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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 8. Das achte Gebot Teil V

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Das Wahrheitsproblem in der Familie

3. Wahrheit in der Politik

4. Wahrheit im Krieg

5. Wahrheit bei der Strafverfolgung

6. Wahrheit im Wirtschaftsbereich

7. Wahrheit im Gesundheitswesen

8. Wahrheit im Bereich der Kirchengemeinschaft

9. Wahrheit in der Wissenschaft

 

 

 

9. Wahrheit in der Wissenschaft

 

Die Forderung nach Wahrheit ist für den Wissenschaftsbetrieb das Gebot par excellence. Das Wissen, das im Rahmen der Wissenschaft entwickelt wird, ist für alle Lebensbereiche von wesentlicher Bedeutung, ohne Wissen funktioniert weder die arbeitsteilige Industriegesellschaft noch eine parlamentarische Demokratie. Also kommt alles darauf an, dass diese notwendigen Informationen auch der Wahrheit entsprechen.

 

Natürlich müssen wir auch für den Bereich der Wissenschaft genauso wie für alle anderen Gesellschaftssysteme feststellen, dass einzelne Personen immer wieder dieses Gebot missachten. Auch für das kulturelle Gesellschaftssystem – und die Wissenschaft ist Teil des kulturellen Gesellschaftssystems – gilt, dass die Auswahl ihrer Führungskräfte nach Kriterien der Kompetenz und nicht nach moralischen Maßstäben erfolgt. Aus dieser Tatsache ergibt sich zwingend, dass es keine Gründe gibt, weshalb gerade im Bereich der Wissenschaft weniger Personen als in anderen Bereichen tätig sind, welche die moralischen Standards der Wahrheit immer wieder verletzen.

 

Wenn bekannt wird, dass ausgerechnet ein Wissenschaftler, der weltweit als Koryphäe der Genforschung gefeiert wurde, öffentlich zugeben musste, dass er das empirische Material gefälscht hatte, so mag dies als äußerst ärgerlich angesehen werden, die Wissenschaft geht jedoch an solchen einzelnen Fehlhandlungen nicht zugrunde. Zwar mag das Studium der Geschichte der Wissenschaften auf den ersten Blick als eine Aneinanderreihung von Pionierleistungen einzelner Forscher angesehen werden. Ein näheres Eingehen auf die Lehrgeschichte zeigt jedoch zweierlei.

 

Es ist in erster Linie das Zusammenwirken vieler Forscher, das den Fortschritt in der Wissenschaft bestimmt. Ein einzelner Wissenschaftler stellt – vielleicht aufgrund empirischer Forschungen anderer  – eine Hypothese über einen Wirkungszusammenhang auf. Mit dieser Formulierung ist jedoch der Prozess der Theorienbildung keinesfalls abgeschlossen, erst der erste Schritt ist in der Auffindung von gesichertem Wissen getan. In einem zweiten Schritt muss nun diese Hypothese in empirischen Untersuchungen auf ihre Allgemeingültigkeit überprüft werden. Diese empirischen Untersuchungen bestehen darin, dass gezielt bestimmte Ausgangskonstellationen künstlich geschaffen werden und unter diesen Laborbedingungen überprüft wird, ob die in der zu untersuchenden Hypothese behaupteten Wirkungen auch tatsächlich  immer eintreten.

 

Aber auch eine einzelne empirische Untersuchung reicht nicht aus, um eine Hypothese zu verifizieren. Es bedarf vielmehr einer Vielzahl von Untersuchungen, bis dann schließlich davon gesprochen werden kann, dass sich die Hypothese zu einer vorläufig bestätigten Theorie entwickelt hat. Vorläufig ist dieses Ergebnis immer, da nie mit Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass auch wirklich restlos alle Variablen, welche auf das zu untersuchende Ergebnis tatsächlich einwirken, bereits vor Beginn einer empirischen Untersuchung bekannt sind. Schließlich dient ja diese empirische Untersuchung dazu, zu überprüfen, welche Variablen andere Größen beeinflussen.

 

Das Verhalten des einzelnen Forschers ist dann auch weniger dafür verantwortlich, ob bestimmte Hypothesen bestätigt werden konnten, der einzelne Forscher mag durchaus aus selbstsüchtigen Motiven (Erlangung wissenschaftlichen Ruhms) heraus gehandelt haben und seine individuellen Ergebnisse mögen noch so sehr aufgrund extremer Grundideen gefälscht sein, es ist der arbeitsteilige Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens, der schließlich dazu führt, dass mit der Zeit unser Wissen gefestigt und erweitert wird.

 

Gerade die Tatsache, dass ein Forscher bei der Aufstellung einer Hypothese von einer extremen Grundrichtung ausging, ruft nämlich Kollegen aus anderen Grundrichtungen auf den Plan, in dem Bemühen, diese Hypothesen zu widerlegen. Es ist nicht so sehr die Schöpfungskraft des einzelnen Forschers, sondern die Bereitschaft der Wissenschaftler insgesamt, bei der Bildung von Theorien ganz bestimmte Spielregeln einzuhalten, welche den wissenschaftlichen Fortschritt garantieren. Hierzu zählt vor allem das Eingeständnis, dass eine Hypothese erst dann als wahr anerkannt werden kann, wenn diese Hypothese durch mehrere empirischen Untersuchungen, die nach ganz bestimmten Spielregeln zu erfolgen haben, nicht falsifiziert werden konnte.

 

Das Studium der Lehrgeschichte zeigt dann auch, dass die meisten zunächst als revolutionär gefeierten Theorien in ihren wesentlichen Aussagen bereits sehr viel früher formuliert wurden. Wenn wir das Beispiel der Wirtschaftswissenschaft nehmen, so wurden wesentliche Teile der Grenznutzenschule bereits sehr viel früher von Heinrich Gossen entwickelt, genauso wie einige Grundgedanken von Maynard Keynes bereits im Rahmen der klassischen Unterkonsumtionstheorie herausgearbeitet worden waren.

 

 Gerade diese Ausführungen zeigen, dass man stets die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit beachten muss, dass allzu apodiktisch vorgetragene Behauptungen weit darüber hinaus gehen, was allein wissenschaftlich korrekt behauptet werden kann.

 

Als erstes gilt es – wie bereits an anderer Stelle dieser Vorlesung erwähnt – festzustellen, dass die menschlichen Wahrnehmungsorgane metaphysische Fragen nie eindeutig wissenschaftlich exakt beweisen können. Unser Wissen über die Vorgänge in unserem Kosmos beruhen auf Beobachtungen, welche wir mit unseren Sinnen feststellen und auf logische Schlussfolgerungen, welche wir mit Hilfe unseres Verstandes ziehen.

