Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 0: Einführung  Fortsetzung

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Der Text

2. Der historische Rahmen

3. Die zwei Versionen des Dekalogs und heutige Fassung

4. Gebote Gottes vor Verkündung des Dekalogs

5. Gebote, Verbote versus Anweisungen

6. Grundmaxime versus Ausführungsbestimmungen

7. Die zwei steinernen Tafeln

8. Die 5 Grundthemen: Gott, Familie, Eigentum, Leben, Wahrheit

                   9. Jesus und der Dekalog

                10. Dekalog und Naturrechtslehre

                11. Die heutige Geltung

                12. Frage nach der Existenz Gottes

 

 

 

7. Die zwei steinernen Tafeln

 

Die zehn Gebote Gottes, welche Moses vom Berg Sinai mitgebracht hatte, waren auf zwei steinernen Tafeln von Gottes Hand niedergeschrieben. Diese beiden Tafeln bringen auch eine erste Gliederung dieser Gebote mit sich. Die erste Tafel enthält die Gebote, die der Mensch Gott gegenüber zu befolgen hat, die zweite Tafel gilt den Geboten, welche in den zwischenmenschlichen Beziehungen zu beachten sind.

 

Allerdings bestehen zwischen den einzelnen Geboten wechselseitige Beziehungen, auf Grund derer einige Gebote, welche auf der ersten Tafel enthalten sind, auch Bedeutung für die zwischenmenschlichen Beziehungen erlangen, während auf der anderen Seite Gebote, welche an und für sich die zwischenmenschlichen Beziehungen regeln, in Wirklichkeit zum Ausdruck bringen, dass der Mensch Gott die notwendige Achtung entgegen zu bringen hat. Die zehn Gebote stellen eine Einheit dar, sie sollen alle letzten Endes das zwischenmenschliche Leben in Gott gefälliger Weise ermöglichen.

 

Das Gebot, den Sabbath zu achten, ist beispielsweise auf der ersten Tafel niedergeschrieben und ist in erster Linie

 

‚dem Herrn, deinem Gott geweiht. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.‘ 

 

Trotzdem spricht Jesus im Markusevangelium Kapitel 2,27 davon, dass der Sabbat für den Menschen und der Mensch nicht für den Sabbat geschaffen wurde. Dass also die Menschen entsprechend dem 3. Gebot am Sabbat nicht arbeiten sondern ruhen sollen, dient offensichtlich nicht allein der Ehrung Gottes, da dieser bildlich gesprochen auch am 7. Tag (am Ende der Schöpfung) geruht hatte, sondern beruht gleichzeitig auch darauf, dass die Menschen bei der täglichen Arbeit Energie verlieren und deshalb einer regelmäßigen Erholung bedürfen. Mit dem 3. Gebot soll also gleichzeitig sichergestellt werden, dass die Menschen auch diese lebensnotwendige Regeneration erfahren.

 

Um zu verstehen, warum auch umgekehrt die Beachtung der Gebote für die zwischenmenschlichen Beziehungen als ein Dienst an Gott angesehen werden kann, wollen wir ganz kurz an die Entstehung des monotheistischen Weltbildes bei Abraham erinnern. Zur Zeit Abrahams war unter den Völkern ringsherum der Glaube an die Naturgewalten als Gottheiten verbreitet. Man versuchte, diese Götter durch Brandopfer milde zu stimmen und war überzeugt, dass man diese Götter nur dadurch besänftigen könne, dass man das Wertvollste, was man besitzt, den Göttern opfert und dazu zählen insbesondere auch Menschenopfer, ja sogar  der eigene Sohn.

 

Das Alte Testament zeigt uns nun, dass mit dem Glauben an den einzigen Gott Jahwe ein jäher Bruch mit diesen Überzeugungen eingeleitet wurde. In der Erzählung über die Opferung Isaaks erfahren wir, dass Abraham vermeinte, von Gott aufgefordert worden zu sein, seinen damals einzigen Sohn Isaak ihm zu opfern. Kurz bevor Abraham diesen Befehl ausführen konnte, rief ihn jedoch ein Engel und teilte ihm mit, dass Jahwe kein Menschenopfer wünscht. Stattdessen brachte Abraham einen Widder, den er gerade erblickte, als Brandopfer.

