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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 5. Das fünfte Gebot

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Tötungen im Alten und Neuen Testament

3. Zwischenmenschliche Beziehungen

    a. Verbot des Mordens

    b. Tötung bei Angriff

    c. Gegenwehr gegen Verhaftung

    d. Selbstjustiz

    e. Kriegsdienstverweigerung

    f. Tyrannenmord

    g. Selbstmord

4. Staat gegenüber Straftäter

    a. Tötung bei Verhaftung

    b. Todesstrafe

5. Staaten untereinander

    a. Angriffskriege und Verteidigungskriege

    b. Heilige Kriege erlaubt?

6. nichttödliche Gewaltanwendung bei Angriffen 

7. Tötung von Tieren?

 

 

 

1. Einführung

 

Wir wollen uns nun dem fünften Gebot des Dekalogs zuwenden. Es besteht aus einem einzigen Satz: ‚Du sollst nicht morden‘. Im Gegensatz zum einfachen Totschlag sprechen wir nur dann von Mord, wenn die Tötung eines (oder natürlich auch mehrerer ) Menschen mit Absicht (Vorsatz) erfolgte, also geplant war. Während die einfache Tötung eines Menschen mehr oder weniger aus Zufall erfolgte und der Angreifende nicht die Absicht hatte, das Leben des Angegriffenen zu beenden, hat der Mörder den Tod des anderen bewusst herbeigeführt.

 

Das fünfte Gebot zielt auf die Erhaltung des Lebens. Was Gott erschaffen hat, soll der Mensch nicht mutwillig vernichten. Folgen wir dem bildlich gestaltenden Schöpfungsbericht im ersten Buch Moses (Genesis) Kapitel 1, 20-36, so hatte Gott am fünften und sechsten Tag als Krönung seiner Schöpfung alle Lebewesen, auch den Menschen erschaffen, den Menschen erschuf er hierbei nach seinem Abbild und am Ende des 6. Tages sah er, dass es gut war:

 

20 ‚Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen und Vögel sollen über dem Land am Himmelsgewölbe dahinfliegen.

21  Gott schuf alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln. Gott sah, dass es gut war.

22  Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren.

23  Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.

24  Dann sprach Gott: Das Land bringe alle Arten von lebendigen Wesen hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes. So geschah es.

25  Gott machte alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden. Gott sah, dass es gut war.

26  Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.

27  Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

28  Gott segnete sie ….

31  Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.

 

Auch hat Gott alle Menschen als gleichwertige Geschöpfe geschaffen und auch gegen diesen Grundsatz verstößt derjenige, welcher mutwillig das Leben seiner Mitmenschen auslöscht und sich damit über seinen Mitmenschen erhebt.

 

Folgen wir dem zweiten Schöpfungsbericht in Genesis Kapitel 2,8-9 entsprach es offensichtlich dem Plan Gottes, den Menschen ein ewiges Leben zu gewähren:

 

8  ‚Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.

9  Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.‘

 

Dass aber der Baum des Lebens ewiges Leben bringen sollte, erfahren wir, als über die Vertreibung aus dem Paradies in Genesis, Kapitel 3,22 berichtet wird:

 

‚Dann sprach Gott, der Herr: Seht, der Mensch ist geworden wie wir; er erkennt Gut und Böse. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!‘

 

Die Lebensbedingungen der ersten Menschen im Paradies ermöglichten Adam und Eva ein sorgenfreies Leben, sie konnten ohne größere Mühen die Früchte des Gartens Eden genießen. Ein Verbot gab Gott allerdings – dem zweiten Schöpfungsbericht zufolge – den ersten Menschen:

 

 ‘Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben‘. (Genesis Kapitel 2,15-17).

 

Würden die Menschen nämlich – bildlich gesprochen – vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen und sich somit vermehren, so würden die im Garten Eden angepflanzten Früchte nicht ausreichen, die Menschen ausreichend zu ernähren, wenn nicht gleichzeitig die Zahl der Menschen dadurch wiederum verringert würde, dass die Menschen im Alter sterben. Die Vertreibung aus dem Paradies brachte jedoch nicht nur mit sich, dass die Menschen nun sterben mussten, sondern auch, dass sie unter starken Mühen Kinder gebären und durch harte Arbeit die für das Leben notwendige Nahrung der Erde abgewinnen müssen.

 

Dem Thema Leben und Sterben begegnen wir dann vor allem in der Erzählung über die Sintflut. Hier ist es Gott selbst, der die Absicht äußert, die Menschheit zu vernichten. Im Buch Genesis Kapitel 6,5-8 heißt es:

 

5  ‚Der Herr sah, dass auf der Erde die Schlechtigkeit des Menschen zunahm und dass alles Sinnen und Trachten seines Herzens immer nur böse war.

