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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 6: Das sechste und neunte Gebot (Forts.)

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Scheidung

3. Abtreibung und Verhütung

4. außerehelicher und vorehelicher Geschlechtsverkehr

5. Monogamie, Polygamie, Promiskuität

                   6. gleichgeschlechtliche Partnerschaft

7. Selbstbefriedigung

8. Sonstige sexuelle Verfehlungen wie Inzest, Sodomie, Päderastie

 

 

 

2. Scheidung

 

Wir wollen uns nun im Einzelnen mit den verschiedenen Spielarten einer Verfehlung gegen das sechste und neunte Gebot des Dekalogs etwas ausführlicher beschäftigen. Beginnen wir mit der Eheschließung und der Auflösung einer Ehe.

 

Eine Ehe zwischen Mann und Frau wird in unserem Kulturkreis durch die Trauung geschlossen, wobei im Allgemeinen zwischen einer kirchlichen und einer weltlichen Trauung unterschieden wird. Die kirchliche Trauung wird vor einem Priester vollzogen, während die weltliche Trauung vor einem staatlichen Standesbeamten geschlossen wird.

 

Der wesentliche Zweck einer standesamtlichen Trauung liegt darin, einen Ehevertrag zu schließen, in dem nicht nur die Rechte und Pflichten vermerkt werden, welche die Ehegatten sich gegenüber, aber auch gegenüber der staatlichen Gemeinschaft zu erfüllen haben, es werden vor allem die Vermögensverhältnisse zwischen den Ehegatten und die Voraussetzungen benannt, unter denen eine Ehe wiederum geschieden werden kann.

 

Die kirchliche Trauung wird bei den Katholiken als Sakrament verstanden, wobei die Eigenschaft eines Sakramentes darauf hinweisen soll, dass seine Einsetzung auf Jesus selbst zurückgeführt werden kann und als Gnadenakt Gottes zu verstehen ist und dass die Bedeutung eines Sakramentes vor allem dadurch zum Ausdruck kommt, dass Gott selbst in den Sakramenten mitwirkt. Während die katholische Kirche sieben Sakramente (Taufe, Firmung, Eucharistie, Buße, Krankensalbung, Priesterweihe, Ehe) unterscheidet, erkennen die Protestanten nur Taufe und Abendmahl, also nicht die Ehe als Sakrament an.

 

Die Trauungszeremonie lässt sich auf das germanisch-deutsche Recht zurückführen. Danach wird die Braut von ihrem Vormund dem Bräutigam anvertraut, dem auf diese Weise die Vormundschaft verliehen wird. Als Gegenleistung hatte der Bräutigam ein Lohngeld zu zahlen, wobei der Trauring das äußere Zeichen dieser Verbindung darstellte. Auch die Heimführung der Braut ins Haus des Bräutigams war Teil der Trauung. Im 14. Jahrhundert bildete sich die kirchliche Trauung als Eheversprechen und Einsegnung der Ehe heraus, das vor einem Geistlichen abzugeben war. Sie löste die bis dahin übliche Eheschließung durch den Trauvormund ab. In den protestantischen Gebieten lässt sich allerdings eine kirchliche Trauung erst seit dem 17. Jahrhundert nachweisen. Eine standesamtliche Trauung hingegen ist seit dem 18. Jahrhundert belegt und wird in Deutschland seit 1876 in Folge des Kulturkampfes als notwendige Voraussetzung für die Rechtsgültigkeit der Ehe angesehen.

 

Im deutschen Sprachraum werden kirchliche und weltliche Trauung in der Regel getrennt voneinander vollzogen, wobei es bis Ende 2008 in Deutschland verboten war, die kirchliche Trauung vor der weltlichen Eheschließung zu vollziehen. Nach römisch-katholischem Ritus ist die kirchliche Trauung Voraussetzung für die kirchenrechtliche Gültigkeit der Ehe, den sich die Ehegatten als Sakrament selbst spenden. In der Trauung geben sich die Brautleute vor dem Traugeistlichen und den Trauzeugen das Jawort, sich treu zu sein in guten und schlechten Zeiten, bis dass der Tod sie scheidet. Voraussetzung für die Gültigkeit der Ehe ist die vorherige öffentliche Bekanntmachung, das sogenannte Aufgebot.  Die Ehe ist nach katholischer Überzeugung unauflöslich. Eine Eheannullierung kann nur vollzogen werden, wenn die Voraussetzungen für eine gültige Eheschließung irrtümlicher Weise bei der Eheschließung nicht bekannt waren und deshalb die Ehe gar nicht zustande gekommen war oder auch dann, wenn die Ehepartner sich noch nicht geschlechtlich vereinigt hatten.

 

Nach protestantischem Verständnis wird mit der kirchlichen Trauung lediglich das bereits bei der standesamtlichen Trauung abgegebene Versprechen vor Gott noch einmal wiederholt und die vor dem Standesbeamten geschlossene Ehe gesegnet. Da der Trauung hier der sakramentale Charakter fehlt, ist auch die Scheidung einer Ehe prinzipiell möglich.

 

Zu den Voraussetzungen einer kirchlichen Trauung zählt, dass beide Eheleute einer christlichen Konfession angehören und mindestens ein Ehegatte der jeweiligen Kirche angehört, vor der die kirchliche Trauung vollzogen wird. Gehören die Ehegatten unterschiedlichen Konfessionen an, entscheiden zumeist die Pfarrer oder auch der Bischof der betroffenen Kirchengemeinden, ob das Paar getraut werden kann.

 

Die kirchliche Trauung ist in den meisten Kirchen nur für verschiedengeschlechtliche Eheleute erlaubt. In wenigen protestantischen Kirchen können allerdings auch homosexuelle Paare anlässlich ihrer Heirat in einer kirchlichen Feier gesegnet werden.

