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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 8. Das achte Gebot Teil IV

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Das Wahrheitsproblem in der Familie

3. Wahrheit in der Politik

4. Wahrheit im Krieg

5. Wahrheit bei der Strafverfolgung

6. Wahrheit im Wirtschaftsbereich

7. Wahrheit im Gesundheitswesen

8. Wahrheit im Bereich der Kirchengemeinschaft

9. Wahrheit in der Wissenschaft

 

 

 

7. Wahrheit im Gesundheitswesen

 

Wir wollen uns im Folgenden mit dem Gesundheitswesen im Zusammenhang mit dem achten Gebot beschäftigen. Dem Arzt kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Er ist der Sachverständige, welcher im konkreten Einzelfall klären muss, welche Krankheit vorliegt, welche Gefahren von dieser Krankheit für die Gesundheit des Patienten ausgehen und welche Therapie zur Ausheilung der Krankheit und zur Verringerung der mit der Krankheit verbundenen Schmerzen möglich ist. Da der Gesetzgeber vorgesehen hat, dass Medikamente, welche besonders große Risiken aufweisen, nur gegen Rezept verabreicht werden dürfen, ist es schließlich auch Aufgabe des Arztes, solche Medikamente bei Bedarf zu verschreiben.

 

Da stets damit zu rechnen ist, dass es kein Medikament gibt, das die Krankheitssymptome in jedem Einzelfall erfolgreich bekämpft und keine Operation, welche in jedem Einzelfall erfolgreich verlauft, ist es zusätzlich die Aufgabe des Arztes, den Patienten über das Risiko zu informieren, das bei Einnahme der Medikamente oder bei der Durchführung einer Operation eingegangen wird. Unser Wissen über die wahren Ursachen einer Krankheit und über die Heilungschancen einzelner Medikamente ist genau so wie das menschliche Wissen ganz generell stets unvollkommen, da nie bekannt sein kann, ob in den empirischen Untersuchungen wirklich alle Wirkfaktoren und Zusammenhänge erkannt wurden.

 

Die Entscheidung darüber, ob und welche vorgeschlagenen Mittel (Medikamente sowie Operationen) durchzuführen sind, ist dann Sache des Kranken, sofern dieser überhaupt noch entscheidungsfähig ist. Es ist das Recht jedes Menschen in einem freiheitlichen Rechtsstaat – oder es sollte es zumindest sein –, über das Leben und die Lebensführung im Rahmen der gesetzlichen Ordnung selbst zu bestimmen. Aus diesen Gründen muss vor einer Operation der betroffene Kranke nach Möglichkeit zu diesem Eingriff auch die Erlaubnis erteilen.

 

Es ist selbstverständlich, dass der Arzt diese Informationen nach bestem Wissen und Gewissen zu geben hat, wobei er natürlich nur weitergeben kann, was der vorherrschenden Lehre entspricht. Gerade weil unser Wissen immer begrenzt ist und auch jeder Mensch mehr oder weniger unvollkommen ist und deshalb Fehler machen kann, ist niemals auszuschließen, dass im Einzelfall nicht der erwünschte Heilungserfolg eintritt oder dass sogar Krankheit und Leiden vergrößert werden. Haftbar ist der Arzt immer nur in dem Rahmen des Möglichen, er hat seine Antworten und Therapien nach bestem Wissen und Gewissen zu geben bzw. durchzuführen und wenn ihm in dieser Hinsicht keine Fehler unterlaufen sind, kann er auch nicht für die tatsächlich aufgetretenen Fehler haften.

 

Wenn also auch ganz klar ist, dass die Menschenrechte eines Jeden gebieten, dass die eigentliche Entscheidung über die einzuschlagende Therapie beim Patienten selbst – falls möglich – zu liegen hat, sind Ärzte oftmals bestrebt, diese Entscheidung den Patienten abzunehmen. Da sie sich für die Fachleute halten, meinen sie auch, darüber bestimmen zu dürfen, welche Therapie einzuschlagen ist. Hier liegt jedoch ein Irrtum vor. Es lässt sich nämlich niemals aus Sachgesetzmäßigkeiten allein auf das Sollen schließen, stets bedarf es einer Bewertung und die Bewertung über das eigene Leben liegt beim Patienten selbst.

