Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 2: Das zweite Gebot

 

 

 

 

Gliederung:

 

    1. Einführung

    2. generelle Bedeutung einer Namensgebung

    3. Die verschiedenen Namen Gottes

    4. Die Forderung der Juden, den Namen Gottes nicht auszusprechen

    5. Fluchen und verfluchen

    6. Den Namen Gottes ins Lächerliche ziehen

    7. Im Namen Gottes falsche Lehren verbreiten

    8. Im Namen Gottes sündigen

    9. Gott nicht verleugnen

 

 

1. Einführung

 

Wir wollen uns nun in diesem Kapitel mit dem zweiten Gebot Gottes etwas ausführlicher befassen. Legen wir den Text des zweiten Buches von Moses Exodus Kapitel 20 zugrunde, so lautet dieses zweite Gebot – wie bereits gezeigt – wie folgt:

 

‚Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.‘

 

Dieses Gebot besteht aus zwei Sätzen: das Verbot, den Namen Gottes zu missbrauchen und die Androhung, denjenigen zu bestrafen, der Gottes Namen missbraucht.

 

Wir hatten bereits im einleitenden Kapitel darauf hingewiesen, dass nur bei den wenigsten Geboten ähnlich wie in einem Strafgesetzbuch die Folgen der Überschreitung dieses Gebotes benannt werden. Im Grunde finden sich nur bei den ersten beiden Geboten sowie beim vierten Gebot Hinweise auf die Folgen. Während beim ersten sowie beim zweiten Gebot eine Androhung für jeden erfolgt, der dieses Verbot nicht achtet, wird beim vierten Gebot der Zweck benannt, warum dieses Gebot so wichtig ist.

 

Im einleitenden Kapitel hatten wir ebenfalls bereits erwähnt, dass sich im Grunde jedes dieser Gebote als ein Verbot, das es zu unterlassen gilt oder als ein Gebot, das erfüllt werden soll, formuliert werden kann. Für das zweite Gebot könnte die positive Version dieser Weisung etwa so formuliert werden: Halte den Namen Gottes stets in Ehren.

 

Wir wollen im Folgenden untersuchen, welche Bedeutung mit der Namensgebung im Allgemeinen verbunden wird, wie denn der Name Gottes bei Abraham und Moses lautet, worin denn die Begründung für dieses Verbot liegt und inwieweit gegen dieses zweite Gebot vor allem in der heutigen Zeit verstoßen wird.

 

 

  2. Die generelle Bedeutung einer Namensgebung

 

Beginnen wir unsere Analyse mit der Frage, welche Bedeutung denn der Namensgebung ganz allgemein zuerkannt wird. Warum geben wir einzelnen Menschen einen Namen?

 

Der wohl wichtigste Grund für eine Namensgebung dürfte darin liegen, dass man auf diese Weise überhaupt erst in der Lage ist, eindeutig die einzelnen Menschen von einander zu unterscheiden, wie wollte man – sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Bereich – Einfluss auf das Verhalten der Menschen nehmen, um den einzelnen Menschen Aufgaben zuzuteilen oder sie für ihre Handlungen zu belohnen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben, sie aber auch bestrafen, wenn sie den allgemeinen Gesetzen oder Vorschriften zuwider gehandelt haben? Unsere Gesellschaft basiert nun mal auf Arbeitsteilung, diese ist aber nur möglich, wenn man auch den einzelnen ansprechen kann und den einzelnen Menschen unterschiedliche Aufgaben zuteilen kann. In ähnlichen Sinne gilt, dass ein staatliches System stets einer Vielzahl von Spielregeln bedarf, ohne die eine Ordnung nicht aufrechterhalten werden kann und eine Überprüfung dieser Spielregeln kann nur eingehalten werden, wenn man in der Lage ist, die einzelnen Individuen zu unterscheiden.

 

Welche Probleme ohne eine Namensgebung entstehen können, erfährt jeder, der einmal vor der Notwendigkeit stand, zwei eineiige Zwillinge von einander zu unterscheiden, wenn jeder der Zwillinge dem anderen gleicht wie ein Ei dem anderen. Gerade um diese Schwierigkeit, eineiige Zwillinge von einander zu unterscheiden, ranken sich viele Geschichten, wie raffinierte Zwillinge ihre Eltern aufs Glatteis führen.

 

Eng zusammen mit dieser Unterscheidungsfunktion der Namensgebung steht die Tatsache, dass erst der Name die Möglichkeit schafft, andere Menschen anzusprechen. Auf dieser Funktion beruht die Gepflogenheit, dass eine Person in eine Gesellschaft dadurch eingeführt wird, dass man sie den anderen Mitgliedern dieser Gesellschaft durch Nennung ihres Namens vorstellt und dem in die Gesellschaft Eingeführten den Namen der Menschen, denen diese Person vorgestellt wird, benennt. Die einzelnen Menschen sind im Allgemeinen nur bereit, ihrem Gegenüber ihre Vorstellungen und Eigenschaften mitzuteilen, wenn sie mit ihrem Namen bekannt sind, nur dann hat man eine gewisse Sicherheit, dass diese lediglich für eine Person oder Personengruppe bestimmten Nachrichten nicht in die Welt hinaus posaunt werden und so nicht unkontrollierbaren Schaden anrichten.

 

Die Namensgebung erfüllt darüber hinaus auch eine Bewertungsfunktion. Hat man einmal einem bestimmten Menschen einen Namen zugeteilt, kann man mit diesem Namen ganz bestimmte Attribute verbinden, welche auf der einen Seite objektive, erfassbare Merkmale aufweisen, bei denen aber andererseits auch eine Bewertung dieser Person erfolgen kann. Dies beginnt zunächst damit, dass zu früheren Zeiten den einzelnen Mitgliedern der Gemeinschaft ein Namen verpasst wurde, der ihre berufliche Tätigkeit zum Ausdruck brachte.

 

So ist es zu verstehen, dass manche Familien Müller, Maier oder Schmied heißen, es kam bei der ersten Namensgebung einfach auf den Beruf an, den bestimmte  Mitglieder einer Gemeinde wahrnahmen. Da allerdings diese Familiennamen an die Kinder und Kindeskinder weitergegeben, also vererbt werden und da in der modernen Gesellschaft nicht mehr wie früher die Kinder den Beruf ihres Vaters oder ihrer Eltern automatisch übernehmen, kommt es dann leicht zu den Ungereimtheiten, dass man die Milch beim Metzger (einem Händler mit dem Namen Metzger) und das Fleisch beim Schneider einkauft.

 

Oftmals kommt ein Name einfach dadurch zustande, dass man auf den Namen des Vaters Bezug nimmt und z. B. den Sohn dann als Erichson, also als Sohn des Erich bezeichnet. Natürlich würde ein solches Vorgehen sehr leicht zu Wortungetümen führen, wenn man an den Namen der Nachkommen mehrmals eine bestimmte Silbe wie ‚son‚ anfügen wollte.

 

Oftmals kommt jedoch dem Namen, zumeist dem Vornamen, bisweilen auch dem Nachnamen die Hoch- oder auch Minderschätzung eines Menschen, der diesen Namen als erster zugesprochen bekam, zum Ausdruck. Der Vorname Gloria verbindet Glanz und Ehre mit diesem Namen. Umgekehrt weist der Nachname ‚Mörder‘ offensichtlich darauf hin, dass der erste Mensch, dem dieser Name verpasst wurde, in der Gemeinde vermutlich als ein Mörder gehalten wurde.

 

Eine Minderschätzung besonderer Art fand statt, als es lange Zeit im Mittelalter verboten wurde, den Juden einen Namen zu geben, hier sollte die Verachtung gegenüber einem ganzen Volksstamm dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass man den Juden sogar die Möglichkeit, mit den andern Volksgenossen zu kommunizieren, nehmen wollte. Dieses Verbot wurde allerdings nur in der Öffentlichkeit eingehalten, insgeheim sprachen sich die Juden trotzdem mit einem nach außen geheim gehaltenen Namen an.