 

Damit war jedoch nur der erste Schritt in der Frage, worin denn die Ehrerweisung gegenüber Gott bestehen solle, gegangen worden. Später, etwa bei Amos und im Neuen Testament erfahren wir dann, dass jedes Brandopfer in Gottesaugen als unerwünscht gilt, dass tätige Nächstenliebe sehr viel mehr wert ist als jedes Tieropfer. Offensichtlich besteht also die eigentliche ganze Wahrheit dieser Texte darin, dass Gott von uns Menschen keinerlei Opfer eines Lebewesen wünscht.

 

So heißt es bei Amos, 5,21ff.:

 

‚Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie und kann eure Feiern nicht riechen. Wenn ihr mir Brandopfer darbringt, ich habe kein Gefallen an euren Gaben und eure fetten Heilsopfer will ich nicht  ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach‘.

 

Dieser Gedanke wird dann im Markusevangelium Kapitel 12, 32ff. wieder aufgenommen und vertieft. Jesus wird von einem Schriftgelehrten nach dem wichtigsten Gebot gefragt und gibt zur Antwort, dass die Gottesliebe und die Nächstenliebe die größten Gebote seien, kein Gebot sei größer als diese beiden. Und Markus fährt fort:

 

‚Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm; und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer‘.

 

Noch präziser, dass sich die Gottesliebe am besten in der Hilfe gegenüber den Armen und Notleidenden äußert, wird bei Matthäus, Kapitel 25,34-45 deutlich, als Jesus über das Weltgericht am Ende der Zeiten spricht. Dort erfahren wir:

 

34  ‚Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.

35  Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen;

36  ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.

37  Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? 

38  Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben?

39  Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

40  Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

41  Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 

42  Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben;

43  ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht.

44  Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen?

45  Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan.‘

 

Hier wird deutlich, dass alles, was wir gutes oder auch schlechtes unseren Mitmenschen antun, betrachtet Gott als gegen sich gerichtet. Wir dienen Gott am besten dadurch, dass wir uns den Armen und Notleidenden zuwenden und die Gebote der zwischenmenschlichen Beziehungen so wie sie im 5. bis 10. Gebot stehen, befolgen.

 

 

8. Die 5 Grundthemen: Gott, Familie, Eigentum, Leben, Wahrheit

 

Wir können die zehn Gebote Gottes auch danach einteilen, welche grundlegenden Themen mit den einzelnen Weisungen angesprochen werden. In diesem Falle lassen sich die verschiedenen Gebote danach gruppieren,

 

·        ob sie sich erstens mit unserem Verhältnis zu Gott wie die Gebote eins bis drei befassen,

·        ob sie der Erhaltung der Familie dienen wie die Gebote vier, sechs und neun,

·        ob sie die Rolle des Eigentums zum Gegenstand haben wie die Gebote sieben und zehn,

·        ob sie der Erhaltung des menschlichen Lebens dienen wie das Gebot fünf oder schließlich

·        ob sie der Wahrheit zur Wahrung eines gegenseitigen Vertrauens dienen wie das achte Gebot.

 

Es ist klar, der christliche Glaube steht und fällt mit der Überzeugung, dass es nur einen Gott gibt, der diese Welt erschaffen hat und der uns Menschen als freie Wesen erschaffen hat und der dann, wenn wir uns von Gott abgewandt haben, aber bereuen und zur Umkehr bereit sind, uns unsere Sünden verzeiht. Die drei ersten Gebote geben an, was wir Gott schulden und wie wir uns Gott gegenüber verhalten sollen. Unser Verhältnis zu Gott bestimmt letzten Endes über den Sinn, den wir unserem Leben geben und bietet uns die Richtschnur, durch welches Verhalten wir den Sinn unseres Daseins erfüllen können.

 

Eine besondere Bedeutung wird auch der Familie eingeräumt. Innerhalb der Familie werden die Kinder geboren und nur auf diesem Weg können wir dem Gebot ‚wachset und vermehret euch nachkommen‘. Gleichzeitig ist die Familie auch die Stätte, in welcher die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Kinder eines Tages die Pflichten und Rechten jedes Bürgers übernehmen können und zu gottgefälligen Menschen werden. Es geht hierbei einmal im Gebot vier um die Pflichten, welche die Kinder ihren Eltern gegenüber zu erfüllen haben, damit diese die Aufgabe der Erziehung der Jugendlichen erfüllen können. Zum andern wird sowohl im sechsten Gebot wie auch im neunten Gebot aufgezeigt, wie sich die Ehepartner zu verhalten haben (6. Gebot) und wie Versuche, eine Ehegemeinschaft von außen zu zerstören, vermieden werden (7. Gebot).

