Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 1: Das erste Gebot

 

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Gottesvorstellungen zur Zeit Abrahams

  3. Der Monotheismus des ägyptischen Pharaos Echnaton

  4. Das Gottesbild in der griechischen und römischen Mythologie

  5. Der Deismus

  6. Der Pantheismus

  7. Der Atheismus

  8. Die Eigenschaften Gottes

  9. Ist Jahwe auch ein rächender Gott?

10. Theodizee

11. Die Lehre von der Trinität

12. Moderne Götzen

 

 

 

1. Einführung

 

Wir wollen uns nun in den folgenden Kapiteln mit den einzelnen Geboten etwas ausführlicher befassen und mit dem ersten Gebot beginnen. Legen wir den Text des zweiten Buches von Moses Exodus Kapitel 20 zugrunde, so lautet dieses erste Gebot – wie bereits gezeigt – wie folgt:

 

 

‚Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

 

Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

 

Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen.

 

Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation;

bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.‘

 

Dieses Gebot enthält insbesondere zwei Verbote: Jahwe, der Gott der Juden, der diese Gebote verkündet hat, duldet auf der einen Seite neben sich keine anderen Götter und verbietet auf der anderen Seite, dass die Menschen sich ein Bild von Gott machen.

 

Mit dem zweiten Teil dieses Gebotes haben wir uns bereits im einleitenden Kapitel auseinandergesetzt, wir haben vor allem gesehen, dass die katholische Kirche diesen Teil des ersten Gebotes nicht mehr beachtet und wir sind auch auf die Gründe eingegangen, wie die Verehrung Gottes in Bildern von den Vertretern der katholischen Kirche gerechtfertigt wird.

 

Wir wollen uns deshalb in diesem Kapitel etwas ausführlicher mit dem Verbot beschäftigen, mehrere Götter bzw. andere Götter als Jahwe selbst zu verehren. Wir wollen dieses Gebot den sonstigen Versuchen der Menschheit gegenüberstellen, also die Frage beantworten, ob es einen oder auch mehrere Götter gibt und wie wir uns diese Gottheiten vorzustellen haben. Ein Glauben, dass nur ein einziger Gott verehrt werden soll, bezeichnet man allgemein als Monotheismus.

 

 

2. Gottesvorstellungen zur Zeit Abrahams

 

Diese monotheistische Vorstellung von einem einzigen Gott war keinesfalls die einzige Antwort, die im Verlaufe der Menschheit gefunden wurde, ganz im Gegenteil herrschten in der Frühphase der menschlichen Geschichte andere Vorstellungen vor, in der Zeit als sich mit dem Patriarchen Abraham etwa um 2000 bis 1500 a. Chr. die Überzeugung herausbildete, dass es nur einen einzigen Gott gibt, wurde ringsum in der Umgebung der Heimat Abrahams eine Vielheit von Göttern verehrt.

 

Es waren vor allem die Naturgewalten, die als Gottheiten angebetet wurden, deren Gunst man sich erkaufen musste, anderenfalls wurde man mit vielfältigen Naturkatastrophen bestraft. So entstand die Vorstellung, dass man die Götter gnädig stimmen könne, wenn man ihnen Brandopfer bringe, wobei möglichst das Wertvollste zu opfern ist und das Wertvollste, dass die Menschen besaßen, waren die eigenen Kinder. Die biblische Darstellung, wie Abraham vermeinte, die Botschaft Gottes zu hören, er solle seinen einzigen Sohn opfern, wie aber im letzten Augenblick Gott eingriff und ihm andeutete, dass er kein Menschenopfer akzeptiere, stellt einen deutlichen Bruch in der Gottesvorstellung Abrahams von der seiner Umgebung dar.

 

Die Bibel macht weiterhin darauf aufmerksam, dass die Menschen, nachdem sie den Glauben an den einzigen Gott angenommen hatten, immer wieder erneut versucht waren, in Zeiten der Not sich Götter in Gestalt von Tieren oder Fabelwesen anzufertigen und diese dann anzubeten. Auch dieser Praxis erteilte Gott durch Moses eine deutliche Abfuhr.

 

Auch lange Zeit nach der Hinwendung der Juden bzw. ihrer Vorfahren zu einem einzigen Gott wurde weltweit zunächst im griechischen Altertum und später im römischen Reich an der Verehrung mehrerer Götter festgehalten. Erst Konstantin der Große, Kaiser des römischen Reiches von 306-337 brachte die Wendung, in dem er die Christenverfolgungen aufgab und der christlichen Religion eine Vorherrschaft einräumte, er selbst ließ sich aber immer noch als oberster heidnischer Priester und in einer lebenshohen Statue auch als Gott verehren.

 

 

3. Der Monotheismus des ägyptischen Pharaos Echnaton

 

Allerdings fanden sich für kurze Zeit auch in Ägypten im  14. Jahrhundert Ansätze zu der Verehrung eines einzigen Gottes. So hatte der Pharao Echnaton, auch als Amenophis IV. bezeichnet, Aton, den Sonnengott zum alleinigen Gott erhoben und den Kult der traditionellen ägyptischen Götter durch Zerstörung ihrer Tempel verboten. Echnaton hielt den Sonnengott Aton für den universellen, allgegenwärtigen Geist und den einzigen Schöpfer der Welt, identifizierte sich schließlich selbst mit diesem Gott und setzte vorübergehend diesen Kult gegen die alten ägyptischen Götter durch.

 

In Verwirklichung dieser Revolution verlegte Echnaton seine Hauptstadt von Theben nach Achetaton, einer dem Sonnengott Aton geweihten Stadt. Er bemühte sich auch um die Beseitigung aller Spuren, die auf die polytheistische Religion seiner Vorfahren hinwiesen. Vor allem bekämpfte er mit Nachdruck die mächtige damals vorherrschende Priesterschaft, die mit aller Gewalt den Kult des bisherigen Staatsgottes Amun oder Amon beizubehalten versuchte.

 

Da Echnaton seine Reformen gewaltsam durchzusetzen versuchte, fanden seine neuen Lehren keinen durchgreifenden Rückhalt in der Bevölkerung mit der Folge, dass diese neue Religion nach seinem Tod nicht weiter bestehen konnte. Sein Schwiegersohn und Nachfolger Tutanchamun erklärte erneut Theben zu seiner Hauptstadt, kehrte zu der bisherigen polytheistischen Religion zurück und gab auch der bisherigen Priesterschaft ihre Vormachtstellung zurück.

 

Diese Hinwendung zu der Verehrung nur eines Gottes hielt somit in Ägypten im Gegensatz zu Israel, wo sich der monotheistische Anspruch immer mehr verstärkte, nur einige Jahrzehnte an, der Nachfolger Echnatons kehrte nicht nur zu der Verehrung der traditionellen ägyptischen Götter zurück, sondern ließ auch den Namen Echnatons aus der Liste der ägyptischen Könige streichen und alle von Echnaton errichteten kultischen Bauten niederreißen mit der Folge, dass fünfzig Jahre nach dem Tod Echnatons niemand mehr von der religiösen Revolution Echnatons wusste. Erst 1884 n. Chr. wurde der Hymnus des Königs Echnaton an den Sonnengott wiederentdeckt.

 

 

4. Das Gottesbild in der griechischen und römischen Mythologie

 

Wenden wir uns den wichtigsten Merkmalen der griechischen Mythologie zu. Sie erwuchs aus den Glaubensvorstellungen einerseits der vorgriechischen Bevölkerung und andererseits der von Norden her eingewanderten griechischen Stämme. Neben der Verehrung lokaler Gottheiten fand sich auch der Versuch, einzelne Naturkräfte zu personifizieren. Auch die religiösen Vorstellungen der Bewohner Kretas beeinflusste die griechische Mythologie. Nach deren Glauben waren alle Dinge beseelt und verfügten über besondere magische Kräfte. So entstanden mit der Zeit einer Reihe zahlreiche Legenden, in denen Götter in Tier- und Menschengestalt auftraten.

