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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 5. Das fünfte Gebot

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Tötungen im Alten und Neuen Testament

3. Zwischenmenschliche Beziehungen

    a. Verbot des Mordens

    b. Tötung bei Angriff

    c. Gegenwehr gegen Verhaftung

    d. Selbstjustiz

    e. Kriegsdienstverweigerung

    f. Tyrannenmord

    g. Selbstmord

4. Staat gegenüber Straftäter

    a. Tötung bei Verhaftung

    b. Todesstrafe

5. Staaten untereinander

    a. Angriffskriege und Verteidigungskriege

    b. Heilige Kriege erlaubt?

6. nichttödliche Gewaltanwendung bei Angriffen 

7. Tötung von Tieren?

 

 

 

3. Zwischenmenschliche Beziehungen

 

a. Verbot des Mordens

 

Wir wollen uns im Folgenden mit den Implikationen des fünften Verbotes etwas ausführlicher befassen und mit demjenigen Teil dieser Weisung beginnen, welche an die einzelnen Personen gerichtet ist und in erster Linie die bewusste Tötung eines oder mehrerer Mitmenschen verbietet. Die Weisung des 5. Gebotes lautet, du sollst nicht morden. Es wird also zunächst ex pressis verbis nicht jeder Tötungsakt, sondern nur die geplante, vorsätzliche Tötung als verboten bezeichnet. Dem Tötungsakt geht hier also die bewusste Entscheidung zu töten voraus.

 

Es bedarf wohl keiner größeren gedanklichen Kraftanstrengung, dieses Verbot zu rechtfertigen. Wir hatten im einleitenden Abschnitt dieses Kapitels darauf hingewiesen, dass diese Weisung auf die Erhaltung des Lebens zielt, dass Gott das menschliche Leben erschaffen hat und dass das, was Gott geschaffen hat, vom Menschen nicht willkürlich vernichtet werden darf und dass sich der Mörder mit der Ermordung eines Mitmenschen über diesen setzt und damit missachtet, dass für Gott jeder Mensch gleich ist.

 

Wie von selbst ergibt sich aus diesem Grundsatz das Verbot, keinen Menschen willkürlich und bewusst zu töten. Einer weitaus größeren Rechtfertigung bedarf es vielmehr, dass nur die vorsätzliche Tötung eines Mitmenschen nicht erlaubt sein soll, es hat zumindest auf den ersten Blick den Anschein, dass sich aus dem Grundsatz der Lebenserhaltung eigentlich ergeben müsste, dass jede Tötung, nicht nur der Mord, unerwünscht ist. Befassen wir uns also mit der Frage, warum denn ein Tötungsakt, der spontan und nicht bewusst und geplant erfolgt, ganz allgemein und nicht nur etwa im Ausnahmefall als noch akzeptabel angesehen werden kann.

 

Wenn auch entsprechend dem fünften Gebot grundsätzlich jeder Mord eine Sünde darstellt, ist doch der Umfang der damit verbundenen Schuld recht unterschiedlich groß. Es gibt in der Rechtssprechung die strafverschärfenden und auch strafvermindernden Tatbestände. Strafverschärfend wirkt sich aus, wenn jemand aus Geldgier mordet oder wenn er sadistische Freude am Morden empfindet. Strafvermindernd dürfte sich auswirken, wenn jemand triebhaft z. B. in Verbindung mit sexuellen Delikten handelt und selbst nicht in der Lage ist, trotz Versuchen dieser Triebe Herr zu werden. Vor allem aber dürfte strafvermindernd wirken, wenn das Mordopfer über eine längere Zeit den Täter gequält und gedemütigt hatte und wenn dann der Täter in einer Art Kurzschlusshandlung, aber dennoch durch einen bewussten Akt den Missetäter schließlich tötet.

 

 

b. Tötung bei Angriff

 

Nehmen wir den Fall, dass jemand angegriffen und dass sein Leben bedroht wird. Schon der Grundsatz, dass niemand einen anderen vorsätzlich töten darf und dass alle Menschen als gleichberechtigte Menschen von Gott erschaffen wurden, bedingt, dass sich derjenige, der unberechtigterweise angegriffen wird, sich dieses Angriffs erwehren darf. Auch wird man akzeptieren müssen, dass dann, wenn dieser Angriff gar nicht anders abgewehrt werden kann, es erlaubt sein muss, den Angreifer notfalls auch zu töten. Zwar gilt das Leben jedes Menschen, auch eines Verbrechers, als heilig. Und dies bedeutet, dass bei der Tötung des Angreifenden ebenfalls der Grundsatz der Erhaltung des Lebens verletzt wird. Da aber in dem konstruierten Beispiel auf jeden Fall ein Menschenleben bedroht wird und es nur darum geht, ob das Leben des Angreifers oder des Angegriffenen wertvoller ist, wird man einräumen müssen, dass dann, wenn ohnehin feststeht, dass ein Leben ausgelöscht wird, es immer noch moralisch gesehen besser ist, wenn der Angreifer, als dass der unschuldig Angegriffene mit seinem Leben bezahlen muss.

 

Allerdings haben wir bei unseren bisherigen Überlegungen stillschweigend unterstellt, dass der Angegriffene mit Sicherheit damit rechnen muss, dass sein Leben tatsächlich bedroht wird. Aber genau diese Annahme können wir in aller Regel nicht treffen. Bei nahezu jedem tätlichen Angriff handelt es sich um eine Handlungsweise, welche auf beiden Seiten – beim Angreifer wie auch beim Angegriffenen  – unter Unsicherheit erfolgt.

 

Nehmen wir den Angegriffenen. Woher weiß er denn, dass sein Leben ernsthaft bedroht ist? Er wird vielleicht mit einer Waffe bedroht. Vielleicht stellt sich später heraus, dass es sich hierbei nur um eine Spielzeugwaffe handelte, welche einer echten Waffe täuschend ähnlich aussieht. Der Angegriffene ist ja wohl nicht in der Lage, zunächst einmal einen Beweis dafür zu verlangen, dass es sich tatsächlich um eine echte Waffe handelt.

 

Aber auch dann, wenn bewiesen wäre, dass der Angreifende tatsächlich eine echte Waffe auf den Angegriffenen richtet, bleibt fast immer unklar, ob die Waffe geladen oder entsichert ist, nur dann wäre ja die Lebensbedrohung real. Es könnte ja auch sein, dass der Angreifer gar nicht die Absicht hatte, die Waffe auch bei Nichterfolg abzufeuern und dass er sich auch an diesen Grundsatz stets hält.