 

Verwundern mag, dass von den wenigen sieben Gesetzen, welche die zwischenmenschlichen Beziehungen regeln, immerhin zwei Gesetze dem privaten Eigentum eine wesentliche Funktion zusprechen. Es ist dem Eigentum zu verdanken, dass eine Produktion aufgenommen werden kann und zwar auch dann, wenn die Erträge aus den produzierten Waren erst sehr viel später erwirtschaftet werden, als bereits die für die Produktion benötigte Arbeitskraft und auch der Bezug von Rohstoffen zu entlohnen ist. Gleichzeitig ist die Verteilung des Eigentums ein Spiegelbild der Leistungs- und Sparanstrengungen der einzelnen am Produktionsprozess Beteiligten. Das siebte Gebot verbietet, das Eigentum, das ein Bürger durch eigene Anstrengungen erworben hat, zu stehlen, während das 10. Gebot allen Bestrebungen eine Abfuhr erteilt, welche darauf abzielen, das Eigentum des andern zu begehren und damit auch Argumente zu finden, dem einzelnen das ehrlich erworbene Eigentum wegzunehmen.

 

Das fünfte Gebot gilt der Erhaltung des Lebens. Da Gott durch seine Schöpfung und Erschaffung der Naturgesetze letztendlich überhaupt das Entstehen von Leben ermöglicht hat und dem Menschen eine besondere Rolle zugedacht hat, da er den Menschen nach seinem Ebenbild und dies will vor allem heißen mit einem freien Willen erschaffen hat, gilt das Leben als heilig und für die Menschen als unantastbar, in dem Sinne, dass nur dann, wenn jemandes Leben bedroht wird und diese Gefahr nur dadurch abgewandt werden kann, dass der Angreifer getötet wird, das Töten eines Menschen erlaubt ist.

 

Das achte Gebot schließlich befasst sich mit der Wahrung der Wahrheit. Das zwischenmenschliche Leben setzt voraus, dass die Menschen einander vertrauen und dieses Vertrauen kann nur dadurch hergestellt werden, dass das, was die Menschen zueinander reden und sich versprechen, auch wahr ist und eingehalten wird.

 

 

9. Jesus und der Dekalog

 

Über die Bedeutung, die Jesus dem Dekalog beimaß, erfahren wir an der Stelle in den Evangelien, in denen Jesus von einem Schriftgelehrten nach dem wichtigsten Gebot gefragt wird. Bei Markus Kapitel 12,28-34 antwortet Jesus:

 

28 ‚Ein Schriftgelehrter hatte ihrem Streit zugehört; und da er bemerkt hatte, wie treffend Jesus ihnen antwortete, ging er zu ihm hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?

29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.

30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.

31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.‘

 

Und bei Matthäus Kapitel 22,34-40 fügt Jesus noch hinzu:

 

39 ‚Ebenso wichtig ist das zweite (Gebot)‘, sowie:

 

40 ‚An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.‘

 

Der Hinweis, auf das ‚ganze Gesetz‘ bezieht sich hierbei auf den Dekalog bei Moses und auf die hierauf folgenden Ausführungsbestimmungen. Hierbei bringt Jesus an anderer Stelle zum Ausdruck, dass für ihn die Gesamtheit der Gesetze von Bedeutung ist, dass es also nicht darum gehe, lediglich einzelne Teile des Gesetzes zu übernehmen. So lässt Matthäus in Kapitel 5,17-20 Jesus sagen:

 

17 ‚Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.

18 Amen, das sage ich euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.

19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.‘

 

In der Frage, wieweit das von Moses verkündigte Gesetz einzuhalten ist, bestehen somit zwischen Jesus und den Pharisäern keine wesentlichen Unterschiede. Wenn Jesus trotzdem scharf mit den Pharisäern ins Gericht geht, so bezieht sich seine Kritik stärker darauf, wie die Schriftgelehrten dieses Gesetz beachten und wie sie ihr Leben unter dem Gesetz einrichten. An der angeführten Bibelstelle fährt Jesus fort:

 

20 ‚Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.‘ 

 

Und bei Lukas Kapitel 11,37-54 erfahren wir:

 

37 ‚Nach dieser Rede lud ein Pharisäer Jesus zum Essen ein. Jesus ging zu ihm und setzte sich zu Tisch.