 

Mit unseren Sinnen können wir nicht beobachten, ob es ein Gott war, der zu Anbeginn der Zeiten durch den Urknall vor vielen Milliarden Jahren die Welt erschaffen hat, ob weiterhin, das Leben durch den Tod endgültig beendet ist oder ob die Seele des Menschen auch nach dem Tode weiterexistiert, auf diese metaphysischen Fragen können wir keine wissenschaftlich exakte Antwort geben. Es ist nicht möglich, die Existenz Gottes mit wissenschaftlichen Mitteln zu verifizieren, aber es ist aus genau denselben Gründen auch nicht möglich, die Existenz eines Gottes zu widerlegen. In beiden Fällen kann die Frage nach der Existenz eines Gottes immer nur durch einen bewussten Glaubensakt beantwortet werden. Wer also behauptet, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass es kein Gott gäbe, überschreitet die Möglichkeiten der Wissenschaft und spricht deshalb die Unwahrheit aus.

 

In Wirklichkeit gehen die Begrenzungen der Wissenschaft noch sehr viel weiter. Obwohl wir irdische (das heißt innerhalb des Kosmos festzustellende) Wirkungszusammenhänge prinzipiell erkennen können, ist unser Wissen – wie bereits festgestellt – immer nur vorläufig. Eine endgültige Verifizierung einer Hypothese ist nicht möglich. Es muss immer damit gerechnet werden, dass die bisherige Bestätigung einer Hypothese nur deshalb möglich war, weil der Zusammenhang unter anderem von einer bisher vorhandenen, aber nicht bekannten Variablen abhängt, die aber keinesfalls immer gegeben ist. Jeder, der also behauptet, ein bestimmter Zusammenhang sei für alle Zeiten verifiziert, spricht die Unwahrheit aus.

 

Prinzipiell ist andererseits eine Falsifizierung einer Hypothese grundsätzlich möglich. Die Hypothese, alle Unternehmer maximieren ihren Gewinn, ist bereits eindeutig widerlegt, wenn in einer empirischen Untersuchung nur ein Unternehmer gefunden wird, der nicht seinen Gewinn zu maximieren versucht. Man hat diesen Sachverhalt zum Anlass genommen festzustellen, dass sich der wissenschaftliche Fortschritt weniger darin äußere, dass unserem Wissen immer weitere gültige Aussagen hinzugefügt werden, sondern darin, dass falsche, aber bisher als wahr erachtete Hypothesen aufgegeben werden, dass also der Wahrheitsgehalt der Hypothesen erhöht wird.

 

Trotzdem verwirft die Wissenschaft im Allgemeinen eine Hypothese, die in der Vergangenheit mit großem Erfolg bestätigt werden konnte, nicht einfach deshalb, weil nun ein einzelnes Gegenbeispiel gefunden wurde. Vielmehr ist man in diesem Falle bemüht, die bisherige Hypothese durch Hinzufügung weiterer Bedingungen umzuformulieren, in der Erwartung, dass es nicht gelingt, diese modifizierte Hypothese ebenfalls zu widerlegen. So könnte man die (so wollen wir unterstellen) widerlegte Hypothese: ‚alle Unternehmer maximieren ihren Gewinn‘ umformulieren in die abgewandelte Hypothese: ‚alle Unternehmer, welcher unter starken Wettbewerbsdruck stehen, maximieren ihren Gewinn‘.

 

Schließlich ist es nicht möglich, mit Hilfe der Methoden einer empirischen Wissenschaft letztliche Bewertungen festzustellen. Wie bereits Jeremy Bentham richtig erkannt hatte, lassen sich aus Sachaussagen immer nur weitere Sachaussagen logisch ableiten, eine bewertende Schlussfolgerung ist immer nur möglich, wenn man auch neben den Sachprämissen von mindestens einer Wertprämisse ausgeht. Die letztlichen Wertprämissen lassen sich jedoch nicht wissenschaftlich beweisen, sie können nur aufgrund eines politischen Werturteils unterstellt werden.

 

Gerade die Unmöglichkeit, auf wissenschaftlichem Wege eine Bewertung eines Sachverhaltes (z. B. einer politischen Maßnahme) vorzunehmen, hat dann Max Weber veranlasst, im Rahmen der Wissenschaft eine Werturteilsfreiheit zu postulieren. Der Wissenschaftler könne zwar durchaus zu politischen Fragen als Bürger Stellung beziehen, dieses Werturteil wiege jedoch nicht schwerer als das Urteil jedes andern Bürger. Wenn sich der Wissenschaftler in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler äußere und damit den Anspruch erhebt, allgemein gültige Aussagen zu formulieren, habe sich der Wissenschaftler auf Sachaussagen zu beschränken. Stets muss klar bleiben, ob der Wissenschaftler eine für alle gültige Aussage mache oder sich politisch bewertend äußere. Wer also im Namen der Wissenschaft Bewertungen der politischen Maßnahmen als wissenschaftlich erwiesen ausgibt, sagt nicht die Wahrheit.

 

In der jüngsten Vergangenheit wurde einigen Politikern vorgeworfen, sie hätten bei der Abgabe ihrer Dissertation (Doktorarbeit) ein Plagiat begangen, in dem sie wörtlich übernommene Texte aus anderen Schriften übernommen hätten, ohne diese – wie erforderlich – als Zitate zu kennzeichnen. Auch hier liegt ein Vorwurf vor, dass im Rahmen des Wissenschaftsbetriebes bei der Abfassung der Doktorarbeit wissentlich die Unwahrheit gesagt worden sei.

 

Ich habe mich mit der Problematik eines Plagiats bereits in meinem Artikel über Sinn und Unsinn des Zitierens auseinandergesetzt, dieser Artikel ist auf meiner Homepage unter dem Link: Archiv nachzulesen. Ich werde im Folgenden diese Gedankengänge nochmals wiederholen.

 

Ich sprach dort vom „Sinn“ des Zitierens, weil ich durchaus der Überzeugung bin, dass die geltenden Zitiervorschriften zweckmäßig sind, ich spreche aber auch vom ‘Unsinn‘ des Zitierens, da dieses Prinzip oftmals überstrapaziert wird. Vor allem werde ich zeigen, dass man auf der einen Seite sehr wohl korrekt zitieren kann und trotzdem ein Plagiat sogar gravierender Art begehen kann und dass auf der anderen Seite auch jemand, der nicht korrekt zitiert hat, unter Umständen kein ernst zunehmendes Plagiat begangen hat. Es bleibt natürlich auch in diesem letzteren Falle bestehen, dass derjenige, welcher zum Erwerb eines akademischen Grades eine eidesstaatliche Erklärung unterschrieben hat, dass er alle wörtlich übernommenen Zitate als solche gekennzeichnet hat, eine ernst zunehmende Verletzung des Wahrheits­gebotes begangen hat.

