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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 5. Das fünfte Gebot  Schluss

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Tötungen im Alten und Neuen Testament

3. Zwischenmenschliche Beziehungen

    a. Verbot des Mordens

    b. Tötung bei Angriff

    c. Gegenwehr gegen Verhaftung

    d. Selbstjustiz

    e. Kriegsdienstverweigerung

    f. Tyrannenmord

    g. Selbstmord

4. Staat gegenüber Straftäter

    a. Tötung bei Verhaftung

    b. Todesstrafe

5. Staaten untereinander

    a. Angriffskriege und Verteidigungskriege

    b. Heilige Kriege erlaubt?

6. nichttödliche Gewaltanwendung bei Angriffen 

7. Tötung von Tieren?

 

 

 

5b. Heilige Kriege erlaubt?

 

Kriege werden aus den unterschiedlichsten Gründen geführt. Im Altertum und Mittelalter gab es Volksstämme, welche in ihren bisherigen Lebensräumen keine ausreichende Nahrungsquellen mehr fanden und deshalb in andere Gegenden zogen und hierbei die dort ansässigen Volksstämme vertrieben, welche deshalb ebenfalls weiterzogen. Sehr oft wurden Kriege geführt um Rohstoffquellen zu erschließen oder um den Zugang zu den Meeren zu erzwingen. Oftmals vor allem seit der Neuzeit ging es den Eroberern einfach um Ausweitung ihrer Macht bis hin zur Erlangung der Weltmacht.

 

Hier in dieser Vorlesung interessiert in diesem Zusammenhang vor allem die Frage, ob Kriege auch zur Verbreitung des Glaubens geführt wurden und werden und ex pressis verbis mit dem Glauben als Heilige Kriege gerechtfertigt werden. Hierbei gilt es zu unterscheiden, wie sich die verschiedenen Herrscher und Religionsführer verhalten haben und welche Stellungnahmen in den Heiligen Schriften der Religionsgründer zu finden sind. Wir wollen uns hier einerseits auf die christliche Religion und andererseits auf den Islam beschränken. Beginnen wir mit der tatsächlichen Entwicklung.

 

Verfolgen wir die Geschichte der letzten beiden Jahrtausende, so müssen wir feststellen, dass von christlichen Herrschern genauso wie von islamitischen Führern gleichermaßen Kriege angezettelt wurden, welche mit dem Ziel der Verbreitung des Glaubens gerechtfertigt wurden, wobei natürlich zumeist neben diesen religiösen Gründen auch simple Eroberungsziele verfolgt wurden. Karl der Große hatte Sachsen bezwungen und hierbei die Bewohner dieser Landstriche mit dem Schwert zum christlichen Glauben gezwungen. Im Mittelalter bis zur Neuzeit wurden wiederholt Kriege geführt um den christlichen Glauben vor islamitischen Eroberer zu verteidigen. Der Dreißigjährige Krieg wurde vom deutschen Kaiser begonnen, um auf diese Weise die deutschen Länder wiederum zum katholischen Glauben zurückzuführen. Auch die Eroberung der Neuen Welt vor allem in Südamerika war mit der Missionierung der Einwohner dieser Länder verbunden.

 

In gleicher Weise lassen sich Heilige Kriege bei den verschiedensten islamitischen Eroberern feststellen, wobei auffällt, dass ein Teil islamitischer Fürsten gegenüber Christen ausgesprochen tolerant waren, während andere alle Andersgläubigen brutal unterdrückten und bekämpften.

 

Eine besondere Beachtung verdient der Umstand, dass im Mittelalter Päpste wiederholt (insgesamt einschließlich des Kinderkreuzzuges achtmal) zu Kreuzzügen zur Befreiung der von islamistischen Herrschern im Heiligen Land unterdrückten Christen aufriefen.

 

Anlass für den ersten Kreuzzug bildete die Eroberung Jerusalems im Jahre 1070 durch die türkischen Seldschuken und die hieraus resultierende Gefährdung der Pilgerfahrten ins Heilige Land sowie der Hilferuf des byzantinischen Kaisers, welcher eine Bedrohung des oströmischen Reiches befürchtete.

 

Zum 1. Kreuzzug rief Papst Urban II. auf dem Konzil von Clermont am 27. 11. 1095 auf.  Auch wenn man Papst Urban II vermutlich bescheinigen kann, dass er ehrlich von der Bedrängnis der Christen im Heiligen Land und in Ostrom überzeugt war und aus dieser Überzeugung heraus zu einem heiligen Krieg aufrief, spätestens nach der Beendigung dieses ersten Kreuzzuges war klar, dass dieser Kreuzzug zum Anlass genommen wurde, schon vor Erreichen des Heiligen Landes Juden, Muslime und selbst Christen wahllos niederzumetzeln. Fragt man nach dem langfristigen Erfolg aller 8 Kreuzzüge, so muss man erkennen, dass die Kreuzzüge vielen tausend unschuldigen Menschen das Leben gekostet haben und dass neben den vordergründig religiösen auch wirtschaftliche und politische Motive den Verlauf der Kreuzzüge bestimmten. Auf lange Sicht erzielten diese Heiligen Kriege keine anhaltenden Erfolge, vorübergehenden Siegen der Kreuzritter folgte zumeist sehr schnell wieder die Vertreibung durch islamische Herrscher.