 

Homer schilderte dann eine Welt von zahlreichen Göttern, welche menschliche Gestalt angenommen hatten und den Olymp in Thessalien als ihre Wohnstätte gewählt hatten. Entsprechend der hierarischen Gliederung der altgriechischen Stadtstaaten bildeten auch ihre Götter eine hierarchische Ordnung, wobei Zeus als der mächtigste Gott und der geistige Vater sowohl der Götter als auch der Menschen und seine Gemahlin Hera als Beschützerin der Ehe angesehen wurde.

 

Im Rahmen der griechischen Mythologie wurden den Göttern immer stärker menschliche, allzu menschliche Schwächen angedichtet, welche sich vorwiegend aus Langeweile in amourösen Liebesabenteuern ergingen. Von den unsterblichen Göttern wurde allerdings auch unterstellt, dass sie die Naturerscheinungen beherrschten und dass die Menschen somit entscheidend vom Wohlwollen der Götter abhängig waren. Zwar galten die Götter im Allgemeinen den Menschen als freundschaftlich gesinnt. Jene Menschen jedoch, die sich wie Götter aufführten und zügellos stolz waren oder übertriebenen Ehrgeiz an den Tag legten, wurden von den Göttern mit schweren Strafen belegt.

 

Die Götter im Rahmen der römischen Mythologie hingegen bezogen sich vorwiegend auf die Bedürfnisse und Probleme des täglichen Lebens. Diese Götter schützten die Guten und straften die Schlechten und zu ihren Ehren wurden Riten und Opferungen durchgeführt, die es peinlichst genau zu vollziehen galt. Janus war für die Bewachung der Eingänge, Vesta des Herdes, die Laren der Felder und Häuser, Pales der Weiden, Saturn der Saat, Ceres des Getreides, Pomona der Baumfrüchte zuständig.

 

Jupiter galt als Herrscher der Götter, er führte als Herr über die Blitze die Aufsicht über die Tätigkeiten der Menschen und galt aufgrund seines ausgedehnten Herrschaftsbereichs als Beschützer der Römer bei ihren Feldzügen innerhalb und auch außerhalb der italienischen Halbinsel. Neben Zeus wurden vor allem Mars und Quirinus verehrt. Mars überwachte vor allem die Ausbildung der jungen Männer, während Quirinus als Schutzgott der Heeresmacht in Friedenszeiten verehrt wurde.

 

Neben dem Dreigespann: Jupiter, Mars und Quirinus wurden vor allem auch Janus und Vesta verehrt. Im Gegensatz zur griechischen Mythologie fehlt jedoch bei den römischen Göttern die Beschreibung menschlicher Eigenschaften.

 

 

5. Der Deismus

 

Nach der Erklärung des christlichen Glaubens als Staatsreligion durch Konstantin dem Großen verbreitete sich in den folgenden Jahrhunderten innerhalb Europas der monotheistische Glaube des Christentums immer stärker, so zwang vor allem Karl der Große die Sachsen und Thüringer gewaltsam dazu, ihrem heidnischen Glauben abzuschwören und den christlichen Glauben zu übernehmen. Und auch dann, als die Christianisierung innerhalb Europas weitgehend abgeschlossen war, wurden alle Versuche, einen anderen Glauben einzuführen von der römischen Kirche und den Königen und Kaisern blutig niedergeschlagen.

 

Erst die Aufklärung brachte eine Abwendung vom monotheistischen Glauben und die Entwicklung zu einem deistischen, pantheistischen und schließlich atheistischen Glauben. Die Aufklärung bestand in einer Abkehr einer unreflektierten Übernahme religiöser Botschaften, sie akzeptierte die menschliche Vernunft als einzigen Maßstab darüber, was als wahr oder falsch zu gelten habe. Überlieferte Werte und Konventionen wurden in Frage gestellt und mit Hilfe rationaler Überlegungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Hauptvertreter der Aufklärung in Deutschland war Immanuel Kant, der die Philosophie aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herausführen wollte.

 

Eine besondere Rolle kam nun der Naturwissenschaft zu. Im Vordergrund der Wahrheitsfindung standen nun nicht mehr das Studium der Werke des Aristoteles und der Bibel, sondern die Beobachtung der natürlichen Vorgänge, wobei in künstlich herbeigeführten Experimenten die natürlichen Zusammenhänge empirisch überprüft und durch Verallgemeinerungen die anfänglichen Hypothesen zu allgemeinen Theorien erweitert wurden.

 

Die meisten Vertreter der Aufklärung übten zwar Kritik an den Dogmen und an der Vorgehensweise der katholischen Kirche, ohne dass sie aber jeden religiösen Bezug ablehnten und die Existenz eines Gottes, der die Welt zu Beginn der Zeiten geschaffen hatte, rigoros ablehnten.

 

In Frankreich hatte vor allem Charles de Montesquieu Gedankengänge der Aufklärung entwickelt,

auch Denis Diderot hatte als Autor und Herausgeber der französischen Encyclopédie (1751-1772), wesentlich zu einer Formulierung des Programms der Aufklärung beigetragen. Schließlich hat Voltaire in zahlreichen Essays und Romanen für die Forderung nach Gewissensfreiheit und religiöser Toleranz geworben.

 

Im Zuge der Aufklärung entwickelte sich zunächst der Deismus. Danach gilt zwar wie bei der überlieferten monotheistischen Religion Gott als Schöpfer der Welt, im Gegensatz zum Monotheismus wird jedoch davon ausgegangen, dass sich Gott nach der Schöpfung der Welt vollkommen zurückgezogen habe und auch die irdischen Geschehnisse auf keinerlei Weise zu beeinflussen suche.

 

Die deistische Religionsphilosophie entstand im 17. und 18. Jahrhundert vor allem in England. Zu ihren Hauptvertretern zählen Edward Herbert, John Toland und Charles Blount. Sie traten für eine Vernunftreligion ein und wandten sich gegen jede Art übernatürlicher und damit ihrer Meinung nach irrationaler Begründung der irdischen Vorgänge. Auch David Hume war von deistischen Ideen beherrscht genauso wie John Locke, für den der christliche Glaube nur noch ein sittliches Instrument der Gesellschaft darstellte.

 

In Frankreich war es vor allem Voltaire, welcher  deistische Theorien verbreitete, neben Denis Diderot, welcher in der von ihm herausgegebenen  Enzyklopädie Artikel zur Religion auf der Grundlage deistischer Vorstellungen veröffentlicht hat. In Deutschland war es vor allem Immanuel Kant, welcher im Jahre 1793 eine religionsphilosophische Abhandlung mit dem programmatischen Titel Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft veröffentlichte.

 

Der Deismus geht von der Vorstellung aus, dass es keiner kirchlichen Institution bedürfe, um den Menschen den Glauben zu lehren und sie zu sittlichem Verhalten anzuhalten. Vielmehr sei es in der menschlichen Natur bereits angelegt, auf dem Wege der Vernunft die sittlichen Gebote zu erkennen und sie auch zu befolgen. Der Deismus beruht somit auf einer Art natürlicher Religion.

 

 

6. Der Pantheismus

 

Im Zuge der Aufklärung wurde auch ein pantheistisches Weltbild entwickelt. Während der Deismus immerhin noch von Gott als einem Wesen mit einem persönlichen Willen Gottes spricht, geht der Pantheismus davon aus, dass es zwar so etwas wie ein göttliches Sein gibt, für ihn existiert aber kein persönlicher von der Schöpfung unterschiedener und unterscheidbarer Gott. Gott und die reale Welt sind eins, also miteinander identisch, sodass man also auch nicht zwischen einem Subjekt, das die Welt erschaffen hat und den Objekten, welche von Gott erschaffen wurden, unterscheiden kann. Jeder einzelne Mensch nimmt teil am göttlichen Wesen.

