Startseite

Geschichte der Ökonomie

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Merkantilismus und Physiokraten

3. Liberalismus

4. Klassik

5. wissenschaftlicher Sozialismus

6. historische Schule

7. Wiener Schule

8. Lausanner Schule

9. Cambridge Schule

       10. Keynesianismus

       11. Neoliberalismus

 

1. Einführung

 

        Gliederung:

 

1. Auswahl

2. Frage nach den Vorläufern

3. Darstellung der gesamten Persönlichkeit eines Forschers

4. Denkfehler berühmter Ökonomen

5. geschichtlicher Verlauf von Ideen im Sinne Hegels

6. Ideen Spiegelbild der realen Entwicklung?

7. Ideen liegen in der Luft!

8. Bewahrung nicht zeitgemäßer Ideen.

9. Hans Albert: Modellplatonismus versus Hypothesen

10. Nachweis eines widerspruchsfreien Denksystems

 

 

1. Auswahl

 

In diesem Seminar wollen wir uns mit der Geschichte der Ökonomik befassen. Der Begriff ‚Ökonomik‘ bezieht sich hierbei auf die Lehre über wirtschaftliche Zusammenhänge, während sich der Begriff ‚Ökonomie‘ auf den Gegenstand dieser Lehre bezieht.

 

Der Stoff der gesamten Wirtschaftswissenschaften ist in der Zwischenzeit so stark angewachsen, dass es ein vollkommen aussichtsloses Unternehmen darstellen würde, wollten wir uns hier vornehmen, diese ganze Fülle vorzustellen. Wir haben also auszuwählen. Diese Vorlesung soll sich zunächst nur auf die theoretische Volkswirtschaftslehre – im Folgenden kurz als Wirtschaftstheorie bezeichnet - beschränken. Wir schließen also von vornherein die Betriebswirtschaftslehre, also einzelwirtschaftliche Betrachtungen, sowie die Lehre von der Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftsgeographie und schließlich auch die Wirtschaftssoziologie aus unserer Betrachtung aus. Dieser Schnitt ergibt sich vor allem daraus, dass diesen verschiedenen Wissens­disziplinen unterschiedliche Betrachtungsweisen zugrunde liegen.

 

Aber auch der Stoff der so verbleibenden Wirtschaftstheorie ist noch viel zu groß, als dass er hier auch nur im Ansatz in seiner ganzen Breite dargestellt werden könnte. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass die Geburtsstunde der Wirtschaftstheorie mit den Arbeiten von Adam Smith vor allem mit seiner 1776 veröffentlichten Schrift ‚Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations‘ beginnt und damit auf die letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts angesetzt werden kann.

 

Adam Smith hatte jedoch seine Arbeiten gegen das Vorgehen des Merkantilismus gerichtet und deshalb ist es zweckmäßig auch den Merkantilismus und auch den Vorläufer der Frühklassik in Frankreich: die Physiokraten in die Betrachtung einzubeziehen und die Geschichte der Ökonomik also schon mit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts beginnen zu lassen. Joseph Schumpeter hat allerdings in seinem voluminösen 1952 posthum herausgegebenen Werk über ‚History of Economic Analysis‘ aufgezeigt, dass die Wurzeln der Nationalökonomie viel weiter zurückliegen, ja sogar bis in das griechische Altertum reichen und dass viele modernen Gedankengänge bereits sehr viel früher zumindest im Ansatz entwickelt worden waren.

 

Während sich die Wirtschaftstheorie in ihrem ersten Jahrhundert im Wesentlichen auf England, die USA, Frankreich und Deutschland beschränkte, wird heutzutage Economics fast in allen Ländern der Welt gelehrt und auch die neuesten wissenschaftlichen Arbeiten beziehen sich dementsprechend auch auf den gesamten Globus, ein Umstand, der die Abfassung einer Lehrgeschichte sicherlich nicht vereinfacht.

 

Eine weitere mögliche Auswahl ergibt sich aus der Frage, was man eigentlich mit dieser Lehrgeschichte beabsichtigt, welche Lehren man aus dieser Betrachtung ziehen möchte. Aus diesem Blickwinkel heraus mag es zweckmäßig sein, bestimmte theoretische Ansätze ausführlich zu behandeln, während andere Beiträge bestimmter Autoren auch dann vernachlässigt werden können, wenn aus einer anderen Sicht diese Ansätze als durchaus innovativ anzusehen sind.

 

Wenn also z. B. jemand eine Lehrgeschichte schreiben wollte und mit diesem Vorhaben die Absicht verbinden würde, aufzuzeigen, dass auch die Wirtschaftstheorie genauso wie die Naturwissenschaften eine exakte Wissen­schaft darstellt, würde er all diejenigen Ansätze, welche in einem mathematischen Gewand vorgetragen wurden, besonders ausführlich darstellen, während Abhandlungen über historische Entwicklungen als vernachlässigbar angesehen würden und deshalb auch nicht in diese Lehrgeschichte aufgenommen würden.

 

Umgekehrt würde jedoch ein Anhänger der historischen Schule alle Ansätze, die in Form von mathematischen Gleichungen vorgetragen wurden, außer Acht lassen, aber in besonderem Maße die historisierenden Abhand­lungen ausführlich aufnehmen.

 

Fragen wir uns also im Folgenden nach den wichtigsten Blickwinkeln, welche die Verfasser von wirtschaftswissen­schaftlichen Lehrgeschichten angelegt haben und aus welchen Blickwinkeln deshalb eine Lehrgeschichte geschrieben werden kann.