6  Da reute es den Herrn, auf der Erde den Menschen gemacht zu haben, und es tat seinem Herzen weh.

7  Der Herr sagte: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, mit ihm auch das Vieh, die Kriechtiere und die Vögel des Himmels, denn es reut mich, sie gemacht zu haben.

8  Nur Noach fand Gnade in den Augen des Herrn‘.

 

Gerade deshalb, weil Noach und mit ihm die Vögel und Erdentiere in der Arche gerettet wurden, wird deutlich, dass Gott letztlich nicht die Absicht hatte, die Menschen wegen ihrer Missetaten für alle Zeit zu vernichten, sondern lediglich einen Neuanfang zu wagen, Noach war einer der ganz wenigen gottesfürchtigen Menschen der damaligen Zeit, Gott verband mit der Rettung des Noach die Erwartung, dass auch seine Nachkommen gottesfürchtig sein werden, da sie ja von Noach im rechten Glauben erzogen wurden.

 

Aber auch in der Folgezeit musste Gott feststellen, dass die Menschen immer wieder von ihm abfielen und sündigten und auch hier wiederum reute es Gott den Menschen erschaffen zu haben und er hegte die Absicht, die Menschen der besonders sündhaften Städte Sodom und Gomorra auszulöschen. So wird in Genesis Kapitel 18,20-33 berichtet:

 

20  ‚Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.

21  Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen.

22  Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.

23  Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?

24  Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?

25  Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?

26  Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.

27  Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.

28  Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.

29  Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.

30  Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.

31  Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten.

32  Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.

33  Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.‘

 

Diese Erzählung bringt im Vergleich zu dem Bericht über die Sintflut wesentliche Aussagen über das Verhältnis Gottes zu den Menschen. Gemessen an dem Götterglauben rings um Kanaan zur Zeit Abrahams ist es ein unerhörtes Verhalten, dass ein Mensch mit Gott wie mit seinesgleichen redet und ihm sogar Vorhaltungen macht. Für fast alle anderen Religionen galt, dass man sich auf die Erde werfen musste, wenn einer der Götter sich herabgelassen hat, mit den Menschen zu sprechen, es sind Weisungen, welche die Menschen von den Götter erhalten, sie sind in aller Demut aufzunehmen und wortlos zu akzeptieren.

 

Abraham hingegen wirft, als er von Gottes Plänen der Vernichtung Sodom und Gomorra erfuhr, Gott allen Ernstes vor,

 

‚Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?‘

 

Und dann beginnt er noch mit Gott zu feilschen, bei welcher Anzahl von Gerechten Gott darauf verzichtet, die beiden Städte zu vernichten. Hier wird deutlich, dass der Gott Jahwe ganz anders als alle anderen bisher bekannten Götter den Menschen begegnet, er lässt mit sich reden und ist bereit, sich die Sorgen der Menschen anzuhören.

 

Dass es dann trotzdem dem Bericht der Bibel zufolge zur Vernichtung von Sodom und Gomorra gekommen ist, lag dann offensichtlich daran, dass außer Lot einschließlich seiner Verwandtschaft überhaupt kein gottesfürchtiger Mensch gefunden wurde und der einzige Mensch, der Gott die Treue gehalten hatte, nämlich Lot, wurde vor der Vernichtung dieser Städte gerettet. Halten wir also fest, dass offensichtlich auch Gott das Leben der Menschen zu erhalten versucht, dass er auch dann, wenn die Menschen von ihm abfallen und es ihn reut, den Menschen geschaffen zu haben, doch immer wieder neue Wege sucht, mit den Menschen einen Neubeginn zu wagen.

 

Auch nach der Vertreibung aus dem Paradies blieb der Plan Gottes bestehen, dem Menschen letztendlich ein ewiges Leben zu ermöglichen, allerdings war dazu offensichtlich notwendig, dass Jesus durch sein Wirken hier auf Erden und durch seine Auferstehung nach seinem Tode erst die Voraussetzungen für den Eintritt ins ewige Leben nach dem irdischen Tod der Menschen geschaffen hat.

 

In unserer Auseinandersetzung darüber, wie wir das fünfte Gebot zu beachten haben, soll in einem zweiten Abschnitt aufgezeigt werden, wie denn in den Erzählungen des Alten und Neuen Testamentes über Tötungen berichtet wurde und wie sie im Einzelnen bewertet wurden.

 

Wir wollen uns dann in den nächsten drei Abschnitten etwas ausführlicher mit dem Tötungsverbot befassen. In einem ersten Schritt werden wir die Bedeutung dieses Verbots für die zwischenmenschlichen Beziehungen der einzelnen Menschen untereinander darlegen. Ist nur das Morden, also die bewusst herbeigeführte Tötung eines Mitmenschen verboten oder unter welchen Voraussetzungen kann ein Tötungsakt erlaubt sein? Gilt dieses Verbot auch für das eigene Leben oder darf der Mensch willentlich seinem Leben ein Ende setzen?

