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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 7. Das siebte und zehnte Gebot

 

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Mundraub

3. Übervorteilung bei der Preisbildung

4. Übervorteilung bei der Lohnbildung

5. Die Rolle der Zinsen

6. Steuerhinterziehung

7. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut

8. Schlussfolgerungen

 

 

1. Das Problem

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel dem siebten Gebot zuwenden. Im 5. Buch Moses, Deuteronomium  Kapitel 5,1-22 heißt es hierzu: ‚du sollst nicht stehlen‘. Dieses Gebot gilt also dem Schutz des Eigentums. Genauso wie für den Schutz der Familie und ihrer Regenerations- sowie Erziehungsfunktion gilt auch für den Schutz des Eigentums, dass mehrere, in diesem Falle zwei Gebote diesem Schutz dienen. Neben dem 6. Gebot behandelt auch das zehnte Gebot des Dekalogs den Eigentumsschutz. Dort heißt es: ‚du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört‘.

 

Auch hier können wir feststellen, dass das Verhältnis zwischen dem siebten und dem zehnten Gebot dem Verhältnis zwischen dem 6. und dem 9. Gebot ähnelt. Das siebte Gebot befasst sich mit der Ausführung des Diebstahls genauso wie das sechste Gebot den Vollzug des Ehebruches behandelt, während sich das zehnte Gebot genauso wie das neunte Gebot mit dem Begehren dieser Handlungen befasst. Der Tat geht das Planen der Tat voraus und die geistige Wurzel des Ehebruchs bzw. des Diebstahls ist das Begehren, man könnte auch von Neid sprechen, der bekanntlich zu den Todsünden gezählt wird.

 

Bei der Behandlung des neunten Gebotes konnten wir davon ausgehen, dass das Begehren schließlich immer dann, wenn dieser geistigen Haltung eine Tat folgt, zu einem Ehebruch führt. Im Zusammenhang mit dem zehnten Gebot allerdings äußert sich das Begehren von Hab und Gut des Nächsten nicht immer in einem Diebstahl. Neid kann darüber hinaus dazu führen, dass die Nichtbesitzenden – und dies ist oftmals die Mehrheit der Bevölkerung – eine Enteignung des Eigentums der Reichen fordern. Bei der Frage der Bewertung einer solchen Haltung gilt es dann zu unterscheiden, ob das Eigentum der Reichen zu recht besteht. Nur dann, wenn man zu dem Schluss kommt, die Reichen haben ihr Eigentum zu Unrecht erworben, folgt hieraus eine Berechtigung der Forderung zur Enteignung.

 

In der weltlichen Rechtsordnung wird zwischen Diebstahl und Raub unterschieden. Unter Diebstahl wird die Wegnahme einer fremden beweglichen Sache in der Absicht verstanden, sie sich oder einem Dritten rechtswidrig anzueignen. Hierbei wird zwischen dem einfachen Diebstahl und dem schweren Diebstahl unterschieden, wobei immer dann ein schwerer Diebstahl vorliegt, wenn besondere Anstrengungen (wie etwa Aufbrechen eines Tresors) notwendig waren, um an das Diebesgut zu gelangen. 

 

Ein Raub liegt hingegen vor, wenn der Diebstahl begleitet war von Gewalt und Drohungen und wenn der Beraubte um sein Leben fürchten musste. Aus der Sicht des Dekalogs zeichnet sich somit der Raub dadurch aus, dass mit ihm nicht nur gegen das siebte Gebot, sondern zusätzlich gegen das fünfte Gebot verstoßen wird, das fünfte Gebot richtet sich, wie wir bereits gesehen haben, gegen Bedrohungen des Lebens eines Mitmenschen.

 

Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit der Bedeutung der Eigentumsordnung aus religiöser Sicht. Ausgangspunkt ist der Bericht über die Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies. Im ersten Buch Moses, Genesis Kapitel 3,16-19  heißt es:

 

16  ‚Zur Frau sprach er (Gott): Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.

17  Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.

18  Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen.

19  Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.‘

 

Diese Bibelstelle macht uns darauf aufmerksam, dass die Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies darauf angewiesen waren, sich den Lebensunterhalt durch mühsame Anstrengungen zu erarbeiten. Diese Notwendigkeit gilt für alle Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies. Alle Menschen sind gleich. Und gerade deshalb hat auch jeder Mensch Anspruch auf die Güter, welche er sich durch harte Arbeit und Entbehrungen geschaffen hat. Kein Mensch hat danach das Recht, einem andern das durch Arbeit erworbene Eigentum durch Diebstahl wegzunehmen. Jeder hat Anspruch auf das von ihm erworbene Gut.