 

 

2. Frage nach den Vorläufern

 

Als erstes könnte man mit dem Abfassen einer Lehrgeschichte über die Wirtschaftstheorie die Absicht verfolgen, aufzuzeigen, dass fast alle größeren Visionen innerhalb der Wirtschaftstheorie auch schon sehr viel früher vorgetragen worden waren, sodass eigentlich die meisten Theorien zu Unrecht mit bestimmten Namen berühmter Ökonomen verbunden werden. So waren z. B. die wichtigsten Grundgedanken der Wiener Schule bereits sehr viel früher (1854) von Hermann Heinrich Gossen in seiner Arbeit: ‚The Development of the Laws of Exchange among Men and of the Consequent Rules of Human Action‘ entwickelt worden. Immerhin werden diese Gesetze nicht nach den Vertretern der Wiener Schule (Karl Menger und Eugen von Böhm-Bawerk), sondern zu Recht als Gossen’sche Gesetze zitiert.

 

Auch die wichtigsten Gedankengänge von John Maynard Keynes waren keineswegs ausschließlich keynes’sche Innovationen, sondern waren bei den Klassikern, vor allem bei Robert Malthus bereits sehr viel früher unter dem Stichwort der Unterkonsumtionstheorie entwickelt worden.

 

Schließlich hatte Joseph A. Schumpeter vor allem in seiner Arbeit über ‚Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie‘ aufgezeigt, dass Karl Marx im Hinblick auf seine wirtschaftswissenschaftlichen Abhandlungen ein getreuer Schüler David Ricardos war, der lediglich gewisse Passagen des Ricardianischen Lehrgebäudes zu ‚Recht bog‘, genauso wie Karl Marx in seinen philosophischen Betrachtungen den Spuren Georg Wilhelm Friedrich Hegels folgte, aber auch dessen Lehre vermeinte auf die Füße stellen zu müssen. 

 

Einen solchen ersten Blickwinkel finden wir z. B. in der bereits erwähnten ‚History of Economic Analysis‘ von Joseph A. Schumpeter, der sehr eindringlich aufgezeigt hat, dass sich die meisten klassischen und sozialistischen Ansätze über das Mittelalter bis ins klassische Altertum zurückverfolgen lassen. Auch die Lehrgeschichte Karl Brandts (1992/93: Geschichte der deutschen Volkswirtschaftslehre) hat sich in ähnlicher Weise das Ziel gesetzt, vor allem auch die Beiträge deutscher Ökonomen darzustellen, welche bisher in anderen Lehrgeschichten sowie in den am meisten gebrauchten Lehrbüchern etwas vernachlässigt wurden.

 

Diese Betrachtungsweise ist sicherlich sehr verdienstvoll und es war sicherlich auch notwendig, dass Lehrge­schichten mit diesem Tenor geschrieben wurden. Trotzdem sollte man sich darüber klar werden, dass auch dann, wenn man anerkennt, dass die meisten  Ideen sehr viel früher als bisher angenommen entwickelt worden waren, daraus nicht folgt, dass die bisher im Mittelpunkt des Interesses stehenden Autoren wie Smith, Marx, Menger oder Keynes deshalb keinen wesentlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der Ökonomik geleistet hätten.

 

Auch dann, wenn ein Wissenschaftler Gedankengänge ins Bewusstsein rückt, welche schon sehr viel früher entwickelt worden waren und in der Zwischenzeit in die Vergessenheit geraten waren, leistet er einen Beitrag zur Entwicklung der Wissenschaft sowie vor allem zur Wohlfahrt der gesamten Bevölkerung. Ohne die Arbeiten z. B. eines Karl Menger wäre eben die Bedeutung der Nachfrage für die Wertbildung einzelner Güter – mit den Schriften von Hermann Heinrich Gossen – in die Versenkung gefallen und würden heute nicht mehr gelehrt.

 

Vor allem aber gilt, dass ohne die Beiträge z. B. von Keynes die Staaten während der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wohl kaum in der Lage gewesen wären, die Massenarbeitslosigkeit abzubauen. Was nützt es, wenn wir heute wissen, dass Gedankengänge der Unterkonsumtion bereits über 100 Jahre vor Keynes entwickelt worden waren, wenn sie aber in den Zeitpunkten, in denen sie den Politikern bekannt sein müssten, um eine bestehende Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, eben nicht bekannt sind.

 

Wir werden also hier in diesem Seminar diesem ersten Blickwinkel nicht folgen.

 

 

3. Darstellung der gesamten Persönlichkeit eines Forschers

 

Ein anderer möglicher Blickwinkel zur Abfassung einer ökonomischen Lehrgeschichte besteht darin, dass man sich bemüht, die einzelnen Forscher möglichst von allen Seiten aus zu beleuchten. Im Allgemeinen lassen sich nämlich Wissenschaftler nicht einfach nur nach bestimmten Aussagen beurteilen, oftmals sind die Gedankengänge einzelner Forscher vielschichtiger und lassen sich nicht in ein einfaches Schema pressen. Vor allem machen auch Forscher eine Entwicklung durch, es ist gar nicht so selten, dass bestimmte Wissenschaftler ihre Positionen verändern, sie lernen aus der Geschichte und aus den Auseinandersetzungen mit Kollegen, vor allem entwickeln sie ihre Ideen weiter.

 

Wenn es um die Gesamtwürdigung des Lebens und Wirkens eines Forschers geht, ist diese Betrachtungsweise sicherlich angezeigt. So ist es z. B. interessant zu erfahren, dass John Maynard Keynes nicht nur Arbeiten über die Beschäftigung geschrieben hat, sondern auch eine Arbeit über Wahrscheinlichkeit (1921: Treatise on Probability) veröffentlicht hat.

 

Auch sind Wissenschaftler dann, wenn sie eine extreme Position innerhalb des wissenschaftlichen Spektrums vertreten, keinesfalls immer so einseitig, wie sie von ihren Kritikern bisweilen hingestellt werden. So hat Keynes durchaus auch unterschiedliche Auffassungen akzeptiert. Über Churchill wird folgende Anekdote berichtet: Er habe sich einmal über die Wissenschaftsgremien, deren Aufgabe in der Beratung der Politiker liegt, bitter beklagt. Anstatt dass die Wissenschaftler ihm klar darlegen, welche konkrete Maßnahme man am effizientesten zur Bewältigung der vorliegenden Probleme zu ergreifen habe, erfahre er in solchen Gremien genauso viele Meinungen wie das Gremium Köpfe habe. Und er soll hinzugefügt haben: Wenn Lord Keynes diesem Gremium angehöre, gäbe es sogar eine Meinung mehr.