 

Es ist also das gute Recht eines Patienten, die Einnahme eines Medikamentes oder die Durchführung einer Operation zu verweigern, mögen die Folgen für den Patienten noch so gefährlich sein und der Arzt darf nur (falls der Patient noch entscheidungsfähig ist) auf die möglichen Gefahren hinweisen, aber die Therapie nicht selbstherrlich gegen den ausdrücklichen Willen des Patienten erzwingen.

 

Dieses Recht des Patienten bezieht sich allerdings zunächst nur auf die Frage, ob der Patient einer bestimmten vorgeschlagenen Therapie zustimmt. Die Rechte des Patienten gehen andererseits auch nicht soweit, dass er eine Vielzahl von Therapien selbst wiederum erzwingen kann, auch dann, wenn der behandelnde Arzt ein solches Vorgehen für nicht notwendig hält. Der Grund  für diese Feststellung liegt darin, dass Patienten im Allgemeinen gegen Krankheit versichert sind und dass die Versicherungs- und Versorgungssysteme weitgehend die Kosten einer Therapie übernehmen. Würde nun ein Patient auch dann noch eine bestimmte, gar nicht erforderliche Therapie erzwingen können, so würde er dies auf Kosten der Versichertengemeinschaft tun, er würde also in diesem Falle auch über die materielle Wohlfahrt der Versicherten allgemein entscheiden. Selbstverständlich wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn er die nicht notwendigen Therapien aus eigener Tasche bezahlen würde.

 

Ärzte neigen oftmals dazu, auch diagnostische Untersuchungen sowie Therapien (vor allem Operationen) zu empfehlen und durchzuführen, welche nach dem Stand des allgemeinen medizinischen Wissens als nicht notwendig eingestuft werden. Die Ärzte gehen hierbei oftmals nach der Maxime vor, es sei in dieser Frage wesentlich besser, etwas zu viel als zu wenig zu unternehmen. Diesem Standpunkt muss entschieden widersprochen werden.

 

Erstens ist es ja nicht ganz richtig, dass diagnostische Methoden keinerlei Gefahren beinhalten. So ist bekannt, dass sich das Krebsrisiko bei  Menschen, welche zu oft Röntgenstrahlungen ausgesetzt werden, entscheidend erhöht. Auch können hierbei die Erbanlagen, welche eine Mutter mit der Geburt ihrer Kinder an diese überträgt, unter Umständen krankhaft verändert werden.

 

Vor allem aber müssen wir davon ausgehen, dass die Gesundheit nicht das einzige Gut darstellt, das lebensnotwendig ist. Materielle Ressourcen werden für eine Vielzahl von genauso wichtigen Aufgaben benötigt, die in gleicher Weise lebensnotwendig sind. Da die materiellen Ressourcen knapp sind, also nicht ausreichen, um nur die wichtigsten menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen, gilt es bei jedem Einsatz zu überprüfen, ob der Einsatz gerade im Gesundheitssektor einen größeren Nutzen stiftet als er in den anderen Verwendungsarten gestiftet hätte, wären diese Ressourcen nicht von diesen Verwendungsarten abgezogen worden. Es wäre ein leichtes, das gesamte Inlandsprodukt einer Volkswirtschaft im Gesundheitsbereich einzusetzen, also gilt das ökonomische Prinzip auch bei Entscheidungen rund um den Gesundheitssektor.

 

Bisweilen wird die Tatsache, dass de facto z. B. zu viele Operationen durchgeführt werden, einseitig  allein damit erklärt, dass Kliniken immer stärker unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit stehen. Dieses Urteil ist sicherlich zu einseitig. Fehlentscheidungen ergeben sich fast immer aus einer Vielzahl falscher Entscheidungen. Gerade wenn stets überprüft wird, ob der Nutzen einer diagnostischen oder therapeutischen Maßnahme wirklich höher ist als der Nutzen dieser materiellen Ressourcen in anderen Bereichen, wird automatisch Sorge dafür getragen, dass Ressourcen in der Regel nur dann eingesetzt werden, wenn sie in diesem Bereich auch tatsächlich einen höheren Nutzen stiften.

 

Fehlentscheidungen liegen nicht nur daran, dass die Klinikleitungen aus wirtschaftlichen Gründen unter Umständen nicht wirklich notwendige Operationen oder diagnostische Maßnahmen durchführen, Fehlentscheidungen werden auch dadurch ausgelöst, dass offensichtlich bei der Ausbildung der Mediziner zu wenig darauf hingewiesen wurde, dass es für einen guten Arzt nicht nur darauf ankommt, Leben unter allen Umständen zu verlängern, sondern auch einen sparsamen Umgang mit der Anwendung kostenintensiver Geräte zu pflegen.