 

Wie wenig auch den Päpsten allein nur die Befreiung der Christen mit der Forderung nach diesen Kreuzzügen am Herzen lag, zeigt auch die Haltung Gregor IX. Der Versuch des römischen Königs Friedrich II. die Kaisergewalt in Oberitalien wiederzugewinnen, ließ den latenten Konflikt zwischen deutschem Kaiser und Papst offen ausbrechen. Äußerer Anlass war der Umstand, dass König Friedrich II. bei seiner Aachener Königskrönung dem Papst gelobt hatte, einen Kreuzzug anzuführen, dieses Versprechen aber – aus der Sicht des Papstes aus nur vorgeschobenen Gründen – immer wieder hinausschob. Deshalb verhängte Gregor IX. 1227 gegen den deutschen König den Kirchenbann und dies führte schließlich dazu, dass sich Friedrich 1228 schließlich zum fünften Kreuzzug bereitfand.

 

Obwohl es Friedrich allein durch Verhandlungen mit dem Sultan Al-Kamil in Kairo gelang, dass der Sultan die heiligen Stätten den Christen kampflos überließ und damit die von den Päpsten aufgestellten Ziele sogar ohne Blutvergießen erreicht werden konnten, war der Papst trotzdem nicht sofort bereit, den Kirchenbann zu lösen. Erst als die Reichsfürsten nach Friedrichs Heimkehr im Frieden von San Germano den Ausgleich zwischen Papst Gregor IX. und Friedrich im Juli 1230 vermittelt hatten, war der Papst dann 1231 bereit, Kaiser Friedrich vom Kirchenbann zu befreien.

 

Fragen wir uns nun, wie die Kirchen in der heutigen Zeit die Frage nach der Erwünschtheit oder auch Berechtigung Heiliger Krieg beantworten. Wenn man einmal von wenigen radikalen Christensekten absieht, so lässt sich eindeutig feststellen, dass sowohl die römische Kirche wie auch die protestantischen Kirchen eindeutig jeden Versuch, durch einen Angriffskrieg weltliche wie religiöse Probleme zu lösen, kategorisch ablehnen, sie lehnen jeden Versuch, auf kriegerischem Wege Probleme einer Lösung zuzuführen ab und betonen, dass jeder Angriffskrieg mit dem christlichen Glauben in Widerspruch steht.

 

Auch im zweiten Vatikanischen Konzil wird ex pressis verbis unterstrichen, dass jeder das Recht auf Religionsfreiheit habe und dass deshalb jeder Versuch, einen Menschen gewaltsam zum richtigen Glauben zu zwingen, abzulehnen ist. Nach Überzeugung der christlichen Kirchen hat Gott den Menschen als ein freies Wesen erschaffen, der sich zu Gott und seinen Geboten oder auch gegen Gott wenden kann. Gott will, dass wir Menschen uns aus freien Stücken zu ihm bekennen, hier ist kein Platz für einen Heiligen Krieg.

 

Weniger eindeutig ist die Haltung der verschiedenen religiösen und politischen Führer des Islam. Zwar wurden Terrorakte in jüngeren Jahren bisweilen auch von einigen religiösen Führern des Islam verurteilt. Solange jedoch die Führer des Islam auf ihrem Boden Hassprediger in den Moscheen zulassen und sie auch offensichtlich finanziell unterstützen, sind diese Verurteilungen wenig überzeugend.

 

Viel wichtiger ist jedoch in unserem Zusammenhang die Frage, ob in den Heiligen Schriften und im Koran des Islam Hinweise zu finden sind, inwieweit ein Heiliger Krieg für berechtigt oder vielleicht sogar als geboten erscheint. Hier interessiert vor allem auch die Haltung der Religionsstifter zu dieser Frage, also wie Jesus selbst oder wie Mohammed zu dieser Frage standen.

 

Beginnen wir zunächst mit den Auskünften im Alten und Neuen Testament des Christentums. Sicherlich wird man zugeben müssen, dass die Schriften des Alten Testamentes voll sind von Berichten über Kriege, welche die Israeliten mit benachbarten Feinden geführt haben. Aber in aller Regel handelt es sich hierbei um Kriege, welche den Israeliten feindlich gesinnte Nachbarvölker aufgezwungen haben, sie dienten vorwiegend dazu, sich feindlicher Angriffe zu erwehren.

 

Und dort, wo z. B. kriegerische Handlungen zwischen den Israeliten wie z. B. zwischen Saul und David beschrieben werden, wird David für seine Handlungen bestraft, als im ersten Buch der Chronik Kapitel 28,3 Gott zu David sagte: ‚Du sollst meinem Namen kein Haus bauen; denn du hast Kriege geführt und Blut vergossen.‘

 

Am ehesten lassen sich in den späteren Schriften des Alten Testamentes vor allem im Buch Sacharja und im Buch Joel Stellen finden, welche auf eine Art Heiliger Krieg hinweisen mögen. Der erste Teil des Buches Sacharja bringt die Verkündigungen des Propheten Sacharja, welcher in den Jahren 520–518 v. Chr. in Jerusalem aufgetreten ist. Der zweite Teil hingegen (ab Kapitel 9) wurde vermutlich sehr viel später verfasst, wie der geschichtliche Hintergrund und die hierin geäußerten Visionen über die Endzeit erkennen lassen und in diesem zweiten Teil finden sich gewisse Passagen, welche von Kriegen gegen Ungläubige sprechen. So lesen wir:

 