 

In einem zweiten Schritt fragen wir uns, ob denn der Staat den Tod seiner Mitbürger verfügen darf, sofern diese bestimmte Gebote missachtet hatten? Ist also die Verhängung einer Todesstrafe erlaubt, obwohl hier doch ganz eindeutig der Tod des Straftäters bewusst herbeigeführt wird?

 

In einem dritten Schritt widmen wir uns weiterhin der Frage, ob die einzelnen Staaten berechtigt sind, Kriege gegeneinander zu führen und hierbei wiederum bewusst Menschen zu erschießen. Hier gilt es in erster Linie die Unterscheidung zwischen einem Angriffs- und einem Verteidigungskrieg zu treffen, wobei allerdings berücksichtigt werden muss, dass die Übergänge zwischen beiden Arten der Kriegsauslösung fließend sind, so wenn z. B. mit Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass der feindliche Staat einen Angriff plant und die bedrohte Nation lediglich versucht, dieser Absicht zuvor zukommen.

 

Nach diesen drei Abschnitten wollen wir uns mit der Frage befassen, ob das letztliche Ziel des fünften Gebotes, die Erhaltung des Lebens nicht bereits dann verletzt wird, wenn Mitmenschen tätlich angegriffen werden, wenn sie an ihrem Körper verletzt werden, damit unter Umständen große Schmerzen erleiden müssen und in ihrer Lebensführung beeinträchtigt werden und schließlich auch ihre Lebensdauer auf diesem Wege verringert wird.

 

In einem letzten Abschnitt soll schließlich der Frage nachgegangen werden, inwieweit denn eine bewusste Tötung von Tieren geduldet werden kann, ob nicht die Achtung und Ehrung des Lebens für alle Formen des Lebens zu gelten hat.

 

 

2. Tötungen im Alten und Neuen Testament

 

Zum ersten Mal begegnen wir im Alten Testament dem Tötungsakt, als Kain seinen jüngeren Bruder Abel tötete. Im ersten Buch Moses, der Genesis Kapitel 4,3-15 lesen wir:

 

3  ‚Nach einiger Zeit brachte Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten des Feldes dar;

4  auch Abel brachte eines dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr schaute auf Abel und sein Opfer,

5  aber auf Kain und sein Opfer schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.

6  Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?

7  Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn! 

8  Hierauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Gehen wir aufs Feld! Als sie auf dem Feld waren, griff Kain seinen Bruder Abel an und erschlug ihn.

9  Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?

10  Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit zu mir vom Ackerboden.

11  So bist du verflucht, verbannt vom Ackerboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen.

12  Wenn du den Ackerboden bestellst, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.

13  Kain antwortete dem Herrn: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.

14  Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und wer mich findet, wird mich erschlagen.

15  Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.‘

 

Der Grund dafür, dass Kain den Abel erschlug, war offensichtlich die Enttäuschung Kains darüber, dass Gott nach Meinung Kains sein Opfer im Gegensatz zu dem Opfer Abels nicht angenommen habe. Kain bebaute und erntete Ackerfrüchte und opferte deshalb dem Herrn Früchte des Ackers, während Abel Viehzüchter war und Erstlinge seiner Tiere opferte. Aus der Tatsache, dass der Rauch von dem verbrannten Tier offensichtlich hell erleuchtete und in einem geraden Strahl zum Himmel leuchtete, während der Rauch von den Ackerfrüchten dunkel blieb und auf den Boden drückte, wurde offensichtlich von Kain fälschlicherweise so gedeutet, dass Gott nur an geopferten Tieren Gefallen finden würde.

 

Gott korrigiert diese fälschliche Aussage, er fragt Kain, warum er denn missmutig ist, wenn er rechtes getan habe, bräuchte er auch nicht seinen Blick senken:

 

‚Der Herr sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick? Nicht wahr, wenn du recht tust, darfst du aufblicken; wenn du nicht recht tust, lauert an der Tür die Sünde als Dämon. Auf dich hat er es abgesehen, doch du werde Herr über ihn!‘

 

Gottes Abkehr von Kain bezieht sich also auf sein sündiges Leben und nicht darauf, dass er Ackerfrüchte geopfert hatte.

 

Kain fordert nun seinen Bruder zu einer tätigen Auseinandersetzung heraus und erschlägt hierbei seinen Bruder. Wir erfahren nicht, ob Kain die Absicht hatte, seinen Bruder zu töten, also zu morden. Da es der erste Tötungsakt war, konnte er auch wohl nicht wissen, dass die tätliche Auseinandersetzung für seinen Bruder tödlich enden würde.

 

Trotzdem ist sich Kain darüber im Klaren, dass er mit der Tötung seines Bruders schwere Schuld auf sich geladen hatte: Kain antwortete dem Herrn:

 

‚Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte. Du hast mich heute vom Ackerland verjagt und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und wer mich findet, wird mich erschlagen‘.

