Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 3. Das dritte Gebot

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Sabbat zur Erinnerung an den 7. Schöpfungstag

3. Sabbatjahre und Jubeljahr

4. Gottesliebe und Erholungsfunktion

5. Güterabwägung im Konfliktfalle

6. Sabbat und Sonntag

 

 

1. Einführung

 

Wir wollen uns in diesem Kapitel mit dem dritten Gebot beschäftigen. Es dient der Heiligung des Sabbats und verbietet, am Sabbat zu arbeiten. Wie die meisten Gebote des Dekalogs soll auch das dritte Gebot sowohl die Beziehungen zu Gott als auch die zwischenmenschlichen Beziehungen regeln. Wenn auch das Gebot, den Sabbat zu heiligen in erster Linie der Verehrung Gottes dient, hat Jesus deutlich gemacht, dass es auch bei diesem Gebot in erster Linie darum geht, den Sinn dieses Gebotes zu erfassen und entsprechend diesem Sinn zu handeln und weniger eine buchstabengetreue, aber sinnentleerte Anwendung zu praktizieren. Bei Markus Kapitel 2,23-28 lesen wir:

 

23 ‚(Einst) begab es sich, daß Jesus am Sabbat durch die Kornfelder wanderte, und seine Jünger begannen im Dahingehen Ähren abzupflücken.

24 Da sagten die Pharisäer zu ihm: »Sieh, was sie da am Sabbat Unerlaubtes tun!«

25 Er antwortete ihnen: »Habt ihr noch niemals gelesen, was David getan hat, als er Mangel litt und ihn samt seinen Begleitern hungerte?

26 Wie er da ins Gotteshaus ging zur Zeit des Hohenpriesters Abjathar und die Schaubrote aß, die doch niemand außer den Priestern essen darf, und wie er auch seinen Begleitern davon gab?«

27 Dann fuhr er fort: »Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen;

28 somit ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.‘

 

Oder bei Matthäus Kapitel 12,9-14 erfahren wir:

 

9 ‚Er ging dann von dort weiter und kam in ihre (die dortige) Synagoge.

10 Da war ein Mann, der einen gelähmten Arm hatte; und sie richteten die Frage an ihn: »Darf man am Sabbat heilen?« – sie wollten nämlich einen Grund zu einer Anklage gegen ihn haben.

11 Er aber antwortete ihnen: »Wo wäre jemand unter euch, der ein einziges Schaf besitzt und, wenn dieses ihm am Sabbat in eine Grube fällt, es nicht ergriffe und herauszöge?

12 Wieviel wertvoller ist nun aber ein Mensch als ein Schaf! Also darf man am Sabbat Gutes tun.«

13 Hierauf sagte er zu dem Manne: »Strecke deinen Arm aus!« Er streckte ihn aus, und er wurde wiederhergestellt, gesund wie der andere.

14 Da gingen die Pharisäer hinaus und faßten einen Beschluß gegen ihn, um ihn umzubringen (oder: unschädlich zu machen).‘ 

 

Wir wollen dieses Kapitel damit beginnen, dass wir zunächst den Bezug dieses Gebotes zur Gottes Schöpfung herstellen. Es wird dem Menschen in diesem Gebot befohlen, ähnlich wie Gott zu handeln, der ebenfalls nachdem er sechs Tage – bildlich gesprochen – die Welt erschaffen und somit gearbeitet hatte, am siebten Tage ruhte und gesehen hatte, dass das getane Werk gut sei. Wir wollen dann in einem nächsten Schritt aufzeigen, dass im alten Judentum dem Sabbat nachahmend auch ein Sabbatjahr und ein nach sechs Sabbatjahren folgendes Jubeljahr gefeiert wurde.

 

Der folgende Abschnitt geht dann auf die beiden Grundfunktionen näher ein, welche dem Gebot der Sabbatheiligung zugrunde liegen: Auf diese Weise soll auf der einen Seite Gott für seine Schöpfung gedankt werden und Zeit für eine Fürsprache bei Gott gesichert werden, auf der anderen Seite bedarf der Mensch aber ebenfalls ähnlich wie Gott nach getaner Arbeit der Ruhe, um sich von den täglichen Strapazen zu erholen und neue Kraft und Energie für die Arbeiten in der nächsten Woche (im nächsten Zeitabschnitt) zu erhalten.

 

In einem weiteren Abschnitt wollen wir uns dann der Frage widmen, wie denn zu entscheiden ist, wenn das Verbot des Arbeitens am Sabbat in Konflikt gerät zu einer anderen im Dekalog aufgeführten Weisung. Es folgt dann ein abschließender Abschnitt, in dem der Frage nachgegangen wird, warum die Christen im Gegensatz zu den Juden nicht mehr den Sabbat, sondern den Sonntag feiern und wie deshalb nach christlicher Lehre das dritte Gebot trotzdem beachtet wird, obwohl die Arbeitsruhe zumindest seit einiger Zeit von den Christen nur noch am Sonntag und nicht am Sabbat eingehalten wird.

 

 

Beginnen wir dieses Kapitel mit dem Text des dritten Gebotes, so wie im zweiten Buch Moses, Kapitel 20, 8-11 zu lesen ist:

 

8  ‚Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!

9  Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun.

10  Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.

11  Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.  (Drittes Gebot)

 

 

2. Sabbat zur Erinnerung an den 7. Schöpfungstag

 

Bei der Formulierung des dritten Kapitels wird ex pressis verbis auf den Schöpfungsbericht Bezug genommen: ‚Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.‘

 

Im 1. Buch Moses (Genesis Kapitel 1,1-2,4) steht geschrieben:

 

1  ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; 

2  die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.