 

Mit dieser Bewertungsfunktion hängt dann wiederum zusammen, dass über den Namen Macht ausgeübt werden kann. Gerade weil man seinen Mitmenschen mit Namen ansprechen kann, kann man ihm auch Gebote oder Verbote anordnen und ihn verfolgen, wenn er diese Anweisungen missachtet hat. Aus der Sicht des hiervon Betroffenen bedeutet dies aber auch, dass er sich vor dem Zugriff eines anderen nur dadurch schützen kann, dass sein wahrer Name gar nicht bekannt wird. Ein flüchtiger Verbrecher wird unter falschem Namen zu fliehen versuchen und ein Spion wird versuchen unter falschem Namen an Geheimnisse heranzukommen.

 

Die Macht, welche von der Kenntnis des Namens ausgeht, wird augenscheinlich im Grimm’schen Märchen vom Rumpelstilzchen beschrieben. Ein kleines Männlein, das Rumpelstilzchen heißt,  hilft einer Müllerstochter, die Königin werden will, Stroh zu Gold zu spinnen (die vom König angeordnete Voraussetzung für die Heirat), verlangt aber im Gegenzug, dass sie das – als erstes geborene – Königskind diesem Männchen aushändigt. Falls es dieser Königin aber gelingt, den Namen des Rumpelstilzchen zu erraten, verliert dieses Männchen jede Macht gegenüber der Königin und die Königin kann deshalb dann ihr Kind behalten. Das kleine Männchen ist davon überzeugt, dass die Königin seinen Namen nicht erraten kann: ‚Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!‘

 

 In dieser Geschichte handelt es sich um ein Märchen, dahinter steht jedoch der im Mittelalter weit verbreitete Glaube, dass der Satan und von ihm angeleitet auch Hexen und Hexer über die Mitmenschen unter bestimmten Voraussetzungen Macht erlangen können und diese Macht hängt dann unter anderem auch damit zusammen, dass der Satan über den Namen seiner Opfer Macht ausübt, aber gerade dadurch unangreifbar wird, dass die Menschen entweder den Namen des Teufels nicht kennen oder zumindest diesen Namen nicht auszusprechen wagen. Im Zusammenhang mir der Bedeutung des Fluchens und Verfluchens werden wir weiter unten auf diese Zusammenhänge noch ausführlicher eingehen.

 

 

3. Die verschiedenen Namen Gottes

 

In der Heiligen Schrift, vor allem im Alten Testament gibt es mehrere unterschiedliche Bezeichnungen für Gott. Der wohl wichtigste Namen, mit dem der Gott Abrahams und Moses angesprochen wird, ist die Bezeichnung Jahwe (im Hebräischen Urtext mit den vier Buchstaben JHWH bezeichnet) oder auch bisweilen in den Übersetzungen als Jehova beschrieben. Oft wird aber auch dann, wenn im Alten Testament von Gott gesprochen wird, der Name Gottes als Eli oder auch Elohim gewählt. Sehr häufig, vor allem in den späteren Schriften des Alten Testamentes und im Neuen Testament wird Gott als ‚Adonaj‘ , im griechischen Text sinngemäß als ‚kyrios‘ oder in den deutschen Übersetzungen als ‚Herr‘ angesprochen.

 

Dass Gott im Alten Testament überhaupt mit seinem Eigennamen und auch mit verschiedenen Beinamen Erwähnung findet, liegt sicherlich in erster Linie daran, dass es in den frühen Zeiten der Patriarchen, aber auch noch zur Zeit Moses in der unmittelbaren Nachbarschaft der Israeliten die verschiedensten Götter gab, fast jeder Volksstamm hatte seinen eigenen Gott und so war der Gott Abrahams unterschieden von den in Kanaan verehrten Götter, auch verehrten die Heidenvölker zur gleichen Zeit für die unterschiedlichsten Ansätze verschiedene Götter, es gab einen Gott, den man z. B.  anrief, damit die Ernte nicht vernichtet wird und es gab einen anderen Gott, der das eigene Volk vor Feinden schützte. Der Gott der Juden wurde also in erster Linie mit einem Namen belegt, um den eigenen Gott von fremden Göttern abzugrenzen.

 

Nachdem sich dann im israelischen Volk – vorwiegend nachdem Auszug aus Ägypten – eingebürgert hatte, dass es nur den einen Gott Jahwe gibt, war es dann auch gar nicht mehr notwendig, den eigenen Gott mit einem besonderen Eigennamen zu benennen, es reichte dann aus, dass man von Gott sprach und für die Bezeichnung Gottes auch eine Umschreibung benutzte. Die Juden hatten so in der Tat von einem bestimmten Zeitpunkt an den Namen Gottes nicht mehr ausgesprochen. Nur vom amtierenden Hohepriester durfte der Name Gottes noch eigens genannt werden und selbst der Hohepriester durfte den Gottesnamen nur am Versöhnungstag ausrufen. Zu allen anderen Gelegenheiten sollte die einfache Anrede "Herr" (’Adonaj) als Umschreibung für Gott verwendet werden.

 

Dass es aber auch bei den Israeliten mehrere Bezeichnungen für Gott gab, obwohl entsprechend dem jüdischen Glauben nur ein einziges Wesen als Gott verehrt wurde, wird vor allem damit erklärt, dass das Alte Testament aus mehreren unterschiedlichen Quellen hervorgegangen ist und dass die eine Quelle immer dann, wenn von dem Gott der Israeliten die Rede ist, von Jahwe spricht, während bei einer zweiten Quelle in diesem Falle die Bezeichnung ‚Eli‘ oder ‚Elohim‘ gewählt wird. Allerdings wird der Name Eli auch dann verwendet, wenn im Alten Testament auf die Götter der Heiden Bezug genommen und der Begriff ‚Gott‘ als Gattungsname verstanden wird. Der Name ‚Jahwe‘ hingegen bezieht sich demgegenüber immer nur auf den einen und einzigen Gott Abrahams und Moses.

 

 

4. Die Forderung der Juden, den Namen Gottes nicht auszusprechen

 

Wir hatten im vorherigen Abschnitt gesehen, dass mit dem Namen eines Menschen auch immer gewisse Attribute und Eigenschaften verbunden werden. Es entsteht nun die Frage, ob dies auch für den speziellen Namen des Gottes der Israeliten gilt. Folgen wir zur Beantwortung dieser Frage der Bibelstelle (Exodus Kapitel 3,6-15), als Gott Moses beauftragte, zum Pharao zu gehen und den Auszug der Israeliten aus Ägypten zu verlangen. Moses sagte hierauf, ‚die Israeliten werden mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen?‘:

 

6  ‚Dann fuhr er fort: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

7  Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid.

8  Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.

9  Jetzt ist die laute Klage der Israeliten zu mir gedrungen und ich habe auch gesehen, wie die Ägypter sie unterdrücken.

10  Und jetzt geh! Ich sende dich zum Pharao. Führe mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten heraus!

11  Mose antwortete Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen könnte?

12  Gott aber sagte: Ich bin mit dir; ich habe dich gesandt und als Zeichen dafür soll dir dienen: Wenn du das Volk aus Ägypten herausgeführt hast, werdet ihr Gott an diesem Berg verehren.

13  Da sagte Mose zu Gott: Gut, ich werde also zu den Israeliten kommen und ihnen sagen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt. Da werden sie mich fragen: Wie heißt er? Was soll ich ihnen darauf sagen?

14  Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der »Ich-bin-da«. Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der »Ich-bin-da« hat mich zu euch gesandt.