 

Mir ging es in diesem Artikel in erster Linie um das allgemeine Problem, was man mit Zitiervorschriften erreichen will (welche Ziele man also damit verfolgt) und inwieweit man durch Zitiervorschriften diese Ziele auch erreichen kann. Ich verstehe also eine Vorschrift über das Zitieren als ein Mittel zur Sicherstellung bestimmter Ziele und wie bei jeder Mittelanalyse gilt es zu überprüfen, inwieweit denn diese Mittel in der Lage sind, diese Ziele auch zu erreichen und inwieweit das vorschriftsgemäße Zitieren eine notwendige und ausreichende Bedingung dafür darstellt, dass Plagiate vermieden werden.

 

Auch bei dieser Vorschrift muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass rein formal gesehen die Zitiervorschriften haargenau eingehalten werden und dass trotzdem das Ziel, um dessentwillen diese Vorschrift eingeführt wurde, verletzt wurde. Vor allem ist es nicht möglich, allein aus der Anzahl der nicht apostrophierten wörtlichen Zitate bereits über die Schwere des vorliegenden Plagiatsvorwurfes zu entscheiden.

 

Fragen wir uns deshalb als erstes nach den Zielen, welche mittels der Zitiervorschriften erreicht werden sollen.

 

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf drei Ziele aufmerksam machen, die mit diesen Zitier­vorschriften verbunden werden können. Als erstes will man auf diese Weise ein Plagiat verhindern oder etwas vorsichtiger ausgedrückt, die Wahrscheinlichkeit vermindern, dass Plagiate gemacht werden. Wie bei jeder Vorschrift oder jedem Gesetz ist nämlich nicht damit zu rechnen, dass auch die Zitiervorschriften in praxi restlos in jedem einzelnen Falle eingehalten werden. Wir leben in einer unvollkom­menen Welt, in der es immer einen kleinen Prozentsatz an Übertretungen jeglicher Vorschriften gibt. Dieser Prozentsatz ist im Allgemeinen aber so gering, dass trotz dieser Übertretungen ein normales Arbeiten möglich ist. Diese Überlegungen gelten auch für die Zitiervorschriften, es entsteht also kein großer Schaden, wenn in einigen wenigen Fällen falsch zitiert wird.

 

Von einem Plagiat spricht man immer dann, wenn jemand wissentlich neue wissenschaftliche Erkenntnisse als eigene ausgibt, obwohl er diese von einem anderen abgeschrieben (übernommen) hat. Man will also mit anderen Worten verhindern, dass sich Autoren wissenschaftlicher Abhandlungen ‚mit fremden Federn schmücken‘. Es soll klar gemacht werden, wer denn wohl als erster eine bestimmte Theorie oder auch nur einen neuen Gedanken veröffentlicht hat und wer bestimmte Gedanken einfach nur von einem anderen übernommen hat, was als solches durchaus erwünscht und auch notwendig sein kann, aber eben nicht als eigene Leistung gekennzeichnet werden sollte.

 

Die Zitiervorschriften dienen weiterhin dem Zweck, auch denjenigen zu schützen, der die Schriften des Zitierenden liest. Wenn ein Autor über die Theorien und Gedanken anderer Autoren berichtet, weiß der Leser dieser Schriften nie, wieweit diese anderen Autoren richtig dargestellt wurden. Wenn nun Teile dieser Gedanken wörtlich zitiert werden und als solche auch gekennzeichnet werden, kann der Leser davon ausgehen, dass er bestimmte Passagen des zitierten Autors selbst zur Kenntnis genommen hat, er kann also davon ausgehen – allerdings wie wir noch sehen werden nicht mit absoluter Sicherheit –, dass diese Gedanken auch richtig dargestellt wurden.

 

Drittens schließlich können die Zitiervorschriften auch demjenigen, der über andere Autoren berichtet, einen gewissen Schutz verleihen. Ein Autor, der über andere Autoren berichtet und deren Werke auslegt, läuft stets die Gefahr, dass ihm vorgeworfen wird, er habe den zitierten Autor falsch ausgelegt. Hier kann der zitierende Autor darauf hinweisen, dass er bestimmte (die in seinen Augen wichtigsten) Passagen wörtlich übernommen hat, sodass sich der Leser selbst über die Richtigkeit dieser Ausführungen überzeugen kann.

 

Inwieweit handelt es sich nun bei den geltenden Zitiervorschriften um ein Mittel, das die Erfüllung der genannten Ziele garantiert? Ich hatte bereits weiter oben darauf hingewiesen, dass die geltenden Zitiervorschriften weder eine ausreichende noch eine notwendige Bedingung dafür darstellen, dass die genannten Ziele (vor allem die Verhinderung von Plagiaten) erreicht werden.

 

Die geltenden Vorschriften sind erstens nicht ausreichend. Ein Autor kann sehr wohl auch ein sehr schwer wiegendes Plagiat begehen, obwohl er alle übernommenen wörtlichen Passagen entsprechend den Zitier­vorschriften als Zitate gekennzeichnet hat. Für die Frage, ob ein Plagiat vorliegt oder nicht und wie schwer diese Verstöße wiegen, ist allein von Bedeutung, dass immer dann, wenn ein Autor neue Gedanken und Theorien, welche von anderen Autoren bereits vorgetragen wurden, vorstellt, dem Leser klar gemacht wird, dass diese Gedanken bereits von einem anderen Autor entwickelt wurden und welcher Autor diese Gedanken erstmals entwickelt hat. Auch dann, wenn keine wörtlichen Zitate übernommen werden, können nämlich sehr wohl fremde Gedanken anderer Autoren übernommen werden, ohne dass der Leser erfährt, dass diese Gedanken bereits von anderen gedacht und öffentlich gemacht worden sind.

 

Das einzige, was man in diesem Zusammenhang sagen kann, besteht darin, dass dann, wenn wörtliche Zitate angeführt werden, es dem Leser erleichtert wird, sich ein Bild darüber zu machen, was nun von dem Autor selbst entwickelt wurde und was bereits von anderen Wissenschaftlern erforscht wurde und nun von dem Autor übernommen wurde.