 

Natürlich wird man vom Angegriffenen nicht verlangen können, sich nur dann seiner Haut zu erwehren, wenn er mit absoluter Gewissheit davon ausgehen könnte, dass der Angreifer die feste Absicht hat, dass er sich bei Nichterfolg seiner Waffe auch bediene. In den meisten Fällen kann eine solche Gewissheit gar nicht herbeigeführt werden und zu verlangen, dass der Angegriffene nur bei absoluter Gewissheit selbst zur Waffe greifen dürfe, hieße in Wirklichkeit, das Recht auf Verteidigung überhaupt zu verneinen.

 

Was man aber auf jeden Fall von dem Angegriffenen verlangen kann, besteht darin, dass er sich sehr wohl davon ein Bild machen muss, ob die Waffe nicht doch eine Attrappe darstellt oder ob sichtbar die Waffe vor der Bedrohung nicht entsichert wurde. Ginge es allerdings nur um diese Vorsichtsmaßnahme, dürfte bei einem tätigen Angriff fast jede Tötung erlaubt sein.

 

Aber die Pflichten des Angegriffenen gehen sehr viel weiter. Als erstes gilt der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Nur dann, wenn wirklich das Leben des Angegriffenen in Gefahr ist, ist ein Töten des Angreifers erlaubt. Um einen materiellen Besitz zu verteidigen, ist es nicht erlaubt, den Angreifer zu töten. Das Leben eines jeden Menschen – auch eines Verbrechers – ist immer noch wertvoller als ein materieller Besitz, ein Diebstahl, bei dem der Dieb sich keiner Waffe bedient, rechtfertigt auf keinen Fall das Töten des Diebes.

 

Weiterhin muss es auch dem allgemeinen Verständnis entsprechen, dass eine erfolgreiche Abwehr eines Angreifers wirklich auch die Tötung des Angreifers notwendig macht. Im Allgemeinen kann davon ausgegangen werden, dass ein gezielter Schuss auf die Hand des Angreifers, in der sich die Waffe befindet, den Angreifer durchaus unschädlich macht. Natürlich kann man vom Angegriffenen nicht verlangen, dass er über Expertenwissen verfügt. Er hat nur nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, es zählt im konkreten Fall, das, was er wissen und tun konnte und dies bedeutet auf der einen Seite, dass jeder, der sich zu seiner Selbstverteidigung eine Waffe besorgt, auch die Verpflichtung hat, sich in dieser Waffe so zu üben, dass er auch in der Lage ist, mit der Waffe zielgerecht umzugehen.

 

Ein Hinweis, der Angegriffene hätte nicht gewusst, welche verheerenden Folgen der Abschuss einer Waffe zur Folge habe, reicht sicherlich nicht aus, jegliche Schuld des Angegriffenen zu leugnen. Zum andern hat der Angegriffene aber auch die Verpflichtung, dieses erlernte Wissen im Angriffsfalle anzuwenden, ein gezielter Herz- oder Kopfschuss übersteigt in jedem Falle das Recht des Angegriffenen auf Selbstverteidigung.

 

Es entspricht auch einer ausgesprochen naiven Vorstellung, die Bevölkerung könne sich durch Anschaffung von Schusswaffen wirksam gegen Angriffe von verbrecherischen Mitbürgern schützen. Natürlich mag es sogar richtig sein, dass dann, wenn sich in einem bestimmten Zeitpunkt ein großer Teil der Bürger mit Schusswaffen bewaffnet, unmittelbar danach die Zahl der privaten Angriffe auf das Leben zurückgeht.

 

Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass es sich hierbei um eine wirksame und langfristige Verteidigungsstrategie handelt. Diebstähle und Überfälle erfolgen nämlich nicht nach einem feststehenden Muster. Wenn sich die Bewohner bewaffnen, dann ergibt sich für die potenziellen Angreifer eine Situation, auf die sie sich zuerst einstellen müssen. Bis sie sich an diese neue Situation angepasst haben, wird eine gewisse Zeit verstreichen und in dieser Zeit nimmt vermutlich die Anzahl der Überfälle ab.

 

Wurden z. B. die Überfälle bisher mehrheitlich ohne Schusswaffen verübt, so werden sich die Diebe in Zukunft eben auch bewaffnen. Waren sie schon bisher bewaffnet, so werden sie wiederum nach Möglichkeiten Ausschau halten, ihren Raub trotzdem erfolgreich zu Ende zu bringen. Sie können auf der einen Seite dann öfters von der Waffe Gebrauch machen, um einer Gegenwehr des zu Beraubenden zuvor zu kommen oder sie schaffen sich eben Schutzkleidung an, welche das Sterberisiko vermindert. Auf jeden Fall wird hier auf lange Sicht gesehen die Art des Verbrechens brutaler und umfangreicher, der höhere Kosteneinsatz verlangt dann auch einen größeren Ertrag des Raubes.

 

 

c. Gegenwehr gegen Verhaftung

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen gingen wir stets stillschweigend davon aus, dass der Angriff, gegen den sich der Angegriffene zur Wehr setzt, von Privatpersonen ausgeht. Wie steht es aber in den Fällen, bei denen Personen von der Polizei verfolgt werden und – so wollen wir unterstellen – die Polizisten den Beschuldigten unter Umständen auch mit Waffengewalt zu verhaften versuchen. Wir wollen hierbei zunächst unterstellen, dass diese Aktivitäten der staatlichen Verfolgungsbehörden im Rahmen eines Rechtsstaates erfolgen und dass sich diese Polizeibeamten auf gesetzliche Maßnahmen beschränken.