 

Wir können davon ausgehen, dass zu Zeiten des biblischen Altertums bis zur Neuzeit die Herstellung der für das Leben notwendigen Güter vorwiegend im Rahmen einer bäuerlichen Wirtschaft durch Viehzucht und Ackerbau erfolgte. Und in einer Agrarwirtschaft erhält der einzelne in aller Regel das Produkt seiner eigenen Arbeit als Eigentum. Somit können wir auch davon ausgehen, dass Eigentum in dieser einfachen Agrarwirtschaft vorwiegend aufgrund eigener Anstrengungen entstanden ist.

 

Diese eindeutige Zuordnung wird allerdings dadurch durchbrochen, dass das zehnte Gebot auch von Sklaven spricht, was diesem Grundgedanken eindeutig widerspricht. Wenn alle Menschen von Gott als gleiche Menschen erschaffen wurden, darf sich auch kein Mensch über den anderen stellen, ihn versklaven und damit der Früchte seiner eigenen Tätigkeit berauben. Nach diesem Verständnis bedeutet auch die Versklavung von Menschen, dass den Sklaven die Früchte ihrer Arbeit vorenthalten, also geraubt werden.

 

Wie ist es aber dann zu verstehen, dass im Dekalog der Besitz von Sklaven ausdrücklich erlaubt wird und keine Sünde gegen das siebte Gebot darstellt? Im Buch Levitikus Kapitel  25,39-43 erfahren wir, dass die Israeliten aufgefordert werden, gegenüber dem eigenen Volk keine Sklaven zu machen:

 

 39 ‚Wenn ein Bruder bei dir verarmt und sich dir verkauft, darfst du ihm keine Sklavenarbeit auferlegen; 

40  er soll dir wie ein Lohnarbeiter oder ein Halbbürger gelten und bei dir bis zum Jubeljahr arbeiten.

41  Dann soll er von dir frei weggehen, er und seine Kinder, und soll zu seiner Sippe, zum Eigentum seiner Väter zurückkehren.

42  Denn sie sind meine Knechte; ich habe sie aus Ägypten herausgeführt; sie sollen nicht verkauft werden, wie ein Sklave verkauft wird.

43  Du sollst nicht mit Gewalt über ihn herrschen. Fürchte deinen Gott!‘

 

Auch werden die Israeliten aufgefordert, solche Mitbürger, welche von Fremden versklavt wurden, nach Möglichkeit freizukaufen. So heißt es im Buch Levitikus Kapitel 25,47-54:

 

47  ‚Wenn ein Fremder oder ein Halbbürger bei dir zu Vermögen kommt, aber dein Bruder von ihm wirtschaftlich abhängig wird und sich ihm oder einem Nachkommen aus der Familie eines Fremden verkauft,

48  dann soll es, wenn er sich verkauft hat, für ihn ein Loskaufrecht geben: Einer seiner Brüder soll ihn auslösen.

49  Auslösen sollen ihn sein Onkel, der Sohn seines Onkels oder sonst ein Verwandter aus seiner Sippe. Falls seine eigenen Mittel ausreichen, kann er sich selbst loskaufen.

50  Er soll mit dem, der ihn gekauft hat, die Jahre zwischen dem Verkaufs- und dem Jubeljahr berechnen; die Summe des Verkaufspreises soll auf die Zahl der Jahre verteilt werden, wobei die verbrachte Zeit wie die eines Lohnarbeiters gilt.

51  Wenn noch viele Jahre abzudienen sind, soll er ihrer Zahl entsprechend den Lösepreis von seiner Kaufsumme absetzen.

52  Wenn nur noch wenige Jahre bis zum Jubeljahr übrig sind, soll er es ihm berechnen; den Jahren entsprechend soll er den Lösepreis bezahlen.

53  Er gelte wie ein Lohnarbeiter Jahr um Jahr bei seinem Herrn; dieser soll nicht vor deinen Augen mit Gewalt über ihn herrschen.

54  Wenn er in der Zwischenzeit nicht losgekauft wird, soll er im Jubeljahr freigelassen werden, er und seine Kinder.

 

Andere Bestimmungen gelten jedoch gegenüber Sklaven aus fremden Völkern: Im Buch Levitikus Kapitel 25,44–46 steht:

 

44  ‚Die Sklaven und Sklavinnen, die euch gehören sollen, kauft von den Völkern, die rings um euch wohnen; von ihnen könnt ihr Sklaven und Sklavinnen erwerben.

