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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 8. Das achte Gebot

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Das Wahrheitsproblem in der Familie

3. Wahrheit in der Politik

4. Wahrheit im Krieg

5. Wahrheit bei der Strafverfolgung

6. Wahrheit im Wirtschaftsbereich

7. Wahrheit im Gesundheitswesen

8. Wahrheit im Bereich der Kirchengemeinschaft

9. Wahrheit in der Wissenschaft

 

 

 

1. Das Problem

 

In diesem letzten Kapitel wollen wir uns mit dem achten Gebot befassen. In der Version des 2. Buches Moses (Exodus), Kapitel 20 lautet der Text hierzu: ‚Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen‘. In einer etwas weitergehenden Fassung könnten wir dieses Gebot auch so umschreiben, ‚du sollst nicht lügen‘ oder positiv formuliert: ‚du sollst stets die Wahrheit‘ sagen. Ähnlich wie z. B. beim fünften Gebot wird im Dekalog nicht das Töten von Mitmenschen generell verboten, sondern zunächst nur ausdrücklich das Morden, also das absichtlich durchgeführte Töten benannt, obwohl wir auch dort davon ausgehen mussten, dass es hierbei im Grunde darum geht, Leben zu erhalten und dass mit jedem Tötungsakt Leben ausgelöscht wird. In ähnlicher Weise wird nun im achten Gebot zunächst nur die Falschaussage vor einer staatlichen Amtsperson benannt, obwohl es auch hier um die Wahrheit ganz allgemein geht.

 

Wiederum wie bei allen zehn Geboten, vor allem bei den auf der zweiten Tafel  niedergeschriebenen sieben Geboten müssen wir davon ausgehen, dass ein zwischenmenschliches Leben nur bei Einhaltung dieser Gebote möglich ist, dass also das menschliche Leben ernsthaft bedroht wäre, würden sich die Menschen ganz allgemein nicht an diese Weisungen halten. In diesem Sachverhalt liegt es auch begründet, dass die meisten Verbote auch in der weltlichen Rechtssprechung geahndet werden.

 

Der Grund für diese wesentliche, existenzielle Bedeutung für den Wahrheitswert liegt darin, dass wir Menschen nicht wie Robinson auf einer einsamen Insel leben, der Mensch ist ein soziales Wesen, es gehört zu den Grundzügen des Menschen, dass er in der Gemeinschaft lebt, Mann und Frau vereinen sich im Geschlechtsakt und bringen auf diese Weise neues Leben hervor, der Mensch vollzieht zum größten Teil seine Arbeit zur Bereitstellung aller materieller Güter gemeinsam, er verbringt auch seine Freizeit in der Familie, also einer Gemeinschaft der Menschen und er verteidigt sich auch gemeinsam mit seinen Mitmenschen, wenn der Lebensraum dieser Menschen durch andere bedroht wird.

 

Bei einer arbeitsteiligen Vorgehensweise hängt das Wohl und Gedeihen der einzelnen Menschen wesentlich vom Verhalten seiner Mitmenschen ab. Er muss sich auf seine Mitmenschen verlassen können, ob und wieweit er bei seinen Bemühungen erfolgreich ist, hängt entscheidend vom Verhalten seiner Mitmenschen ab. Wenn also z. B. ein Geschäftspartner einen Auftrag erteilt, muss sich der Einzelne darauf verlassen können, dass der Partner seine Zusage auch einhält. Wenn zwei Individuen zusammenarbeiten und jeweils für einen Teilabschnitt der Produktion verantwortlich sind, dann wird der eine nur dann Erfolg haben, wenn auch der andere die Aufgabe erfüllt, die er übernommen und zugesagt hatte.

 

Wir haben davon auszugehen, dass fast alle unsere Entscheidungen mit einem mehr oder weniger großen Risiko verbunden sind. Wir sprechen uns für eine bestimmte Alternative aus, da wir die möglichen Vorteile dieser Alternative für höher halten als die Vorteile der anderen Alternativen. Es ist durchaus möglich, verantwortungsbewusst auch dann Entscheidungen zu treffen, wenn die Auswirkungen der einzelnen Alternativen nicht eindeutig sind, sondern nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zu erwarten sind. Vor allem dann, wenn es sich hierbei nicht um eine einmalige, sondern um immer wiederkehrende Entscheidungen handelt, gibt es eindeutige Regeln, bei welchem Risiko eine Entscheidung noch sinnvoll erscheint.

 

Wenn wir z. B. davon ausgehen müssten, dass eine bestimmte Handlung nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% zu einem Erfolg führen wird, so können wir – wenn diese Entscheidung immer wieder erneut ansteht – eindeutig festlegen, dass diese Entscheidung trotz des Risikos als erwünscht zu gelten hat, wenn der durchschnittliche Erfolg den erforderlichen Erfolg um das doppelte übersteigt. Wenn z. B. ein Wert von 100 € mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% erwartet wird, dann ist der wahrscheinliche Wert dieser Entscheidungen gerade 100 x 0,5 = 50.

 

Wenn wir also davon ausgehen, dass ein Erfolg von 50 angemessen wäre (wenn wir also mit andern Worten diese Alternative auch dann treffen würden, wenn der Erfolg 100% sicher wäre, aber nur einen Ertragswert von 50 haben würde), dann würden wir in der Tat auf lange Sicht pro Zeiteinheit einen Ertrag von gerade 50 erreichen und somit die gleichen Ergebnisse erzielen, wenn wir von einer vollständigen Sicherheit ausgehen könnten, der Ertrag pro Entscheidung jedoch nur 50 betragen würde.

 

Je höher nun das Risiko ausfällt, um so geringer ist der wahrscheinliche Wert dieser Entscheidung und dies bedeutet, dass ab einer bestimmten kritischen Grenze das bestehende Risiko verhindert, dass überhaupt eine Entscheidung noch sinnvoller Weise gefällt wird. Um also sicherzustellen, dass die Menschen handlungsfähig bleiben, muss dafür Sorge getragen werden, dass das Risiko begrenzt bleibt und dies kann unter anderem nur dadurch erreicht werden, dass ein zwischenmenschliches Vertrauensverhältnis geschaffen wird, damit dieser kritische Umfang der Risiken nicht überschritten wird. Die Sorge um die Wahrheit ist eine der möglichen Voraussetzungen dafür, dieses Vertrauensverhältnis zu garantieren.

