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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 7. Das siebte und zehnte Gebot (Fortsetzung)

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Mundraub

3. Übervorteilung bei der Preisbildung

4. Übervorteilung bei der Lohnbildung

5. Die Rolle der Zinsen

6. Steuerhinterziehung

7. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut

8. Schlussfolgerungen

 

 

 

5. Die Rolle der Zinsen

 

Die Frage, ob für das Verleihen von Geld Zinsen verlangt werden darf, ob das Zinsnehmen nicht überhaupt verboten werden sollte, wurde im Verlaufe der Geschichte sehr kontrovers diskutiert. Beginnen wir zunächst einmal mit der Vorstellung im Alten Testament. Dort begegnet uns die Weisung, dass Zinsen nur gegenüber Fremden, aber nicht gegenüber den Israeliten untereinander genommen werden dürfen. Im 5. Buch Moses, im Deuteronomium in Kapitel 23,20-21 heißt es:

 

20 ‚Du darfst von deinem Bruder keine Zinsen nehmen: weder Zinsen für Geld noch Zinsen für Getreide noch Zinsen für sonst etwas, wofür man Zinsen nimmt.

21 Von einem Ausländer darfst du Zinsen nehmen, von deinem Bruder darfst du keine Zinsen nehmen, damit der Herr, dein Gott, dich segnet in allem, was deine Hände schaffen, in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen‘.

 

Ein besonders eindringliches Verbot des Nehmens von Zinsen findet sich bei Ezechiel, Kapitel 18-22. Ezechiel entstammte aus einer priesterlichen Familie und wurde 597 von Nebukadnezar in die babylonische Verbannung geschickt und lehrte in Babylon als Prophet, welcher Gottes rettendes Eingreifen, die Zurückführung der Juden sowie die Wiedererrichtung des Tempels in Jerusalem verkündet hatte. Dort lesen wir:

 

18,8  ‚Er leiht nicht gegen Zins und treibt keinen Wucher. Er hält seine Hand vom Unrecht fern. Zwischen Streitenden fällt er ein gerechtes Urteil.

9  Er lebt nach meinen Gesetzen, er achtet auf meine Rechtsvorschriften und befolgt sie treu. Er ist gerecht und deshalb wird er am Leben bleiben – Spruch Gottes, des Herrn.

10  Angenommen aber, er zeugt einen Sohn, der gewalttätig wird, der Blut vergießt oder eine andere von diesen Sünden begeht,

11  während er (der Vater), all das nicht getan hat, (einen Sohn,) der auf den Bergen Opfermahlzeiten abhält, der die Frau seines Nächsten schändet,

12  der die Elenden und Armen unterdrückt, andere beraubt und dem Schuldner das Pfand nicht zurückgibt, der zu den Götzen aufblickt und Gräueltaten verübt,

13  der gegen Zins leiht und Wucher treibt – soll der dann am Leben bleiben? Er soll nicht am Leben bleiben. Er hat alle diese Gräueltaten verübt, darum muss er sterben. Er ist selbst schuld an seinem Tod…

 

Ez 18,17 ‚Er hält seine Hand vom Unrecht fern. Er nimmt keinen Zins und treibt keinen Wucher. Er befolgt meine Rechtsvorschriften und lebt nach meinen Gesetzen. Dieser Sohn wird nicht wegen der Schuld seines Vaters sterben; er wird bestimmt am Leben bleiben….

 

Ez 22,12 Bei dir lässt man sich bestechen und vergießt dadurch Blut. Du nimmst Zins und treibst Wucher und erpresst deinen Nächsten. Mich aber hast du vergessen – Spruch Gottes, des Herrn.‘

 

Nun muss man sich darüber im Klaren sein, dass das Zinsverbot nicht im Dekalog, also in der immer gültigen Magna Charta der jüdischen Sittenlehre steht, sondern in den Ausführungsbestimmungen, die immer eine Anwendung auf ganz konkrete Probleme der damaligen Zeit darstellen. So wird man vermuten können, dass zu der Zeit, als diese Schriften entstanden, die Gefahr groß war, dass denjenigen Israeliten, welche in vorübergehende Not geraten waren, besonders hohe Wucherzinsen abverlangt wurden, eine Praxis, welche schließlich dazu geführt hat, dass viele Israeli ihre wirtschaftliche Freiheit eingebüßt haben.