45  Auch von den Kindern der Halbbürger, die bei euch leben, aus ihren Sippen, die mit euch leben, von den Kindern, die sie in eurem Land gezeugt haben, könnt ihr Sklaven erwerben. Sie sollen euer Eigentum sein

46  und ihr dürft sie euren Söhnen vererben, damit diese sie als dauerndes Eigentum besitzen; ihr sollt sie als Sklaven haben. Aber was eure Brüder, die Israeliten, angeht, so soll keiner über den andern mit Gewalt herrschen.‘

 

Schließlich wird im Buch Deuteronomium Kapitel 20,9-15 festgelegt:

 

10 ‚Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.

11  Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein.

12  Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern.

13  Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen.

14  Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt.

15  So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören.‘

 

Diese Rechtfertigung einer Versklavung fremder Völker in der Thora lässt sich nur schwer verstehen. Jesus hatte jedoch einmal im Zusammenhang mit dem sechsten Gebot die Erlaubnis der Israeliten, ihre Frauen ohne Grund zu entlassen, damit erklärt, dass Moses dieses Recht nur zugestanden habe, weil das Volk damals hartherzig war: Bei Matthäus Kapitel 19,8 lesen wir: ‚Er (Jesus) antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so‘. Diese Begründung einer Hartherzigkeit mag auch gelten, wenn es um die Frage geht, ob überhaupt das Halten von Sklaven erlaubt sein sollte.

 

Und dieser Deutung entspricht dann auch, dass im Buch Levitikus Kapitel 19,33-34 festgelegt wird:

 

33  ‚Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken.

34  Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.‘

 

Jesus selbst hat zu der Frage der Berechtigung, Sklaven zu halten, nicht ausdrücklich Stellung bezogen. Zwar spricht er wiederholt von Sklaven, meint jedoch in Wirklichkeit, dass jeder, der für die Allgemeinheit tätig wird, sich wie ein Diener bzw. wie ein Sklave verhalten solle. Bei Lukas Kapitel 17,10 sagt Jesus zu seinen Jüngern:

 

10 ‚So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.‘

 

Und bei Matthäus Kapitel 20,25-28 erfahren wir:

 

25 ‚Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.

26  Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,

27  und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein.

28  Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.‘

 

Selbst für sich selbst formuliert also Jesus den Anspruch, sich nicht dienen zu lassen, sondern zu dienen. Halten wir also fest: Wenn wir einmal von der Problematik der Sklavenhaltung absehen, dann ergibt sich im Rahmen einer Agrarwirtschaft die Forderung des siebten Gebotes von selbst. Der einzelne hat einen Anspruch auf das Eigentum, das er sich weitgehend durch seine eigene Arbeitskraft erarbeitet hat und daraus folgt, dass – von gewissen Ausnahmen abgesehen, auf die wir weiter unten noch zu sprechen kommen – niemand das Recht zu einem Diebstahl hat.

 

Weit komplizierter sind jedoch die entsprechenden Verhältnisse in einer modernen Industriegesellschaft. Eine Industriegesellschaft unterscheidet sich ganz entscheidend von einer Agrarwirtschaft in zweierlei Hinsicht: Auf der einen Seite produziert der Einzelne nicht mehr nur für seinen Eigenbedarf. Es besteht also die Notwendigkeit, den größten Teil der eigenen Produktion zu verkaufen. Gleichzeitig muss der einzelne Güter von anderen Produzenten erwerben, da er eben gerade nur ganz wenige Güter selbst herstellt.

 

Hier entsteht die Frage, zu welchem Preis denn diese Güter verkauft werden sollen und ob hier die Gefahr besteht, dass der Verkäufer aufgrund bestimmter Machtverhältnisse einen unangemessen hohen Preis verlangt und sich deshalb hier ähnlich verhält, wie ein Dieb. Auf der anderen Seite beschäftigt eine Unternehmung in aller Regel eine Vielzahl von Arbeitskräften, welche vom Unternehmer entlohnt werden müssen. Hier entsteht die Frage nach der angemessenen Höhe eines Lohnes. Auch hier muss mit der Gefahr gerechnet werden, dass der Unternehmer für alle seine Arbeitnehmer einen zu geringen Lohn erzwingt. Gleichzeitig entsteht zusätzlich die Frage, in welchem Verhältnis denn die Löhne der einzelnen Arbeitnehmer zueinander stehen sollen.