 

Es ist klar, dass hier der einzelne Angeklagte natürlich nicht das Recht hat, sich mit oder auch ohne Waffen der Verhaftung zu entziehen. Annahmegemäß hat er gültige Gesetze übertreten, annahmegemäß sehen die Gesetze eine Bestrafung vor und wenn der Beschuldigte nicht freiwillig bereit ist, sich bei den Polizeibehörden zu stellen, hat die Polizei die Aufgabe, den Beschuldigten falls notwendig auch mit Waffengewalt zu verhaften. Im Gegensatz zu den im vorherigen Abschnitt behandelten Fällen erfolgt hier ja der Angriff auch nicht von Personen, welche höchst private Interessen vertreten und in denen der Angriff der Rechtsordnung widerspricht. Es sind Beamte, welche nicht ihr eigenes Interesse, sondern im Auftrag der Gemeinschaft handeln und der Staat hat die Fürsorgepflicht für diese Beamten, alles zu tun, damit die ausführenden Beamten einerseits ihre Aufgabe erfüllen können, andererseits diese Aufgabe mit einem Minimum an Gefahren für ihr eigenes Leben erfüllen können. Gerade aus diesen Gründen ist der Versuch eines Beschuldigten, einer Verhaftung mit Waffengewalt zu entgehen, selbst eine Straftat.

 

Welche Schlussfolgerungen gelten jedoch, wenn Verhaftungen nicht nach den Regeln eines Rechtsstaates erfolgen, wenn also z. B. in einer Diktatur unliebsame Personen gesetzeswidrig entweder von Staatsbeamten oder von der Regierung nahestehenden paramilitärische Organisationen verfolgt werden? Hier dürfte nach Völkerrecht eine Gegenwehr notfalls sogar mit Waffengewalt berechtigt sein, obwohl natürlich gerade in diesen Fällen die verfolgten Personen in Wirklichkeit nur in den seltensten Fällen die Möglichkeit haben, von diesem Recht Gebrauch zu machen und sich deshalb auch zumeist mit nur geringen Erfolgsaussichten einer Verhaftung entziehen können.

 

Wir haben bewusst nicht davon gesprochen, dass ein Widerstandsrecht aus übergeordneten Gründen in jedem Falle erlaubt sein muss, sofern es sich um eine Diktatur handelt, welche mehr oder weniger von den rechtstaatlichen Prinzipien abweicht. Auch in Diktaturen finden von Privatpersonen verübt Verbrechen gegen die Menschlichkeit statt, die auch in rechtstaatlichen Ordnungen verfolgt werden und es gibt keinen Grund dafür, dass verbrecherische Handlungen nur deshalb nicht verfolgt werden sollen, weil in diesem Staatsgebilde auch von Seiten des Staates verbrecherische Handlungen vollbracht werden. Eine übergeordnete Berechtigung zur Gegenwehr liegt immer nur dann vor, wenn in dem konkreten Einzelfall von Seiten des Staates selbst verbrecherische Handlungen vorliegen.

 

Hier in dieser Vorlesung steht jedoch in erster Linie zur Diskussion, inwieweit die Grundprinzipien der christlichen Religion eine Gegenwehr gegen eine Verhaftung eventuell sogar mit Waffengewalt erlauben. Bis auf den heutigen Tag werden Christen auf der ganzen Welt allein wegen ihres Glaubens von Seiten des Staates verfolgt. Für einen gläubigen Menschen hat der Glaube an Gott und die Erfüllung der göttlichen Gebote stets Vorrang vor den weltlichen Geboten der Staaten.

 

Da aber gerade die christliche Religion das Recht auf Leben, auch des sündigen Menschen betont, dürfte ein Widerstand mit Waffengewalt sicherlich allenfalls nur in Ausnahmesituationen erlaubt sein. Weiter oben haben wir gezeigt, dass Jesus zwar eines Tages die Jünger aufforderte, sich Waffen zu besorgen, sodass man daraus den Schluss ziehen kann, dass Jesus eine gewisse Gegenwehr mit Waffen in Ausnahmesituationen durchaus als berechtigt ansieht. Auf der anderen Seite spricht er jedoch auch davon, dass derjenige, der zum Schwert greift, durch das Schwert umkommen wird, er preist den Friedfertigen und fordert seine Jünger auf, demjenigen, der sie auf die eine Wange schlägt, auch die andere Wange hinzuhalten.

 

 

d. Selbstjustiz

 

Es gibt auch noch eine zweite Art, gegen die staatliche Ordnung mit Waffengewalt vorzugehen oder zu missachten, so vor allem bei allen Formen der Selbstjustiz. Es entspricht den Grundprinzipien eines Rechtsstaates, dass die Verfolgung von Verbrechen jeglicher Art allein Sache der staatlichen Verfolgungsbehörden ist, hierzu zählen die Polizeibeamten, welche die Verhaftung Beschuldigter vornehmen und im Auftrag der Staatsanwaltschaft Ermittlungen durchführen sowie die Gerichte, welche nach Anhörung der streitenden Parteien schließlich darüber befinden, ob die Anschuldungen zutreffen und mit welcher Bestrafung der Verurteilte zu rechnen hat. Der Staat hat in dieser Frage das alleinige Machtmonopol.

 

Dieses Rechtsstaatsprinzip hat sich erst in einer sehr langen Entwicklungsphase durchgesetzt. Zunächst galt die Lynchjustiz. Erfuhr die Bevölkerung einer Gemeinde von einem Verbrechen, so rotteten sich einige private Anführer zusammen, ergriffen den vermeintlichen Täter und brachten diesen ohne dass dem Angeschuldigten ein Recht auf Verteidigung eingeräumt wurde, kurzerhand, z. B. durch Erhängen, um.

 

Nur sehr langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass eine alleinige Verfolgung von Straftaten durch den Staat in jeder Hinsicht einer Lynchjustiz vorzuziehen ist. Einerseits ist die Gefahr, dass Unschuldige fälschlicher Weise verurteilt werden, welche nur zufälliger Weise in der Nähe der Straftat angetroffen wurden, bei einer staatlichen Verfolgung sehr viel geringer. Andererseits verfügt der Staat aber über sehr viel wirksamere Methoden, um die wahren Täter zu ergreifen. Auch wird in aller Regel bei einer staatlichen Verfolgung das Ausmaß der Bestrafung der persönlichen Schuld des Angeklagten angepasst, während im Rahmen einer Lynchjustiz die Frage nach dem Umfang der persönlichen Schuld in aller Regel gar nicht gestellt wird, zu groß ist die Wut einiger Bürger, auch ist die Gefahr groß, dass bei dieser Gelegenheit alte Rechnungen beglichen werden.