 

Das achte Gebot äußert sich in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Wie bei den anderen bereits besprochenen Weisungen des Dekalogs geht es auch beim achten Gebot einerseits darum, etwas zu tun, nämlich die Wahrheit zu sagen, andererseits aber auch darum, etwas zu unterlassen, eben nicht zu lügen. Wir hatten im ersten Kapitel dieser Vorlesung bereits daraufhin gewiesen, dass sich nur dann, wenn im Zusammenhang mit den zehn Geboten nur zwei Alternativen denkbar sind, das Gebot unmittelbar aus dem Verbot ergibt, beide Formulierungen also das gleiche – nur aus einem anderen Blickwinkel – betonen.

 

In der Realität müssen wir jedoch auch im Hinblick auf das achte Gebot davon ausgehen, dass es eine ganze Palette unterschiedlicher Arten gibt, diesem Gebot zu folgen. Man kann ganz bewusst eine Unwahrheit sagen, wobei hier große Unterschiede in der Schwere der Unwahrheit vorliegen können, man kann weiterhin eine Teilwahrheit formulieren, man sagt hier nicht die ganze Wahrheit, aber das, was man sagt, entspricht der Wahrheit. Man kann weiterhin einfach schweigen. Man wird nach einem Wissen gefragt und obwohl man dieses Wissen hat, verschweigt man es. Hier findet keine Lüge im engeren Sinne statt, trotzdem richtet der Schweigende unter Umständen – dann nämlich, wenn er eigentlich verpflichtet gewesen wäre, die Wahrheit zu offenbaren – großen Schaden an.

 

Befassen wir uns erstens etwas ausführlicher mit der Teilwahrheit. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, dass derjenige, welcher eine Teilwahrheit vorbringt, immerhin etwas – wenn auch nicht vollständig – dem Wahrheitsgebot entspricht und dass deshalb dieses Verhalten eindeutig vorzuziehen sei einem vollständigen Verschweigen der Wahrheit und erst Recht der bewussten Lüge.

 

In Wirklichkeit ist jedoch das vorliegende Problem sehr viel komplizierter. Wir müssen davon ausgehen, dass von Teilwahrheiten oftmals ein viel größerer Schaden ausgeht als dann, wenn der Betreffende einfach gelogen hätte. Unterstellen wir, dass zwei Politiker für unterschiedliche Maßnahmen werben und dass der eine Politiker A sich einer Teilwahrheit bedient, während Politiker B bewusst lüge.

 

Da Politiker A für seine Maßnahme mit dem Hinweis auf eine Teilwahrheit wirbt, hat er in der anschließenden Diskussion eine gute Position. Das, was er sagt, ist ja annahmegemäß wahr und kann deshalb von den Gegnern dieser Maßnahme nicht widerlegt werden. Er kann auf die Vorwürfe seiner Gegner, dass diese Maßnahme zusätzlich zu der behaupteten Wirkung gravierende Nebenwirkungen auf andere Ziele nach sich zieht und deshalb per saldo unerwünscht sei, immer antworten, dass seine Aussage von seinen politischen Gegnern nicht widerlegt wurde.

 

Besonders fatal wird die Situation dann, wenn der durch die erwähnten negativen Nebenwirkungen entstandene Schaden nur erkennbar ist, wenn der Zuhörer über vertiefte Kenntnisse des zugrunde liegenden Sachzusammenhanges verfügt. Hier besteht in der Tat die Gefahr, dass ein Politiker die eigentlichen schweren Schädigungen, die mit einer Maßnahme verbunden sind, verschweigt und dass ihm trotzdem in der Öffentlichkeit geglaubt wird, einfach deshalb, weil die zugrunde liegenden Zusammenhänge komplex sind und deshalb nur von jemand verstanden werden können, der in dieser Frage Sachwissen mitbringt.

 

Ganz anderes gilt für den Fall, dass ein Politiker B seine Politik mit einer eindeutigen Lüge über die Auswirkungen der von im empfohlenen Maßnahme zu verteidigen sucht. Gerade weil immer damit gerechnet werden muss, dass zwischen den einzelnen Politikern ein intensiver Wettbewerb um die Macht stattfindet, ist fest damit zu rechnen, dass ein Konkurrent (oder auch ein Journalist) die Lüge erkennt und dass er sie anhand empirischen Materials öffentlich widerlegt. Im Gegensatz zu der erstgenannten Alternative (der Teilwahrheit) kann er nun die Kritik seiner politischen Gegner nicht widerlegen, er ist als Lügner enttarnt und gerade deshalb ist das Vorbringen einer echten Lüge im politischen Alltagskampf längst nicht so gefährlich wie das Arbeiten mit einer Teilwahrheit.

 

Ein zweiter Unterschied in den Erscheinungsformen des achten Gebotes besteht darin, dass sich die Aussage rückwärts auf etwas bezieht, was bereits geschehen ist oder vorwärts auf etwas hinweist, das erst in naher Zukunft geschehen soll. Ein Ehepartner hat z. B. die Ehe gebrochen und mit einem dritten geschlechtlich verkehrt, er verschweigt aber diesen Fehltritt seinem Partner oder bestreitet sogar auf Anfrage des Ehegatten diese Tat. Hier will der Fragende Auskunft erhalten über ein Verhalten seines Partners, das bereits vollzogen ist.

 

Vorwärts gerichtet ist hingegen das Versprechen, das sich die beiden Ehepartner vor dem Standesbeamten oder vor einem Priester gegenseitig geben, den Partnern zu achten und zu lieben, in guten und schlechten Zeiten und ihn nicht zu verlassen, bis dass der Tod sie scheidet. Hier wird ein Versprechen formuliert, das erst in der Zukunft verwirklicht werden soll, das die Absicht der Versprechenden zum Ausdruck bringt, etwas ganz bestimmtes zu tun bzw. etwas ganz bestimmtes zu unterlassen. Eine Lüge läge hier vor, wenn der Versprechende bei der Abgabe dieses Versprechens gar nicht die Absicht hätte, dieses Versprechen einzuhalten.

