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Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel IV: Das vierte Gebot

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Die Funktionen der Familie

3. Die Gehorsamspflicht der Kinder

4. Die Rechte der Kinder

5. Recht der Eltern auf Züchtigung?

6. Lernen durch Vorbild und Einsicht

7. Die Übertragung des 4. Gebotes auf nichtfamiliäre Gesellschaftsformen

 

 

 

1. Einführung

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel etwas ausführlicher mit dem vierten Gebot des Dekalogs beschäftigen. Wie bereits im ersten Kapitel dieser Vorlesung dargelegt wurde, lautet das vierte Gebot, wenn wir die Darstellung des Dekaloges im zweiten Buch Moses (Exodus) Kapitel 20 zugrunde legen:

 

‚Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.‘

 

Während wir uns bisher mit den Geboten befasst haben, welche die Beziehungen der Menschen zu Gott regeln und auf der ersten der steinernen Tafeln aufgeschrieben sind, beginnen nun mit dem vierten Gebot die Weisungen, welche auf der zweiten steinernen Tafel vermerkt sind und welche die Beziehungen der Menschen untereinander regeln.

 

Als erstes fällt auf, dass das vierte Gebot und alle weiteren Weisungen im Vergleich zu den drei ersten Geboten wesentlich kürzer gefasst sind. Die ersten Gebote des Dekalogs wurden stets in mehreren Sätzen sehr ausführlich umschrieben, während das vierte Gebot und alle weiteren Weisungen lediglich in einem Satz formuliert werden.

 

Schon rein äußerlich ergibt sich aus diesem Unterschied die unterschiedliche Gewichtung der Gebote, welche den Beziehungen zwischen Mensch und Gott und den anderen zwischenmenschlichen Beziehungen zukommt. Für jeden gläubigen Menschen dürfte es selbstverständlich erscheinen, dass er Gott seinem Schöpfer einen größeren Gehorsam schuldet als gegenüber jedem anderen Wesen, mögen die Beziehungen zweier Menschen noch so intensiv sein. Die Liebe und Achtung zu Gott kann niemals zugunsten der Liebe zu einem Mitmenschen eingeschränkt und hintangestellt werden.

 

Vielleicht kommt in dieser unterschiedlichen Gewichtung auch zum Ausdruck, dass es im frühen Judentum – im Gegensatz zu den Religionen in der Umgebung der Israeliten – vor allem darauf ankam, den monotheistischen Glauben, dass es nur einen einzigen Gott gibt, den wir Menschen verehren sollen, einzuführen und zu verfestigen. Bekanntlich neigten die Israeliten in der Zeit Moses dazu, bei den geringsten Anlässen immer wieder in den Götzenglauben der Nachbarstämme zurückzufallen. Dass in den zwischenmenschlichen Beziehungen bestimmte Regeln eingehalten werden müssen, war wohl in den meisten gesellschaftlichen Ordnungen bewusst, unabhängig von der jeweiligen religiösen Ausrichtung. Also bedurfte es auch bei der Erwähnung dieser Weisungen für die zwischenmenschlichen Beziehungen weniger Worte als im Hinblick auf die geforderte Liebe zu Gott.

 

Zweitens beschränkt sich das vierte Gebot wie die vorhergehenden drei ersten Gebote nicht darauf, lediglich die Verpflichtung des Menschen zu präzisieren, es wird auch kurz angegeben, warum denn dieses Gebot befolgt werden muss. In den folgenden Geboten wird jeweils nur die Verpflichtung formuliert, es folgen im Dekalog keinerlei Ausführungen, welche Strafen derjenige zu erwarten hat, der die Gebote missachtet, bzw. welche Belohnungen derjenige erfährt, der sich entsprechend dieser Weisungen verhält.

 

Das vierte Gebot gehört zu der Gruppe der drei Weisungen innerhalb des Dekalogs, welche zur Erhaltung und Festigung der Familie als Urzelle menschlicher Gruppierungen dienen. Neben dem vierten Gebot befasst sich auch das sechste Gebot (du sollst nicht ehebrechen) wie auch das 9. Gebot (du sollst nicht begehren des Ehegatten deines Nächsten) mit dem Erhalt der Familie. Während jedoch das 6. und 9. Gebot die Beziehungen zwischen den Ehegatten untereinander regelt und die Bedrohungen der Familie durch einen Ehebruch zu verhindern versucht, befasst sich das 4. Gebot mit den Beziehungen zwischen den Eltern und ihren Kindern.

 

Auch an dieser Stelle soll nochmals daran erinnert werden, dass sich die Heilige Schrift im Wesentlichen auf die Verkündung der Glaubenswahrheiten einschließlich der sich hieraus ergebenden Verhaltensvorschriften beschränkt. Negativ heißt dies, dass die Heilige Schrift keine verbindliche Auskunft darüber geben will und kann, auf welchem Wege die Ziele erreicht werden können, um derentwillen die Weisungen erfolgt sind.

 

Im Hinblick auf das vierte Gebot bedeutet dies, dass es bei der Formulierung dieses Gebotes allein darum geht, die der Familie zugedachten Funktionen zu erfüllen. Der Dekalog will keine verbindliche Auskunft darüber geben, auf welchem Wege dieses Ziel am besten erreicht werden kann. Im Hinblick auf die konkrete Ausgestaltung der Verhaltensvorschriften kann die Heilige Schrift immer nur auf das Wissen zurückgreifen, das zu der damaligen Zeit, als diese Vorschriften ausformuliert wurden, als allgemeingültig angesehen wurde. Wir müssen immer damit rechnen, dass in frühen Zeiten dieses Wissen unvollkommen, zum Teil sogar falsch war und aufgrund unsers heutigen Wissens als falsch bezeichnet werden muss.

 

Weiterhin muss auch berücksichtigt werden, dass der Erfolg einer konkreten Maßnahme nicht nur von der Zielsetzung, sondern darüber hinaus auch von den gesellschaftlichen Umweltbedingungen abhängt und dass sich diese Daten in der Zwischenzeit so gravierend verändert haben, sodass schon aus diesen Gründen die bisher eingehaltenen Vorschriften an die veränderte Situation angepasst werden müssen. In der Zeit, in welcher Moses den Dekalog verkündet hatte, lebten die Menschen in einer weitgehend stationären Gesellschaft. Die Produktionsweisen blieben die gleichen und das Wissen über das erforderliche Verhalten konnte ohne große Anpassungen von den Eltern an die Kinder übertragen werden.

 

Heute leben wir in einer sich schnell veränderten Welt. Die Eltern können das berufliche Wissen schon deshalb nicht ihren Kindern weitergeben, da die Kinder oftmals ganz andere Berufe als ihre Eltern ausüben, es ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Kinder in dem gleichen Produktionsbetrieb wie ihre Eltern tätig sind. Darüber hinaus ändern sich aber auch die Produktionsbedingungen innerhalb derselben Branche kontinuierlich, sodass schon aus diesen Gründen die Kinder nicht mehr auf das von den Eltern praktizierte Berufswissen zurückgreifen können.