38 Als der Pharisäer sah, dass er sich vor dem Essen nicht die Hände wusch, war er verwundert.

39 Da sagte der Herr zu ihm: O ihr Pharisäer! Ihr haltet zwar Becher und Teller außen sauber, innen aber seid ihr voll Raubgier und Bosheit.

40 Ihr Unverständigen! Hat nicht der, der das Äußere schuf, auch das Innere geschaffen?

41 Gebt lieber, was in den Schüsseln ist, den Armen, dann ist für euch alles rein.

42 Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse, die Gerechtigkeit aber und die Liebe zu Gott vergesst ihr. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.

43 Weh euch Pharisäern! Ihr wollt in den Synagogen den vordersten Sitz haben und auf den Straßen und Plätzen von allen gegrüßt werden.

44 Weh euch: Ihr seid wie Gräber, die man nicht mehr sieht; die Leute gehen darüber, ohne es zu merken.‘

 

 Wie Jesus das Gebot der Nächstenliebe auslegt,  erfahren wir dann besonders deutlich im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Bei Lukas Kapitel 10,29-37 heißt es:

 

29 ‚Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage (nach dem höchsten Gebot) rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?

30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halb tot liegen.

31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter.

32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.

33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid,

34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.

35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?

37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!‚

 

Es reicht also nach der von Jesus verkündeten Lehre nicht, dass man Gott Brandopfer darbietet und entsprechend dem Dekalog niemand ermordet, bestiehlt, kein falsches Zeugnis über einen anderen vor Gericht abgibt, das Eheversprechen einhält und nicht fremdes Eigentum begehrt. Es kommt nicht nur darauf an, dass man dem Nächsten nicht schadet, sondern jeder Gläubige ist auch verpflichtet, demjenigen, der in Not gerät, aktive Hilfe zu leisten.

 

Wie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zeigt, gilt diese Aufforderung nicht nur gegen die eigenen Volksgenossen, sondern auch gegen Fremde. Und es zählt in erster Linie nicht das objektive Maß der materiellen Hilfe, sondern die persönliche Hinwendung des Einzelnen. Die Witwe, welche nach Lukas Kapitel 21,1-4 nur zwei kleine Münzen in den Opferstock wirft, hat nach der Aussage Jesu weit mehr gegeben und damit dem Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe weit mehr entsprochen als ein Reicher, der objektiv betrachtet, eine weit größere Geldmenge hingegeben hat:

 

1 ‚Er blickte auf und sah, wie die Reichen ihre Gaben in den Opferkasten legten.

2 Dabei sah er auch eine arme Witwe, die zwei kleine Münzen hineinwarf.

3 Da sagte er: Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen.

4 Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss geopfert; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben.‘

 

Auch achten nach Jesu Überzeugung die Pharisäer viel zu sehr darauf, die Vergehen der anderen zu ahnden und übersehen hierbei, dass auch sie sündigen und vergessen darüber, dass die Thora in erster Linie Reue und Umkehr und nicht Sühne in den Mittelpunkt ihrer Lehre stellt. So erfahren wir im Johannesevangelium Kapitel 7,53-8,11:

 

3 ‚Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.

5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?

6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.

10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

 

 

10. Dekalog und Naturrechtslehre

 

Kommen wir nochmals zurück zu der eingangs erwähnten Stelle im zweiten Buch Moses (Exodus Kapitel 31,17), an der geschildert wird, dass Moses nach seinem Gespräch mit Gott auf dem Berg Sinai mit zwei steinernen Tafeln, auf denen die zehn Weisungen Gottes niedergeschrieben waren, zu seinem Volk zurückkehrte:

 

‚Nachdem der Herr zu Mose auf dem Berg Sinai alles gesagt hatte, übergab er ihm die beiden Tafeln der Bundesurkunde, steinerne Tafeln, auf die der Finger Gottes geschrieben hatte.‘

 

Nun entsinnen wir uns, dass die Heilige Schrift ganz allgemein nicht verstanden werden darf als eine protokollarische Niederschrift, welche haargenau die historischen Ereignisse festhalten möchte. Niemand hatte zu der damaligen Zeit die Ereignisse niedergeschrieben und diese Berichte wurden für viele Generationen von Mund zu Mund weitererzählt, bis sie dann eines Tages – erst nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft, also viele Jahrzehnte später – auf Papyrusrollen niedergeschrieben wurden. Der eigentliche Sinn dieser Niederschriften besteht darin, den hinter diesen Ereignissen stehenden Sinn zu erfassen und bildnishaft jedem Hörer oder Leser näher zu bringen.

