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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 5. Das fünfte Gebot  Fortsetzung

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Tötungen im Alten und Neuen Testament

3. Zwischenmenschliche Beziehungen

    a. Verbot des Mordens

    b. Tötung bei Angriff

    c. Gegenwehr gegen Verhaftung

    d. Selbstjustiz

    e. Kriegsdienstverweigerung

    f. Tyrannenmord

    g. Selbstmord

4. Staat gegenüber Straftäter

    a. Tötung bei Verhaftung

    b. Todesstrafe

5. Staaten untereinander

    a. Angriffskriege und Verteidigungskriege

    b. Heilige Kriege erlaubt?

6. nichttödliche Gewaltanwendung bei Angriffen 

7. Tötung von Tieren?

 

 

 

4. Staat gegenüber Straftäter

   

a. Tötung bei Verhaftung

 

Galten unsere bisherigen Überlegungen zur Bedeutung des fünften Gebotes der Frage, inwieweit denn einzelne Personen das Recht haben, Mitmenschen zu töten, wollen wir uns in diesem Abschnitt der Frage zuwenden, inwieweit denn der Staat das Recht hat, Bürger dieses Staatswesens zu töten.

 

Im Grunde handelt es sich hierbei um zwei Fragenkomplexe. Eine Tötung kann unter Umständen notwendig werden bei dem Versuch, einer angeklagten Person habhaft zu werden und diese der Gerichtsbarkeit zuzuführen. Zum andern ist hier die Frage zu diskutieren, inwieweit der Staat überhaupt das Recht hat, bei besonders schweren Kapitalverbrechen den überführten Täter mit der Todesstrafe zu belegen. Bekanntlich sehen die Verfassungen der meisten modernen freiheitlichen Rechtsstaaten wie z. B. der BRD vor, dass eine Todesstrafe nicht verhängt werden darf, mag das nachgewiesene Verbrechen noch so groß sein. Allerdings gibt es andere Staaten, die ansonsten gleicher Weise den freiheitlichen Rechtsstaaten zugerechnet werden, aber trotzdem ex pressis verbis die Todesstrafe nach wie vor vollziehen. Leider muss auch darauf hingewiesen werden, dass die modernen Diktaturen einschließlich der islamitischen Staaten in aller Regel die Todesstrafe praktizieren.

 

Da wir das Verbot, einen Menschen absichtlich zu töten mit dem hohen Wert des Lebens eines jeden Menschen erklärt haben, gelten diese Rechtfertigungen auch für den Fall, dass Staatsbeamte im Auftrag der Gemeinschaft in aller Regel nicht das Recht haben können, einzelne Bürger zu töten. Dies gilt zunächst für den Fall, dass die Beamten tatsächlich im Auftrag der Gemeinschaft tätig werden, erst recht natürlich für die Fälle, bei denen Staatsbeamte oder auch Politiker ihre Macht dazu missbrauchen, aus privaten Gründen und allein zur Aufrechterhaltung ihrer Macht Untergebene oder auch Konkurrenten zu töten.

 

Nun hatten wir weiter oben allerdings darauf hingewiesen, dass ein Tötungsakt unter gewissen Voraussetzungen dann erlaubt sein kann, wenn eine Person unberechtigter Weise angegriffen wird und wenn der Angegriffene keine andere Möglichkeit hat, sich dieses Angriffes auf sein Leben dadurch zu erwehren, dass er den Angreifer selbst tötet.

 

Wenn schon dieses Recht einem einzelnen Individuum im Hinblick auf seine Mitmenschen zugestanden werden kann, hat dieses Recht a fortiori für Staatsbeamte zu gelten, welche im Auftrag der staatlichen Gemeinschaft Straftäter zu verfolgen haben und bei dieser Gelegenheit unter Umständen ihre eigene Haut nur dadurch retten können, dass sie – wenn notwendig – den zu Recht Verfolgten notfalls sogar töten.

 

Allerdings kann dieses Recht nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen in Anspruch genommen werden. In einem Rechtsstaat gilt stets das Prinzip, dass ein Angeklagter erst dann als Verbrecher behandelt werden darf, wenn er durch ein ordentliches Gericht abschließend der Tat eindeutig überführt wurde und vom Gericht mit einer entsprechenden Strafe belegt wurde. Dieses Prinzip wäre durchbrochen, wenn Staatsbeamte bei dem Versuch der Verhaftung die Beschuldigten ohne weiteres erschießen dürften, sofern sich die Verfolgten der Verhaftung zu entziehen versuchen. Dies gilt vor allem dann, wenn die Verfassung die Todesstrafe generell verbietet, alles andere hieße die Todesstrafe durch die Hintertür wieder einzuführen und hierbei sogar die stets verschärften Bedingungen bei der Feststellung der Tat zu umgehen. Ob und unter welchen Bedingungen eine Tötung im Zusammenhang mit der Verhaftung rechtens sein kann, hängt somit unter anderem ganz entscheidend davon ab, inwieweit die Staatsverfassung eine Todesstrafe zulässt.

 

Es gilt zweitens das Prinzip der Angemessenheit. Es sollte eigentlich klar sein, dass die Tötung im Zusammenhang mit der Verfolgung eines Angeklagten nur dann äußerstenfalls berechtigt sein kann, wenn der Beschuldigte eines (oder mehrerer) Verbrechen angeklagt wird, welchen ein Vergehen gegen das menschliche Leben zugrunde liegt. Eine Tötung im Zusammenhang mit der Verhaftung kann also allenfalls bei sogenannten Kapitalverbrechen wie Mord oder Entführungen erlaubt sein. Eine Tötung bei der Verhaftung kann niemals erlaubt sein, wenn geringfügige Delikte wie z. B. einfacher Diebstahl zur Diskussion stehen, selbst dann, wenn ohne Tötung der Beschuldigte nicht verhaftet werden könnte. Eine Durchführung eines ordentlichen Gerichtsverfahrens kann in diesen Fällen niemals eine Tötung des Angeklagten rechtfertigen.

 

Drittens muss auch eindeutig klar sein, dass eine Tötung bei der Verhaftung nur dann erlaubt sein kann, wenn nur auf diese Weise die Beamten ihr eigenes Leben retten können, wobei es allerdings weniger darauf ankommt, ob diese Tötungshandlung tatsächlich notwendig war, sondern darauf, ob von den handelnden Beamten erwartet werden konnte, dass sie im Augenblick der Tat der festen Überzeugung waren, dass die Tötung der einzige Ausweg war, der eigenen Tötung zu entgehen.