 

Es fällt auch auf, dass in den weiteren Büchern der Thora, welche für die übrigen Gebote des Dekaloges sehr ausführliche Ausführungsbestimmungen formulieren, gerade im Hinblick auf die Einhaltung des vierten Gebotes nur sehr grobe Verstöße gegen dieses Gebot erwähnt werden. So heißt es – wie wir später noch ausführlich zeigen werden – in Exodus Kapitel 21,15: ‚Wer seinen Vater oder seine Mutter schlägt, wird mit dem Tod bestraft, oder in Exodus Kapitel 21,17: ‚Wer seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem Tod bestraft.‘

 

Ansonsten finden sich etwas genauer formulierte Verhaltensvorschriften zum vierten Gebot vor allem in dem Buch der Sprüche und bei Jesus Sirach. Das Buch der Sprüche wurde vermutlich bereits von König Salomo verfasst, in der späteren, vor allem nachexilianischen Zeit jedoch wesentlich ergänzt. Ein Großteil dieser Sprüche geht auf den Volksmund zurück. Sie sind oftmals derb und übertreiben in ihrer Formulierung und sind bisweilen auch recht einseitig. Es wird im Allgemeinen auf den Nutzen dieser Verhaltensweisen hingewiesen, wenn auch immer wieder die religiöse Grundhaltung zum Ausdruck kommt.

 

Das Buch Jesus Sirach zählt zu den später verfassten Büchern der Heiligen Schrift. Jesus Sirach war ein Gelehrter, welcher das nach ihm benannte Buch etwa 180 a. Chr. verfasst hat. Dieses Buch enthält eine Vielzahl von Lebens- und Verhaltensvorschriften, welche vor allem der Jugend gelten, die auf diese Weise auf die Aufgaben und Schwierigkeiten des späteren Lebens vorbereitet werden sollen. Es nimmt Bezug auf das Buch der Sprüche, handelt jedoch die einzelnen Themen sehr viel systematischer als das Buch der Sprüche ab. Im Gegensatz zur jüdischen Tradition, in der das Buch Jesus Sirach nicht in den offiziellen Kanon aufgenommen wurde, übernimmt der von der römischen Kirche übernommene Kanon dieses Buch. Auch im Neuen Testament, vor allem im Jakobusbrief und in den frühchristlichen Schriften, finden sich einige Hinweise auf dieses Buch.

 

Wir wollen im Folgenden unsere Analyse des 4. Gebotes damit beginnen, dass wir nach den Funktionen fragen, welche die Familie erfüllen soll und die entscheidend für die Frage sind, welche Verhaltensvorschriften zur Erfüllung dieser Aufgaben hieraus abgeleitet werden können.

 

Ein weiterer Abschnitt dieses Kapitels befasst sich dann mit den sich hieraus ergebenden Verhaltensvorschriften an die Kinder. Das vierte Gebot spricht zwar nur von den Pflichten der Kinder gegenüber ihren Eltern, es ist aber klar, dass den Pflichten einer bestimmten Gruppe von Menschen immer auch Rechte entsprechen. Auch die Kinder sind keinesfalls Sklaven, denen keinerlei Rechte zugesprochen werden, die Heiligen Schriften, vor allem auch die Evangelien betonen wiederholt die besondere Hochschätzung, die den Kindern zukommt, die es ganz unmöglich erscheinen lässt, dass diese Kinder nicht auch Rechte gegenüber ihren Eltern haben sollten.

 

Ein nächster Abschnitt geht auf das geforderte Verhalten der Eltern gegenüber ihren Kindern ein. Zwar spricht der Dekalog weder im vierten noch in einem anderen Gebot davon, dass auch die Eltern gegenüber ihren Kindern bestimmte Verhaltensvorschriften zu erfüllen haben. Es kann aber kein Zweifel bestehen, dass auch die Eltern in gleicher Weise wie die Kinder Pflichten zu erfüllen haben. Nur auf diese Weise kann der mit dem vierten Gebot beabsichtigte Erhalt der Familie und können die der Familie übertragenen Aufgaben sichergestellt werden.

 

Die Gehorsamspflicht der Kinder gegenüber den Eltern verschaffen letzteren Macht und überall dort, wo Machtpositionen aufgebaut werden, besteht die Gefahr des Machtmissbrauchs. Es ist auch nicht selbstverständlich, dass die Eltern wie von selbst genau die Erziehungsmaßnahmen treffen, welche einen Erfolg garantieren, stets ist mit der Gefahr zu rechnen, dass Eltern in der Frage nach der geeigneten Erziehungsmethode entweder irren oder sogar einseitig nur ihr eigenes Interesse verfolgen.

 

Dass im Dekalog nur von den Pflichten der Kinder, nicht der Eltern gesprochen wird, kann nur so gedeutet werden, dass zu der Zeit, in der diese Gebote formuliert wurden, die Pflichten der Kinder in besonderem Maße verletzt wurden oder dass die Erziehungsaufgabe in der damaligen Zeit im Vergleich zu heute so unkompliziert und einfach war, dass auch keine große Gefahr bestand, dass die Eltern durch unsachgemäße Erziehungsmethoden ihre Erziehungsaufgabe verfehlen.

 

In diesen Abschnitten soll vor allem die Frage erörtert werden, wie denn der Satz im Buch der Sprüche Kapitel 13,24 zu verstehen ist: ‚Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.‘ Anderseits soll aufgezeigt werden, auf welche Weise denn nach heutiger Erkenntnis der Erziehungsauftrag der Eltern erfüllt werden kann.

 

Ein letzter Abschnitt widmet sich der Frage, inwieweit die für die Familie geltenden Verhaltensvorschriften auch auf andere außerfamiliären Gemeinschaftsformen übertragen werden können. Inwieweit gilt z. B. die Pflicht zum Gehorsam auch im Betrieb für die Arbeitnehmer gegenüber ihren Vorgesetzten oder im Rahmen der staatlichen Ordnung für die Bürger gegenüber den staatlichen Behörden?

 

 

2. Die Funktionen der Familie

 

Wir hatten einleitend darauf hingewiesen, dass das vierte Gebot zusammen mit dem sechsten und dem neunten Gebot vor allem zur Sicherstellung der Familie und ihrer Aufgaben dient. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von den Funktionen, welche der Familie im Rahmen unserer gesellschaftlichen und religiösen Ordnung zufallen. Während nun das 6. und das 9. Gebot in erster Linie zum Schutz der Regenarationsfunktion notwendig werden, erfüllt das 4. Gebot in erster Linie die Aufgabe, die Erziehungsfunktion zu erfüllen. Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit dieser Erziehungsfunktion der Familie.

 

Im Gegensatz zu den Tieren werden die Menschen bei ihrem Verhalten nicht allein von ihren Trieben und Instinkten geleitet. Sie verfügen zwar wie die Tiere auch über die Triebe und über Instinkte, der Mensch verfügt jedoch auch über die Möglichkeit, gegen die Triebe zu handeln, er hat einen Verstand und ein Gewissen, das ihm gestattet, sich so zu verhalten, dass übergeordnete Ziele trotz Vorhandenseins der Triebe, die unter Umständen in eine andere Richtung drängen, erfüllt werden können.