 

Ich muss ehrlich gestehen, dass dieses Zitat mich veranlasste, Keynes und seine Lehrmeinungen nicht mehr ganz so kritisch zu beurteilen als ich es bisher tat. Es ist sicherlich falsch, von der Wissenschaft immer Patentrezepte zu erwarten, die immer gültig sind, gleichgültig vor welcher Ausgangslage man gerade steht. Der Wissenschaftler hat eben gerade nicht die Aufgabe, sich entschieden und endgültig für eine bestimmte Maßnahme auszusprechen. Seine Aufgabe als Wissenschaftler beschränkt sich darauf, auf mögliche Wirkungen im Hinblick auf die angestrebten Ziele, aber auch im Hinblick auf andere Ziele hinzuweisen. Es ist dann Aufgabe des Politikers, diese Auswirkungen zu bewerten und sich für die Maßnahme zu entscheiden, welche per Saldo aus der Sicht des Handelnden die meisten Vorteile aufweist.

 

Trotz dieses Plädoyers zugunsten einer möglichst breiten Darstellung der unterschiedlichen Positionen eines Forschers muss man sich natürlich darüber im Klaren sein, dass diese Sichtweise auch Nachteile hat. Es besteht hier die Gefahr, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Diese Gefahr ist vor allem dort groß, wo – wie dies ja in einer Lehrgeschichte üblicher Weise der Fall ist – diese Arbeit von Interessierten gelesen wird, welche sich einen ersten Überblick über die wichtigsten Theorien und den geschichtlichen Verlauf dieser Theorien verschaffen wollen. Wer eine Lehrgeschichte liest, will im Allgemeinen die großen Entwicklungslinien und weniger die einzelnen Verzweigungen der einzelnen Theorien verfolgen; wer dies wünscht besorgt sich sehr viel besser eine Biographie desjenigen Forschers, dessen Gesamtwerk gerade überprüft werden soll.

 

 

 

4. Denkfehler berühmter Ökonomen

 

Ein weiterer möglicher Blickwinkel, unter dem man die Lehrgeschichte hinterfragen kann, besteht darin, dass man die Denkfehler berühmter Ökonomen auflistet. Diese Geschichte steht dann unter dem Motto, niemand ist vollkommen, auch sehr berühmten und anerkannten Forschern sind schon gravierende Fehler unterlaufen.

 

So hat vor allem Ernst Wagemann im Jahre 1951 eine Schrift mit dem Titel ‚Berühmte Denkfehler der Nationalökonomie‘ veröffentlicht und einige wichtige Fehlentwicklungen in der Nationalökonomie gesammelt. So verrät das Inhaltsverzeichnis in  welchen theoretischen Arbeiten der Verfasser eine Fehlentwicklung brandmarkt.  

 

So erfahren wir unter anderem etwas über "Alte und neue Perspektive in der Wert- und Geldlehre (das Sündenregister des individualistischen Denkens)", über "Gedankliche und wirkliche Ordnung (das Sündenregister des monistischen Denkens)", "Über den Geltungsbereich absolutistischer Lehrmeinungen (das Sündenregister des absolutistischen Denkens)" und schließlich über "Quantitative Analyse (das Sündenregister des maßvergessenen Denkens)".

 

Eine solche Schrift und eine solche Betrachtungsweise mögen zwar durchaus einige positive Nebeneffekte aufweisen, in dem sie verdeutlichen, dass Fehler allen unterlaufen können und wenn dies sogar für die Größen und „wissenschaftliche  Päpste“ festgestellt werden muss, dürfte das Unterlaufen einiger Fehler bei weniger bekannten Forschern nicht bereits ein Todesurteil für die wissenschaftliche Laufbahn von Neulingen bedeuten.

 

 Trotzdem trägt es eher zur Verwirrung als zum Verständnis der Entwicklung der ökonomischen Theorie bei, wenn man das Studium der Lehrgeschichte damit beginnen wollte, dass man sich zunächst einmal über die den Forschern unterlaufenen Fehler unterrichtet. Viel besser ist es, wenn man sich zunächst einmal mit dem eigentlichen Lehrgebäude der einzelnen Richtungen befasst, um dann später zur Vertiefung auch etwas über die einzelnen Fehler im Verlaufe der Lehrgeschichte zu erfahren.

 

Ganz davon abgesehen handelt es sich oftmals bei sogenannten Fehlern lediglich um unerhebliche Feststellungen, welche für das eigentliche dargestellte System von geringerer Bedeutung sind. 

 

 

 

5. geschichtlicher Verlauf von Ideen im Sinne Hegels

 

Bei einer weiteren möglichen Betrachtungsweise folgt man der Grundidee von Georg Friedrich Wilhelm Hegel. Dieser hatte bekanntlich die Vorstellung entwickelt, dass sich Ideen im Sinne eines Dreierschrittes entwickelten. In einem ersten Schritt wird eine These formuliert. In der kritischen Auseinandersetzung mit dieser These wird von Gegnern dieser Idee in einem zweiten Schritt eine Antithese aufgestellt. Diese widerspricht der ersten in wesentlichen Punkten. Man wird aber trotzdem einräumen müssen, dass beide Hypothesen: die These genauso wie die Antithese auch gemeinsame und richtige Abschnitte aufweisen. Und so ist es zu verstehen, dass dann in einem dritten Schritt aus der Auseinandersetzung beider Thesen miteinander schließlich eine Synthese erwächst, die Elemente beider Thesen aufnimmt und jeweils den wahren Kern beider Aussagen vereinigt.