 

Aber gerade diese dritte Voraussetzung dürfte in den wenigsten Fällen erfüllt sein. Beamte sind während ihrer Ausbildung im Umgang mit der Waffe ausreichend zu schulen und im Allgemeinen dürfte es für einen geübten Schützen immer möglich sein, notfalls einen gezielten Schuss z. B. in die Hand abzugeben, der den Verfolgten kampfunfähig macht, trotzdem aber sein Leben nicht bedroht.

 

Viertens schließlich hängt die Frage der Berechtigung einer Tötung bei der Verhaftung auch davon ab, ob mit der Verhaftung und Verurteilung nur ein bereits begangenes Verbrechen gesühnt werden soll oder ob die Gefahr besteht, dass der Angeklagte weitere Kapitalverbrechen begeht, solange er sich auf freiem Fuß befindet. Auch hier gilt es eine Abwägung der hiervon betroffenen Rechtsgüter vorzunehmen. Das Ziel, einen Verbrecher zur Sühne seiner Tat zu zwingen, kann nicht rechtfertigen, dass der Täter bei der Verhaftung getötet wird, schon gar nicht, wenn die Verfassung eine Todesstrafe verbietet.

 

 

b. Todesstrafe

 

Das größere Problem im Zusammenhang einer Tötung von Menschen, welche Gesetze verletzt haben, entsteht jedoch im Zusammenhang mit der Frage, ob ein Gericht nach einem ordnungsgemäß durchgeführten Gerichtsverfahren eine Todesstrafe verhängen darf. Wir haben zu überprüfen, welche Argumente jene anführen, welche die Todesstrafe in allen Fällen ablehnen und mit welchen Argumenten die Anhänger dieser Art der Bestrafung eine Todesstrafe bei besonders schweren Kapitalverbrechen zu verteidigen versuchen.

 

Da wir die Frage nach der Berechtigung der Todesstrafe hier in diesem Artikel auf der Grundlage eines religiösen (christlichen) Weltbildes diskutieren, interessiert an dieser Stelle in erster Linie die Frage, ob denn eine Todesstrafe aus christlicher Sicht erlaubt, vielleicht sogar geboten oder verboten sein sollte. Und in diesem Zusammenhang ist natürlich vor allem von Bedeutung, welche Auskunft denn die Heilige Schrift selbst zu dieser Frage gibt. In der Tat führen die Verfechter einer Todesstrafe als ihr schärfstes Geschütz auf, dass aus den Texten des Alten Testamentes eindeutig hervorgehe, Gott selbst habe für bestimmte Vergehen die Todesstrafe gefordert. So lesen wir beispielsweise in den Bücher der Thora:

 

‚Der Herr sprach zu Mose: (Exodus 20,22)…

 

Wer einen Menschen so schlägt, dass er stirbt, wird mit dem Tod bestraft. (Exodus 21,11-12)…

 

Wer seinen Vater oder seine Mutter schlägt, wird mit dem Tod bestraft. (Exodus 21,15)

 

Wer einen Menschen raubt, gleichgültig, ob er ihn verkauft hat oder ob man ihn noch in seiner Gewalt vorfindet, wird mit dem Tod bestraft. (Exodus 21,16)

 

Wer seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft. (Exodus 21,15-17)…

 

Darum haltet den Sabbat; denn er soll euch heilig sein. Wer ihn entweiht, soll mit dem Tod bestraft werden. Denn jeder, der an ihm eine Arbeit verrichtet, soll aus seinen Stammesgenossen ausgemerzt werden. (Exodus 31,14)….

 

Sag zu den Israeliten: Jeder Mann unter den Israeliten oder unter den Fremden in Israel, der eines seiner Kinder dem Moloch gibt, wird mit dem Tod bestraft. Die Bürger des Landes sollen ihn steinigen. (Levitikus 20,2)….

 

Ein Mann, der mit der Frau seines Nächsten die Ehe bricht, wird mit dem Tod bestraft, der Ehebrecher samt der Ehebrecherin. (Levitikus 20,10)

 

Ein Mann, der mit der Frau seines Vaters schläft, hat die Scham seines Vaters entblößt. Beide werden mit dem Tod bestraft.‘ (Levitikus 20,10-11).

 

Um die Beutung dieser Bibelstellen richtig einzuschätzen, soll nochmals auf einige grundlegende Prinzipien hingewiesen werden, die bei der Interpretation von Bibelstellen generell zu beachten sind und welche vor allem im einleitenden Kapitel dieser Vorlesung angeführt und besprochen wurden.

 

Der Dekalog selbst stellt gewissermaßen die Magna Charta, die Verfassung dar, welche die letztlichen, immer gültigen Grundwerte umschreibt. Die in den Büchern Moses weiteraufgeführten Gesetzesbestimmungen bringen ähnlich wie ein modernes Strafgesetzbuch die Ausführungsbestimmungen, die eine Anwendung der obersten Grundsätze darstellen. Bei dieser Anwendung gehen immer auch die Probleme der Zeit ein, die bei der Abfassung dieser Schriften vorlagen und nicht unbedingt auch in sehr viel späteren Jahren gültig sein müssen.

 

Diese Vorschriften spiegeln vor allem auch das Wissen der damaligen Zeit wieder, auf welchem Wege denn die Grundmaximen gesichert werden können. Wir können z. B. durchaus davon ausgehen, dass es der Überzeugung der damaligen Zeit entsprach, dass bestimmten Geboten eben nur dadurch Durchbruch gesichert werden könne, dass man Übertretungen mit dem Tode bestraft. Dem steht nicht zuwider, dass wir heutzutage zur der Erkenntnis gelingt sind, dass die Todesstrafe weder ein notwendiges noch ein ausreichendes Mittel darstellt, um die Gefahr von Kapitalverbrechen wirksam zu bekämpfen.