 

Weiterhin können nur dann Missstände im Gesundheitssektor verringert werden, wenn auch der Staat die Rahmenordnung schafft, die bewusstes Fehlverhalten eindeutig unter Strafe stellt und der Staat zusätzlich bereit ist, Vergehen gegen diese Ordnung zu verfolgen. Hierbei muss stets berücksichtigt werden, dass es keine, noch so perfekte Ordnung geben kann, die dazu führt, dass keinerlei Fehlentscheidungen und fehlerhafte Handlungen stattfinden. Auch Ärzte und Pflegepersonal sind Menschen mit allen menschlichen Schwächen sowohl was die Fertigkeit als auch das moralische Verhalten angeht. In allen größeren Gesellschaftssystemen erfolgt die Auswahl der einzelnen Führungskräfte nach Kompetenz und nicht nach dem moralischen Standard. Also muss man auch davon ausgehen, dass das durchschnittliche moralische Niveau bei den Ärzten gar nicht größer sein kann, als in jeder anderen größeren Berufsschicht.

 

Eine weitere Verpflichtung eines Arztes besteht darin, dass er keine Auskünfte über den Gesundheitszustand seiner Patienten an dritte Stellen, wie Staat, Arbeitgeber, Versicherungen etc. geben darf. Der Grund für dieses Verbot gilt in ähnlicher Weise wie das bereits angesprochene Verbot eines Rechtsanwaltes, über die Kenntnisse, welcher der Klient seinem Anwalt mitgeteilt hat, an dritte, also auch nicht an den Staatsanwalt, Polizei oder Gerichte weiterzugeben. Auch die Schweigepflicht des Arztes erfolgt zum Schutze des Patienten. Es wird unterstellt, dass der Patient nur dann stets offen über seine Krankheitssymptome berichtet, wenn er nicht befürchten muss, dass diese Kenntnisse Dritten gegenüber bekannt werden. Der Arzt kann jedoch nur dann die richtige Diagnose finden, wenn er auch von allen Krankheitssymptomen seines Patienten erfährt.

 

Sicherlich bestünde die Gefahr, dass knappe Ressourcen vergeudet werden, auch dann, wenn der Arzt über die Krankheit seines Patienten vom Patienten selbst keinerlei Hinweise darüber erhalten würde, wo und wann bestimmte Schmerzen auftreten oder nicht. Durch die Hinweise des Patienten über seine Krankheitssymptome kann der Arzt gezielt bestimmte Untersuchungen vermeiden und sofort  mit der Untersuchung nach den wahrscheinlicheren Ursachen beginnen. Gerade weil keine therapeutische Maßnahme einen 100%igen Erfolg verspricht, braucht der Arzt auch wiederum die Auskünfte, wieweit denn die eingeschlagenen Methoden bereits zum Erfolg geführt haben.

 

In der Öffentlichkeit wird oft die Frage kontrovers diskutiert, ob der Arzt verpflichtet sei, dem Patienten auch dann die Ergebnisse seiner Untersuchungen vollständig mitzuteilen, wenn ein baldiger Tod bevorsteht. Auf der einen Seite hat jeder Patient ein Recht darauf, zu erfahren, wann er krankheitsbedingt mit einem baldigen Ableben rechnen muss.

 

Auf der anderen Seite gilt sicherlich für manche Menschen, dass gerade diese Auskunft, er müsse bald sterben, dazu führt, dass er in den restlich verbleibenden Tagen kein zufriedenstellendes Leben mehr führen kann, dass er insgesamt ein sehr viel ruhigeres Leben hätte führen können, wenn er von diesem nahen Tode nicht erfahren hätte. Und dieses Argument gilt um so mehr, als ja auf der einen Seite keine Prognose absolut sicher ist, es hätte ja auch sein können, dass bei den Untersuchungen fehlerhafte Schlussfolgerungen gezogen wurden oder dass neue Verfahren entdeckt werden, aufgrund derer die Lebenswahrscheinlichkeit vergrößert werden kann. Auf der anderen Seite kann jeder Mensch aufgrund vieler nicht voraussehbarer Zufälligkeiten (z. B. durch einen Verkehrsunfall) unmittelbar in den nächsten Tage zu Tode kommen, sodass jeder Mensch der Gefahr ausgesetzt ist, plötzlich unerwartet sterben zu müssen und sich dann ebenso wenig auf das Ende seines Lebens vorbereiten kann.