 

Die rückwärtsgewandte Lüge gefährdet unter Umständen in dem gezeigten Beispiel das gegenseitige Vertrauen der Eheleute und führt unter Umständen zu einer Zerrüttung der Ehe. Das vorwärtsgewandte Versprechen soll hingegen dem jeweiligen Ehepartner die Gewissheit bringen, dass die Ehe Bestand hat und diese Gewissheit ist selbst wiederum Voraussetzung dafür, dass der jeweils andere bereit ist, die Ehe einzugehen.

 

Ein dritter Unterschied in den Erscheinungsformen der Lüge kann darin liegen, dass sie entweder bewusst oder aber auch unwissentlich erfolgt. Nehmen wird den Fall, dass jemand unter Einfluss einer starken Droge einen Mitmenschen erschlagen hat. Er ist sich jedoch nach Beendigung seines Rauschzustandes gar nicht bewusst, die Tat begangen zu haben und leugnet deshalb in gutem Glauben auf Anfrage, die Tat begangen zu haben.

 

Nun ist wesentliche Voraussetzung dafür, dass jemand straffällig geworden ist und deshalb mit einer Strafe belegt wird, dass er die Tat auch bewusst getan hat. Nur dann ist er überhaupt für diese Tat straffähig. Hat er die Tötung eines Menschen gar nicht bewusst herbeigeführt, kann er auch gar nicht des Mordes angeklagt werden, noch kann ihm vorgeworfen werden, die Unwahrheit bewusst gesagt zu haben.

 

Allerdings kann er unter Umständen trotzdem Schuld auf sich geladen haben, für die er zur Rechenschaft gezogen werden kann. Wer sich immer wieder so verhält, dass er in einen rauschähnlichen Zustand verfällt, trägt sehr wohl insoweit Schuld, soweit er aus freien Stücken einen Zustand herbeiführt und damit willentlich in Kauf nimmt, bei dem es zu Handlungen kommen kann, welche allgemein Straftaten darstellen.

 

Wir können viertens die einzelnen Erscheinungsformen einer Unwahrheit auch danach unterscheiden, inwieweit der Fragende einen Anspruch und der Befragte eine Pflicht hat, dass die Wahrheit gesagt wird. Wenn z. B. Eltern ihre Kinder über deren Verhalten Auskunft erbitten, wird man im Allgemeinen davon ausgehen können, dass die Eltern ein Recht auf eine wahre Antwort haben und daraus folgt, dass auch die Kinder im Allgemeinen zu einer wahren Antwort gegenüber ihren Eltern verpflichtet sind. Die Aufgabe der Eltern kann nämlich nur dann wahrgenommen werden, wenn sie auch überprüfen können, wieweit ihre Kinder bereits im Erlernen der notwendigen Verhaltensweisen vorangekommen sind. In gleicher Weise hat auch der Richter im allgemeinen das Recht auf eine wahre Antwort, da nur auf diese Weise unter Umständen die wahre Schuld des Angeklagten erkannt werden kann.

 

Umgekehrt wird man davon ausgehen, dass jedes Familienmitglied ein Recht auf eine gewisse Intimsphäre besitzt, das von keinem Nachbar verletzt werden darf. Stellt also eine Nachbarin eine Frage, die sich auf das Intimverhalten der Ehepartner bezieht, so darf die Befragte sehr wohl die Antwort verweigern, ohne dass man bereits von einer Verletzung des achten Gebotes sprechen kann. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn auch in diesem Falle keine Unwahrheit gesagt würde, dass also der Befragte demjenigen, der ihn zu Unrecht befragt, antwortet, das dies ihn gar nichts angehe. Aber sicherlich haben viele Befragte Schwierigkeiten, eine solche Antwort schlagfertig zu geben und weichen dann in einer Lüge aus, nicht weil sie eigentlich lügen wollen, sondern einfach deshalb, weil ihnen die korrekte Antwort nicht rechtzeitig einfällt. Wenn man hier von Schuld spricht, liegt sicherlich der größere Teil der Schuld bei demjenigen, der unberechtigter Weise diese Frage gestellt hat.

 

Fünftens kann man die einzelnen Unwahrheiten auch danach unterscheiden, wie groß denn der Schaden ist, der bei einer Lüge entstehen kann. Wenn z. B. aufgrund eines Meineides bei einem Gerichtsverfahren der Angeklagte zu Unrecht verurteilt wird, so ist hierbei der auftretende Schaden extrem groß. Auf der einen Seite wird der Angeklagte zu Unrecht verurteilt und damit in seinem Wohlbefinden erheblich beeinträchtigt, auf der anderen Seite verliert jedoch auch die geltende Rechtsordnung an ordnender Kraft, wenn bekannt wird, dass immer wieder Fehlurteile gefällt wurden. Die Bereitschaft in der Bevölkerung, die Rechtsordnung anzuerkennen, geht in diesem Falle immer mehr zurück.

 

Aber nicht nur Lügen können verheerende Wirkungen nach sich ziehen, es ist auch der umgekehrte Fall denkbar, dass jemand gerade durch Aussprechen der Wahrheit großen Schaden anrichtet. Nehmen wir den Fall, dass ein Spion (unter Umständen sogar unter Folter) gezwungen werden soll, die Namen und Adressen seiner Mitstreiter zu verraten. Hier wird man keinesfalls zu dem Ergebnis kommen, dass in jedem Falle auch hier die Wahrheit gesagt werden muss und dass eine Lüge eine Sünde darstellt. Die jeweilige richtige Antwort hängt in diesem Falle entscheidend davon ab, ob hier im Rahmen eines rechtsstaatlichen Systems eine Befragung durchgeführt wird und die Mitstreiter also genauso wie der Befragte Verbrechen begangen haben; hier wird man sicherlich in moralischer Hinsicht eine Antwortpflicht des Angeklagten bejahen müssen, wobei allerdings keine Antwort durch Folter erzwungen sein darf. Allerdings sehen die weltlichen Ordnungen zumeist vor, dass der Beschuldigte das Recht hat zu schweigen, wenn er sic durch eine Antwort selbst belasten müsste.