 

Für Christen ist natürlich in erster Linie von Bedeutung, was Jesus selbst von der Todesstrafe gehalten hat. Obwohl er von sich selbst behauptet hat, dass er gekommen sei, nicht das Gesetz (die Thora) aufzuheben, sondern zu erfüllen und dass kein Buchstabe des Gesetzes verloren gehe, war er – wie wir bereits gesehen haben – keinesfalls der Auffassung, dass die des Ehebruchs überraschte Frau gesteinigt werden sollte, wie es in den Büchern Moses gefordert wird. Für Jesus war viel wichtiger, dass der sündige Mensch seine Tat ehrlich bereue und den festen Vorsatz hat, umzukehren und die Gebote Gottes zu achten.

 

Und gerade im Zusammenhang mit dieser Bibelstelle erwächst der wohl wichtigste Grund dafür, dass auch aus christlicher Sicht eine Todesstrafe kein geeignetes Mittel darstellt, um den Grundmaximen der göttlichen Botschaft zu entsprechen. Es kann kein Zweifel bestehen, dass der Gott der Juden und Christen ein gütiger und barmherziger Gott ist, dass Gott dem Menschen immer wieder verzeiht, sofern er nur zur Umkehr bereit ist und dem sündigen Menschen auch immer wieder die Möglichkeit belässt, nach der Umkehr ein Gott gefälliges Leben zu führen. Das ist aber überhaupt nur dann möglich, wenn der sündige Mensch gerade nicht für seine Tat mit dem Tode bestraft wird.

 

Wird eine Todesstrafe vollzogen, so bleibt dem überführten Sünder keine Zeit, tatsächlich umzukehren und selbst dann, wenn eine von einem Gericht verhängte Todesstrafe erst sehr viel später vollzogen würde, sofern der sündige Mensch tatsächlich Reue gezeigt und eine Umkehr eingeleitet hat, gibt es keinen für einen Christen überzeugenden Grund, dass er dann immer noch mit dem Tode bestraft wird, da ja Gott selbst ihm verziehen hat.

 

Unabhängig davon, ob die Notwendigkeit oder Rechtfertigung einer Todesstrafe aus den religiösen Grundüberzeugungen heraus nachgewiesen werden kann, begründen die Anhänger einer Todesstrafe ihre Überzeugung oftmals damit, dass von der Todesstrafe starke Anreize ausgingen, die Zahl von Tötungsdelikten zu reduzieren. So wurde im Rahmen der politischen Ökonomik empirisch nachgewiesen, dass in den USA unmittelbar nach Vollstreckung einer Todesstrafe die Anzahl der registrierten Mordfälle deutlich zurückgegangen sei.

 

Bei der Beurteilung dieser empirischen Untersuchungen muss man sich allerdings darüber im Klaren sein, dass bei fast allen Änderungen eines Gesetzes oder auch nur einer geänderten Anwendung eines Gesetzes die Häufigkeit des Verhaltens, das mit diesem Gesetz beeinflusst und bekämpft werden soll, vorübergehend zurückgegangen ist, dass dann aber die Häufigkeit der Straftaten relativ schnell wiederum ihren bisherigen Umfang erreicht hat. Erklären lässt sich eine solche Beobachtung damit, dass bei den Personen, welche durch diese Gesetzesänderungen beeinflusst werden sollen, die Änderung des Gesetzes eine Anpassung notwendig macht, welche eine gewisse Zeit anhält und dass aus diesen Gründen vorübergehend eine Verringerung dieser Straftaten eintritt. Sobald aber diese Anpassungsphase abgeschlossen ist, kehren die Verbrecher zumeist zu den bisherigen Verhaltensweisen zurück.

 

Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass zwar durchaus für beabsichtigte Tötungsdelikte auch rationale Überlegungen eine gewisse Rolle spielen und dass in diesem Planungsprozess die Vor- und Nachteile eines geplanten Mordes abgewogen werden. Und wenn dann die Nachteile ansteigen, kann dies den einen oder anderen Verbrecher dazu bewegen, auf die Straftat zu verzichten. Trotzdem ist davon auszugehen, dass bei einem beachtlichen Teil der durchgeführten und beabsichtigten Tötungsdelikten gerade nicht rational erfassbare und beeinflussbare Motive maßgeblich sind.

 

Man will Rache nehmen für eine verbrecherische Handlung des Opfers, oder man tötet aufgrund eines Auftrages, man hat also das Töten zum Beruf gemacht und ist nun auch darauf angewiesen, Aufträge zu erhalten, oder man tötet, weil man überzeugt ist, dies im Auftrag Gottes zu tun, die persönliche Gefahr darf hier nicht ausschlaggebend sein für die Frage, ob man diesem Auftrag folgt, ganz davon abgesehen, dass der Attentäter seinen Lohn im Jenseits erwartet. Vor allem ein Selbstmordattentäter wird sich sicherlich nicht von einer Todesstrafe abhalten lassen, das Attentat zu vollbringen. Schließlich sind gerade Mörder davon überzeugt, dass sie einen perfekten Mord geplant haben und deshalb nicht geschnappt werden, sodass auch die Schwere der Strafe die Tötungsabsicht wohl kaum entscheidend beeinflussen kann.

 

Gegen ein Todesurteil spricht vor allem die Möglichkeit von Fehlurteilen. Es mag zwar richtig sein, dass Fehlurteile nur in einem sehr geringen Umfang bekannt geworden sind und deshalb scheinbar nicht ins Gewicht fallen. Aber erstens hat hier zu gelten, dass jedes einzelne Fehlurteil, das mit einer Todesstrafe endet, ein Urteil zu viel ist. Das hier zugrunde liegende Grundprinzip eines jeden Rechtsstaates besagt, dass nur derjenige, dessen Schuld einwandfrei nachgewiesen werden konnte, als schuldig zu gelten hat, sodass eigentlich die Möglichkeit eines Fehlurteils es zwingend notwendig macht, ein Fehlurteil revidieren zu können und diese Möglichkeit besteht nur dann, wenn kein Todesurteil vollstreckt wurde.

 

Man wird aber nicht bestreiten können, dass Fehlurteile sehr wohl möglich sind. Die Beweisführung bei Gericht geht davon aus, dass eine Straftat als erwiesen zu gelten hat, wenn entweder der Beschuldigte sich selbst als schuldig bekennt oder wenn Zeugen eventuell an Eides statt bekunden, den Beklagten bei Ausführung der Tat selbst gesehen zu haben oder schließlich wenn Indizien eindeutig zu beweisen scheinen, dass der Angeklagte die Tat begangen hat.