 

Eine Lösung dieses Dilemmas könnte darin gesehen werden, dass die Patienten rechtzeitig vor einer eingehenden Untersuchung in einer Art Patientenverfügung dem Arzt mitteilen, ob er dann, wenn eine tödliche Krankheit diagnostiziert wird, auf diesen tödlichen Ausgang hingewiesen werden soll.

 

Wenn Ärzte ein Medikament verschreiben, so kann man in aller Regel davon ausgehen, dass sie dieses Medikament verschreiben, weil dieses Medikament Wirkstoffe enthält, von denen bestimmte heilende Wirkungen bei der Einnahme dieses Arzneimittel ausgehen. Nun haben allerdings empirische Untersuchungen ergeben, dass Patienten oftmals auch schon heilende Wirkungen aufgrund der Einnahme von Medikamenten erfahren haben, die gar keinen Wirkstoff enthielten, von denen aber der Patient überzeugt war, dass das eingenommene Medikament diesen Wirkstoff enthalten hätte. Man spricht in diesem Zusammenhang von Placebos.

 

Es wurde zusätzlich nachgewiesen, dass dieser Placeboeffekt bei einem Teil der Testpersonen besonders stark ausgeprägt war, wenn auch der Arzt, der dieses Medikament verschrieben hatte, von der Erwartung ausging, dass er ein wirksames Arzneimittel verschrieben habe, während bei den Testpersonen, bei denen der Arzt sehr wohl über diese Placeboeigenschaft des Medikamentes Bescheid wusste, also nur die Testperson selbst davon ausging, echte Tabletten verschrieben bekommen zu haben, zwar immer noch gewisse heilende Wirkungen ausgingen, diese aber deutlich geringer ausfielen als in den Fällen, in denen auch der verschreibende Arzt von der Placeboeigenschaft des Medikamentes nichts wusste.

 

Man erklärt sich diese positive Wirkung damit, dass für den Heilungserfolg auch die psychische Einstellung des Patienten maßgeblich ist. Eine Heilung kann nur erwartet werden, wenn der Patient auch darauf vertraut, dass die eingeschlagenen Maßnahmen zum Erfolg führen. Wer umgekehrt fest davon überzeugt ist, dass das verschriebene Medikament keinen Einfluss haben wird, muss auch befürchten, dass gerade durch diese negative Einstellung der Heilungserfolg zumindest behindert wird.

 

 Wie steht es nun mit dem Wahrheitsanspruch im Hinblick auf das Placebo? Wortwörtlich genommen wird ja der Patient, der ein Placebo verschrieben erhält, belogen, ihm wird vorgemacht, er erhalte ein Medikament mit dem entsprechenden Wirkstoff, in Wirklichkeit enthält jedoch dieses Arzneimittel gar keinen Wirkstoff. Dieser Bewertung kann man jedoch widersprechen. Der Arzt verspricht ja eigentlich nur, dass bei Einnahme dieses Placebo ein heilender Effekt erwartet werden kann. Und dieser heilende Effekt ist ja tatsächlich eingetreten. Auch der Hinweis, dass dieser Placebo-Effekt nicht bei allen Menschen zu erwarten sein wird, verändert an der positiven Einschätzung des Placebo nur wenig, schließlich müssen wir davon ausgehen, dass es kein Medikament gibt, das restlos in allen Fällen seine positive Wirkung aufweist. Ein verantwortungsvoller Arzt wird auch die Placebos nur dann verschreiben, wenn er selbst davon überzeugt ist, dass ein Patient sich dadurch auszeichnet, dass allein sein Glaube an den  Erfolg bereits Wirkung zeigt.

 

Wir gingen bei unseren bisherigen Überlegungen stillschweigend davon aus, dass der Patient, der in aller Regel ein medizinischer Laie ist, auf jeden Fall des ärztlichen Rates bedürfe. Nun wird bisweilen von der Vorstellung ausgegangen, dass jeder Patient sich heutzutage im Internet diese Informationen einholen könne, dass er aus diesen Gründen auch des Rates der Ärzte gar nicht mehr bedürfe. Diese Überlegungen sind aus mehreren Gründen nicht stichhaltig. Als erstes gilt es darauf hinzuweisen, dass ja die Tätigkeit eines Arztes nicht nur darin besteht, dass er Diagnosen aufgrund seines theoretischen Wissens stellt, die diagnostischen Möglichkeiten haben sich in der Zwischenzeit so verkompliziert, dass auch bereits die Durchführung der Diagnose mittels umfangreicher Methoden unter Verwendungen von medizinischen Geräten erfolgt, die nur ein hierin geschulter Arzt (Arzthelfer) bedienen kann.