 

Es kann wohl kaum bestritten werden, dass Thesen im Allgemeinen nicht nur Zustimmung erfahren, sondern angegriffen werden und dass in solchen Streitgesprächen Gegenthesen entwickelt werden. Und bisweilen kann man auch feststellen, dass in der Auseinandersetzung solcher Theorien schließlich eine Annäherung erfolgt, die dann den Auftakt zu einer gemeinsamen übergreifenden Theorie gibt, welche Elemente aus beiden Theorien enthält.

 

Es ist jedoch fraglich, ob tatsächlich die Entwicklung der Wirtschaftstheorien üblicherweise auf diese Art verläuft. Vor allem wird dieses Schema des Dreierschrittes dann fraglich, wenn man in dieser Abfolge einen deterministischen vorgegebenen und unveränderlichen Prozess sehen wollte, in dem Sinne, dass jede These eine und nur eine Antithese hervorbringt, wobei diese Antithese dann ein genaues Gegenbild der anfänglichen These darstellt und auch nicht in dem Sinne, dass aus diesen beiden Thesen dann schließlich eine übergreifende Synthese erwächst, welche alle wichtigen Elemente beider Thesen enthält.

 

In Wirklichkeit entwickelte sich die Wirtschaftstheorie auf recht unterschiedliche Weise. Es werden zwar in der Tat Gegenschulen gebildet, der Merkantilismus rief schließlich die klassische Schule hervor, die Neoklassik den Keynesianismus. Aber richtige Streitgespräche zwischen zwei Schulen bilden eigentlich eher die Ausnahme, so etwa als Karl Menger und Gustav von Schmoller um die Frage rangen, inwieweit es überhaupt so etwas wie naturwissenschaftliche Gesetze auch für eine Volkswirtschaft geben kann.

 

Im Allgemeinen findet die Weiterentwicklung bestimmter Theoriegebäude innerhalb einer Schule statt. Der Grund hierfür liegt einfach darin, dass oftmals die Unterschiede zwischen den Anhängern zweier Schulen so groß sind, dass kaum eine Verständigung über die Schulen hinweg stattfinden kann. Wenn hingegen über die Grundpositionen einer bestimmten Richtung Einigkeit besteht, kann eine gemeinsame Diskussion innerhalb der Anhänger einer Schule zur Weiterentwicklung dieser Theorie leichter geführt werden.

 

Man beobachtet auch, dass zumeist bestimmte Schulen für eine längere Zeit das Bild einer Wissenschaft prägen. So waren z. B. in Deutschland ab Mitte des 19. Jahrhunderts für fast ein halbes Jahrhundert nahezu alle wichtigen wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstühle von Anhängern der historischen Schule besetzt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurden im Zusammenhang mit der Entwicklung der Wiener Schule immer mehr Lehrstühle in Deutschland und Österreich wiederum von Theoretikern, vor allem von Neoklassikern besetzt. In der unmittelbaren Zeit nach dem zweiten Weltkrieg überwog in fast allen größeren Ländern der Keynesianismus. Der Ordoliberalismus – von Freiburg ausgehend – bildete eher eine Ausnahme. Erst später übernahmen Angebotstheoretiker einen Teil der freiwerdenden Lehrstühle.

 

Für diese Ablösung von ganzen Schulen ist in erster Linie die Tatsache verantwortlich, dass sich die Themenkreise um bestimmte Grundpositionen einer Schule allmählich erschöpfen. Auch trug oftmals die Tatsache zu diesem Wandel bei, dass auf dem Boden einer bestimmten Grundposition keine Antwort mehr auf brennende Fragen der jeweiligen Gegenwart gefunden werden konnte und dass deshalb eine Neuausrichtung notwendig wurde.

 

Diese Entwicklungen weisen nun einige typische Merkmale einer Konjunkturbewegung auf, so wie sie im wirtschaftlichen Bereich festgestellt werden konnten. Auch im Hinblick auf die Produktion von Gütern lässt sich zunächst ein Anstieg der wirtschaftlichen Aktivität beobachten. Diese Aktivität schlägt jedoch eines Tages um und führt zu einem Konjunkturabschwung. Diese zyklischen Bewegungen haben den Sinn, Unternehmungen, welche unrentabel sind, sich aber zunächst wegen eines Nachfrageüberhangs im Markt halten konnten, wiederum auszuscheiden.

 

Im wirtschaftlichen Bereich lassen sich nicht nur die mittelfristigen nach Juglar benannten Konjunkturwellen, sondern auch langfristige sogenannte Kondratieff-Wellen beobachten. Dieses Wiederbeleben der Aufschwungs­kräfte lässt sich damit erklären, dass es so etwas wie grundlegende Innovationen gibt, die ausreichen, mehrere Konjunkturzyklen zu alimentieren, wobei die ersten Aufschwungsphasen bereits ihr Ende zu einer Zeit finden, in denen die Grundinnovation noch keinesfalls erschöpft ist und also erneute Aufschwünge ermöglicht, nachdem die ineffizienten Unternehmungen durch Konkurs ausgeschieden sind.

 

In ähnlicher Weise stellen wir auch in der Entwicklung theoretischer Erkenntnisse nicht nur fest, dass zunächst innerhalb einer Schule weitere Entdeckungen gemacht werden und die Theorie weiterführen, sondern auch, dass fast alle Bewegungen nach einer gewissen Ruhephase eine Renaissance erfahren. Dies gilt für die klassischen und keynesianischen Schulen genauso wie für liberale und sozialistische Richtungen.

 

Wir wollen also festhalten, dass wenig dafür spricht, dass sich die Wirtschaftstheorie nach dem einfachen Modell eines Dreierschrittes im Sinne von Hegel entwickelt hat.

 

 

 

6. Ideen Spiegelbild der realen Entwicklung?

 

Bekanntlich hatte Karl Marx seine geistig-philosophischen Wurzeln in Hegel gefunden, war aber der Meinung, dass Hegels Theorien quasi auf dem Kopf stünden und auf die Füße gestellt werden müssten, um die eigentliche Entwicklung der Geschichte richtig zu beleuchten. Es seien nicht die Ideen, welche die Geschichte bewegten, sondern vielmehr die realen Verhältnisse, welche sich zwangsweise in einer ganz bestimmten Richtung entwickelten, wobei die Ideen hier nur einen gedanklichen Überbau der realen Verhältnisse darstellten, sie würden von den gesellschaftlichen Gruppen benutzt, um ihre Interessen durchzusetzen, sie allein könnten jedoch die geschichtliche Entwicklung nicht beeinflussen.