 

Dass insbesondere Ezechiel gegen das Zinsnehmen wettert, hat sicherlich auch damit zutun, dass die Israelis nach Überzeugung der Propheten von Gott selbst aufgrund ihres sündhaften Verhaltens in die babylonische Gefangenschaft geführt wurden. Zu diesem sündhaften Verhalten zählte sicherlich auch die Ausbeutung der schwächeren Bewohner durch besonders hohe Zinsforderungen bei einer Verschuldung. So ist es auch zu erklären, dass bei Ezechiel stets von Zins und Wucher als Einheit gesprochen wird, das heißt, dass eigentlich nicht so sehr das Zinsnehmen als solches, sondern die damalige Praxis von Wucherzinsen gegeißelt werden sollte.

 

Lange Zeit wurden die oben aufgeführten Stellen im Buch Deuteronomium so gedeutet, dass im Hinblick auf das Zinsnehmen zwischen einer Binnen- und Außenmoral unterschieden wurde, dass man sich also ganz generell anders verhalten sollte im Umgang mit den eigenen Bürgern als mit den Fremden. Hierzu passt auch, dass bisweilen davon gesprochen wurde, das Alte Testament habe die Nächstenliebe nur gegen die eigene Bevölkerung gefordert, den Feinden gegenüber sei es durchaus erlaubt gewesen, ihnen zu schaden.

 

Aber gerade diese Auffassung entspricht nicht dem Geist und Wortlaut des Alten Testamentes, auch dort wird bereits betont, dass man auch den Feind achten solle und dass man auch dem Feind keinen Schaden zufügen dürfe, falls dies nicht zur Gegenwehr eines feindlichen Angriffs notwendig erscheint. Hier einige Stellen im Alten Testament, welche die Achtung auch gegenüber den Fremden und Feinden fordern:

 

‚Wenn du dem verirrten Rind oder dem Esel deines Feindes begegnest, sollst du ihm das Tier zurückbringen. Wenn du siehst, wie der Esel deines Gegners unter der Last zusammenbricht, dann lass ihn nicht im Stich, sondern leiste ihm Hilfe!‘ (Exodus, Kapitel 23, 3-5)

 

‚Einen Fremden sollst du nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist; denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen.‘(Exodus Kapitel 23,8-9)

 

‚Freu dich nicht über den Sturz deines Feindes, dein Herz juble nicht, wenn er strauchelt.‘ (Sprüche Kapitel 24,17)

 

‚Hat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, hat er Durst, gib ihm zu trinken; so sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt und der Herr wird es dir vergelten.‘ (Sprüche Kapitel 25,21-22)

 

Dass überhaupt zwischen einem Zinsnehmen gegenüber den eigenen Volksgenossen und gegenüber Fremden an den aufgeführten Stellen im Alten Testament unterschieden wird, hängt vermutlich einfach damit zusammen, dass es im Allgemeinen vor allem Juden waren, welche ihren Mitbürgern Notkredite gewährten und dass hier das Gebot der Nächstenliebe gilt, nachdem man dem in Not geratenen selbstlos Hilfe gewähren solle und nachdem es nicht erlaubt ist, die Not des Anderen zum eigenen Vorteil auszunutzen. Die für das normale Geschäft notwendigen Handelskredite hingegen wurden vorwiegend von Fremden und auch gegenüber Fremden gewährt. Wenn also gesagt wurde, dass gegenüber Fremden Zinsen erhoben werden könnten, dann war damit vermutlich in erster Linie gemeint, dass normale Handelskredite sehr wohl erlaubt sind.

 

Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang die Frage, welche Stellung denn Jesus zum Zinsverbot eingenommen hat. Hier fällt auf, dass Jesus wohl an keiner Stelle in den Evangelien ex pressis verbis ein Zinsverbot eingefordert hat. Vielleicht lässt sich dies damit erklären, dass zur Zeit Jesu die Ausbeutung der überschuldeten Israelis durch eigene Mitbürger gegenüber früher zurückgegangen war und deshalb auch für Jesus kein vorrangiges Problem mehr darstellte.