3  Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.

4  Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis

5  und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.

 

6  Dann sprach Gott: Ein Gewölbe entstehe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.

7  Gott machte also das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. So geschah es

8  und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.

 

9  Dann sprach Gott: Das Wasser unterhalb des Himmels sammle sich an einem Ort, damit das Trockene sichtbar werde. So geschah es.

10  Das Trockene nannte Gott Land und das angesammelte Wasser nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.

11  Dann sprach Gott: Das Land lasse junges Grün wachsen, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, und von Bäumen, die auf der Erde Früchte bringen mit ihrem Samen darin. So geschah es.

12  Das Land brachte junges Grün hervor, alle Arten von Pflanzen, die Samen tragen, alle Arten von Bäumen, die Früchte bringen mit ihrem Samen darin. Gott sah, dass es gut war.

13  Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.

 

14  Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; 

15  sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es.

16  Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne.

17  Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten,

18  über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war.

19  Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

 

20  Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von lebendigen Wesen und Vögel sollen über dem Land am Himmelsgewölbe dahinfliegen.

21  Gott schuf alle Arten von großen Seetieren und anderen Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, und alle Arten von gefiederten Vögeln. Gott sah, dass es gut war.

22  Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf dem Land vermehren.

23  Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.

 

24  Dann sprach Gott: Das Land bringe alle Arten von lebendigen Wesen hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Tieren des Feldes. So geschah es.

25  Gott machte alle Arten von Tieren des Feldes, alle Arten von Vieh und alle Arten von Kriechtieren auf dem Erdboden. Gott sah, dass es gut war.

26  Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.

27  Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

28  Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.

29  Dann sprach Gott: Hiermit übergebe ich euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen tragen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.

30  Allen Tieren des Feldes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde regt, was Lebensatem in sich hat, gebe ich alle grünen Pflanzen zur Nahrung. So geschah es.

31  Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.

                  So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge.

 

2  Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.

3  Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.

4  Das ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.‘ (Gen 1,1-2,4)‘

 

Es sei an dieser Stelle nochmals darauf hingewiesen, dass dieser Bericht genauso wie eigentlich nahezu alle Texte der Heiligen Schrift weder als eine naturwissenschaftliche Analyse noch als eine historisch exakte Darstellung der Entwicklung der Erde und der Menschheit zu verstehen ist, dass die Heilige Schrift und insbesondere der Schöpfungsbericht als Glaubensaussagen verstanden werden wollen, welche darüber Auskunft geben, welche Rolle Gott bei der Entstehung unseres Universums  gespielt hat und welche Beziehungen Gott zu den Menschen hat. Danach ist Gott nicht nur der Schöpfer dieser Welt, sondern auch der Herr der Geschichte. Wir erfahren hier auch, dass Gott den Menschen nach seinem Abbild erschaffen hat, das will besagen, dass Gott dem Menschen einen freien Willen belassen hat, sein Wille ist es, dass wir Menschen uns aus freien Stücken zu unserem Glauben bekennen.

 

Somit können wir auch nicht erwarten, dass der Schöpfungsbericht uns darüber Auskunft gibt, in welchem Zeitraum die Schöpfung des Universums erfolgte, in welcher Reihenfolge die einzelnen Bestandteile des Universums entstanden sind und es ist sicherlich auch nicht wörtlich zunehmen, wenn im Schöpfungsbericht davon gesprochen wird, dass Gott aus Lehm den ersten Menschen erschaffen hat.

 

Der Schöpfungsbericht stellt vielmehr den Versuch dar, denn Sinn des Lebens und Gottes Rolle  hierbei bildhaft den Zuhörern näher zu bringen, dabei gilt es auf der einen Seite zu berücksichtigen, dass diese Erzählungen über viele Generationen hinweg mündlich weitergegeben wurden, wobei sicherlich der eine oder andere etwas hinzugefügt oder weggelassen hat oder in einer anderen Weise dargestellt hat, wenn er der Überzeugung war, dass auf diese Weise der Sinn dieser Erzählung deutlicher wird.

 

Auf der anderen Seite müssen wir auch davon ausgehen, dass dieser Schöpfungsbericht auf das Weltbild der Zeiten Rücksicht nehmen musste, in der diese Erzählung formuliert wurde, da nur so damit gerechnet werden konnte, dass die Zuhörer bereit waren, diesen Bericht auch anzunehmen und zu verinnerlichen. Man stelle sich einmal vor, Jesus hätte von einem Weltbild gesprochen, das dem heutigen Stand der Naturwissenschaften entspricht, er hätte z. B. die Meinung geäußert, dass nicht die Sonne um die Erde, sondern vielmehr die Erde um die Sonne kreise, so wäre er sicherlich auf totales Unverständnis gestoßen, da ja fast jeder vermeinte, täglich selbst zu erleben, dass die Sonne morgens aufgeht, tagsüber das Himmelsgewölbe durchschreitet, um dann abends unterzugehen. Wenn dann Jesus noch nicht einmal im Hinblick auf die alltäglichen Geschehnisse als glaubhaft gehalten würde, wie sollte man dann darauf hoffen, dass Jesus im Hinblick auf die viel schwieriger zu verstehenden Glaubensfragen vertrauenswürdig erscheinen könnte?