 

Der Mensch wächst jedoch nicht automatisch ohne eigenes Zutun in diese Fähigkeit, zielgerichtet und verantwortungsvoll zu handeln, er bedarf einer langwierigen Erziehung zu diesem Handeln. Diese Aufgabe wird nun seit jeher in unseren Kultursystemen von den Familien erfüllt. Die Familie ist im Allgemeinen sehr viel besser als andere außerfamiliäre Einrichtungen in der Lage, diese Aufgabe zu erfüllen. Auf der einen Seite verlangt die Erziehung gerade in den ersten Jahren der Jugendlichen von ihren Erziehern eine hohe Bereitschaft zur Aufopferung, da die Mühen und Anstrengungen, welche mit der Erziehung der Kleinkinder verbunden sind, oftmals die von diesen Kindern ausgehenden Freuden zunächst übersteigen. Die Bereitschaft zu einer solch hohen Aufopferungsbereitschaft ist jedoch in aller Regel dann größer, wenn diese Erziehungsaufgabe gegenüber den eigenen Kinder zu erfüllen ist.

 

Auf der anderen Seite verlangt die Erziehung der Kleinkinder ein starkes Eingehen auf das einzelne Kind, in der Sprache der Wirtschaftstheorie ausgedrückt kommt es hier auf Handarbeit und nicht auf eine Massenproduktion an. Auch in diesem Punkt ist die Familie außerfamiliären Erziehungseinrichtungen (Kindertagesstätten etc.) schon aufgrund ihrer geringeren Größe überlegen. Die Beschäftigung von Fachkräften in den außerfamiliären Organisationen führt zu hohen Fixkosten, welche erst ab einer bestimmten Größe Kosten und Ertrag in ein tragbares Verhältnis bringen.

 

Die Erziehung der Kinder in der Familie hat vor allem die Aufgabe, im Kleinkind ein Urvertrauen zu erzeugen, das Voraussetzung dafür ist, dass der erwachsene Mensch später in der Lage ist, sich auch in die Gemeinschaft einzuordnen, dass er sich als Mitglied dieser Gemeinschaften fühlt, das Pflichten übernimmt, aber immer auch Rechte gegenüber den andern besitzt.

 

Die Erziehung in den ersten Jahren erfüllt auch die Funktion, das Interesse am Lernen zu wecken. Kleinkinder beginnen schon sehr früh mit etwa 3 Jahren nach dem ‚Was‘ und dem ‚Warum‘ zu fragen. Werden diese Lernversuche von den Eltern abgeblockt, besteht die Gefahr, dass die Kinder später in der Schule nicht bereit sind, die Anforderungen und Einschränkungen, die mit jedem Lernen verbunden sind, auf sich zunehmen. In diesem Falle ist jedoch die Lernfähigkeit der betroffenen Jugendlichen stark eingeschränkt.

 

Einer Erziehung bedarf es einmal im Hinblick auf alle Fähigkeiten, die der Mensch zur Bewältigung des Lebens benötigt. Die Menschen müssen in mühevoller Arbeit die Güter produzieren, welche sie zur Erhaltung ihres Lebens benötigen und die Erziehung muss sicherstellen, dass die Jugendlichen all die Fertigkeiten lernen, welche zur Erfüllung dieser Aufgabe unerlässlich sind. Gleichzeitig verlangt jede arbeitsteilige Produktion aber auch, dass die einzelnen am Produktionsprozess Beteiligten bereit sind, die Regeln zu beachten, ohne die kein befriedigendes Produktionsergebnis möglich ist.

 

Erziehung beschränkt sich jedoch nicht auf diese Aufgabe. Zwar muss davon ausgegangen werden, dass ohne diese Fähigkeiten und Bereitschaften ein menschliches Überleben nicht möglich wäre. Aber aus religiöser Sicht besteht die Sinnerfüllung des menschlichen Lebens nicht primär darin, dieses Überleben zu ermöglichen und in diesem irdischen Leben ein Höchstmaß an Befriedigung und Lust zu schaffen, sondern sich auf ein Leben nach dem Tode entsprechend der Verheißungen der Religionen vorzubereiten.

 

Auch im Hinblick auf dieses Ziel bedarf es einer Erziehung, auch hier müssen wir davon ausgehen, dass der Mensch von selbst ohne harte Vorarbeit nicht bereit ist, all die Einschränkungen hinzunehmen, die für ein Verhalten entsprechend den zehn Geboten notwendig werden. Auch hier dürfte es genauso wie im Hinblick auf Faktenwissen notwendig werden, bereits in den ersten Lebensjahren eine grundlegende Bereitschaft zu erzeugen, dem Gewissen zu folgen und aus übergeordneten Gründen auch einmal auf irdische Freuden zu verzichten. 

 

Wieweit eine Familie diese Erziehungsfunktion erfüllen kann, hängt natürlich auch von der jeweiligen Wirtschafts- und Gesellschaftsform ab. Bis zu der Industrialisierung zu Beginn der Neuzeit übernahm die Familie vor allem auch die berufliche Ausbildung. Die Familie war dazu im Allgemeinen auch in der Lage, da der Sohn oder die Tochter im eigenen elterlichen Betrieb beschäftigt wurde und da sich die Produktionstechniken und mit ihnen das Wissen über die erforderlichen Fertigkeiten im Zeitablauf nur sehr langsam veränderten. Die Menschen lebten weitgehend in einer stationären Gesellschaft, die Eltern hatten ihr Wissen von ihren Eltern empfangen, konnten dieses Wissen an ihre Kinder weitergeben in der Erwartung, dass auch ihre Kinder, dann, wenn sie erwachsen sind, dieses vererbte Wissen selbst wiederum an ihre Kinder weitergeben werden.

 

In dieser Hinsicht ist seit der Industrialisierung ein entscheidender Wandel eingetreten. Auf der einen Seite werden die Kinder in der Regel nicht mehr im eigenen Betrieb beschäftigt, diese Notwendigkeit ergibt sich bereits aus der Größe der Betriebe. Auf der anderen Seite ist der technische Fortschritt so rasant, dass die Kindergeneration nicht mehr auf das Wissen zurückgreifen kann, das der Elterngeneration die Produktion erlaubte. Schließlich hat sich der Komplexitätsgrad unserer Produktionsmethoden gewaltig gesteigert, sodass schon aus diesen Gründen viele Eltern ohne eigene Fachausbildung überfordert wären, nach wie vor die berufliche Ausbildung ihrer Kinder zu übernehmen.

 

Diese Änderungen brachten es mit sich, dass alle Fragen der beruflichen Ausbildung an außerfamiliäre Einrichtungen wie Schulen jeder Art übertragen werden mussten, sodass den Familien nur noch die Erziehung in den oben geschilderten Grundfragen verblieb.

 

Der Umstand, dass im Gegensatz zu früher – im Zuge der Emanzipation der Frau – in aller Regel nicht nur ein Elternteil, sondern beide Ehepartner ganztägig berufstätig sind, hat dazu geführt, dass die Erziehungsfunktion der Familie um ein Weiteres eingeschränkt wurde. Die Tatsache, dass beide Eltern ganztätig ihrem Beruf außer Hause nachgehen, hat es notwendig gemacht, dass auch schon Kinder im Vorschulalter ihre Zeit in Kindertagesstätten verbringen und dass dann auch von diesen Einrichtungen bestimmte allgemeine Erziehungsaufgaben übernommen wurden.