 

Geht man jedoch von einem Unrechtstaat aus, der unter Umständen die Gläubigen einer Religion zu Unrecht verfolgt, so wird man zu dem Ergebnis kommen, dass gerade das Aussagen der Wahrheit dazu angetan ist, bei Unschuldigen großen Schaden auszulösen und die Stabilität des Unrechtsstaates zu erhöhen. Allerdings wäre es wiederum falsch, wenn man in diesem Falle jemanden, der unter Folter die Namen Unschuldiger verrät, verurteilen und als Verräter bezeichnen würde. Es bedarf sicherlich sehr starker Willenskraft, die nicht jeder aufbringt, auch unter Foltermaßnahmen standfest zu bleiben und die erwünschte Antwort zu verweigern.

 

Sechstens lassen sich die Erscheinungsformen einer Lüge auch danach untergliedern, ob sie dem Wortlaut nach Unwahrheiten darstellen oder ob sie den hinter den Aussagen stehenden tieferen Sinn wiedergeben. Jesus hat wiederholt einigen Pharisäern vorgeworfen, dass sie nur bemüht seien, den Wortlaut des Gesetzes zu erfüllen, dass sie aber den eigentlichen Sinn der Gesetze, der in der Barmherzigkeit und dem Eingehen auf die Notlage der Mitmenschen abhebt, außer Acht ließen.

 

Wir werden weiter unten das Beispiel der Emser Depesche besprechen. Bismarck hatte eine Depesche des preußischen Königs etwas gekürzt an die Presse weitergegeben und auf dem Wege der Kürzung den Sinn dieses Schreibens an Kaiser Napoleon III. vollkommen entstellt. Hier wird deutlich, dass man – bezogen auf den Wortlaut – sehr wohl wahrheitsgemäß aussagen kann und trotzdem die wahre Absicht und den Sinn dieser Aussage dennoch entstellen kann.

 

Siebtens gilt auch für das achte Gebot ähnlich wie für die bereits besprochenen Gebote, dass in Einzelfällen durchaus das im achten Gebot ausgesprochene Verbot nicht gelten kann, da gerade bei strikter Einhaltung dieses Verbotes andere Werte verletzt werden können, denen ein noch höherer Wert zuerkannt werden muss. Das Aussprechen einer Wahrheit kann unter bestimmten Umständen verheerende Wirkungen auslösen. Und wenn diese negativen Folgen höher zu bewerten sind als der Schaden, der aufgrund einer Lüge zu befürchten ist, dann kann es durchaus in einem Einzelfall erlaubt, ja sogar geboten erscheinen, die Wahrheit zu verschweigen, eventuell sogar die Unwahrheit auszusprechen. Wir werden dieses Problem weiter unten unter dem Stichwort diskutieren, dass bestimmte Berufsgruppen wie Rechtsanwälte, Geistliche oder Ärzte zur Verschwiegenheit verpflichtet sind.

 

 

2. Das Wahrheitsproblem in der Familie

 

Wir wollen uns im Folgenden mit den wichtigsten Lebensbereichen befassen, in denen das Problem der Lüge auftreten kann. Wir beginnen mit dem Bereich der Ehe und Familie. Die Geschichte jeder einzelnen Familie beginnt mit dem Ehegelöbnis, das sich die beiden Ehepartner gegenseitig vor einem Standesbeamten und vor einem Priester feierlich versprechen. In diesem Gelöbnis versprechen sich die beiden Partner, füreinander einzugestehen und beieinander zu bleiben, in schlechten Zeiten genauso wie in guten Zeiten, bis einer der beiden Gatten stirbt.

 

Es ist klar: Jeder, der dieses Versprechen abgibt mit der Absicht, dieses Versprechen nicht einzuhalten, begeht die Sünde des achten Gebotes. Wie wir in den vorhergehenden Kapiteln (im vierten, sechsten und neunten Gebot) gesehen haben, erfüllt die Familiengemeinschaft eine für das menschliche Zusammenleben wesentliche Aufgabe der Regeneration sowie der Erziehung der Kinder und zur Erfüllung dieser beiden Aufgaben ist die Aufrechterhaltung der Ehe notwendige Bedingung.

 

Wer die Ehe bricht, versündigt sich vor allem gegenüber den eigenen Kindern dadurch, dass deren Erziehung gefährdet wird, er schadet jedoch zumeist auch dem jeweiligen Ehepartner, der sich auf das Ehegelöbnis verlassen hat. Dies gilt auch dann noch, wenn heutzutage keine Arbeitsteilung der beiden Ehegatten in dem Sinne besteht, dass sich der eine Partner (früher fast immer die Frau) ganz den innerfamiliären Aufgaben widmet und dann bei einer späteren Aufgabe der Ehe, nur mit äußersten Schwierigkeiten überhaupt noch einer beruflichen Arbeit nachgehen kann.

 

Vielmehr wird der einzelne Partner auch dann von demjenigen Partner betrogen, welcher die Ehe aufkündigt, wenn beide Gatten eine berufliche Ausbildung erfahren haben und beide einer erwerbswirtschaftlichen Arbeit nachgehen. Das gemeinsame Eheleben, zu dem auch die geschlechtliche Vereinigung gehört, zählt nach wie vor für die meisten Ehegatten zu den wichtigsten Lebenszielen, die dann zerstört werden, wenn einer der Ehegatten die Ehe willkürlich aufgibt. Vor allem ist die Aufgabe der Ehe nicht bereits dann gerechtfertigt, wenn sich einer der Ehepartner in eine dritte Person verliebt. Die Erziehung der Kinder hat eindeutigen Vorrang vor dem bloßen Verliebtsein, ganz davon abgesehen, dass eine Verliebtheit, welche sich auf die sinnliche Liebe beschränkt, ohnehin in aller Regel nach wenigen Jahren wiederum vergeht.

 

Das achte Gebot ist dann wiederum angesprochen, wenn der eine Ehepartner außerehelichen Geschlechtsverkehr mit einer dritten Person begeht und wenn die Frage entsteht, ob derjenige, der den Ehebruch begangen hat auch verpflichtet ist, diese Tat dem betrogenen Partner zu gestehen. Hierbei gilt es zu unterscheiden, ob dieser Ehebruch nur zufälliger und einmaliger Natur war, dass sich der eine Partner hinreißen ließ, obwohl er nach wie vor mit seinem Ehegatten liebevoll verbunden ist, oder ob eine Dauerbeziehung begonnen wurde, die also mehrfach wiederholt wird und die bereits die Zerrüttung der Ehe anzeigt.