15  Weiter sprach Gott zu Mose: So sag zu den Israeliten: Jahwe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name für immer und so wird man mich nennen in allen Generationen.‘

 

Nun ist die Auskunft, dass sich Gott als der ‚Ich bin der »Ich-bin-da‘ ausweist, sicherlich nicht sehr inhaltsreich. Karl Barth hat aus dieser Formulierung auch geschlossen „Ich bin der, dessen eigentlichen Namen niemand nachspricht – das ist bedeutsam genug: Der offenbarte Name selbst soll durch seinen Wortlaut an die Verborgenheit auch und gerade des offenbarten Gottes erinnern. Und der Alttestamentler Ludwig Köhler (1936) betonte zu Ex 3,14: „'Ich bin der ich bin' ist eine Aussage, welche die Auskunft verweigert. Gott gibt Mose nicht das Geheimnis seines Wesens preis. Wer Gott ist, wird Mose an seinem Wirken schon sehen.“

 

Aber eine solche Interpretation lässt sich nur sehr schwer vereinbaren mit der Tatsache, dass doch gerade der Gott Abrahams und Moses als ein Gott charakterisiert wird, der im Gegensatz zu den Göttern der Heiden rings um das Volk Israel in ganz besonderem Maße den Menschen zugetan ist. Er hat sich nicht, wie es das deistische Gottesbild lehrt, nach der Schöpfung zurückgezogen und die Menschheit sich selber überlassen oder er äußert seine Wut und Enttäuschung über das Handeln der Menschen nicht in einem blinden Ausbruch von Naturgewalten wie bei den Göttern, die in Kanaan zur Zeit Abrahams verehrt wurden, er kümmert sich vielmehr um das Schicksal seines auserwählten Volkes, schützt sie vor den Feinden der Israelis und ist immer wieder von Neuem bereit, die Verfehlungen seines Volkes zu verzeihen. Warum sollte ein solcher Gott seine Eigenschaften vor seinem geliebten Volk verbergen wollen?

 

Die verweigerte Preisgabe der Attribute Gottes im Namen dieses Gottes dürfte vielmehr damit zusammenhängen, dass Gott das ganz andere, von den Menschen unterschiedene Wesen darstellt und dass die Menschen gar nicht in der Lage sind, mit Hilfe ihrer Wahrnehmungsorgane das Wesen Gottes voll zu erfassen.

 

Zwar wurde nach Aussagen des Schöpfungsberichtes der Mensch als Abbild Gottes erschaffen, dies bedeutet aber keinesfalls, dass der Mensch nun in seiner Gesamtheit Gott gleicht. Die Bibel, vor allem das Alte Testament wird nicht müde, immer wieder von Neuem von der Unvollkommenheit der Menschen zu berichten. Diese Unvollkommenheit gilt nicht nur für das einfache Volk, sondern gerade auch für die Auserwählten Gottes. Wir erfahren auf der einen Seite von der Unvollkommenheit der Menschen in moralischer Hinsicht, so ist es David der von Gott gesalbte König, welcher Ehebruch begeht und dann noch den Gatten der Frau, mit der David gesündigt hat, in die Schlacht schickt und die Anordnung gibt, ihn dort hinzuschicken, wo er mit Sicherheit getötet werden wird.

 

Oder nehmen wir das Beispiel des Petrus, welcher nach der Verhaftung Jesu diesen im Vorhof des Kaiphas gegenüber einer dort anwesenden Magd dreimal hintereinander verleugnet: ‚wahrlich ich kenne diesen Menschen nicht‘. Und ausgerechnet diesen Menschen hat Jesus zu seinem Nachfolger bestimmt: ‚Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. (Matthäus Kapitel 16,18). Und diese Erwählung erfolgte keinesfalls aus Unkenntnis darüber, dass Petrus Jesus später dreimal verraten werde, vielmehr hatte Jesus diesen Verrat bereits nach dem letzten mit den Aposteln gemeinsam gefeierten Passahmahl beim Gang auf den Ölberg vorausgesagt: ‚Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.‘ (Matthäus Kapitel 26,34)

 

Die in der Heiligen Schrift geschilderte Unvollkommenheit der Menschen bezieht sich aber auf der anderen Seite auch auf die allgemeinen Fähigkeiten der Menschen. Seit dem die Menschen aus dem Paradies vertrieben sind, ist ihr ganzes Tun recht unvollkommen und mühsam. Wir erfahren aus der Bibel:

 

16. ‚Zur Frau (EVA) sprach er (Gott): Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen.

17  Zu Adam sprach er: Weil du auf deine Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verboten hatte: So ist verflucht der Ackerboden deinetwegen. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.

18  Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes musst du essen.

19  Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst zum Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück.‘ (Genesis Kapitel 3,16-19)

 

Obwohl schon mehrere Tausend Jahre ein ganzes Heer von Wissenschaftlern die Naturgesetze zu erkunden versucht, ist man sich im Allgemeinen einig, dass nur ein Bruchteil der Naturgesetze erkannt wurde. Dies bedeutet aber, dass uns in dem Bemühen der Weisung Gottes zu folgen und uns ‚die Erde untertan zu machen‘ immer wiederum verheerende Fehlurteile und damit auch Fehlentscheidungen unterlaufen, die zu schweren Schäden führen.

 

Ganz im Gegensatz hierzu unterstellen wohl alle gläubigen Menschen, dass Gott vollkommen ist, in den verschiedenen monotheistischen Religionen geht man davon aus, dass Gott allmächtig, allwissend, gerecht und barmherzig ist.

 

Er ist allmächtig, da er mit der Schöpfung die Naturgesetze etabliert hat. Da nach seinem Willen der einzelne Mensch frei ist, sich für oder auch gegen Gott zu entscheiden, entstehen durch Menschen Schaden und Ungerechtigkeiten und deshalb mag Gott einzelne Schlachten verlieren, er wird aber im Kampf um das Böse letztendlich am Ende der Zeiten diesen Krieg gewinnen.

 

Gott ist allwissend, dies will heißen, nur Gott kann in die Herzen der Menschen schauen, die Menschen sind sich niemals 100% sicher, ob sie den Aussagen ihrer Mitmenschen trauen können.

 

Gott ist gerecht, es wird uns zwar aufgrund unserer Unvollkommenheit hier auf Erden niemals gelingen, eine absolute Gerechtigkeit zu garantieren und jedes Verbrechen gerecht zu bestrafen, gläubige Menschen rechnen jedoch fest damit, dass am Ende der Zeiten jeder gute Mensch seinen gerechten Lohn, die bösen Menschen aber ihre gerechte Strafe erfahren.

 

Gott ist schließlich barmherzig, da er den sündigen Menschen immer wieder verzeiht, mögen ihre Vergehen noch so groß sein und noch so häufig auftreten, einzige Voraussetzung dafür, dass dem Sünder von Gott verziehen wird, ist dass er Reue zeigt, ehrlichen Gewissens zu einer Umkehr bereit ist und seinerseits seinen Mitmenschen, die sich ihm gegenüber versündigt haben, ebenfalls verzeiht.

 

Wenn wir also davon ausgehen müssen, dass Gott insgesamt ganz anders ist als die Menschen und wenn wir weiterhin berücksichtigen, dass wir mit unseren Wahrnehmungsorganen nur irdische Gesetzmäßigkeiten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen können, dass wir unfähig sind, überirdische, metaphysische Wahrheiten endgültig zu verifizieren oder zu falsifizieren, wird es uns auch niemals gelingen, das Wesen Gottes voll zu erfassen. Wenn wir nun den Versuch machen wollten, mit Hilfe der Namensgebung die Eigenschaften Gottes zu fassen, müssen wir notwendiger Weise scheitern.

 

Es gelingt uns also nicht das Wesen Gottes zu ergründen und deshalb besteht stets die Gefahr, dass wir dann, wenn wir mit einem Namen bestimmte Eigenschaften zu umreißen versuchen, die eigentlich nur auf den Menschen zutreffen, im Grunde gerade deshalb ein falsches irreführendes Bild von Gott gewinnen. So mag es zu erklären sein, dass sich dann Gott mit dem Namen: ‚ich bin der ich bin‘ zu erkennen gibt und damit kundtut, dass er anders als wir Menschen ist und deshalb auch für den Menschen nicht ergründet werden kann. Im Grunde liegt hier der gleiche Grund für das Nichtaussprechen des Gottes Namen vor wie bei dem im ersten Gebot verkündete Verbot, sich von Gott ein Bildnis zu schaffen. Bei dem Versuch, Gott in einem Bildnis darzustellen und anzubeten, dürften die Gefahren, dass Gott menschliche oder irdische Züge angedichtet werden, noch größer sein als bei einer Namensgebung für Gott.