 

Bemerkenswert ist immerhin, dass im Gleichnis vom anvertrauten Geld (Matthäus Kapitel 25,14-30) das Zinsnehmen als eine ganz normale, sogar empfehlenswerte Handlung dargestellt wird. Machen wir uns zunächst den Inhalt dieses Gleichnisses klar:

 

14  ‚Es ist wie mit einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an.

15  Dem einen gab er fünf Talente Silbergeld, einem anderen zwei, wieder einem anderen eines, jedem nach seinen Fähigkeiten. Dann reiste er ab. Sofort 

16  begann der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu.

17  Ebenso gewann der, der zwei erhalten hatte, noch zwei dazu.

18  Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte das Geld seines Herrn.

19  Nach langer Zeit kehrte der Herr zurück, um von den Dienern Rechenschaft zu verlangen.

20  Da kam der, der die fünf Talente erhalten hatte, brachte fünf weitere und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir gegeben; sieh her, ich habe noch fünf dazugewonnen.

21  Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! 

22  Dann kam der Diener, der zwei Talente erhalten hatte, und sagte: Herr, du hast mir zwei Talente gegeben; sieh her, ich habe noch zwei dazugewonnen.

23  Sein Herr sagte zu ihm: Sehr gut, du bist ein tüchtiger und treuer Diener. Du bist im Kleinen ein treuer Verwalter gewesen, ich will dir eine große Aufgabe übertragen. Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn! 

24  Zuletzt kam auch der Diener, der das eine Talent erhalten hatte, und sagte: Herr, ich wusste, dass du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast;

25  weil ich Angst hatte, habe ich dein Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder.

26  Sein Herr antwortete ihm: Du bist ein schlechter und fauler Diener! Du hast doch gewusst, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe.

27  Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten.

28  Darum nehmt ihm das Talent weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat!

29  Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

30  Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.‘

 

Nun müssen wir uns natürlich im Klaren sein, dass Gleichnisse nie die Absicht verfolgen, die Bilder, die hier verwandt werden, als solche zu bewerten. Die in einem Gleichnis gewählten Bilder sollen mit dem Hinweis auf etwas Bekanntes einen weitgehend unbekannten Zusammenhang verständlich machen. Die meisten Gleichnisse Jesu beginnen sinngemäß mit dem Satz: ‚Mit dem Himmelreich verhält es sich wie…‘. Es geht in den Gleichnissen darum, das Verhältnis der Menschen zu Gott und Gottes Gebote zu erläutern und Jesus verfolgt mit den Gleichnissen das Ziel, anhand von den Zuhörern bekannten, irdischen Umständen diese Botschaften näher zubringen. Also geht es im Gleichnis vom anvertrauten Geld auch nicht darum, primär zu der Frage Stellung zu beziehen, ob es rechtens ist, Zinsen zu nehmen.

 

Trotzdem ist es bemerkenswert, dass hier der Herr – und das ist in diesem Beispiel Gott selbst – den dritten Diener, der das anvertraute Geld im Boden vergrub, ausdrücklich tadelte, weil er das Geld nicht auf die Bank getragen hatte und weil gerade deshalb das anvertraute Vermögen keine Zinsen trug. Auch wenn in diesem Gleichnis nicht das materielle Geldvermögen und der Zins als Preis für einen Kredit angesprochen ist, hätte Jesus vermutlich nicht gerade dieses Beispiel erwähnt, wenn er das Zinsnehmen für eine verbrecherische Handlung angesehen hätte. In diesem Gleichnis wird allerdings ein weiterer Grundgedanke für die Interpretation des zehnten Gebotes behandelt, sodass wir auf den Inhalt dieses Gleichnisses weiter unten nochmals eingehen werden.