 

Die geltenden Vorschriften sind zweitens auch nicht notwendig, um ein Plagiat zu verhindern. Es ist durchaus denkbar, dass ein Autor durchaus korrekt über die Theorien und Gedanken anderer Autoren berichtet, aber diesen Bericht mit keinem wörtlichen Zitat untermauert. Er mag sogar einzelne Passagen aus den Werken anderer Autoren wörtlich übernehmen und diese fälschlicher Weise nicht als Zitate kennzeichnen, ohne ein schwerwiegendes Plagiat zu begehen. Natürlich hat er hier gegen die geltenden Zitiervorschriften verstoßen und wenn diese Verstöße im Zusammenhang mit der Erlangung eines akademischen Grades begangen wurden, hat er auch nicht die Voraussetzungen erfüllt, die zur Erlangung dieses akademischen Grades gefordert werden.

 

Für die Frage jedoch, ob ein Plagiat vorliegt und vor allem wie schwer es wiegt, ist allein von Bedeutung, ob sich der Autor ‚mit fremden Federn schmückt‘, ob er also wissentlich beim Leser den falschen Eindruck hervorruft, bestimmte von anderen Autoren übernommenen Gedanken selbst entwickelt zu haben. Dies ist jedoch in dem oben konstruierten Beispiel nicht der Fall.

 

Eine Notwendigkeit zum wörtlichen Zitieren ergibt sich erst dann, wenn ein Autor über Theorien anderer berichtet und diese Auslegungen in der Folge von anderen Wissenschaftlern angezweifelt werden. Hier kann es unerlässlich sein, dass ein Autor seine Interpretationen mit wörtlichen Zitaten belegt und durch eine Kennzeichnung dieser Passagen als Zitate untermauert. Hier steht jedoch nicht so sehr das Ziel im Vordergrund, ein Plagiat zu verhindern, sondern das Ziel, dem Leser dieser Ausführungen die Sicherheit zu geben, dass diese Auslegungen fremder Autoren korrekt erfolgte und weiterhin das Ziel, den zitierenden Autor gegen unberechtigte Vorwürfe, er habe die Lehren anderer Autoren falsch wiedergeben, zu schützen.

 

Aber auch dann, wenn in formaler Hinsicht korrekt zitiert wird, besteht durchaus die Gefahr, dass die Ansichten des Zitierten trotz wörtlicher Zitate verfälscht wiedergegeben werden. Das beste Beispiel für diese Möglichkeit ist die Emser Depesche.

 

Zur Erinnerung:  Im Jahre 1868 war der spanische Thron verwaist, da die bisherige Königin Isabella vertrieben wurde. Die Spanier bemühten sich um eine Kandidatur des Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen. Der französische Kaiser Napoleon III. setzte sich bei dem preußischen König Wilhelm I. dafür ein, mit aller Gewalt diese Thronfolge zu verhindern, er drohte auch mit Krieg, falls es dazu komme, da er befürchtete, dass Frankreich in diesem Falle von einer Allianz zwischen Spanien, Österreich und Preußen eingekreist werde. Es fanden mehrere Gespräche zwischen dem französischen Botschafter und dem deutschen Kaiser statt, in denen Frankreich darauf drang, dass sich der preußische König öffentlich festlegte, eine solche Kandidatur  nicht zu dulden. Auch nachdem der Prinz Leopold auf eine Kandidatur verzichtet hatte, bestand Frankreich nach wie vor auf eine formelle Ablehnung einer Kandidatur des Prinzen Leopold auch für alle Zukunft.

 

König Wilhelm I. lehnte dieses Ansinnen ab, da dies seiner Meinung nach einer Demütigung Preußens gleichkäme. Nach seinem letzten Gespräch in dieser Sache mit dem französischen Botschafter Graf Benedetti in Bad Ems ließ der König Bismarck eine Depesche zukommen, in der er mitteilen ließ, dass er es gegenüber Graf Benedetti abgelehnt habe, sich für alle Zeiten in dieser Frage festzulegen, im übrigen erwarte er noch einen ausführlichen Bericht seitens Bismarck’s  und könne deshalb ohnehin noch nichts endgültiges sagen.

 

In einem weiteren Absatz erwähnt die Depesche, dass er (der König) in der Zwischenzeit den Bericht Bismarcks erhalten habe und dass er durch einen Adjutanten dem französischen Botschafter sagen ließ, dass er diese Nachricht nun erhalten habe, dass sich aber seine ablehnende Haltung seit dem letzten Gespräch mit dem französischen Gesandten nicht verändert habe und dass sich deshalb ein weiteres Gespräch erübrige. Die Depesche endet mit dem Hinweis, dass der König Bismarck anheimstelle, den Inhalt dieser Depesche der Presse mitzuteilen.

 

Bismarck ließ nun diese Emser Depesche in einer etwas verkürzten Form veröffentlichen. Es wird darin festgehalten, dass der französische Gesandte auch nach dem offiziellen Rücktritt des Prinzen Leopold von einer Kandidatur auf den spanischen Thron den preußischen König Wilhelm I. aufgefordert habe, für alle Zeiten sich gegen eine Kandidatur von Leopold auszusprechen. Es folgt dann unmittelbar der Satz, der König habe es hierauf abgelehnt, den französischen Botschafter nochmals zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst sagen lassen, dass Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter zu sagen habe.

 

In dieser Form musste die Verlautbarung des preußischen Königs wie ein Affront gegenüber Frankreich erscheinen, vor allem auch deshalb, weil das französische Büro bei der Übersetzung dieser Depesche ins Französische nicht von einem Adjutanten, sondern von einem Unteroffizier sprach. König Wilhelm hatte jedoch in keiner Weise die Absicht, den französischen Kaiser vor den Kopf zu stoßen und zu beleidigen, er wollte nur zum Ausdruck bringen, dass er eben nicht dem Wunsch des französischen Kaisers in der Sache folgen könne und dass sich seine Meinung in dieser Frage seit der letzten Unterredung mit dem französischen Botschafter nicht verändert habe und dass sich aus diesen Gründen ein weiteres Treffen erübrige.

 

Soweit zur Emser Depesche als Beispiel dafür, dass auch wörtliche Zitate etwas verkürzt den Sinn einer Aussage in ihr Gegenteil kehren können.

 

Es gibt noch einen weiteren Grund, weshalb bisweilen der Versuch, durch wörtliche Zitate den Inhalt einer bestimmten wissenschaftlichen Theorie darzustellen, scheitern muss. Nicht jeder Wissenschaftler, der eine neue, vielleicht sogar revolutionäre Theorie entwickelt, besitzt auch die Fähigkeit, die Grundzüge dieser Theorie verständlich darzustellen. Oftmals konnte eine bestimmte neue Idee gerade dadurch innerhalb der Wissenschaft einen Siegeszug starten, dass diejenigen, welche diese Lehre kommentierend darstellten, vom Wortlaut des zitierten Autors abwichen, die Grundzüge vereinfachten, präzisierten und in ein innerhalb des Wissenschaftskreises verständliches Modell einfügten.