 

Wenn wir diesem Ansatz folgen würden, so könnten wir das Entstehen des Merkantilismus aus den Verhältnissen des absolutistischen Staates erklären. In der Tat wurde der Merkantilismus insbesondere in Frankreich entwickelt, in dem der Absolutismus sehr viel stärker ausgeprägt war als z. B. in England, in dem auch nur in sehr geringem Maße merkantilistische Ideen entwickelt wurden.

 

Der Liberalismus in seiner frühen Phase ließe sich dann daraus erklären, dass die vom Merkantilismus erlassenen Vorschriften von einem bestimmten Zeitpunkt an die Weiterentwicklung der Unternehmungen behinderten, sodass dann von diesen Interessen ausgehend liberale Gedankengänge ausgebildet wurden. Gerade weil der Merkantilismus in England nur sehr schwach ausgebildet war, konnten hier die merkantilistischen Behinderungen unternehmerischer Aktivität am schnellsten abgestreift werden. Es setzten sich dann die Cobden’schen Freihandelsideen durch.

 

Nach Vorstellungen von Karl Marx begünstigte schließlich die Verarmung der Arbeiter unter dem kapitalistischen System sowie der durch den Wettbewerb der Kapitalisten untereinander ausgelöste Konzentrationsprozess und Zwang zur Akkumulation das Entstehen sozialistischer Gesellschaften.

 

Wenn also auch in der Tat das Entstehen der einzelnen Wirtschaftstheorien sehr wohl zum Teil durch die tatsächliche Entwicklung der wirtschaftlichen Gegebenheiten erklärt werden kann, ist es falsch, mit Marx an eine deterministische Entwicklung zu glauben. Es waren nicht nur die realen Gegebenheiten, welche das Entstehen bestimmter Theorien begünstigten, es lag vielmehr auch daran, dass zu diesen Zeiten bestimmte Persönlichkeiten lebten und es ist zu einem großen Teil dem Ideenreichtum und dem Genie dieser Forscher zu verdanken, dass ausgehend von den realen Problemen gerade ganz bestimmte Reformideen entwickelt wurden. Aus einer historischen Gegebenheit können fast immer recht unterschiedliche Antworten entwickelt werden, sodass es nie zwingend war, dass gerade diese Gedankengänge den weiteren Verlauf der Wirtschaftstheorie bestimmten. 

 

Bringen wir als Beispiel das Entstehen der Massenarbeitslosigkeit während der großen Weltwirtschaftskrise Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Natürlich ist mit dem Konjunktureinbruch die Nachfrage nach Konsumgütern gesunken und es lag nahe, dass ein Forscher – wie es Keynes getan hat – diesen Einbruch der Konjunktur mit dem Rückgang der Konsum- und  hiervon abgeleitet auch der Investitionsnachfrage erklärte. Man hätte aber genauso feststellen können: Der Umstand, dass es nicht bei einem normalen Konjunktur­abschwung geblieben war, sondern eine lang andauernde Massenarbeitslosigkeit entstand, hätte auch damit erklärt werden können, dass in immer stärkerem Maße durch dirigistische Maßnahmen des Staates die Flexibilität der Märkte unterbunden wurde, sodass der Markt nicht mehr in der Lage war, aus eigenen Kräften ohne staatliche Hilfe aus der Depression herauszufinden.

 

Gegen die These, dass die zu einer bestimmten Zeit entwickelten Ideen immer nur die Entwicklung der realen Gegebenheiten widerspiegeln, spricht vor allem die Tatsache, dass ja die meisten als revolutionär gehaltenen  Ideen bereits sehr viel früher entwickelt wurden, zu einer Zeit, wo offensichtlich die Probleme, für welche diese Theorien eine Antwort bieten noch nicht drängend genug waren, um diese Ideen politisch aufzugreifen. Oder um ein zweites Beispiel zu bringen: Der Kommunismus ist nicht etwa in den Ländern zuerst entstanden, die nach der Theorie von Karl Marx hierzu reif waren. Der Kommunismus breitete sich vielmehr zunächst in  Russland aus, einem Land, das folgt man den Ideen von Marx, damals noch gar nicht die Entwicklungsphase erreicht hatte, die für eine sozialistische Revolution eigentlich notwendig wäre.

 

 

7. Ideen liegen in der Luft!

 

In etwas abgeschwächter Form wird diese marxistische Betrachtungsweise oftmals auch von Forschern mit einem etwas stärker bürgerlichen Hintergrund übernommen. So wird oftmals die These vertreten, dass die Entwicklung einer Idee sozusagen in der Luft lag, dass die realen Gegebenheiten bestimmte Lösungen nahelegten, dass irgend ein Forscher diese Gedankengänge auch dann entwickelt hätte, wenn diese Ideen eben nicht von dem Forscher, der diese Ideen als erster vorgetragen hatte, vorgebracht worden wären.

 

Bringen wir als Beispiel nochmals die Entwicklung der Keynesianischen Revolution. Es war bekanntlich Keynes, der während der großen Weltwirtschaftskrise 1929 - 1932 im angelsächsischen Bereich als erster eine Theorie entwickelte, welche die Arbeitslosigkeit aus mangelnder Güternachfrage erklärte und der in der Forderung nach einer defizitären Budget­politik ein einfaches Rezept zur Überwindung dieses Nachfragemangels vorgestellt hatte.