 

Obwohl also über die Überlegenheit einer staatlichen Verfolgung gegenüber einer Lynchjustiz keine Zweifel bestehen können, sind auch heutzutage weltweit Spuren einer solchen Selbstjustiz zu beobachten. Dies gilt einmal im Zusammenhang mit der Blutrache, die in einigen Staaten vor allem mit islamitischen Hintergrund noch durchaus – wenn auch zumeist staatlicherseits verboten – praktiziert wird. Wenn ein Angehöriger der Familie umgebracht wurde, war es danach eine heilige Verpflichtung des Familienoberhauptes, den Täter bzw. ebenfalls ein Mitglied der Familie, aus welcher der Mörder entstammte, zu töten.

 

Das Fatale an dieser Praxis liegt darin, dass auf der einen Seite auf diese Weise oftmals auch Unschuldige ermordet werden, z. B. dann, wenn der Täter gar nicht bekannt ist und nur die Vermutung besteht, dass der Mord von einem bestimmten Familienclan verübt wurde. Auf der anderen Seite ist die Blutrache ein Prozess ohne Ende; denn der Umstand, dass nun ein Mitglied einer verfeindeten Familie vielleicht sogar unschuldig ermordet wurde, löst dann auch in dieser Familie erneut die Verpflichtung aus, ein Mitglied dieser anderen Familie zu töten. Am Ende kann sich eine solche Blutrache über mehrere Generationen hinziehen und es ist dann den heute lebenden Familienmitgliedern überhaupt nicht mehr bewusst, vom welcher Seite denn diese Mordserie ausging.

 

Aber auch in westlichen Staaten gibt es zahlreiche Bürgerinitiativen oftmals mit rechtsradikalem Hintergrund, welche mit der Aktivität und dem Erfolg der polizeilichen Behörden unzufrieden sind und nun vermeinen, selbst dafür sorgen zu müssen, dass auf den Straßen wiederum Recht einkehre. Verwerflich sind diese Initiativen vor allem dann, wenn diese privaten Aktivitäten im Sinne von Verschwörungstheorien von der Behauptung ausgehen, dass die bestehende Unordnung von bestimmten Ausländergruppen herrühre und diese Gruppen dann wahllos und ohne jegliche Beweisführung verfolgt werden.

 

Es ist klar, dass aus religiöser Sicht jede Form der Selbstjustiz abzulehnen ist. Jesus hat in diesem Zusammenhang davon gesprochen, dass man zwar Gott das geben solle, was Gott gehöre, aber auch dem Kaiser das geben solle, was dem Kaiser gehört. (Matthäus Kapitel 22,21) und dies bezieht sich sicherlich auch auf die Verpflichtung des Staates, Straftaten zu verfolgen.

 

Oder denken wir an Jesu Reaktion, als Schriftgelehrte, welche eine Frau beim Ehebruch erwischt hatten, sofort – also ohne gerichtliches Verfahren – steinigen wollten. (Johannesevangelium Kapitel 8) Auch hier hatte Jesus daraufhin gewirkt, dass diese Frau nicht gesteinigt wurde, obwohl das von Moses verkündete Gesetz für Ehebruch eine Steinigung vorsah.

 

 

 e. Kriegsdienstverweigerung

 

Im Zusammenhang mit der Frage, welche Rechte ein Bürger gegenüber der Staatsgewalt hat, beschränkten wir uns bisher auf die Frage, ob ein Individuum unter Umständen das Recht hat, sich gegen eine Verfolgung und Verhaftung notfalls sogar mit Waffengewalt zu wehren. Es sind jedoch auch die umgekehrten Fälle denkbar, dass der Staat nämlich einzelne Bürger verpflichtet, andere Menschen zu töten. Das wichtigste Beispiel hierfür ist der Kriegsdienst mit der Waffe. Viele auch demokratische Staaten kennen die Wehrpflicht, wonach Jugendliche verpflichtet werden können, eine gewisse Zeit Wehrdienst mit der Waffe zu leisten. Auch Deutschland kannte bis vor kurzem eine Wehrplicht. Hier entsteht die Frage, ob und unter welchen Bedingungen Wehrpflichtige das Recht erhalten, die Wehrpflicht aus Gewissensgründen zu verweigern.

 

Die meisten freiheitlich-demokratischen Staaten garantieren die Kriegsdienstverweigerung per Verfassung. Jeder der es aus Gewissensgründen nicht verantworten kann, an kriegerischen Handlungen teilzunehmen, die ihn auch zwingen, bewusst auf feindliche Soldaten oder auch im Luftkrieg feindliche Zivilisten anzugreifen, hat das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern. Hierfür mögen religiöse Gründe vorliegen, dann ergibt sich das Recht auf Kriegsverweigerung bereits aus dem in der Verfassung garantierten Menschenrecht der freien Religionsausübung, aber selbstverständlich kann auch ein Atheist, der den Kriegsdienst aus Gewissensgründen ablehnt, von diesem Recht Gebrauch machen.

 

Nun haben die Staaten natürlich ein Interesse daran, auch überprüfen zu können, ob eine Verweigerung des Kriegsdienstes wirklich aus Gewissensgründen oder lediglich aus Gründen der Bequemlichkeit erfolgt, da wohl jeder Kriegsdienst mit persönlichen Einschränkungen und mit Zeitverlust im Rahmen seiner Berufslaufbahn zur Folge hat. Bisweilen versuchten die prüfenden Behörden in der Vergangenheit nur dann eine Kriegsdienstverweigerung anzuerkennen, wenn der Betreffende glaubhaft versichern konnte, dass er sich auch dann nicht zur Wehr setzen würde, wenn er persönlich angegriffen würde und sein Leben bedroht würde.

 

Eine solche Prüfungsmethode verstößt jedoch eindeutig gegen die grundgesetzlich geschützte Religionsfreiheit. Welche Werte aufgrund eines bestimmten Religionsbekenntnisses zu schützen sind, ist ausschließlich Sache der betreffenden Religion und nicht des Staates, der Staat hat nicht das Recht, einer Religionsgemeinschaft vorzuschreiben, welche Grundwerte ein Gläubiger einzuhalten hat. Nur dann, wenn andere elementare Rechte der Rechtsordnung gravierend verletzt würden, kann der Staat die Ausübung bestimmter religiös motivierter Handlungen verbieten, so etwa, wenn eine Religion vorschreiben würde, eine Blutrache zu üben oder Andersgläubige zu töten. Bei der Kriegsdienstverweigerung mit der Waffe liegt jedoch kein solcher Wertekonflikt vor. Es gibt stets mehrere Möglichkeiten, wie Bürger ihrem Staat Dienste erweisen können. So ist z. B. der Einsatz in der Krankenpflege für das Gemeinwohl zumindest genauso vorteilhaft wie die Verteidigung einer Nation vor staatlichen Eingriffen.