 

Keines dieser drei Beweisführungen ist  jedoch in der Lage, mit absoluter Sicherheit den Täter der Tat zu überführen. Es gibt viele Gründe dafür, dass sich ein Angeklagter für schuldig erklärt, obwohl er die Tat nicht begangen hat. Vielleicht will er einen geliebten Menschen (die Mutter den Sohn, der Ehegatte seine Frau) schützen, er hält diese geliebte Person – vielleicht sogar irrtümlicher Weise – für schuldig und will die Schuld auf sich nehmen. Vielleicht hält er sich tatsächlich für schuldig, weil er objektiv die Ursache gesetzt hat, die dann zu der Tötung führte, obwohl er in keinster Weise schuldhaft gehandelt hat. Vielleicht wurde während tagelangen Verhören so starker Druck seitens der Ermittlungsbeamten auf ihn ausgeübt, dass er selbst zu Unrecht an seine Schuld glaubt oder einfach weil er sich diesem Druck nicht mehr gewachsen fühlt und nur deshalb, um nicht weiter bedrängt zu werden, die Tat bekennt.

 

Auch Zeugenaussagen stellen keinesfalls eine absolute sichere Bestätigung der Tat dar. Vielleicht hat der Zeuge den Angeklagten nur in der Nähe des Tatortes gesehen und meint nun, dass er bereits deshalb die Tat gesehen habe, vielleicht will er aber nur nicht eingestehen müssen, dass sein Augenlicht bereits so stark beeinträchtigt ist, dass er den Tatvorgang gar nicht erkennen konnte. Vielleicht täuscht er sich nur wegen der Ähnlichkeit des Angeklagten mit der bei der Tat beobachteten Person. Vor allem müssen wir wissen, dass Vorgänge dann, wenn sie nicht unmittelbar nach der Beobachtung bewusst festgehalten werden, tatsächlich recht selektiv wahrgenommen werden, dass mit der Zeit die Erinnerungen verblassen und dass es zu den üblichen Strategien des menschlichen Gehirnes gehört, die Erinnerungslücken so zu schließen, wie ein Tathergang erwartet werden kann, nicht aber wie er tatsächlich erfolgt ist.

 

Natürlich können Zeugen auch gekauft worden sein und wenn die äußeren Umstände derart sind, dass die Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung der falschen Aussage extrem gering ist, wird auch die Bereitschaft zur bewussten Falschaussage trotz angedrohter Strafe, groß sein. Schließlich kann natürlich auch gerade der Mörder eine falsche Zeugenaussage machen, um von seiner Tat abzulenken.

 

Umgekehrt gilt, dass sich ein Angeklagter schuldig zu machen scheint, wenn es ihm nicht gelingt, ein Alibi nachzuweisen, also Zeugen aufweisen kann, die bestätigen können, dass er sich zur Tatzeit an einem ganz anderen Ort aufgehalten hat und aus diesen Gründen gar nicht den Mord begangen haben konnte. Hier liegt eine besonders schwache Beweiskette vor. Man kann ja auch einen Mord in Auftrag geben. Und vor allem ist es der Täter, der ein Alibi benötigt und sich deshalb vor der Tat um ein Alibi bemühen wird, während gerade der Unschuldige keinen Anlass hatte, sich um ein Alibi zu kümmern, für eine Zeit und für einen Ort, die ihm gerade deshalb nicht bekannt sein können, weil er die Tat nicht durchgeführt hat. Schließlich notieren sich nur Pedanten jede einzelne Handlung. Deshalb ist eigentlich eher verdächtig, wenn ein Beschuldigter sofort mit einem Alibi aufwarten kann, als dann, wenn ihm völlig unklar ist, was er vielleicht an einem ganz bestimmten Tag vor einem halben Jahr oder noch früher genau getan hatte.

 

Indizien wie z. B. Speichelproben weisen zwar eine sehr hohe, aber niemals eine hundertprozentige Gewissheit auf. Erinnert sei z. B. an den Fall, dass die Ermittler bei einer Serie von Kapitalverbrechen von einem einzigen Serienmörder ausgegangen waren, weil immer wieder die gleichen Speichelproben am Tatort aufgefunden wurden. Durch Zufall wurde dann aber bekannt, dass das Testmaterial durch eine Arbeiterin bei der Herstellung dieses Materials verunreinigt wurde, sodass also die gleichen Ergebnisse aufgrund der Verunreinigung und nicht deshalb erzielt wurden, weil jeweils der gleiche Täter die Taten begangen hatte.

 

Berücksichtigt man diese Vielzahl der möglichen Fehlerquellen bei der Verurteilung durch die Gerichte, verwundert zunächst die geringe Zahl der bekannt gewordenen Fehlurteile. Der Grund für dieses Missverhältnis liegt jedoch einfach daran, dass vermutlich nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Fehlurteile als solche bekannt werden. In Wirklichkeit wirken nämlich Anreize dafür, dass Urteile einerseits fehlerhaft sind, andererseits werden Fehlurteile allenfalls per Zufall später aufgedeckt. Die ermittelnden Behörden stehen zumeist unter erheblichen Druck seitens der öffentlichen Medien, bekannt gewordene Straftaten zur Anklage und zur Verurteilung zu führen.

 

Müsste ein großer Teil der anhängigen Straftaten mangels Beweisen eingestellt oder die Angeklagten freigesprochen werden, würde dies in den öffentlichen Medien bestenfalls als Unfähigkeit, schlimmstenfalls sogar als bewusstes Wegschauen und Duldung von Straftaten gebrandmarkt werden. So ist es nur zu verstehen, dass die ermittelnden Behörden vielmehr eher daran interessiert sind, Argumente für einen Schuldbeweis als Gegenargumente für die Unschuldsvermutung zu finden. Und wenn einmal das Urteil gefällt wurde und rechtskräftig geworden ist, so ist man leicht zufrieden, dass diese Fälle aus der Sicht der Öffentlichkeit erfolgreich abgeschlossen werden konnten, dies wird als etwas positives empfunden, man schließt die Akten endgültig und ist gar nicht begeistert, wenn dann einige aufmüpfige Untergebene oder Journalisten immer wieder nach Möglichkeiten suchen, die auf ein Fehlurteil hindeuten und die bereits erfolgreichen Abschlüsse in Frage stellen.