 

Die Tatsache, dass heutzutage nicht mehr vorwiegend für den eigenen Bedarf produziert wird, hängt damit zusammen, dass durch Spezialisierung und Arbeitsteilung die Produktivität der Arbeitskraft wesentlich gesteigert werden kann. Dadurch, dass sich eine Unternehmung auf die Produktion einiger weniger Güter beschränkt, kann der Unternehmer sein Wissen über die möglichen Techniken zur Produktion dieser Güter verbessern. Auch die Fertigkeit eines Arbeitnehmers kann bei einer Spezialisierung verbessert werden, da er nun nicht mehr alle Handgriffe ausführen muss, welche zur Produktion eines Gutes notwendig sind.

 

 

2. Mundraub

 

Mundraub war ein strafrechtlicher Sondertatbestand des alten Strafgesetzbuches. Danach wurde unter Mundraub die Entwendung oder Unterschlagung von Nahrungs- oder Genussmitteln in geringen Mengen zum Zwecke eines alsbaldigen eigenen Verzehrs verstanden. In der heute geltenden Fassung des Strafgesetzbuches wird derselbe Tatbestand als Diebstahls und Unterschlagung geringwertiger Sachen gefasst. Im Allgemeinen wird dieser Straftatbestand nur auf Antrag strafrechtlich verfolgt. Allerdings kann auch die Strafverfolgungsbehörde von Amts wegen Anklage erheben, falls hierzu ein besonderes öffentliches Interesse besteht. In der Regel gilt als Grenze für die Geringwertigkeit ein Geldbetrag von weniger als 50 Euro.

 

Auch bereits im Alten Testament begegnet uns ein ähnlicher Tatbestand. So wird im Buch Exodus Kapitel 23, 10-11 im Hinblick auf das Sabbatjahr verfügt:  

 

10  ‚Sechs Jahre kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; 

11  im siebten sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen tun.‘

 

Und im Buch Deuteronomium Kapitel 23,25-26 wird bestimmt:

 

25  ‚Wenn du in den Weinberg eines andern kommst, darfst du so viel Trauben essen, wie du magst, bis du satt bist, nur darfst du nichts in ein Gefäß tun.

26  Wenn du durch das Kornfeld eines andern kommst, darfst du mit der Hand Ähren abreißen, aber die Sichel darfst du auf dem Kornfeld eines andern nicht schwingen‘.

 

Und im 24. Kapitel des Deuteronomiums Vers 20-22 wird fortgefahren:

 

20  ‚Wenn du einen Ölbaum abgeklopft hast, sollst du nicht auch noch die Zweige absuchen. Was noch hängt, soll den Fremden, Waisen und Witwen gehören.

21  Wenn du in deinem Weinberg die Trauben geerntet hast, sollst du keine Nachlese halten. Sie soll den Fremden, Waisen und Witwen gehören.

22  Denk daran: Du bist in Ägypten Sklave gewesen. Darum mache ich es dir zur Pflicht, diese Bestimmung einzuhalten.‘

 

Im Neuen Testament erfahren wir schließlich bei Matthäus Kapitel 12,1, dass auch die Jünger Jesus sich dieser Möglichkeit bedient hatten:

 

‚In jener Zeit ging Jesus an einem Sabbat durch die Kornfelder. Seine Jünger hatten Hunger; sie rissen deshalb Ähren ab und aßen davon.‘

 

Dass ein Mundraub in aller Regel als erlaubt gilt, obwohl hier das siebte Gebot formal gesehen verletzt wird und obwohl sich die Gebote des Dekalogs auf die immer gültigen Grundwerte des sittlichen Verhaltens beziehen, hängt damit zusammen, dass in Ausnahmefällen gerade durch einen Diebstahl ein höherer Grundwert gesichert wird. Wir haben davon auszugehen, dass derjenige, der einen Mundraub begeht, dies deshalb tut, weil er nicht über das Existenzminimum an Nahrungsmitteln verfügt, das für das Überleben unerlässlich ist. Also wird hier der Mundraub zum Schutz des Lebens erlaubt, das Leben hat aber einen höheren Stellenwert als das Eigentum des Einzelnen.

 

Allerdings wird man davon ausgehen können, dass in einer funktionierenden Gesellschaft eine solche Situation, die einen Mundraub notwendig macht, nur in den seltensten Fällen eintritt. Wir haben uns in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass das Gebot der Nächstenliebe ja von jedem Gläubigen verlangt, dass er seinem Nächsten Hilfe gewährt, wenn dieser in Not gerät. Also dürfte dann, wenn die Gläubigen diesem Gebot entsprechen, eigentlich kaum jemand in die Lage kommen, dass er nur durch einen Mundraub seine Existenz sichern kann.