 

Es ist also festzustellen, dass die Erde sicherlich nicht in sieben Tagen erschaffen wurde und dass es auch nicht die Absicht der Bibel ist, eine solche Behauptung aufzustellen. Wenn aber trotzdem unter Berufung auf die Erschaffung der Welt entsprechend dem dritten Gebot auch der Mensch nach sechs Tagen einen Ruhetag, den Sabbat einlegen soll und diesen Tag Gott widmen soll, geht es zunächst darum, dass Arbeit und Ruhe in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen sollten, auch der Mensch sollte nach einer gewissen Zeit der Arbeit eine Ruhepause einlegen, in dem er sich eben nicht primär nur um seine irdischen Belange kümmert, in der vielmehr der Mensch auch einmal die Zeit findet, über das eigentliche Ziel des menschlichen Daseins nachzudenken, das nach christlichem und jüdischen Glauben das ewige Leben nach dem Tode ist.

 

Dass dann aber zum Abschluss jeder einzelnen Woche und nicht etwa eines viel längeren oder auch kürzeren Zeitraumes der Ruhetag eingelegt werden soll, hängt mit den physischen Eigenschaften des Menschen zusammen. Vielleicht ließe sich auch ein Rhythmus finden, bei dem der Mensch alle sechs oder zehn Tage einen Ruhetag einlegt, aber sicherlich kann die Schaffenskraft des Menschen nur erhalten bleiben, wenn in sehr kurzen Zeiten der Arbeit immer wieder ein Tag eingelegt wird, der gerade nicht der beruflichen Arbeit gewidmet ist.

 

 

3. Sabbatjahre und Jubeljahr

 

Die jüdische Religion beschränkte sich nicht nur darauf, zum Abschluss einer jeden Woche einen Sabbat als Ruhetag einzuführen, dieser Rhythmus von Arbeit und Ruhe wurde auch auf das Jahr übertragen und es wurde jedes siebte Jahr als Sabbatjahr gefeiert. Im dritten Buch Moses, Levitikus  Kapitel 25,1-31) wird angeordnet:

 

1  ‚Der Herr sprach zu Mose auf dem Berg Sinai:

2  Rede zu den Israeliten und sag zu ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, soll das Land Sabbatruhe zur Ehre des Herrn halten.

3  Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen, sechs Jahre sollst du deinen Weinberg beschneiden und seinen Ertrag ernten.

4  Aber im siebten Jahr soll das Land eine vollständige Sabbatruhe zur Ehre des Herrn halten: Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden.

5  Den Nachwuchs deiner Ernte sollst du nicht ernten und die Trauben deines nicht beschnittenen Weinstockes sollst du nicht lesen. Für das Land soll es ein Jahr der Sabbatruhe sein.

6  Der Sabbat des Landes selbst soll euch ernähren: dich, deinen Knecht, deine Magd, deinen Lohnarbeiter, deinen Halbbürger, alle, die bei dir leben.

7  Auch deinem Vieh und den Tieren in deinem Land wird sein ganzer Ertrag zur Nahrung dienen.‘

 

Und im Anschluss an diese Bibelstelle wird die Forderung erhoben, ein Jubeljahr einzurichten in Levitikus Kapitel 25,8-31 heißt es:

 

8  ‚Du sollst sieben Jahreswochen, siebenmal sieben Jahre, zählen; die Zeit von sieben Jahreswochen ergibt für dich neunundvierzig Jahre.

9  Im siebten Monat, am zehnten Tag des Monats, sollst du das Signalhorn ertönen lassen; am Versöhnungstag sollt ihr das Horn im ganzen Land ertönen lassen.

10  Erklärt dieses fünfzigste Jahr für heilig und ruft Freiheit für alle Bewohner des Landes aus! Es gelte euch als Jubeljahr. Jeder von euch soll zu seinem Grundbesitz zurückkehren, jeder soll zu seiner Sippe heimkehren.

11  Dieses fünfzigste Jahr gelte euch als Jubeljahr. Ihr sollt nicht säen, den Nachwuchs nicht abernten, die unbeschnittenen Weinstöcke nicht lesen.

12  Denn es ist ein Jubeljahr, es soll euch als heilig gelten. Vom Feld weg sollt ihr den Ertrag essen.

13  In diesem Jubeljahr soll jeder von euch zu seinem Besitz zurückkehren.

14  Wenn du deinem Stammesgenossen etwas verkaufst oder von ihm etwas kaufst, sollt ihr einander nicht übervorteilen.

15  Kaufst du von deinem Stammesgenossen, so berücksichtige die Zahl der Jahre nach dem Jubeljahr; verkauft er dir, dann soll er die noch ausstehenden Ertragsjahre berücksichtigen.

16  Je höher die Anzahl der Jahre, desto höher berechne den Kaufpreis; je geringer die Anzahl der Jahre, desto weniger verlang von ihm; denn es ist die Zahl von Ernteerträgen, die er dir verkauft.

17  Ihr sollt einander nicht übervorteilen. Fürchte deinen Gott; denn ich bin der Herr, euer Gott.

18  Ihr sollt meine Satzungen befolgen und auf meine Vorschriften achten und sie ausführen; dann werdet ihr im Land in Sicherheit wohnen.

19  Das Land wird seine Frucht geben, ihr werdet euch satt essen und in Sicherheit darin wohnen.

20  Wenn ihr aber fragt: Was sollen wir im siebten Jahr essen, wenn wir nicht säen und unseren Ertrag nicht ernten dürfen? –

21  Seht, ich werde für euch im sechsten Jahr meinen Segen aufbieten und er wird den Ertrag für drei Jahre geben.

22  Wenn ihr im achten Jahr sät, werdet ihr noch bis zum neunten Jahr vom alten Ertrag essen können; bis der Ertrag dieses Jahres kommt, werdet ihr vom alten essen können.