 

Vielleicht unterscheidet sich der einzelne Mensch, so lange er lebt, noch von diesem göttlichen Sein, da er hier auf Erden unvollkommen ist. Bei seinem Tod verlässt jedoch die Seele den menschlichen Körper, letzterer wird wieder zu Erde und die irdischen Elemente können dann bei der Geburt eines neuen Menschen wiederum dazu dienen, diesen neuen Körper zu bilden. Die Seele des Menschen jedoch vereinigt sich mit der göttlichen allumfassenden Gesamtheit.

 

Am konsequentesten wurde diese pantheistische Lehre von dem indischen Philosophen Sankara entwickelt und wird danach als Hinduismus bezeichnet. Es besteht hier allerdings auch leicht die Gefahr, das Böse und die Freiheit zu leugnen und als Unterscheidungen zu verstehen, die es als solche realiter gar nicht geben kann.

 

Im Rahmen der Aufklärung war es vor allem Baruch Spinoza, welcher eine pantheistische Weltanschauung propagierte. Für ihn ist das Universum mit Gott – der durch sich und aus sich selbst geschaffenen Substand aller Dinge – identisch. Der Mensch kann nach Meinung Spinozas immer nur eine von zwei Seiten der einen, letztlichen göttlichen Wirklichkeit erkennen: Für den denkenden Menschen gibt es auf der einen Seite die Welt der materiellen Objekte mit ihrer räumlichen Ausdehnung und den kausalen Beziehungen zwischen den einzelnen materiellen Körpern und auf der anderen Seite hiervon getrennt die Welt des Denkens der individuell geäußerten Ideen, ohne dass sich jedoch diese beiden Ausgestaltungen der göttlichen Wirklichkeit jemals überschneiden. Um jedoch trotzdem die zwischen diesen beiden Seiten des Seins offensichtlichen Interaktionen zu erkennen, entwickelte Spinoza seine Theorie vom Parallelismus, wonach Ideen wie auch die physischen Objekte eine Entsprechung in der jeweils anderen Weltsicht besäßen.

 

Pantheistische Lehren lassen sich auch schon in der Antike erkennen. In der Metaphysik der Neuzeit finden sich vor allem bei F. W. J. Schelling mit seiner Gleichsetzung von Geist und Natur, weiterhin in dem evolutionistischen System G. W. F. Hegels, wonach sich Gott durch den dialektischen Prozess der Welt selbst verwirkliche, sowie bei der vitalistischen Philosophie H. Bergsons pantheistische Vorstellungen wieder. Vor allem moderne Naturwissenschaftler hingen Gedankengängen nach, welche zumindest der Lehre des Pantheismus entsprechen. Danach gibt es nichts reales als der Kosmos und die Naturgesetze, nach denen der Kosmos funktioniert. Man staunt über die Komplexität, aber auch Einfachheit dieses Kosmos und bezeichnet deshalb diesen auch als göttlich, im Sinne von genial, unübertroffen. Zu der Frage, ob dieser Kosmos rein zufällig entstanden ist oder ob doch ein Gott im Zeitpunkt des Urknalls dieses Universum erschaffen hat, wird nicht Stellung genommen, sie lässt sich ohnehin mit den Mitteln des menschlichen Verstandes nicht erklären und hat deshalb im Rahmen eines wissenschaftlichen Weltbildes auch keinen Sinn. Man hält es dann mit Wittgenstein, der einmal gesagt hatte, man schweige über das, was man nicht erklären könne.

 

Im sogenannten Pantheismusstreit ging es um die Richtigkeit der von Friedrich Heinrich Jacobi vertretenen These: ‚Der Spinozismus sei der konsequenteste Ausdruck des Pantheismus; jener aber sei konsequenter Rationalismus und damit Atheismus‘.

 

Später hatte auch Arthur Schopenhauer Kritik am Pantheismus geübt und diese Lehre als ‚höflichen‘ Atheismus bezeichnet. Denn wenn man die von Gott geschaffene Welt selbst als Teil Gottes auffasst, dann höre man auf, mit dem Begriff Gottes das zu verbinden, was traditionell als Gott bezeichnet wird. In der jüdisch-christlichen Tradition verstehe man als Gott das Wesen, das diese Welt aus nichts als aus seiner Liebe erschaffen habe. Wenn nun im Rahmen des Pantheismus auch die Schöpfung als Teil Gottes verstanden wird, so werde der Leser darüber getäuscht, dass hier mit dem Begriff Gottes etwas ganz anderes verstanden werde als was üblicherweise in den Religionswissenschaften darunter subsumiert werde.

 

Der Unterschied zwischen Pantheismus und Atheismus besteht hier somit lediglich darin, dass der Pantheismus der Welt religiöse Attribute wie ‚göttlich‘ beimisst, während der Atheismus auf diese Charakterisierung verzichtet. Atheismus wie Pantheismus verkennen, dass der Mensch erlösungsbedürftig ist. In einer Welt, in der es keinen persönlichen Gott gibt, kann es auch keine Freiheit, Liebe und Gnade geben, in einer solchen Welt entfaltet sich allein der blinde Willen eines ehernen Schicksals.

 

7. Der Atheismus

 

Befassen wir uns nun etwas ausführlicher mit dem Atheismus. Wie der Name bereits besagt, leugnet ein Atheist die Existenz eines Gottes, der die Welt erschaffen hat. Entsprechend den heute bekannten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen entstand das Universum vor vielen Milliarden Jahren durch einen Urknall, aufgrund dessen entweder aus dem Nichts Materie entstand oder aber aus einer schon immer bestehenden Urmasse eine strukturierte Materie entstanden ist.

 

Die Spuren einer atheistischen Lehre lassen sich bis auf die Antike zurückführen, wobei allerdings einige griechische Philosophen fälschlicher Weise als Atheisten bezeichnet werden. So wurde zwar Sokrates wegen Gottlosigkeit und Infragestellung der Religion zum Tode verurteilt und gezwungen, den todbringenden Schierling-Becher zu trinken, obwohl er sehr wohl ein gottesfürchtiger Mensch war und auch die in Athen gebräuchlichen religiösen Rituale anwandte und nur deshalb für schuldig gehalten wurde, weil er von seiner Vernunft kritischen Gebrauch machte und menschliches Verhalten hinterfragte.

 

Auch Epikur hat sich nicht eigentlich mit der Frage befasst, ob es einen Gott gibt, sondern sich nur gegen die Versuche gewandt, mit wissenschaftlichen Methoden die Existenz Gottes nachzuweisen. Eine Erkenntnis sei nur über die Wahrnehmung der Dinge möglich. Hierbei sichere die Beobachtung gleicher Sinneseindrücke ein Bild der Wirklichkeit. Heute ist es weitgehend unbestritten, dass metaphysische Fragen nicht bewiesen noch widerlegt werden können, die Fähigkeiten zur Erkenntnis beschränkt sich auf die durch unsere Sinne zu beobachtenden Phänomene. Gerade weil die Frage nach der Existenz Gottes mit wissenschaftlichen Methoden nicht endgültig geklärt werden kann, bedarf es ja des Glaubensaktes. Auch die Unterstellung des Atheisten, dass es keinen Gott gibt, ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht zu beantworten, auch die These, dass es keinen Gott gibt, stellt einen Glaubensakt dar, der wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann.

 

Im Altertum und Mittelalter weit bis in die Neuzeit hatte die katholische Kirche jeden, der Aussagen aus der Bibel in Zweifel zog, als ketzerisch und atheistisch gebrandmarkt, auch dann, wenn diese Thesen allein aus der wissenschaftlichen Beobachtung zwangsweise gefolgert werden mussten. So war es auch zu erklären, dass z. B. Galileo Galilei zum Abschwören seiner naturwissenschaftlichen Theorien gezwungen wurde, obwohl Galilei in keinster Weise in seinen Theorien die Existenz Gottes leugnete.