 

In ähnlicher Weise sehen die meisten modernen Rechtsstaaten vor, dass jeder Bürger dann ein Recht auf Sozialhilfe hat, wenn seine privaten Einkünfte unterhalb des Existenzminimums liegen. Also dürfte auch hier jemand nur in den seltensten Fällen in die Lage kommen, dass er nur dadurch seinen Hunger stillen kann, dass er Mundraub begeht. Fast in allen größeren Gemeinden gibt es sogenannte Tafeln, die jedem Bedürftigen eine ausreichende Mahlzeit zur Verfügung stellen. Das Recht auf Mundraub greift also erst dann ein, wenn die übrigen sozialen Einrichtungen im Einzelfall versagen.

 

 

3. Übervorteilung bei der Preisbildung

 

Wenden wir uns nun wieder der Problematik des siebten Gebotes im Rahmen der heutigen industriellen Gesellschaft zu. Hier können wir nicht mehr davon ausgehen, dass der Einzelne quasi einen natürlichen Ertrag aus seiner Arbeitskraft bezieht, der ihm zusteht und der nicht durch Diebstahl eines anderen gekürzt werden darf. Nun produziert der Unternehmer nicht mehr vorwiegend für seinen eigenen Bedarf, er will den größten Teil der erzeugten Produkte verkaufen und die Frage, welcher Preis denn für die Bemühungen des Anbieters von Waren als angemessen zu gelten hat, kann nicht mehr auf diese einfache Weise entschieden werden. Die Anbieter haben im Allgemeinen ganz andere Vorstellungen darüber, welcher Preis angemessen ist als die Nachfrager. Prinzipiell gilt, dass der Anbieter an einem möglichst hohen, der Nachfrager hingegen an einem möglichst niedrigen Preis interessiert ist. Und gerade deshalb besteht hier auch die Gefahr, dass sich ein Anbieter über einen unangemessen hohen Preis, einem Wucherpreis, einen Ertrag sichert, der genauso als unerwünscht angesehen werden muss als die unerlaubte Aneignung eines Teils der Produktion durch Diebstahl.

 

Natürlich liegen die Zusammenhänge nicht so einfach, dass der Anbieter seinen Preis so hoch wie nur möglich festlegen will. Der Anbieter ist an einem möglichst hohen Gewinn interessiert, er muss aber damit rechnen, dass bei einer Preiserhöhung die Nachfrage zurückgeht und dass dadurch der Gewinn sogar unter bestimmten Bedingungen gerade aufgrund einer überzogenen Preissteigerung zurückgeht.

 

Fragen wir uns in einem ersten Schritt, welche Preishöhe denn aus der Sicht des Anbieters als angemessen angesehen wird. Um Güter produzieren zu können, hat der Unternehmer Kosten, er muss Rohstoffe und Maschinen einkaufen, er muss vor allem Arbeitskräfte einstellen. Es ist klar, dass der Produzent auf jeden Fall alle bei der Produktion entstehenden Kosten im Preis ersetzt haben möchte, darüber hinaus ist er aber auch daran interessiert, den Verkaufserlös über die aufgewandten Kosten anzuheben, liegt doch der wichtigste Grund dafür, dass der Produzent Waren anbietet darin, darin, auf diesem Wege einen Verdienst zu erzielen.

 

Nun haben wir davon auszugehen, dass die Höhe der Kosten in aller Regel (zumindest von einer bestimmten Ausbringungsmenge an) mit wachsender Produktion ansteigt. Wenn ein Unternehmer nun vor der Frage steht, ob es sich für ihn lohnt, die Produktionsmenge zu erhöhen, so wird er die hierdurch zusätzlich entstehenden Kostensteigerungen (Grenzkosten) mit den ebenfalls anfallenden Erlössteigerungen (dem Grenzerlös) vergleichen und er wird zu dem Ergebnis kommen, dass sich eine Vergrößerung der Produktionsmenge nur solange lohnt, als die Kostensteigerungen geringer ausfallen als die Erlöszuwächse.

 

Dies bedeutet aber auch, dass der Unternehmer erst dann den erwünschten Produktionsumfang erreicht hat, wenn der Preis dem Kostenzuwachs bei der zuletzt produzierten Einheit entspricht. Solange nämlich die Kostenzuwächse unter dem erzielten Preis liegen, führt die Ausdehnung der Produktion zu einem zusätzlichen Gewinn, würde der Unternehmer jedoch die Produktionsmenge auch dann noch erweitern, wenn der hierdurch verursachte Kostenzuwachs größer ausfallen würde als der hierdurch erzielte Preis, dann würde die Produktionsausweitung zu einer Schmälerung seines Gewinnes führen.