 

Trotzdem verbleiben vor allem die oben beschriebenen ersten Schritte einer Erziehung der Familie vorbehalten, da diese in aller Regel diese Funktionen wie beschrieben besser erfüllen kann. Auch gilt es zu berücksichtigen, dass die tatsächliche Entwicklung in dieser Frage keineswegs die einzige Möglichkeit war. Es wäre auch denkbar gewesen, dass immer noch nur einer der Ehepartner außer Hause einer Beschäftigung nachgeht, nur dass die Frage, welcher Ehepartner berufstätig ist, nun nach der besseren Eignung und unabhängig vom Geschlecht entschieden wird. Eigenartiger Weise reichte für die Mehrzahl der Beschäftigten in früheren Zeiten das Einkommen eines der Ehepartner aus, um die gesamte Familie zu ernähren, obwohl damals das Pro-Kopf-Einkommen eines Arbeitnehmer wesentlich geringer war als heute.

 

Weiterhin wäre es heutzutage technisch gesehen durchaus möglich, Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen, aufgrund derer beide Ehepartner halbtags zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten, der eine vormittags, der andere nachmittags. Weiterhin wäre es in vielen Berufen möglich, Teile der Arbeit zu Hause zu verrichten und über Internetverbindungen den Kontakt zwischen den einzelnen Beschäftigten aufrechtzuerhalten. Auch wäre es selbst bei Führungsaufgaben durchaus technisch gesehen möglich, dass eine berufliche Arbeit immer wieder für eine längere Zeit z. B. für 5 Jahre unterbrochen wird.

 

Die Feststellung, dass eine Führungskraft, welche für mehrere Jahre pausiert, damit automatisch die Fähigkeit verliere, nach einer längeren Pause wiederum den Anschluss an die veränderte Situation zu finden, mag zwar de facto zutreffen, es gibt aber keine innere Notwendigkeit, dass der pausierende Angestellte den Kontakt verliert, er könnte ja sehr wohl laufend z. B. auf dem Wege der Internetmedien über die augenblicklichen betrieblichen Entscheidungen informiert und eingebunden werden.

 

Dass auch Führungsaufgaben mit höchsten Ansprüchen nach einer mehrjährigen Pause wahrgenommen werden können, zeigen bereits die Erfahrungen mit der parlamentarischen Demokratie. Hier gehört es zur Regel, dass Regierungen bei einer Wahl zum Parlament abgewählt werden können, dass aber diese Parteien dadurch keineswegs die Fähigkeit verlieren, bei der nächsten oder übernächsten Wahl wiederum die Mehrheit zu erlangen und dann die Regierungsgeschäfte zu übernehmen. Die beiden Konsuln im altertümlichen Rom nahmen ihre politische Aufgabe sogar nur für ein Jahr wahr, regierten ein Weltreich, das fast ganz Europa und Teile Asiens umfasste und sie erfüllten diese Aufgabe trotzdem mehr oder weniger befriedigend, obwohl ihnen die heutigen Möglichkeiten der Kommunikationstechniken fehlten.

 

 

3. Die Gehorsamspflicht der Kinder

 

Wir haben im vorhergehenden Abschnitt gezeigt, dass mit dem vierten Gebot vorwiegend das Ziel verfolgt wird, den heranwachsenden Kindern all das Wissen, die Fähigkeiten und die Bereitschaft zu sittlichem Verhalten zu lehren, welche die Erwachsenen notwendig haben, um ihre zukünftige Aufgabe in der Gesellschaft erfüllen zu können, aber auch um sich selbst in der Gesellschaft behaupten zu können, vor allem aber sich auf das ewige Leben angemessen vorbereiten zu können. Wir wollen nun überprüfen, welche Pflichten den Kindern bei dieser Aufgabe zukommen.

 

Der Wortlaut des vierten Gebotes spricht hierbei bemerkenswerterweise einfach davon, dass die Kinder ihre Eltern achten sollen: ‚Ehre deinen Vater und deine Mutter‘. Man hätte eigentlich erwarten können, dass an dieser Stelle insbesondere von den Kindern unbedingter Gehorsam gegenüber den Anweisungen ihrer Eltern verlangt wird.

 

Auch in den weiteren Büchern der Thora, welche im Hinblick auf die anderen Gebote des Dekalogs sehr umfangreiche Ausführungsbestimmungen enthalten, welche minutiös die einzelnen möglichen Verfehlungen und die jeweiligen Strafen für diese Gesetzesübertretungen enthalten, wird nur am Rande auf besonders schwerwiegende Vergehen gegen das vierte Gebot eingegangen. So wird im Buch Levitikus Kapitel 20,9 – wie bereits erwähnt – bestimmt, dass ‚jeder, der seinen Vater oder seine Mutter verflucht, mit dem Tod bestraft‘ werden soll. Oder im Buch Deuteronomium  Kapitel 21,18-21 lesen wir:

 

18  ‚Wenn ein Mann einen störrischen und widerspenstigen Sohn hat, der nicht auf die Stimme seines Vaters und seiner Mutter hört, und wenn sie ihn züchtigen und er trotzdem nicht auf sie hört,

19  dann sollen Vater und Mutter ihn packen, vor die Ältesten der Stadt und die Torversammlung des Ortes führen 

20  und zu den Ältesten der Stadt sagen: Unser Sohn hier ist störrisch und widerspenstig, er hört nicht auf unsere Stimme, er ist ein Verschwender und Trinker.

21  Dann sollen alle Männer der Stadt ihn steinigen und er soll sterben.‘

 

Hier richtet sich offensichtlich die sehr schwere Strafe allein gegen die Kinder, die vollkommen aus der Art geschlagen sind und jede Bereitschaft zugunsten der Mitmenschen selbst Einschränkungen zu akzeptieren, vermissen lassen.

 

Das vierte Gebot gibt auch an, warum es denn so wichtig ist, dass die Kinder ihre Eltern ehren sollen: ,damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.‘ Nur dann, wenn die Heranwachsenden die Lehren und Anweisungen ihrer Eltern achten und befolgen, ist sichergestellt, dass die Kinder, dann, wenn sie herangewachsen sind, überhaupt über die Weisheit und Fähigkeit verfügen, die es ihnen erlaubt, ihre Aufgaben in der Gemeinschaft wahrzunehmen. Und nur in diesem Falle sind sie auch dafür vorbereitet, entsprechend den Weisungen Gottes zu handeln. Darüber hinaus verbindet sich mit diesem Gebot aber auch die Erwartung, dass die Kinder für ihr richtiges Verhalten später einmal, wenn sie selbst erwachsen sind und eigene Kinder haben, ihre Pflichten als Eltern besser erfüllen können, da dann auch ihre Kinder ihren Weisungen Folge leisten.

 

 Aber natürlich lässt sich die Forderung nach Ehrung der Eltern einfach aus Gerechtigkeitsgründen ableiten. Den Eltern obliegt mit der Verpflichtung zur Erziehung ihrer Kinder eine sehr mühsame Aufgabe, welche eine große Aufopferung verlangt. Zwar bringt diese Aufgabe den Eltern auch Freuden, aber vor allem in den ersten Lebensjahren der Kinder dürften die Mühen und Entbehrungen im Zusammenhang mit der Erziehung die damit verbundenen Freuden bei weitem überwiegen.