 

Im Mittelalter waren etwa seit dem 12. Jahrhundert Zinsen verboten, nur Juden durften nach einem ausdrücklichen Dekret des Papstes Alexander III. von 1179 Zinsgeschäfte abschließen. Gerade aus diesen Gründen waren im Mittelalter die Juden fast die einzigen, welche den enormen Kreditbedarf der Händler und Handwerker, aber auch der Fürsten befriedigen konnten, die aber gerade deshalb, weil sie Zinsen erhoben, verschrien waren. Das Zinsnehmen war ja gerade deshalb für Christen verboten, weil man in einer solchen Handlung etwas verwerfliches sah. Auf diese Weise wurden zwar die Juden begünstigt, in dem es ihnen ermöglicht wurde, lukrative Geldgeschäfte zu tätigen, auf der anderen Seite trug jedoch gerade dieses Privileg dazu bei, den ohne bestehenden Hass gegenüber den Juden, welche Jesus verraten hätten, zu schüren. Und obwohl jede Art von Sippenhaft rechtsstaatlichen und auch christlichen Prinzipien widerspricht, wurde ein solches Verhalten vom Staat und den Kirchenbehörden gefördert oder zumindest geduldet.

 

Das Zinsverbot im Mittelalter geht auf das Zweite Laterankonzil von 1139 und dem Konzil von Vienne von 1311 zurück. Danach durften für Geldkredite keine Zinsen erhoben werden. Allerdings war es erlaubt, Kapital in eine Unternehmung einzubringen und hierfür Zinsen in Rechnung zu stellen. Auch war der sogenannte Rentenkauf ausdrücklich gestattet. Zinsen waren darüber hinaus gestattet, wenn ansonsten dem Geldgeber ein Vorteil entging oder  ihm ein Schaden entstanden wäre oder die Gefahr eines Vermögensverlusts bestanden hätte. Es wurde sogar gestattet, eine Strafgebühr für die verspätete Rückzahlung eines zinslosen, befristeten Darlehens zu erheben.

 

Im späteren Mittelalter wurde das Zinsnehmen zunehmend legalisiert. So erlaubte Heinrich VIII. im Jahre 1545 nach seinem Bruch mit dem Papst die Zinszahlung ausdrücklich. Vor allem im Westfälischen Frieden von 1648 wurden Zinsen bis 5% für Darlehen als zulässig erklärt. Martin Luther hingegen hielt das Zinsnehmen für unchristlich im Gegensatz zu Johannes Calvin, der durchaus gegenüber dem Unternehmertum aufgeschlossener gegenüber stand. Später wurde jedoch in nahezu allen protestantischen Staaten das Zinsverbot aufgehoben.

 

Allerdings hatte sich Papst Benedikt XIV. in seiner Enzyklika Vix pervenit  von 1745 noch entschieden für ein allgemeines Zinsverbot ausgesprochen:

 

‚Die Sünde, die usura heißt und im Darlehensvertrag ihren eigentlichen Sitz und Ursprung hat, beruht darin, dass jemand aus dem Darlehen selbst für sich mehr zurückverlangt, als der andere von ihm empfangen hat […] Jeder Gewinn, der die geliehene Summe übersteigt, ist deshalb unerlaubt und wucherisch. Dazu heißt es an einer entsprechenden Stelle im Neuen Testament bei Lukas 6.33-35: "Und wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank wollt ihr dafür erwarten? Das tun auch die Sünder. Und wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es zurückzubekommen hofft, welchen Dank wollt ihr dafür? Auch die Sünder leihen Sündern in der Hoffnung, alles zurückzubekommen. Ihr aber sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. …"(§ 3, Absatz I)

 

Erst Papst Pius VIII. hat schließlich in einem Schreiben vom 18. August 1830 an den Bischof von Rennes  das Zinsverbot eigens aufgehoben.

 

Ein Zinsverbot findet sich weiterhin bis auf den heutigen Tag im Islam. Das Zinsverbot ist sogar ein  zentraler Bestandteil der Religion. Im Koran steht in Sure 3, Vers 130:

 

‚Ihr Gläubigen! Nehmt nicht Zins, indem ihr in mehrfachen Beträgen wiedernehmt, was ihr ausgeliehen habt‘.

 

Folglich sind Zinsen auf festverzinsliche Wertpapiere als auch auf Guthaben auf Girokonten ausgeschlossen.

 

Hingegen sind alle Erträge akzeptabel, welche durch Produktion oder Investition entstehen. Auch Dividenden, welche auf Aktienpapiere bezahlt werden, gelten nicht als Zinsen, da ‚das Kapital kein Recht besäße, sich zu vermehren‘. De facto gibt es auch im Islam eine Vielzahl von Möglichkeiten, das Zinsverbot zu umgehen. So werden vor allem sogenannte islamische Anleihen vergeben, die anstelle von Zinsen Mieteinnahmen und Firmenbeteiligungen gewähren.