 

Die römisch-katholische Lehre setzt für das Zustandekommen einer kirchlich gültigen Ehe unter anderem voraus:

 

Der Mann muss mindestens das 16., die Frau das 14. Lebensjahr vollendet haben, wobei die Bischofskonferenz ein höheres Mindestalter festsetzen kann.

 

Es darf keine dauernde Unfähigkeit zum Beischlaf, sei sie auf Seiten des Mannes oder der Frau, sei sie absolut oder relativ vorliegen; Unfruchtbarkeit allein schadet dagegen nicht.

 

Keiner der Eheschließenden darf bereits wirksam verheiratet sein und der jeweils andere Ehepartner noch leben, auf den Vollzug der bestehenden Ehe kommt es dabei nicht an.

 

Es darf nicht ein Partner katholisch, der andere aber ungetauft sein. Eine Dispens ist hier aber unter besonderen Voraussetzungen möglich.

 

Der Mann darf nicht das Weihesakrament empfangen haben und weder Mann noch Frau dürfen durch ein kirchenrechtlich gültiges Gelübde der Ehelosigkeit wie etwa des Ordensgelübde gebunden sein.

 

Die Frau darf nicht zur Eheschließung entführt worden sein und es darf nicht im Hinblick auf die Eheschließung eine Person getötet worden sein.

 

Die Eheschließenden dürfen nicht in gerader Linie blutsverwandt sein und auch in der Seitenlinie darf keine Blutsverwandtschaft bis einschließlich zum vierten Grad vorliegen; ebenso wenig dürfen sie verschwägert sein. Vom Hindernis der Blutsverwandtschaft in gerader Linie und im zweiten Grad der Seitenlinie gibt es auch keinen Dispens.

 

Eine der wichtigsten Merkmale der christlichen (vor allem der katholischen) Ehe liegt also in der prinzipiellen Unauflösbarkeit der Ehe. Danach kann nur der Tod zum Ende einer Ehebeziehung führen. Als nichtig werden im Grunde nur solche Eheschließungen anerkannt, die entweder aufgrund von falschen Voraussetzungen gegründet wurden, also hätten eigentlich die Brautleute gar nicht zu Ehepartner erklärt werden dürfen, die Ehe ist hier also gar nicht realiter zustande gekommen. Darüber hinaus kann eine Ehe auch dann für ungültig erklärt und somit aufgelöst werden, wenn die Ehepartner sich noch nicht in einem Geschlechtsakt vereint haben, da die Ehebindung erst durch eine geschlechtliche Vereinigung überhaupt zustande kommt.

 

Dass nach katholischer Auffassung die Ehe als unauflöslich gilt, lässt sich damit erklären, dass die Ehe ein von Gott gestiftetes Sakrament darstellt und dass Jesus nach Markus, Kapitel 10,9 selbst entschieden hat: ‚Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.‘

 

Fragen wir uns zunächst, inwieweit denn die Bedeutung der Ehe und ihrer Auflösung in den Evangelien Erwähnung finden (nach Matthäus Kapitel 5,27-32):

 

‚Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen.

 

Ich aber sage euch: Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen…

 

Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben.

 

Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch.‘

 

Und bei Matthäus Kapitel 19,3-8 steht:

 

‚Da kamen Pharisäer zu ihm, die ihm eine Falle stellen wollten, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund aus der Ehe entlassen?....

 

‚Er antwortete: Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch erlaubt, eure Frauen aus der Ehe zu entlassen. Am Anfang war das nicht so.‘

 

Hier wird deutlich: Jesus wendet sich vor allem gegen den damaligen Gebrauch, dass es Männern entsprechend den Bestimmungen der Thora gestattet war, ohne Angaben von Gründen wie z. B. Unzucht, die Frau zu entlassen und damit die Ehe aufzukündigen. Jesus räumt ein, dass in den Ausführungsbestimmungen der Thora zwar in der Tat ein Mann seine Frau entlassen durfte, dies sei jedoch nur geschehen, weil die Juden zur Zeit Mose so hartherzig waren. Wie bei der Auslegung aller göttlichen Weisungen geht es Jesus auch bei der Interpretation des sechsten Gebotes darum, dass nicht versucht wird, das Gesetz nur dem Buchstaben nach zu beachten, vielmehr komme es stets auf den Sinn eines Gesetzes an, welche konkreten Verhaltensweisen aufgrund eines Gebotes erlaubt und verboten sind.

 

Deshalb geht Jesus auch bei der Interpretation des sechsten Gebotes einen Schritt weiter (Ihr habt gehört… ich aber sage euch) und stellt fest, dass:  ‚Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen hat.‘ Diese Feststellung entspricht ja dann auch dem Wortlaut des neunten Gebotes: ‚Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib (Mann)‘. 

 

Jesus schließt jedoch an dieser Stelle keineswegs jede Scheidung als unmöglich aus. Der Hinweis: ‚obwohl kein Fall von Unzucht vorliege‘, legt sogar nahe, dass Jesus sehr wohl Ausnahmen von dieser Regel für möglich hält. Auch hier kann daran erinnert werden, dass Jesus bei der Auslegung der zehn Gebote ganz allgemein seine Zuhörer anweist, stets auf den einem Verbot zugrunde liegenden Sinn zu achten. So hat Jesus auch am Sabbat geheilt und seine Jünger haben am Sabbat Ähren gepflückt und Jesus hat auf den Vorwurf einiger Pharisäer festgestellt, dass der Sabbat für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat da sein müsse. Wenn diese Aussage bereits für ein Gebot gilt, das primär das Verhältnis des Menschen zu Gott regelt, dann müsste eigentlich dieser Grundsatz a fortiori auch für die Gesetze gelten, welche – wie das sechste Gebot – die zwischenmenschlichen Beziehungen regeln.

 

Wenn es aber in erster Linie auf den Sinn des sechsten Gebotes ankommt, ob eine Scheidung in gewissen Ausnahmefällen erlaubt sein sollte, dann gilt es zu klären, ob bei einer möglichen Scheidung der eigentliche Sinn der Ehe verfehlt wird und ob unter Umständen sogar gerade beim Festhalten an der Unauflösbarkeit einer Ehe in bestimmten Ausnahmefällen dem der Ehe zugrunde liegenden Sinn eher nicht entsprochen wird.