 

Auch wenn das vierte Gebot nicht eigens auf die Gehorsamspflicht der Kinder ihren Eltern gegenüber abheben würde, kann kein Zweifel bestehen, dass die Erziehungsaufgabe mit Erfolg nur dann erfüllt werden kann, wenn die Kinder bereit sind, die Lehren ihrer Eltern anzunehmen und zu befolgen.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass jede Art von Gehorsam erforderlich ist, vor allem nicht, dass ein blinder Kadavergehorsam von den Kindern verlangt werden müsse. Dies verbietet sich aus mehreren Gründen. Als erstes muss berücksichtigt werden, dass die Eltern ja auch keine Heiligen sind und dass sie genauso wie in allen anderen zwischenmenschlichen Beziehungen, auch im Hinblick auf die Erziehungsaufgabe bisweilen eigene, selbstsüchtige und verwerfliche Ziele verfolgen können. Die Gehorsamspflicht der Kinder ihren Eltern gegenüber findet ihre Grenze dort, wo die Eltern verbrecherische Ziele verfolgen. Man wird von einem Jugendlichen kaum unbedingten Gehorsam verlangen können, dessen Vater z. B. zu den Massenmördern der Nazioberen gehörte. Vor allem kann ein Gehorsam kaum verlangt werden, wenn der Vater seine eigene Tochter missbraucht.

 

Die Erziehungsaufgabe und die hieraus abgeleitete Gehorsamspflicht der Kinder verleiht den Eltern einen enormen Machtumfang. Macht verleitet jedoch zu Machtmissbrauch, dies gilt für alle gesellschaftlichen Bereiche in Wirtschaft, Staat, aber auch in der Familie. Natürlich besteht auch in diesen Fällen eine gewisse erbbedingte Beziehung zwischen den leiblichen Eltern und ihren Kindern, die durch noch so große Verbrechen nicht vollkommen ausgelöscht werden kann. Vielleicht sind auch gerade die Kinder solcher Verbrecher am ehesten in der Lage, ihren Eltern, wenn sie ehrlich bemüht sind ihre Untaten zu bereuen und umzukehren, bei diesem Bemühen eine gewisse Hilfestellung zu bieten.

 

Zweitens kann auch das Ziel, das die Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder verfolgen, in Widerspruch geraten zu den durch unsere Verfassung verfolgten Ziele. Danach sollen die Eltern ihre Kinder zu selbstständigen und verantwortungsvollen Bürgern erziehen, welche in der Lage sind, eigene Verantwortung zu übernehmen. Unterordnung ist nur dort erwünscht, wo der Erfolg der gemeinsam verfolgten Ziele eine gegenseitige Abstimmung erfordert. Wer seine Kinder zu blindem Kadavergehorsam zwingt, erzieht diese in aller Regel auch zu Bürgern, die auch gegenüber dem Staat und dem Arbeitgeber duckmäuserisch handeln, sie verhalten sich wie ein Radfahrer, der nach oben (gegenüber den Vorgesetzten) buckelt und nach unten (gegenüber den Untergebenen) tritt. Schlimmstenfalls führt die durch diese Erziehung ausgelöste Frustration dazu, dass der Heranwachsende jede Einbindung in die Gemeinschaft ablehnt und sich revolutionären Gruppierungen anschließt.

 

Drittens müssen wir berücksichtigen, dass auch dann, wenn die Eltern nicht eigennützig handeln und auch die Absicht verfolgen, ihre Kinder zu selbstständigen Bürgern zu erziehen, trotzdem von falschen Vorstellungen darüber ausgehen, mit welchen Methoden diese Ziele erreicht werden können. Sie haben ihr Wissen von ihren Eltern und diese von deren Eltern übernommen und nehmen gar nicht wahr, dass die Wissenschaften auch im Hinblick auf die geeigneten Erziehungsmethoden zu neuen Erkenntnissen gekommen ist und dass auch die Veränderungen in der Umwelt Änderungen in den zu erlernenden Verhaltensweisen erfordern.

 

 

4. Die Rechte der Kinder

 

Den Pflichten eines Bürgers entsprechen die Rechte, die einem Bürger eingeräumt werden. Nur dann, wenn Pflichten und Rechte in einem angemessenen Verhältnis zueinander stehen, kann damit gerechnet werden, dass die gesellschaftlichen Aufgaben, welche über die Verhaltensvorschriften erreicht werden sollen, auch wie erwünscht erfüllt werden. Auf der einen Seite stellen die Rechte eine Art der Belohnung dar für die getane Pflichterfüllung, sie sind somit bereits aus Gründen der Gerechtigkeit erforderlich. Auf der anderen Seite bringen sie aber auch Anreize, damit die Bürger die Pflichten erfüllen, die von ihnen verlangt werden.

 

Eigenartiger Weise finden sich in der Thora – weder im Dekalog noch in den umfangreichen Ausführungsbestimmungen in den weiteren Büchern Moses – kaum Hinweise auf mögliche Rechte der zu Erziehenden. Hierbei kann dieser fehlende Hinweis auf mögliche Rechte der Kinder nicht damit erklärt werden, dass die Heilige Schrift den Kindern keine Hochachtung entgegenbringt. Ganz im Gegenteil wird im Alten Testament, z. B. im Buch Jesus Sirach Kapitel 30, 1 ausdrücklich davon gesprochen, dass die Eltern aus Liebe zu ihren Kindern sie zu erziehen haben: ‚Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, damit er später Freude erleben kann‘. Über die Rolle der Züchtigung wollen wir uns allerdings erst im nächsten Abschnitt ausführlich unterhalten.

 

Vor allem Jesus hat wiederholt seine besondere Zuneigung zu Kindern gezeigt. So erfahren wir z. B. im Markusevangelium Kapitel 10,13-16:

 

13 ‚Da brachte man Kinder zu ihm, damit er ihnen die Hände auflegte. Die Jünger aber wiesen die Leute schroff ab.

14 Als Jesus das sah, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: Lasst die Kinder zu mir kommen;                              hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes….

16 Und er nahm die Kinder in seine Arme; dann legte er ihnen die Hände auf und segnete sie.‘

 

An der fehlenden Liebe kann es also nicht liegen, dass in der Heiligen Schrift kaum über die Rechte der Kinder ihren Eltern gegenüber gesprochen wird. Vermutlich kommt in dieser Auslassung zum Ausdruck, dass man es für unproblematisch und selbstverständlich angesehen hat, dass die Eltern aus natürlicher Elternliebe heraus den Kindern ihre Rechte nicht vorenthalten. Auch entsprach es dem damaligen patriarchalen Zeitgeist, dass nicht nur die Rolle der Frau gegenüber dem Mann, sondern auch die Stellung der Kinder gegenüber dem Vater wie selbstverständlich als untergeordnet angesehen wurde, wonach die Kinder erst in die Rolle der Erwachsenen, denen man auch Rechte zuerkennen muss, allmählich hineinwachsen.

 

An vereinzelten Stellen der Heiligen Schrift klingt jedoch an, dass auch die Kinder gewisse Rechte gegenüber ihren Eltern besitzen. So heißt es z. B. im Buch Levitikus Kapitel 20, 2-5:

 

2  ‚Sag zu den Israeliten: Jeder Mann unter den Israeliten oder unter den Fremden in Israel, der eines seiner Kinder dem Moloch gibt, wird mit dem Tod bestraft. Die Bürger des Landes sollen ihn steinigen.