 

Aus heutiger Sicht wird ganz generell davon ausgegangen, dass die Bibel immer nur Glaubenswahrheiten verkünden möchte und dass für alle historischen Aussagen davon auszugehen ist, dass sie dem damaligen Verständnis über die Welt entsprachen und deshalb genauso wie Hypothesen über die realen Vorgänge in wissenschaftlichen Abhandlungen der Kritik unterliegen und deshalb durch erneute Erkenntnisse sehr wohl korrigiert werden können.

 

Gerade im Hinblick auf die Aufnahmebereitschaft der Glaubenswahrheiten muss man davon ausgehen, dass auch bei der Auslegung der Bibeltexte gar keine absolute Wahrheit im Hinblick auf die irdischen Zusammenhänge erwartet werden konnte. Man stelle sich einmal vor, die Propheten oder auch Jesus hätten ein Bild von dieser Welt gezeichnet, das dem Kenntnisstand der heutigen Astronomie entspräche. Die Feststellung z. B., dass sich die Sonne nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne drehe, musste zu Zeiten Jesu als völlig unglaubhaft angesehen werden, da man doch alltäglich feststellen konnte, dass die Sonne jeden Morgen aufging, während des Tagesverlaufes über den Himmel zog, um dann abends unterzugehen. Wie hätte man erwarten können, dass die Zuhörer Jesu die religiösen Botschaften gläubig aufgenommen hätten, wenn er schon im Hinblick auf die vermeintlich sichtbaren irdischen Gegebenheiten dem Augenschein so eindeutig widersprochen hätte.

 

Dass sich die offizielle katholische Kirche zu Zeiten Galileis so vehement gegen die wissenschaftlichen Erkenntnisse gewandt hatte, dürfte auch weniger daran gelegen haben, dass sie diese Theorien objektiv für falsch gehalten hatte, sondern dass sie der festen Überzeugung war, dass eine Verbreitung dieser wissenschaftlichen Theorien notwendiger Weise dazu führen müsse, dass die Gläubigen scharenweise die Kirche verlassen würden, wenn von Seiten der Kirche offen zugegeben würde, dass sich bestimmte Aussagen der Bibel als falsch erwiesen hätten. Das einfache Kirchenvolk sei eindeutig überfordert, zwischen Glaubenswahrheiten und empirischen Aussagen zu unterscheiden.

 

Atheistische Züge finden sich in der Folgezeit vor allem auch in der Weiterentwicklung der Hegelschen Theorien bei Karl Marx und Ludwig Feuerbach. Bekanntlich hatte Karl Marx zwar das Grundschema Hegels übernommen, wonach sich die Geschichte in einem Dreierschritt vollziehe: Einer These folge eine Antithese und aus der wechselseitigen Auseinandersetzung beider entstehe dann eine Synthese. Nach Meinung von Karl Marx stehe diese Lehre aber gewissermaßen auf dem Kopf und müsse deshalb auf die Füße gestellt werden. Es seien nämlich nicht die Ideen, welche die geschichtliche Entwicklung vorantrieben, vielmehr trügen die materiellen Machtverhältnisse zur Weiterentwicklung der Gesellschaften bei, die Ideen erfüllten in diesem Entwicklungsprozess lediglich die Rolle einer Ideologie, mit deren Hilfe die jeweils Mächtigen ihre Machtansprüche zu verteidigen versuchten.

 

Entsprechend den von Ludwig Feuerbach entwickelten Theorien seien die religiösen Überzeugungen und auch der Glaube an einen gerechten und barmherzigen Gott nichts anderes als eine ‚Projektion der menschlichen Wünsche und Bedürfnisse in den Himmel‘. Gott existiere also nur in den Köpfen der Gläubigen, in Wirklichkeit gäbe es keinen Gott, der Glaube an einen Gott erwachse nur aus Wunschvorstellungen der Menschen.

 

Auch Voltaire wurde aufgrund seiner scharfen Kritik an der katholischen Kirche von dieser als Atheist gebrandmarkt. Voltaire selbst wehrte sich jedoch stets gegen diesen Vorwurf. Er vertrat in Wirklichkeit eher einen undogmatischen Monotheismus und glaubte aufgrund des wunderbaren Wirkens der Naturgesetze an die Existenz einer höchsten Intelligenz. Er vertrat auch die Meinung, dass der Glaube an einen Gott in moralischem Sinne äußerst nützlich sei, da er die Menschen zu einem großen Teil davon abhalte, anderen Menschen Schaden zuzufügen. Von ihm stammt der Ausspruch: ‚Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden‘.

 

Auch die religionskritischen Schriften Friedrich Nietzsches wurden oftmals fälschlicher Weise dem Atheismus zugerechnet. Seine Feststellung: ‚Gott ist tot‘, will und kann jedoch nicht so verstanden werden, dass die Existenz Gottes geleugnet werde, sondern will mehr besagen, dass wir Menschen durch unser Verhalten dazu beigetragen haben, dass wir in unserem Tun und Sinnen Gott vollkommen ausgeklammert haben:

 

 ‚Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ,Ich suche Gott! Ich suche Gott!‘ – Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander.

 

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ,Wohin ist Gott?‘ rief er, ,ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! … Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? … Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden?‘” (Die fröhliche Wissenschaft, § 125)

 

Atheistische Vorstellungen finden sich vor allem in der Existenzphilosophie von Jean Paul Sartre. Sartre bringt zwar keinen Beweis dafür, dass es keinen Gott gebe, er bringt aber zum Ausdruck, dass der Mensch sich selbst definieren müsse. Auch wenn es einen Gott gäbe, würde dies nichts ändern, die Frage nach der Existenz Gottes stelle sich einfach nicht: 

 

‚Wenn der Mensch ... nicht definierbar ist, so darum, weil er anfangs überhaupt nichts ist. Er wird erst in der weiteren Folge sein, und er wird so sein, wie er sich geschaffen haben wird. Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu entwerfen. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert – ja nicht allein so, sondern wie er sich will und wie er sich nach der Existenz konzipiert ...; der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht. [... Genauer:] der Mensch wird zuerst das sein, was er zu sein geplant hat, nicht was er sein wollen wird." (S. 11)

 

Selbst wenn es einen Gott gäbe, würde das nichts ändern; das ist unser Standpunkt. Nicht, als ob wir glaubten, daß Gott existiert, aber wir denken, daß die Frage nicht die seiner Existenz ist; der Mensch muß sich selber wieder finden und sich überzeugen, daß ihn nichts vor ihm selber retten kann.‘ (J.P. Sartre: Ist der Existentialismus ein Humanismus? Zitiert nach W.Trutwin: Gespräch mit dem Atheismus, Göttingen 1970, S. 62 ff.)

 

Eine ähnliche Leugnung Gottes findet sich bei Ludwig Wittgenstein, einem der bedeutendsten Vertreter des logischen Positivismus (des Wiener Kreises). Auch er antwortet auf die Frage, ob er an einen Gott glaube, ‚er brauche diese Hypothese nicht‘. Es entspricht einer Grundüberzeugung Wittgenstein, dass man über Dinge, die man nicht exakt beweisen könne, auch gar nicht reden solle.