23  Das Land darf nicht endgültig verkauft werden; denn das Land gehört mir und ihr seid nur Fremde und Halbbürger bei mir.

24  Für jeden Grundbesitz sollt ihr ein Rückkaufrecht auf das Land gewähren.

25  Wenn dein Bruder verarmt und etwas von seinem Grundbesitz verkauft, soll sein Verwandter als Löser für ihn eintreten und den verkauften Boden seines Bruders auslösen.

26  Hat einer keinen Löser, hat er aber die nötigen Mittel für den Rückkauf selbst aufgebracht,

27  dann soll er die Jahre seit dem Verkauf anrechnen und den Restbetrag dem Käufer zurückzahlen; sein Grundbesitz fällt an ihn zurück.

28  Bringt er die nötigen Mittel für diese Ersatzleistung nicht auf, dann soll der verkaufte Grund bis zum Jubeljahr im Besitz des Käufers bleiben. Im Jubeljahr wird das Grundstück frei und es kommt wieder zu seinem Besitz.

29  Verkauft jemand ein Wohnhaus in einer ummauerten Stadt, so besteht das Rückkaufrecht bis zum Ablauf des Jahres, das dem Verkauf folgt; sein Rückkaufrecht ist zeitlich beschränkt.

30  Erfolgt der Rückkauf bis zum Ablauf des Jahres nicht, dann soll das Haus innerhalb der ummauerten Stadt dem Käufer und seinen Nachkommen endgültig verbleiben; er braucht es im Jubeljahr nicht zu verlassen.

31  Aber die Häuser in Dörfern, die nicht von Mauern umgeben sind, werden als Bestandteil des freien Feldes betrachtet; für sie besteht ein Rückkaufrecht und der Käufer muss es im Jubeljahr verlassen.

 

Entsprechend dieser Bibelstelle dient allerdings das Jubeljahr nicht nur der Ruhe und des Dankes an Gott, sondern auch dazu, einen neuen Produktionszyklus einzuleiten, wobei auch die gegenüber dem vorhergehenden Jubeljahr veränderten Besitzverhältnisse wiederum restauriert werden sollen. Im Jubeljahr soll nämlich das Eigentum an sachlichen Gütern wiederum an den bisherigen Besitzer zurückgegeben und israelitischen Sklaven die Freiheit gewährt werden.

 

Auch wenn auf diese Weise einer zu starken Differenzierung in den Vermögen entgegengewirkt werden sollte, erwies sich diese Einrichtung des jüdischen Jubeljahres als wachstumshemmend, da immer kurz vor Eintreten dieses Jubeljahres der Leistungsantrieb rapide zurückgeht, der einzelne musste ja davon ausgehen, die Erträge seiner Leistung in den letzten Jahren vor dem Jubeljahr auf diese Weise zu verlieren.

 

Was aber auf den ersten Blick als ein Hinweis darauf erscheinen mag, dass nach Ablauf eines halben Jahrhunderts die durch wirtschaftliche Aktivitäten erworbenen Vermögensunterschiede wiederum aufgehoben werden sollten, erweist sich diese Einrichtung bei näherem Hinsehen eher als eine Bestätigung der Eigentumsordnung, da auf diese Weise vorübergehende Verluste wiederum wettgemacht wurden.

 

Vor allem sollte die Bedeutung des Jubeljahres nicht überschätzt werden. Es wird erstens bezweifelt, ob in der langen Geschichte des Judentums diese Vorschriften auch tatsächlich jemals eingehalten wurden, es wird bisweilen auch davon gesprochen, dass diese Einrichtung für jene Zeit angedacht war, nachdem der von den Propheten verheißene Messias erschienen und das Volk der Juden endgültig von der Besatzung fremder Mächte befreit worden sei.

 

Zweitens sollen ja nach diesen Bestimmungen nur jene Vermögen zurückgegeben werden, welche von anderen Israeliten erworben wurden, es wird nicht davon gesprochen, dass auch das an die Kinder vererbte Vermögen sowie das gesamte Vermögen, das durch eigene Anstrengungen, z. B. Landnahme jungfräulichen Bodens, welcher bisher niemandes Eigentum war, umzuverteilen ist.

 

Man wird davon ausgehen müssen, dass mit dieser Bestimmung in allererster Linie jene Fälle angesprochen wurden, bei denen ein Vermögender in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten war und sich seiner Schulden nur dadurch erwehren konnte, dass er seinen gesamten Besitz an seine Gläubiger verkaufte. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, tragen die Bestimmungen des Jubeljahres lediglich dazu bei, dass diejenigen, welche vielleicht aus Gründen, die sie gar nicht zu vertreten haben, in Not geraten waren und eventuell aus diesen Gründen sogar versklavt wurden, nicht ins Uferlose abstürzen sollten und dass diese Not vor allem nicht auf die Kinder und Kindeskinder weitervererbt werden sollte.

 

 

4. Gottesliebe und Erholungsfunktion

 

Das dritte Gebot war auf die erste Tafel geschrieben, welche Moses vom Berg Sinai herabgebracht hatte und soll somit in erster Linie die Beziehungen der Menschen zu Gott aufzeigen. Gleichzeitig aber wird mit diesem Gebot auch etwas über die geschuldeten zwischenmenschlichen Beziehungen ausgesagt, die eigentlich das Thema der zweiten Tafel waren.