 

In diesem Sinne ist es auch gar nicht von entscheidender Bedeutung, ob der Dekalog historisch gesehen tatsächlich auf zwei steinernen Tafeln eingeritzt wurde, der Hinweis auf steinere Tafeln kann auch so interpretiert werden, dass die zehn Gebote Gottes in die Seele eines jeden Menschen wie aus Stein ehern eingemeißelt wurden. Genau diese Interpretation findet sich dann auch in der christlichen Naturrechtslehre wieder.

 

Erste Ansätze für eine Naturrechtslehre finden sich bereits bei den Philosophen im antiken Griechenland und Rom. Vor allem die Stoiker entwickelten eine systematische Naturrechtslehre. Danach  ist der Kosmos entweder von Gott oder einfach nur von einem nicht näher umschriebenen Schicksal vernünftig geordnet. Tugendgemäß lebt derjenige, der nach der Vernunft lebt. Leidenschaft und Gefühle werden als irrationale Regungen der Seele verstanden, die es zu überwinden gilt. In diesem Sinne hatte auch Cicero in seinem Werk ‚De Republica‘ davon  gesprochen, dass ‚das wahre Gesetz die rechte Vernunft in Übereinstimmung mit der Natur‘ sei. Dieses Naturgesetz habe überall Geltung und sei für alle Zeiten und unveränderlich gültig.

 

Diese Grundgedanken der Stoa wurden nun auch vom Christentum übernommen. Im Römerbrief des Paulus Kapitel 2,13 -15 heißt es z. B.:

 

13  ‚Nicht die sind vor Gott gerecht, die das Gesetz hören, sondern er wird die für gerecht erklären, die das Gesetz tun.

14  Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, von Natur aus das tun, was im Gesetz gefordert ist, so sind sie, die das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz.

15  Sie zeigen damit, dass ihnen die Forderung des Gesetzes ins Herz geschrieben ist; ihr Gewissen legt Zeugnis davon ab, ihre Gedanken klagen sich gegenseitig an und verteidigen sich.‘

 

Nach Isidor von Sevilla, einem spanischen Kirchenvater des 6. Jahrhunderts n. Chr., wird das Naturrecht überall instinktiv erkannt und befolgt. Vor allem aber Thomas von Aquin hat die christlich geprägte Naturrechtslehre systematisch weiterentwickelt. Thomas von Aquin spricht in seiner Summa Theologiae vom ewigen Gesetz, das bei der Schöpfung der Welt in die Seele jedes Menschen geschrieben worden sei und das alle Wesen zu Taten bewege, die ihrem Wesen entsprechen. In diesem Sinne könne man davon sprechen, dass ‚die Teilnahme aller Vernunftwesen am ewigen Gesetz ein Naturgesetz.‘ sei.

 

Im Sinne dieser Naturrechtslehre können wir auch davon ausgehen, dass die zehn Gebote Gottes nicht nur in grauer Vorzeit einmal von Gott auf zehn steinere Tafeln niedergeschrieben wurden, sondern dass sie jedem Menschen über die Entwicklung der Naturgesetze in seine Seele geschrieben wurden.

 

 

11. Die heutige Geltung

 

Gelten die von Moses dem jüdischen Volk verkündeten zehn Gebote Gottes auch für unsere heutige Zeit? Immer wieder wird davon gesprochen, dass die in der Heiligen Schrift niedergeschriebenen Weisungen nicht mehr zeitgemäß seien, dass diese Weisungen für eine ganz bestimmte Zeit aufgestellt wurden und dass sich unsere Gesellschaft in der Zwischenzeit weiterentwickelt habe, sodass auch die für das Alte Testament gültigen Gesetze nicht mehr für die heutige Zeit gelten könnten.