 

 

5. Fluchen und Verfluchen

 

Die Forderung des zweiten Gebotes, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen, kann erstens in dem Sinne verstanden werden, dass die Menschen nicht fluchen und hierbei den Namen Gottes aussprechen sollen. Geflucht wird im Allgemeinen im täglichen Leben immer dann, wenn bestimmte Verrichtungen, die wir an und für sich beherrschen, aus den verschiedensten Gründen misslingen. So mag der Versuch, einen Faden in ein Nadelöhr zu ziehen, nicht zum Erfolg führen und je mehr man sich anstrengt, um so unruhiger wird unsere Hand und um so weniger gelingt es uns, den Faden einzufädeln. Oder aber man stolpert über eine Schwelle, die man gedankenverloren übersehen hat und nimmt dann beim Sturz eine kostbare Vase mit, welche in tausend Scherben zerspringt.

 

Hier entsteht eine große Wut, der hiervon Betroffene ist frustriert und Frustrationen führen ganz allgemein zu aggressivem Verhalten. Man versucht nun dieser Frustration dadurch Herr zu werden, dass man unflätige Worte mit lauter Stimme ausstößt. An und für sich ist somit der Fluch bereits ein Mittel, die Frustration zu bewältigen und es besteht kein Zweifel darüber, dass das Fluchen, vor allem dann, wenn der Fluch in der Einsamkeit ohne großes Publikum ausgesprochen wird, eines der harmlosesten Folgen einer Frustration darstellt und bedeutend geringeren Schaden anrichtet, als dann, wenn man aufgrund der Verärgerung unbeteiligte Mitmenschen beschimpft oder ihnen sogar materiellen Schaden zufügt. Der Fluch kann sogar dazu beitragen, dass die Frustration ohne gesundheitliche Schäden für den Betroffenen überwunden wird, hätte der ‚Unglücksrabe‘ die Wut in sich hineingefressen und würden sich solche Unglücksfälle häufen, so könnte der Betroffene durchaus dauernden psychischen Schaden erleiden.

 

Bei der Beurteilung des Fluchens gilt es auch zu berücksichtigen, dass sich dieses Ereignis zumeist ganz automatisch vollzieht, der einzelne ist zumeist aufgrund der Frustration gar nicht in der Lage, bewusst und rational zu handeln. Der Fehler liegt dann allenfalls darin, dass er es verabsäumt hat, sich immer wiederum zu einem Verhalten zu erziehen, durch das nicht jeder kleinste Misserfolg zu lautem und anhaltenden Fluchen führt und darüber hinaus, dass er sich vor allem nicht in einer Gesellschaft beherrschen kann und sich vielmehr gehen lässt. Mit Recht spricht der Volksmund in diesem Falle davon, dass diesem fluchenden Menschen die Kinderstube fehle, dass er also nicht ordentlich erzogen wurde.

 

Das zweite Gebot ist nun eigentlich erst in dem Augenblick angesprochen, in dem der Fluch mit dem Namen Gottes verbunden wird. Die Verwendung des Gottesnamens kann nun erstens in dem Sinne gemeint sein, dass man Gott dafür verantwortlich macht, dass sich ein Misserfolg eingestellt hat, dass sozusagen der Schutzengel, der über das Tun eines Menschen wachen solle, geschlafen und nicht aufgepasst habe und deshalb den Betroffenen nicht rechtzeitig gewarnt habe. Selbstverständlich lässt sich Gott nicht für Ungeschicklichkeiten der Menschen verantwortlich machen.

 

Zweitens könnte die Verwendung des göttlichen Namens beim Fluchen aber auch bedeuten, dass man eigentlich auf einen anderen Menschen, den man für dieses Missgeschick vielleicht unberechtigter Weise verantwortlich macht, den Zorn Gottes herabwünscht. Gott möge also den für dieses Missgeschick Verantwortlichen bestrafen. Welche Strafe ein Mensch tatsächlich verdient, diese Frage kann Gott sicherlich sehr viel besser entscheiden als ein Mensch, der in Wut sich vollkommen irrational verhält.

 

Dass der Fluch mit dem Namen Gottes verbunden wird, kann drittens aber auch bedeuten, dass Gott dieses drohende Missgeschick verhindern solle. Sicherlich ist der Mensch berechtigt und sogar angehalten, um Gottes Beistand bei allen Problemlagen, denen ein Mensch begegnet, zu erflehen. Das Sündige im Fluch liegt dann nicht so sehr darin, dass man Gottes Hilfe erbittet, sondern, dass diese Aufforderung in unflätiger Weise erfolgt, dass man Gott nicht um etwas bittet, sondern Gott lästernd und einklagend auffordert.

 

Vor allem mit der an zweiter Stelle genannten Spielart des Fluchs ist das Verfluchen bestimmter Personen eng verbunden. Vor allem in Primitivkulturen versuchten Medizinmänner und andere religiöse Führer durch Verfluchungen und Verwünschungen Macht zu gewinnen. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass ein gegen einen anderen Menschen geäußerter Fluch nur dann auch wirksam sein kann, wenn sowohl derjenige, welcher den Fluch ausspricht als vor allem derjenige, der verflucht werden soll, fest an die Wirksamkeit des Fluches glaubt.

 

Dass allein der Glaube Wirkungen bis hin zur Todesfolge des Verfluchten herbeiführen kann, ist weitgehend bestätigt und hängt mit Wirkungsbeziehungen zusammen, welche auch in der Medizin unter dem Stichwort Placeboeffekt diskutiert werden. Ein Placebo ist hierbei ein Medikament, dem bestimmte heilende Wirkungen nachgesagt wird, wobei allerdings beim Placebo im Gegensatz zu einem normalen Medikament das Medikament keinerlei Wirkstoffe enthält. In empirischen Untersuchungen wurde einer Teilgruppe ein normales Medikament mit entsprechenden Wirkstoffen, einer zweiten Teilgruppe ein Placebo ohne jeglichen Wirkstoff verabreicht. Es zeigte sich hierbei, dass Heilungserfolge nicht nur bei den Patienten, welchen das Medikament mit den Wirkstoffen verabreicht wurden, festgestellt werden konnten. Auch Patienten, welchen ein Placebo verordnet wurde, konnten zu einem beachtlichen Teil ebenfalls Heilungserfolge aufweisen. Man zog aus diesen Ergebnissen den Schluss, dass offensichtlich der feste Glaube der Patienten, dass das verordnete Medikament Wirkung zeigt, ausreichte, bei bestimmten Personen positive Heilungseffekte hervorzurufen.

 

Dieser Placeboeffekt wurde dann noch verstärkt, als man die Teilgruppe, welcher ein Placebo verabreicht wurde, nochmals in zwei Untergruppen teilte, wobei in der einen Untergruppe der verschreibende Arzt darüber unterrichtet war, dass es sich bei dem verabreichten Medikament nur um ein Placebo handelte, während bei der zweiten Untergruppe die Ärzte von der falschen Auffassung ausgingen, es würde den Patienten ein normales Medikament mit den Erfolg versprechenden Wirkstoffen verabreicht. Es stellte sich heraus, dass der Heilungserfolg insbesondere bei der Untergruppe groß war, bei der die Ärzte vom Placebocharakter des verordneten Medikamentes nichts wussten.

 

Diese empirischen Untersuchungen zeigen also, dass der reine Glaube an die Wirksamkeit einer Maßnahme bisweilen ausreicht, um die erwünschten Wirkungen herbeizuführen und dass der Erfolg vor allem dann eintritt, wenn beide Kontrahenten, der Verfluchende wie der Verfluchte, von der Wirkung dieses Fluches überzeugt sind.

 

Wenn beide Kontrahenten von der Wirkung des Fluches überzeugt sind, entwickelt sich nämlich ein das System erhaltender Mechanismus, aufgrund dessen das System stabil bleibt und lange Zeit überlebt. Die Tatsache, dass beide, der Verfluchende wie der Verfluchte, fest von der Wirkung des Fluches überzeugt sind, bewirkt, dass der durch den Fluch prophezeite Schaden auch tatsächlich eintritt. Die Tatsache aber, dass der Fluch immer wieder von neuem auch tatsächlich eintritt, bestärkt die Meinung, dass der Fluch auch immer den angedrohten Schaden herbeiführt und gerade diese Tatsache verstärkt den Glauben an die Wirksamkeit des Fluches.