Sach 10,5 ‚Sie alle werden wie Helden sein, die im Krieg den Feind in den Gassenkot treten. Sie werden kämpfen; denn der Herr ist mit ihnen. Dann müssen sich alle schämen, die auf Pferden reiten.‘

 

Sach 14,3 ‚Doch dann wird der Herr hinaus ziehen und gegen diese Völker Krieg führen und kämpfen, wie nur er kämpft am Tag der Schlacht.‘

 

Sach 14,12 ‚Dies aber wird der Schlag sein, den der Herr gegen alle Völker führt, die gegen Jerusalem in den Krieg gezogen sind: Er lässt ihren Körper verfaulen, noch während sie auf den Füßen stehen; die Augen verfaulen ihnen in den Augenhöhlen und die Zunge im Mund.‘

 

Aber da sich diese Stellen eindeutig auf das Endgeschehen beziehen, können sie wiederum nicht als Beleg dafür aufgeführt werden, dass zu einem Heiligen Krieg noch in dieser Welt aufgerufen wird.

 

Bei Joel schließlich in Kapitel 4,9 findet sich sogar eine Stelle, wo ex pressis verbis zum Heiligen Krieg aufgerufen wird: ‚Ruft den Völkern zu: Ruft den Heiligen Krieg aus! Bietet eure Kämpfer auf! Alle Krieger sollen anrücken und heraufziehen.‘ Aber auch hier besteht weitgehende Einigung, dass sich gerade das hier zitierte vierte Kapitel dieses Buches wiederum auf das zukünftige Heil Israels bezieht, wenn der Messias erscheint und das Ende dieser irdischen Welt eingeleitet wird.

 

Wenden wir uns nun dem Neuen Testament zu. Jesus selbst hat wohl an keiner Stelle seines Wirkens zu einem Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen aufgerufen, schon gar nicht einen solchen Kriegszug angeführt. Bekanntlich ist Jesus auf seinem letzten Gang nach Jerusalem kurz vor seiner Verhaftung auf einer Eselin geritten. Im Gegensatz zu Schlachtrössern kommt schon in dieser Geste die friedliche Haltung Jesu zum Ausdruck. Heerführer reiten im Allgemeinen auf Schlachtrössern, wer auf einer Eselin reitet, gibt hingegen seine friedliche Absicht kund.

 

Jesus wird von seinen Anhängern als Messias gefeiert und die zur Zeit Jesu lebenden Juden waren der Überzeugung, dass der Messias Juda vom Joch der römischen Besatzung befreien würde. Jesus aber antwortete im Matthäusevangelium Kapitel 22,17 und 22,21 den Pharisäern auf die Frage, ist es recht, dass man dem Kaiser Steuer entrichtet: Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört. So spricht sicherlich niemand, der die Absicht hat, zum Heiligen Krieg gegen die heidnischen  Römer aufzurufen.

 

Auch die Stelle bei Lukas Kapitel 22,35-38, in der Jesus seine Jünger aufforderte, ein Schwert zu kaufen, enthält keine Aufforderung, gegen die Ungläubigen zu Felde zu ziehen. Als nämlich die Jünger Jesus antworteten, dass sie über zwei Schwerter verfügten, entgegnete er: ‚Genug davon‘. Mit zwei Schwertern kann man fürwahr keinen Krieg führen!

 

Als Jesus weiterhin im Garten Getsemani verhaftet wurde und ein Jünger Jesu sein Schwert zog und dem Diener des Hohenpriesters ein Ohr abhieb, sagte Jesus zu ihm: ‚Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen. Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, nach der es so geschehen muss?‘ (nach Matthäus Kapitel 26,51-54). Jesu Bestimmung liegt sicherlich nicht darin, zu einem Heiligen Krieg aufzurufen.

 

Allerdings gibt es im Neuen Testament einige Stellen, die sich vielleicht auf den ersten Blick so anhören, als ob auch Jesus zum heiligen Krieg aufgerufen habe. So heißt es bei Lukas Kapitel 12,49: ‚Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!‘  Aber in den Einführungen und Erklärungen aus der Stuttgarter Erklärungsbibel. (Neuausgabe mit Apokryphen. 2005) erfahren wir: ‚Feuer ist in der Bildsprache des Alten Testaments Mittel endzeitlicher Reinigung und Erneuerung des Gottesvolkes (Sach 13,9; Mal 3,2-3); es dient auch als Bild für die richtende Macht des Wortes Gottes im Mund seiner Propheten (Jer 5,14; 23,29; Sir 48,1). In Jesu Verkündigung von der nahen Gottesherrschaft (→Reich Gottes) brennt dieses Feuer, und Jesus kann nichts so sehr wünschen, als dass es - richtend und letztlich rettend - sein Werk tut. Also wird auch hier keineswegs zu einem Heiligen Krieg aufgerufen.

 

Allenfalls in der Offenbarung des Johannes Kapitel 19,11 wird davon gesprochen: ‚Dann sah ich den Himmel offen, und siehe, da war ein weißes Pferd, und der, der auf ihm saß, heißt »Der Treue und Wahrhaftige«; gerecht richtet er und führt er Krieg.‘ Aber auch diese Stelle bezieht sich ja nicht auf einen Heiligen Krieg, der zu irdischen Zeiten von den Gläubigen gegen die Ungläubigen geführt wird, sondern ist eine bildhafte Umschreibung über das Nahen der Endzeit, in der Gott die Menschen für ihre Taten bestraft oder belohnt.