 

 

5. Staaten untereinander

 

a. Angriffskriege und Verteidigungskriege

 

Nachdem wir das Tötungsverbot zunächst im Hinblick auf die persönlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen untersucht haben und in einem weiteren Schritt überprüft haben, welche Rechte und Pflichten der Staat im Zusammenhang mit dem fünften Gebot gegenüber seinen Bürgern hat, wollen wir uns nun in einem dritten Schritt den zwischenstaatlichen Beziehungen zuwenden und überprüfen, inwieweit das fünfte Gebot auch auf diese Beziehungen angewandt werden kann.

 

Ähnlich wie im Zusammenhang mit den zwischenmenschlichen Beziehungen können wir auch hier zwischen Tötungsdelikten unterscheiden, die geplant werden und bewusst herbeigeführt werden, wir sprechen hier von Angriffskriegen, und solche kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen sich eine Nation gegen Übergriffe feindlicher Staaten erwehrt, hier wird von Verteidigungskriegen gesprochen.

 

Die Bewertung dieser kriegerischen Auseinandersetzungen folgt den Grundsätzen, welche wir bereits für die zwischenmenschlichen Fehden zwischen Einzelpersonen entwickelt haben. Aus den grundsätzlichen Prinzipien, die dem fünften Gebot zugrunde liegen, werden Angriffskriege auch vom Völkerrecht als rechtswidrig bezeichnet, nach der Niederschlagung des nationalsozialistischen Deutschlands wurde sogar die Möglichkeit geschaffen, Staaten und ihre Führer wegen Völkermord anzuklagen. Gleichzeitig wird aber das Recht betont, dass sich jede Nation gegen feindliche Angriffe erwehren darf und ex pressis verbis gestattet, die feindlichen Übergriffe mit Waffengewalt und damit auch durch Tötung der angreifenden Soldaten zu beantworten.

 

Natürlich gilt auch hier – ähnlich wie bei den zwischenmenschlichen Beziehungen –, dass der Angegriffene die Tatsache, dass er angegriffen wurde, nun nicht als Rechtfertigung dafür nehmen darf, zuzuschlagen und das Leben des Angreifers auch dann noch zu gefährden, wenn diese Handlungen gar nicht notwendig sind, um den Angriff auf das Leben der Angegriffenen abzuwehren.

 

In gleicher Weise gilt auch im Hinblick auf die Verteidigung einer Nation, dass Angriffe auf das Leben der Feinde immer nur soweit gerechtfertigt sind, als diese notwendig sind, um den Angriff abzuwehren. Hierzu ist zumeist keine totale Zerschlagung der feindlichen Macht notwendig. Diese Rücksichtnahme gilt um so mehr, als sich die Tötung der Feinde ja nicht primär auf die politischen Führer bezieht, welche diese Angriffe befohlen haben, sondern zumeist Soldaten (oder auch unbeteiligte Zivilisten) betrifft, welche nur deshalb kriegerische Handlungen vollziehen, da sie als Soldaten zum Angriff mit der Waffe gezwungen wurden.

 

Schon die häufige Praxis, Angriffe des Feindes damit zu begegnen, dass man um ein vielfaches zurückschlägt, widerspricht diesem Grundgedanken. Vor allem gilt der Grundsatz, dass bestimmte Waffen, mit welchen auf besonders grausame Weise getötet wird, untersagt werden sollten, dies galt in der Vergangenheit vor allem für den Einsatz chemischer und biologischer Waffen und natürlich der Atombombe.

 

So überzeugend auf den ersten Blick diese Unterscheidung zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen klingen mag, sie gerät bei der praktischen Anwendung dieser Unterscheidung in konkreten Einzelfällen sehr schnell in Schwierigkeiten. Wie steht es nämlich in den Fällen, in denen die Führer einer Nation zu der festen Überzeugung kommen, dass ein Angriff einer feindlichen Macht kurz bevor steht, darf diese Nation, welche einen feindlichen Angriff befürchtet, diesem zuvorkommen und den potenziellen Angreifer selbst angreifen? Vielleicht birgt sogar ein solcher Präventivschlag die einzige Möglichkeit, den potenziellen Angreifer mit Erfolg zurückzuschlagen.

 

Man spricht in diesem Zusammenhange von Präventionskriegen, welche zwar formal gesehen einen Angriffskrieg bedeuten, denn die Nation, welche einen Angriff einer feindlichen Macht befürchtet, beginnt hier ja als erste mit den feindlichen Handlungen. Trotzdem werden Präventionskriege in aller Regel von den Führern der wichtigsten Nationen als berechtigt angesehen. Selbst Friedrich der Große, der als Prinz eine Streitschrift gegen die von  Machiavelli verfasste Schrift: ‚der Fürst‘ verfasst hatte und die unter der Überschrift  ‚Antimachiavell‘ später von Voltaire veröffentlicht wurde, hatte einen Präventionskrieg bereits verteidigt, obwohl er in dieser Schrift im Gegensatz zu Machiavelli die moralischen Verpflichtungen der Monarchen auch bei der Kriegsführung unterstrichen hatte.

 

Nun muss man sich die Frage stellen, wie denn ein politischer Führer feststellen sollte, ob die feindliche Macht tatsächlich einen Angriff plant. Man wird ja wohl nicht erwarten können, dass eine feindliche Macht diese Angriffspläne öffentlich bekannt macht. Es ist ja gerade die Überraschung, welche dem Angreifer einen Vorteil bringt, auf den der Angreifer kaum verzichten wird. Auch wird jeder, der einen Angriffskrieg plant, dies in der Öffentlichkeit schon deshalb bestreiten, weil er sonst Gefahr läuft, dass sich unbeteiligte dritte Staaten auf die Seite der angegriffenen Nation stellen und damit den Erfolg des Angreifers in Frage stellen.

 

Auf der anderen Seite wird man ja wohl jeder Nation das Recht zusprechen, dass sie sich auf mögliche Angriffe feindlicher Staaten vorbereitet und eine Verteidigungsmacht aufbaut. Aber selbstverständlich reicht es nicht aus, dass ein Herr von Soldaten gebildet und Verteidigungswaffen erworben werden. Ein Schutz vor feindlichen Angriffen erlangt ein Staat nur dadurch, dass die Waffensysteme in Manövern erprobt werden und dass auch die Soldaten in der Verteidigung der eigenen Nation eingeübt werden.