 

Nur dann, wenn einzelne Individuen auftreten, welche nicht an die Wirksamkeit des Fluches glauben, den Fluch als Zauber und Aberglauben lächerlich machen, kann dieser sich selbst stabilisierende Mechanismus durchbrochen werden. Wenn einzelne Betroffene fest davon überzeugt sind, dass der Fluch keine Gewalt über sie hat, tritt auch die Wirkung des Fluches nicht ein und die Tatsache, dass es nun Fälle gibt, in denen der Fluch unwirksam war, wird immer mehr Personen davon überzeugen, dass der Fluch durchaus überwunden werden kann, sofern man nur fest an die Unwirksamkeit eines Fluches glaubt. Immer mehr Personen werden also ihren Glauben an die Macht des Fluches verlieren und je mehr Personen von dieser Überzeugung ausgehen, um so weniger hat der Verfluchende noch die Macht, bei anderen Schaden hervorzurufen.

 

 

6. Den Namen Gottes ins Lächerliche ziehen

 

Eine Missachtung des Namen Gottes kann zweitens auch dadurch erfolgen, dass Gott oder auch der Glaube an Gott und die Glaubenden lächerlich gemacht werden. Eine solche Haltung stellt zunächst eine Missachtung Gottes dar, man macht sich gegenüber jemanden, dem man seine Existenz verdankt, nicht lächerlich. Das Verbot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen, dient aber auch zugleich dem Schutz der Gläubigen, denn nur derjenige, welcher von niemand wegen seines Glaubens lächerlich gemacht und damit ausgegrenzt wird, kann unbeeinflusst seinen Glauben ausüben.

 

Gerade aufgrund dieses letzten Zusammenhanges schreiben die Verfassungen der freiheitlich-demokratischen Staaten das Recht auf Glaubensfreiheit als Menschenrecht fest, das durch keinen Mehrheitsbeschluss – mag die Mehrheit noch so groß sein – aufgehoben oder eingeschränkt werden darf. Auch die christlichen Glaubensgemeinschaften anerkennen dieses Recht, einmal gegenüber den Staaten, welche die Christen verfolgen, zum andern aber auch im Hinblick auf jeden, welcher einen anderen Glauben für sich in Anspruch nimmt als den christlichen Glauben.

 

Nun muss allerdings damit gerechnet werden, dass in concreto zwei oder mehrere in der Verfassung verankerte Grundrechte durchaus in Konflikt zueinander geraten können und dass es deshalb notwendig wird, im Rahmen einer Rechtsgüterabwägung gewisse Einschränkungen dieser Grundrechte zu erlauben.

 

Ein solcher Konflikt besteht vor allem im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Religionsfreiheit und Pressefreiheit, wobei unter Pressefreiheit nicht nur die Freiheit der Presse im engeren Sinne verstanden werden soll, dieses Grundrecht gilt gegenüber allen öffentlichen Medien, dem Hör- und Fernsehfunk und auch allen Arten künstlerischer Veranstaltungen.

 

Wie ist nun zu entscheiden, wenn im Rahmen der öffentlichen Medien durch Karikaturen religiöse Führer und Bräuche lächerlich gemacht werden? Obwohl durch solche Karikaturen eindeutig das Recht der Religionsfreiheit verletzt wurde, haben es Gerichte oftmals abgelehnt, solche in den Medien gemachten Äußerungen in Wort und Bild zu verbieten und zwar mit der Begründung, dass der Pressefreiheit ein sehr hoher Verfassungsrang zuerkannt werden müsse.

 

Nun muss man sich darüber klar werden, dass die im Grundgesetz als Grundrecht geschützte Freiheit der Medien damit gerechtfertigt wird, dass nur auf diese Weise Machtmissbrauch verhindert werden kann und ein Machtmissbrauch ist sowohl in politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gesellschaftssystemen möglich. Nur dadurch, dass durch die Medien ein Machtmissbrauch aufgedeckt wird, kann Machtmissbrauch wirksam bekämpft werden. Das in der Verfassung aller freiheitlich-demokratischer Staaten verankerte Prinzip der Gewaltenteilung kann nämlich nicht jeden Missbrauch verhindern.

 

Der Pressefreiheit muss also in der Tat ein hoher Rang eingeräumt werden. Aber zur Wahrung dieser Pressefreiheit kann eine Einschränkung anderer genauso wichtiger Grundrechte wie die Religionsfreiheit auch nur dann gerechtfertigt werden, wenn nur auf diese Weise die Aufgabe der Medien im Zusammenhang mit dem Machtmissbrauch erfüllt werden kann. Machtmissbrauch steht aber sicherlich nicht zur Diskussion, wenn die Religionsstifter wie z. B. Mohammed oder auch Christus, welche vor mehr als tausend Jahren gelebt haben, in den öffentlichen Medien lächerlich gemacht werden. Hier wird nur in massiver Weise die Religionsfreiheit verletzt, ohne dass diese Verletzungen in irgendeiner Weise notwendig sind, um Missbräuche aufzudecken.

 

Andererseits muss eingeräumt werden, dass Angriffe gegen einzelne Kirchenführer oder Kirchenbehörden nicht allein deshalb mit dem Argument verurteilt werden dürfen, dass auf diese Weise die Religionsfreiheit verletzt würde. Machtmissbrauch fand und findet in allen gesellschaftlichen Subsystemen statt, auch in den Religionsgemeinschaften und auch hier fällt den öffentlichen Medien somit die Aufgabe zu, Missbrauch aufzudecken.

 

 

7. Im Namen Gottes falsche Lehren verbreiten

 

Eine Missachtung des Namens Gottes kann drittens auch darin liegen, dass einzelne Lehrer im Namen Gottes auftreten, aber falsche Lehren verkünden.

 

So heißt es bei Matthäus Kapitel 24,11 ‚Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen.‘

 

Und im zweiten Petrusbrief Kapitel 2,1 erfahren wir: ‚Es gab aber auch falsche Propheten im Volk; so wird es auch bei euch falsche Lehrer geben. Sie werden verderbliche Irrlehren verbreiten und den Herrscher, der sie freigekauft hat, verleugnen; doch dadurch werden sie sich selbst bald ins Verderben stürzen.‘

 

Im ersten Johannesbrief Kapitel 4,1 heißt es schließlich: ‚Liebe Brüder, traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt hinausgezogen.‘

 

Vor allem hat Jesus wiederholt gegen gewisse Lehren der Pharisäer und Sadduzäer gewarnt. Bei Matthäus Kapitel 16,6–12 erfahren wir:

 

6  ‚Und Jesus sagte zu ihnen: Gebt Acht, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer! 

7  Sie aber machten sich Gedanken und sagten zueinander: Wir haben kein Brot mitgenommen.

8  Als Jesus das merkte, sagte er: Ihr Kleingläubigen, was macht ihr euch darüber Gedanken, dass ihr kein Brot habt? 

9  Begreift ihr immer noch nicht? Erinnert ihr euch nicht an die fünf Brote für die Fünftausend und daran, wie viele Körbe voll ihr wieder eingesammelt habt? 

10  Auch nicht an die sieben Brote für die Viertausend, und wie viele Körbe voll ihr da eingesammelt habt? 

11  Warum begreift ihr denn nicht, dass ich nicht von Brot gesprochen habe, als ich zu euch sagte: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer?

12  Da verstanden sie, dass er nicht gemeint hatte, sie sollten sich vor dem Sauerteig hüten, mit dem man Brot backt, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer.  (Mt 16,4-12).

 

Und bei Matthäus Kapitel 23,13-28 wird deutlich, was Jesus den Pharisäern und Sadduzäern im Einzelnen vorwirft:

 

13 ‚Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein, die hineingehen wollen...

 

15  Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr zieht über Land und Meer, um einen einzigen Menschen für euren Glauben zu gewinnen; und wenn er gewonnen ist, dann macht ihr ihn zu einem Sohn der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst.

 

16  Weh euch, ihr seid blinde Führer! Ihr sagt: Wenn einer beim Tempel schwört, so ist das kein Eid; wer aber beim Gold des Tempels schwört, der ist an seinen Eid gebunden.