 

Gerade im Hinblick auf die christlichen Grundwerte hatten wir bereits gesehen, dass Jesus auf der einen Seite offensichtlich sehr wohl das Recht anerkannte, sich mit dem Schwert gegen Angriffe zu erwehren, aber gleichzeitig betont, dass derjenige, welcher von anderen bedroht wird, trotzdem nicht sofort zum Gegenschlag ausholen soll (Halte auch die andere Wange hin).

 

In der Bundesrepublik wurde vor kurzem – wie bereits angedeutet – die Wehrpflicht aufgehoben. Und es ist sicherlich der überzeugendere Weg, den einzelnen Bürgern selbst zu überlassen, ob sie Dienst in der Streitmacht der BRD verrichten wollen. Vor allem führte die bisherige Praxis zu  sehr fragwürdigen Befragungen, welche einem Verhör glichen, welche ansonsten eigentlich nur diejenigen über sich ergehen lassen müssen, welche straffällig geworfen sind. Es fragt sich, ob hier wirklich die grundgesetzlich geschützte Menschenwürde gewahrt blieb.

 

Dass dann allerdings auch für diejenigen, welche sich gegen einen Kriegsdienst aussprechen, auch die Verpflichtung entfällt, im humanitären Bereich (vor allem im Pflegedienst) tätig zu werden, war eine Entscheidung, die als solche sicherlich auch negative Folgen hatte, indem sie z. B. die ausreichende Zurverfügungstellung von Pflegediensten äußerst erschwerte. Von der Sache her gibt es gute Gründe dafür, jeden Bürger zu bestimmten sozialen Leistungen zu verpflichten, sofern nur gesichert ist, dass niemand gegen sein Gewissen zu ganz bestimmten Handlungen gezwungen werden kann.

 

 

f. Tyrannenmord

 

Bei unseren bisherigen Analysen gingen wir stets davon aus, dass das Morden, also das absichtliche Töten eines Mitmenschen auf jeden Fall als ein Verstoß gegen das fünfte Gebot des Dekalogs zu gelten hat. Das menschliche Leben gilt als heilig und dies gilt restlos für alle Menschen, mögen sie noch so sehr gesündigt haben. In der Literatur wird jedoch bereits im griechischen Altertum die Frage diskutiert, ob nicht eine wesentliche Ausnahme von diesem Prinzip gemacht werden müsse. Die Ermordung eines brutalen Diktators, der früher als Tyrann bezeichnet wurde, müsse nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten sein. Allerdings wurde diese Diskussion schon von jeher sehr kontrovers diskutiert, es gab und gibt auch heute noch Anhänger und Gegner eines Tyrannenmordes. Wir wollen hier die wichtigsten Argumente pro und kontra einer solchen Tat erörtern.

 

Als erstes spricht natürlich die bloße Tatsache gegen einen Tyrannenmord, dass auch der Tyrann ein Mensch ist, dessen Leben nach christlicher Auffassung keinem Menschen zur freien Verfügung gestellt ist, mag der Tyrann sich noch so sehr verbrecherischer Taten schuldig gemacht haben, eine Ermordung eines Menschen gilt danach ohne Ausnahmen als nicht erlaubt.

 

Nun hatten wir allerdings weiter oben feststellen müssen, dass das fünfte Gebot bewusst nicht das Töten ganz allgemein, sondern zunächst nur den Mord, also die vorsätzlich herbeigeführte Tötung als Verstoß gegen das fünfte Gebot zu gelten hat. Begründet wurde diese Ausnahme damit, dass zwar jedes menschliche Leben als heilig zu gelten habe, dass es aber trotzdem dem einzelnen Menschen gestattet sein müsse, sich gegen Bedrohungen zur Wehr zu setzen und dass äußerstenfalls, das heißt, wenn der Bedrohte sein Leben nur auf diese Weise retten kann, es auch erlaubt sein muss, dass der Angegriffene den Angreifer im Kampf tötet. Zwar wird hier durch Menschenhand menschliches Leben ausgelöscht. Unter diesen Bedingungen steht jedoch ohnehin fest, dass menschliches Leben zerstört wird, entweder tötet der Angegriffene den Angreifer oder er wird selbst getötet. Wenn man schon zwischen diesen beiden Alternativen wählen muss, dürfte sicherlich die Tötung des Angreifers weniger dem fünften Gebot widersprechen als die Tötung eines Unschuldigen.

 

Wenn es aber schon gerechtfertigt erscheint, dass zur Abwehr notfalls auch ein Mensch getötet werden darf, dann gilt diese Argumentation erst recht für das Töten eines verbrecherischen Diktators. Hier geht es nicht nur darum, ein einziges unschuldiges Leben zu retten, es können vielmehr durch die Ermordung eines Diktators unter Umständen Tausende und Abertausende Menschen gerettet werden. Voraussetzung für die Rechtfertigung einer solchen Tat ist dann nur, dass sich der Tyrann auf der einen Seite verbrecherischer Handlungen schuldig gemacht hat, ein Tyrann wird man ja nicht dadurch, dass man zahlreiche Verbrechen begeht, sondern dass man die politische Macht an sich reißt. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob Handlungen gerechtfertigt werden können, bei welchen diese Tat aller Wahrscheinlichkeit nach gar nicht zum Erfolg führt.

 

Der Erfolg eines Tyrannenmordes ist jedoch stets sehr unsicher. Moderne Diktatoren pflegen nicht auf öffentlichen Straßen oder Gärten zu lustwandeln, sodass sie nicht jederzeit mit einer Pistole erschossen werden können, sie zählen zu den best bewachten und beschützten Personen unserer Zeit. Nur besonders eingeweihte und als zuverlässig geltende Personen haben Zutritt zu den modernen Machthabern.