 

Zweitens sind wissenschaftlich ernst zunehmende Artikel aus dem Internet zumeist nur dann mit Erfolg zu verstehen, wenn der Leser ein medizinisches Grundwissen aufweist. Drittens schließlich enthält das Internet heutzutage zu fast allen Themen eine Vielzahl von teilweise sich widersprechender Auskünfte. Um nun zu erkennen, ob der Widerspruch dadurch entsteht, dass neben ernst zunehmenden Wissenschaftlern auch Scharlatane ihre Meinung geäußert haben und welcher Artikel denn dem medizinischen Standard entspricht, bedarf es wiederum recht guter Kenntnisse über die Vielzahl der Wissenschaftler, welche diese Beiträge geschrieben haben. Nur ein ausgebildeter Mediziner kann feststellen, ob sich die widersprüchlichen Artikel auf Themen beziehen, welche wissenschaftlich noch gar nicht geklärt sind, in denen also durchaus kontroverse Auffassungen vertreten werden, oder ob neben den ernst zunehmenden Artikel auch ein Scharlatan seine Meinung von sich gegeben hat. Das Wissen, das aus dem Internet herausgeholt wird, ist zumeist völlig ungeprüft, während man davon ausgehen kann, dass ein Arzt eine Reihe von Prüfungen über sich ergehen lassen musste, bevor er dass Recht erhält, eine ärztliche Praxis zu eröffnen.

 

Für Medikamente wird genauso geworben wie für andere Produkte, somit müssen wir auch damit rechnen, dass im Zusammenhang mit der Werbung für Arzneimittel ebenfalls Verstöße gegen den Wahrheitsanspruch stattfinden. Dies gilt in erster Linie für die sogenannten Nahrungsergänzungsmittel.

 

Bei den echten Medikamenten ist die Gefahr, dass in den Werbetexten bewusst falsche Versprechungen gemacht werden, insgesamt etwas geringer. Schließlich schreibt der Gesetzgeber für die Ausgabe von Medikamenten eine Vielzahl von Voraussetzungen vor, die verhindern sollen, dass über unwahre Werbeschriften Unwahrheiten behauptet werden. Für jedes Medikament sind eine Reihe von Tests bestimmter Standards vor seiner Freigabe im Handel vorgeschrieben. Erst dann, wenn in klinischen Untersuchungen der Erfolg des Arzneimittels nachgewiesen wurde und darüber hinaus die möglichen Nebenwirkungen mit der Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens aufgezählt wurden, dürfen diese Medikamente verkauft werden. Sind die Gefahren von Nebenwirkungen besonders groß, wird vorgeschrieben, dass nur ein Arzt dieses Medikament verschreiben darf und dass ohne ärztliches Rezept diese Medikamente nicht frei verkauft werden dürfen. Damit ist die Gefahr, dass den Medikamenten heilsame Wirkungen angedichtet wurden, gering. Vor allem bei den verschreibungspflichtigen Arzneimittel kann auch der Arzt überprüfen, ob diese angepriesenen Wirkungen auch zu erwarten sind.

 

Bei den Nahrungsergänzungsmittel sind die Gefahren, dass die heilsamen Wirkungen in der Werbung übertrieben werden, sehr viel größer. Auf der einen Seite unterliegt der Verkauf der Nahrungsergänzungsmittel nicht den besonderen Kontrollen, welche jedes Medikament erfüllen muss. Weit weniger eingreifende und begrenzte Vorschriften gibt es für gewisse Nahrungsmittel, die natürlich auch beim Verkauf von Nahrungsergänzungsmittel eingehalten werden müssen, gelten sie doch als Nahrungsmittel. 

 

Auf der anderen Seite beschränken sich die Werbeprospekte der Nahrungsergänzungsmittel im Allgemeinen auf die positiven Wirkungen, welche den entsprechenden natürlichen Stoffen generell zugesprochen werden. Es bleibt jedoch vollkommen offen, ob diese Wirkstoffe auch dann noch, wenn sie aus der natürlichen Umgebung der pflanzlichen Stoffe extrahiert wurden und in einer Häufung eingenommen werden, welche in den natürlich Speisen längst nicht in diesem Umfang eingenommen werden, diese positiven Wirkungen immer noch erfüllen.