 

In Wirklichkeit gilt das, was Jakobus in seinem Brief Kapitel 4,1 gesagt hat: ‘Woher kommen die Kriege bei euch, woher die Streitigkeiten? Doch nur vom Kampf der Leidenschaften in eurem Innern.‘ In Wirklichkeit wird also im übertragenen Sinne ein Kampf gefordert, der sich gegen die Leidenschaften in unserem Innern richtet und welche vom wahren Glauben abführen. Es geht also gerade nicht darum, mit Waffengewalt gegen die Ungläubigen auszurücken und diese zum wahren Glauben zu zwingen.

 

Weniger eindeutig sind die Auskünfte über die Lehren des Islam. Der Koran, die heilige Schrift des Islam, verpflichtet alle Gläubigen zum Dschihad, dem tatkräftigen Einsatz für den Glauben an Allah, dem einzigen Gott. Dieser Einsatz kann verstanden werden als Kampf mit der Waffe aber auch als ein mehr geistiger mit dem Verstand argumentierender Einsatz für den wahren Glauben.

 

Zwei Ausführungsarten des Dschihad werden unterschieden: Der größere Dschihad besteht aus einem inneren, geistigen Kampf des Einzelnen gegen Laster, Leidenschaft und Unwissenheit. Vom kleineren Dschihad hingegen wird gesprochen, wenn Gläubige einen Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen führen. Der Islam geht davon aus, dass sich letzten Endes die gesamte Welt der mohammedanischen Religion mit Allah als einzigem Gott unterwerfen müsse, bis zur Erreichung dieses Zieles seien alle Gläubigen aufgerufen, sich an diesem Kampf zu beteiligen, wer in diesem Heiligen Kampf falle, gehe als Märtyrer ins Paradies und erhalte dort einen besonders ehrenvollen Platz.

 

Allerdings unterscheiden die Gesetzbücher des Islam zwischen zwei nicht dem Islam angehörenden Feindesgruppen, die Atheisten, die an keinen Gott glauben und die Völker des Bundes, welche wie vor allem die Juden und Christen an einen einzigen Gott glauben und ihre Religion wie der Islam auf den gemeinsamen Stammvater Abraham zurückführen. Die Angehörigen dieser Völker des Buches haben sich zwar der Autorität des Islam zu unterwerfen, dürfen aber nach ihrem angestammten Glauben weiterleben.

 

Im Hinblick auf die Frage, inwieweit es denn erlaubt oder sogar geboten ist, gegen Ungläubige mit Waffengewalt einen heiligen Krieg zu führen, hängt es entscheidend von der Interpretation des Koran ab. Der größere Dschihad bezieht sich ohnehin auf den geistigen Kampf jedes einzelnen Gläubigen gegen seine eigenen Laster. Auch im Hinblick auf den kleinen Dschihad wird bisweilen davon gesprochen, dass weniger ein offener Kampf mit Waffen als eine geistige aktive Auseinandersetzung mit den Irrlehren anderer Religionen gefordert werde. Auch sehen immer mehr moderne muslimische Autoren nur noch solche Kriege als legitim an, die der Verteidigung islamischer Staaten, der Freiheit der Muslime und des Schutzes der Muslime unter nicht-islamischer Herrschaft dienen. Vor allem wird eine Unterstützung terroristischer Akte auch dann, wenn sie vorgeben, im Auftrag Gottes zu handeln, mehrheitlich von Wissenschaftlern des Islam abgelehnt.

 

Obwohl eine solche Interpretation also durchaus mit der Überzeugung der heutigen christlichen Kirchen übereinstimmt, welche jeden Waffeneinsatz im Kampf gegen Andersgläubige ablehnt, muss doch darauf hingewiesen werden, dass Mohammed selbst ja nicht nur Religionsstifter war, sondern als politischer und militärischer Führer mit Waffengewalt gegen Andersgläubige vorging. Nochmals: Während Jesus auf einer Eselin nach Jerusalem zog, ritt Mohammed an der Spitze eines Heeres auf einem Schlachtross gegen seine Feinde und bezwang diese mit Waffengewalt. Es lässt sich somit sicherlich nicht eindeutig davon sprechen, dass die Religionsstifter und die Heiligen Schriften des Islam genau so eindeutig wie die heutigen christlichen Kirchen einen mit Waffen ausgetragenen Heiligen Krieg ablehnen.

 

 

6. nichttödliche Gewaltanwendung bei Angriffen 

 

Wir wollen uns zum Abschluss dieses Kapitels mit der Frage befassen, ob sich das fünfte Gebot des Dekalogs wirklich nur darauf beschränkt, den geplanten tödlichen Angriff gegen Mitmenschen als Sünde zu brandmarken, ob nicht aus der Begründung für diese Weisung eigentlich jeder bewusste und absichtliche Angriff auf Körper und Gesundheit eines Menschen als Verfehlung zu gelten hat, welche vermieden werden sollte. Und wir wollen uns darüber hinaus mit der Frage befassen, ob mit diesem Gebot wirklich nur das menschliche Leben angesprochen ist, ob nicht in Wirklichkeit auch das Leben der Tiere, also alle Lebewesen unter einem besonderen Schutz stehen.