 

Das Beispiel des missglückten Attentates auf Hitler zeigt deutlich diese Schwierigkeiten auf. Nur ein eingeweihter Kreis von Vertrauten Hitlers hatte Zugang zum Befehlsbunker des Führers. Es musste also mit dem Offizier Stauffenberg zunächst eine Persönlichkeit gefunden werden, welche in die Nähe Hitlers gelangen und eine Bombe so anbringen konnte, dass sie auch mit größter Wahrscheinlichkeit den Führer treffen konnte. Stauffenberg stellte die Tasche mit der Bombe an eine Stelle, wo üblicherweise Hitler bei den Befehlsausteilungen an seine Offiziere gestanden hatte. Zufälliger Weise trat jedoch Hitler in dem Augenblick, in dem diese Bombe zündete, an eine andere Stelle, sodass er trotz Detonation der Bombe überleben konnte.

 

Nun hat man darauf hingewiesen, dass dieser Misserfolg hätte vermieden werden können, wenn Stauffenberg den Führerbunker nicht verlassen hätte und selbst überwacht hätte, dass die Tasche mit der Bombe stets in der Nähe des Führers abgestellt ist. Entscheidend ist hierbei nicht in erster Linie, dass in diesem Falle auch Stauffenberg sein Leben riskiert hätte, sondern dass der Erfolg des Putsches nur garantiert war, wenn die Mitverschwörer rechtzeitig von der Tötung des Führers erfahren hätten und damit eine deutschlandweite Aktion hätten auslösen können, bevor die nationalsozialistischen Führungskräfte vom Attentat Mitteilung erhalten und damit Gegenmaßnahmen hätten auslösen können.

 

Die tatsächlichen Ereignisse nach dem missglückten Attentat auf Hitler zeigen nun deutlich, dass bei einem nicht erfolgreich beendeten Tyrannenmord der hierdurch herbeigeführte Schaden nicht einfach darin besteht, dass das Ende der Diktatur nicht herbeigeführt wurde. Vielmehr löste der Misserfolg des Attentates eine große Welle von Verhaftungen im weiteren Umkreis der Mitverschwörer, aber auch anderer Personen aus, welche als verdächtig galten. Hierdurch wurde der Kreis um die Gegner der Diktatur drastisch dezimiert. Gleichzeitig wurden die Maßnahmen zum Schutze Hitlers um ein weiteres verschärft, alles Ereignisse, welche die Chancen auf ein Attentat in der Zukunft drastisch verringerten. Darüber hinaus gelang es der nationalsozialistischen Propaganda bei den Anhängern dieses Systems den Eindruck zu erwecken, dass der Führer unter dem besonderen Schutz der göttlichen Vorsehung stehe, deshalb als unverwundbar gehalten werden könne und sozusagen den Segen höherer Mächte erfahren habe.

 

Es gilt noch eine weitere Gefahr zu bedenken. Die Ermordung eines Anführers kann nämlich unter Umständen dazuführen, dass der Ermordete nun unter seinen Anhängern als Märtyrer gefeiert wird und dass gerade auf diese Weise die Anhängerschaft dieses Führers sogar noch gestärkt wird. Dies gilt vor allem dann, wenn es sich um religiöse Führer und Bewegungen handelt. Hier kann die gewaltsame Tötung als Beweis genommen werden, dass der Ermordete nun aufgrund seiner Aufopferung zur Belohnung in den Himmel erhoben wurde und diese Ereignisse können den Zulauf zu diesen Gruppen gerade aus diesen Gründen wesentlich verstärken.

 

Das Ermorden unliebsamer Feinde war noch nie eine geeignete Maßnahme, bestimmte gegnerische Bewegungen zu bekämpfen. So erklärt man den enormen Auftrieb, den die Urchristen etwa 100 Jahre nach der Hinrichtung Jesu erhielten, unter anderem gerade auch mit den brutalen Ermordungen der Christen unter dem römischen Kaiser Nero. Wenn die Christen sogar bereit sind, ihr Leben für ihren Glauben hinzugeben, so geben sie damit gleichzeitig kund, dass sie wohl für besonders wertvolle Zielinhalte kämpfen; auch die gegenseitige Verbundenheit der unter der Verfolgung leidenden Christen überzeugte viele Bürger des römischen Reiches von der Attraktivität dieses Glaubens.

 

Vor allem für religiös motivierte Gruppierungen stellt die Ermordung keine Abschreckung dar, man hofft auf diese Weise im jenseitigen Leben für diese irdischen Leiden mehr als entschädigt zu werden. Gerade in diesen Fällen wäre ein Sturz eines diktatorischen Systems sehr viel erfolgreicher, wenn man die Führer der Diktatur nicht etwa ermordete, sondern ihnen einen Prozess machte, der in aller Öffentlichkeit auf die zahlreichen Verbrechen der bisherigen Machthaber aufmerksam macht und sie dadurch bestraft, dass sie lebenslang für ihre Missetaten büßen müssen. Natürlich enthält diese Alternative auch die Gefahr, dass die so inhaftierten Personen auch wiederum von ihren Anhängern befreit werden können.

 

Schließlich wollen wir auf ein letztes Argument eingehen, das zugunsten eines Attentates oftmals angeführt wird. So wurde im Hinblick auf das Attentat auf Hitler davon gesprochen, dass diese Tat auch dann notwendig gewesen sei, wenn sie nicht zu dem erwünschten Erfolg führte, da nur auf diese Weise der Weltöffentlichkeit gezeigt werden konnte, dass nicht das ganze deutsche Volk die zahlreichen Verbrechen der Hitlerdiktatur gebilligt hat. Das Attentat sei also auf jeden Fall aus moralischen Gründen unerlässlich gewesen.

 

 

g. Selbstmord

 

Unsere bisherigen Überlegungen bezogen sich auf das Töten eines Mitmenschen. Wie steht es aber, wenn jemand sich selbst zu töten versucht? Wenn wir bei der Rechtfertigung des vierten Gebotes vor allem darauf abheben, dass Gott alle Menschen als gleichberechtigte Wesen erschaffen hat und dass sich ein Mensch nicht dadurch über einen anderen setzen darf, dass er ihn tötet, scheint es auf den ersten Blick, dass diese Gefahr nicht besteht, wenn jemand sich selbst tötet. Er verletzt damit ja nicht das Leben eines anderen und der zweite Teil der Gebote Gottes bezieht sich ja immer auf zwischenmenschliche Beziehungen.