3  Ich richte mein Angesicht gegen einen solchen und merze ihn aus seinem Volk aus, weil er eines seiner Kinder dem Moloch gegeben, dadurch mein Heiligtum verunreinigt und meinen heiligen Namen entweiht hat.

4  Falls die Bürger des Landes ihre Augen diesem Mann gegenüber verschließen, wenn er eines seiner Kinder dem Moloch gibt, und ihn nicht töten,

5  so richte ich mein Angesicht gegen ihn und seine Sippe und merze sie aus der Mitte ihres Volkes aus, ihn und alle, die sich mit ihm dem Molochdienst hingeben.‘

 

Die Sorge, dass die Kinder im rechten Glauben erzogen werden, ist also von so großer Bedeutung, dass die Eltern bestraft werden müssen, wenn sie ihre Kinder nicht im rechten Glauben erziehen.

 

Und im Epheserbrief des Apostels Paulus Kapitel 6,4 findet sich folgende Stelle:  ‚Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn!‘ Und im

Kolosser Kapitel 3,21 heißt es: ‚Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden.‘

 

 

5. Recht der Eltern auf Züchtigung?

 

Wenden wir uns nun der Frage zu, welche Rechte denn den Eltern ihren Kindern gegenüber im Zusammenhang mit der Erziehungsaufgabe zustehen. Immer wieder verteidigen Eltern, welche ihre Kinder brutal schlagen und vor allem einige Führer christlicher Sekten ihr Verhalten damit, dass dieses Vorgehen nicht nur berechtigt und notwendig sei, um einen Erziehungserfolg herbeizuführen, sondern vermeinen, diese Handlungen auch noch damit rechtfertigen zu können, dass Gott die Menschen geradezu zu einem solchen Verhalten aufgefordert habe.

 

Diese angeblichen Belege beziehen sich insbesondere auf Bibeltexte im Buch der Sprüche. So lesen wir dort z. B.:

 

‚Mein Sohn, verachte nicht die Zucht des Herrn, widersetz dich nicht, wenn er dich zurechtweist.‘ (Buch der Sprüche Kapitel 3,11)

 

‚Dann wirst du bekennen: Weh mir, ich habe die Zucht gehasst, mein Herz hat die Warnung verschmäht; (Buch der Sprüche Kapitel 5,12)

 

‚Er stirbt aus Mangel an Zucht, wegen seiner großen Torheit stürzt er ins Verderben.‘ (Buch der Sprüche Kapitel 5,23)

 

‚Wer Zucht liebt, liebt Erkenntnis, wer Zurechtweisung hasst, ist dumm.‘ (Buch der Sprüche Kapitel 12,1)

 

‚Armut und Schande erntet ein Verächter der Zucht, doch wer Tadel beherzigt, wird geehrt.‘ (Buch der Sprüche Kapitel 13,18)

 

‚Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.‚ (Buch der Sprüche Kapitel 13,24)

 

‚Der Tor verschmäht die Zucht seines Vaters, wer auf Zurechtweisung achtet, ist klug.‘ (Buch der Sprüche Kapitel 15,5)

 

‚Wer Zucht abweist, verachtet sich selbst; wer aber auf Mahnungen hört, erwirbt Verstand.‘ (Buch der Sprüche Kapitel 15,32) 

 

‚Steckt Torheit im Herzen des Knaben, die Rute der Zucht vertreibt sie daraus.‘ (Buch der Sprüche Kapitel 22,15)

 

‚Öffne dein Herz für die Zucht, dein Ohr für verständige Reden!‘ (Buch der Sprüche Kapitel 23,12)

 

Vor allem im Buch Jesus Sirach finden sich Stellen, in denen die Eltern zur Züchtigung ihrer Kinder aufgerufen werden. So lesen wir in Kapitel 30 unter anderem:

 

1  ‚Wer seinen Sohn liebt, hält den Stock für ihn bereit, damit er später Freude erleben kann.

2  Wer seinen Sohn in Zucht hält, wird Freude an ihm haben und kann sich bei Bekannten seiner rühmen....

7  Wer den Sohn verzärtelt, muss ihm einst die Wunden verbinden; dann zittert bei jedem Aufschrei sein Herz.

8  Ein ungebändigtes Pferd wird störrisch, ein zügelloser Sohn wird unberechenbar.

9  Verzärtle den Sohn und er wird dich enttäuschen; scherze mit ihm und er wird dich betrüben…

12  Beug ihm den Kopf in Kindestagen; schlag ihn aufs Gesäß, solange er noch klein ist, sonst wird er störrisch und widerspenstig gegen dich und du hast Kummer mit ihm.

13  Halte deinen Sohn in Zucht und mach ihm das Joch schwer, sonst überhebt er sich gegen dich in seiner Torheit.‘

 

Zur Beurteilung dieser Bibeltexte soll erstens nochmals darauf hingewiesen werden, dass im Dekalog nicht von Züchtigung gesprochen wird, hier heißt es nur ‚ehre deine Eltern‘. Der Dekalog stellt jedoch die Magna Charta der Grundziele dar, die immer gelten, während die folgenden Bücher der Thora eine Art Ausführungsbestimmungen bringen, in denen dann diese Grundprinzipien auf konkrete Probleme des Alltags unter Berücksichtigung des damaligen Wissens angewandt werden.

 

Aber selbst in den übrigen Büchern Moses, der Thora, finden sich nur ganz wenige Passagen, welche das vierte Gebot des Dekalogs präzisieren. Die oben erwähnten Bibelstellen finden sich vielmehr einmal im Buch der Sprüche. Es ist bekannt, dass dieses Buch vorwiegend den Volksmund zur Wurzel hat und oft in sehr derber und überspitzter Weise seine Thesen formuliert. Zum andern beziehen sich diese Zitate auf das Buch Jesus Sirach, das wie bereits erwähnt erst etwa 180 a. Chr. entstanden ist und noch nicht einmal bei den Juden in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen wurde.

 

Drittens gilt hier nochmals daran zu erinnern, dass die Heilige Schrift niemals eine endgültige Wahrheit im Hinblick auf irdische Sachzusammenhänge geben kann und will, sie beschränkt sich auf die Glaubenswahrheiten und obersten Sittengesetze, die eben gerade nicht mit den wissenschaftlichen Methoden endgültig geklärt werden können. Sofern sich in der Bibel Stellen finden, welche eine Auskunft darüber geben, auf welchem Wege denn bestimmte Grundwerte erreicht werden können, handelt es sich hierbei um Auskünfte, welche dem Zeitgeist entsprechen, der zu der Zeit, als diese Texte verfasst wurden, vorherrschte.

 

Selbstverständlich müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, dass sich in der Zwischenzeit unser Wissen über die Zusammenhänge hier auf Erden weiterentwickelt hat, sodass der Hinweis, dass sich eine bestimmte Vorschrift sogar in der Bibel finden lässt,  kein Urteil darüber erlaubt, ob diese Feststellungen richtig sind. Auch dann, wenn in der Bibel z. B. von einem Weltbild ausgegangen wird, nachdem sich die Sonne um die Erde dreht, gehen heutzutage auch gläubige Christen selbstverständlich davon aus, dass diese Auskunft falsch war und dass sich die Erde um die Sonne dreht.