 

An diesen Überlegungen mag zwar richtig sein, dass die Lehren des Alten und Neuen Testamentes zumeist in der Tat auf eine ganz bestimmte Situation eingehen und Mängel der Zeit, in der sie gesprochen wurden, brandmarken und dass es deshalb notwendig sein wird, diese Aussagen in der Vergangenheit auf die heutige veränderte Situation anzupassen und diese Übertragung kann nur gelingen, wenn man sowohl die genauen Verhältnisse der Zeit, in welcher diese Aussagen gemacht wurden als auch die heute gültigen Verhältnisse und Probleme kennt.

 

Allerdings hatten wir bereits weiter oben zwischen dem Dekalog und der Vielzahl der gesetzlichen Bestimmungen, welche dem Dekalog folgen, unterschieden. Wir haben gesehen, dass der Dekalog hierbei einer Art Magna Charta gleicht und die Rolle eines Grundgesetzes einnimmt, während die in der Folge aufgeführten Gesetzesbestimmungen eher Ausführungsbestimmungen entsprechen. Eine Magna Charta zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich auf die Festlegung letzter, immer gültiger Werte beschränkt und gerade deshalb auch keiner Anpassung an die veränderte Situation bedarf. Nur für die Ausführungsbestimmungen gilt dann die Feststellung, dass sie für eine ganz bestimmte Situation formuliert wurden und gerade deshalb auch immer wieder an eine veränderte Situation angepasst werden müssen.

 

Für einen Christen gilt als oberster Grundsatz, dass es einen Gott gibt, dass dieser Gott diese Welt erschaffen hat, dass der eigentliche Sinn unseres Lebens darin besteht, uns für ein ewiges Leben nach dem irdischen Tode vorzubereiten und dass Gott uns hierzu bestimmte Weisungen erteilt hat. Diese letzen Grundsätze sind im Dekalog niedergeschrieben und bleiben deshalb immer gültig, mögen sich die Umweltbedingungen noch so sehr seit der Zeit, in welcher Moses dem jüdischen Volk die zehn Gebote verkündet hatte, in der Zwischenzeit verändert haben.

 

Es mag zwar durchaus zugegeben werden, dass vielleicht manche Formulierungen in der Heiligen Schrift einem heutigen Verständnis nicht mehr entsprechen und antiquiert erscheinen, dies bedeutet jedoch keineswegs, dass einige im Dekalog niedergelegte Grundsätze aufgegeben werden sollten. So verbietet der Dekalog z. B. in seinem sechsten Gebot den Ehebruch. Dieses Verbot gilt für alle Zeiten, weil nur im Rahmen der Familie nicht nur die Regeneration der Bevölkerung entsprechend dem Gebot ‚wachset und vermehret euch‘, sondern auch die Erziehung der Kinder befriedigend gewährleistet ist. Mögen noch so viele Menschen heutzutage die Ehe brechen und in der Ehe eine allenfalls vorübergehende Einrichtung sehen, die der einzelne dann beliebig wiederum aufgeben kann, wenn er in der Ehe keine Befriedigung erfährt, für einen gläubigen Christen gilt trotzdem der Grundsatz, dass eine Ehe nicht (oder höchstens in genau definierten Ausnahmefällen) aufgelöst werden darf.

 

In den Evangelien erfahren wir, wie Jesus den Ehebruch einer Frau beurteilte. In der oben bereits zitierten Stelle des Johannesevangeliums in Kapitel 7,53-8,11 erfuhren wir:

 

10 ‚Er (Jesus) richtete sich auf und sagte zu ihr (der Ehebrecherin): Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?

11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!‘

 

Hier wird von Jesus auf der einen Seite eindeutig festgestellt, dass der Ehebruch eine Sünde und zwar eine Verletzung des sechsten Gebotes darstellt. Trotzdem hat Jesus diese Frau nicht verurteilt, da sie Reue gezeigt hatte und zur Umkehr bereit war. Das sechste Gebot weist hier auf das immer gültige Gesetz hin, die Frage der Bestrafung, welche in den dem Dekalog folgenden Gesetzesbestimmungen niedergelegt ist, erscheint demgegenüber von zweitrangiger Bedeutung, wichtig ist allein, dass der Sünder seine Tat ehrlichen Herzens bereut und bereit ist in Zukunft entsprechend diesem Gebot zu handeln. Nach christlicher Überzeugung erfährt am Ende der Zeiten im Weltgericht jeder einzelne ohnehin seine gerechte Strafe für seine Sünden genauso wie auch eine gerechte Belohnung für seine guten Taten und zwar unabhängig davon, inwieweit ein Sünder bereits hier auf Erden im Rahmen der irdischen Gerichtsbarkeit eine gerechte Strafe erfahren hat.