 

Aber gerade die Durchführung dieser Manöver kann nun von einem potenziellen Angreifer jederzeit dazu benutzt werden, um diese Handlungen bereits als Bedrohung und bevorstehende Angriffsabsicht auszuweisen. Dies gilt insbesondere dann, wenn zur Verteidigung einer Nation Waffensysteme eingesetzt werden, die sowohl zur Verteidigung als auch zum Angriff verwandt werden können. Aber die Verteidigungskraft eines Landes gewinnt natürlich dadurch, dass sie auch in der Lage ist, einen Angreifer zurückzudrängen und somit durchaus auch Angriffswaffen einzusetzen.

 

Ganz davon abgesehen zeigt die Erfahrung, dass es einem Angreifer fast immer möglich ist, Übergriffe der feindlichen Mächte zu provozieren oder sogar vorzutäuschen. Hitler hatte den Angriff auf Polen damit gerechtfertigt, dass nun zurückgeschossen werde, obwohl Polen gerade nicht die kriegerischen Handlungen als erste Nation begonnen hatte. Oder um ein Beispiel aus der Nachkriegszeit zu erwähnen. Die USA Regierung unter George W. Bush griff den Irak an und rechtfertigte diese Maßnahme dadurch, dass der Öffentlichkeit angebliche Aufnahmen gezeigt wurden, welche auf die Existenz von Atomwaffen hinweisen, obwohl sich später herausstellte, dass nach der Besetzung des Iraks keinerlei Beweise für die Existenz von Atomwaffen gefunden wurden.

 

Das Gefährliche an der Bereitschaft, Präventionskriege genauso wie Verteidigungskriege zu rechtfertigen, liegt darin, dass hier praktisch jedem, der ein Angriffskrieg plant, eine Handhabe gereicht wird, den Angriffskrieg vor der Öffentlichkeit als ein Verteidigungskrieg zu rechtfertigen. Stets kann es dem Angreifer gelingen, Beweise vorzulegen, die scheinbar belegen, dass die angegriffene Nation einen Angriffskrieg geplant habe.

 

Solange Präventionskriege hingegen genauso wie Angriffskriege geächtet werden, läuft der potenzielle Angreifer Gefahr, dass sich dritte Staaten zum Schutz auf die Seite der angegriffenen Nation stellen und dass auf diese Weise der Erfolg des Angreifers ungewisser wird. Bei rationalem Verhalten wird dies dazu führen, dass insgesamt weniger Angriffskriege geführt werden. Es ist bei dieser Argumentation noch nicht einmal notwendig, dass sich die dritten Staaten aus Gemeinwohlüberlegungen auf die Seite der angegriffenen Nationen schlagen.

 

Diese dritten Staaten haben nämlich selbst ein massives Interesse daran, dass die Nationen, welche Angriffskriege planen, in ihrem Bemühen nicht erfolgreich sind und diese dritten Nationen sind vor allem daran interessiert, dass ihre eigene Machtposition nicht dadurch geschwächt wird, dass der Angreifer die Position einer Hegemonialmacht erlangt. Es ist bekannt, dass sich zu Beginn der Neuzeit Großbritannien immer wieder mit der schwächeren Nation verbündet hatte, um so das Gleichgewicht zwischen den Nationen nicht zu gefährden und einer fremden Nation nicht eine eindeutige Vormachtstellung zu ermöglichen.

 

Kriegerische Auseinandersetzungen stellen nahezu immer Massenveranstaltungen dar. Während bei den zwischenmenschlichen Beziehungen ein Mörder, der vielleicht 10 Morde begangen hatte, bereits als ein besonders gefährlicher und brutaler Serienmörder bezeichnet wird, kamen in Kriegen zwischen den einzelnen Völker nahezu immer Tausende und Abertausende um.

 

Aber selbst hier kam es im Verlauf der Geschichte dazu, dass immer grausamere und wirkungsvollere Waffen zum Einsatz kamen, in den beiden letzten Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts mussten sogar in einzelnen Schlachten Millionen Soldaten ihr Leben lassen. Während bei den mittelalterlichen Kämpfen der Ritter noch davon gesprochen werden konnte, dass die persönliche Kraft und Klugheit des einzelnen Kämpfers darüber entschied, ob er den Kampf Mann gegen Mann überlebte, ist der Soldat in den modernen Kriegen der Treffsicherheit der modernen Waffensystem fast vollkommen ausgeliefert.

 

Diese Zunahme der Gewalt äußerte sich auf der einen Seite darin, dass die Zerstörungskraft der einzelnen Waffen sprunghaft anstieg, auf der anderen Seite aber auch darin, dass immer größere Teile der Bevölkerung in den Kampf einbezogen wurden. Im Mittelalter waren es lange Zeit vorwiegend angeheuerte Söldner, welche im Kampf ihr Leben riskierten, seit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht trifft dieses Los alle Bürger (und bisweilen auch Bürgerinnen) im wehrfähigen Alter. Lange Zeit war bei kriegerischen Auseinandersetzungen weitgehend nur das Leben derjenigen bedroht, welche aktiv an den einzelnen Schlachten teilnahmen, vor allem in den beiden Weltkriegen gingen dann die feindlichen Mächte dazu über, ganze Städte zu vernichten, wobei dann selbst Kinder und Kranke massenweise vernichtet wurden.

 

Eine weitere neue Dimension entstand im Zusammenhang mit der Entwicklung der Atombombe, welche die Vernichtungskraft der bisher eingesetzten Waffensysteme um ein vielfaches überstieg und nicht nur die Menschen vernichtete, welche sich in den vom aktiven Krieg betroffenen Gebieten gerade aufhielten, sondern gleichzeitig auch die Gegend durch Strahlungen verseuchte, sodass menschliches Leben noch für Jahrzehnte nach Abwurf dieser Waffen bedroht war.