 

Im Hinblick auf die geforderte Gottesliebe hatte Jesus, als er von einem Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot gefragt wurde, nach Matthäus Kapitel 22, 37 geantwortet:

 

‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Denken.‘

 

Diese Gottesliebe kommt in erster Linie dadurch zum Ausdruck, dass man Gott für seine Schöpfung und für alle Wohltaten, die man empfangen hat, dankt. Gottesliebe kommt weiterhin dadurch zum Tragen, dass man sein ganzes Tun darauf ausrichtet, nach den Weisungen Gottes zu leben, dass man sich bei all seinen Handlungen bewusst macht, dass das irdische Leben im Grunde dazu dient, nach dem Tode ins ewige Leben einzugehen. ‚Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf‘ ist eine beliebte Formel des Volksmundes.

 

Gottesliebe bedeutet aber auch, dass man sich vertrauensvoll an Gott wendet, wenn man in Nöten steckt, weil man z. B. von einer Krankheit heimgesucht wird, einen lieben Verwandten durch Tod verloren hat  oder von seinen Mitmenschen  belästigt wird und deshalb nicht mehr weiter weiß. Hier sind wir aufgefordert, uns vertrauensvoll an Gott zu wenden und ihn um Rat und Trost zu bitten.

 

 Im Alten Testament erfahren wir, dass sich die Menschen zunächst vor allem an Gott oder die Götter gewendet haben, um sie davon abzubringen, sie durch Naturkatastrophen für ihre Verfehlungen heimzusuchen. Sie brachten zu diesem Zweck Brandopfer dar und waren bemüht, das liebste und kostbarste Gott zu opfern. Da aber das liebste und kostbarste die eigenen Kinder oder Mitmenschen sind, gingen die früher Menschen soweit, dass sie ihren Göttern sogar Menschenopfer darbrachten.

 

In dem ersten Buch Moses in Kapitel 22, 2 erfahren wir, dass Jahwe, der Gott der Juden mit diesem Brauch Schluss machte:

 

‚Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.‘

 

Als aber Abraham Hand an seinen Sohn legte, um ihn als Brandopfer darzubringen,

 

da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.‘ (Genesis Kapitel 22,11-13).

 

In den späteren Schriften der Bibel erfahren wir dann, dass sich die geschuldete Gottesliebe auch nicht in erster Linie darin äußern soll, dass wir Tiere als Brandopfer darbringen. So lesen wir im Buch Amos Kapitel 5,21-22:

 

‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht sehen.‘

 

Und im Matthäusevangelium Kapitel 12,33 erwidert der Schriftgelehrte, welcher Jesus nach dem obersten Gebot gefragt hatte, auf die Antwort Jesu:

 

‚den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.‘

 

Schließlich heißt es bei Matthäus Kapitel 24,40: 

 

‚Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.‘

 

Dies sind die Opfer, welche Gott in Wirklichkeit von uns Menschen erwartet.

 

Die Verehrung Gottes kann zwar auch ‚im stillen Kämmerchen‘ erfolgen, sollte aber vor allem in der Gemeinschaft der Gläubigen durchgeführt werden, indem die Gläubigen in einer Heiligen Messe das letzte Abendmahl feiern, das Jesus mit seinen Jüngern vor seinem Tod abgehalten hatte. Dass sich die Gottesliebe vor allem in dieser gemeinsamen Verehrung äußern soll, geht schon aus dem Matthäusevangelium Kapitel 18,19-20 hervor, dort heißt es:

 

‚Weiter sage ich euch: Alles, was zwei von euch auf Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

 

Und im Johannesevangelium  Kapitel 13,34-35 heißt es:

 

‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.‘

 

Hier wird deutlich, dass die geforderte Gottesliebe vor allem darin besteht, dass man seinem Nächsten hilft.

 

Die Forderung am Sabbat zu ruhen, dient aber – wie gezeigt  – nicht nur der Verherrlichung Gottes, sondern ist nach der Auskunft von Jesus auch für den Menschen dar:

 

‚Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen.‘ (Markus Kapitel 2,27).

 

Befassen wir uns mit dieser Aussage etwas ausführlicher. Wenn der Mensch Arbeit, insbesondere handwerkliche Arbeit verrichtet, erfordert dies im Allgemeinen Energie, welche nicht nur durch Zuführung von Nahrung, sondern auch durch Ruhe und Schlaf immer wieder regeneriert werden muss. Es reicht aber nicht aus, dass er tägliche Nahrung zu sich nimmt und sechs bis acht Stunden pro Tag schläft. Entscheidend ist, dass das Zusammenspiel der arbeitsteilig verrichteten, erwerbswirtschaftlichen Arbeit Konzentration und Unterordnung des einzelnen unter die gemeinschaftlich verfolgten Produktionsziele erfordert, was leicht zu Stress führt und psychische Anstrengung erfordert. Deshalb belastet nicht nur handwerkliche Arbeit den Menschen, auch geistige Arbeit führt zu einem Kräfteverzehr, der immer wieder erfordert, dass der einzelne Abstand von seinen Gedanken findet, in dem er sich wiederum erholt und neue Kraft für weitere Arbeit erwirbt.