17  Ihr blinden Narren! Was ist wichtiger: das Gold oder der Tempel, der das Gold erst heilig macht?

18  Auch sagt ihr: Wenn einer beim Altar schwört, so ist das kein Eid; wer aber bei dem Opfer schwört, das auf dem Altar liegt, der ist an seinen Eid gebunden.

19  Ihr Blinden! Was ist wichtiger: das Opfer oder der Altar, der das Opfer erst heilig macht?

20  Wer beim Altar schwört, der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt.

21  Und wer beim Tempel schwört, der schwört bei ihm und bei dem, der darin wohnt.

22  Und wer beim Himmel schwört, der schwört beim Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

 

23  Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Dill und Kümmel und lasst das Wichtigste im Gesetz außer Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.

24  Blinde Führer seid ihr: Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele.

 

25  Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr haltet Becher und Schüsseln außen sauber, innen aber sind sie voll von dem, was ihr in eurer Maßlosigkeit zusammengeraubt habt.

26  Du blinder Pharisäer! Mach den Becher zuerst innen sauber, dann ist er auch außen rein.

 

27  Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr seid wie die Gräber, die außen weiß angestrichen sind und schön aussehen; innen aber sind sie voll Knochen, Schmutz und Verwesung.

 

28  So erscheint auch ihr von außen den Menschen gerecht, innen aber seid ihr voll Heuchelei und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz.

 

 

8. Im Namen Gottes sündigen

 

Eine vierte Art der Verletzung des zweiten Gebotes liegt dann vor, wenn Verbrechen im Namen Gottes verübt werden. Schlimm genug, dass sich Menschen zu Verbrechen hinreißen lassen. Es muss als besonders perfide erscheinen, wenn man diese verbrecherischen Handlungen damit zu rechtfertigen sucht, dass man vorgibt, im Namen Gottes zu handeln.

 

Gott ist nach Überzeugung nicht nur der Christen, sondern aller monotheistischen Glaubensbekenntnissen gerecht und gütig, er wird nie und nimmer zu verbrecherischen Handlungen aufrufen, ganz im Gegenteil hat er immer wieder erneut durch seine Propheten die Menschen aufgerufen, sich an die Weisungen Gottes zu halten und nicht zu morden.

 

Wer im Namen Gottes Verbrechen begeht, versündigt sich stets mehrfach. Er übertritt eines der zehn Gebote Gottes, er beleidigt und verhöhnt den Namen Gottes. Dadurch, dass er fälschlicher Weise behauptet, Gott habe ihn zu dieser Tat angestachelt, spricht er die Unwahrheit aus. Schließlich handelt es sich bei dieser Art von Sünden stets um Verbrechen, welche bewusst geplant werden und deshalb eine größere Schuld beinhalten als dann, wenn man ohne Plan, vielleicht von außen getrieben Gebote verletzt.

 

Diese vierte Art der Verletzung des zweiten Gebotes lässt sich fast bei allen im Dekalog zusammengefassten Gebote Gottes, welche das zwischenmenschliche Leben regeln sollen, feststellen. Insbesondere häufig werden jedoch Morde, welche ja ohnehin zu den schwersten Verbrechen zählen, im Namen Gottes begangen.

 

Dies galt in der Vergangenheit auch dadurch, dass im Mittelalter zu mehreren Kreuzzügen von Seiten der katholischen Kirche aufgerufen wurde. Zwar wird man Papst Urban II. zugute halten können, dass er damals, als er zum ersten Kreuzzug aufrief, wohl guten Glaubens davon ausging, die Christen seien im Heiligen Land ernsthaft bedroht. Spätestens aber dann, als sich die Kreuzzüge zu einem wahllosen tausendfachen Hinschlachten von Juden, Christen und Moslems entwickelt haben, hätte eigentlich klar sein müssen, dass de facto durch diese Kreuzzüge das Gegenteil von dem gemacht wurde, was Jesus tatsächlich gelehrt hatte, nämlich Friede sei mit Euch. Dass es den Päpsten damals gar nicht primär darum ging, bedrängte Christen im Heiligen Land zu befreien, sondern dass die Kreuzzüge vor allem ein Mittel  in den Auseinandersetzungen zwischen den Päpsten und den Königen und Kaisern war, zeigte sich spätestens, als es Kaiser Friedrich II gelang, auf friedliche Weise die Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Glaubensgemeinschaften zu schlichten und er trotzdem nicht sofort vom päpstlichen Bann befreit wurde.

 

Später wurden wiederholt Heilige Kriege geführt, um die Nichtgläubigen mit Gewalt zum Glauben zu bekehren, als ob es Gottes Wille sei, dass die Menschen zum Glauben gezwungen werden sollten, in Wirklichkeit haben wir davon auszugehen, dass Gott den Menschen als ein freies Wesen erschaffen hat, dass Gott zwar wünscht, dass sich die Menschen zu ihm bekennen, dass aber dieser Glaubensakt freiwillig erfolgen soll. So hat beispeilweise Kaiser Karl der Große die Sachsen mit Waffengewalt zum christlichen Glauben gezwungen, von Seiten islamitischer Staaten wurden wiederholt bis auf den heutigen Tat heilige Kriege gegen die Christen geführt.

 

In der heutigen Zeit wird gegen dieses zweite Gebot vor allem auch im Zusammenhang mit den Selbstmordattentaten verstoßen. Diese Attentate werden damit gerechtfertigt, dass sie von Gott befohlen seien und den Selbstmordattentätern wird vorgegaukelt, dass sie für ihre Tat dadurch belohnt würden, dass sie sich hierdurch einen besonderen Platz im jenseitigen Himmelreich erkämpft hätten.

 

Dass es sich bei den Selbstmordattentaten um einen besonders gravierenden Verstoß gegen das zweite Gebot handelt, ergibt sich daraus, dass auf der einen Seite unschuldige Menschen hingeschlachtet werden, dass weiterhin fälschlicher Weise behauptet wird, dass diese Morde im Auftrag Gottes erfolgen und auf der anderen Seite auch der Selbstmord als ein Verstoß gegen die Gebote Gottes verstanden werden muss. Das von Gott geschenkte Leben ist heilig und darf nicht ohne zwingenden Grund ausgelöscht werden, dies gilt nicht nur im Hinblick auf die Ermordung anderer, sondern auch bezogen auf das eigene Leben. Auch hier gilt, dass Gott uns dieses Leben geschenkt hat und dass niemand berechtigt ist, das eigene Leben wegzuwerfen. Der Einsatz des eigenen Lebens ist nur dann gestattet, wenn auf diese Weise und nur auf diese Weise anderes, sonst gefährdetes Leben gerettet werden kann.

 

Eine Missachtung des Namen Gottes liegt weiterhin auch dann vor, wenn Eltern oder Erzieher Kinder züchtigen und diese Taten damit rechtfertigen, dass dies im Namen Gottes geschieht, dass Gott eine Züchtigung der Kinder befohlen habe. Hier liegt eindeutig eine Verletzung des zweiten Gebotes in Verbindung mit dem vierten Gebot vor. Zwar richtet sich das vierte Gebot äußerlich gesehen an die Kinder und verlangt von diesen, ihre Eltern zu achten. Der Sinn des vierten Gebotes zielt jedoch auch das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern, es geht darum, sicherzustellen, dass die beiden primären Aufgaben der Familie, Kinder zu erzeugen und diese zu erziehen, erfüllt werden können. Aus dieser Aufgabe erwachsen nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte der Kinder und die Pflichten gelten nicht nur dem Verhalten der Kinder, sondern gleichermaßen auch dem Verhalten der Eltern.

 

Zwar heißt es z. B. im Buch der Sprüche Kapitel 13,24: ‚Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht.‘ und in Kapitel 15,5: ‚Der Tor verschmäht die Zucht seines Vaters, wer auf Zurechtweisung achtet, ist klug‘. Damit wird jedoch lediglich zum Ausdruck gebracht, wie wichtig die Erziehung der Kinder ist, gesellschaftliches Leben ist nur dadurch möglich, dass sich seine Mitglieder an gewisse Spielregeln halten und gerade weil diese Spielregeln zumeist auch den Einzelnen eine Einschränkung des eigenen Interesses bedeuten, bedarf es eines langjährigen Erziehungsprozesses, damit dann später diese Regeln auch eingehalten werden.