 

Wir haben eingangs dieses Kapitels festgestellt, dass der Ehebund zwischen Mann und Frau vorwiegend dazu dient, die Regeneration einer Bevölkerung und vor allem die Erziehung der Kinder, insbesondere auch die Erziehung zum Glauben sicherzustellen. Nun gilt es zu bedenken, dass diese Zielsetzungen durchaus im Einzelfall gefährdet sind, wenn eine Ehe unwiderruflich zerrüttet ist. Wenn zwei Ehepartner in der Frage der Erziehung ihrer Kinder von gegensätzlichen Vorstellungen über die Art und Weise der erforderlichen Erziehung ausgehen und diese Gegensätze nicht überwunden werden können, ist kaum zu erwarten, dass diese Eltern überhaupt in der Lage sind, ihren Erziehungsauftrag zu erfüllen, ganz im Gegenteil ist zu befürchten, dass eine vernünftige Erziehung der Kinder scheitert und den Kindern dann später der Eintritt ins Erwachsenenleben äußerst erschwert wird.

 

Auch dann, wenn eine Ehe vollkommen zerrüttet ist und sich die Eheleute gegenseitig vor ihren Kindern streiten, kann nicht mit einer erfolgreichen Erziehung gerechnet werden. Wichtiger Bestandteil einer Erziehung hat immer zu sein, dass die Eltern die Werte, welche sie ihren Kindern vermitteln sollen, auch selbst vorleben. Versagen die Eltern in dieser Vorbildfunktion, werden auch die Kinder zu Individuen erzogen, für welche die permanente Auseinandersetzung und die Unfähigkeit zum Kompromiss und zum Eingehen auf die Besonderheiten eines jeden Mitmenschen anerzogen werden und für welche gerade deshalb die Unfähigkeit eines friedlichen Zusammenlebens immer wieder an ihre Nachkommen weitergegeben wird.

 

Wir haben weiter oben festgestellt, dass jede Ordnung ein Anreizsystem darstellt und positive Anreize enthält, welche die erwünschten Handlungsweisen belohnt und negative Anreize vorsieht, welche den Zweck verfolgen, unerwünschte Handlungen möglichst zu unterbinden. In diesem Sinne kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass ein Verhalten, das im Rahmen dieser Ordnung als unbedingt erwünscht und erforderlich angesehen wird, dieses Verhalten auch tatsächlich fördert. Die Tatsache, dass die Auflösung einer Ehe unter Strafe gestellt wird (wer die Ehe bricht, wird aus der Kirche ausgeschlossen), bewirkt sicherlich im Allgemeinen, dass die Bereitschaft, die Ehe nicht zu brechen, ansteigt. Dadurch, dass einem Ehebruch eine Strafe angedroht wird, wird bewirkt, dass das Wohl des einzelnen Ehebrechers durch die Verhängung der Strafe vermindert wird und gerade deshalb für den potenziellen Ehebrecher weniger wünschenswert erscheint.

 

Allerdings muss auch mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass eine zu rigorose Handhabung eines Verbotes genau das Gegenteil bewirkt, dass in unserem Beispiel die Ehe nicht gefördert wird, sondern dass gerade durch diese Bestimmungen die Bereitschaft zur Ehebindung sogar zurückgeht. Wenn jemand davon ausgehen muss, dass eine Ehe überhaupt nicht geschieden werden kann, wie zerrüttet die Ehe auch sein mag und wie groß die gegenseitigen Beeinträchtigungen auch sein mögen, wird er in der Bereitschaft, eine Ehe einzugehen, zögern. Wenn dieses Zögern nur zum Ausdruck bringt, dass möglichst jeder Ehekandidat vor Abschluss der Ehe gewissenhaft überprüft, ob auch die Voraussetzungen für ein befriedigendes Zusammenleben vorliegen, ist dieser Einfluss sogar in hohem Maße erwünscht, werden doch auf diese Weise Ehen, die dann sehr schnell scheitern, verhindert.

 

Aber eine noch so gewissenhaft durchgeführte Überprüfung, ob diese Voraussetzungen zur Eheschließung vorliegen, kann nicht verhindern, dass später Tatsachen bekannt werden, welche dann doch zu einer unheilbaren Zerrüttung führen. In diesem Falle aber wird in aller Regel dem Sinn der Eheschließung nicht entsprochen. Gleichzeitig kann jedoch gerade das Wissen um diese Unmöglichkeit, das Gelingen einer Lebensgemeinschaft eindeutig vorauszusagen, sehr wohl dazu führen, dass die Bereitschaft zur Eheschließung so stark zurückgeht, dass die der Ehe zugedachten Funktionen in unserer Gesellschaft  nicht mehr in ausreichendem Maße erfüllt werden.

 

Hier ist in der Tat die Frage zu stellen, ob dem eigentlichen Sinn der Ehe nicht sehr viel besser entsprochen würde, wenn man in Einzelfällen durchaus eine Auflösung der Ehe akzeptieren würde, sofern Gründe vorliegen, dass bei einem Festhalten an einem Ehebündnis auf der einen Seite die mit der Ehe verbundenen Funktionen gar nicht tangiert werden oder auf der anderen Seite den betroffenen Ehepartnern unzumutbare Belastungen zugefügt würden.