 

Schließlich sahen auch die meisten kommunistischen Staaten ein Zinsverbot vor. Entsprechend der marxistischen Lehre kann nur Arbeit Wert erzeugen, deshalb dürfe auch nur die Beschäftigung von Arbeitnehmern entlohnt werden, während der Bezug von Gewinnen in Form von Zinsen auf das eingebrachte Kapital eine Ausbeutung der Arbeitskraft darstelle.

 

Dass diese Ausbeutung in der kapitalistischen Gesellschaft möglich sei, wird bei Marx damit erklärt, dass im Kapitalismus auch die Arbeit eine Ware darstelle, und dass der Lohn genauso wie der Preis jeder Ware den Kosten entspreche, welche zur Herstellung einer Ware notwendig seien. Zur Herstellung der Waren, welche für die Regeneration einer Arbeitskraft notwendig seien, werden jedoch weniger Arbeitsstunden benötigt, als der Arbeiter mit seiner Arbeit anbietet. Auf diese Weise entstehe dem Kapitalist ein Mehrwert, den er als Gewinn vereinnahmen kann. Mit Hilfe der Arbeitskraft können also mehr Waren erzeugt werden, als die Arbeiter zu ihrer eigenen Regeneration benötigen. Diese Differenz fällt nach Marx in einer kapitalistischen Gesellschaft dem Kapitalisten als Gewinn zu.

 

Da also ein Zins für das eingebrachte Kapital nur aufgrund der Ausbeutung der Arbeitnehmer im kapitalistischen System gezahlt werden könne, darf in einer kommunistischen Gesellschaft, welche die Ausbeutung der Arbeitnehmer abgeschafft hat, auch kein Zins für Kapital gezahlt werden. Da nur die Arbeitskraft Wert erzeuge, müsse auch der gesamte Produktionsertrag an die Arbeitnehmer gezahlt werden.

 

Wenn wir uns die einzelnen Rechtfertigungsgründe, welche im Verlaufe der Geschichte zugunsten eines Zinsverbotes vorgetragen wurden, vor Augen führen, müssen wir feststellen, dass sie auf der einen Seite von falschen Vorstellungen über die Funktion des Kapitals und dem Zins ausgehen und dass auf der anderen Seite lediglich durch Umformulierungen gleicher Tatbestände das eigentliche Zinsverbot umgangen wurde.

 

Es ist falsch, anzunehmen, dass nur durch Arbeit allein materielle Werte geschaffen werden. Der Wert einer Ware hat zunächst überhaupt nichts damit zu tun, auf welchem Wege ein Gut erzeugt wird und wie viel Arbeit zur Erzeugung dieses Gutes aufgebracht wurde. Der Wert eines materiellen Gutes wird vielmehr dadurch bestimmt, inwieweit ein materielles Gut notwendig ist, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Und da ein Ziel, das zu seiner Befriedigung materieller Güter bedarf, um so weniger erreicht werden kann, je weniger von diesen notwendigen Gütern vorhanden ist, steigt der wirtschaftliche Wert (der Preis) eines Gutes mit seiner Knappheit.

 

Diese Preissteigerung erfüllt dann auch die primäre Funktion, die Knappheit zu vermindern. Wenn der Preis eines Gutes wegen zunehmender Knappheit steigt, haben die Anbieter dieses Gutes einen Anreiz, von diesem Gut mehr zu produzieren, gleichzeitig haben die Nachfrager einen Anreiz, von diesem Gut weniger nachzufragen und zu anderen Gütern nach Möglichkeit überzuwechseln. Würde eine Preissteigerung oder sogar das Verlangen eines Preises verboten, würde nur die Knappheit und mit ihr die hiermit verbundene Ungerechtigkeit verewigt, es wäre nichts gewonnen.

