückgang des Bevölkerungswachstums bis hin zu einer Bevölkerungsstagnation zu rechnen sei. Mehrere Faktoren hätten zu dieser Entwicklung beigetragen: In dem Maße, wie sich die Industriegesellschaft zu einer Bildungsgesellschaft entwickelt habe, sind mit der Aufzucht und Erziehung von Kindern immer mehr Kosten verbunden. Gleichzeitig tragen Kinder wegen der Entstehung sozialer Sicherungssysteme immer weniger dazu bei, die älteren Arbeitnehmer nach deren Ausscheiden aus dem Erwerbsleben mitzufinanzieren.

 

Kinder seien von einem Ertragsfaktor zu Beginn der Industrialisierung zu einem Kostenfaktor geworden, was unmittelbar die Bereitschaft zum Kind verringerte. Die Entdeckung und Verbreitung von Verhütungsmaßnahmen trug dann ebenfalls dazu bei, dass der Wunsch nach sexueller Beziehung befriedigt werden konnte, auch ohne in Kauf nehmen zu müssen, dass sexuelle Beziehungen automatisch zur Geburt von Kindern führen müssen. Schließlich könnte man diesem Katalog von Gründen für einen Rückgang in der Geburtenrate noch hinzufügen, dass die Emanzipationsbestrebungen der Frauen zumindest vorübergehend dazu beigetragen haben, dass bei jungen erwerbstätigen Frauen der Wunsch nach einem Kind zunächst einmal zurückgestellt wurde.

 

Das Bevölkerungswachstum zu Beginn der Industrialisierung bewirkte nun lange Zeit, dass der  Bedarf an Investitionen hoch war und deshalb ausreichte, das Angebot an Ersparnissen zu befriedigen. Auf der einen Seite ist  bei einem Anstieg der Bevölkerung und damit auch der Arbeitnehmer der Bedarf an Investitionen groß, da immer wieder neue Arbeitsplätze eingerichtet werden müssten. Auf der anderen Seite mache es das Bevölkerungswachstum notwendig, neue Wohnungen zu errichten, um allen Haushalten ausreichend Wohnungskapazität zur Verfügung zu stellen.

 

Dieser Investitionsbedarf falle bei einer Bevölkerungsstagnation oder sogar bei Verminderung der Bevölkerung weg und Zinssenkungen würden in einer solchen Situation auch nicht in der Lage sein, dieses Defizit an Investitionsnachfrage zu kompensieren.

 

Fortsetzung folgt!