 

John Maynard Keynes und im Anschluss daran seine Schüler waren nicht die einzigen, die zu der damaligen Zeit Ideen, welche in die gleiche Richtung wiesen, vorgetragen hatten. In Deutschland entwickelte sich etwa zur gleichen Zeit, aber völlig unabhängig von Keynes eine Gruppe von Wissenschaftlern, welche ähnliche Theorien vortrugen. Nehmen wir vor allem die Arbeiten von Carl Föhl, einem Unternehmer und Ingenieur, der eine Kreislauftheorie entwickelte, die jedoch in einigen Punkten ganz eindeutig der traditionellen keynesianischen Theorie überlegen war. Während nämlich Keynes in seinen Modellen von einer gegebenen Einkommensverteilung ausgeht und in seinen makroökomischen Modellen allein das Inlandsprodukt sowie die Beschäftigung erklärt, bringt Carl Föhl ein Modell, aus dem nicht nur die Produktion und Beschäftigung, sondern gleichzeitig die Verteilung der Einkommen zwischen Lohneinkommen und Gewinneinkommen erklärt werden kann.

 

Wenn Ideen tatsächlich in der Luft liegen, dann scheint auf einen ersten Blick der Beitrag eines Forschers relativiert. Man könnte meinen, dass ja dann in jedem Fall eine Theorie entwickelt worden wäre, welche einen Ausweg aus den bisherigen Problemen gebracht hätte. Diese Schlussfolgerung ist jedoch falsch. Zwar mögen in der Tat die realen Gegebenheiten eine Lösung aufdrängen, trotzdem ist es keinesfalls selbstverständlich, dass auch eine richtige Lösung entwickelt wird, welche in der Lage ist, das vorliegende Problem bestmöglich zu lösen.

 

Wir haben vielmehr davon auszugehen, dass natürlich immer dann, wenn die Politik um die Lösung eines Problems ringt, eine Vielzahl von Ideen vorgetragen werden, die von sich behaupten eine Lösung anzubieten, welche sich aber in Wirklichkeit zumeist als Scheinlösungen entpuppen, welche nur den Anschein erwecken, eine echte Lösung zu bringen, welche aber in Wirklichkeit gar nicht zu den eigentlichen Ursachen der vorliegenden Probleme vorgestoßen sind und gerade deshalb auch nicht in der Lage sind, das vorliegende Problem befriedigend zu lösen.

 

Es bleibt dabei, dass jede erfolgreiche Theorie, welche eine Lösung der Probleme gebracht hat, in erster Linie auf die eigene Leistung und den Ideen­reich­tum des jeweiligen Forschers zurückzuführen ist, dass es also auch in der Wissenschaft auf Innovationen ankommt, welche von den Forschern entwickelt werden und die eben nicht als fertige Programme in der Luft liegen. Zumeist scheint es ja auch erst im Nachhinein, dass sich eine bestimmte Theorie wie von selbst als geeignet anbietet. Aber hinterher ist man immer klüger als vorher.

 

 

8. Bewahrung nicht zeitgemäßer Ideen.

 

Kommen wir nun zu einer weiteren möglichen Betrachtungsweise. Als ich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mein wirtschaftswissenschaftliches Studium in Freiburg aufnahm, war gerade Walter Eucken auf einer Vortragsreise in England plötzlich verstorben, sein vakanter Lehrstuhl wurde zwei Semester lang von Friedrich A. Lutz von der Harvard-Universität vertreten, welcher sich zwar nicht als Schüler Walter Euckens verstand, aber doch seinen ordnungspolitischen Vorstellungen weitgehend folgte. Er bot unter anderem eine Vorlesung über Außenwirtschaftstheorie an, welche ich besuchte, obwohl natürlich Außenwirtschaftstheorie normaler Weise erst in den späteren Semestern belegt werden sollte.

 

Lutz befasste sich in dieser Vorlesung sehr ausführlich mit den Theorien über Freihandel. Er leitete diese Kapitel damit ein, dass er einräumte, die Politiker seien im Augenblick keinesfalls willens, die Ideen des Freihandels zu verwirklichen.

 

Zur Erinnerung: In der unmittelbaren Zeit nach Beendigung des zweiten Weltkrieges war gerade die Havanna-Charta entwickelt worden, scheiterte jedoch vor allem daran, dass die USA nicht bereit waren, diese Charta des Freihandels zu unterschreiben. In den darauf folgenden GATT-Verhandlungen (General Agreement on Tarifs and Trade) war man zwar bereit, einzelne Importzölle und Importbeschränkungen zu lockern, man war aber nicht bereit (wie etwa später in der Kennedy-Runde) alle Zölle zur gleichen Zeit zu reduzieren, sondern bestand darauf, für jeden einzelnen Zoll die Möglichkeit gewisser Zollsenkungen zu überprüfen. Um jede geringfügige Reduzierung eines Zolles wurde hart gerungen.

 

Trotzdem halte er (Lutz) es für unbedingt notwendig, die liberalen Ideen des Freihandels zu lehren und auf diese Weise zu bewahren. Vielleicht ergäbe sich in Zukunft einmal eine Zeit, in welcher die Politiker durchaus willens wären, den liberalen Gedanken zu folgen. Hier bestehe jedoch die Gefahr, dass diese liberalen Gedanken  weitgehend vergessen seien, wenn sie nicht trotz fehlender Aktualität weiter gelehrt worden wären. Die Wissenschaft habe die Aufgabe, auch solche Ideen in Erinnerung zu behalten, die im Augenblick mangels Aktualität gerade nicht von den Politikern nachgefragt werden.

 

Diese Gedankengänge haben mich damals sehr überzeugt. In der Tat brach etwa in den 90er Jahren eine Sphäre liberalen Denkens an, zunächst wurden für die Europäische Gemeinschaft Zölle und Kontingente abgeschafft, später war man auch bereit, auf UNO-Ebene diesen Liberalisierungen weltweit weitgehend zu folgen.