 

Wenden wir uns zunächst der Frage zu, wie denn verfahren werden soll bei einmaligen Ausrutschern. Oftmals wird von der Überzeugung ausgegangen, dass mit dem Ehegelöbnis auch das Versprechen verbunden sei, dass die Ehepartner keine Geheimnisse voreinander haben dürfen. Es ist klar, dass dann, wenn sich die Ehepartner dieses Versprechen ausdrücklich gegeben haben, die Verheimlichung auch nur eines einzigen Geschlechtsaktes außerhalb der Ehe einen Bruch dieses Versprechens darstellt.

 

Allerdings kann sicherlich nicht davon ausgegangen werden, dass es sozusagen in der Natur des Ehegelöbnis liegt, dass die Ehepartner notwendigere Weise keinerlei Geheimnisse vor sich haben dürfen. Auch dann, wenn die beide Ehepartner im geschlechtlichen Verkehr eine sehr intensive Vereinigung eingehen, sie bleiben stets Individuen mit einem eigenen Willen, mit einer eigenen Verantwortlichkeit, aus der sich heraus sehr wohl auch seelische Bereiche ergeben können, die der einzelne nicht mit seinem Ehepartner teilen wird.

 

Das wichtigste Kriterium dafür, ob jeder außereheliche Geschlechtsverkehr dem Ehepartner gebeichtet werden sollte, liegt in der Frage, wie durch dieses Verhalten der Zusammenhalt der Ehe und damit indirekt die Erfüllung der wichtigsten der Familie obliegenden Funktionen gewahrt bleibt. Kann man also erwarten, dass der Zusammenhalt der Familie gestärkt wird, wenn jeder außereheliche Geschlechtskontakt dem Ehepartner gebeichtet wird?

 

Für diese Behauptung spricht der Umstand, dass in der Beichte gegenüber dem betrogenen Ehepartner das wechselseitige Vertrauen in der Tat zum Ausdruck kommt. Faktisch lässt sich jedoch feststellen, dass sehr häufig gerade wegen dieser Beichte eine Ehe überhaupt erst beginnt, ernsthaft zerrüttet zu werden und dass gerade dann, wenn dieser einmalige Ausrutscher dem Ehepartnern verborgen bleibt, die Ehe gerettet werden kann und der Ehepartner, der diesen Ehebruch beging, sehr viel leichter die Möglichkeit erhält, seine Tat zu bereuen und sich ernsthaft darum bemühen kann, umzukehren, also künftigen Gefahren der Ehe bewusst auszuweichen.

 

Allerdings muss auch hier erwähnt werden, dass dieser eheliche Frieden in aller Regel nur dann gewahrt bleibt, wenn der betrogene Ehepartner vom außerehelichen Verkehr des anderen nichts erfährt. Es ist aber niemals auszuschließen, dass der betrogene Ehepartner schließlich doch aufgrund gewisser Zufälligkeiten, aufgrund derer es dem betrügenden Partner gar nichts anderes übrig bleibt, den Ehebruch einzugestehen, erfährt oder dass Dritte von diesem Vorgehen berichten. In diesen Fällen ist die Ehe in noch viel stärkerem Maße bedroht, hier wäre es in der Tat besser gewesen, der Ehepartner hätte seinen außerehelichen Umgang sofort gebeichtet.

 

Erfährt nämlich der betrogene Ehepartner von diesem Ehebruch, so fühlt er sich doppelt und dreifach hintergangen. Neben dem Ehebruch als Verletzung des Ehegelöbnis kann er sich zusätzlich verletzt fühlen, dass er von einem Dritten dieses Ereignis erfahren hat, dass er weiterhin so lange Zeit belogen wurde und dass er schließlich zum Gespött der Nachbarschaft geworden ist. Vielleicht hätte er es noch ertragen, wenn der Ehebruch nur ihm bekannt geworden wäre, vielleicht wird der Ehebruch nur deshalb zu einer Katastrophe, weil der betrogene Partner nun sein Gesicht vor der Nachbarschaft verloren hat.

 

Weiterhin muss man sich allerdings zur Lösung dieses Problems die Frage stellen, aus welchen Gründen denn heraus der betrügende Partner eine Beichte vor dem betrogenen Partner fürchtet. Oftmals liegt der wahre Grund darin, dass der betrogene Partner gar nicht bereit ist, den Ehebruch seines Partners zu verzeihen und dass der betrügende Partner über diese fehlende Bereitschaft Bescheid weiß oder sie zumindest befürchtet. Hier wird klar, dass eine Ehe nach einem einmaligen Ehebruch nur dann gekittet werden kann, wenn auch der betrogene Ehepartner bereit ist, den Ausrutscher zu verzeihen, sofern er erkennt, dass der betrügende Partner die Tat ernsthaft bereut und sich ehrlich darum bemüht, dass es in Zukunft nicht mehr zu diesen Vergehen kommt. Die Christen beten im Vaterunser: ‚vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern‘, auch dieses Bekenntnis ist nicht ehrlich, stellt eine Verletzung des achten Gebotes dar, wenn der betrogene Ehepartner zur Vergebung überhaupt nicht bereit ist.

 

In diesem Zusammenhang ist auch von Bedeutung, in welchem Umfang denn die Zuwendung zu einem Dritten erfolgt ist. Es ist sicherlich überzogen, wenn gefordert würde, dass jedes Anlächeln und jedes freundliche Zuwenden bereits als ein Verstoß gegen das achte Gebot zu verstehen sei. Die Erfüllung der ehelichen Pflichten sind nicht die einzigen Verpflichtungen, welche Menschen einzuhalten haben, die zwischenmenschlichen Beziehungen vor allem auch im Beruf erfordern genauso wie der familiäre Verkehr, dass die einzelnen Menschen einander vertrauen und zusammenarbeiten und es ist für diese Zusammenarbeit dienlich, wenn zwischen diesen beruflichen Partnern ein freundschaftliches Verhältnis besteht. Man sollte in diesem Sinne nur den geschlechtlichen Verkehr, seinen Vollzug bzw. das ausdrückliche Begehren dieses Aktes als Sünde gegen das achte Gebot ansehen, auch eine Umarmung oder ein Kuss auf die Wange verletzt sicherlich  dieses Gebot nicht ernsthaft.