 

Halten wir also fest, die Vorstellungen des Anbieters von Waren über den angemessenen Preis (Erlöszuwachs) liegen gerade bei der Höhe des Kostenzuwachses der letzten Einheit. Und da wir unterstellen können, dass die Kosten mit wachsender Produktion in aller Regel ansteigen, wird der Unternehmer bei einer solchen Kalkulation unter normalen Bedingungen auch einen Gewinn erzielen, annahmegemäß besteht für die vorhergehenden Mengen eine positive Differenz zwischen Preis und Kostenzuwachs dieser Produktionseinheit, zumindest dann, wenn für alle Wareneinheiten der gleiche Preis zu zahlen ist.

 

Welche Vorstellungen hat nun der Konsument dieser Waren? Er wird nur dann bereit sein, eine Ware zu erstehen, wenn er für die als Preis zu zahlende Geldmenge nicht bei einem Kauf einer anderen Ware einen größeren Nutzen erzielt. Seine Preisvorstellungen richten sich also an den Nutzenzuwächsen der letzten nachgefragten Gütermenge aus. Auch hier gilt, dass sich der Nutzenzuwachs (der Grenznutzen) mit wachsender nachgefragten Gütermenge verändert, in diesem Falle sinkt der Grenznutzen des Konsumenten mit wachsender Nachfrage. Das erste Glas Wasser hat einen unendlich hohen Wert, errettet es doch den Trinkenden vor dem Verdursten, jedes weitere Glas Wasser verringert jedoch den hierdurch erzielten Nutzenzuwachs. Zumindest dann, wenn der Konsument rational entscheidet, wird er für ein Gut immer nur höchstens den Preis zahlen, der dem Nutzenzuwachs der zuletzt konsumierten Gütermenge entspricht.

 

Fassen wir beide Kalkulationsvorstellungen des Anbieters und des Nachfragers zusammen: Ein Warenaustausch findet nur dann statt, wenn der Anbieter zumindest auf seine Grenzkosten kommt, der Nachfrager hingegen durch den Kauf eine Nutzensteigerung erfährt, die über dem zu zahlenden Preis liegt. Da aber nun die Grenzkosten mit wachsender Produktion ansteigen, die Grenznutzen hingegen sinken, gibt es in aller Regel einen Preis, bei dem die Vorstellungen über einen akzeptablen Preis beim Anbieter und beim Nachfrager zusammenfallen. Dieser angemessene, faire Preis ist dort erreicht, wo sich die Kurve der Grenzkosten und des Grenznutzens gerade schneiden. Und dieser Schnittpunkt wird in einer freien Marktwirtschaft gerade dann angesteuert, wenn auf allen Märkten sowohl die Anbieter wie auch die Nachfrager in starkem Wettbewerb zueinander stehen.

 

Dieses Ergebnis bedeutet zweierlei: Liegt ein tatsächlicher Preis eindeutig über den Grenzkosten, so ist er erstens unangemessen hoch, der Verkäufer eignet sich einen Teil des Ertrags an, der eigentlich dem Käufer zusteht, er verhält sich also gewissermaßen genauso wie der Dieb, der ebenfalls sich einen Ertrag aneignet, der ihm nicht zusteht. Zweitens können wir nur bei intensivem Wettbewerb damit rechnen, dass einigermaßen faire Preise verlangt werden. Je größer die Monopolmacht der einzelnen Unternehmer ist, um so mehr können sie Preise diktieren, welche als unangemessen hoch zu gelten haben.

 

Nun wird in einer freien Marktwirtschaft kein Konsument zu einem Kauf gezwungen. Dass ein Monopolist trotzdem in der Lage ist, einen überhöhten Preis durchzusetzen, hängt damit zusammen, dass er sein Angebot (gegenüber einem Angebot bei Wettbewerb) reduzieren kann, damit annahmegemäß ein Ansteigen des Grenznutzens hervorruft und damit die Bereitschaft der Konsumenten steigert, notgedrungen einen höheren Preis zu akzeptieren.