 

Einen atheistischen Ansatz findet sich auch in den Arbeiten Stephen Hawkings. Dieser hat den Versuch unternommen aufzuzeigen, wie es denn vorstellbar sei, dass sich der Urknall ohne Mitwirkungen eines ewig lebenden Gottes ereignet habe und dass das Universum aus dem Nichts entstanden sei. (siehe z. B. die DVD: Stephen Hawkings, Großer Entwurf, eine neue Erklärung des Universums.)  Er bringt das Beispiel, dass ein Loch gegraben wird und dass die zu Tage geförderte Erde dann zu einem Hügel aufgeschichtet wird. Ausgangspunkt sei hier ein Zustand, in dem die Oberfläche vollkommen eben war, also der Grad der Unebenheit null war, es gab keine Unebenheiten in der Verteilung der Materie im Raum. Dadurch, dass nun ein Loch gegraben wurde, entstanden Unebenheiten und zwar auf der einen Seite ein großes Loch, das als eine Art negative Unebenheit gedeutet werden kann und auf der anderen Seite ein Hügel, eine Art positive Unebenheit. Beide Unebenheiten, das Loch wie der Hügel entsprechen sich im Umfang und die eine Unebenheit (der Hügel, die positive Unebenheit) ist zusammen mit der anderen Unebenheit (dem Loch, der negativen Unebenheit) entstanden. Übertragen auf die Entstehung des Weltalls zur Zeit des Urknalls bedeutet dies, dass aus dem Nichts auf der einen Seite positive Materie und auf der anderen Seite schwarze (also negative) Löcher entstanden sein können.

 

Kritisch ist als erstes zu vermerken, dass hier nur von Möglichkeiten gesprochen wird, wie aus dem Nichts etwas Positives zugleich zusammen mit etwas Negativem entstanden sein kann. Es geht aber bei der Frage nach der Existenz eines Gottes eben nicht darum, ob eine Entstehung von Materie aus dem nichts ohne Eingreifen eines Gottes möglich ist. Die Denkmöglichkeit als solche wird ja auch von den Gläubigen nicht geleugnet. Es wird vielmehr davon ausgegangen, dass die Sinne und der menschliche Verstand nicht ausreichen, um die Frage nach der Existenz Gottes eindeutig zu klären. Dies bedeutet, dass weder der Beweis, dass es einen Gott gibt noch der Nachweis, dass es keinen Gott gibt, mit wissenschaftlich exakten Mitteln geführt werden kann und dass gerade deshalb eine Glaubensentscheidung notwendig wird. So ist die Annahme, dass es keinen Gott gibt, genau so ein Glaubensakt wie die Annahme, dass es einen Gott gibt. Die Denkmöglichkeit, dass aus dem Nichts ein Etwas entstanden sein kann, schließt nicht aus, dass es auch eine andere Denkmöglichkeit gibt, nämlich dass das Weltall durch einen Schöpfungsakt eines persönlichen Gottes entstanden ist. Um nachzuweisen, dass es keinen Gott gibt, reicht es nicht aus, dass man die Nichtexistenz Gottes als denkmöglich ansieht, es bedürfte dann vielmehr des Nachweises, dass eine Existenz Gottes als nicht denkmöglich angesehen werden muss.

 

Zweitens wird in dem Gedankenexperiment vom Ausheben eines Erdloches gar nicht aufgezeigt, dass aus einem Nichts ohne weiteres Zutun ein Etwas entstanden ist. In dem gezeigten Bild ist es ein Mensch, welcher das Loch gräbt und dadurch einen Hügel erzeugt. Dass also in diesem Beispiel eine positive Unebenheit aus dem Zustand einer nicht vorhandenen Unebenheit entstanden ist, war nur möglich, weil Arbeit geleistet wurde, also ist die Entstehung der Unebenheit nur durch das Wirken einer äußeren Energie entstanden. Und wenn wir das Beispiel nun auf das Ereignis des Urknalls beziehen, heißt dies, dass auch hier vorausgesetzt werden muss, dass Energie aufgewandt wurde, um aus dem Nichts an Materie schließlich eine positive Materie zusammen mit einer negativen Materie zu schaffen. Woher diese Energie stammt, ob es nicht ein persönlicher Gott war, der im Schöpfungsakt diese notwendige Energie aufgebracht hat, bleibt weiterhin ein ungelöstes Rätsel.

 

Drittens bleibt auch im Hinblick auf die Entstehung einer (positiven) Materie eine weitere Frage offen. In dem gewählten Beispiel kann ja der ein Loch buddelnde Mensch den Hügel nicht aus dem Nichts nur mit reiner Energie erzeugen. Wir müssen vielmehr unterstellen, dass die Materie, aus welcher der neu zu bildende Hügel besteht, bereits als Erde odere Sand vorhanden war, ohne diese schon existierende Materie hätte ja weder das Loch noch ein Hügel herbeigezaubert werden können. Das Nichts, von dem das Beispiel ausgeht, bezieht sich ja nicht auf die Materie in ihrer Gesamtheit, sondern allein auf eine spezielle Eigenschaft der Materie, nämlich im Ausgangszustand vollkommen eben über den Raum verteilt zu sein und es ist nur diese Eigenschaft, dass die Materie bisher vollkommen eben oder anders ausgedrückt mit einem nichtvorhandenen Unebenheitsgrad über den Raum verteilt war, was durch dieses Experiment verändert und eine positive (wie auch eine negative) Unebenheit geschaffen wird. Nur dadurch, dass wir in diesem Gedankenexperiment Raum, Materie und Energie bereits als existent ansehen, konnten wir aufzeigen, dass aus einem Zustand des Fehlens einer Unebenheit ein anderer Zustand entstehen konnte, welcher positive wie negative Unebenheiten aufweist.

 

Es widerspricht auch der lange Zeit gültigen Auffassung, dass aus einem ‚Nichts‘ niemals ein ‚Etwas‘ geschaffen werden kann, wenn man auf diese Weise die Entstehung des Weltalls erklären will. Aus einem Nichts kann ja auch nicht durch Aufwendung von Energie etwas Positives und Negatives geschaffen werden. Ein Zustand, der vielleicht bisher nicht wahrgenommen wurde, aber dann in einen positiven und negativen Zustand überführt werden kann, ist schwerlich als Nichts zu interpretieren, er war eben zunächst nur nicht wahrnehmbar, aber doch vielleicht existent.

 

 

8. Die Eigenschaften Gottes

 

Nachdem wir aufgezeigt haben, welche Gegenentwürfe zum Monotheismus des Judentums und des Christentums denn im Laufe der Geschichte entwickelt worden waren, wollen wir in einem weiteren Abschnitt aufzeigen, in welchen Punkten sich der Gottesglaube bei Abraham, Moses und Jesus von diesen Gegenentwürfen unterscheidet. Es besteht nicht nur zwischen diesen Weltanschauungen der Unterschied, dass in dem einen Fall von nur einem Gott, in den Gegenentwürfen hingegen oftmals von mehreren oder gar keinen Göttern ausgegangen wird, auch die Eigenschaften, die Jahwe aufweist, unterscheiden sich in entscheidender Weise von den Eigenschaften der heidnischen Götter.

 

Als erstes ist der Gott der Juden und der Christen ein persönlicher Gott, der genauso wie ein Mensch einen freien Willen besitzt und rationale Ziele verfolgt. Dass diese Ähnlichkeit besteht, hängt natürlich damit zusammen, dass nach dem Glauben der Juden und Christen Gott die Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat: ‚Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.‘ (Genesis Kapitel 1,27).

 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass Gott restlos alle Eigenschaften der Menschen aufweist. Dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat, heißt ja nur, dass der Mensch in einer einzigen Frage, nämlich in dem Vorhandensein eines freien Willens Gott ähnlich ist. Insgesamt ist jedoch Gott keinesfalls dem Menschen gleichzusetzen und es ist grundsätzlich falsch, so wie dies z. B. in der griechischen Mythologie der Fall ist, den Göttern menschliche Verhaltensweisen und Schwächen anzudichten.