 

Ich wage es z. B. zu bezweifeln, ob die von Keynes entwickelte Lehre tatsächlich diesen Siegestriumph erfahren hätte – immerhin waren in den Nachkriegsjahren für lange Zeit  die meisten wirtschaftswissen­­schaftlichen Lehrstühle in der BRD sowie in den angelsächsischen Ländern von Keynesianern besetzt –, wenn die keynesianischen Lehren nur dadurch verbreitet worden wären, dass diese Lehre mit den eigenen Worten von Keynes vorgestellt worden wäre.

 

Diese weite Verbreitung und Popularität konnte die keynesianische Revolution nur dadurch erlangen, dass andere Wissenschaftler, wie vor allem John Richard Hicks, einer der Hauptvertreter der neoklassischen Wertlehre in Abweichung vom Wortlaut der keynes’schen Schriften die Gedankengänge von Keynes vereinfacht, präzisiert und in ein graphisches Modell, das der Denkweise der neueren Wirtschafts­wissenschaft entsprach, gekleidet haben und dass diese Lehren überhaupt erst nach dieser Umformulierung Eingang in fast alle modernen ( makroökonomischen) Lehrbücher finden konnten. Einem wissenschaftlichen Innovator wird man also nicht immer dadurch gerecht, dass man ihn wortwörtlich zitiert.

 

Wir haben oben davon gesprochen, dass wir nur dann von einem Plagiat sprechen, wenn neue wissenschaftliche Ideen ohne Erwähnung der Autoren, welche diese Idee erstmals verbreiteten, als eigene Leistung vorgetragen werden. Es ist nun zu klären, wann wir von neuen Ideen sprechen und warum wir die Zitiervorschrift auf neue Ideen begrenzen wollen.

 

Zunächst mag es durchaus erwünscht erscheinen, alle von anderen Autoren übernommenen Ideen durch Zitate als solche auszuzeichnen, sodass dann nur noch die eigenen Gedanken ohne Zitat aufzuführen wären. Eine solche Auslegung der Zitiervorschrift müsste jedoch zu einem unübersichtlichen und nur schwer lesbaren Sammelsurium von Ideen führen, da im Laufe des letzten Jahrtausends nahezu jeder Gedanke schon einmal in irgendeiner Form gedacht und veröffentlicht worden war.

 

Gerade aus diesen Gründen ist es eine sehr zweckmäßige Praxis, die Notwendigkeit eines wörtlichen Zitats und vor allem der Benennung des Forschers, der diese Erkenntnis als erster formuliert hat, auf Ideen zu begrenzen, die noch keinen Eingang in die Lehrbücher gefunden haben. Man geht hierbei davon aus, dass Theorien immer dann, wenn sie in den meisten gängigen Lehrbücher übernommen wurden, nicht mehr als eine spezielle Theorie angesehen werden, welche sich mit dem Namen eines ganz bestimmten Forschers verbinden, sondern zum allgemeinen Wissensgut gehören, welche mehr oder weniger von allen Lehr- und Forschungsrichtungen anerkannt werden.

 

Bringen wir als Beispiel nochmals die Keynes’sche Lehre, die ja sicherlich nicht von allen wirtschafts­wissen­schaftlichen Richtungen akzeptiert wird. Trotzdem wird wohl in jedem gängigen Lehrbuch zur Makroökonomie das IS-LM-Schema behandelt, das ja auch nicht von Keynes selbst, sondern von J. R. Hicks entwickelt wurde, der der Neoklassik zugerechnet wurde, der aber dieses Schema gewählt hat, um sich besser mit dem keynes’schen Gedankengebäude auseinandersetzen zu können. Keynesianer wie Kritiker der Keynes-Lehre bedienen sich hier dieses Schemas, das nun zu einem von fast allen Wirtschaftswissenschaftlern anerkannten Denkmodell wurde. 

 

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass sehr viele Ideen heute als Allgemeingut zu verstehen sind, die zwar sicherlich irgend wann einmal von einem Denker ausgesprochen und zu Papier gebracht worden sind, bei denen man jedoch heute nicht mehr weiß, von wem genau diese Ideen das erste Mal gedacht wurden und bisweilen noch nicht einmal genau bestimmen kann, in welchem Zeitraum diese Ideen erstmals entstanden sind. Hierbei gilt es vor allem auch zu bedenken, dass viele Gedanken in einer Zeit ausgesprochen wurden, in denen man noch gar nicht die Fähigkeit besaß, Gedanken in schriftlicher Form aufzuschreiben, in der also das erkannte Problem vorwiegend mündlich weitergegeben wurde und auch niemand daran dachte, diese Erkenntnisse bestimmten Personen zuzusprechen.

 

Auch gilt es zu berücksichtigen, dass viele Ideen von denjenigen, die sie aussprechen, nur vermeintlich als neue Gedanken aufgefasst werden, die jedoch in Wirklichkeit sehr viel früher auch von anderen bereits erkannt worden waren, ohne dass also ein echtes Plagiat vorliegt, da ja der einzelne Autor von diesen früheren Bemühungen gar nichts wusste und deshalb guten Glaubens war, dass diese Ideen von ihm selbst formuliert wurden.

 

Oftmals wird auch davon gesprochen, dass bestimmte gedankliche Zusammenhänge sozusagen in der Luft liegen und deshalb von mehreren Autoren etwa zur selben Zeit veröffentlicht werden, die noch nicht einmal in einem regen Gedankenaustausch zu einander stehen. So wurde z. B. ein Teil der von John Maynard Keynes entwickelten Gedanken einige Jahre vorher und unabhängig von Keynes in Deutschland von Carl Föhl und einigen anderen deutschen Forschern entwickelt, die als Deutsch­keynesianer in die Geschichte eingegangen sind.

 

Es ist auch bekannt, dass die Grundzüge der Neoklassik von drei Orten aus und zwar erstens von der Wiener Schule um Carl Menger und von Böhm-Bawerk, zweitens von der Cambridge Schule um Stanley Jevons und Alfred Marshall und drittens schließlich von der Lausanner  Schule um G. Walras etwa zur gleichen Zeit entwickelt wurden. Auch ohne die Persönlichkeit eines Carl Menger oder Böhm-Bawerk wären deren Gedankengänge sicherlich von anderen Autoren entwickelt worden, weil in der Tat die realen Vorgänge es nahelegten, einerseits die Gedankengänge der älteren Klassik weiter zu entwickeln und andererseits die Vorherrschaft der historischen Schule zu beenden, welche fast auf allen deutschen Universitäten eine verheerende Unkenntnis in Theorie hervorgebracht hatte.