 

Nun bedeutet dies sicherlich nicht, dass man in einer Lehrgeschichte nur solche Theorien behandeln sollte, welche dem eigenen ordnungspolitischen Leitbild entsprechen, in einer Lehrgeschichte sind immer die wesentlichen konkurrierenden Ordnungsbilder gleichermaßen darzustellen. Die von Lutz angeführte Betrachtungsweise kann uns aber daran hindern, die älteren Entwicklungsstufen der Wirtschaftstheorie nur zu erwähnen und nur solche Ideen zu übernehmen, welche auch in der heutigen Wirtschaftswissenschaft nach wie vor eine gewisse Bedeutung besitzen. Es ist vielmehr erwünscht, dass auch Themen und Richtungen in einer Lehrgeschichte Aufnahme finden, welche im Augenblick obsolet erscheinen, aber in Zukunft durchaus wiederum höchste Aktualität erlangen könnten.

 

 

9. Hans Albert: Modellplatonismus versus Hypothesen

 

Hans Albert hatte bekanntlich den Neoklassikern vorgeworfen, sie betrieben einen ‚Modellplatonismus‘. In ihren Denkmodellen würden sie aus einem Kranz von Annahmen allein durch logische Schlussfolgerungen Thesen ableiten, welche als gültige Aussagen ausgegeben werden. In Wirklichkeit könne man aber aus Annahmen nur solche Sätze logisch einwandfrei ableiten, welche bereits in den Annahmen enthalten seien. Logische Ableitungen allein wären also nicht in der Lage, unseren Informationsgehalt auszuweiten, Sätze die allein aus vorgegebenen Annahmen abgeleitet werden, seien inhaltslos, bestünden nur aus Leerformeln.

 

In Wirklichkeit komme es auf die Annahmen an, erst dann, wenn diese empirisch bewiesen wären, könne man überhaupt durch Schlussfolgerungen zu weiteren empirisch gehaltvollen Aussagen gelangen. Der Fehler der neoklassischen Theoretiker bestünde darin, dass sie sich gar nicht um die Überprüfung der Annahmen kümmerten, dass sie diese Aufgabe in den Datenkranz verlegten, der von anderen Wissenschaften, aber nicht von der Wirtschaftstheorie empirisch zu überprüfen sei.

 

Wenn man einen neoklassischen Theoretiker darauf aufmerksam mache, dass die Annahmen seines Modells noch gar nicht überprüft seien und dass man deshalb auch nicht durch logische Schlussfolgerungen zu wahren Sätzen gelangen könne, würden diese Wissenschaftler damit kontern, dass sie ja auch gar nicht behaupten würden, dass die von ihnen abgeleiteten Sätze in jedem Falle wahr seien. Vielmehr würde sich die neoklassische Theorie darauf beschränken, die Wahrheit der abgeleiteten Sätze nur für den Fall zu behaupten, dass die jeweiligen Annahmen dieser Theorie wahr wären.

 

Hans Albert fordert hingegen, dass Theorien stets in einem ersten Schritt so formuliert werden müssen, dass sie empirisch überprüft werden könnten, also auch grundsätzlich falsifizierbar sein müssten. Logische Ableitungen seien immer richtig, brauchen also gar nicht empirisch überprüft werden, bringen aber gerade deshalb auch keine neuen Informationen. In einem zweiten Schritt könnten die einzelnen Hypothesen erst dann als bewiesen angesehen werden, wenn sie einem empirischen Test ausgesetzt wurden. Es komme darauf an zu versuchen, Thesen empirisch zu widerlegen und nur dann, wenn trotz mehrfachem Test eine Widerlegung nicht möglich war, könne man diese Hypothese als eine vorläufige, empirisch bestätigte Theorie ausgeben. Vorläufig deshalb, weil trotz zahlreicher erfolgreicher empirischer Tests, welche die Aussage zu bestätigen scheinen, immer mit der Möglichkeit gerechnet werden müsse, dass eine Widerlegung nur deshalb nicht gelang, weil aus mehr oder weniger zufälligen, aber nicht bekannten Gründen bei den Untersuchungen Bedingungen vorlagen, welche in Zukunft keinesfalls immer vorliegen.

 

Man könnte nun also mit Albert versuchen, eine Lehrgeschichte zu schreiben, welche sich vor allem auf die Theorieteile beschränkt, welche empirisch gehaltvoll formuliert wurden und darüber hinaus auch ausreichend empirisch getestet wurden. Neoklassische Denkmodelle würden dann in einer solchen Lehrgeschichte allenfalls als abschreckendes Beispiel erwähnt.

 

Obwohl ich mit Albert der Auffassung bin, dass Theorien grundsätzlich so formuliert werden müssen, dass sie auch falsifiziert werden können und obwohl auch ich der Meinung bin, dass jede Theorie ausgiebig empirisch getestet werden muss, bevor sie als eine bestätigte Theorie ausgegeben wird, bin ich trotzdem der Meinung, dass man auf der einen Seite die meisten neoklassischen Theorien relativ leicht so umformulieren kann, dass sie einem empirischen Test unterzogen werden können, also keine Leerformeln mehr darstellen und dass auf der anderen Seite dem Arbeiten in Denkmodellen durchaus positive Funktionen zugesprochen werden können.

 

Eine typische von Albert kritisierte neoklassische Theorie ist z. B. die Grenzproduktivitätstheorie des Lohnes. Nach dieser Theorie entspricht der Lohnsatz im Gleichgewicht stets dem Grenzprodukt der Arbeit, sofern a) die Unternehmer eine Gewinnmaximierung anstreben, b) sich als Mengenanpasser verhalten und c) das Grenzprodukt der Arbeit mit wachsender Beschäftigung sinkt.

 

Diese Aussage ergibt sich in der Tat aus den gemachten Annahmen, stellt also eine nichtssagende Leerformel dar. Diese Theorie kann aber sehr wohl so umdefiniert werden, dass sie aus gehaltvollen, empirisch  überprüfbaren  Aussagen besteht. So könnte z. B. eine umdefinierte Grenzproduktivitäts­theorie aus folgenden falsifizierbaren Einzelthesen bestehen. Erstens: Der Wettbewerbskampf zwingt die Unternehmer jede mögliche Gewinnchance auszu­nutzen, sonst laufen sie Gefahr, aus dem Markt gedrängt zu werden. Zweitens: Der Wettbewerb ist so intensiv, dass die Unternehmer darauf verzichten, den Preis selbst zu beeinflussen. Drittens: Aufgrund der vorherrschenden Techniken sinkt das Grenzprodukt der Arbeit mit wachsender Beschäftigung.