 

Das Wort Zucht soll hier aber nicht in dem Sinne verstanden werden, dass Kinder geprügelt werden und künstlich herbeigeführten Frustrationen ausgesetzt werden. Es kommt vielmehr darauf an, dass jeweils die Erziehungsmethoden zum Zuge kommen, welche für die Erziehungsaufgabe am zweckmäßigsten erscheinen und welche auch die Würde eines Menschen für die Kinder bewahren helfen. Es kann kein Zweifel bestehen, dass Prügelstrafen ein sehr ungeeignetes Mittel darstellen, die Erziehungsaufgabe sachgerecht zu erfüllen. Wir werden uns im Zusammenhang mit dem vierten Gebot noch ausführlich mit dieser Problematik befassen.

 

Eine Verletzung des zweiten Gebotes kann auch bei Verstößen gegen das 6. Gebot erfolgen. So erfolgten vor allem bei heidnischen Ritualen oftmals sexuelle Exzesse. So wurden beispielsweise im antiken Griechenland im Zusammenhang mit dem Dionysoskult Mysterien gefeiert, in denen es zu Ausschweifungen bis hin zu Sexorgien kam. Auch den satanistischen Kulten werden solche Praktiken nachgesagt.

 

Inwieweit finden sich auch Verstöße gegen das zweite Gebot im Zusammenhang mit dem siebten und zehnten Gebot? Diese beiden Gebote besagen, dass man nicht stehlen und nicht einmal das Hab und Gut des anderen begehren solle. Eine solche Verbindung des zweiten mit dem siebten und zehnten Gebot kann in dem Versuch liegen, jegliche Formen des Eigentums als Diebstahl zu deklarieren und sich hierbei auf die Bibel berufen, Jesus habe mit seiner Aufforderung, den Armen stets zu helfen im Grunde genommen für eine Abschaffung des Eigentums geworben.

 

Das siebte Gebot richtet sich ganz eindeutig gegen Handlungsweisen, bei denen die durch eigene Anstrengungen erworbenen materiellen Güter gewaltsam entrissen werden. Auch wenn hierbei in erster Linie an die Versuche Einzelner gedacht wird, dem andern sein privates Eigentum zu rauben, sind natürlich im übertragenen Sinne auch politische Bemühungen gebrandmarkt, welche darauf abzielen, der Erwerb privates Eigentum insgesamt zu verbieten.

 

Auf der anderen Seite kann mit dem im siebten Gebot angesprochenen Schutz des Privateigentums natürlich nicht jede Art des Eigentumserwerbs gerechtfertigt werden, es gibt eine Vielzahl von Eigentumsformen, welche eindeutig den Geboten Gottes widersprechen. Schon Jesus hat darauf hingewiesen, dass es ein Reicher schwer, sehr schwer hat, ins Himmelreich einzugehen. Bei Matthäus Kapitel 19,24 heißt es: ‚Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.‘ Wir werden uns im Zusammenhang mit der Diskussion über das siebte Gebot noch ausführlich mit dieser Problematik auseinandersetzen.

 

Dass das zweite Gebot auch zusammen mit einer Verletzung des achten Gebotes missachtet werden kann, haben wir bereits weiter oben gesehen. Das achte Gebot besteht in der Aufforderung die Wahrheit zu sagen. Immer dann, wenn eine Verletzung der Weisungen Gottes mit dem Versuch gerechtfertigt wird, dass diese Missachtung im Auftrag Gottes geschieht, wird die Unwahrheit ausgesprochen und somit zur gleichen Zeit auch das achte Gebot verletzt.

 

Eine besonders gravierende Form der Verletzung des achten Gebots im Zusammenhang mit dem Aussprechen des Namens Gottes erfolgt im sogenannten Meineid. Vor allem bei Gericht können Zeugenaussagen mit einem Eid verbunden werden. Der den Eid Leistende schwört dann, versichert also feierlich, dass seine Aussage der Wahrheit entspricht. Das zweite Gebot ist hierbei immer dann angesprochen, wenn der Schwörende Gott sozusagen als Zeuge für die Wahrheit anruft.

 

Aber auch bei anderen wichtigen Anlässen wird bisweilen ein Eid verlangt, so z. B. wenn bei der Ernennung eines Politiker zum Staatspräsidenten oder zum Ministerpräsidenten (in der BRD zum Bundeskanzler) zu schwören hat, dass er seine ganze Kraft zum Wohle der Allgemeinheit einzusetzen beabsichtigt.

 

Von einem Meineid wird immer dann gesprochen, wenn der Schwörende bewusst die Unwahrheit spricht, erfolgt eine falsche Aussage, ohne dass sich der Schwörende der Unwahrheit bewusst ist, spricht man von Falschaussage. Ein Meineid wird mit Gefängnis nicht unter einem Jahr bestraft, auf diese Weise soll auf den Schwörenden ein hoher Druck ausgeübt werden, auch wirklich die Wahrheit zu sagen. Wir werden uns im Kapitel über das achte Gebot noch ausführlich mit der Bedeutung des Meineides befassen.

 

 

9. Gott nicht verleugnen

 

Wir hatten bereits im einleitenden Kapitel darauf hingewiesen, dass die zehn Gebote  in negativer Form formuliert werden können und auch zum größten Teil werden, indem ein Verbot ausgesprochen wird, etwas nicht zu tun, aber dass die gleichen Anweisungen auch in Form eines positiven Gebotes ausgedrückt werden können, indem ganz bestimmte Verhaltensweisen verlangt werden. In diesem Sinne lässt sich das zweite Gebot so formulieren, dass man den Namen Gottes heiligen solle, also mit Ehrfurcht den Namen Gottes aussprechen solle und z. B. durch Anrufen Gottes für dessen Wohltaten danken solle.

 

In diesem Sinne verbinden Gläubige oftmals ihre täglichen Verrichtungen damit, dass sie ihre Handlungen damit beginnen, dass sie dies im Namen Gottes und zwar im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes verrichten. Man erklärt damit ex pressis verbis seinen Willen und seine Bereitschaft, den Weisungen Gottes zu folgen und bringt dies äußerlich dadurch zum Ausdruck, dass man eigens und für alle Menschen sichtbar diese Handlungen vollzieht. Jesus sprach im Johannesevangelium Kapitel 13,34–35 von einem neuen Gebot: ‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.‘

 

Bei  unseren bisherigen Überlegungen legten wir den Fokus unseres Interesses auf das Verhalten, derjenigen, welche den Namen Gottes missbraucht haben. Wenn wir von den einfachen Formen des Fluchens, die oftmals im stillen Kämmerlein ausgesprochen werden, absehen, erfolgt die Sünde gegen das zweite Gebot in aller Regel vor einer Kulisse, also in der Gemeinschaft und hierbei haben wir davon auszugehen, dass diejenigen, vor denen diese Missachtung erfolgt, keinesfalls immer unbeteiligte Personen darstellen, die nichts mit diesen Äußerungen zu tun haben.

 

Neben demjenigen, der dieses zweite Gebot missachtet, gibt es zwei weitere Personengruppen, welche in diese Handlungen mit eingebunden sind. Auf der einen Seite kann die Verletzung dieses Gebotes im Auftrag oder zumindest in bewusster Duldung einer anderen Person erfolgen. Nehmen wir den Fall, dass ein Journalist in einer Zeitung eine Hetzkampagne gegen eine bestimmte Glaubensgemeinschaft startet oder ein Karrikaturist Zeichnungen abliefert, welcher einen Religionsstifter lächerlich zeichnet. Gegenüber der Öffentlichkeit ist der Herausgeber dieser Zeitung verantwortlich, nur mit seinem Willen darf ein Artikel in den öffentlichen Medien überhaupt veröffentlicht werden.