 

Wir haben also davon auszugehen, dass die Leistungsenergie für die tägliche Arbeit verbraucht wird und dass in kurzen Abständen größere Ruhephasen benötigt werden. Man wird zwar nicht eindeutig sagen können, dass gerade jeweils nach sechs Tagen ein solcher Ruhetag unerlässlich ist, sicher aber kann man davon ausgehen, dass ein Ruhetag pro Woche dem Erholungsbedürfnis des Menschen recht gut entspricht.

 

Dieses Regenerationsbedürfnis gilt nun nicht nur der Erholung von der täglichen, beruflichen Arbeit. Es ist nämlich nicht nur so, dass sich die Schaffenskraft mit der Zeit verbraucht, in gleicher Weise gilt, dass auch das familiäre Zusammenleben im alltäglichen Trott an Kraft verliert und dass es ebenfalls nach bestimmten Abständen immer wiederum einer Phase bedarf, die vorwiegend der Erneuerung und Vertiefung der familiären Beziehungen dient.

 

In gleicher Weise gilt aber auch im Hinblick auf den Glauben, dass die Bereitschaft, an Gott zu glauben und seinen Weisungen zu folgen, mit der Zeit nachlässt, dass die Befolgung der zehn Gebote zu einer Routine wird, welche nur noch formal und schematisch vollzogen wird und in welcher die innere Haltung immer mehr verloren geht.

 

Und wenn – wie wir gerade gezeigt haben – die Verehrung Gottes vorwiegend in einer gemeinsamen Messfeier erfolgen soll, so reicht es nicht aus, dass jeder einzelne in regelmäßigem Abstand einer Messe beiwohnt, es muss auch sichergestellt werden, dass die einzelnen Mitglieder einer Kirchengemeinde diesen Ruhetag jeweils am selben Tag, eben am Sabbat feiern können, denn nur dann sind sie in der Lage, die Abendmahlfeier gemeinsam zu feiern. In gleicher Weise gilt, dass die einzelnen Familienmitglieder diese Erholung der Familienverbundenheit nur dann erreichen können, wenn auch alle Familienmitglieder diesen Ruhetag am gleichen Tag, also am Sabbat begehen können. Ein solcher Tag der Regeneration ist nicht mehr möglich, wenn z. B. der eine Ehegatte an einem Freitag, der andere an einem Montag von der erwerbswirtschaftlichen Arbeit befreit ist.

 

Diese Tatsache, dass die Regeneration zu einem beachtlichen Teil nur gemeinsam wahrgenommen werden kann, bringt es nun mit sich, dass die Einhaltung des dritten Gebotes nicht nur von der Bereitschaft der einzelnen Gläubigen abhängt. Der größte Teil der Gläubigen verrichtet unselbstständige Arbeit und dies bedeutet, dass die Voraussetzung dafür, dass die einzelnen unselbstständigen Arbeitnehmer auch die Sabbatruhe einhalten können, darin besteht, dass der Arbeitgeber auch Arbeitsverträge anbietet, welche den einzelnen Beschäftigten die Möglichkeit eröffnet, den gemeinsam begangenen Sabbattag als Ruhetag einzuhalten.

 

Es dürfte auch nicht ausreichen, dass die meisten Arbeitgeber von sich aus bereit sind, den wöchentlichen Ruhetag auf den Sabbat zu legen, es muss auch von Seiten des Staates sichergestellt sein, dass auch alle Arbeitgeber diesen gemeinsamen Ruhetag einhalten. Denn es muss immer damit gerechnet werden, dass einzelne Arbeitgeber ihre Kosten dadurch zu reduzieren versuchen, dass sie die Forderung nach einem Ruhetag nicht einhalten. In diesem Falle bestünde eine zweifache Gefahr. Auf der einen Seite würden diese Unternehmer Wettbewerbsvorteile gegenüber denjenigen Unternehmern erreichen, welche sich an das Verbot der Arbeit am Sabbat halten und könnten auf diese Weise gerade diejenigen Unternehmer, welche der moralischen Anforderung entsprechen, aus dem Markt drängen. Auf der anderen Seite würde jedoch auch die in der Verfassung garantierte Religionsfreiheit verletzt, wenn Christen gar nicht die Möglichkeit eingeräumt würde, entsprechend ihren Verpflichtungen den Sabbat angemessen zu feiern.

 

Eine ganz andere Frage ist es, ob der Staat grundsätzlich jede erwerbswirtschaftliche Arbeit am offiziellen Ruhetag verbieten soll und nur in Ausnahmefällen, in denen eine erwerbswirtschaftliche Arbeit zur Erhaltung übergeordneter Ziele unbedingt erforderlich ist, eine Ausnahmegenehmigung erteilt. In der BRD regelt das Arbeitszeitgesetz die Arbeit an Sonn- und Feiertagen. Prinzipiell garantiert Artikel 4 des Grundgesetzes auch die Sonntags- und Feiertagsruhe. Wenn also auch von dem Grundsatz ausgegangen wird, dass an Sonn- und  Feiertagen keine nicht unumgängliche erwerbswirtschaftliche Arbeit geleistet werden soll, leisten in der Zwischenzeit  – allerdings unterschiedlich nach Bundesländern – immerhin 20% bis zu 36% der Arbeitnehmer am Sonntag erwerbswirtschaftliche Arbeit. Besonders umstritten ist hierbei die durchgehende Öffnung von Geschäften an Sonn- und Feiertagen.