 

Sowohl die christliche wie auch die jüdische Religion geht davon aus, dass Gott barmherzig ist und den Menschen ihre Sünden verzeiht, sofern sie nur ihre Sünden ehrlich bereuen und ernsthaft zu einer Umkehr bereit sind. Wenn dieses Angebot Gottes selbst für einen Mörder gilt, welcher den Tod eines Mitmenschen vielleicht sogar aus niederen Beweggründen geplant hat, warum sollte jemand, der unter Umständen ohne eigene Schuld in ein Eheverhältnis geraten ist, das zu einer totalen Zerrüttung geführt hat, deshalb die Ehe aufgibt und nun nochmals einen anderen Partner zu heiraten versucht, aus der Kirche für alle Zeiten ausgeschlossen werden und damit gerade nicht die Möglichkeit zu einer Umkehr erfahren, die Gott doch eigentlich jedem Sünder zugesagt hat?

 

Eine Umkehr in dem Sinne, dass der geschiedene Ehepartner die bisherige Ehe wieder aufnimmt, kann ja sicherlich nicht in jedem Falle ernsthaft gefordert werden. Stellen wir uns vor, dass eine Frau nach der Eheschließung erfährt, dass ihr Mann ein Mörder ist, der aufgrund angeborener krankhafter Triebe Frauen misshandelt und anschließend tötet, der also auch das Leben seiner eigenen Frau bedroht, hier wäre eine Rückkehr zu dem angetrauten Mann für die Frau unzumutbar, auch würde eine solche Rückkehr auf keinen Fall zur Sicherstellung der mit der Ehe angedachten Funktionen beitragen, ganz im Gegenteil bestünde die Gefahr, dass die Erziehung der Kinder gefährdet wäre. Auch dann, wenn dieser Täter sich vielleicht zeit seines Lebens im Gefängnis und anschließend in Sicherungsverwahrung aufhält, könnte in diesem Fall nicht ernsthaft gefordert werden, dass diese Ehe aufrechterhalten bleibt. Andererseits könnte bei einer erneuten Trauung mit einem anderen Ehegatten sehr wohl ein Beitrag zur Sicherung der mit der Ehe verbundenen Funktionen erreicht werden.

 

Fragen wir uns zusätzlich, ob unter Umständen dann, wenn man gewisse Ausnahmen von der Regel der Unauflöslichkeit einer Ehe zulässt, die Gefahr eines Dammbruchs befürchtet werden müsste, dass dann damit gerechnet werden müsste, dass in immer mehr Fällen eine Ausnahme erteilt würde, bis dann schließlich der Grundsatz der Unauflösbarkeit einer Ehe de facto aufgegeben werden würde.

 

Aber warum sollte diese Gefahr bestehen, wenn nur in ganz konkret umschriebenen Ausnahmefällen eine Ehe aufgelöst werden könnte? Auch im Hinblick auf die anderen Gebote Gottes werden ja sehr wohl Ausnahmen akzeptiert. Bei der Diskussion um das fünfte Gebot haben wir gesehen, dass das Gebot, menschliches Leben zu erhalten, dann aufgehoben sein kann, wenn jemand angegriffen wird, wenn hierbei sein Leben bedroht wird und wenn der Angegriffene nur dadurch die Gefahr für sein eigenes Leben bannen kann, wenn er selbst den Angreifer tötet.

 

Auch hier wird davon ausgegangen, dass in der Realität ein Konflikt zwischen Grundwerten auftreten kann, dass also in diesem Beispiel auf jeden Fall ein Leben bedroht ist, dass es nur darum gehen kann, ob das Leben des Angreifers oder das des Angegriffenen Vorrang hat. In ähnlicher Weise kann man auch zu dem Ergebnis kommen, dass in Einzelfällen der Schaden einer Weiterführung einer Ehe größer ausfällt als der Schaden, der zu befürchten ist, wenn eine Ehe als zerrüttet angesehen und damit geschieden wird. Es gilt zu berücksichtigen, dass ein Verbot einer Wiederverheiratung für jemand, dessen erste Ehe ohne jede Schuld des Betreffenden zerrüttet wurde, eine sehr große Strafe darstellt, obwohl eine Strafe immer nur dann und in dem Umfang gerechtfertigt ist, wenn der Angeklagte tatsächlich schuldhaft gehandelt hat.

 

 

3. Abtreibung und Verhütung

 

Wir wollen uns in diesem Abschnitt der Frage widmen, inwieweit und aus welchen Gründen Verhütung und Abtreibung Verstöße gegen das sechste Gebot des Dekalogs darstellen. Beiden Verhaltensweisen ist gemeinsam, dass die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau nicht zu der Geburt eines Kindes führen sollen.

 

Im vorhergehenden Abschnitt hatten wir gesehen, dass gerade auch aus christlicher Sicht die geschlechtliche Vereinigung zwischen Mann und Frau eine conditio qua non für das Zustandekommen einer Ehe ist, erst dadurch, dass sich beide Ehepartner geschlechtlich vereinen, kommt überhaupt nach christlicher Lehre die Ehe zustande.

 

Und der eigentliche Grund dafür, dass der geschlechtlichen Vereinigung der Ehepartner eine so entscheidende Bedeutung zuerkannt wird, liegt darin, dass diese Vereinigung zur Geburt von Kindern führt und damit dem Gebote Gottes: ‚wachset und mehret euch‘ entsprochen wird. Nach christlicher Vorstellung liegt also der Sinn einer geschlechtlichen Vereinigung darin, dass auf diesem Wege Kinder geboren werden. Dass der Mensch einen Geschlechtstrieb hat und dass der geschlechtliche Verkehr mit Lust verbunden ist, dient der Sicherstellung, dass sich die Menschen auch tatsächlich reproduzieren, also dafür Sorge tragen, dass die durch den Tod hervorgerufene Verringerung der Bevölkerung immer wieder dadurch ausgeglichen wird, dass neue Menschen auf die Welt kommen.

 

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die mit dem Geschlechtsakt verbundene Lust keinen Selbstzweck darstellt, sie erfüllt vielmehr die Rolle eines Anreizes, damit die Menschen auch dann bereit sind, Kinder zu zeugen und zu gebären, wenn mit der Geburt und der Erziehung der Kinder beachtliche Mühen verbunden sind. Gleichzeitig stellt die Geschlechtslust eine Art Belohnung dafür dar, dass die Menschen diese mit Geburt und Aufzucht von Kindern verbundenen Mühen auch freiwillig auf sich genommen haben. Es entspricht den allgemeinen Gerechtigkeitsvorstellungen, dass derjenige, der für das Gemeinwohl tätig ist, auch für diese Handlung belohnt werden sollte.