 

Im Gegensatz hierzu überwiegen bei den heidnischen Religionen der Frühzeit Vorstellungen, nach denen blinde Naturgewalten als Götter verehrt werden und wonach darüber hinaus die Menschen zunächst aus dem ihnen zur Verfügung stehenden Materialien Figuren bilden und diesen Figuren dann nachträglich göttliche Eigenschaften zuerkennen, sodass sie diese Götter auch anrufen können. So hatten selbst die Israeliten, als sie befürchteten, dass Moses sie verlassen hatte, aus Goldschmuck ein goldenes Kalb gegossen, dass sie dann anbeten konnten. Dadurch, dass sie diese Figuren bildeten, versuchten sie, ein zunächst nicht fassbares göttliches Wesen dadurch ansprechbar zu machen, dass durch Formen einer Masse in eine ganz bestimmte Gestalt nun die bisher unerreichbare Gewalt nun erreichbar wurde.

 

Das Alte Testament schildert uns weiterhin Jahwe als einen Schöpfergott, der gerade durch sein Wirken die Arbeit als etwas Achtenswertes ausweist. Unter den heidnischen Götter werden zwar auch Gottheiten benannt, welche für die Erschaffung der Welt verantwortlich sind. Dies waren jedoch nur einzelne Gottheiten, noch nicht einmal unbedingt der oberste Gott und die Schöpfung der Welt geschah in grauen Vorzeiten. Zeus galt zwar in der griechischen Mythologie Homer zufolge als König der Götter und Vater der Menschen, jedoch nicht in dem Sinne, dass Zeus die Menschen erschaffen habe, sondern eher in dem Sinne, dass er über die Menschen seine schützende Hand halte. Ansonsten werden die heidnischen Götter vor allem wiederum in der griechischen Mythologie als Wesen geschildert, die sich fast ausschließlich Freizeitvergnügen hingaben.

 

Ganz im Gegensatz zu dieser Hochachtung vor handwerklicher Arbeit in der Heiligen Schrift zeichnet sich das christliche Altertum und Mittelalter dadurch aus, dass Arbeit für die Adligen als etwas Unwürdiges angesehen wurde, das nur von den untersten Bevölkerungsschichten zu verrichten sei. Zu Arbeiten oder gar einen Beruf zu haben, der sich in körperlicher, aber auch geistiger Arbeit auswirkte, galt unter den Adligen als unter ihrer Würde.

 

Der Gott Jahwe wird im Alten Testament darüber hinaus als ein Gott geschildert, der am Wohl und Schicksal der Menschen regen Anteil nimmt. Er schließt mit den Menschen Bündnisse und verhilft den Glaubenden zum Sieg gegenüber ihren Feinden. Hierbei berichtet uns die Bibel, dass dieses Eingreifen Gottes in die Welt unmittelbar, das heißt in Form von Wundern unter Umgehung der Naturgesetze erfolgt. Dass Gott Wunder bewirken kann, ist nach den Auskünften der Bibel unbestritten. Die eigentliche Frage ist jedoch, ob sich Gott trotz Schaffung der sehr komplexen Maschinerie der Naturgesetze ununterbrochen der unmittelbaren Einflussnahme unter Umgehung der Naturgesetze bedient und ob die Schilderungen in der Bibel von wunderbaren Taten Gottes nicht einfach nur zum Ausdruck bringen wollen, dass diese Ereignisse den Menschen wie ein Wunder vorkamen.

 

Im Gegensatz hierzu sind die heidnischen Götter in aller Regel nur am Rande am Schicksal der Menschen interessiert, sie befassen sich mit ihren eigenen Liebesaffairen oder gegenseitigen Ränkespielen und die Menschen kommen nur dadurch ins Spiel, weil sie in diese Spiele der Götter einbezogen werden. Entsprechend der deistischen Vorstellung schließlich hat Gott zwar die Welt erschaffen, hat sich aber dann vollkommen aus der Welt zurückgezogen und überlässt die Menschen somit sich selbst.

 

Zu der Anteilnahme Gottes am menschlichen Geschehen zählt auch der Glaube an einen gerechten, gütigen wie barmherzigen Gott. Der Gott Jahwe ist gerecht und dies bedeutet, dass diejenigen, welche Gottes Gebote befolgen, belohnt und diejenigen, welche sündigen, bestraft werden, wobei sich diese Gerechtigkeit erst im Endgericht, also am Ende der Zeiten, oder eventuell dann, wenn der Mensch stirbt, verwirklicht.

 

Der Gott Jahwe ist gütig und barmherzig, will heißen, dass Gott bereit ist, den Menschen ihre Sünden zu vergeben, sofern sie nur ihre Tat bereuen und zur Umkehr ehrlichen Herzens bereit sind. Im Gegensatz zu der alltäglichen Praxis wird einem Menschen, der gefehlt hat, nicht nur eine zweite Chance eingeräumt. Die Bereitschaft Gottes zur Vergebung der Sünde gilt ein ganzes Leben lang, bis zum letzten Augenblick, es zählt weder die Häufigkeit  noch der Zeitpunkt der Verfehlungen. Es steht ganz im Gegensatz zur weltlichen Gerichtsbarkeit nicht der Sühnegedanke, sondern die aufrichtige Reue im Mittelpunkt des Interesses.

 

Die als Götter gefeierten Naturgewalten wirken hingegen blind, sie unterscheiden nicht zwischen Guten und Bösen und bestrafen nicht nur diejenigen, welche Gottes Gebote verletzt haben. Die heidnischen Götter der griechischen Mythologie hingegen bestrafen die Menschen vor allem für ihren Hochmut, wenn sich die Menschen anmaßen, den Göttern gleich zu werden.

 

 

9. Ist Jahwe auch ein rächender Gott?

 

Nun lässt sich nicht leugnen, dass der Gott Jahwe an den unterschiedlichsten Stellen des Alten Testamentes ganz im Gegensatz hierzu als ein rächender und ausgesprochen ungerechter Gott geschildert wird.

 

‚Mein ist die Rache und die Vergeltung für die Zeit, da ihr Fuß wankt. Denn nahe ist der Tag ihres Verderbens, und was ihnen bevorsteht, eilt herbei

 

heißt es im Buch Deuteronomium in Kapitel 32,35 in der Elberfelder Übersetzung). Nun kann diese Stelle durchaus so interpretiert werden, dass es in erster Linie nicht die Sache des Menschen, sondern des Gottes ist, die Sünden gegen Gott zu bestrafen. Rache bedeutet hier auch nicht unbedingt, dass Gott hier die Menschen ungerecht behandelt.

 

Bringen wir ein zweites Beispiel, das einem Rachegedanken Gottes eher entspricht. In Josua 6,17  dem Kapitel über den Fall Jericho heißt es unter anderem:

 

‚Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt. Mit scharfem Schwert weihten sie alles, was in der Stadt war, dem Untergang, Männer und Frauen, Kinder und Greise, Rinder, Schafe und Esel‘.

 

In Josua 8, das über die Vernichtung von Ai berichtet, erfahren wir weiterhin:

 

‚Du sollst es mit Ai und seinem König ebenso machen, wie du es mit Jericho und seinem König gemacht hast... Die Israeliten schlugen sie so vernichtend, dass keiner von ihnen mehr übrig blieb, der hätte entkommen und sich in Sicherheit bringen können. Als die Israeliten sämtliche Bewohner von Ai, die ihnen nachgejagt waren, ohne Ausnahme auf freiem Feld und in der Wüste mit scharfem Schwert getötet hatten und alle gefallen waren, kehrte ganz Israel nach Ai zurück und machte auch dort alles mit scharfem Schwert nieder. Es gab an jenem Tag insgesamt zwölftausend Gefallene, Männer und Frauen, alle Einwohner von Ai.‘

 

Diese beiden Berichte scheinen durchaus den Befehlen zu entsprechen, welche Gott Mose gegeben hatte. In dem Buch Deuteronomium Kapitel 13,10ff. lesen wir:

 

‚Wenn du aus einer deiner Städte, die der Herr, dein Gott, dir als Wohnort gibt, erfährst: Niederträchtige Menschen sind aus deiner Mitte herausgetreten und haben ihre Mitbürger vom Herrn abgebracht, indem sie sagten: Gehen wir und dienen wir anderen Göttern, die ihr bisher nicht kanntet und wenn du dann durch Augenschein und Vernehmung genaue Ermittlungen angestellt hast und sich gezeigt hat: Ja, es ist wahr, der Tatbestand steht fest, dieser Gräuel ist in deiner Mitte geschehen, dann sollst du die Bürger dieser Stadt mit scharfem Schwert erschlagen, du sollst an der Stadt und an allem, was darin lebt, auch am Vieh, mit scharfem Schwert die Vernichtungsweihe vollstrecken.