 

Auf der einen Seite muss sichergestellt werden, dass jeder Gläubige seinen religiösen Verpflichtungen nachkommen kann und das bedeutet auch, dass er nicht gezwungen werden darf, am Sabbat (Sonntag) zu arbeiten. Auf der anderen Seite darf eben wegen der Glaubensfreiheit auch niemand dazu gezwungen werden, religiöse Verpflichtungen wie z. B. die Einhaltung der Sabbatruhe einzuhalten, wenn er selbst keiner Religionsgemeinschaft angehört oder einem Weltbild huldigt, das keine Ruhe gerade an einem Sonntag erfordert. Allerdings hatten wir gesehen, dass ja auch andere Ziele wie z. B. der Zusammenhalt der Familie es notwendig machen, dass alle Familienmitglieder an einem ganz bestimmten Tag gemeinsam die Erholung genießen können.

 

Schwierigkeiten bei der Ausgestaltung der Sonntagsruhe entstehen vor allem dann, wenn die Bevölkerung unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen angehört. Die durch Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit setzt voraus, dass jeder unabhängig von seinem Glauben Anspruch hat, an den von dieser Religionsgemeinschaft festgesetzten Ruhetagen von erwerbswirtschaftlicher Arbeit freigestellt zu sein.

 

Da die einzelnen Religionsgemeinschaften unterschiedliche Ruhetage vorsehen, die Christen den Sonntag, die Juden den Sabbat und die Moslems den Freitag, gibt es Schwierigkeiten, von Staatswegen alle unterschiedlichen Ruhetage als offizielle Feiertage zu deklarieren. Auf der einen Seite gibt es – wie gezeigt – zwar gute Gründe, einen Ruhetag gemeinsam zu feiern, auf der anderen Seite ist es aber nicht möglich, mehrere regelmäßige Ruhetage in der Woche als staatliche Feiertage zu erklären. Hier wird deutlich, dass es eben ein Unterschied ist festzustellen, dass ein Land wie die BRD Bürger unterschiedlicher Konfession kennt und die ganz andere Feststellung, dass die geschichtliche Entwicklung dazugeführt hat, dass eine ganz bestimmte Religion und vorwiegend diese die Grundlage der Kultur eines Landes bildet.

 

 

5. Güterabwägung im Konfliktfalle

 

Wenn wir auch den Dekalog als Magna Charta des jüdischen und christlichen Glaubens bezeichnet haben und damit zum Ausdruck gebracht haben, dass die zehn Gebote Grundwerte zum Inhalt haben, welche zu allen Zeiten Gültigkeit besitzen, müssen wir dennoch mit der Möglichkeit rechnen, dass im konkreten Einzelfall zwei oder mehrere Gebote in Konflikt zueinander geraten, dass aus diesen Gründen es gar nicht möglich ist, beide Gebote zur gleichen Zeit in vollem Inhalt zu realisieren, dass also eines der Ziele in diesem Falle hintanzustellen ist und es ist deshalb notwendig wird zu entscheiden, welchem dieser beiden Gebote im konkreten Fall der Vorzug zu geben ist.

 

Diese Konfliktsituation gilt auch für das 3. Gebot. Es gibt Situationen, bei denen nur dadurch, dass das 3. Gebot äußerlich verletzt wird, ein höher stehendes Gebot erfüllt werden kann. Jesus hatte wiederholt auf solche Situationen aufmerksam gemacht. Bei Markus Kapitel 2,23 lesen wir: ‚Einst begab es sich, dass Jesus am Sabbat durch die Kornfelder wanderte und seine Jünger begannen im Dahingehen Ähren abzupflücken.‘  Oder bei Matthäus Kapitel 12,11-12 sagt Jesus: ‚Wo wäre jemand unter euch, der ein einziges Schaf besitzt und, wenn dieses ihm am Sabbat in eine Grube fällt, es nicht ergriffe und herauszöge? Wie viel wertvoller ist nun aber ein Mensch als ein Schaf! Also darf man am Sabbat Gutes tun.‘  Jesus hatte diese Feststellung getroffen, als ihn die Pharisäer die Frage gestellt hatten, ob man am Sabbat heilen dürfe. Schließlich belehrte Jesus seine Zuhörer, dass je auch die Priester im Tempel den Sabbat nicht entweihen, weil auch sie in Erfüllung der Gesetze am Sabbat Arbeit verrichten, ohne sich schuldig zu machen (Matthäus Kapitel 12,5).

 

In all diesen Fällen ging es darum, dass nur durch gewisse Arbeiten am Sabbat Leben gerettet oder andere Verpflichtungen erfüllt werden konnten. Offensichtlich hatten seine Jünger Hunger, da sie nichts zum Essen bei sich hatten und haben deshalb am Sabbat Ähren gepflückt. Oder aber es sollte ein Kranker geheilt werden. Weiterhin verweist Jesu Rechtfertigung, auch am Sabbat zu heilen, auf ein Beispiel, bei dem ein Schäfer, dessen vielleicht einziges Schaf in eine Grube gestürzt ist, seine wirtschaftliche Existenz verlieren würde, wenn er nicht sofort handeln würde.

 

Orthodoxe Juden werden antworten, dass in den meisten hier angeführten Fällen mit Ausnahme der Verrichtung der Priester am Altar, vermutlich auch ohne diese Arbeit am Sabbat das Leben der betroffenen Personen nicht ernsthaft gefährdet gewesen wäre. So wären die Jünger vermutlich auch dann am Leben geblieben, wenn sie darauf verzichtet hätten, am Sabbat Ähren zu pflücken. Oder aber der Mann mit dem gelähmten Arm wäre sicherlich nicht umgekommen, wär er erst am nächsten Tag geheilt worden. Schließlich hätte vielleicht auch das Schaf, das in eine Grube gefallen war, auch noch am nächsten Tag gerettet werden können.