 

Dies bedeutet auch, dass alle dem Dekalog folgenden Gesetzesbestimmungen der Thora durchaus unter Umständen verändert und der Entwicklung angepasst werden können, wenn man erkennt, dass die im Dekalog niedergelegten Grundmaximen auf andere und bessere Weise sichergestellt werden können.

 

Vor allem aber gilt es zu berücksichtigen, dass auch dann, wenn man die im Dekalog enthaltenen Weisungen als immer gültig ansieht, trotzdem in dem einen oder anderen Fall ein Konflikt zwischen zwei Gesetzen auftreten kann, der dazu führt, dass nicht beide Weisungen voll befolgt werden können. In diesem Sinne hat Jesus auch durchaus gewisse Verrichtungen am Sabbat als erlaubt betrachtet, wenn z. B. bei strikter, buchstabengetreuer Einhaltung dieses Verbots ein anderes Grundziel wie die Erhaltung des menschlichen Lebens beeinträchtigt würde. Auf diese Weise hat Jesus das Heilen von Krankheiten auch am Sabbat gerechtfertigt.

 

Fragen wir uns nun im Einzelnen, welche Korrekturen am Wortlaut des Dekaloges denn überhaupt berechtigt erscheinen, wenn es sich hierbei um letztliche, immer gültige Grundwerte handelt.

 

Als erstes sei auf den – den Zehn Geboten vorausgehenden – Prolog: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ eingegangen. Es ist klar, diese Botschaft gilt den Juden, welche Moses aus Ägypten herausgeführt hat. Für uns selbst noch für unsere Vorfahren gilt diese Feststellung sicherlich nicht. Fragen wir uns kurz, wie denn die Juden der damaligen Zeit überhaupt in die Versklavung Ägyptens geraten sind.

 

Die Geschichte beginnt bei Joseph, dem Sohn des Patriarchen Jakob und seiner Frau Rahel. Weil Jakob diesen Sohn stärker liebte als die vor Joseph geborenen zehn Söhne, beneideten letztere Joseph und verkauften ihn die Sklaverei. Als Joseph eines Tages einen Traum des Pharao dahin gehend deutete, dass sieben fetten Jahren mit einem Überfluss an Getreide sieben magere Jahre mit einer Hungersnot folgen würden, ernannte der Pharao Joseph zu seinem höchsten Beamten und in dieser Eigenschaft ließ Joseph große Getreidespeicher errichten, die dann später, als die Ernten mager ausfielen, die Ägypter ernähren konnten. In diesem Zusammenhang kamen auch Juden, vor allem die Verwandten Josephs nach Ägypten. Als dieser Pharao gestorben war und von einem anderen Herrscher abgelöst wurde, erinnerte sich dieser nicht mehr der guten Taten, welche Joseph für Ägypten getan hatte und ließ die Juden Sklavenarbeit verrichten.

 

Wenn es sich hierbei auch um spezielle geschichtliche Geschehnisse handelte, die sich allein auf die Juden der damaligen Zeit bezogen, gibt der Prolog zu den zehn Geboten trotzdem auch für die Heidenvölker und damit auch für unsere heutige Zeit einen übertragenen Sinn. Es lässt sich nämlich mit Paulus sehr wohl davon sprechen, dass auch die Heiden vor ihrer Bekehrung in einem Gefängnis der irdischen Begierden gefangen waren, aus dem sie dadurch, dass sie zum christlichen Glauben gefunden hatten, befreit wurden. Im Galaterbrief Kapitel  3,23 heißt es:

 

‚Ehe der Glaube kam, waren wir im Gefängnis des Gesetzes, festgehalten bis zu der Zeit, da der Glaube offenbart werden sollte.‘

 

Befassen wir uns nun kurz mit dem ersten Gebot Gottes, wonach wir keine Götter neben dem einzigen Gott verehren sollen. Zur Zeit Abrahams, als bei den Juden der Glaube an einen einzigen Gott entstanden war, verehrten die Völker ringsum in Kanaan die Naturgewalten als Götter, es herrschte die Meinung vor, dass man diese Götter dadurch besänftigen könne, dass man ihnen Menschenopfer, sogar die eigenen Söhne als das Wertvollste was die Menschen besaßen, darzubringen habe.