 

Wenn trotzdem auch der Selbstmord als Verfehlung des fünften Gebotes angesehen werden muss, so liegt dies darin, das das Tötungsverbot ja in erster Linie damit begründet wird, dass Gott den Menschen geschaffen hat und dass der Mensch deshalb nicht das leichtfertig vernichten darf, was Gott geschaffen hat. Und dieses Verbot gilt natürlich für jedes menschliche Leben, auch für das eigene. Auch gilt es daran zu erinnern, dass sich ja auch der durch einem Selbstmord angerichtete Schaden in aller Regel nicht auf die eigene Person beschränkt, sondern zumeist ja auch die näheren Verwandten und bekannten auf diese Weise größten Schaden erleiden, Ehegatten verlieren ihren Partner, Kinder ihren Ernährer.

 

Während das Verbot, andere Menschen zu ermorden, in fast allen Kulturen unabhängig von ihrer religiösen Grundlage beachtet wird, ergeben sich grundlegende Unterschiede bei der Beurteilung des Selbstmordes. Für einen Atheisten gibt es keine überirdische Instanz, welche den Selbstmord verbieten kann. Wenn der Mensch der alleinige Maßstab für das menschliche Verhalten ist, obliegt es auch dem einzelnen Menschen selbst zu entscheiden, ob er weiter leben will oder ob er seinem Leben ein Ende bereiten will. Es gibt keinen plausiblen Grund für einen überzeugten Atheisten, das Leben fortzusetzen, wenn er zu der Einsicht gelangt, dass ein Weiterleben per saldo mit Leid und Unlust verbunden ist.

 

Trotzdem begegnen wir auch in der weltlichen Ordnung der Verpflichtung, einen Menschen, der sich selbst das Leben genommen hat, so weit wie immer möglich wiederzubeleben. Vor allem Ärzte, welche sich entsprechend dem Hippokrateseid verpflichtet haben, Menschenleben soweit wie immer möglich zu erhalten, fühlen sich verpflichtet, alles zu tun, damit der Selbstmörder am Leben bleibt.

 

Die Rechtfertigung dafür, dass man einen Selbstmörder wiederzubeleben versucht, obwohl er durch seine Tat kund getan hat, dass er eigentlich sterben wollte, liegt dann zumeist darin, dass man vermutet, der Selbstmörder habe aus Verzweiflung in einer Art Kurzschlusshandlung gehandelt, bei einer objektiven Würdigung aller Nach- und Vorteile wäre er auch von selbst zu der Überzeugung gelangt, dass das Weiterleben wünschenswert sei.

 

Christen sind der Überzeugung, dass auch der Selbstmord, die bewusst herbeigeführte Tötung des eigenen Körpers als Sünde zu gelten hat, da eben jedes Leben, auch das eigene als heilig zu gelten hat. Damit ist jedoch noch nichts über die Schwere dieser Sünde ausgesagt. In der Vergangenheit verweigerte die katholische Kirche Selbstmördern in aller Regel ein kirchliches Begräbnis, da ein Selbstmörder der ewigen Verdammnis anheimfalle. Begründet wurde dieses Urteil offensichtlich damit, dass Gott nur den Menschen verzeihe, welche Reue zeigten und zur Umkehr bereit seien. Dadurch, dass der Selbstmörder seinem Leben ein Ende gesetzt habe, habe er sich aus eigener Entscheidung die Möglichkeit der Reue verbaut, dem Selbstmörder bleibe keine Zeit mehr zur Reue und Umkehr.

 

Ein solch vernichtendes Urteil ist nur sehr schwer verständlich, wenn man bedenkt, dass der gläubige Christ fest an die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes glaubt. Wie kann aber ein gerechter und gütiger Gott auf der einen Seite einem Mörder, der unter Umständen eine Vielzahl von Menschen aus Habgier oder aus sadistischer Freude am Töten hingeschlachtet hat, verzeihen, sofern er nur Reue zeigt, auf der anderen Seite aber einen Menschen, der über sein Schicksal verzweifelt ist, vermeint, keinerlei Ausweg zu sehen und deshalb sich das Leben nimmt, für alle Zeiten verstoßen?

 

Wissen wir denn wirklich, ob einem Selbstmörder tatsächlich keine Zeit zur Reue bleibt? Aus Berichten über Menschen, die bereits an der Schwelle des Todes standen, dann aber in letzter Minute doch noch reanimiert und zum Leben zurückgeführt werden konnten, wissen wir, dass sich vor den Augen dieser Menschen nochmals ihr ganzes Leben abspielt, sollte hier wirklich keine Zeit verbleiben, die letzte Tat ihres Lebens, den Selbstmord zu bereuen? Wir können es nicht wissen. Aber gerade deshalb entspräche es sicherlich in viel stärkerem Maße christlichen Grundsätzen, wenn wir Lebenden Gott in besonderem Maße um Fürbitte für diese Verstorbenen erflehen würden.

 

Bei unseren bisherigen Überlegungen gingen wir davon aus, dass ein Selbstmörder sich zu seiner Tat aus Verzweiflung und als letzten Ausweg entschließt. Sicherlich gibt es auch andere Motive, die zu einer Selbsttötung führen können. So haben sich z. B. Menschen, welche gegen ein besonders großes Unrecht demonstrieren wollen, selbst verbrannt oder auch nur jede Nahrungsaufnahme verweigert, was dann, wenn es über eine bestimmte kritische Zeit hinaus beibehalten wird, zwangsweise zum Tode führt.

 

Oder aber nehmen wir einen Menschen, der wegen seiner religiösen oder auch politischen Überzeugungen inhaftiert und gefoltert wurde, um die Namen seiner Mitverschworenen preiszugeben und der sich umbringt, um auf diese Weise der Gefahr zu entgehen, unter dem Einfluss der Folter einzuknicken und seine Mitverschworenen zu verraten. Es ist klar, dass gerade die hier unterschiedliche Motivlage auch eine ganz andere Beurteilung dieser Tat notwendig macht. Entscheidend für die Bewertung dieses Selbsttötung ist die Frage, inwieweit die Ziele, um derentwillen dieser Selbstmord erfolgte und die ebenfalls der Erhaltung von Leben dienten, nur dadurch sichergestellt werden konnten, dass die betreffenden Menschen ihr Leben preisgaben.