 

Man hätte nun eigentlich erwarten können, dass Gott die Tötung Abels dadurch vergelten würde, dass er auch Kain sterben lässt nach dem Grundsatz Leben für Leben. Ganz im Gegensatz hierzu erfahren wir, dass Gott Kain weiterleben lässt, dass er genauso wie seine Eltern Adam und Eva sich zu einem großen Volk vermehren wird, ja Kain erhält sogar auf seiner Stirn ein Mal, das ihn davor bewahren soll, wegen seiner Tat von anderen Menschen getötet zu werden:

 

‚Der Herr aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain erschlägt, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der Herr dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.‘

 

Von besonderer Bedeutung ist dann sehr viel später für den Geltungsbereich des Tötungsgebotes die Stelle im Buch Genesis Kapitel 22,1-14. Dort heißt es:

 

1  ‚Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

2  Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.

3  Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte.

4  Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem.

5  Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich will mit dem Knaben hingehen und anbeten; dann kommen wir zu euch zurück.

6  Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander.

7  Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er antwortete: Ja, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?

8  Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter.

9  Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.

10  Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.

11  Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.

12  Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.

13  Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.

14  Abraham nannte jenen Ort Jahwe-Jire (Der Herr sieht), wie man noch heute sagt: Auf dem Berg lässt sich der Herr sehen.‘

 

Obwohl also traditionell diese Bibelstelle als Opferung Isaaks überschrieben wird, soll diese Passage ganz im Gegenteil klar machen, dass der Gott Jahwe wiederum im Gegensatz zu fast allen heidnischen Göttern zur Zeit Abrahams Menschenopfer ablehnt. Das Verbot, Menschen absichtlich zu töten, gilt also auch im Hinblick auf die Opferung eines Menschen zur Ehre Gottes. Auch hier hält sich also Gott an das Gebot, das er den Menschen gibt.

 

Hier stellt sich die Frage, ob Gott, den wir als gerecht und gütig bezeichnen, tatsächlich Abraham auffordern konnte, seinen Sohn zu opfern. Würden wir nicht einen Fürsten, der ein solches Opfer von einem Untergebenen verlangen würde, als grausam und alles andere als gütig und gerecht bezeichnen? Und widerspricht dieser Befehl nicht der Absicht Gottes, durch Abraham ein großes Volk entstehen zu lassen? Trotz dieser Weissagung hatte ja Abraham erst in hohem Alter, in dem normaler Weise kein Mann und keine Frau noch Kinder zeugen bzw. gebären kann, seinen Sohn Isaak bekommen.

 

In der Kommentierung zu dieser Bibelstelle wird zumeist davon gesprochen, dass Gott in Wirklichkeit keinesfalls die Absicht gehabt habe, ein solches Opfer von Abraham zu verlangen, dass er lediglich Abraham auf die Probe stellen wollte, ob er tatsächlich bereit sei, Gott in allem zu folgen.

 

Auch dann, wenn diese Interpretation dem Beginn dieser Geschichte zu ent­sprechen scheint, empfinde ich diese Deutung keinesfalls als überzeugend. Auch hier muss man sich die Frage stellen, ob ein gütiger und gerechter Gott tatsächlich willens sein kann, mit einer solchen Aufforderung die Treue Abrahams zu überprüfen. Erstens dürfte ein allwissender Gott sicherlich nicht dieser Probe bedürfen, um festzustellen, ob Abraham sich wirklich gottestreu verhält. Gott kann nach Überzeugung der Gläubigen in die Seele aller Menschen schauen, vor ihm bleibt nichts verborgen, somit auch nicht die Antwort auf die Frage nach der wirklichen Gesinnung Abrahams. Die biblischen Texte sind zweitens voll von Berichten einerseits der guten Taten Abrahams, andererseits der Verwerflichkeit fast aller anderen Bewohner der Gegend in der damaligen Zeit. Es konnte kein Zweifel über die Treue Abrahams gegenüber Gott bestehen.

 

Bringen wir nochmals den Vergleich mit einem Fürsten. Würden wir nicht einen Fürsten, der einen Untergebenen auf diese Weise (Opferung seines einzigen Sohnes) auf die Probe stellen würde, mit Recht als grausam und zynisch bezeichnen, auch dann, wenn er im letzten Augenblick das Opfer verhindern würde?

 

Gibt es nicht auch eine andere Deutung dieser Geschichte? Abraham könnte doch auch von der irrigen Auffassung ausgegangen sein, dass Gott dieses Opfer verlange. Diese Geschichte könnte doch einfach zum Ausdruck bringen wollen, dass Gott diesen falschen Glauben korrigieren wollte und zeigen wollte, dass die Liebe zu Gott sich in anderen Werken äußere als darin, dass Menschen ihren eigenen Sohn opfern.