 

Diese Preissteigerung wird also bei monopolistischen Marktverhältnissen dadurch erreicht, dass die angebotene Menge im Vergleich zum Angebot bei Konkurrenz künstlich verknappt wird. Der hierdurch erzielte Erlöszuwachs des Anbieters ist unangemessen, da die einzige Rechtfertigung dafür, dass jemand einen Einkommenszuwachs erzielt, darin besteht, dass er einen Beitrag zur Vergrößerung der allgemeinen Wohlfahrt leistet, also zur Vergrößerung der Produktion und nicht zur Erhöhung der Knappheit beiträgt.

 

 

4. Übervorteilung bei der Lohnbildung

 

Der Unterschied zwischen einem bäuerlichen und industriellen Betrieb besteht jedoch nicht nur darin, dass der industrielle Betrieb vorwiegend für den Fremdbedarf produziert uns deshalb die produzierten Waren verkaufen muss, sondern darüber hinaus auch darin, dass zur Herstellung der Waren die eigene Arbeitskraft und die der Familienangehörigen in aller Regel nicht ausreicht, dass vielmehr je nach Größe der Unternehmung zahlreiche unselbstständige Arbeitnehmer beschäftigt werden müssen. Genauso wie die produzierten Waren einen Preis erzielen, den die Konsumenten den Produzenten zu entrichten haben, hat der Arbeitgeber den in seinem Betrieb beschäftigten Arbeitnehmern einen Lohn zu zahlen. Und genauso wie es zunächst keinen natürlichen Maßstab dafür gibt, welchen Preis der Konsument für die gekaufte Ware zu entrichten hat, genauso wenig steht von vorn herein fest, bei welcher Lohnhöhe der Arbeitnehmer einen gerechten Lohn erhält.

 

Im bäuerlichen Betrieb liegt es auf der Hand, dass der vom Bauern geerntete Ertrag ihm und seinen Familienangehörigen zusteht, während es im industriellen Betrieb nicht nur eine Vielzahl von Individuen gibt, welche am Zustandekommen des Ertrags mitgewirkt haben, der Beitrag der einzelnen ist unterschiedlich und es liegt nicht offen zu Tage, welchen  quantitativen Anteil jeder Einzelne zum Zustandekommen des Ertrags beigetragen hat. Die Vorstellungen darüber, was der einzelne beigetragen hat, unterscheiden sich beachtlich. Der Arbeitnehmer weist darauf hin, dass er schließlich mit seinen Händen das Produkt angefertigt habe, ohne ihn gäbe es kein Produkt. Der Unternehmer hingegen wird darauf aufmerksam machen, dass nur dadurch, dass er das erforderliche Kapital vorgestreckt hat, dass nach seinen Plänen die Produkte erstellt wurden und dass er zuvor geklärt hat, welche Produkte denn voraussichtlich eine Nachfrage haben und mit welchen Verfahren diese Produkte möglichst effizient hergestellt werden, überhaupt ein Ertrag erwirtschaftet werden konnte.

 

Vor allem die Vorstellungen darüber, welche Entlohnung als gerechtfertigt angesehen werden kann, sind bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern recht unterschiedlich. Beginnen wir zunächst einmal mit der Frage, von welchen Faktoren die Vorstellungen des Arbeitgebers über eine angemessene Entlohnung abhängen. Der Arbeitgeber beschäftigt Arbeitnehmer, um mit ihrer Hilfe Produkte zu erzeugen, er will mit der Produktion Gewinne erzielen und das setzt vor allem voraus, dass er im Preis zumindest die Kosten ersetzt bekommt, die ihm im Zusammenhang mit der Produktion entstehen.

 

Wenn ein Unternehmer überlegt, ob er die Produktion ausweiten und deshalb mehr Arbeitskräfte beschäftigen soll, so entstehen ihm bei einer Ausweitung der Beschäftigung auf der einen Seite zusätzliche Kosten, er muss den neu eingestellten Arbeitnehmer entlohnen oder dann, wenn die bereits angestellten Arbeitnehmer zusätzliche Überstunden leisten, einen entsprechend höheren Lohn bezahlen. Auf der anderen Seite ermöglicht die Mehrbeschäftigung auch eine Ausweitung der Produktion und damit auch einen erhöhten Verkaufserlös. Immer dann, wenn die zusätzlichen Erträge (die sogenannten Grenzerträge) höher ausfallen als die zusätzlichen Kosten (die Grenzkosten) lohnt sich eine Ausweitung der Beschäftigung und dies bedeutet, dass ein Unternehmer bei rationaler Entscheidung Produktion und Beschäftigung nur solange ausweiten wird, als die Grenzkosten nicht höher ausfallen als die Grenzerträge. Der Unternehmer wird also bestrebt sein, maximal einen Lohn zu zahlen, der durch die Höhe der Grenzerträge begrenzt wird.