 

 

8. Wahrheit im Bereich der Kirchengemeinschaft

 

Das achte Gebot gilt für alle Lebensbereiche in gleicher Weise, also auch im Rahmen der religiösen Gemeinschaft. Die Gefahr, dass Menschen die Wahrheit nicht sagen, besteht auch im religiösen Bereich. Die Heilige Schrift ist voll von Beispielen darüber, dass die Menschen – und nicht nur das einfache Volk, sondern auch die Auserwählten Gottes – immer wieder menschliche Schwächen in jeder Hinsicht aufweisen. Auch von Verletzungen des Wahrheitsgebotes erfahren wir in der Heiligen Schrift.

 

So warnt Jesus nach einer Auskunft im Matthäusevangelium Kapitel 7,15–23 ausdrücklich vor falschen Propheten:

 

15  ‚Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.

16  An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? …

 

21  Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt.

22  Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, sind wir nicht in deinem Namen als Propheten aufgetreten und haben wir nicht mit deinem Namen Dämonen ausgetrieben und mit deinem Namen viele Wunder vollbracht? 

23  Dann werde ich ihnen antworten: Ich kenne euch nicht. Weg von mir, ihr Übertreter des Gesetzes!‚

 

Auch Petrus spricht in seinem zweiten Brief Kapitel 2,1-3 vom Auftreten falscher Propheten:

 

1  ‚Es gab aber auch falsche Propheten im Volk; so wird es auch bei euch falsche Lehrer geben. Sie werden verderbliche Irrlehren verbreiten und den Herrscher, der sie freigekauft hat, verleugnen; doch dadurch werden sie sich selbst bald ins Verderben stürzen.‘

 

Eine Unwahrheit unterläuft nach den Zeugnissen bei Matthäus Kapitel 26,69-75 auch Petrus, immerhin einer der wichtigsten zwölf Apostel kurz nach der Gefangennahme Jesu:

 

69  ‚Petrus aber saß draußen im Hof. Da trat eine Magd zu ihm und sagte: Auch du warst mit diesem Jesus aus Galiläa zusammen.

70  Doch er leugnete es vor allen Leuten und sagte: Ich weiß nicht, wovon du redest.

71  Und als er zum Tor hinausgehen wollte, sah ihn eine andere Magd und sagte zu denen, die dort standen: Der war mit Jesus aus Nazaret zusammen.

72  Wieder leugnete er und schwor: Ich kenne den Menschen nicht.

73  Kurz darauf kamen die Leute, die dort standen, zu Petrus und sagten: Wirklich, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich.

74  Da fing er an, sich zu verfluchen und schwor: Ich kenne den Menschen nicht. Gleich darauf krähte ein Hahn,

75  und Petrus erinnerte sich an das, was Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.‘

 

Wir erinnern uns: Petrus war nicht ein einfacher Jünger unter der ausgewählten Schar der zwölf Apostel, er war nach Matthäus Kapitel 16, 13-19 von Jesus als sein erster Stellvertreter hier auf Erden auserwählt worden:

 

13  ‚Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? 

14  Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.

15  Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich?

16  Simon Petrus antwortete: Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes! 

17  Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

18  Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.

19  Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.‘

 

Und wir können auch nicht davon ausgehen, dass Jesus sich in den moralischen Qualitäten von Simon Petrus getäuscht hatte und dass er diese Aufgabe Petrus nicht übertragen hätte, wenn er von diesen moralischen Schwächen gewusst hätte. Bei Matthäus Kapitel 26,30-35 erfahren wir:

 

30 ‚Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.

31  Da sagte Jesus zu ihnen: Ihr alle werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen und zu Fall kommen; denn in der Schrift steht: Ich werde den Hirten erschlagen, dann werden sich die Schafe der Herde zerstreuen. 

32  Aber nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorausgehen.

33  Petrus erwiderte ihm: Und wenn alle an dir Anstoß nehmen – ich niemals!

34  Jesus entgegnete ihm: Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

35  Da sagte Petrus zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen. Das Gleiche sagten auch alle anderen Jünger.‘

 

Jesus wusste also offensichtlich sehr wohl von den Schwächen des Simon Petrus und übertrug trotzdem Petrus die Stellvertretung Jesu hier auf Erden. Immerhin zeigt uns die Geschichte, dass Petrus in seinem späteren Leben sehr wohl bereit war, sich zu Jesus auch dann noch zu bekennen, als er wegen dieses Glaubens verfolgt und schließlich wie Jesus von den Römern gekreuzigt wurde.