 

Am Anfang der Menschheit stand also nach religiöser Vorstellung der Befehl: ‚wachset und mehret euch‘. Dieser Befehl würde jedoch missverstanden, wenn man ihn so interpretieren würde, dass die Menschen damit aufgefordert werden würden, soviel Kinder wie nur möglich zu zeugen, dass also gewissermaßen eine Maximierung der Geburtenrate das letztliche Ziel darstelle.

 

Dass diese Anweisung Gottes so formuliert wurde und dass die Menschen aufgefordert wurden sich zu vermehren, liegt einzig und allein daran, dass dieser Befehl am Anfang der Menschheit, bereits unmittelbar nach der Erschaffung der Menschen formuliert wurde, also zu einer Zeit, in der die Erde nur die ersten Menschen beheimatete. Die Anweisung ‚wachset und mehret euch‘ muss immer in Verbindung mit der zweiten göttlichen Anweisung gesehen werden, die Gott mit dem Vermehrungsbefehl verbunden hatte: ‚machet euch die Erde untertan‘.

 

Dieser zweite Befehl kann hierbei so verstanden werden, dass die Menschen die von Gott geschaffenen Naturgesetze studieren und aufgrund dieser hierdurch gewonnenen Erkenntnisse die natürlichen Ressourcen entwickeln und dafür sorgen sollen, dass den Menschen auch die natürlichen Ressourcen nachhaltig zur Verfügung stehen, die sie für ein Überleben und für ein menschenwürdiges Leben benötigen.

 

Aufgabe des Menschen ist also nicht, soviel Kinder zu gebären wie möglich, sondern dafür Sorge zu tragen, dass die Zahl der Bevölkerung dem Angebot an natürlichen Ressourcen stets entspricht. Dies bedeutet, dass in den Zeiten, in denen – wie zu Beginn der Menschheit – die Zahl der Menschen sehr viel geringer war als der zur Verfügung stehende Nahrungsspielraum es tatsächlich erwünscht war, für eine Vermehrung der Menschen beizutragen, während umgekehrt in den Zeiten, in denen wie heute in vielen Ländern der Nahrungsspielraum noch nicht einmal ausreicht, die bestehende Bevölkerung zu ernähren, in denen mangels vorhandener Nahrung jedes Jahr Millionen von Menschen verhungern, dieser Befehl von uns eher verlangt, dass wir die Geburten auf diesen Nahrungsspielraum begrenzen.

 

Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass der Nahrungsspielraum keinesfalls eindeutig vorgegeben ist, es liegt vielmehr am Menschen, wieweit es ihm gelungen ist, aus den bestehenden natürlichen Reserven die Güter zu produzieren, die der Mensch für sein Überleben benötigt. Stets aber muss davon ausgegangen werden, dass in einem bestimmten Zeitpunkt der Nahrungsspielraum vorgegeben ist und nur auf lange Sicht vergrößert werden kann.

 

Den Befehl: ‚wachst und mehret euch‘ hatte Gott zweimal ausgesprochen. Nicht nur unmittelbar nach der Erschaffung der Erde, sondern auch sehr viel später, Noah gegenüber, nachdem eine Sintflut den größten Teil der Menschheit vernichtet hatte und somit wiederum die Erde weitgehend entvölkert war. Auch hier hatte Gott die Menschen aufgefordert: ‚wachset und vermehret euch‘. Also auch bei dieser Wiederholung dieser göttlichen Anweisung war die geringe Anzahl bereits lebender Menschen im Vergleich zu dem Angebot an natürlichen Ressourcen äußerst gering. Und es war wiederum verständlich, dass ein Gebot, das eigentlich ein vernünftiges Verhältnis zwischen Bevölkerungsgröße und Nahrungsspielraum einfordert, auch das zweite Mal als Aufforderung zur Vermehrung formuliert wurde.

 

In einem Punkt allerdings unterschieden sich  die beiden von Gott den Menschen aufgetragenen Anweisungen. Nach der Erschaffung der ersten Menschen, sagte Gott:

 

‚Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen. Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es. (Genesis Kapitel 1,29-30)

 

In Kapitel 9,1-4 der Genesis heißt es jedoch:

 

‚Dann segnete Gott Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, vermehrt euch und bevölkert die Erde!  Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben. Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen. Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.‘

 

Während also offensichtlich Gott gegenüber den ersten Menschen den Befehl gab, nur Nahrung aus Pflanzen zu sich zunehmen, also Nahrung aus Fleisch von Tieren ausschloss, wird später Noah ausdrücklich erlaubt, sich auch  Fleisch von Tieren zu ernähren.

 

In unseren bisherigen Analysen haben wir aufgezeigt, dass die göttliche Anweisung falsch verstanden würde, wenn wir diesen Befehl so auslegen würden, dass wir zu allen Zeiten uns soweit wie immer möglich vermehren sollten. Ein Bevölkerungswachstum ist immer nur erwünscht, sofern die zusätzliche Bevölkerung auch ernährt werden kann. Mit der geschlechtlichen Vereinigung soll menschliches Leben gezeugt werden, diesem Ziel wird jedoch nur dann entsprochen, wenn auch die Voraussetzungen gegeben sind, dieses Leben zu führen. Es gibt keinen Sinn, Leben zu erzeugen, dass dann mangels eines ausreichenden Nahrungsspielraums wiederum in Form von Hungersnöten umkommt.