 

Man sollte also sehr vorsichtig sein mit dem Anspruch, eine wirklich neue Idee entwickelt zu haben. Ich erinnere mich an meine Zeit an der  Kölner Universität als junger Dozent. Wir hatten dort einen Kollegen, welcher immer dann, wenn ein anderer Kollege vermeinte, in einem Vortrag eine neue Idee entwickelt zu haben, darauf hinwies, dass der hier vorgetragene Gedanke bereits von Adam Smith (dem Begründer der modernen Volkswirtschaftslehre) in seinem berühmten 1776 veröffentlichten Werk über ‚Inquiry into the nature and causes of the wealth of nations‘ auf Seite soundso entwickelt worden war.

 

Jeder, der auch nur eine ungefähre Kenntnis über die wirtschaftswissenschaftliche Lehrgeschichte besitzt, weiß, dass nahezu jede als revolutionäre Bewegung in der Nationalökonomie gefeierte Theorie bedeutende Vordenker hatte, sodass von einer wirklich neuen revolutionären Wende in der Wirtschaftswissenschaft eigentlich gar nicht gesprochen werden kann.

 

Es war vor allem Joseph Alois Schumpeter, welcher in  seinem dogmengeschichtlichen Hauptwerk ‚The History of Economics‘ aufzeigte, dass z. B. fast alle wichtigen Teile des von Adam Smith und David Ricardo entwickelten klassischen Gedankengutes bereits einige Jahre vorher von andern, zumeist unbekannten Autoren entwickelt wurden, ja dass sogar einige bedeutende der Klassik zugerechnete Erkenntnisse bis weit ins Mittelalter und sogar Altertum zurückreichen.

 

Es war ebenfalls J. A. Schumpeter, welcher in seiner Arbeit ‚Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie‘ aufzuzeigen versuchte, dass Karl Marx im Hinblick auf seine wirtschaftswissenschaftlichen Ausführungen im geistigen Sinne ein getreuer Schüler David Ricardos war und weite Passagen des klassischen Ideenge­bäudes übernahm und nur an einigen Stellen von David Ricardo abwich.

 

So hatte David Ricardo die objektive Kostentheorie für eine Zeit entwickelt, in welcher die land­wirtschaftliche Produktion noch im Vordergrund stand und deshalb das Gesetz vom abnehmenden Bodenertrag für eine langfristige Stagnation verantwortlich gemacht wurde, während Karl Marx seine Ideen zu einer Zeit entwickelte, in der mit der Industrialisierung die industrielle Produktion im Vordergrund stand, deren Gesetzmäßigkeit vor allem – wie sich Karl Marx ausdrückte – durch die Akkumulation des Kapitals (wir würden heute von einer kapitalintensiven Produktion sprechen) geprägt wurde und ein technischer Fortschritt unterstellt wurde, der arbeitsintensiv war (Karl Marx sprach von der Verschlechterung der organischen Zusammensetzung des Kapitals) und deshalb Arbeitslosigkeit verursache.

 

Auch die Renaissance der Klassik, die Entstehung der Neoklassik war keinesfalls von den Vertretern der Wiener Schule mit Carl Menger und Böhm-Bawerk neu entwickelt worden. Der Hauptgedanke der Grenznutzenschule, dass die Preise der Güter nicht – wie von der klassischen und marxistischen Lehre unterstellt – letztendlich durch die Kosten bestimmt werden, welche zur Produktion der einzelnen Güter aufgebracht werden müssen, sondern von dem Nutzenzuwachs abhängen, den die Konsumenten beim Konsum dieser Güter erfahren, war bereits sehr viel früher von Herrmann Heinrich Gossen dargelegt worden, zu seinen Ehren werden ja die beiden wichtigsten Lehrsätze der Wiener Schule auch als das erste und zweite Gossen‘sche Gesetz bezeichnet.

 

Auch die Keynesianische Revolution war – wie bereits erwähnt – keine echte Revolution, welche völlig neue Gedanken hervorbrachte. John Maynard Keynes führte vielmehr die Gedankengänge fort, welche bereits vor Keynes von den Vertretern der Unterkonsumtionstheorie aufgestellt worden waren.

 

Wir wollen also festhalten, dass im Verlaufe der wirtschaftswissenschaftlichen Lehrgeschichte die meisten als revolutionär gefeierten Lehren gar nicht so neu waren wie oftmals angenommen, dass sie vielmehr zumeist bereits sehr viel früher von anderen, weniger bekannten Autoren entwickelt worden waren. Weder waren diese Ideen neu in dem Sinne, dass sie zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit formuliert wurden, noch konnte man dann, wenn tatsächlich gewisse Erneuerungen festgestellt werden konnten, von einer gravierenden Änderung in der Auffassung über die wirtschaftlichen Zusammenhänge sprechen. Eher ist es richtig, dass die meisten Forscher mit ihrer ‚neuen‘ Theorie lediglich ein i-Tüpfelchen zu der bereits bestehenden Theorie hinzugefügt haben.

 

Das wissenschaftliche Lehrgebäude der Wirtschaftswissenschaft (und wohl auch aller anderen Wissens­gebiete) besteht eben nicht aus einer Vielzahl einzelner nebeneinanderstehender Einzelhypothesen, sondern aus einem sehr komplexen Geflecht von Aussagen, welche von einander abhängen, sich gegenseitig teils bedingen, teils aber ausschließen und es sind immer nur kleine Korrekturen, welche von den heutigen Forschern an diesem Lehrgebäude angebracht werden.

 

Diese Erkenntnis schmälert allerdings nicht das Verdienst der einzelnen Forscher. Auch dann, wenn bestimmte Teile einer Theorie oder auch ein ganzes Theoriegebäude bereits sehr viel früher entwickelt wurde(n), kann oftmals durchaus von einem echten Beitrag zur Forschung gesprochen werden. Auf der einen Seite sind unter Umständen bestimmte alte Wahrheiten nicht mehr gegenwärtig, also vergessen worden und es trägt natürlich auch zur Gesamtwohlfahrt einer Bevölkerung bei, wenn diese Wahrheiten nun neu entdeckt werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur, dass ohne diese Wiederentdeckung einer bereits schon früher bekannten Wahrheit der augenblickliche Kenntnisstand und damit auch die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt geringer wären.

 

Vielleicht lag es auf der andren Seite auch daran, dass die bereits an und für sich bekannten Lehren so unverständlich geschrieben waren, dass in einer mehr populären, verständlicheren Formulierung nun diese an und für sich bereits bekannten, wegen der unverständlichen Ausdrucksweise jedoch kaum verbreiteten Lehren nun größere Beachtung und Anwendung finden konnten. Auch darin kann ein wesentlicher Beitrag bestehen.