 

Alles, was du in der Stadt erbeutet hast, sollst du auf dem Marktplatz aufhäufen, dann sollst du die Stadt und die gesamte Beute als Ganzopfer für den Herrn, deinen Gott, im Feuer verbrennen. Für immer soll sie ein Schutthügel bleiben und nie wieder aufgebaut werden. Von dem, was der Vernichtung geweiht war, soll nichts in deiner Hand zurückbleiben, damit der Herr von seinem glühenden Zorn ablässt und dir wieder sein Erbarmen schenkt, sich deiner annimmt und dich wieder zahlreich macht, wie er es deinen Vätern geschworen hat‘.

 

Des Weiteren heißt es in Deuteronomium Kapitel 20,13ff.:

 

‘Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du alle männlichen Personen mit scharfem Schwert erschlagen. Die Frauen aber, die Kinder und Greise, das Vieh und alles, was sich sonst in der Stadt befindet, alles, was sich darin plündern lässt, darfst du dir als Beute nehmen. Was du bei deinen Feinden geplündert hast, darfst du verzehren; denn der Herr, dein Gott, hat es dir geschenkt.

So sollst du mit allen Städten verfahren, die sehr weit von dir entfernt liegen und nicht zu den Städten dieser Völker hier gehören.

 

Aus den Städten dieser Völker jedoch, die der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt, darfst du nichts, was Atem hat, am Leben lassen. Vielmehr sollst du die Hetiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebusiter der Vernichtung weihen, so wie es der Herr, dein Gott, dir zur Pflicht gemacht hat.‘

 

Wiederum scheint dieser Bibeltext mit dem Glauben an einen gerechten und barmherzigen Gott in Widerspruch zu geraten. Hier erscheint Gott nur als rächender Gott, welcher nur insoweit gerecht ist, als er diejenigen bestraft, welche sich gegen ihn versündigt haben, wobei er jedoch in der Bestrafung nicht mehr danach unterscheidet, wer im Einzelnen schuldig und wer unschuldig ist; selbst unschuldige Männer, Frauen und Kinder werden entweder ebenfalls getötet oder dürfen vom Sieger als Sklaven gehalten werden.

 

Auch hier ließe sich dieser Widerspruch zwischen der Vorstellung eines gerechten und barmherzigen Gottes und der von Gott ausdrücklich geduldeten, sogar befohlenen Strafen dadurch lösen, dass man unterstellt, Josua und andere israelische Führer seien von dem Glauben ausgegangen, dass Gott diesen Befehl gegeben habe, dass genau nach den von Gott selbst erlassenen Vorschriften gehandelt worden sei, dass aber dieser Glaube falsch war, dass nur jene Teile der Bestrafung ganzer Völker dem Willen Gottes entsprachen, welche sündige Menschen tatsächlich der Gerechtigkeit zuführten.

 

Dass diese Art der Bestrafung überhaupt nicht dem entspricht, was wir vor allem auch im Neuen Testament über Sünden und geforderten Strafen erfahren, geht auch schon von der Weisung Jesu an seine Jünger hervor, jedem, der gegen uns gesündigt hat, zu verzeihen, falls dieser bereut und nicht nur einmal oder siebenmal, sondern sieben und siebzigmal. Bei Matthäus 18,21f. heißt es: ‚Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern sieben und siebzigmal.

 

Wenn Gott diese Haltung schon gegenüber seinen Gläubigen verlangt, um wie viel mehr können wir davon ausgehen, dass auch Gott selbst gegenüber denjenigen Menschen verfährt, welche gegen ihn gesündigt haben, aber ihre Tat ernsthaft bereuen.

 

 

10. Theodizee

 

Die Aussage, dass es sich bei dem Gott der Juden und der Christen um einen gerechten und barmherzigen Gott handle, scheint auf den ersten Blick auch der Tatsache zu widersprechen, dass in unserer realen Welt Ungerechtigkeiten größten Ausmaßes stattfinden, ohne dass Gott eingreift und diese Taten verhindert. Wie ist es z. B. zu verstehen, dass Gott die Vernichtung der Juden auf grausamste Weise im Holocaust zuließ, Verbrechen größten Ausmaßes ausgerechnet an seinem geliebten auserwählten Volk?

 

Nun muss man sich als erstes darüber klar werden, dass es Menschen waren, welche diese Gräueltaten verübt haben und auch Menschen, welche diese Verbrechen tatenlos zusahen und zuließen. Aber so könnte man fragen, hätte Gott diese Verbrechen nicht verhindern können? Als Antwort auf diese Frage gilt es daran zu erinnern, dass Gott dem Menschen die Freiheit überlässt, sich für oder auch gegen Gottes Gebote zu entscheiden. Würde Gott dem Menschen nur die Freiheit einräumen, dass er vielleicht sündige Taten gedanklich planen könnte, dass aber jeder Versuch, diese Pläne in die Tat umzusetzen, sofort durch ein unmittelbares Eingreifen Gottes unterbunden würde, dann wären wir im Grunde nur Marionetten, dessen Zügel vielleicht etwas gelockert werden, welche aber nicht als freie Wesen bezeichnet werden könnten. Freiheit bedeutet in letzter Konsequenz auch, dass Verbrechen geschehen können, Gott kann nichts Widersprüchliches tun.

 

Natürlich können wir davon ausgehen, dass Gott immer wieder auf die Menschen Einfluss nimmt und sie ermahnt, seinen Geboten zu entsprechen, aber ohne Bereitschaft der Menschen, diesem Einfluss zu folgen, kann nicht verhindert werden, dass Verbrechen begangen werden.

 

 

11. Die Lehre von der Trinität

 

In unseren bisherigen Analysen konnten wir davon ausgehen, dass Juden wie Christen den gleichen Gott verehren und dass diesem Gott auch weitgehend die gleichen Attribute zuerkannt werden. In einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich jedoch die Auskünfte über Gottes Eigenschaften zwischen Altem und Neuem Testament und damit auch zwischen Juden und Christen.

 

Während die Juden nur an den einen Schöpfergott Jahwe glauben, lehrt die christliche Theologie, dass Gott sich den Menschen in drei Personen offenbare, in Gott Vater, dem Schöpfer des Universums, in Jesus Christus als Sohn Gottes und in dem Heilgen Geist.

 

Diese Festlegung hat vor allem bei Vertretern anderer Religionen, aber auch bei vielen Gläubigen zu Missverständnissen geführt, es wird behauptet, dass mit dieser Aussage das Christentum gar nicht mehr von einem einzigen Gott ausgehe, sondern in Wirklichkeit die Existenz dreier selbstständiger Götter unterstelle.

 

Dieser Vorwurf ist sicherlich falsch, obwohl man sicherlich einräumen muss, dass die Lehre von der Dreifaltigkeit (Dreieinigkeit) Gottes zu Missverständnissen verleitet. Wenn man z. B. davon spricht, dass sich in einem bestimmten Raum drei Personen aufhalten, so ist damit zweifelsohne gemeint, dass drei selbstständige Individuen vorhanden sind und nicht etwa, dass ein einzelner Schauspieler gesichtet wurde, der zur gleichen Zeit (oder vielleicht auch hintereinander) drei verschiedene Rollen spiele.