 

Wiederum ein ganz anderer Fall liegt vor, wenn es um die Frage geht, ob jemand einer künstlichen Lebensverlängerung zustimmt oder bewusst sich dafür entscheidet, dass sein Leben in diesen Fällen nicht künstlich, das heißt durch Anschluss an medizinische Apparaturen erhalten bleibt. Während noch vor einigen Jahrzehnten die Rechtsprechung in den meisten Staaten von einer nicht erlaubten Tötungsabsicht sprach, wenn bei Menschen, deren Leben künstlich durch Anschluss an solche Apparaturen aufrechterhalten werden konnte, von dieser Möglichkeit kein Gebrauch gemacht wurde und damit durch eine bewusste Willensentscheidung dem Leben dieser Menschen ein Ende gesetzt wurde. Die Ärzte waren sogar verpflichtet, auch gegen den erklärten Willen der betroffenen Menschen oder deren Angehörigen das Leben dieser Menschen zu verlängern. Es wurde als eine Straftat angesehen, wenn Ärzte dieser Verpflichtung nicht nachkamen. Man sprach hierbei von einer nicht erlaubten Sterbehilfe.

 

Heute wird in den meisten Staaten wie z. B. auch in der BRD den Betroffenen Menschen ausdrücklich erlaubt, in einer Patientenverfügung darüber selbst zu entscheiden, ob oder unter welchen Voraussetzungen sie im Bedarfsfalle an solche lebensverlängernden Maschinen angeschlossen werden wollen und der in einer solchen Patientenverfügung geäußerte Wille ist dann auch für den behandelten Arzt bindend. Man spricht hier von einer passiven Sterbehilfe, welche keine Straftat darstellt im Gegensatz zu einer aktiven Sterbehilfe, bei der der Arzt ganz gezielt mithilft, dass Menschen ihrem Leben ein Ende setzen.

 

Auch dann, wenn die Rechtsprechung es also zulässt, dass sich Menschen ganz bewusst gegen lebensverlängernde medizinische Maßnahmen entscheiden, sofern nicht mehr damit gerechnet werden kann, dass der Betroffene auf diese Weise wiederum einen Zustand erreichen kann, der ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, bleibt natürlich immer noch die Frage, wie eine solche Entscheidung aus religiöser Sicht zu beurteilen ist. Bei der Beantwortung dieser Frage ist immer davon auszugehen, dass es bei einem normalen Selbstmord darum geht, künstlich dem Leben ein Ende zu setzen, dass also ohne diese Selbstmordabsichten das Leben als solches nicht bedroht wäre, dass es  aber bei der Entscheidung, bestimmte lebensverlängernde Prozeduren abzulehnen, darum geht, künstliche Methoden der Lebensverlängerung abzulehnen, das heißt also, dass in diesen Fällen ohne Einsatz dieser künstlich herbeigeführter Maschinen das Leben dieser Menschen ohnhin beendet gewesen wäre.

 

Es gibt christliche Sekten, welche jeglichen ärztlichen Eingriff, der über eine Linderung der Schmerzen hinausgeht und der zum Ziel hat, das Leben zu verlängern, ablehnen mit dem Hinweis darauf, dass dann, wenn ein Mensch tödlich erkrankt sei, es auch dem Gotteswillen entspräche, dass das irdische Leben dieses Menschen eigentlich zu Ende gehen sollte.

 

Nun ist es sehr schwer, eine solche Einschätzung mit der Heiligen Schrift zu belegen. Wie wäre es denn bei einer solchen radikalen Bewertung zu verstehen, dass Jesus auch Tote wiederum zum irdischen Leben erweckt hatte? Warum sollte Gottes Anweisung: ‚machet euch die Erde untertan‘ nicht auch so verstanden werden, dass wir die irdischen Naturgesetze studieren sollten und hieraus auch Nutzanwendungen ziehen dürfen, wenn diese dem Menschen in einem wohlverstandenen Sinne zugute kommen? Nach dieser Interpretation sind medizinische Heilungserfolge immer dann, aber auch nur dann Gott wohlgefällig und deshalb erwünscht, wenn diese ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

 

Aber genau diese Voraussetzung ist sicherlich nicht mehr gegeben, wenn nach Anschluss an diese lebensverlängernden Maschinen mit fast hundertprozentiger Sicherheit nur noch ein Dahinsiechen der Betroffenen ermöglicht wird, bei dem der einzelne keine natürliche Verrichtung im Intimbereich mehr alleine vollziehen kann, der einzelne nur noch dadurch am Leben bleibt, dass er Schmerzen erleidet und auf sein Ende hoffen kann. Hier kann sicherlich nicht mehr davon gesprochen werden, dass sich hier die Menschen die Erde in dem Sinne untertan machen, dass sie die von Gott geschaffenen Naturgesetze weise, zum Nutzen der Menschen einsetzen. Es wird hier nicht mehr dem
Gebot der Nächstenliebe entsprochen, nach dem wir dem Mitmenschen keinen Schaden zufügen sollen und ihm in einer Not Hilfe und Trost bringen sollten, es wird vielmehr hier nur die Not der Menschen vergrößert.

 

Eine besondere Art von Selbstmord stellen die Selbstmordattentate dar. Hier wird das eigene Leben bewusst dafür eingesetzt, um die Absicht, andere Menschen zu töten, besser verwirklichen zu können. Der Erfolg des Angriffs auf andere Menschen ist hier fast hundertprozentig gesichert.

 

Der Versuch, durch Selbstmordattentate Terror zu verbreiten, verbindet sich heutzutage vor allem mit der al-Qaida-Bewegung. Im Jahre 1998 trat Bin Laden und seine Organisation al-Qaida mit einer Proklamation der Internationalen Islamischen Front für den Heiligen Krieg gegen Juden und Kreuzritter an die Öffentlichkeit und machte die Tötung von Amerikanern und ihrer Verbündeten zur persönlichen Verpflichtung eines jeden Muslims.

 

Einen Vorläufer dieser Art Kriegsführung findet sich im Kamikaze, in den von der japanischen Luftwaffe organisierten Selbstmordkommandos in den letzten Monaten des 2. Weltkrieges. Die Kamikazepiloten lenkten ihr Flugzeug auf die Angriffsziele, sie erreichten auf diese Weise mit fast absoluter Sicherheit die Vernichtung der feindlichen Angriffsziele, setzten aber hierbei auch ihr eigenes Leben mit Sicherheit aufs Spiel.

 

Gerade wegen der religiösen Motivation der heute verübten Selbstmordattentate wollen wir die Problematik dieser Tötungen erst in einem späteren Abschnitt im Zusammenhang über die angebliche Berechtigung sogenannter Heiliger Kriege diskutieren.

 

 

Fortsetzung folgt!