 

Wir hatten eingangs das fünfte Gebot vor allem damit erklärt, dass es nach christlicher und jüdischer Überzeugung Gott war, der den Menschen geschaffen hatte und dass das, was Gott geschaffen hat, für den Menschen als heilig gilt, das nicht mutwillig ausgelöscht werden darf. Wir hatten noch hinzugefügt, dass Gott alle Menschen als sein Abbild geschaffen hat, dass in diesem Sinne alle Menschen gleich sind, dass sich der einzelne Mensch nicht über den anderen erheben solle, was er sicherlich tut, wenn er einen Mitmenschen bewusst angreift und tötet. Beginnen wir mir ersten Frage, ob nicht jede Gewaltanwendung gegen Mitmenschen als Sünde bezeichnet werden muss.

 

Wenn wir mit dem Text des Dekalogs beginnen, können wir als erstes feststellen, dass der Wortlaut des fünften Gebotes nur die Weisung erteilt, dass niemand seinen Mitmenschen vorsätzlich töten, also morden dürfe, von jeglicher Gewaltanwendung ist hier nicht die Rede. Und diese Aussage hat natürlich besonderes Gewicht, da ja der Dekalog eine Art Magna Charta oder Verfassung darstellt, welche die letztlichen, immer gültigen Weisungen enthält.

 

Wir hatten allerdings auch schon darauf hingewiesen, dass die weiteren Texte der Thora in einer Art Ausführungsbestimmung ähnlich wie in einem modernen Strafgesetzbuch festlegen, welche Handlungen jeweils unter die einzelnen Gebote fallen und welche Strafen für diejenigen vorgesehen sind, welche diese Gesetze übertreten. Am Strafumfang lässt sich dann auch ablesen, welche Bedeutung den einzelnen hier aufgeführten Handlungen beigemessen wurde.

 

Wenn auch diese weiteren Texte nur relativ kurz auf unsere Frage nach der Sündhaftigkeit jeglicher Gewaltanwendung  eingehen, es werden hier in der Tat auch Gewaltanwendungen, die nicht zum Tode führen, welche auch gar nicht die Absicht verfolgten, den Mitmenschen zu töten, angesprochen. So heißt es dort unter anderem:

 

‚Wer seinen Vater oder seine Mutter schlägt, wird mit dem Tod bestraft.‘ (in Exodus Kapitel 21,15).

 

Da die Erfüllung der Erziehungsaufgabe als für die Lebensfähigkeit der Heranwachsenden wesentlich angesehen wird und da hier offensichtlich von der Annahme ausgegangen wird, dass diese Aufgabe gefährdet ist, wenn Kinder ihre Eltern schlagen, wird diese Verfehlung sogar mit dem Tode bestraft.

 

An weiteren Stellen der Thora im Buch Exodus Kapitel 21,18-25 wird auch die Körperverletzung durch Menschen angesprochen:

 

18  ‚Wenn Männer in Streit geraten und einer den andern mit einem Stein oder einer Hacke verletzt, sodass er zwar nicht stirbt, aber bettlägerig wird,

19  später wieder aufstehen und mit Krücken draußen umhergehen kann, so ist der freizusprechen, der geschlagen hat; nur für die Arbeitsunfähigkeit des Geschädigten muss er Ersatz leisten und er muss für die Heilung aufkommen…

 

22  Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass sie eine Fehlgeburt hat, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann soll der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er kann die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten.

23  Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben,

24  Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß,

25  Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.‘

 

Aus diesen Texten wird klar, dass diese Art von Verfehlungen (körperliche Angriffe, die nicht zum Tode führen) oftmals als geringfügig eingestuft werden. Im Grunde genommen geht es bei diesen Bestimmungen nicht primär um die Tatsache, dass sich diese Handlungen gegen den Körper und gegen die Gesundheit richten, es ist vielmehr allein der materielle Schaden, der vom Angreifer dem Angegriffenen zu entrichten ist. In den modernen Gesetzbüchern kommt dieser Unterschied dadurch zum Ausdruck, dass alle im Strafgesetzbuch aufgeführten Verfehlungen von Amtswegen vor einem Strafgericht zu verfolgen sind, während materielle Ansprüche gegen Mitmenschen vor Privatgerichten verhandelt werden und und von den Geschädigten selbst angestrengt werden müssen.

 

Wir hatten bereits an anderer Stelle daraufhin gewiesen, dass der in der Thora erwähnte Rechtsgrundsatz: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn, Leben um Leben‘ nicht so zu verstehen ist, dass z. B. derjenige, dem im Kampf ein Zahn ausgerissen wurde, nun einen Anspruch darauf habe, dass auch dem Angreifer ein Zahn ausgerissen werde, dass hier vielmehr lediglich das Prinzip formuliert werden soll, dass die Strafen für Verfehlungen dem Umfang des angerichteten Schadens entsprechen sollen und dass bei gleichem Schaden auch die Schwere der Strafe gleich hoch ausfallen soll.

 

Kommen wir nun zu der Frage, wie sich denn Jesus zu der hier aufgeworfenen Frage geäußert hat. In der Bergpredigt bei den Seligpreisungen im Matthäusevangelium Kapitel 5,5-9 heißt es z. B.:

 

‚Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben...

 

Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.‘

 

Hier wird also bewusst auf die Gewaltanwendung und nicht nur auf das Töten Bezug genommen. Und in Vers 25 dieses Kapitels fährt Jesus fort:

 

21  ‚Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.