 

Es ist klar, dass immer dann, wenn solche Artikel oder Karikaturen das zweite Gebot verletzen, der Herausgeber dieser Zeitung, welcher diese Texte oder Bilder duldet, genauso viel Schuld auf sich lädt, wie derjenige, welcher diese missbräuchlichen Äußerungen ausspricht; wenn er diese Arbeiten sogar eigens in Auftrag gegeben und damit veranlasst hat, liegt sogar die schwerere Schuld beim Herausgeber dieser Zeitung als beim ausführenden Journalisten. In einigen Fällen muss sogar berücksichtigt werden, dass der fragliche Journalist als Angestellter nur weisungsgebunden handelt und dann, wenn seine Anstellung bei einer Verweigerung dieses Auftrages nicht bedroht gewesen wäre, vielleicht diese Pamphlete gar nicht geschrieben hätte. Natürlich darf rechtlich gesehen kein Journalist zu gewissen Äußerungen in der Zeitung gezwungen werden, aber um dieses Recht durchzusetzen, bedarf es einer guten Portion Selbstcourage.

 

Diese Vorwürfe richten sich auch nicht nur gegen gläubige Personen. Zwar wird man in formalen Sinne von Sünden nur für den Personenkreis sprechen können, welche einer Glaubensgemeinschaft angehören. Wir haben aber gesehen, dass die freie Ausübung des Glaubens zu den in der Verfassung geschützten Grundrechten zählt und deshalb auch von Atheisten einzuhalten ist.

 

Auf der anderen Seite richten sich die fraglichen Äußerungen an ein Publikum und es fragt sich nun, ob auch diese Gruppe beim Anhören solcher Verletzungen des zweiten Gebotes ebenfalls Schuld auf sich lädt. Die Palette der Reaktionen der Zuhörer ist groß, sie reicht von ausgesprochener Zustimmung bis zur offenen Rebellion.

 

Solche Äußerungen können beklatscht werden, wobei der Zuhörer damit kund tut, dass er diese Verlautbarungen gut heißt, er ist dann nicht sehr viel besser als derjenige, welcher diese Texte spricht, vielleicht sogar wusste der Zuhörer davon, dass ein bestimmtes Kabarett für eine Verunglimpfung gewisser Glaubensgemeinschaften berühmt war und vielleicht hat der eine oder andere Zuhörer gerade aus diesen Gründen dieses Kabarett aufgesucht.

 

Eine zweite Verhaltensweise eines Zuhörers kann darin liegen, dass er diese Beleidigungen stumm

ohne jegliche aktive Reaktion über sich ergehen lässt. Auch er trägt – wenn auch eine etwas geringere Schuld als derjenige, der gegenüber diesen Äußerungen Beifall klatscht – man erwartet eigentlich von einem verantwortungsvollen Bürger, dass er sich gegen Verletzungen der Verfassung wehrt und damit aktiv dazu beiträgt, dass solche Übertretungen nicht überhand nehmen.

 

Nun muss man sich darüber im Klaren sein, dass aktive Reaktionen gegen solche Verletzungen der Verfassung einigen Mut verlangen und dass es den einzelnen Menschen recht unterschiedlich fällt, sich gegen andere zur Wehr zu setzen. Da die Bereitschaft, sich offen gegen Verletzungen auszusprechen, zu einem großen Teil von der körperlichen Konstitution und von der Biographie jedes einzelnen abhängt, dürfte die Schuld, die jemand auf sich lädt, wenn er auf einen Widerspruch verzichtet, auch recht unterschiedlich ausfallen.

 

Auch gilt es zu berücksichtigen, dass unter Umständen eine Gegenwehr den angerichteten Schaden sogar vergrößern kann. Unterstellen wir einmal, dass ein an für sich gläubiger und gutmütiger Mensch in einem Kabarett solche Verunglimpfungen einer Glaubensgemeinschaft anhören muss und an und für sich willens ist, gegen diese Äußerungen Stellung zu nehmen und zu protestieren. Wenn nun dieser Gläubige in dem hier angesprochenen Glauben nicht besonders firm ist, besteht durchaus die Gefahr, dass er in dem anschließenden Disput gegenüber den Kabarettisten, welche diese Schmähungen gemacht hatten, den Kürzeren zieht und selbst ins Lächerliche gezogen wird und dass der Eindruck entsteht, dass gerade die Position desjenigen, der die Schmähungen ausgesprochen hatte vor dem ganzen Publikum bestätigt wird. Es wäre hier besser gewesen, er hätte geschwiegen und hätte vielleicht seinen Protest gegen diese Schmähungen dadurch zum Ausdruck gebracht, dass er den Saal würdevoll verlassen hätte.

 

Auch gibt es andere Maßnahmen, um die Partei der Geschmähten zu ergreifen, man kann gegenüber den auf diese Weise beleidigten Gruppen die Hochachtung aussprechen und bekunden, man kann – wenn die Verletzungen besonders stark ausgefallen war – bei den hierzu zuständigen staatlichen Stellen Anzeige erstatten u.s.w.

 

Eine dritte mögliche Reaktion gegen Verletzungen des zweiten Gebotes besteht darin, dass die Gruppe derjenigen, welche auf diese Weise in ihrem Glauben verletzt werden, zurückschlagen und nun ihrerseits Verbrechen begehen. So führte in der Vergangenheit wiederholt ‚das Lächerlich machen Mohammeds‘ in den öffentlichen Medien zu Wutausbrüchen von Mohammedanern, welche sich in Verwüstungen von auf den Straßen parkenden Autos, von Geschäftsräumen einiger Einzelhändler bis hin zu Terrorakten, bei denen zahlreiche Menschen verletzt oder sogar getötet wurden, äußerten. Es ist ganz klar, dass solche Gewaltakten selbst verbrecherische Handlungen darstellen, welche auf keinen Fall gerechtfertigt sein dürfen.

 

Es ist etwas anders auf der einen Seite festzustellen, dass das Lächerlich machen von Religionsstiftern oder auch das ‚Personen aufgrund ihres Glaubens in den Dreck zu ziehen‘, eine Straftat darstellt, die von Seiten des Staates verfolgt und auch von der Öffentlichkeit gebrandmarkt werden sollte und auf der anderen Seite durch diese Handlungen ausgelöste Verbrechen zu dulden oder sogar in Hasspredigten dazu aufzurufen oder auch nur von Seiten der religiösen Führer diese Reaktionen zu verharmlosen oder ihnen gegenüber wegzuschauen. Eine solche Haltung ist genauso unerwünscht wie wenn die Leser und Zuschauer solcher Schriften ihrerseits wegschauen würden.

 

Als besonders ärgerlich ist es, wenn dann diese verbrecherischen Reaktionen ihrerseits im Namen Gottes erfolgen. Gott wird sicherlich in stärkerem Maße verletzt, wenn in seinem Namen Menschen verletzt und getötet werden als dann, wenn sich einige Karikaturisten über Gläubige oder deren Religionsstifter lustig machen.

 

Das Gegenstück zum Verfluchen ist das Segnen. Hierdurch soll dem Gesegneten der Beistand Gottes versichert werden. Segnungen aussprechen ist allerdings den hierdurch autorisierten Amtspersonen vorbehalten, so dürfen z. B. in der katholischen Kirche nur geweihte Priester einen Segen aussprechen. Mit dem Segen richtet der Priester hierbei an Gott die Bitte, die Gesegneten unter Gottes Schutz zu stellen. Eine besondere Rolle spielt hierbei der Segen urbi et orbi (der Stadt Rom und dem Erdkreis), den der Papst vor allem an Weihnachten und Ostern, den höchsten kirchlichen Feiertagen vom Balkon der Peterskirche an die auf dem Platz vor der Peterskirche versammelten Menschen, aber auch an die gesamten Gläubigen der Welt richtet, bei dem dann auch durch diesen Segen ein vollständiger Ablass aller Sündenstrafen verbunden ist. In der Segnungsformel heißt es unter anderm:

 

‚Der allmächtige und barmherzige Herr gewähre euch Nachlass, Vergebung und Verzeihung all eurer Sünden, einen Zeitraum echter und fruchtbarer Reue, ein allzeit bußfertiges Herz und Besserung des Lebens, die Gnade und die Tröstung des Heiligen Geistes und die endgültige Ausdauer in den guten Werken…Und der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters  und des Sohnes  und des Heiligen Geistes  komme auf euch herab und bleibe bei euch allezeit.‘