 

Wir könnten somit die Bibel auch als eine Schrift verstehen, welche die Entwicklung der Menschheit und ihres Glaubens an Gott darstellen will, dass sich also der Glaube an einen einzigen Gott, der gütig und gerecht ist, nur allmählich in verschiedenen Etappen entwickelt hat. Auf einer gewissen Stufe beginnt der Mensch an einen einzigen Gott zu glauben, der ein Wesen mit freiem Willen darstellt und überwindet die Vorstellung, dass die irdischen Gewalten Sturm, Erdbeben Sonne selbst Götter darstellen.

 

Da immer noch an der Vorstellung festgehalten wird, diese Naturkatastrophen seien stets die unmittelbare Strafe Gottes für den Ungehorsam der Menschen, versuchten die Menschen zunächst Gott dadurch mild zu stimmen, dass sie das Teuerste opferten und das sind nun einmal die eigenen Kinder. Hier bringt nun das Beispiel Abrahams einen Einschnitt in dem Sinne, dass die Menschen erkannten, dass Gott keine Menschenopfer verlangt.

 

In dieser Erzählung über Abraham wird nun immer noch davon ausgegangen, dass Gott Brandopfer von Tieren wünscht. In späteren Berichten, bei einigen Propheten, vor allem aber im Neuen Testament wird gesagt, dass sich die Gottesliebe eben nicht primär darin äußert, dass wir Gott Brandopfer von Tieren oder vielleicht auch Feldfrüchten darbringen, sondern dass wir unseren Nächsten, die sich in Not befinden, tatkräftig Hilfe bringen.

 

‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen. Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach‘. (Amos, 5,21f.)

 

Und bei Markus 12,32f. erfahren wir:

 

‚Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer‘.

 

So zeigt die Bibel die Entwicklung des Glaubens an Gott, der sich nur allmählich in mehreren Schritten kundtat, sodass nicht schon bei der ersten Erwähnung im Alten Testament der gesamte Inhalt der geschuldeten Gottesliebe kundgetan wurde, sondern zunächst einmal nur klar gestellt wurde, dass Gott keine Menschenopfer verlangt und dass erst sehr viel später diese Vorstellung dadurch vervollständigt wurde, dass wir Gott am meisten dadurch lieben, dass wir notleidenden Menschen helfen und keinem Nächsten Schaden zufügen, aber nicht unbedingt Gott Brandopfer darbringen und damit tierisches Leben bewusst töten.

 

Eine solche Interpretation scheint mir vor allem auch deshalb nahe zu liegen, weil im Buch Genesis bei der Aufforderung Gottes, Isaak zu opfern von ‚Eli‘ als Gottesbegriff ausgegangen wird, während dann nach Abwendung des Menschenopfers von Jahwe als persönlichem Gott gesprochen wird. Diese unterschiedlichen Begriffe für Gott im Alten Testament werden zumeist darauf zurückgeführt, dass das Alte Testament aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt ist und dass in den verschiedenen Quellen unterschiedliche Begriffe zur Um­schreibung Gottes verwandt werden. Nun wird jedoch mit dem Begriff ‚Eli‘ auch von Gott im Sinne einer Gattung gesprochen, also auch dann, wenn von den Göttern der Heiden die Rede ist, während immer dann, wenn vom persönlichen Gott der Juden gesprochen wird, der Begriff: Jahwe benutzt wird.

 

Die Verwendung zweier Begriffe für Gott in der gleichen Darstellung scheint mir darauf hinzudeuten, dass es nicht unbedingt der persönliche Gott Jahwe ist, der Abraham auffordert, seinen Sohn zu schlachten, sondern dass Abraham eben – wie wohl die meisten Menschen zu dieser Zeit – von der wagen und unbestimmten Vorstellung ausging, dass Gott (oder die Götter?) dieses Opfer verlangen und dass sich Abraham im Zwiegespräch mit Gott darüber klar wurde, dass Gott ein solches Opfer nicht verlangen kann. Hatte Abraham nicht bei einem früheren Gespräch mit Jahwe, als es um die Zerstörung von Sodom und Gomorra ging, mit Gott gehadert und eine für die damalige Zeit sicher ungeheure Forderung erhoben, auch Gott müsse sich schließlich an die Gebote halten, die er den Menschen gegeben habe und dürfe keinesfalls auch nur wenige Unschuldige mit allen anderen sündigen Menschen zusammen vernichten?

 

Das Thema ‚Töten‘ wird wiederum in Kapitel 2 des zweiten Buches Moses Genesis,11-15 angesprochen. Hier heißt es:

 

11  ‚Die Jahre vergingen und Mose wuchs heran. Eines Tages ging er zu seinen Brüdern hinaus und schaute ihnen bei der Fronarbeit zu. Da sah er, wie ein Ägypter einen Hebräer schlug, einen seiner Stammesbrüder.

12  Mose sah sich nach allen Seiten um, und als er sah, dass sonst niemand da war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sand.