 

Auf der anderen Seite stellt eine dauerhafte außereheliche Geschlechtsbeziehung in der Tat eine Zerrüttung der Ehegemeinschaft dar und hier ist es sicherlich geboten, dass diese Verfehlung auch dem betrogenen Partner bekannt gemacht wird. Aber selbst hier bedarf es einer genauen Überprüfung der erforderlichen Schritte, es kann nach wie vor im Hinblick auf die Erziehung der gemeinsamen Kinder immer noch der bessere Weg (das kleinere Übel) sein, wenn die Ehe in diesem Fall – in einer Art Güterabwägung  – weitergeführt wird, trotz Zerrüttung der Ehe.

 

Das Wahrheitsgebot gilt weiterhin auch im Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern. Hierbei gilt dieses Gebot nicht nur für die Kinder gegenüber ihren Eltern, sondern in gleicher Weise für die Eltern gegenüber ihren Kindern. Auch hier kann das Einhalten des Wahrheitsgebotes von Seiten der Kinder wiederum dadurch erschwert sein, dass die Eltern ihren Kindern den Ungehorsam nicht verzeihen oder auch zu hart bestrafen, aber es besteht eine genauso große Gefahr, dass Eltern ihren Kindern gegenüber nicht die Wahrheit sagen.

 

Es ist klar: Die Eltern können ihrer Erziehungsaufgabe nur dann gerecht werden, wenn sie auch von den Verfehlungen ihrer Kinder Kenntnis erhalten. Wie sollen die Eltern z. B. dafür Sorge tragen, dass ihre Kinder nicht drogensüchtig werden, wenn ihnen verborgen bleibt, dass ihre Kinder Drogen nehmen und vielleicht sogar schon süchtig geworden sind. Gerade hier kommt es darauf an, dass die Eltern bereits ganz am Anfang eines solchen kindlichen Verhaltens aufklären und auf die möglichen Gefahren hinweisen. Sobald das Kind bereits süchtig geworden ist, sind die Eltern zumeist überfordert, ihre Kinder von der Sucht zu befreien, hier kann allenfalls eine sehr schwierige und langwierige professionelle Hilfe Erfolg aufweisen, welche oftmals in eigens hierzu gebildeten Kliniken und Einrichtungen angeboten wird.

 

Nun müssen wir berücksichtigen, dass die Kindererziehung die primäre Aufgabe hat, für das zukünftige Leben, für die Zeit also, in der der Jugendliche herangewachsen ist und sich vom Elternhaus getrennt hat, zu erziehen und hierzu zählt auch das Recht jedes einzelnen Menschen auf eine Intimsphäre, die nur ihm eigen ist. Auch auf dieses Ziel hin ist der Jugendliche vorzubereiten und dies gelingt nur dann, wenn der Jugendliche in dem Maße, indem er heranwächst, auch in den Freiheitsraum hineinwächst. In diesem Sinne gehört es auch zu den Pflichten der Eltern, ihren Kindern schrittweise einen solchen Freiheitsraum einzuräumen und es wäre eine Verletzung dieser Erziehungspflicht, wenn die Eltern auch den bereits herangewachsenen Kindern gegenüber eine umfassende Offenlegung aller Handlungen verlangen würden.

 

Befassen wir uns etwas ausführlicher mit den Elternpflichten im Zusammenhang mit dem Wahrheitsgebot. Gerade weil die Kinder erst allmählich im Verlaufe ihrer Erziehung das Wissen und die Fähigkeit erlernen, die Umwelt zu begreifen und die Geschehnisse zu erfassen, ist es in den ersten Jahren der Erziehung oft sehr schwierig, wahrheitsgemäß auf die Fragen der Kinder zu antworten. Bekanntlich beginnen die Kinder schon sehr früh, etwa mit dem dritten Lebensjahr, bisweilen sogar noch etwas früher nach allem, was in ihren Gesichtskreis fällt, zu fragen, nach dem ‚Was‘ und nach dem ‚Warum‘.

 

Die Psychologie verweist uns darauf, dass es von zentraler Bedeutung ist, dass die Eltern auf diese kindlichen Fragen eingehen. Würden die Eltern diese oft als lästig empfundenen Fragen ihrer Kinder abblocken, bestünde die ernsthafte Gefahr, dass das Kind auch später in der Schule gar nicht die Aufmerksamkeit und Disziplin mitbringt, die nun einmal notwendig ist, sich den umfangreichen Lernstoff anzueignen. Die Eltern müssen also auf diese frühen Fragen ihrer Kinder ausführlich eingehen, ansonsten besteht die Gefahr, dass die Kinder für immer die Lernfähigkeit verloren haben und damit natürlich auch den Zugang zu den gehobeneren gesellschaftlichen Positionen.

 

Auf der anderen Seite müssen wir jedoch auch davon ausgehen, dass Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren noch nicht die Fähigkeit aufweisen, alle Lebensvorgänge zu begreifen und mit dem Verstand richtig einzuordnen. Hier stehen dann die Eltern vor dem Dilemma, auf der einen Seite dem Kind eine Antwort geben zu müssen, mit der das Kind zufrieden ist, auf der anderen Seite aber die Antwort auch nicht einfach so formulieren können, wie sie einem Erwachsenen gegenüber gegeben werden würde.  In einem gewissen Sinne kann und darf also die Antwort der vollen und ganzen Wahrheit nicht entsprechen. Hier müssen also die Eltern eine Sprache wählen, die vom Kinde verstanden werden kann, die sich auf die Zusammenhänge beschränkt, welche dem Kind aufgrund seiner Entwicklung bereits verständlich sind – und hierfür eignet sich vor allem eine bildliche Sprache –, weiterhin aber auch von den Begleitumständen abstrahiert, welche vom Kind noch nicht nachvollzogen werden können.