 

Die Vorstellung, dass eine Kreditgabe ohne jegliche Leistung und damit Nutzen erfolge, ist aus mehreren Gründen falsch. Hier wird stillschweigend und fälschlicher Weise Arbeit mit körperlicher Arbeit gleichgesetzt, auch der erwerbswirtschaftliche Einsatz von Vermögen bedarf durchaus einer gewissen geistigen Anstrengung. Fast mit jeder Kapitalanlage ist ein mehr oder weniger großes Risiko verbunden und dieses Risiko kann nur dann richtig eingeschätzt werden, wenn zuvor die Rentabilitätslage der betroffenen Unternehmungen erkundet wurde und wenn auch Vergleiche mit anderen Unternehmungen angestellt wurden.

 

Aber auch der Kapitaleinsatz als solcher stellt im Allgemeinen einen werterzeugenden Faktor dar. Fast alle Produkte können nur durch den Einsatz sowohl von Arbeit als auch Kapital erstellt werden. Ohne Einsatz beider Produktionsfaktoren kann kaum ein wirtschaftlicher Wert erzeugt werden. Auch hängt die Frage, welchen Nutzen ein Gut der Bevölkerung stiftet, nicht davon ab, wie viel Stunden Arbeit die Produktion dieses Gutes erfordert hat. Ein Handwerker kann z. B. noch soviel Arbeit aufgewandt haben, wenn er eine Ware geschaffen hat, welche keinen Käufer findet, weil sie nicht dem Bedarf der Konsumenten entspricht, ist auch kein wirtschaftlicher Wert geschaffen worden.

 

Fragen wir uns, für welche Leistung oder auch für welchen Aufwand denn ein Zins tatsächlich gezahlt wird. Ein Teil des Zinses dient immer dazu, den Wertverlust zu kompensieren, der durch die allgemeine Geldentwertung entsteht. Für Schulden gilt generell das Nominalprinzip: Wer einen Kredit in Höhe von z. B. 1000 € für zehn Jahre aufgenommen hat, hat nach zehn Jahren diesen nominellen Wert von 1000 € zurückzuzahlen, unabhängig davon, dass der Gläubiger nach zehn Jahren aufgrund der allgemeinen jährlichen Preissteigerungen mit dieser Geldsumme wesentlich weniger Waren kaufen kann.

 

Der Zins soll nun diesen realen Verlust ersetzen und dies bedeutet, dass der Zins bis zur Höhe der Inflationsrate nur einen Ausgleich für den bereits aufgrund der eingetretene Inflation auftretenden Wertverlust darstellt. Dieser Teil des Zinses soll also einfach den mit der Kreditgabe verbundenen Wertverlust ausgleichen. Genauso wie jeder Verkäufer einer Ware einen Anspruch hat, im Preis die Herstellungskosten ersetzt zu bekommen, hat auch jeder Kreditgeber einen Anspruch, zumindest den durch Inflation hervorgerufenen realen Wertverlust ersetzt zu bekommen. In der Tat entspricht unter normalen Bedingungen der Zins von Bankguthaben und festverzinslichen Wertpapieren langfristig gerade der augenblicklichen Inflationsrate. Aufgrund einer verfehlten Politik der Zentralnotenbanken liegt der Zinssatz festverzinslicher Wertpapiere einschließlich der Bankguthaben zur Zeit sogar unterhalb der Inflationsrate.

 

Normaler Weise liegt der tatsächliche Zins nur dann wesentlich über der Inflationsrate, wenn mit der Kreditvergabe ein Risiko verbunden ist, wobei mit dem Risiko auch die Höhe des Zinses ansteigt. Auch hier gilt wiederum, dass mit der Übernahme eines Risikos für die Volkswirtschaft eine Wertsteigerung verbunden ist. Nur dadurch, dass die Bereitschaft besteht, auch für diejenigen Verwendungen Kredite zu vergeben, welche mit einem gewissen Risiko verbunden sind, kann die Produktion von Gütern sichergestellt werden. Fragen wir uns also, aus welchen Gründen die Herstellung von Waren Kapital voraussetzt und warum mit dieser Vergabe von Kapital in aller Regel mehr oder weniger hohe Risiken verbunden sind.