13  Als er am nächsten Tag wieder hinausging, sah er zwei Hebräer miteinander streiten. Er sagte zu dem, der im Unrecht war: Warum schlägst du deinen Stammesgenossen?

14  Der Mann erwiderte: Wer hat dich zum Aufseher und Schiedsrichter über uns bestellt? Meinst du, du könntest mich umbringen, wie du den Ägypter umgebracht hast? Da bekam Mose Angst und sagte: Die Sache ist also bekannt geworden.

15  Der Pharao hörte von diesem Vorfall und wollte Mose töten; Mose aber entkam ihm.‘

 

Hier wird deutlich, dass die Heilige Schrift keinesfalls nur von den Heldentaten der Auserwählten Gottes in leuchtenden Farben schildert, die Welt wird nicht in Heilige und Verbrecher aufgeteilt, auch und gerade diejenigen Israeliten, welche Gott zur Führung des israelitischen Volkes ausgewählt hatte, unterliegen ebenfalls der Versuchung, Gottes Gebote bisweilen zu missachten. Zwar hat Moses diesen hier erzählten Totschlag nicht wie ein Mörder geplant, er sah rein zufällig, wie ein ägyptischer Sklavenaufseher einen Hebräer vermutlich sogar unberechtigt schlug, sein Herz schlug für seine versklavten Mitbrüder, sicherlich ein lobenswerter Charakterzug. Aber sicherlich konnte man nicht davon sprechen, dass die Tötung des Ägypters notwendig war, um den Hebräer zu retten.

 

In ähnlicher Weise finden wir auch im zweiten Buch Samuel in Kapitel 11 Hinweise dafür, dass selbst David, der gesalbte König Israels nicht vor einem Mord zurückschreckte. Voraus ging der Ermordung des Hetiters Urija, eines Befehlshabers von David, ein Ehebruch mit der Frau des Hetiters:

 

11,2 ‚Als David einmal zur Abendzeit von seinem Lager aufstand und auf dem Flachdach des Königspalastes hin– und herging, sah er von dort aus eine Frau, die badete. Die Frau war sehr schön anzusehen.

11,3 David schickte jemand hin und erkundigte sich nach ihr. Man sagte ihm: Das ist Batseba, die Tochter Ammiëls, die Frau des Hetiters Urija.

11,4 Darauf schickte David Boten zu ihr und ließ sie holen; sie kam zu ihm, und er schlief mit ihr – sie hatte sich gerade von ihrer Unreinheit gereinigt. Dann kehrte sie in ihr Haus zurück.

11,5 Die Frau war aber schwanger geworden und schickte deshalb zu David und ließ ihm mitteilen: Ich bin schwanger.

11,6 Darauf sandte David einen Boten zu Joab (und ließ ihm sagen): Schick den Hetiter Urija zu mir! Und Joab schickte Urija zu David.

11,7 Als Urija zu ihm kam, fragte David, ob es Joab und dem Volk gut gehe und wie es mit dem Kampf stehe.

11,10 Man berichtete David: Urija ist nicht in sein Haus hinabgegangen. Darauf sagte David zu Urija: Bist du nicht gerade von einer Reise gekommen? Warum bist du nicht in dein Haus hinuntergegangen?

11,11 Urija antwortete David: Die Lade und Israel und Juda wohnen in Hütten und mein Herr Joab und die Knechte meines Herrn lagern auf freiem Feld; da soll ich in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und bei meiner Frau zu liegen? So wahr du lebst und so wahr deine Seele lebt, das werde ich nicht tun.

11,12 Darauf sagte David zu Urija: Bleib auch heute noch hier; morgen werde ich dich wegschicken. So blieb Urija an jenem Tag in Jerusalem. Am folgenden Tag

11,13 lud David ihn ein, bei ihm zu essen und zu trinken, und machte ihn betrunken. Am Abend aber ging Urija weg, um sich wieder auf seinem Lager bei den Knechten seines Herrn niederzulegen; er ging nicht in sein Haus hinab.

11,14 Am anderen Morgen schrieb David einen Brief an Joab und ließ ihn durch Urija überbringen.

11,15  Er schrieb in dem Brief: Stellt Urija nach vorn, wo der Kampf am heftigsten ist, dann zieht euch von ihm zurück, sodass er getroffen wird und den Tod findet.

11,16  Joab hatte die Stadt beobachtet und er stellte Urija an einen Platz, von dem er wusste, dass dort besonders tüchtige Krieger standen.

11,17  Als dann die Leute aus der Stadt einen Ausfall machten und gegen Joab kämpften, fielen einige vom Volk, das heißt von den Kriegern Davids; auch der Hetiter Urija fand den Tod.