 

Lange Zeit ging die katholische Kirche von der Annahme aus, dass auch die in der Bibel beschriebenen historischen Ereignisse und das dort unterbreitete Weltbild als von Gott übermittelt und deshalb als wahr zu gelten haben. Folgerichtig wurden Wissenschaftler als Ketzer verurteilt, welche dem in der Bibel erwähnten geozentrischen Weltbild widersprachen. Das berühmteste Beispiel hiefür ist sicherlich die Verurteilung Galileis. Galilei sprach sich öffentlich für das heliozentrische Weltsystem des N. Kopernikus aus, das davon ausgeht, dass sich die Erde um die Sonne dreht im Gegensatz zu dem geozentrischen Weltbild, das davon ausging, die Sonne drehe sich um die Erde. In einem Brief an den Benediktiner B. Castelli legte Galilei im Jahre 1613 seine Vorstellungen über das Verhältnis der Bibel zur Naturerkenntnis und zum heliozentrischen System dar, was eine Neuinterpretation der Heiligen Schrift notwendig machte.

 

Im Jahre 1616 wurde die kopernikanische Lehre vom Papst offiziell für falsch erklärt. Hierauf versuchte Galilei in einer Papst Urban VIII. gewidmeten Abhandlung »Saggiatore« im Jahre 1623 dem Papst, der als Kardinal seinen Lehren zugeneigt gewesen war, für die Anerkennung der kopernikanischen Lehre zu gewinnen. Da er sich zu eindeutig  für die Lehre von Kopernikus ausgesprochen hatte, wurde Galilei der Prozess gemacht, der dazu führte, dass Galilei dieser Lehre abschwörte und verurteilt wurde.

 

Erst 1992 wurde im Rahmen einer Erklärung zur Beziehung von Religion und Wissenschaft des Papstes Johannes Paul II. vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften die Verurteilung Galileis als ungerechtfertigt charakterisiert und Galilei von der katholischen Kirche auch formell rehabilitiert. Heute wird wohl von fast allen Exegeten anerkannt, dass sich der Wahrheitsanspruch der Bibel allein auf die Glaubenswahrheiten einschließlich der sittlichen Gebote bezieht, dass Aussagen über empirische Zusammenhänge lediglich wiedergeben, von welchen Vorstellungen in der damaligen Zeit, als die Bibel entstand, allgemein ausgegangen wurde, Vorstellungen, die sehr wohl im Rahmen wissenschaftlichen Fortschritts korrigiert werden können.

 

Dass im Mittelalter das heliozentrische Weltbild als ketzerisch verworfen wurde, lag vermutlich weniger daran, dass die Vertreter der katholischen Kirche aus Überzeugung dieses neue Weltbild als falsch angesehen haben, sondern vielmehr vermutlich daran, dass sie einen Dammbruch befürchteten, wenn diese fehlerhaften Berichte in der Heiligen Schrift korrigiert werden. Sie befürchteten, dass insbesondere das einfache Volk bei Anerkennung dieses neuen Weltbildes massenweise vom Glauben abfallen würde.

 

Die Forderung, stets die Wahrheit zu verkünden, ist auch im Zusammenhang mit dem im Mittelalter eingeführten Ablasshandel angesprochen. Unter Ablass wird ein von der Kirche eingeführter Gnadenakt verstanden, aufgrund dessen zeitliche Sündenstrafen erlassen, aber keinesfalls die Sünden selbst vergeben werden. In der Frühkirche wurden den Sündern harte Bußen auferlegt, die dann später durch Almosen abgelöst wurden.

 

Ende des 12. Jahrhunderts entstand aus dieser Praxis der Ablasshandel, wobei vor allem dem Papst das Vorrecht zustand, zur Finanzierung seiner umfangreichen Ausgaben Ablässe zu gewähren. Ablässe wurden dann von Geistlichen verkauft, welche fälschlicher Weise verkündeten, dass auch ohne persönliche Reue des Sünders die Sünden damit bereits vergeben seien.