 

Dadurch, dass die Wirkungskraft der Atombombe in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg immer mehr vergrößert wurde und die beiden Supermächte USA und Sowjetunion ein Bedrohungspotenzial entwickelt hatten, dass eine mehrfache Auslöschung der jeweils anderen Großmacht ermöglichte, entstand die Gefahr, dass eine der Supermächte in einem Überraschungsangriff durch eine oder wenige Atombomben das Staatsgebiet der anderen Großmacht vernichten konnte, ohne Gefahr zu laufen, selbst größere Zerstörungen hinzunehmen.

 

Um dieser Gefahr zu begegnen, wurde die Strategie der gegenseitigen Abschreckung entwickelt. Es wurden Verteidigungssysteme geschaffen, die einen Gegenschlag der jeweils angegriffenen Nation auch dann noch ermöglichte, wenn der Erstschlag des Angreifers überraschend erfolgte und bereits die Raketen, welche diese Atomsprengköpfe enthielten, abgefeuert waren. Vor allem durch Installation von Satellitensystemen, die sekundenschnell das Abfeuern von feindlichen Raketen registrieren und melden konnten und die Entwicklung mobiler Abschussrampen, deren genaue Lage vor den feindlichen Mächten verborgen gehalten werden konnte, war es möglich, dass der angegriffenen Nation immer noch die Zeit blieb, auf die Angreifernation ebenfalls eine Rakete mit atomaren Sprengköpfen abzuschießen, welche mit großer Sicherheit das Gebiet der angreifenden Macht vernichtet. Da also der Angreifer nun damit rechnen musste, selbst bei einem Überraschungsangriff mit größter Wahrscheinlichkeit vernichtet zu werden, sah man die Gefahr von vernichtenden Überraschungsangriffen gebannt. Kein Staat – so waren die Erfinder dieser Strategie der Meinung – werde den Gegner vernichtend angreifen, wenn er mit Sicherheit dadurch auch vernichtend geschlagen wird.

 

Betrachtet man den Zeitraum nach der Entwicklung dieser Strategie, so hat es auf den ersten Blick den Anschein, dass diese Strategie erfolgreich war, immerhin konnte in dieser relativ langen Zeit von 60 Jahren trotz zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen ein atomarer Krieg verhindert werden. Analysiert man allerdings diesen Zeitraum etwas genauer, muss man feststellen, dass zumindest zweimal die Welt kurz vor dem Ausbruch eines atomaren Weltkrieges stand, dass in beiden Fällen ein atomarer Krieg nur dadurch verhindert werden konnte, dass sich einzelne Akteure regelwidrig verhalten haben, hätte jede der beteiligten Personen die einzuhaltenden Spielregeln dieser Strategie befolgt, wäre ein atomarer Schlag tatsächlich eingeleitet worden.

 

In den 70 er Jahren meldeten die Warnsysteme der Sowjetunion aufgrund eines Fehlers des installierten Überwachungsprogramms fälschlicher Weise den Aufstieg eines amerikanischen Bombers mit gezündeten Atomsprengköpfen. Diese Meldung hätte nun eigentlich und augenblicklich den russischen atomaren Gegenschlag auslösen müssen. Der für diesen Schritt verantwortliche russische Offizier ging allerdings von der Überzeugung aus, dass diese Meldung fragwürdig sei, weil eine Vielzahl von Indizien es unwahrscheinlich machte, dass die Amerikaner gerade in diesem Augenblick einen atomaren Schlag gegen die Sowjetunion ausführten. Aus dieser Überzeugung heraus unterließ er es, den Start für den atomaren Gegenschlag auszulösen. Er handelte dadurch eindeutig gegen die Befehle der russischen Streitmacht und wurde deshalb auch später von seinen Vorgesetzten degradiert. Trotzdem und nur deshalb hat diese kluge Entscheidung eines einzelnen russischen Offiziers den Ausbruch des dritten Weltkrieges und einer vermutlich atomaren Vernichtung weiter Teile Europas verhindert.

 

Auch in den 80er Jahren war wiederum nur aufgrund gewisser Zufälligkeiten und auch aufgrund besonnener Verhaltensweisen Einzelner der Ausbruch eines atomaren Weltkrieges gerade noch verhindert worden. Die Führung der NATO-Mächte plante ein Manöver, in denen in regelmäßigen Abständen die Kampfkraft der Streitnächte überprüft werden sollte. Um den Ausbruch eines atomaren Krieges möglichst realistisch nachzubilden, beschlossen die Präsidenten der Westmächte sich während der Dauer des Manövers in sicheren Bunkern aufzuhalten.

 

Diese Entscheidung wurde nun von der Führung der Sowjetunion ganz unprofessionell als Absicht der USA interpretiert, die Sowjetunion atomar anzugreifen und es wurde in der Folge der Prozess, der zum atomaren Gegenschlag führen sollte, eingeleitet. Aus Zufall wurden diese Fehleinschätzungen der russischen Führung und deren Absicht über mehrere Umwege dem amerikanischen Geheimdienst zugetragen. Der amerikanische Präsident Ronald Reagan veranlasste dann, dass das Manöver sofort abgebrochen wurde und die Staatsführer der westlichen Nationen den Bunker verließen. Darüber hinaus siedelte Reagan in seinen Sommersitz um und ließ sich ostentativ als einen Präsidenten photographieren, der sich mit Kindern und Tieren umgab.

 

Diese Bilder überzeugten schließlich die russische Regierung, dass sich ein Präsident der USA, welcher einen dritten Weltkrieg auslösen möchte, sicherlich nicht in dieser Zeit weit weg von den Zentralen der Macht aufhält und beendeten damit die Vorbereitungen für einen atomaren Gegenschlag. So konnte auch hier nur in letzter Minute und auch nur aufgrund zufälliger Geheimdienstberichte und einem besonnenen Verhalten Reagans der Ausbruch eines atomaren Krieges verhindert werden.

 

Der eigentliche Fehler der Strategie der gegenseitigen Abschreckung lag nun darin, dass eine solche Strategie nur dann zum Erfolg führen kann, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. In diesem Zusammenhang muss vor allem auf vier notwendige Voraussetzungen hingewiesen werden.