 

Es gibt aber im Zusammenhang mit dieser göttlichen Weisung auch einen Grund, weshalb umgekehrt diese Weisung verletzt würde, wenn die Menschen nicht alles dafür täten, um die Erhaltung der Bevölkerung sicherzustellen. Da Menschen sterben, würde die Bevölkerungszahl vermindert, wenn nicht über Geburten dieser Verlust an Menschen ausgeglichen würde. Eine zumindest konstante Bevölkerungszahl ist jedoch eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass auch für alle Lebensphasen der Menschen ein ausreichender Nahrungsspielraum garantiert ist. Kinder sind bis zu einem bestimmten Alter noch nicht in der Lage, erwerbstätig zu werden und somit für ihr eigenes Überleben zu sorgen und selbst dann, wenn die Kinder schon vor ihrem Erwachsensein grundsätzlich in der Lage wären, für ihren eigenen Unterhalt zu sorgen, wäre dies nicht erwünscht, da sie noch nicht ausreichend für eine berufliche Arbeit und für ein religiöses Leben ausgebildet wären.

 

Ab einem bestimmten Alter schwindet jedoch wiederum die Fähigkeit, durch eigene erwerbswirtschaftliche Tätigkeit für seinen Unterhalt zu sorgen, an einem bestimmten Alter scheiden die Erwachsenen aus dem Erwerbsleben aus. Somit hat jede menschliche Gesellschaft dafür Sorge zu tragen, dass während der Zeiten, in denen die Menschen entweder noch nicht oder auch nicht mehr erwerbstätig sein können, trotzdem sichergestellt ist, dass sie über ausreichende Einkünfte verfügen, welche ihnen ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

 

Während nun im Altertum und auch im Mittelalter diese Aufgabe im Rahmen des Familienverbundes erfüllt wurde, wurden seit der Industrialisierung diese Aufgaben überfamiliären Einrichtungen der gesetzlichen oder auch privaten Versorgungssysteme übertragen. Die Familie war nun überfordert, diese Aufgaben nach wie vor wahrzunehmen, da mit dem Wegzug der Kinder in die Städte der mittelalterliche Familienverband aufgelöst wurde und deshalb nicht mehr garantiert werden konnte, dass die nicht mehr erwerbstätige Elterngeneration von ihren Kindern ernährt wurden.

 

Diese dem modernen Versorgungssystem zufallende Aufgabe kann jedoch nur erfüllt werden, wenn die Bevölkerung nicht drastisch reduziert wird. Die Finanzierung dieser Versorgungssysteme erfolgt nämlich dadurch, dass die Erwerbstätigen einen Teil ihres Einkommens in Form von Sozialversicherungsbeiträgen oder auch Steuern abführen müssen, aus denen dann die Auszahlung der Renten an die nicht mehr Erwerbstätigen finanziert wird. Die Erwerbstätigen erhalten dann im Gegenzug für ihren Beitrag das Recht dann, wenn sie selbst aus Altersgründen aus dem Erwerbsleben austreten, ebenfalls aus diesem System eine Rente zu beziehen.

 

Wenn sich nun die Bevölkerungszahl wegen zu geringer Geburtenraten verringert, bedeutet dies automatisch, dass die Beitragseinnahmen dieser Versorgungssysteme solange zurückgehen, als die Modalitäten der Versorgung unverändert bleiben; und das soziale Versorgungssystem kann nicht mehr seiner Verpflichtung zur Auszahlung der Renten nachkommen. Dieses finanzielle Ungleichgewicht kann dann nur wiederum beseitigt werden, wenn entweder die Beitragssätze der Erwerbstätigen erhöht werden und/oder wenn die Rentenhöhe verringert wird und/oder wenn die Erwerbstätigen bereit sind, eine längere Zeit erwerbstätig zu bleiben. Da jede dieser drei Möglichkeiten größten politischen Schwierigkeiten begegnet, kann auf lange Sicht nur dadurch eine befriedigende Lösung gefunden werden, dass für den Erhalt der Bevölkerung gesorgt wird. Dies setzt aber voraus, dass sich die Bevölkerung stets regeneriert.

 

Dieses Problem einer ausreichenden Regeneration der Bevölkerung wird dann noch wesentlich verschärft, wenn zur gleichen Zeit die Lebenszeit der Menschen ansteigt. In den letzten 50 Jahren ist die durchschnittliche Lebenszeit der Menschen um etwa 10 Jahre gestiegen. Dies bedeutet, dass mit den Sozialversicherungsbeiträgen auch eine sehr viel größere Rentensumme finanziert werden muss, falls nicht die Bereitschaft besteht, in gleicher Weise die Zahl der Erwerbsjahre auszuweiten.

 

Prinzipiell gibt es natürlich die Möglichkeit, die Regeneration einer Bevölkerung zugedachte Funktion nicht nur durch eine gestiegene Geburtenrate, sondern auch über eine Einwanderung aus dem Ausland herbeizuführen. Man sollte sich hierbei allerdings bewusst werden, dass einer Einwanderung Grenzen gesetzt sind, da eine Integration von Ausländern nur langfristig gelingen kann. Insofern kann das Problem der Regeneration einer Bevölkerung immer nur dann befriedigend gelöst werden, wenn auch Sorge dafür getragen wird, dass die Geburtenrate sich nicht zu sehr von der Sterberate entfernt.

 

Wir haben davon auszugehen, dass eine Bevölkerung dann gerade regeneriert würde, wenn jeder Mann im Durchschnitt etwas mehr als zwei Kinder zeugen (bzw. die Frauen gebären) würde. Zwei Kinder reichen zur Regeneration deshalb nicht aus, da es immer Personen geben wird, die gar nicht zeugungsfähig bzw. geburtsfähig sind. Da immer mehr Individuen überhaupt keine Ehe eingehen, kann die Regeneration der Bevölkerung sogar nur dadurch sichergestellt werden, dass die verbleibenden Ehepaare mit Familien wesentlich mehr als zwei Kinder zur Welt bringen. Das augenblickliche Problem liegt darin, dass die Tendenz eher dahin geht, dass sich die meisten Familien auf ein Kind beschränken.