 

Im Grunde ist die hier bei der Früherziehung entstehende Problematik verwandt mit der Aufgabe der Heiligen Schrift, die Glaubenswahrheiten den Gläubigen näher zu bringen. Auch hier müssen wir davon ausgehen, dass der zu vermittelnde Glaubensinhalt dem einzelnen nicht unmittelbar zugänglich ist. Die Wahrnehmungsorgane der Menschen beschränken sich auf die hier sichtbaren irdischen (weltlichen) Zusammenhänge. Wissen über die irdischen Wirkungszusammenhänge können wir nur durch unsere Sinnesorgane erfassen und mit Hilfe unseres Verstandes können wir dann aufgrund unserer Beobachtungen Schlussfolgerungen ziehen und Widersprüche verwerfen. Ob die Welt von einem Gott erschaffen wurde, ob es ein Leben nach dem Tode gibt, ob Gott uns Weisungen gegeben hat, die wir erfüllen müssen, um nach dem Tode in ein ewiges Leben einzugehen, diese Wahrheiten können wir nicht beobachten, gerade deshalb bedarf es auch des Glaubens über diese metaphysischen Wahrheiten.

 

Aber gerade deshalb, weil unsere Sinnesorgane nicht in der Lage sind, diese letztlichen metaphysischen Fragen zu beantworten, fehlen uns auch die Worte, um metaphysische Wahrheiten weiter zu geben und zu erfassen, schließlich sind die Worte entstanden, um die Alltagsprobleme in den Griff zu bekommen. Gerade aus diesen Gründen bedient sich die Heilige Schrift einer bildhaften Sprache, sie spricht in Gleichnissen, in denen auf nicht Bekanntes dadurch aufmerksam gemacht wird, dass man auf bekannte Zusammenhänge hinweist, wobei natürlich das Bild immer nur recht unvollkommen auf die zu erklärenden Zusammenhänge hinweisen kann. In diesem Sinne will z. B. der Schöpfungsbericht keineswegs behaupten, dass die Welt in sechs Tagen erschaffen wurde, es wurde hier nur ein anschauliches Bild verwandt, um darauf aufmerksam zu machen, dass es nach Überzeugung der Gläubigen ein Gott war, der die Welt erschaffen hat.

 

Wenn sich also schon die Bibel dieser bildlichen Sprache bedient, so dürften auch die Eltern berechtigt sein, die Fragen ihrer Kinder zu einer Zeit, in der die Kinder die korrekten Antworten noch nicht richtig erfassen können, in einer bildhaften Sprache zu beantworten, die zwar die bereits für die fragenden Kinder erfassbaren Tatbestände korrekt umschreibt, aber all diejenigen Umstände, die das Erfassungsvermögen der Kinder überschreiten, ausklammern.

 

Machen wir uns diese Zusammenhänge anhand der oft von Kindern angesprochenen Frage klar, woher denn die Kinder (die Geschwister) kommen. Wir beginnen unsere Ausführungen mit einer Anekdote, welche auf die hierbei entstehenden Probleme plastisch hinweist. Ein bestimmtes Elternpaar hatte sich vorgenommen, auf die ersten Fragen ihrer Kinder zu diesem Thema eine wissenschaftlich einwandfreie Antwort zu geben, sie lehnten es also z. B. ab, ihrem Sohn von einem Storch zu erzählen, der angeblich die Kinder bringe. Als dann später dieser Sohn auf der Schule Mitschülern begegnet, welche noch an das Märchen vom Storchen glauben, vermeint der Sohn, seinen Eltern vorwerfen zu müssen: ‚das ist wieder einmal typisch für meine Eltern, von meinen Eltern erfahr ich auch gar nichts, sie verheimlichen auch alles vor mir und trauen mir nichts zu sagen.‘ Hier wird deutlich, dass eine wissenschaftlich korrekte Antwort eben nicht immer bzw. erst ab einer bestimmten Entwicklungsstufe vom heranwachsenden Kind verstanden werden kann.

 

Die Beziehungen zwischen Eltern und Kinder sind komplex. Es besteht nicht nur das Eltern- Kinder-Verhältnis, das vor allem wegen des Erziehungsauftrags der Eltern von Bedeutung ist und eine gegenseitige Wahrheitspflicht notwendig macht, es gibt darüber hinaus, das Verhältnis der Geschwister untereinander. Hierbei ist davon auszugehen, dass auch die Kinder zu einem gewissen Teil an der Erziehung beteiligt sind, vor allem gilt dies für die älteren Geschwister, die von ihren Eltern gewisse Erziehungsaufgaben übernehmen. Aber auch weitgehend gleichaltrigen Kindern fällt eine gewisse wechselseitige Erziehungsfunktion zu. Schließlich hat die Erziehung den Auftrag, für das spätere Leben als Erwachsene vorzubereiten. Wir leben aber in einer Gesellschaft, welche zwar auch eine gewisse Unterordnung erforderlich macht, die aber doch in erster Linie eine Gesellschaft gleichberechtigter, selbstverantwortlicher Bürger sein soll. Die Beziehungen der Kinder zu ihren Eltern lehren in diesem Sinne die notwendige Unterordnung, im Umgang der Kinder untereinander kommt jedoch stärker das Entwickeln von Spielregeln zwischen gleichberechtigten Bürgern zum Tragen.

 

Diese Zusammenhänge werden dadurch noch komplizierter, dass die Beziehungen zwischen Eltern und Kinder zum Teil sogar durch eine staatliche Ordnung vorgezeichnet sind, während die Beziehungen der Geschwister untereinander eher eine informelle Ordnung darstellen. Die Erfahrung zeigt, dass über all dort, wo informelle und formelle Ordnungen in Konflikt zueinander geraten, von den informellen Ordnungen zumeist die größere Bindung ausgeht und deshalb auch die auftretenden Konflikte besonders stark ausgetragen werden.

 

Bringen wir als möglichen Konflikt zwischen diesen beiden Ordnungen (Eltern-Kind und Geschwisterbeziehung) folgendes Beispiel. Wir wollen unterstellen, dass die Mutter während ihrer Ehe eine außereheliche Beziehung pflegte und dass aus dieser Beziehung ein Sohn und zwar der jüngere von zwei Söhnen hervorgegangen sei. Der Vater habe diesen zweiten Sohn voll angenommen und vor den Kindern wurde von Seiten der Eltern verheimlicht, dass der zweite Sohn im Gegensatz zum älteren Sohn einen anderen leiblichen Vater habe. Aus Zufall habe aber der ältere Sohn von dieser außerehelichen Beziehung erfahren, worauf die Mutter ihn verpflichtete, diese Vaterschaft vor allem vor dem jüngeren Sohn zu verheimlichen.