 

Wenn Jesus es trotzdem rechtfertigte, dass all diese Aktivitäten auch am Sabbat erlaubt seien, so sicherlich deshalb, weil all diese Verrichtungen zwar vielleicht nach dem Wortlaut, nicht aber nach dem letzten Sinn dieser Bestimmung, das dritte Gebot verletzt haben. Matthäus lässt im Kapitel 12 Jesus, der das Ährenrupfen seiner Jünger am Sabbat rechtfertigte, fortfahren:

 

‚Wenn ihr begriffen hättet, was das heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer, dann hättet ihr nicht Unschuldige verurteilt.‘

 

Der Sabbat dient zuallererst der Ehre Gottes, Gott will aber weniger Brandopfer als dass die Menschen ihren notleidenden Mitmenschen Hilfe bringen. Eine solche Hilfe sollte immer dann gewährt werden, wenn Mitmenschen der Hilfe bedürfen, unabhängig davon, ob diese Hilfe am Sabbat oder an anderen Tagen notwendig wird. Sie dient ja letzten Endes der Ehre Gottes.

 

 

6. Sabbat und Sonntag

 

Das dritte Gebot spricht vom Sabbat. Der Sabbat ist ein jüdischer Feiertag. Die Christen feiern heute ihren Ruhetag am Sonntag. Fragen wir uns, wie es zu diesem Wandel gekommen ist und ob mit dem Sonntag der eigentliche Sinn des Sabbat nach wie vor erfüllt wird.

 

Der Name Sonntag bezieht sich auf die Sonne, er ist also ein Tag, welcher der Sonne gewidmet ist. Diese Benennung folgt somit einem alten germanischen Gebrauch, einer – letztlich von den alten Griechen und Römern übernommenen – Praxis, die einzelnen sieben Wochentage nach den einzelnen Planeten zu benennen. Hierbei galt ursprünglich auch die Sonne als ein Planet, von der unterstellt wurde, dass sie genau so wie z. B. der Mond um die Erde kreiste.

 

Nun müssen wir uns daran erinnern, dass die Urchristen aus dem Judentum hervorgingen und deshalb die Judenchristen zunächst den Sabbat als Ruhetag feierten. Vor allem nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahre 70 n. Chr. und unter dem Einfluss des Apostels Paulus verlagerte sich die Missionstätigkeit der frühen Christen auf die Bekehrung der Heiden, welche  keinen Bezug zum Sabbat hatten. So kam es, dass zunächst neben dem Sabbat auch der Sonntag zur Erinnerung der Auferstehung Jesu gefeiert wurde. Jesu war bekanntlich an einem Freitag gekreuzigt worden und nach der Schrift am dritten Tag danach, also am Sonntag von den Toten auferstanden.

 

In der Folge feierten die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu jeweils am ersten Tag der Woche, am Sonntag also, das Abendmahl zum Gedenken an Jesu Auferstehung. Mit der Auferstehung Jesu begann gewissermaßen für die Jünger Jesu ein neues Leben.

 

Damit verschob sich allerdings der eigentliche Sinn des Ruhetages. Der Sabbat galt ja als Ruhetag, genau so wie Gott nach der Erschaffung der Welt bildlich gesprochen am siebten Tag geruht hatte, sollten auch die Juden nach sechswöchiger Arbeit am siebten Tag ruhen und Gott gedenken. Man beginnt jedoch nicht eigentlich die Woche mit einem Tag der Ruhe, der Ruhe bedarf es erst nach getaner Arbeit.

 

Nun gilt es allerdings zu berücksichtigen, dass ja bereits bei Moses die Verkündung der zehn Gebote mit dem Prolog ‚Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus‚ beginnt.‘ (siehe zweites Buch Moses, Kapitel 20, 1-2). Also wird auch hier bereits  dem sechsten Schöpfungstag ein weiterer Zeitabschnitt hinzugefügt, der Zeitpunkt, an dem Gott das Volk Israels aus der ägyptischen Versklavung befreit hatte.

 

Den Heidenjuden war dieser Bezug fremd, da sie oder ihre Vorfahren ja nicht in der Knechtschaft Ägyptens gestanden hatten und deshalb auch nicht aus dieser Knechtschaft befreit werden mussten. Wir haben allerdings bereits gesehen, dass in einem übertragenen Sinne davon gesprochen werden kann, dass auch die Heiden vor ihrer Bekehrung zum Christentum in ihrer Sünde versklavt waren und von diesem Joch befreit werden mussten.

 

In diesem Sinne kann man auch davon sprechen, dass das Schöpfungswerk der Welt und der Menschheit erst nach Erscheinen Jesu hier auf dieser Erde und nach dem Kreuzestod und der Auferstehung Jesu zu Ende geführt wurde. In diesem Sinne kann dann auch der Sonntag als eine Art letzter Tag gefeiert werden und in diesem Sinne als Tag der Ruhe nach vollbrachter Schöpfung gefeiert werden.

 

Es war dann Kaiser Konstantin der Große, welcher 321 n. Chr. verfügt hatte, den schon im Dekalog geforderten Ruhetag nicht mehr am Sabbat, sondern am darauffolgenden Sonntag zu feiern. Seither feiert die Christenheit nicht mehr den Sabbat, sondern allein den Sonntag als den im Dekalog geforderten Ruhetag als Tag des Herrn.