 

Aber stellen wir kurz diese Gefahr zurück. Generell gilt, dass die Zeugungsfähigkeit der Eheleute bei weitem die Zahl von Geburten übersteigt, welche zur Regeneration einer Bevölkerung unerlässlich ist. Wenn wir davon ausgehen, dass die Ehepaare bestrebt sein werden, regelmäßig Geschlechtsverkehr zu haben, wäre das Ergebnis sicherlich eine Kinderzahl, welche zu einem Bevölkerungswachstum in einem nicht erwünschten Umfang führen müsste. Es fragt sich deshalb, welche Konsequenzen sich aus diesem Sachverhalt ergeben. Die erwünschte Begrenzung der Kinderzahl könnte dann nur dadurch erreicht werden, dass die Menschen im Hinblick auf den Geschlechtsverkehr freiwillig Enthaltsamkeit üben oder dass sie dafür Sorge tragen, dass der geschlechtliche Verkehr in geringerem Maße zu Geburten führt als dies ohne jegliche Vorsorge der Fall wäre.

 

Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten, die Zahl der Geburten zu verringern: Entweder versucht man zu erreichen, dass der Geschlechtsakt gar nicht (bzw. in geringerem Maße als ohne Vorsorge) zu der Befruchtung der weiblichen Eizelle durch den männlichen Samen führt oder aber dass für den Fall, dass der Geschlechtsakt zu einer nicht erwünschten Befruchtung geführt hat, die Leibesfrucht vor der Geburt abgetrieben wird.

 

Es stellt sich nun die Frage, inwieweit diese beiden Methoden (Verhütung und Abtreibung) dem sechsten Gebot widersprechen. Wir haben oben gesehen, dass der Sinn der geschlechtlichen Vereinigung von Mann und Frau aus christlicher Sicht gerade darin liegt, dass neues Leben geschaffen und somit ein Kind geboren wird. Aus dieser Sicht scheint es auf den ersten Blick erforderlich, den natürlichen Verlauf der geschlechtlichen Vereinigung nicht zu beeinflussen, also immer dann, wenn dieser Akt zur Befruchtung führt, eine Geburt eines Kindes auch zuzulassen.

 

Nun haben wir allerdings gesehen, dass der Ehe und der Familie nicht nur die Funktion der Regeneration zufällt, dass eine Familie weitere Funktionen, vor allem die Erziehungsfunktion zu erfüllen hat. Der Erziehungsfunktion kann aber nur dann entsprochen werden, wenn die Ehepartner zusammenhalten und bereit sind, der Kinder wegen die Ehe nicht aufzugeben. Dieser Zusammenhalt der Ehepartner kann aber gerade dadurch gestärkt werden, dass die Eheleute sich immer wieder geschlechtlich vereinen, auch dann, wenn dieser Akt  immer dazu führen wird, dass ein Kind geboren wird.

 

Gerade aus diesen Gründen erlauben die christlichen Kirchen den Eheleuten sich durch gewisse natürliche Vorsorgemethoden geschlechtlich zu vereinen, auch dann, wenn die Geburt eines Kindes von vornherein unerwünscht ist. Allerdings lässt die offizielle Kirche nur eine natürliche Vorsorge zu. Erfahrungsgemäß schwankt die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung des weiblichen Eis im zeitlichen Rhythmus, sodass die Wahrscheinlichkeit einer Geburt in ganz bestimmten Tagen ein Minimum erreicht und es deshalb unwahrscheinlich wird, dass ein Kind geboren wird. Nach der Knaus-Ogino-Methode besteht die fruchtbare Zeitspanne vom 9. bis 19. Zyklustag. Allerdings sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Geburt auch in den anderen Tagen nie auf null, sodass nicht mit Sicherheit damit gerechnet werden kann, dass ein Geschlechtsakt nicht doch zu einer Geburt führt.

 

Gerade wegen dieser Unsicherheit und da darüber hinaus nur an sehr begrenzten Tagen ein Geschlechtsverkehr möglich wäre, wenn man die Befruchtung verhindern möchte, werden de facto zumeist andere Methoden der Verhütung von den Ehepartnern gewählt. Unter den mechanischen Methoden ist in erster Linie das Kondom für den Mann und das Pessar für die Frau zu erwähnen, wobei auch hier keine hundertprozentige Sicherheit gewährt ist und auch wegen einer Verringerung der mit dem Geschlechtsakt verbundenen Lust die Bereitschaft zu diesen Methoden gering ist.

 

Am häufigsten wird die Pille angewandt, welche auf chemische Weise die Befruchtung verhindern soll. Durch die Pille wird in den Hormonhaushalt der Frau eingegriffen und der Eisprung durch abgewandelte Eierstockhormone verhindert. Die Hypophyse wird hier dahin gehend beeinflusst, dass die zum Eisprung notwendigen Hormone nicht gebildet werden.

 

Gerade wegen dieses gravierenden Eingriffs in den Hormonhaushalt wird diese chemische Methode der Verhütung von der katholischen Kirche abgelehnt. Man sollte allerdings berücksichtigen, dass nahezu jedes Medikament, das gegen Gesundheitsgefährdungen verschrieben wird, ebenfalls in den natürlichen körperlichen Haushalt künstlich eingreift und dass auch fast alle Medikamente erhebliche negative (gesundheitsschädigende) Nebenwirkungen aufweisen. Wenn trotzdem Medikamente in großer Zahl von Ärzten verschrieben werden und wenn diese Verschreibungspraxis in aller Regel aus ethischer Sicht bejaht wird, so sicherlich deshalb, weil nur bei einer verantwortungsvollen Abwägung der positiven und der negativen Effekte eines Medikamentes es erwünscht sein kann, aufgrund der erhofften Heilungswirkungen die negativen Nebenwirkungen hinzunehmen.