22  Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.‘

 

Hier wird eine durchgehende Grundhaltung von Jesus deutlich. Hier ersetzt Jesus die im Alten Testament aufgeführten Verbote keineswegs im Sinne von Antithesen durch neue, andere Gebote. Vielmehr soll kein Buchstabe bis zum Ende der Zeiten wegfallen, es geht Jesus vielmehr darum, dass viele Juden zu der damaligen Zeit allzu sehr nur noch auf den Buchstaben des Gesetzes achteten und gar nicht mehr nach dem eigentlichen Sinn gefragt haben, die diesen Weisungen zugrunde liegen.

 

Wenn jemand einen Mitmenschen absichtlich tötet, so beginnt diese Tat zunächst damit, dass der potenzielle Angreifer Mordabsichten hegt, also die Auslöschung eines Mitmenschen plant und darüber nachsinnt, wie er sein Opfer am besten ermorden kann. Wenn wir den Mord wirksam bekämpfen wollen, müssen wir an die Wurzel des Übels gehen und dort ansetzen, wo der Mord beginnt. In dem Sinne ist derjenige, der nur Mordabsichten mit sich herumträgt, ohne dass er sie bereits in die Tat umgesetzt hat, bereits sündig geworden. Christen sprechen im allgemeinen Sündenbekenntnis: ‚ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken‘, also auch schon die Gedanken und der verbale Angriff mit wüsten Beschimpfungen zählt danach zu den Sünden.

 

Hier unterscheidet sich das christliche Rechtsbewusstsein deutlich von einem Strafgesetzbuch eines modernen Staates. Das Hegen eines Mordgedankens allein ist danach noch keine Straftat, die Gedanken sind frei. Erst dann, wenn die Mordabsichten in die Tat umgesetzt werden, wenn also das Opfer getötet wurde oder der Mörder zumindest tatkräftig versucht hat, sein Opfer zu töten, liegt ein Straftatbestand vor. Dann allerdings spielen bei der Feststellung der Höhe der Strafe auch die Beweggründe des Mordes eine entscheidende Rolle, sie können strafmindernd oder aber auch bei niederen Motiven strafverschärfend berücksichtigt werden.

 

Andere Stellen in den vier Evangelien machen deutlich, dass Jesus sehr wohl jede Art von Gewaltanwendung verurteilt. Bei Lukas Kapitel 6,19 heißt es z. B.:

 

‚Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.‘

 

Im Johannesevangelium Kapitel 20,19 lesen wir:

 

‚Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!

 

Und bereits im 13. Kapitel Vers 31-35 spricht Jesus über das neue Gebot, das er den Jüngern gebe:

 

‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.‘

 

Also zumindest untereinander sollen die Jünger keine Gewalt anwenden. Natürlich handelt es sich hierbei um kein wirklich neues Gebot, den Nächsten zu lieben, galt bereits bei Moses, so etwa im Buch Levitikus Kapitel 19:

 

‚Du sollst deinen Nächsten nicht ausbeuten und ihn nicht um das Seine bringen. Der Lohn des Tagelöhners soll nicht über Nacht bis zum Morgen bei dir bleiben.

Du sollst deinen Stammesgenossen nicht verleumden und dich nicht hinstellen und das Leben deines Nächsten fordern. Ich bin der Herr.

An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.‘

 

Neu ist an dieser Aufforderung lediglich, dass diese alte Forderung bisher nach Meinung Jesu allzu sehr vernachlässigt wurde und dass sich die Jünger Jesu gegenüber den anderen jüdischen Zeitgenossen mit sehr viel mehr Einsatz um die Verwirklichung dieses Gebotes kümmern sollen. Und wenn diese veränderte Haltung sichtbar wird, dann kann man auch hoffen, dass andere diesem guten Beispiel folgen und das Gebot der Nächstenliebe ebenfalls gewissenhafter einhalten.

 

 

7. Tötung von Tieren?

 

Wir wollen uns nun der Frage zuwenden, wieweit das fünfte Gebot des Dekalogs auch die bewusste Tötung von Tieren miteinschließt. Auch wenn sich der Wortlaut des fünften Gebotes ex pressis verbis nur auf die Tötung von Menschen bezieht, können wir auch hier davon ausgehen, dass ja auch die Tiere wie die Menschen Geschöpfe Gottes sind und deshalb auch nicht willkürlich getötet werden sollten.

 

Nach dem Buch Genesis Kapitel 1 hat Gott den Menschen und Tieren nur die Pflanzen als Nahrung zugewiesen, sie also als Vegetarier geschaffen. Dem urzeitlichen, erst nach der Sintflut aufgehobenen Vegetarismus entspricht in Jesaja Kapitel 11 ein endzeitlicher Vegetarismus. Die Zeit des Fressens und Gefressen-Werdens soll wieder ein Ende finden. In Genesis Kapitel 1, 28-30 heißt es:

 

1,28 ‚Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

29  Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.

30  Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es.‘

 

Danach dürfen also die Menschen die Tiere des Himmels, der Meere und der Erde unterwerfen und dies bedeutet sicherlich, dass die Menschen berechtigt sind, die Tiere im Rahmen der Produktion der Nahrungsmittel zur Übernahme eines Teil der Arbeit einzusetzen und auch die Schafe zu scheren und die hierdurch gewonnene Wolle zur Herstellung von Kleidern zu verwenden. Es wird aber nicht erwähnt, dass der Mensch berechtigt sein sollte, Tiere zum Zwecke der Nahrung zu töten, da eigens erwähnt wird, dass die Pflanzen zur Nahrung der Tiere wie der Menschen dienen sollen. Eine Schlachtung von Tieren ist nur erlaubt für Brandopfer, welche Gott geweiht werden.