 

Der ältere Sohn – so wollen wir unterstellen – habe sich an diese Anweisung gehalten und seinem jüngeren Bruder verschwiegen, dass dessen leiblicher Vater ein anderer Mann war. Sehr viel später nach dem Tode der Mutter erfährt nun der jüngere Sohn von der Existenz eines anderen leiblichen Vaters und wirft nun seinem älteren Bruder vor, dass er ihn zeit seines Lebens belogen habe. Wir wollen unterstellen, dass der jüngere Sohn nie nach seinem lieblichen Vater gefragt habe und dass der ältere Sohn einfach dem jüngeren Bruder die Existenz eines anderen Vaters nicht erwähnt hatte. Besteht der Vorwurf der Lüge gegenüber dem älteren Bruder zu Recht?

 

Nun wird man zwar davon ausgehen können, dass der jüngere Sohn tatsächlich ein Anrecht besitzt, zu gegebener Zeit über seinen leiblichen Vater aufgeklärt zu werden. Offensichtlich besteht zumindest bei sehr vielen Jugendlichen, welche nicht von ihren eigenen Eltern aufgezogen wurden, ein echtes Bedürfnis, ihre leiblichen Eltern kennen zu lernen. Es sind viele Fälle bekannt, dass Kinder, welche zunächst ein sehr inniges und harmonisches Verhältnis zu ihren Pflegeeltern hatten, in dem Augenblick, in dem sie zumeist zufällig davon erfahren, dass ihre Pflegeeltern nicht mit ihren leiblicher Eltern zusammenfallen, einerseits ihren Pflegeeltern große Vorwürfe machen, belogen worden zu sein und andererseits ein dringendes Verlangen haben, ihre leiblichen Eltern kennen zu lernen, auch dann, wenn diese ihre Kinder weggegeben und sich nicht um sie gekümmert hatten.

 

Aber welcher Person gegenüber hat denn nun der jüngere Bruder in unserem Beispiel das Recht, über seinen leiblichen Vater informiert zu werden? Sicherlich gilt diese Pflicht zunächst nur gegen die Eltern, in unserem Beispiel sogar gegen die Mutter, welche schließlich durch ihren Ehebruch diese Situation ausgelöst hatte. Und wenn die Mutter ihrem älteren Sohn ausdrücklich verboten hatte, dem jüngeren Bruder die unterschiedliche Vaterschaft nicht zu verraten, so lässt sich deshalb gegenüber dem älteren Sohn auch kein Vorwurf begründen, er hätte seinen jüngeren Bruder zeit seines Lebens belogen.

 

Unabhängig von diesem konkreten Beispiel stellt für viele Eltern die Unterrichtung ihres Kindes über ihre leiblichen Eltern ein nur schwer lösbares Problem dar. Hier wird man davon ausgehen müssen, dass es wenig sinnvoll wäre, wenn den Kindern unabhängig von ihrem Alter unmittelbar nach der Adoption eines Kindes mitgeteilt würde, dass die Pflege und Erziehung nicht von den leiblichen Eltern ausgeführt werde. Auf der einen Seite kann die Bedeutung des Unterschieds zwischen leiblichen Eltern und Pflegeeltern sicherlich erst ab einer bestimmten Altersstufe richtig verstanden werden. Auf der anderen Seite kommt es ja in den ersten Jahren nach einer Adoption in erster Linie darauf an, dass zwischen adoptierten Kind und Eltern ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird.

 

Dieses Vertrauensverhältnis ist notwendig, damit die Pflegeeltern auch ihre Erziehungsfunktion wahrnehmen können. In Anbetracht dessen, dass bei den Pflegeeltern die Blutsbande fehlt, welche bei den leiblichen Eltern aufgrund natürlicher quasiinstinktiver Bindungen die Bereitschaft erzeugt, all die Mühen und Entbehrungen zu ertragen, welche gerade die ersten Jahre der Erziehung mit sich bringen, bedarf es eines besonders starken künstlichen Anreizes der Pflegeeltern, die gleichen Mühen auch gegenüber adoptierten Kindern hinzunehmen. Hier wäre es wenig hilfreich, wenn schon in diesen ersten Jahren nach der Adoption, die Pflegeeltern dadurch herabzusetzen, dass sie ja gar nicht die leiblichen Eltern, sondern eben nur Pflegeeltern seien.

 

Es ist dann nur allzu verständlich, wenn die Pflegeeltern diesen Zeitpunkt, an dem sie über die leiblichen Eltern unterrichten, immer wieder hinausschieben, bis es dann zu spät ist, weil die Kinder aufgrund gewisser Zufälligkeiten selbst herausgefunden haben, dass ihre Pflegeeltern nicht mit den lieblichen Eltern zusammenfallen. Hier ergibt sich dann oftmals die sicherlich unerwünschte und keinesfalls gerechtfertigte Situation, dass die Pflegeeltern vor einem Scherbenhaufen der Beziehungen zu ihren Kindern stehen, dass sie links liegen gelassen werden, obwohl sie lange Zeit selbstaufopfernd ihre Kinder auferzogen haben und de facto für das Wohl der Kinder viel mehr getan haben als deren leiblichen Eltern.

 

Vermutlich wäre es sowohl im Hinblick auf die adoptierten Kinder wie der Pflegeeltern sehr viel dienlicher gewesen, wenn bereits in frühen Jahren eine Beziehung der Kinder zu ihren leiblichen Eltern ermöglicht würde, nur dass den Kindern zunächst die leiblichen Eltern nicht als Eltern, sondern als nahe Verwandte oder besonders geschätzte Bekannte vorgestellt worden wäerden. Auf der einen Seite lernen hier die Kinder schon sehr früh ihre Eltern kennen und als Menschen unabhängig von ihrer Eigenschaft als Eltern lieben und bei der Aufklärung wechseln dann die leiblichen Eltern nur ihre Rolle, als Mensch sind sie bereits von ihren Kindern erkannt und anerkannt. Auf der anderen Seite ist der Übergang, dass nun ein naher Verwandter zum Vater oder zur Mutter wird, geringer und deshalb eher zu verkraften, als dann, wenn der Jugendliche lange Zeit überhaupt nichts von seinen leiblichen Eltern erfahren hat.

 

Fortsetzung folgt!