 

Viertens gilt es im Übrigen bei allen Texten, welche aus einer fremden Sprache übersetzt wurden, stets zu überprüfen, ob bei der Übersetzung nicht der eigentliche Sinn der übertragenen Texte verschoben wurde, da die einzelnen Begriffe zweier Sprachen nur in den seltensten Fällen deckungsgleich sind. Zumeist – und dies gilt in besonderem Maße bei der Übersetzung hebräischer Texte  – entsprechen sich die einzelnen Begriffe wie zwei sich überschneidende Kreise und dies bedeutet, dass z. B. das Wort Zucht in einem hebräischen Text nicht unbedingt dem Begriffsinhalt entspricht, den die deutsche Sprache mit diesem Wort verbindet.

 

Aber selbst in der deutschen Sprache haben wir davon auszugehen, dass sich Begriffsinhalte mit der Zeit wandeln. Mit dem Wort Zucht wurde bei der Bildung der deutschen Sprache im Mittelalter einfach der Tatbestand umschrieben, dass eine Pflanze oder auch ein Lebewesen in eine ganz bestimmte Richtung erzogen werden sollte, die Bedeutung Zucht im Sinne von Züchtigung oder Verprügeln erhielt dieses Wort erst sehr viel später.

 

Ob eine Prügelstrafe und andere Formen einer Züchtigung in der Erziehung der Kinder berechtigt sind, kann allein dadurch geklärt werden, ob solche Methoden notwendig und geeignet sind, um die Ziele der Erziehung zu erreichen. Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass Züchtigungen keineswegs geeignete Mittel zur Erziehung eines Menschen darstellen und dass von diesen Methoden sogar gravierende Fehlentwicklungen ausgehen.

 

Ein Erziehungserfolg liegt nur dann vor, wenn der zu Erziehende die Einsicht darüber gewinnt, dass die anzulernenden Verhaltensregeln notwendig und zweckdienlich sind. Einsicht lässt sich jedoch nicht durch Prügelstrafe erzwingen. Züchtigungen bewirken zwar vielleicht, dass sich der gezüchtete zähneknirschend unterordnet. Er wird aber diese Lehren sofort über Bord werfen, wenn er nicht mehr unter diesem äußeren Druck steht.

 

Auf jeden Fall rufen Züchtigungen jeder Art Frustrationen hervor, welche in Aggression münden, wenn nicht durch eine zielgerichtete und verständnisvolle Erziehung dahin gearbeitet wird, diese Frustrationen sachgerecht zu verarbeiten. Die hierbei entstandene Aggression sollte stets so umgelenkt werden, dass kein größerer Schaden einmal für denjenigen entsteht, der diese Frustration erleidet zum andern für seine Umgebung, die unter den Aggressionsausbrüchen der Frustrierten zu leiden hat.

 

Wird zur Bewältigung dieser Frustrationen keine Erziehungsarbeit geleistet, besteht die Gefahr, dass sich diese in sinnlosen Aggressionen gegen dritte Unbeteiligte Luft verschaffen. Es entwickeln sich Verhaltensweisen, bei denen nach oben (gegenüber den Vorgesetzten) gebuckelt wird,nach unten jedoch (gegenüber den Untergebenen bzw. Schwächeren) getreten wird.

 

Züchtigungen stellen Strafen dar, eine Strafe hat nur derjenige verdient, der Schuld auf sich geladen hat. Dies setzt jedoch Schuldfähigkeit voraus. Die Erziehung verfolgt den Zweck, den Jugendlichen dazu zu führen, dass er Schuld auf sich nehmen kann, aber gerade deshalb verfügt der Jugendliche am Beginn der Erziehung gerade noch nicht über die erst  zu erlernende Schuldfähigkeit. Mit gutem Grund geht die Rechtsprechung davon aus, dass Jugendliche erst ab einem bestimmten Alter überhaupt schuldfähig sind.

 

Leider wird in der Diskussion über die Berechtigung von Züchtigungen mit Schwarz-Weiß-Bildern gearbeitet. Wer nicht für Züchtigung der Kinder ist, der verzichtet angeblich deshalb auf jeglichen Versuch, Wissen und Werte den Jugendlichen zu vermitteln. So wurde in der Tat in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Generalangriff gegen eine autoritäre Erziehung geblasen. Vor allem von Seiten links gerichteter Gruppierungen wurde eine antiautoritäre Erziehung gefordert.

 

Wie man diese Forderung zu beurteilen hat, hängt natürlich entscheidend davon ab, was man unter antiautoritärer Erziehung zu verstehen hat. Richtig ist an dieser Forderung, dass Erziehung heutzutage nicht autoritär in dem Sinne erfolgen sollte, dass die Kinder und Jugendlichen lediglich als Befehlsempfänger der Erziehungsberechtigten anzusehen sind, dass also Kinder aus Prinzip niemals den Anweisungen der Erwachsenen widersprechen dürfen, mögen diese im Einzelnen noch so verfehlt sein. Dies würde eindeutig der Zielsetzung widersprechen, die Jugendlichen auf ein zukünftiges Leben in einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft vorzubereiten.

 

Die Forderung nach antiautoritärer Erziehung wurde jedoch von den Verfechtern dieser Richtung im Allgemeinen sehr viel weitgehender verstanden. Es wurde die Zielvorstellung entwickelt, dass die Eltern ihren Kindern überhaupt keine Anweisungen zu erteilen hätten, dass sich die Entwicklung der Jugendlichen zu verantwortungsfähigen Erwachsenen in einer Art Laisser-faire-Methode zu ergeben habe, dass also die Kinder in der Auseinandersetzung mit den Gleichaltrigen, aber auch den Erwachsenen von selbst ohne Zutun der Erwachsenen lernen müssten, wie sie sich auch als Erwachsene zu verhalten hätten. Bei einem großen Teil der Eltern, die dieses Erziehungsideal einer antiautoritären Erziehung verfolgten, äußerten sich diese Methoden allerdings einfach darin, dass die Eltern jede Verantwortung für ihre Kinder weit von sich wiesen und bestrebt waren, sich ganz dem anderen Elternteil zu widmen und jede Beeinträchtigung von Seiten ihrer eigenen Kinder abzuwehren.

 

Eine solche Methode ist jedoch nicht geeignet, die Jugendlichen zu Bürgern zu erziehen, die in ihrem späteren Leben ihren Aufgaben in einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft gerecht werden. Es wird hier vor allem außer Acht gelassen, dass Kinder bis zu einem bestimmten Alter gar nicht fähig sind, Verantwortung zu übernehmen, dass sie die Folgen ihrer Aktivitäten sowohl im Hinblick auf ihr eigenes Wohl wie auch auf die Interessen der anderen Mitbürger nicht einschätzen können, dass sie erst durch die Erziehung ihrer Eltern allmählich erfahren, wie sich Handlungen langfristig auswirken und welche Handlungsalternativen überhaupt möglich sind.

 

Wenn also auch eine antiautoritäre Erziehung in einem radikalen Sinne abzulehnen ist, wird man doch einräumen müssen, dass eine Vielzahl von in der Vergangenheit praktizierten Erziehungsmethoden vielleicht geeignet waren, die Jugendlichen zu Untergebenen in einem Obrigkeitsstaat zu erziehen, dass sie aber nicht in der Lage sind, die Jugendlichen auf das erforderliche Verhalten in einem freiheitlichen und demokratischen Staat vorzubereiten. Wir werden auf diese Frage noch ausführlich im nächsten Abschnitt zu sprechen kommen.