 

Im Gegensatz zu dem Beispiel der Geschichte Moses lag bei David eindeutig ein geplanter Mord vor, der zusätzlich noch ausdrücklich dazu diente, den zuvor begangenen Ehebruch Davids mit der Frau des Hetiters und deren Folgen (das Schwangerwerden der Frau) zu vertuschen und der deshalb aus niederen Beweggründen erfolgte, welche die Schwere der Tat noch vergrößerten. Aber selbst hier wurde der König nicht dafür bestraft, dass er abdanken musste und getötet wurde, es reichte auch hier wiederum aus, dass der König echte Reue zeigte und bereit war umzukehren.

 

Wir erwähnten an anderer Stelle bereits, dass im Anschluss an den Dekalog sehr ausführliche Darlegungen folgen, welche minutiös schildern, wie zu verfahren ist, wenn gegen die im Dekalog enthaltenen Weisungen verstoßen wird und wann eine Todesstrafe erforderlich wird. Zwei Grundsätze lassen sich hierbei feststellen: Auf der einen Seite gilt der Grundsatz: Auge um Auge und damit auch Leben für Leben, wer einen Mitmenschen vorsätzlich ermordet, hat auch sein Leben verwirkt. Auf der anderen Seite werden auch gravierende Verstöße gegen die anderen Weisungen des Dekalogs mit dem Tode bestraft, so etwa wer am Sabbat ohne Not Arbeit verrichtet oder auch derjenige, welcher die Ehe bricht. So steht auf Ehebruch die besonders harte Strafe der Steinigung.

 

Auch zu der Frage, wie zu verfahren ist, wenn die Feinde Gottes mit Gottes Hilfe besiegt wurden, finden sich im Buch Deuteronomium Kapitel  20,10-18) genaue Anweisungen im Hinblick auf die Vernichtung der besiegten Völker:

 

10  ‚Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie anzugreifen, dann sollst du ihr zunächst eine friedliche Einigung vorschlagen.

11  Nimmt sie die friedliche Einigung an und öffnet dir die Tore, dann soll die gesamte Bevölkerung, die du dort vorfindest, zum Frondienst verpflichtet und dir untertan sein.

12  Lehnt sie eine friedliche Einigung mit dir ab und will sich mit dir im Kampf messen, dann darfst du sie belagern.

13  Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen.

14  Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt.

15  So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören.

16  Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen.

17  Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat,

18  damit sie euch nicht lehren, alle Gräuel nachzuahmen, die sie begingen, wenn sie ihren Göttern dienten, und ihr nicht gegen den Herrn, euren Gott, sündigt.‘

 

Das Gebot, auch unschuldige Kinder hinzuschlachten, lässt sich wohl kaum als von Gott gewollt deuten und steht in offensichtlichem Widerspruch zu der Überzeugung, dass Gott gerecht und gütig ist. Es fragt sich hier, ob hier nicht der eigentliche Wille Gottes von Menschen missverstanden wurde, Menschen, selbst die Könige und Propheten werden in der Heiligen Schrift immer wieder als sehr unvollkommene Wesen geschildert und dies gilt sicherlich nicht nur für ihr moralisches Verhalten, sondern auch für die Befähigung, Gottes Botschaften richtig zu deuten.

 

Fragen wir uns zum Abschluss, wie denn Jesus nach den Auskünften des Neuen Testamentes das Töten von Mitmenschen eingeschätzt hat. Als erstes gilt es daran zu erinnern, dass Jesus sich keinesfalls als ein Revolutionär verstanden hatte, der die Weisungen des Dekaloges aufzuheben gedachte:

 

‚Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. (Matthäus Kapitel 5,17-18)

 

Allerdings wandte sich Jesus gegen die Art, nach welcher zahlreiche jüdische Religionsführer der damaligen Zeit die Thora interpretiert hatten. Er wandte sich dagegen, nur auf den Buchstaben des Gesetzes zu achten und darüber den eigentlichen Sinn dieser Weisungen zu vernachlässigen. So äußerte er z. B. die Meinung, dass ein Heilen eines Kranken durchaus auch am Sabbat erlaubt sei, da der Sabbat für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat eingerichtet worden sei. Deshalb dürfen danach diese Tätigkeiten auch keinesfalls mit dem Tode bestraft werden.

 

Andererseits gilt es zu bedenken, dass sündige Taten zunächst einmal damit beginnen, dass der  Mensch sündige Gedanken in seinem Herzen trägt. Also beginnt das Verbot zu morden bereits dann und dadurch, dass Menschen mörderische Gedanken pflegen. In der Bergpredigt heißt es nach Matthäus Kapitel 5, 21-22:

 

21  ‚Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemand tötet, soll dem Gericht verfallen sein.

22  Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du (gottloser) Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein.‘

 

Aus weiteren Äußerungen Jesu geht hervor, dass Jesus keinesfalls der Auffassung war, dass jedes Töten im Sinne einer Gegenwehr dann erlaubt sei, wenn jemand von einem anderen angegriffen wird:

 

51  ‚Doch einer von den Begleitern Jesu zog sein Schwert, schlug auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm ein Ohr ab.