 

Gleichzeitig können wir durchaus anerkennen, dass das Arbeiten mit Denkmodellen die wissenschaftliche Arbeit wesentlich erleichtert hat. Mit Denkmodellen können wir uns darüber klar werden, welche Konsequenzen bestimmte Annahmen implizieren, welche Voraussetzungen gewissen Aussagen zugrunde liegen oder welche Problematik eine Situation aufweist. Wir legen uns hierbei Rechenschaft darüber ab, was wir bereits wissen und was wir noch nicht wissen. Wir können unter Umständen auf gewisse logische Widersprüche verschiedener Aussagen stoßen, und wir können schließlich entscheiden, ob wir alle bekannten Fakten mit Hilfe unserer bisherigen Erkenntnisse klären können.

 

Denkmodelle können uns dazu verhelfen, neue Hypothesen zu bilden. A priori sind die unterschiedlichsten Zusammenhänge denkbar. Wir würden hingegen gegen das Prinzip der Rationalität verstoßen, wollten wir in mühseliger Kleinarbeit alle denkbaren Zusammenhänge auf ihre Gültigkeit hin überprüfen. In praxi wenden wir ein erfolgversprechenderes Verfahren an. Aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen greifen wir unter den Millionen von denkbaren Zusammenhängen einige wenige heraus, die uns realistisch erscheinen und überprüfen diese an der Wirklichkeit. Auch bei diesem Verfahren leistet uns das Denkmodell gute Dienste. Gibt es uns doch an, welche Hypothesen unseren bisherigen Erkenntnissen am besten entsprechen.

 

Eine fünfte Aufgabe des Denkmodells liegt im Pädagogischen. Wir haben nicht nur neue Fakten­zusammenhänge aufzudecken, sondern auch die bereits bekannten, aber oft sehr schwierig zu verstehenden Beziehungen dem Studierenden verständlich zu machen. Hier kann es aus pädagogischen Gründen zweckmäßig sein, zunächst bewusst von wirklichkeitsfremden, aber einfachen Annahmen auszugehen, um auf diese Weise bestimmte Beziehungen umso deutlicher hervortreten zu lassen. Sind die einfachsten Zusammenhänge dem Studierenden einmal klargeworden, so ist es bedeutend leichter, das Denkmodell an die Wirklichkeit anzupassen und nun auch komplizierte Gebilde zu verstehen.

 

 

10. Nachweis eines widerspruchsfreien Denksystems

 

Ein letztes Auswahlprinzip kann in dem Bemühen liegen, die Grundzüge der einzelnen Richtungen möglichst als geschlossenes System darzustellen. Man verzichtet hierbei auf Beiträge, welche sich nicht in das Gesamtsystem einordnen lassen und man bemüht sich hier, möglichst von einer einzigen zentralen Frage auszugehen, die nach Vorstellung dieser Wissenschaftler im Mittelpunkt der Wirtschaftstheorie steht und möglichst wenige in sich zusammenhängende Prinzipien zu entwickeln, welche auf nahezu alle oder zumindest die meisten Marktbereiche wie auf unterschiedliche Märkte, aber auch auf unterschiedliche Wirtschaftseinheiten: Haushalt und Unterneh­mung übertragen werden können.

 

Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass sie leicht verständlich in die Problematik der Wirtschaftstheorie einführt und stets einen Gesamtüberblick über die einzelnen Bereiche des Wirtschaftens liefert. Als Nachteil mag empfunden werden, dass bei einer solchen Betrachtung auch wichtige Details einer Lehre wegfallen, da sie nicht in das Gesamtsystem einer Schule integriert werden können, obwohl sie vielleicht durchaus die Entwicklung maßgeblicher Theorien in den folgenden Jahren und Jahrzehnten beeinflusst haben können.

 

Wir wollen in dieser Vorlesung die zuletzt vorgestellte Betrachtungsweise anwenden und vor allem die großen weltbewegenden Systeme des Merkantilismus, des Liberalismus und der Klassik, des wissenschaftlichen Sozialismus, der beiden historischen Schulen, der Neoklassik in ihren drei Varianten der Wiener Schule, der Lausanner Schule sowie der Cambridge-Schule, weiterhin des Keynesianismus wie des Neoliberalismus darstellen.

 

Es wird mir im Wesentlichen darauf ankommen, dass die grundsätzliche Fragestellung und die Art der Beantwortung dieser Fragen für die einzelnen großen Richtungen in der Wirtschaftstheorie vorgestellt werden, sodass dann der Leser durchaus in die Lage versetzt wird, die prinzipielle Antwort einzelner Schulen auf konkrete Fragen auch dann zu verstehen, wenn sie nicht eigens in dieser Lehrgeschichte behandelt wurden. Sie ergeben sich jedoch dann aus der grundsätzlichen Fragestellung und aus der Art der Beantwortung dieser Fragen.

 

Der Stoff der Lehrgeschichte soll hierbei auf zwei Semester verteilt werden. In diesem Semester wollen wir uns auf die Darstellung der Grundmodelle beschränken, die im Mittelpunkt der Diskussion um die großen Schulen der Wirtschaftstheorie stehen. Im folgenden Semester werden wir uns dann auf verschiedene Spezialtheorien beschränken und solche Theorien der Vergangenheit herausgreifen, welche bis auf die heutige Zeit nachwirken. Da ein Teil dieser Fragestellungen bereits ausführlich in den Artikeln dieser Homepage behandelt wurde, werde ich einige Passagen dieser Artikel in dieser Vorlesung übernehmen.