 

 

6. Lernen durch Vorbild und Einsicht

 

Kommen wir nun zu der Frage, welche Methoden der Erziehung denn den Eheleuten gegebenenfalls zur Verfügung stehen. Nicht nur für die Erziehung der Eltern, sondern ganz generell gibt es im Wesentlichen nur zwei Methoden, Wissensstoffe sich anzueignen. Der Lernende bzw. der zu Erziehende kann entweder dadurch lernen, dass er das Verhalten anderer nachahmt oder dass er in einem Prozess des ‚Error and Trial‘ durch Beobachten, Nachdenken und Ausprobieren schließlich zu – für ihn – neuen Erkenntnissen gelangt.

 

Die Begrenzung auf diese beiden Methoden gilt sowohl für das Erlernen von theoretischem Wissen oder praktischen Fähigkeiten als auch für das Aneignen von Faktenwissen (explikative Aussagen) und Wertvorstellungen (normativen Aussagen). Im Hinblick auf die Kindererziehung seitens der Eltern bedeutet dies: Die Eltern haben eine Vorbildfunktion, die Kinder werden die Wertvorstellungen nur dann übernehmen, wenn sich auch die Eltern an diese Normen halten, genauso wie sie es für die Kinder erwarten.

 

Die error and trial - Methode hingegen setzt eine bestimmte Fähigkeit der Erkennung voraus und kann deshalb erst ab einem bestimmten Alter von den Kindern angewandt werden. Dies bedeutet, dass die Eltern im Wesentlichen nur dadurch ihre Kinder in deren ersten Lebensjahren zum Lernen bestimmter Verhaltensweisen bewegen können, dass sie diese Verhaltensweisen selbst anwenden und darauf hoffen, dass die Kinder sie imitieren und so diese Verhaltensweisen übernehmen. Ein Zwang zu bestimmten Verhaltensweisen ist nur dort notwendig und berechtigt, wo ohne diesen Zwang größerer Schaden zu befürchten wäre.

 

Die eigentliche Erziehung setzt jedoch auf Einsicht, dass das zu lernende Verhaltensmuster die richtige Antwort auf bestimmte Aktionen darstellt. Sobald sich diese Einsicht beim Kind einstellt, beginnt der eigentliche Lernprozess der Kinder. Sie stellen Beobachtungen über Zusammenhänge an, ziehen Schlussfolgerungen und versuchen durch Ausprobieren neuer Konstellationen ihr Wissen zu erweitern. Die Aufgabe der Eltern in dieser Lernphase besteht dann darin, diese Beobachtungen zu unterstützen, sie auf gewisse Zusammenhänge aufmerksam zu machen und immer dann, wenn die Gefahr besteht, dass die Kinder falsche Schlussfolgerungen aus ihren Beobachtungen ziehen, diese durch gemeinsames Überlegen auf die richtigen Schlussfolgerungen hinzuführen. Diese Verhaltensvorschriften dürfen aber das Kind nie überfordern, sie müssen also in einer Kind gerechten, also vom Kind zu verstehenden Form vorgetragen werden.

 

Auch in dieser fortgeschrittenen Phase bedarf es jedoch nach wie vor der Vorbildfunktion der Eltern. Wie sollen denn die Kinder eine bestimmte zu lernende Regel akzeptieren und verinnerlichen, wenn sich gerade ihre Eltern, die erste und zunächst einzige Autorität, anders verhalten als von den Kindern erwartet? Halten sich die Eltern selbst nicht an die von ihnen aufgestellte Norm, so lernen die Kinder, dass es offensichtlich zwei Arten von Recht gibt oder das das gelernte Recht nicht für alle gilt und sie werden versuchen, dem Vorbild der Eltern nachzueifern und möglichst bald zu der Gruppe zu zählen, die Normen erteilt, ohne sich selbst an diese Normen zu halten.

 

 

7. Die Übertragung des 4. Gebotes auf nichtfamiliäre Gesellschaftsformen

 

Das vierte Gebot richtet sich zunächst an die Kinder, ihre Eltern zu ehren und ihren Weisungen zu folgen. Gilt dieses Gebot aber auch im übertragenen Sinne für außerfamiliäre Gemeinschaften, etwa für das Verhalten der Arbeitnehmer gegenüber ihren Arbeitgebern (Vorgesetzten) oder auch für jeden einzelnen Bürger gegenüber den Staatsbeamten?

 

Es wird oft davon gesprochen, dass die Familie die Urzelle aller Gemeinschaftsformen darstellt und in dieser Eigenschaft liegt es nahe, die Pflichten, welche den Kindern gegenüber ihren Eltern erwachsen, auf alle anderen übergeordneten Gemeinschaftsformen zu übertragen. In der Tat  besteht ja zumindest ein Teil der Erziehungsaufgaben der Eltern genau darin, ihren Kindern die Spielregeln einzuüben, welche sie instand setzen, als Erwachsene am Gemeinschaftsleben teilzunehmen.

 

Trotzdem muss man sich darüber klar werden, dass sich die Pflichten, welche den Erwachsenen in den verschiedensten Gemeinschaftsformen erwachsen, von den Pflichten eindeutig unterscheiden, welche entsprechend dem vierten Gebot von den Kindern gegenüber ihren Eltern erwartet werden. Vor allem die Verpflichtung zum Gehorsam in der Familie ergibt sich unmittelbar aus dem Umstand, dass ein Kind erst im Verlaufe seiner Jugendzeit allmählich in die Verantwortungsfähigkeit hineinwächst, also insbesondere in seinen ersten Lebensjahren noch gar nicht in der Lage ist, selbstverantwortlich zu handeln. Da aber trotzdem durch die Aktivitäten der Kinder ein Schaden gegenüber dritter Personen entstehen kann, haben die Eltern über ihre Kinder eine Aufsichtspflicht zu erfüllen und haften deshalb auch für eventuell von den Kindern ausgelösten Schaden. Diese Verantwortung können die Eltern aber nur dann tragen, wenn die Kinder verpflichtet werden, ihren Eltern zu gehorchen.

 

Für das zwischenmenschliche Leben der Erwachsenen dürfen wir jedoch unterstellen, dass die einzelnen Personen durchaus Verantwortung übernehmen können, es entfällt somit im Normalfall auch die Verpflichtung Dritter, für das Handeln anderer zu haften, sodass auch eine Verpflichtung Untergegebener, gewisse Normen einzuhalten, nicht wie bei den Kindern mit fehlender Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, erklärt werden kann.

 

Wenn es trotzdem notwendig ist, dass in jeder Form der Gemeinschaft Verhaltensvorschriften einzuhalten sind, hängt dies damit zusammen, dass gemeinschaftliche Ziele verfolgt werden und dass diese Ziele arbeitsteilig realisiert werden. Hier bedarf es Spielregeln darüber, wie diese Ziele zustande kommen, wie die anfallenden Arbeiten auf die einzelnen Teilnehmer aufgeteilt werden und welche Entlohnung dem einzelnen aufgrund seiner Tätigkeiten zusteht.