 

Kapital wird bei der Produktion von Gütern erstens deshalb benötigt, weil bei der industriellen Produktion Geld zum Kauf der notwendigen Rohstoffe und Halbfabrikate sowie der Bezahlung der Löhne für die Arbeitnehmer bereitgestellt werden muss. Die Zurückzahlung dieser Gelder kann erst nach vollendetem Verkauf dieser Waren – und damit erst sehr viel später – erfolgen. Im Produktionsprozess treten nun zahlreiche Risiken auf. Bei der Produktion können unvorhergesehene Unfälle auftreten, ein Teil der bisherigen Kunden reduziert die Nachfrage aufgrund eines veränderten Bedarfs oder auch deshalb, weil neue Produzenten in den Markt eingedrungen sind und ein Teil der bisherigen Kunden nun zur Konkurrenz aus nicht vorhersehbaren Gründen abwandert.

 

Kapital wird zweitens auch für jede Investition benötigt. Rein äußerlich betrachtet, dient das Kapital zum Ankauf von Maschinen und Werkzeugen. Aus der Sicht der Volkswirtschaft kommt jedoch in der Investition das Einschlagen eines Produktionsumweges zum Tragen. Man kann diesen Prozess mit der Erzählung der Vorgehensweise des Robinson Crusoe erklären. Robinson wurde auf eine einsame Insel verschlagen, haust dort als einziger Überlebender einer Schiffskatastrophe. Er versucht dadurch zu überleben, dass er zunächst jeden Tag für seinen laufenden Bedarf Fische mit seinen bloßen Händen  fängt. Durch Nachdenken kommt er zu der Einsicht, dass er den Ertrag an Fischen wesentlich steigern kann, wenn er mit Hilfe eines Netzes Fische fängt. Hierzu muss er aber zuerst dieses Netz anfertigen und deshalb muss er bis zur Fertigstellung dieses Netzes mit weniger Fischen pro Tag auskommen. Sobald aber das Netz fertig gestellt ist, wird er pro Tag wesentlich mehr Fische fangen. Er hat also mit der Herstellung des Netzes einen produktivitätssteigernden Produktionsumweg beschritten.

 

Jede Anfertigung einer Produktionsmaschine stellt einen solchen Produktionsumweg dar. Anstatt dass wir unterstellen, die von uns betrachtete Unternehmung kaufe in einem Investitionsakt eine fertige Maschine, können wir auch gedanklich unterstellen, dass die Arbeitnehmer in den ersten Perioden dazu abgestellt werden, die Maschine herzustellen und dass sie erst in den darauffolgenden Perioden dazu übergehen, die eigentlichen Produkte mit Hilfe der Maschine zu erstellen. In der Wirklichkeit stellt ein Teil der Unternehmungen Maschinen her, die restlichen Unternehmer die Fertigprodukte, auch hier gilt, dass dann, wenn ohne Maschinen produziert würde, sofort wesentlich mehr Arbeitnehmer bei der Produktion der Fertigwaren beschäftigt werden könnten, wobei allerdings jeder einzelne Arbeitnehmer pro Tag wesentlich weniger Fertigprodukte anfertigen könnte.

 

Dieser Produktionsumweg erfordert nun einen wesentlich höheren Kapitaleinsatz und auch das hierdurch eingegangene Risiko ist entscheidend gestiegen. Die beanspruchte Geldsumme ist nun wesentlich höher, da die Verkaufserlöse nun nicht mehr bereits nach der ersten Periode, sondern erst nach mehreren Perioden erzielt werden, in den ersten Phasen werden ja nur die Maschinen hergestellt und die Produktion der eigentlichen Güter erfolgt erst nach Fertigstellung der Maschinen, also muss für mehrere Perioden das Geld zur Auszahlung der Löhne bereitgestellt werden, bevor die Kredite mit den Verkaufserlösen zurückgezahlt werden können.

 

Es ist auch leicht einsehbar, dass die Verlängerung der Zeit, für welche der Kredit bereitgestellt werden muss, auch den Umfang der Risiken erhöht, denn in jeder Periode können ja die oben aufgeführten Risiken auftreten, Unfälle und Abwanderung von Kunden werden natürlich um so wahrscheinlicher, je länger der Produktionsprozess dauert.