 

Später nach der Rettung Noahs von der Sintflut wird hingegen dem Menschen eigens erlaubt, Fleisch von Tieren zu essen und hierzu die Tiere zu töten. Im Buch Genesis Kapitel 9,1-4 lesen wir:

 

1  ‚Dann segnete Gott Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, vermehrt euch und bevölkert die Erde! 

2  Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben.

3  Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.

4  Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.‘

 

Die Frage, inwieweit Fleisch von Tieren als Nahrung dienen darf wird dann auch im Anschluss an den Dekalog im Buch Levitikus Kapitel 11,2-26 angesprochen:

 

                   11,2 Sagt den Israeliten: Das sind die Tiere, die ihr von allem Vieh auf der Erde essen dürft:

11,3 Alle Tiere, die gespaltene Klauen haben, Paarzeher sind und wiederkäuen, dürft ihr essen.

11,4 Jedoch dürft ihr von den Tieren, die wiederkäuen oder gespaltene Klauen haben, Folgende nicht essen: Ihr sollt für unrein halten das Kamel, weil es zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; …

 

11,9 Von allen Tieren, die im Wasser leben, dürft ihr essen; alle Tiere mit Flossen und Schuppen, die im Wasser, in Meeren und Flüssen leben, dürft ihr essen…

 

11,24 An diesen Tieren verunreinigt ihr euch; jeder, der ihr Aas berührt, wird unrein bis zum Abend.

11,26 Alle Tiere mit gespaltenen Klauen, die aber nicht Paarzeher sind und nicht wiederkäuen, sollt ihr für unrein halten; jeder, der sie berührt, wird unrein.‘

 

Aus diesem Text geht allerdings hervor, dass es bei diesen Bestimmungen weniger darum geht, ob das Leben der Tiere genauso wie das des Menschen als von Gott geschaffen und deshalb als heilig zu gelten hat. Es geht bei diesen Bestimmungen vielmehr um Reinheitsvorschriften, die den primären Zweck verfolgen, die Gesundheit der Israeliten zu garantieren. Wenn den Israeliten z. B. verboten wurde, Schweinefleisch zu essen, so nicht etwa deshalb, weil Schweine unreine Tiere darstellen. Alle Tiere sind von Gott geschaffen und gelten deshalb als rein. Es wurde nur befürchtet, dass das Essen von Schweinefleisch gesundheitliche Gefahren zur Folge haben könne und es wurde deshalb aus gesundheitlichen Gründen, dass also die Menschen nicht unrein (krank) werden, Reinheitsvorschriften des koscheren Essens aufgestellt.

 

Bei der Beurteilung dieser Reinheitsvorschriften gilt es wie bei allen Ausführungsbestimmungen zu beachten, dass diese Weisungen Anwendungen der immer gültigen Gesetze darstellen, dass bei dieser Anwendung stets das zur damaligen Zeit bekannte Wissen angewandt wurde und dass auf die allgemeinen Lebensgewohnheiten der Israelis zur Zeit als diese Vorschriften formuliert wurden, Bezug genommen wurde. Es ist klar: Wenn wir diese Vorschriften auf unsere heutige Zeit und auf heutige Völker anwenden, haben wir zu berücksichtigen, dass sich unser Wissen über mögliche gesundheitliche Gefahren bestimmter Nahrungsmittel genauso verändert und verbessert haben kann wie auch veränderte Lebensgewohnten andere Schlussfolgerungen über die gesundheitlichen Gefahren bestimmter Nahrungsmittel notwendig machen. Schon allein die Entwicklung der Konservierungstechnik kann dazu beitragen, dass bestimmte Gefahren der damaligen Zeit heute nicht mehr gelten.

 

Die Sorge um gesundheitliche Gefahren gehört auch zu den wichtigsten Motiven des Vegetarismus. Der Vegetarismus tritt dafür ein, sich nur von pflanzlichen Nahrungsmitteln zu ernähren, wobei strenge Vegetarier, die sogenannten Veganer auf alle Nahrungsmittel tierischer Herkunft verzichten, während weniger radikale Vegetarier außer pflanzlicher Nahrung auch Molkereiprodukte wie Milch, Käse und Butter sowie Eier zu sich nehmen.

 

Vegetarier verzichten neben gesundheitlichen und moralisch-religiösen Gründen auch aus einer ökologischen Motivation heraus auf Fleischgenuss. Fleischessen wird abgelehnt, weil es als grausam und unnötig gilt, Tiere zu töten. Auch der Umstand, dass Tiere oft unter unwürdigen Bedingungen gehalten werden, führt zu einer Ablehnung des Fleischkonsums. Im Hinblick auf die menschliche Gesundheit gelten Fleisch und Milchprodukte für den menschlichen Körper schädlich, während pflanzliche Nahrung die Gesundheit fördere. Auch liege bei intensivem Fleischverzehr angesichts weltweiter Hungersnöte eine Verschwendung kostbarer Ressourcen vor. Die Produktion von Fleisch erfordere höhere Kosten als die Herstellung von Getreide. Auch lassen sich bei Pflanzenanbau als bei Aufzucht von Tieren von der gleichgroßen Nutzfläche erheblich mehr Menschen ernähren.

 

Empirische Untersuchungen zeigen, dass Vegetarier in der Regel weniger Krankheiten aufweisen  als Menschen mit hohem Fleischkonsum. Sie leiden vor allem weniger an ernährungsbedingten Krankheiten wie Fettleibigkeit, Bluthochdruck, Arterienverkalkung und anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie an bestimmten Krebsarten wie Darmkrebs.