 

Es fragt sich, ob nicht auch eine solche pragmatische Beurteilung im Hinblick auf die Antibabypille gerechtfertigt wäre. Auch diese Pille ist ein Medikament, das genauso wie die anderen Medikamente positive wie negative Effekte auslöst. Wenn man schon bereit ist, mit Hilfe natürlicher Methoden den Wirkungsprozess eines Geschlechtsaktes dahin gehend zu beeinflussen, das man oftmals eine Nichtgeburt anstrebt, könnte man dann nicht auch bereit sein, in diesem Falle jede dieser genannten Methoden zu akzeptieren und die Befürwortung im Einzelfall davon abhängig machen, inwieweit die negativen Folgen durch die erwünschten Effekte überkompensiert werden.

 

Genauso wie die Verschreibung eines Medikamentes auch dann gerechtfertigt sein kann, wenn mit negativ bewertenden Nebenwirkungen gerechnet werden muss, dürfte es hier nicht auch erwünscht sein, dass dann, wenn durch die Anwendung der Pille die Erhaltung der übrigen Funktionen einer Ehe gefördert werden kann, auch solche Methoden bejaht werden, von denen zwar negative Auswirkungen auf die Gesundheit der betreffenden Person ausgehen, die aber als geringer eingeschätzt werden können als die erwarteten positiven Auswirkungen?

 

Dieses Plädoyer zugunsten einer mehr pragmatischen Sicht wird dadurch noch verstärkt, als ja die geschlechtliche Vereinigung nicht nur die Funktion der Regeneration und der Erziehung der Kinder erfüllt. Nicht nur bezogen auf das heute weitverbreitete Bild einer romantischen Liebe wird auch von Seiten der offiziellen Kirche eingeräumt, dass der Geschlechtsakt auch der Vervollkommnung der Ehepartner in der gegenseitigen Liebe dient. Im Buch Genesis Kapitel 2, 21-24 klingt diese Bestimmung des Menschen an, dort heißt es:

 

21 ‚Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.

22  Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.

23  Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen, denn vom Mann ist sie genommen.

24  Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch.‘

 

Wenden wir uns nun der Abtreibung zu. Anders als im Hinblick auf mögliche Verhütungsmaßnahmen muss eine Abtreibung stets als ein Verstoß gegen die Gebote Gottes bezeichnet werden. Mit der Abtreibung wird nicht nur der Geschlechtsakt missbraucht, sondern gleichzeitig ein werdendes Menschenleben getötet und damit zusätzlich gegen das fünfte Gebot Gottes verstoßen.

 

Nun mag der Einwand, dass ein ungeborenes Kind noch keinen Mensch darstellt, der volle Verantwortung übernehmen kann, richtig sein, das ungeborene Kind ist sicherlich noch in der Entwicklung. Aber man muss auch zugeben, dass die Entwicklung des Menschen nicht bereits dadurch abgeschlossen ist, dass ein neuer Mensch als Kind geboren wird. Nur ein bestimmter Abschnitt der Menschwerdung ist mit der Geburt abgeschlossen, das Kind braucht noch viele Jahre der Erziehung, bis es der Sinngebung des Menschen voll entspricht und als selbstständiger Mensch verantwortungsvoll tätig werden kann.

 

Wenn man will, endet sogar dieser notwendige Lernprozess überhaupt nie, da heutzutage wohl jeder Mensch auch nach Abschluss der Schulausbildung immer wieder neues hinzulernen muss, da sich unsere natürliche wie gesellschaftliche Umwelt permanent ändert und die Menschen ihr Leben nur bewältigen können, wenn sie sich diesen Änderungen anpassen. Sicherlich wird man daraus nicht den Schluss ziehen können, dass Menschen, solange sie noch nicht voll verantwortungsfähig sind, auch kein Recht auf Leben besitzen.

 

Da sowohl der männliche Samen wie auch die weibliche Eizelle aus menschlichen Zellen bestehen, welche alle für die volle Entwicklung des zukünftigen Menschen notwendigen Erbinformationen enthalten, liegt es nahe, dass man auch den Beginn der Menschwerdung mit der Befruchtung ansetzt.

 

Nun muss natürlich auch hier wiederum damit gerechnet werden, dass in Ausnahmefällen das prinzipielle Verbot einer Abtreibung mit anderen Werten kollidiert, sodass man auch dann, wenn man grundsätzlich jede Abtreibung als Mord an einem Menschen hält, trotzdem zu dem Ergebnis gelangen kann, dass eine Abtreibung in extremen Einzelfällen notwendig werden kann, weil sonst andere noch höher stehende Werte verletzt würden.

 

Nehmen wir das Beispiel einer Frau, welche auf brutale Weise vergewaltigt wurde. Hier besteht in der Tat die Gefahr, dass dieses Erlebnis diese Frau so stark seelisch belastet, dass sie niemals mehr in der Lage ist, dem Kind, das aus dieser Vergewaltigung hervorgegangen ist, liebevoll zu begegnen. Auch wenn das Kind für dieses Geschehen ja keine Verantwortung trägt und deshalb wie jedes andere Kind ein Recht auf liebevolle Behandlung hat, wird man doch einräumen müssen, dass diese Aufgabe eine vergewaltigte Frau oftmals überfordert.

 

Trotzdem gibt es auch hier eine Alternative, welche im Hinblick auf die hier zur Diskussion stehenden Werte besser abschneidet. Man könnte akzeptieren, dass diese Frau ihr Kind zur Welt bringt, dass also das Kind nicht abgetrieben wird, dass aber das geborene Kind dann nicht von der leiblichen Mutter erzogen wird, sondern für eine Adaption freigegeben wird, sofern die Mutter die Erziehung dieses Kindes ablehnt. Hier wäre dem Gebot, menschliches Leben zu wahren, voll entsprochen, ohne dass jedoch die Mutter zu der fast unmöglichen Aufgabe gezwungen wird, objektiv diesem Kind gegenüber liebevoll zu begegnen.

 

Fortsetzung folgt!