 

Eine Strategie der gegenseitigen Abschreckung kann nur dann zum Erfolg führen, wenn die Führer der Atommächte erstens rational in dem Sinne handeln, dass sie zum Nutzen der von ihnen vertretenen Nation handeln und gleichzeitig die eigenen Möglichkeiten und Grenzen und auch Gefahren realistisch einschätzen können. Diese Annahme mag zwar eine gewisse Zeit nach Beendigung des zweiten Weltkrieges sowohl für die USA-Regierung als auch für die Sowjetführer gegolten haben. Aber bereits die Reaktion der Sowjetführer in den 80er Jahren im Zusammenhang mit einem Manöver der NATO lässt eigentlich vermuten, dass hier die Sowjetführungsriege nicht rational, sondern eher neurotisch reagiert hat.

 

Ganz allgemein ist es keinesfalls selbstverständlich, dass Machthaber, vor allem Diktatoren, in dem oben genannten Sinne rational die Interessen einer Nation vertreten. Wir müssen auch mit der Möglichkeit rechnen, dass ein Diktator die Interessen der von ihr vertretenen Nation zugunsten eigener Ziele verrät, ein Diktator könnte durchaus auch nach dem Untergang der eigenen Nation auf einer fremden Insel ein Leben in Luxus führen.

 

Vor allem muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass sich ein politischer Führer als Racheengel versteht, der von Gott den Auftrag erhalten hat, das Ende aller Zeiten einzuläuten. Diese Gefahr wäre vor allem dann groß, wen es einer Terroristengruppe gelungen wäre, atomarer Waffen habhaft zu werden. Da Terroristen im Gegensatz zu Großmächten über kein eigenes Territorium verfügen, kommt der möglichen Vernichtung von Territorien auch ein ganz anderer Stellenwert zu. Sie sind gerade nicht genauso verwundbar wie eine Großmacht, welche bei einem Überraschungsangriff mit der Gefahr rechnen muss, das eigene Territorium zu verlieren. Terroristen sind gerade deshalb, weil sie über kein eigenes Territorium verfügen, in diesem Sinne auch nicht verwundbar. Sie können jederzeit nach der Vernichtung ihres Gegners in ein anderes Territorium ausweichen. Insofern kann man auch davon sprechen, dass die Strategie der gegenseitigen Abschreckung zusätzlich zweitens voraussetzt, dass die Atommächte über ein Territorium verfügen, das vernichtet werden kann.

 

Eine dritte Voraussetzung für den Erfolg dieser Strategie besteht darin, dass das Programm, das die Handlungen des Gegners ausspähen soll und das weitere Programm, welches den Gegenschlag einleiten soll, hundertprozentig funktionieren. Das Ausspähprogramm muss einerseits jede eingeleitete Kampfmaßnahme registrieren und darf in keinem einzigen Fall eine gar nicht stattfindende Handlung melden. Auch dürfen in den Waffensystemen, welche den Gegenschlag einleiten sollen, keinerlei technische Mängel auftreten.

 

In dem ersten oben genannten Beispiel war gerade diese Voraussetzung für das russische Ausspähprogramm nicht erfüllt, es meldete fälschlicherweise eine gegnerische Handlung, die gar nicht stattfand. Ganz allgemein muss betont werden, dass es keine einzige Technik gibt, welche hundertprozentig wirkt. Der Grund liegt einfach darin, dass wir nie wissen können, ob wir tatsächlich alle Faktoren kennen, welche für das erfolgreiche Wirken einer Technik verantwortlich sind.

 

Wir müssen immer mit der Möglichkeit rechnen, dass unsere bisherigen Experimente im Labor nur deshalb erfolgreich waren, weil es den Anschein hatte, dass die uns bekannten Faktoren ausreichen, um das erwünschte Ereignis auszulösen, dass aber der Erfolg von einer weiteren Variablen abhängt, die bei unseren Experimenten vorlagen und für den Erfolg unerlässlich sind, aber uns gar nicht bekannt waren. Hier muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass in der Wirklichkeit dieser Faktor nicht gegeben ist, dass wir aber trotzdem fälschlicher Weise vom Erfolg ausgehen, da uns die Bedeutung dieses Faktors gar nicht bekannt ist.

 

Eine letzte vierte Voraussetzung für den Erfolg dieser Strategie besteht darin, dass es im Grunde nur zwei sich bekriegende Atommächte gibt. Zwar hatten wir unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg zunächst vier Atommächte, wobei allerdings Frankreich und Großbritannien weitgehend mit den USA zusammengingen, sodass man davon sprechen kann, dass sich hier zwei Atommächte (die Westmächte und die Sowjetunion) gegenüberstanden.

 

Die wechselseitige Bedrohung funktioniert aber nicht mehr einwandfrei, wenn mehr als zwei unabhängige Atommächte miteinander agieren. Nehmen wir den Fall, dass neben den zwei Hauptmächten USA und Russland eine dritte unabhängige Atomacht entstanden sei. Diese hat nun die Möglichkeit, den Gegenschlag der angegriffenen Nation zu verhindern oder genauer gesagt umzuleiten. Dies gelingt ihr dann, wenn sie den atomaren Erstschlag aus einer mobilen Abschussrampe ausführt, wobei bei der bedrohten Nation der Eindruck vermittelt werden muss, dass dieser Erstschlag gar nicht von der dritten Atommacht, sondern von der jeweils anderen Supermacht ausgeführt wird. Gelingt es der dritten Atommacht, diesen Eindruck bei dem bedrohten Gegner zu erzeugen, erfolgt der Gegenschlag gegen die jeweils andere Großmacht und nicht gegen die dritte Macht, die diesen Erstschlag ausgeführt hat.

 

Die dritte Macht hat dann mit einem Erstschlag beide rivalisierenden Großmächte ausgeschaltet und kann dann als Sieger aus dieser Auseinandersetzung hervorgehen, ohne dass ihr eigenes Territorium zerstört wurde. Es kommt hierbei nicht darauf an, ob es dieser dritten Macht gelingt, glaubhaft klar zu machen, dass nicht sie, sondern die jeweils andere Großmacht den Erstschlag durchgeführt hat, entscheidend ist vielmehr, dass bei mehr als zwei Atomächten die Gefahr besteht, dass eine Atommacht davon überzeugt ist, ihr könne ein Erstschlag gelingen, ohne dass das eigene Territorium vernichtet wird. Und gerade aus diesen Gründen verliert hier die Abschreckungsstrategie ihre Wirkung.

 

 

Fortsetzung folgt!