 

In der Diskussion um die Plagiatsvorwürfe wurde bisweilen auch die Befürchtung laut, dass durch diese Praktiken Individualrechte gravierend verletzt würden und dass sogar das Recht auf geistiges Eigentum in Gefahr sei. Mir scheinen hier einige Verwechslungen vorzuliegen. Unser Wissen um die Dinge in dieser Welt stellen eben gerade keine Individualrechte zumindest nicht im üblichen Sinne unseres Sprachgebrauchs dar. Unser gesamtes Wissen stellt vielmehr ein Kollektivgut mit den typischen Merkmalen eines solchen Gutes dar, das der gesamten Menschheit dient.

 

Bei der Unterscheidung zwischen Individualgütern und Kollektivgütern wird im Allgemeinen davon ausgegangen, dass der Eigentümer eines Individualgutes im Prinzip mit seinem Gut machen kann, was er will, er kann es nutzen wie er will und andere vom Nutzen an diesem Gut ausschließen, er kann dieses Gut auch weiter veräußern an wen er will, er kann sogar – wenn ihm beliebt – dieses Gut vernichten. Diese Rechte finden nur eine einzige Begrenzung. Selbstverständlich hat auch der Eigentümer eines Individualgutes nicht das Recht, mit Hilfe dieses Gutes anderen Mitbürgern Schaden zu verursachen oder dieses Gut dafür einzusetzen, um irgendwelche Straftaten zu begehen.

 

Ein Kollektivgut steht hingegen der gesamten Menschheit zur freien Verfügung. Die Gemeinschaft vertreten durch den Staat entscheidet darüber, wie dieses Gut verwendet wird, auf welche Weise es der gesamten Bevölkerung zu gute kommen soll. Der einzelne Bürger darf sich nicht an diesem Gut vergreifen, es also z. B. mutwillig zerstören oder einseitig zu seinen Gunsten einsetzen. Die staatlichen Organe sind gehalten, sicherzustellen, dass diese öffentlichen Güter den höchstmöglichen Nutzen stiften und dass auch alle Bürger nach Möglichkeit einen Nutzen durch Gebrauch dieser Güter erhalten.

 

Wissen stellt nun ein typisches Beispiel eines Kollektivgutes dar, Wissen darf eben gerade nicht wie dies bei einem Individualgut der Fall wäre, einzelnen Bürgern vorenthalten oder auch zurückgehalten werden, gemeinsam mit einem Individualgut ist allerdings, dass von niemand – von  keinem Bürger und auch nicht von den staatlichen Organen – dieses Wissen für nicht erlaubte Zwecke eingesetzt werden darf.

 

Dieses Kollektivgut ‚Wissen‘ zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht in eine Vielzahl nebeneinander stehender Einzelsätze zerfällt, sondern ein Gefüge darstellt, in dem die einzelnen Sätze in der Regel auch nur in ihrer Gesamtheit der Menschheit nutzen. Gerade dann, wenn man zulassen würde, dass diejenigen, welche einzelne Teil zu diesem Gesamtwissen durch ihre Entdeckungen hinzugefügt haben, über dieses Wissen im Sinne eines Individualgutes frei entscheiden könnten, wäre das allgemeine Recht auf Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung gefährdet, da wir eben gerade dadurch, dass wir das allgemeine Wissen nutzen, uns überhaupt erst frei entfalten können.

 

Der einzelne Mensch wäre nämlich völlig überfordert, wenn er darauf angewiesen wäre, all das Wissen, das er zum Überleben und zu seiner eigenen Entfaltung benötigt, selbst erfinden müsste. Menschlicher Fortschritt war nur dadurch möglich, dass jeder auf das Wissen der anderen, vor allem der vorhergehenden Generationen zurückgreifen konnte, wir würden uns auch heute noch auf dem Lebensstandard bewegen, den einmal die Steinzeitmenschen zu Beginn der Menschheit hatten, wollten wir das Wissen wie ein Individualgut behandeln und seine Benutzung dem jeweiligen ‚Erfinder‘ einer Idee überlassen.

 

Es gibt eine wichtige - allerdings wie wir weiter unten noch sehen werden – nur scheinbare Ausnahme dieses Prinzips. Im Rahmen der Patentgesetzgebung erhält der Erfinder einer Idee das Recht, für eine bestimmte Zeit allein diese Idee erwerbswirtschaftlich zu nutzen und wirtschaftliche Erträge aus dieser Verwertung zu ziehen. Wenn ein Erfinder seine Erfindung zum Patent angemeldet hat und diese Idee als Patent abgesichert wurde, darf nur der Erfinder, bzw. derjenige Unternehmer, der dieses Patentrecht erworben hat, das durch Patent geschützte Wissen in der Produktion einsetzen und auf diesem Wege neue Güter oder qualitativ bessere Güter produzieren bzw. neue Techniken zur Produktion bereits bekannter Güter einsetzen.

 

Der Grund für diese Ausnahmeregelung liegt einfach darin, dass nur auf diese Weise technischer Fortschritt überhaupt möglich wird. Ohne einen gewissen Patentschutz wäre nämlich die Bereitschaft zur Entwicklung neuer Güter und Verfahren der Produktion gering und die allgemeine Wohlfahrtssteigerung dementsprechend begrenzt.

 

Wir haben nämlich davon auszugehen, dass für die meisten technischen Erfindungen hohe Entwicklungskosten entstehen, bevor diese Erfindungen in der Produktion von Gütern eingesetzt werden können. Es muss abgeklärt werden, unter welchen Bedingungen das neue Produkt oder das neue Verfahren überhaupt produziert werden kann und vor allem mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist. Diese Feststellung erfordert hohen Investitionsaufwand und benötigt Zeit.

 

Es besteht nun die Gefahr, dass ohne Patentschutz dann, wenn die produktionsreifen Verfahren vorliegen und mit der Produktion begonnen werden kann, Imitatoren auftreten, welche diese neuen Verfahren übernehmen, ohne sich an den Kosten zur Entwicklung dieser Verfahren zu beteiligen.