 

Trotzdem rät die Deutsche Gesellschaft für Ernährung von einer rein vegetarischen Ernährung ab, da diese insbesondere für Jugendliche zu Mangelerscheinungen führe. So stelle sich bei Verzicht auf Milchprodukte ein Calciummangel ein, auch sei keine ausreichende Aufnahme von Eisen garantiert. Empfohlen wird eine Ernährung vor allem mit Getreideprodukten, Kartoffeln, sonstigem Gemüse, Obst und Milchprodukten, zudem ein bis zwei Mal pro Woche Fisch und gelegentlich Eier und Fleisch.

 

Eisen wird nämlich bei rein pflanzlicher Nahrung vom Körper schlechter aufgenommen als bei tierischer Nahrung (nur etwa zu 3-8 % gegenüber etwa 20 %). Überdies beeinträchtigen Stoffe wie z. B. Oxalsäure, welche in einigen Gemüsesorten (Spinat, Mangold und Rhabarber) vorkommen, die Eisenaufnahme. Eine ähnliche Wirkung wird den Gerbstoffen im schwarzen Tee und ein Übermaß an Calcium und Phosphat in einigen Naturprodukten nachgesagt.

 

Diese Feststellungen widersprechen nicht unbedingt den erwähnten empirischen Untersuchungen. Die besseren Gesundheitswerte der Vegetarier könnten nämlich auch damit erklärt werden, dass sich Vegetarier auch ansonsten gesünder ernähren, also z. B. mehr Ballaststoffe zu sich nehmen und auch eine vitaminreichere Kost essen. Es ist durchaus denkbar, dass bei einer ausgewogenen Nahrung die positiven Wirkungen auch dann eintreten, wenn zusätzlich Fleisch gegessen wird. Generell gilt, dass es bei einer ausgewogenen Nahrung für Fleisch essende Personen sehr viel leichter ist, die erforderlichen lebenswichtigen Mineralien, Vitamine und Aminosäuren aufzunehmen, während ein strenger Vegetarier sehr genau darauf achten muss, die benötigten Vitalstoffe zu erhalten.

 

Während also für die Zeit nach der Sintflut das Alte Testament ausdrücklich bestimmte Fleischarten erlaubt, finden sich bei den Propheten Jesaja und Hosea Hinweise darauf, dass in der Endzeit  wiederum ein Friedensreich einkehre, indem Menschen und Tiere friedlich nebeneinander leben und sich nur noch von Pflanzen ernähren. So heißt es bei Jesaja in Kapitel 11 und 65:

 

Jes 11,6 ‚Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten.‘

 

Jes 65,25 ‚Wolf und Lamm weiden zusammen, der Löwe frisst Stroh wie das Rind [doch die Schlange nährt sich von Staub]. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg, spricht der Herr.‚

 

Und bei Hosea, einem Propheten, welcher um 750 v. Chr. gewirkt hat, in Kapitel 2,20 findet sich folgende Stelle:

 

‚Ich schließe für Israel an jenem Tag einen Bund mit den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels und mit allem, was auf dem Erdboden kriecht. Ich zerbreche Bogen und Schwert, es gibt keinen Krieg mehr im Land, ich lasse sie Ruhe und Sicherheit finden.‘

 

Bei Jesus selbst finden sich wenige Hinweise darauf, wie er zu der Frage stand, inwieweit Tiere getötet werden dürfen und inwieweit vor allem die Menschen sich vom Fleisch der Tiere ernähren sollten. Dies verwundert vor allem deshalb, weil Jesus im Allgemeinen und insbesondere in der Bergpredigt die einzelnen Weisungen des Dekalogs nicht nur übernommen, sondern ausgeweitet und verinnerlicht hatte: ‚Ihr habt gehört,… ich aber sage euch‘.

 

Bei den Speisungen der Viertausend (Matthäus 15,32-39) und der Fünftausend (Matthäus 14,13-21) werden neben Brote immer auch Fische erwähnt, sie gehören offensichtlich wie selbstverständlich zur täglichen Nahrung. Auch im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32) sagt der Vater voll Freude über die Rückehr seines Sohnes zu seinen Knechten: ‚Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.‘  Immerhin steht in diesem Gleichnis der Vater für Gott selbst, der jederzeit bereit ist, einem sündigen Menschen zu vergeben, wenn er Reue zeigt und zu einem gottgefälligen Leben umkehrt. Zwar wollen Gleichnisse niemals die in ihnen gebrauchten Bilder als solche bewerten, sie dienen nur dazu, einen uns noch nicht vertrauten Zusammenhang zu verdeutlichen, trotzdem wird auch hier wiederum wie selbstverständlich unterstellt, dass ein feierliches Mahl auch Fleisch enthalten sollte und somit sicherlich nicht als etwas verwerfliches anzusehen ist.

 

In diesem Kapitel wurde eine spezielle Art der bewussten Tötung menschlichen Lebens unbeantwortet gelassen: die Abtreibung eines noch nicht geborenen Kindes im Mutterleib. Wir werden uns mit dieser Frage noch ausführlich im nächsten Kapitel befassen, welches sich mit dem sechsten Gebot auseinandersetzt, da diese Art Tötung menschlichen Lebens eng zusammen mit dem Themenkreis der geschlechtlichen Beziehungen und der Bedeutung der Ehe und Familie steht.