 

Risikobehaftetes Kapital wird drittens insbesondere für die sogenannten Innovationen, also für Erfindungen von neuen Gütern und neuen verbesserten Techniken der Produktion benötigt. Erfindungen müssen erst in aufwendigen Versuchen auf ihre Tauglichkeit untersucht werden. Der Produktionsumweg ist nun noch größer, da ja der Anfertigung der neuen Anlage die Erprobungsphase vorausgeht. Das damit verbundene Risiko ist noch größer als bei jeder normalen Investition, auf der einen Seite umfasst der Produktionsumweg weitere zusätzliche Perioden, auf der anderen Seite ist aber auch das Risiko eines unvorgesehenen Unfalls oder einer nicht voraussehbaren Käuferzurückhaltung gestiegen.

 

Ohne die Bereitschaft, dieses Risikokapital zur Verfügung zu stellen, könnten sehr viel weniger Investitionen und Innovationen durchgeführt werden und es wäre deshalb auch der materielle Wohlstand der Bevölkerung geringer. Somit dient die Bereitstellung von Risikokapital der Werterzeugung in gleicher Weise, wie auch durch Arbeitseinsatz im Allgemeinen Leistung erbracht wird. Es gibt keinen überzeugenden Grund dafür, dass nur die Arbeit nicht aber der Einsatz von Risikokapital zu honorieren ist.

 

Auch muss man damit rechnen, dass in einer Volkswirtschaft, in welcher für Kapital kein Zins gezahlt werden muss, die Produktionsfaktoren nicht in die Verwendungen gelenkt werden, welche einen effizienten Einsatz zur Folge haben. Wird nämlich für Kapital kein Zins gezahlt, so wird Kapital bei der Produktion genauso eingesetzt, als wäre es ein freies Gut, mit dem man verschwenderisch umgehen kann und das man auch in der Produktion von Gütern einsetzen kann, die sehr viel effizienter mit arbeitsintensiven Produktionstechniken hergestellt worden wären. Obwohl der Anschein erweckt wird, als wäre Kapital im Überfluss vorhanden, ist es in Wirklichkeit knapp wie jeder andere Produktionsfaktor. Der Umstand, dass man verbietet, für die Bereitstellung von Kapital einen Preis (Zins) zu verlangen, hebt ja die Knappheit nicht auf. Ganz im Gegenteil steigt die Knappheit, weil die Nachfrage nach Krediten bei einem Zins von Null ansteigt und gleichzeitig aber auch das Angebot an Kapital zurückgeht. (Man erhält kein Entgelt, obwohl man ein Risiko eingeht). Die Knappheit wird verewigt mit allen bereits oben beschriebenen negativen Folgen.

 

Auch dann, wenn wir zu dem Ergebnis kommen, dass auch für Kapital ein Zins gezahlt werden sollte, bedeutet dies natürlich nicht, dass jede Zinshöhe gerechtfertigt ist. Genauso wie wir für jedes einzelne Produkt und auch für die Arbeitskraft die Frage stellen mussten, welche Preishöhe denn als angemessen zu gelten hat, genauso muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der tatsächliche Zins eine unangemessene Höhe aufweist, er kann zu hoch sein, wir sprechen hier von Wucherzinsen, er kann aber auch zu niedrig sein, dann z. B. wenn mit dem Zins noch nicht einmal die tatsächliche Inflationsrate ausgeglichen wird.

 

Für die Ermittlung eines angemessenen Zinssatzes können die gleichen Überlegungen angestellt werden wie bei der Festlegung gerechtfertigter Güterpreise oder Lohnsätze. Auch beim Zins muss davon ausgegangen werden, dass Anbieter und Nachfrager von unterschiedlichen Vorstellungen über einen angemessenen Zinssatz ausgehen, aber auch im Hinblick auf Kapital gilt, dass die Zinsvorstellungen von der realisierten Kapitalmenge bestimmt werden und dass es auch hier ein Gleichgewicht gibt, bei dem die Zinsvorstellungen beider Gruppen zusammenfallen. Auch hier gilt schließlich, dass es vor allem von der Monopolstellung der Anbieter von Geld (der Banken also) abhängt, in welchem Maße die tatsächlichen Zinsen von den Zinsen abweichen, die einen fairen Kompromiss darstellen.

 

Fortsetzung folgt!