 

Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang vor allem Johannes Tetzel, katholischer Theologe und Ablassprediger, seit 1517 Generalsubkommissar des Erzbischofs Albrecht II.  für die Ablasspredigt in der Kirchenprovinz Magdeburg, welchem der Ausspruch: Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt! zugeschrieben wird. Diese Praxis brachte dann schließlich Martin Luther auf den Plan, der mit der katholischen Kirche brach und die Reformation einleitete.

 

Eine ähnliche Problematik ergibt sich auch im Hinblick auf den lange Zeit von der Katholischen Behörde praktizierten Bücherindex. Das katholische Kirchenrecht sah bis 1966 ein allgemeines Veröffentlichungsverbot aller Schriften vor, welche gegen die katholische Glaubens- und Sittenlehre gerichtet waren. Allen Katholiken war verboten, diese Schriften zu lesen oder auch aufzubewahren.

 

Eine solche Regelung lässt sich nur schwer mit dem Grundsatz der Religionsfreiheit vereinbaren, wonach Gott die Menschen keinesfalls mit Gewalt zum Glauben zwingen möchte, sondern vielmehr erwartet, dass sich die Menschen aus freien Stücken zum Glauben bekennen und bereit sind, entsprechend den Geboten Gottes zu leben. Auch hier stand die Befürchtung der Kirche hinter diesen Bestimmungen, die Gläubigen könnten die Kirche verlassen, wenn sie mit diesen kritischen Schriften konfrontiert werden. Es ist jedoch mehr als fraglich, wenn man sich mit einem Glauben zufrieden gibt, der bei der geringsten Belastung aufgegeben wird. Jesus fordert uns auf, einen Glauben zu haben, der Berge versetzt. Wer einen solchen Glauben hat, wird nicht bereits dann, wenn er mit einer kritischen Schrift konfrontiert wird, umfallen und seinen Glauben aufgeben.

 

Vor allem aber besteht die Gefahr, dass jemand bei der ersten Versuchung umfällt, gerade dann, wenn er bisher in der Erziehung von allen Gefahren ferngehalten wird. Auch dann, wenn ein Gläubiger keinerlei ketzerische Schriften zur Kenntnis nimmt, läuft er im täglichen Leben immer wieder Gefahr, mit diesen Lehren konfrontiert zu werden und gerade deshalb, weil er sich bisher mit diesen Lehren nicht auseinandergesetzt hatte, wird er bei der ersten realen Begegnung mit diesen Lehren umknicken wie ein Strohhalm im Wind. Anstelle eines Verbots sollten vielmehr die Gläubigen aufgefordert werden, sich aktiv unter Anleitung kundiger Lehrer mit solchen Lehren kritisch auseinandersetzen. Nur dann sind sie auch in der Lage, einer Kritik standhaft zu begegnen.

 

Ähnlich wie bereits in den vorhergehenden Abschnitten gibt es auch im Bereich der religiösen Gemeinschaft ein absolutes Schweigegebot. Hier ist das sogenannte Beichtgeheimnis angesprochen. Danach ist der Beichtvater, dem Gläubige ihre Sünden beichten, zum unbedingten Stillschweigen über das verpflichtet, was er durch eine Beichte erfahren hat. Bei Verletzung des Beichtgeheimnisses werden dem Geistlichen schwerste Kirchenstrafen angedroht. Im weltlichen Recht wird dieses Beichtgeheimnis akzeptiert und dem Beichtvater unter anderem ein Zeugnisverweigerungsrecht zugestanden.

 

Der Grund für dieses Schweigegebot liegt auch hier wiederum in dem Schutz desjenigen, der sich dem Beichtvater anvertraut. Dafür, dass ein sündiger Mensch Verzeihung erlangen kann, ist Reue und Umkehr erforderlich. Reue setzt aber voraus, dass er sich zu der Tat bekennt. Damit nun der Beichtende nicht aus Angst, der Beichtvater könnte die gebeichteten Sünden an Dritte, vor allem an die Polizei oder auch an den Arbeitgeber weiterleiten, seine Sünden in der Beichte nicht wahrheitsgemäß offenlegt, wird ihm zugesichert, dass alles, was er bei der Beichte erwähnt hat, dem Beichtgeheimnis unterliegt, das in keinem Falle an Dritte weitergegeben werden darf. Wohl aber hat der Beichtvater das Recht, den Beichtenden dazu aufzufordern, sich den Strafbehörden oder auch denjenigen, welche durch diese Taten geschädigt wurden, zu stellen.

 

Fortsetzung folgt!