 

Betrachten wir nun das Verhalten des Arbeitnehmers. Ein Arbeitnehmer wird seine Arbeit anbieten, weil er zu seinem Unterhalt ein Lohneinkommen benötigt. Bietet er eine Stunde Arbeit mehr an (z. B. dadurch, dass er eine zusätzliche Überstunde leistet), dann entstehen ihm Nutzenentgänge. Die Arbeit führt zu Energieverlust, der (durch Regeneration) ersetzt werden muss, sie ist unter Umständen (nicht immer) mit Arbeitsleid (Unlust) verbunden und ihm entgeht auch in dem Umfang, in dem er erwerbswirtschaftlich arbeitet, der Nutzen der Freizeit. Alle diese drei Faktoren können wir zusammenfassen in dem entgehenden Nutzen (negativen Grenznutzen), der im Zusammenhang mit seiner erwerbswirtschaftlichen Tätigkeit entsteht. Wenn wir auch für den Arbeitnehmer ein rationales Handeln voraussetzen, hat er ähnlich wie der Arbeitgeber ein Interesse daran, Arbeit dann anzunehmen, wenn der mit dem Lohneinkommen zu erzielende Nutzenzuwachs größer ist als die so durch Arbeit hervorgerufene Minderung von Nutzen.

 

Ähnlich wie bei den Preisvorstellungen für den Warenaustausch können wir auch im Hinblick auf die Vorstellungen über eine angemessene Entlohnung der Arbeit davon ausgehen, dass sich der dem Unternehmer zufallende Grenzertrag wie die den Arbeitnehmern entstehende Minderung an Nutzen mit der Arbeitsmenge verändern, der Grenzertrag der Arbeit wird bei Ausweitung der Beschäftigung zurückgehen, umgekehrt gilt, dass die Minderung des Nutzens bei einer Ausweitung der Arbeit ansteigen wird. Auch hier können wir also davon ausgehen, dass sich die Vorstellungen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer über eine angemessene Entlohnung annähern, dass es eine Gleichgewichtsmenge gibt, bei der sich beide Größen: die Grenzkosten der Arbeitnehmer wie der Grenzertrag der Arbeitgeber einander angleichen.

 

Inwieweit diese gleichgewichtigen Vorstellungen über einen angemessenen Lohn in der Realität verwirklicht werden, hängt wiederum davon ab, inwieweit auf den Märkten, hier auf den Arbeitsmärkten Wettbewerb verwirklicht ist, bzw. inwieweit aufgrund von Machtverhältnissen monopolistische Verhaltensweisen möglich sind. Während jedoch im Hinblick auf die Gütermärkte einer staatlichen Monopolbehörde die Aufgabe zuwächst, zu verhindern, dass sich auf den Märkten Monopolunternehmungen durchsetzen und die staatlichen Behörden das Preisverhalten der bestehenden Monopolunternehmungen einer Missbrauchskontrolle zu unterziehen haben, wird auf den Arbeitsmärkten entsprechend der Theorie der Gegenkräfte darauf vertraut, dass es den Gewerkschaften gelingt, monopolistische Lohnpolitik der Arbeitgeber zu unterbinden.

 

Aus diesen Gründen verleiht der Staat den zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften abgeschlossenen Tarifverträgen einen besseren Schutz als normalen privaten Verträgen gewährt wird. So ist der Tariflohn für die beteiligten Gruppen bindend und darf nicht von den Arbeitgebern unterschritten werden, auch dann nicht, wenn der Arbeitnehmer einem niederen Lohn zustimmen würde, während die Festsetzung einer Höchstmiete in einem Vertrag zwischen Vermieterverband und Mieterbund nur eine Empfehlung enthält, der dann nicht entsprochen werden muss, wenn beide Partner in einem individuellen Mietvertrag eigens eine abweichende Miete festlegen.

 

Darüber hinaus erhalten die Gewerkschaften im Streikrecht Befugnisse, die auf anderen Märkten wiederum nicht erlaubt sind. Um allerdings zu verhindern, dass die Macht der Gewerkschaften so stark wird, dass sie selbst wiederum monopolistische, nun überhöhte Löhne diktieren können, haben die obersten Arbeitsgerichte eine Reihe von Prinzipien entwickelt, die sicherstellen sollen, dass die Machtverteilung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern weitgehend ausgeglichen ist.

 

Fortsetzung folgt!