52  Da sagte Jesus zu ihm: Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.

53  Oder glaubst du nicht, mein Vater würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken, wenn ich ihn darum bitte?‘  (Matthäus Kapitel 26,51-53)

 

In der Bergpredigt preist Jesus jedoch ausdrücklich diejenigen, welche auf Gewaltanwendung ganz verzichten: ‚Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben‘. (Matthäus Kapitel 5,5)

 

Eine weitere Stelle bei Lukas in Kapitel 6,29 unterstreicht diese Haltung: ‚Dem, der dich auf die eine Wange schlägt, halt auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel wegnimmt, lass auch das Hemd.‘

 

Allerdings lässt sich aus diesen Bibelstellen nicht eindeutig ablesen, dass Jesus jede Art von Gegenwehr abgelehnt hat. So heißt es bei Lukas Kapitel 22,36-38:

 

‚Da sagte er: Jetzt aber soll der, der einen Geldbeutel hat, ihn mitnehmen und ebenso die Tasche. Wer aber kein Geld hat, soll seinen Mantel verkaufen und sich dafür ein Schwert kaufen.

Da sagten sie: Herr, hier sind zwei Schwerter. Er erwiderte: Genug davon!‘

 

Es ist somit nach Meinung Jesu sicherlich nicht verwerflich, sich ein Schwert zu besorgen, um sich gegen nicht gerechtfertigte Angriffe zu erwehren. Dass aber das Schwert allenfalls zur Verteidigung gerechtfertigt erscheint, geht schon daraus hervor, dass Jesus meinte, zwei Schwerter würden durchaus genügen. Mit zwei Schwertern kann man keinen ernsthaften Gegner angreifen und auch keine Revolution auslösen.

 

Besonders deutlich wird die Haltung Jesu zur Frage der Verurteilung sündiger Menschen im Johannesevangelium Kapitel 8, als die Schriftgelehrten eine Frau heranschleppten, die beim Ehebruch erwischt worden war:

 

3 Da führten die Schriftgelehrten und Pharisäer eine Frau herbei, die beim Ehebruch ergriffen (oder: ertappt) worden war, stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: »Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen (oder: ertappt) worden.

5 Nun hat Mose uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst nun du dazu?«

6 Dies sagten sie aber, um ihn zu versuchen, damit sie einen Grund zur Anklage gegen ihn hätten. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf den Erdboden.

7 Als sie aber ihre Frage an ihn mehrfach wiederholten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: »Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie!«

8 Hierauf bückte er sich aufs neue und schrieb auf dem Erdboden weiter.

9 Als aber jene das gehört hatten, gingen sie einer nach dem andern weg, die Ältesten zuerst bis zu den Letzten, und Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die in der Mitte (= vor ihm) stand.

10 Da richtete Jesus sich auf und fragte sie: »Frau, wo sind sie (deine Ankläger)? Hat keiner dich verurteilt?« Sie antwortete: »Keiner, Herr.«

11 Da sagte Jesus: »Auch ich verurteile dich nicht: gehe hin und sündige hinfort nicht mehr!«

 

Jesus lässt also die Ehebrecherin gehen und spricht sich nicht für eine Steinigung, eine besonders grauenvolle Art der Todesstrafe aus. Wohlbemerkt er sagt nicht etwa, ‚es ist nicht weiter schlimm, dass du die Ehe gebrochen hast‘, sondern er weist diese Frau an, nicht mehr zu sündigen, also die Ehe nicht mehr zu verletzen. Entscheidend ist, dass die ehrliche Reue und der feste Wille, umzukehren und in Zukunft nicht weiter zu sündigen, viel wichtiger sind als die Bestrafung des Übeltäters und damit die Sühne. Wenn jemand beim Ehebruch ertappt und dann sofort gesteinigt wird, hat dieser sicherlich nicht die Möglichkeit der tatkräftigen Umkehr. Die Gnade Gottes, umkehren zu dürfen, gilt aber für jeden Menschen bis zu seinem letzten Atemzug.

 

Gleichzeitig wird in dieser Erzählung ein weiterer Grundsatz des christlichen Glaubens sichtbar: Wie können wir von Gott Verzeihung erwarten, wenn wir selbst nicht bereit sind, unserem Mitbruder oder unserer Mitschwester deren Sünden zu verzeihen? Der Grund dafür, dass in dieser Erzählung einer nach dem anderen stillschweigend den Platz verlassen hatte, liegt sicherlich darin, dass sie sich selbst ertappt sahen, auch sie hielten vermutlich das sechste oder auch neunte Verbot des Dekalogs nicht so lupenrein ein, wie man es eigentlich erwarten sollte, wenn man öffentlich für eine hundertprozentige Einhaltung des 6. Gebotes eintritt.

 

 

Fortsetzung folgt!