 

In der Tat wird in der Trinitätslehre der Begriff ‚Person‘ nicht in dem heutigen Sinne, sondern in seiner ursprünglichen Sinngebung verwendet, das Wort ‚Person‘ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet  soviel wie durch die Maske des Schauspielers tönen oder auch die Rolle spielen, die durch diese Maske dargestellt wird.

 

In diesem Sinne lehrt uns die Trinitätslehre, dass sich der eine Gott in dreierlei Gestalten den Menschen offenbare, als Schöpfer der Welt (Gott Vater), als Jesus Christus, welcher Menschengestalt angenommen habe und auf Erden erschienen sei und als Heiliger Geist, welcher die Menschen vor allem nach der Himmelfahrt Jesu erleuchte.

 

Es gilt klarzustellen, dass die Frage nach den Erscheinungsformen Gottes und damit der Beziehungen dieser drei Personen zueinander ein metaphysisches Problem darstellt und deshalb niemals mit den Erkenntnismethoden der Menschen eindeutig und abschließend geklärt werden kann. Das menschliche Gehirn und seine Sinnesorgane sind nur geeignet, über irdische (weltliche) Probleme eindeutige Auskünfte zu geben. Die Beantwortung überirdische Fragen, wie die Frage nach der Existenz und nach den Attributen Gottes bedarf deshalb stets der göttlichen Offenbarung, welche nach christlicher Überzeugung vorwiegend in der Heiligen Schrift niedergeschrieben ist. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass auch unsere Sprache vorwiegend zur Lösung irdischer Probleme entwickelt wurde, sodass die Auskünfte in der Bibel immer nur ansatzweise das wiedergegeben werden können, was eigentlich gemeint ist.

 

In der Bibel erfahren wir, dass Jesus als Sohn Gottes bezeichnet wird. Dies bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass das Verhältnis Jesus zu dem Gottvater vollkommen dem Verhältnis eines Sohnes zu seinem Vater hier auf Erden gleicht. Vielmehr handelt es sich hierbei lediglich um ein Bild, das uns die Beziehungen zwischen Gott Vater und Jesus veranschaulichen soll, in welchem Verhältnis Gott Vater und Jesus tatsächlich stehen, bleibt wegen der Unvollkommenheit unseres Wissens über alle überirischen Dinge, stets verborgen. Trotzdem ist die Aussage der Heiligen Schrift auch des Neuen Testamentes eindeutig, es gibt nur einen einzigen Gott und nicht drei selbstständige Götter.

 

Bei Matthäus Kapitel 22,34-40 lesen wir:

 

34 Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie (bei ihm) zusammen.

35 Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn auf die Probe stellen und fragte ihn:

36 Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?

37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.‘

 

Es heißt nicht, du sollst Gott Vater, Gott Sohn und Heiligen Geist anbeten, das erste und auch einzige Gebot, das der Gottesverehrung gilt, bezieht sich nur auf einen, eben auf deinen Gott. Noch deutlicher findet sich die Feststellung, dass es nur einen Gott gibt bei Markus, Kapitel 10,17-18:

 

17 ‚Als sich Jesus wieder auf den Weg machte, lief ein Mann auf ihn zu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 

18  Jesus antwortete: Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut außer Gott, dem Einen.

 

 

12. Moderne Götzen

 

Bereits im einleitenden Kapitel haben wir gesehen, dass das Verbot, fremde Götter anzubeten, auch in dem Sinne verstanden werden kann, dass Menschen bestimmten irdischen Zielen die gleiche oder sogar noch größere Bedeutung zumessen als der Verehrung Gottes. Dies gilt vor allem auch deshalb, weil heutzutage zumindest unter den wirtschaftlich hoch entwickelten Nationen der Anteil der Menschen, die überhaupt an keinen Gott glauben, groß ist. Die Gefahr, dass Atheisten ‚echte‘ Götter anbeten ist hier gering, sie glauben überhaupt nicht an die Existenz von göttlichen Wesen, welche den Menschen erschaffen haben. Trotzdem lässt sich auch hier in einem übertragenen Sinne davon sprechen, dass auch heutzutage Götzen verehrt werden, eben nur nicht in Gestalt von Lebewesen, sondern in dem Sinne, dass die Menschen ihr Herz an ganz bestimmte irdische Zwecke hängen.

 

Ein erstes Beispiel für solche modernen Götzen mag die Geldgier sein. Es gibt sicherlich viele Menschen, welche ihr ganzes Tun und Lassen danach ausrichten, um möglichst viel Geld zu erwerben. Zunächst mag zwar die erwerbswirtschaftliche Tätigkeit dem Ziel gedient haben, die lebensnotwendigen Güter zu erhalten. Aber nachdem dieses Ziel erreicht wurde, hören viele Menschen nicht auf, ihr Einkommen und Vermögen immer mehr zu mehren, der Erwerb von Geld wird zum Selbstzweck und von diesem Augenblick an nimmt das Streben nach Geld die Rolle eines Götzen an, dem alle anderen Ziele, vor allem auch das Ziel, gottgefällig zu leben, diesem einen Zweck untergeordnet werden.

 

Damit ist nicht gesagt, dass das Reichsein als solches es unmöglich macht, ins Himmelreich einzugehen. Jesus hat zwar gesagt: ‚Amen, das sage ich euch: Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen. Nochmals sage ich euch: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt. (Matthäus Kapitel 19,23-24). Aber als die Jünger aufgrund dieser Aussage erschraken und die Befürchtung äußerten, dass dann ja niemand mehr gerettet werden könne, antwortet Jesus: ‚Für Menschen ist das unmöglich, für Gott aber ist alles möglich.‘  (Matthäus Kapitel 19,25-26). Offensichtlich soll hier nur ein bestimmtes Verhalten, dem Reiche oftmals verfallen, gegeißelt werden, nämlich nur noch nach Mehrung des Reichtums zu schauen und darüber die eigentliche Lebensaufgabe zu vergessen.

 

Ein zweites Beispiel für einen modernen Götzendienst mag die Spielsucht einzelner sein, bei der das Spiel und sein Ausgang zum Selbstzweck und zu einer Ersatzreligion wird. So bilden sich vor allem für bestimmte Sportarten Fanklubs, welche auf den Sieg ihrer eigenen Mannschaft setzen und immer dann, wenn ihr Verein verliert, ihre Wut in Randale äußern. Nun liegt es in der Natur eines Spiels, dass nicht alle Mannschaften gewinnen können, dass die eine Mannschaft verliert. Zwar gibt es die Möglichkeit eines Unentschieden. Da aber der Sinn eines Spiels stets darin liegt, zu zeigen, welche der beiden Mannschaften die bessere ist, stellt ein Unentschieden keine akzeptable Dauerlösung dar.

 

Wenn aber eine der Mannschaften notwendiger Weise verlieren muss, bedeutet dies auch, dass immer für eine Fangruppe das Ziel unerreicht bleibt und wenn nun der ganze Sinn des Lebens in den Gewinn der eigenen Mannschaft gelegt wird, ist auch das Ausarten in Chaos vorprogrammiert und alle Versuche, durch Reklame in den öffentlichen Medien diese Verhaltensweisen noch anzuheizen, führen dann notwendiger Weise zu Randale und Übergriffen.

 

Als drittes Beispiel sei der Versuch genannt, in der geschlechtlichen Vereinigung zweier Ehepaare oder auch nur zweier Partner das höchstmögliche Ziel zu sehen, dem alles andere unterzuordnen ist. Für einen Gläubigen darf die Liebe und Achtung zu Gott nie irgendeiner menschlichen Liebe untergeordnet werden, wenn erotische Liebe alles auch das sonst Verbotene erlaubt, wird de facto auch hier wiederum ein Götze aufgebaut.