 

Ein solches Vorgehen würde die eigentlichen Innovatoren (Erfinder) nicht nur um ihre hart verdienten Früchte bringen. Es bestünde vielmehr auch die Gefahr, dass es den Imitatoren gelingt, die eigentlichen Innovatoren aus dem Markt zu drängen. Dies würde deshalb gelingen, weil ja die Innovatoren – Schumpeter nennt sie die Unternehmer im eigentlichen Sinne – bei der Preiskalkulation die Entwicklungskosten in Form von fixen Kosten berücksichtigen müssen, während die Imitatoren gerade deshalb, weil sie keine Entwicklungskosten hatten, den Preis an den sehr viel niedrigeren variablen Kosten ausrichten können und wegen dieser Preisdifferenz die Unternehmer im Schumpeter‘schen Sinne aus dem Markt drängen könnten.

 

Dies würde bedeuten, dass der Versuch, Erneuerungen einzuführen, dem Innovatoren Verluste bringen müsste. Und gerade deshalb, weil diese Gefahr besteht, würden die Unternehmer es natürlich unterlassen, nach neuen Produkten und Verfahren zu suchen. Ohne Erfindungen wäre auch das gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsniveau geringer, es fände kein qualitatives Wachstum statt, wir hätten keinen oder zumindest nur einen wesentlich geringeren technischen Fortschritt. Ein Unternehmer nimmt Investitionen vor, weil er sich hieraus langfristig einen Gewinn verspricht. Eine Investition ist dadurch ausgezeichnet, dass in den ersten Phasen nur Kosten entstehen, dass aber nach Ausreifung einer Investition die Erträge so hoch werden, dass auch per Saldo, bei Aufrechnung der Kosten und Umsätze, ein Gewinn verbleibt.

 

Aus genau diesen Gründen wurde die Patentgesetzgebung eingeführt. Sie soll sicherstellen, dass derjenige, der Erfindungen bei der Produktion von Gütern einsetzen will, zumindest auch die Möglichkeit hat, die Kosten der anfänglich notwendigen Investitionen durch die Umsätze wiederum hereinzuholen. Die Patentgesetzgebung sieht vor, dass ein Erfinder die Möglichkeit erhält, seine Erfindung zum Patent anzumelden und jede Erfindung, die durch ein Patent geschützt wird, darf für eine begrenzte Zeit nur vom Erfinder oder dem Unternehmer, dem der Erfinder dieses Patent zur Verfügung stellt, in der Produktion eingesetzt werden. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass (zumindest nicht auf legalem Wege) Imitatoren die eigentlichen Erfinder aus dem Markt drängen können.

 

Dieser Patentschutz ist jedoch zeitlich begrenzt, nach einer Reihe von Jahren läuft das Patent aus und danach ist jeder Unternehmer berechtigt, diese bisher patentgeschützten Erfindungen in der eigenen Produktion einzusetzen. Damit kommen wir zu dem Schluss, dass selbst bei den wirtschaftlich verwertbaren Ideen auf lange Sicht auch dieses neue Wissen zum Allgemeingut wird und nicht auf alle Zeit ein Individualgut darstellt, über deren Verwendung allein der Erfinder dieser Idee verfügen darf.

 

Der scheinbare Widerspruch, dass bei wirtschaftlich verwertbaren Gütern ein Individualrecht auf das erfundene Wissen besteht, entsteht dadurch, dass man nur für eine vorübergehende Frist dem Wissen den Charakter als Individualgut verleiht, um den technischen Fortschritt überhaupt zu ermöglichen. Auf lange Sicht hingegen stellt auch das verwertbare Wissen ein Kollektivgut dar; auf lange Sicht sollen sehr wohl auch nach Auffassung des Patentschutzgesetzgebers die wirtschaftlichen Vorteile dieses Wissens der Allgemeinheit zugute kommen.

 

Wir haben gesehen, dass die Zitiervorschriften ein durchaus brauchbares Mittel darstellen, um Plagiats­vorwürfe zu untersuchen. Allerdings ist es nicht möglich, allein mit der Überprüfung, inwieweit von anderen Autoren wörtlich übernommene Stellen korrekt zitiert wurden, den Vorwurf eines Plagiats abschließend zu beurteilen. Es bedarf vielmehr vor allem vertiefter Kenntnisse über den Stand der Wissenschaft, über die lehrgeschichtliche Entwicklung sowie darüber, inwieweit die übernommenen Zitate selbst wiederum neu entdecktes oder althergebrachtes Wissen darstellen. Es kann keinesfalls aus einer nichtkorrekten Zitierweise auf die Schwere eines Plagiats­vorwurfes geschlossen werden genauso wenig wie aus einem formal korrekten Zitierverhalten bereits das Vorliegen eines schwerwiegenden Plagiats von vornherein ausgeschlossen werden kann.

 

Wir haben weiterhin gesehen, dass die im Verlaufe der Lehrgeschichte angeblich neu entdeckten Wahrheiten in sehr vielen Fällen bereits sehr viel früher im Verlaufe der Geschichte ausgesprochen worden waren und dass der Beitrag des einzelnen Forschers ohnehin nur darin besteht, dass er einem schon bekannten Wissen eine Kleinigkeit, ein i-Tüpfelchen hinzufügt, dass diese Erkenntnis jedoch keinesfalls die Bedeutung der einzelnen Beiträge schmälert, da es auch ein Verdienst darstellt, Wissen, das schon sehr viel früher entdeckt wurde, in der Zwischenzeit aber vergessen wurde, wiederum aus der Vergessenheit hervorzuholen.

 

Mit Plagiaten haben wir es in der Wissenschaft schon immer zu tun gehabt und werden es auch in Zukunft zu tun haben, genauso wie es wohl keine Vorschrift und kein Gesetz gibt, die 100%ig befolgt werden. Stets wird eine kleine Gruppe von Bürgern gegen Gesetze und Vorschriften verstoßen, ohne dass dadurch ein ernst zunehmender Schaden für die Wissenschaft und für die Gesellschaft entsteht.

 

Viel größer scheint mir die Gefahr einer anderen Straftat im Umfeld wissenschaftlichen Arbeitens zu sein. Ich erinnere mich daran, dass wir bereits in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wiederholt in den Prüfungs- und Promotionsausschüssen mit der Tatsache konfrontiert wurden, dass es Institutionen gibt, welche erwerbsmäßig fertige Diplomarbeiten und Doktorarbeiten gegen eine horrende Geldsumme anbieten. Auch hier wird man davon ausgehen müssen, dass es nicht möglich ist, durch noch so penible Korrekturarbeiten eindeutig alle solche Vergehen nachzuweisen. Trotzdem dürfte der hierdurch entstandene Schaden sehr viel größer sein als dann, wenn nicht immer korrekt zitiert wurde, da hier in der Tat das Renommee, das eine Fakultät oder Universität genießt, beeinträchtigt werden kann, wenn der Eindruck entsteht, dass man an bestimmten Fakultäten oder Universitäten einen akademischen Grad erkaufen kann.