 

Zur Zeit Moses wurden nachwievor von den Nachbarvölkern zahlreiche Götter verehrt, denen man dann z. B. in Form eines Tieres eine sichtbare Gestalt gab, die man ansprechen konnte und der man Brandopfer bringen konnte. So hatten ja – wie die Bibel berichtet – auch die Juden ein goldenes Kalb geformt, als Moses mehrere Tage auf dem Sinai verbracht hatte und die Juden befürchteten, dass Moses gar nicht mehr zu ihnen zurückkehre.

 

Heute ist zumindest unter den wirtschaftlich hoch entwickelten Nationen der Anteil der Menschen, die überhaupt an keinen Gott glauben, groß. Die Gefahr, dass Atheisten ‚echte‘ Götter anbeten ist hier gering, sie glauben überhaupt nicht an die Existenz von göttlichen Wesen, welche den Menschen erschaffen haben. Trotzdem lässt sich auch hier in einem übertragenen Sinne davon sprechen, dass auch heutzutage Götzen verehrt werden, eben nur nicht nur in Gestalt von Lebewesen, sondern in dem Sinne, dass die Menschen ihr Herz an ganz bestimmte irdische Zwecke hängen, so wenn z. B. für manchen Zeitgenossen das ganze Leben sich nur darum dreht, immer mehr Geld zu erwerben oder auch dann, wenn der Erfolg eines sportlichen Vereins zu einer Ersatzreligion erhoben wird.

 

Weitere Beachtung hat auch die Weisung des ersten Gebotes: ‘Du sollst dir kein Gottesbild machen‘ zu finden. Es ist dies ein Verbot, das von der katholischen Kirche sicherlich nicht beachtet wurde, vor allem in der Zeit der Renaissance entstand in vielen Kirchen eine Vielzahl von Gemälden, welche nicht nur Bilder einiger ausgewählten Heiligen, sondern auch Jesus und Gottvater zum Gegenstand haben. Nur bei einem Großteil der Protestanten und bei einigen christlichen Sekten werden Bilder ganz allgemein, vor allem aber Abbilder Gottes zumindest aus den Kirchen verbannt.

 

Um diesen Wandel und diese Nichtbeachtung dieses Teils des ersten Gebotes zu bewerten und zu verstehen, müssen wir uns ganz kurz fragen, warum denn das erste Gebot die Abbildung Gottes verbietet. Dieses Verbot dient sicherlich dazu, die Verehrung Gottes als Schöpfer der Erde und als oberstem Richter sicherzustellen.

 

Nach dem Schöpfungsbericht hat zwar Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen, trotz allem gilt es festzuhalten, dass Gott kein Mensch ist und deshalb auch nicht in Menschengestalt sachgerecht dargestellt werden kann, vor allem im Alten Testament wurde Jahwe stets als der Unnahbare angesehen, dem man in keinster Weise dadurch gerecht werden kann, dass man Gott menschliche Züge verleiht. Nur in ganz wenigen Ausnahmefällen erschien Gott den Menschen von Angesicht zu Angesicht, er befand sich vielmehr zumeist in oder über einer Wolke oder in einem brennenden Dornbusch, seine Ansprachen waren von Donner und Blitz begleitet, ja schon das Aussprechen des Namens Gottes galt als ein Sakrileg.

 

Wenn nun der Katholizismus trotzdem bereit war, Darstellungen Gottes in künstlerischer Form auch in Kirchen zuzulassen, so lässt sich dieser Wandel damit erklären, dass nach Überzeugung der Christen Jesus – obwohl er göttlichen Ursprungs ist – als wahrer Mensch auf die Erde kam und deshalb auch menschliche Züge annahm, die man dann auch abbilden darf, da sich ja auch Jesus in Menschengestalt seinen Zuhörern zu erkennen gegeben hatte. Auch wird man die Gefahr, dass bei einer künstlerischen Darstellung die Verehrung Gottes gefährdet ist, insgesamt gering einschätzen dürfen.

 

Allerdings muss sicherlich nachwievor die Gefahr gesehen werden, dass in jeder bildlichen Gestalt auch menschliche Züge dargestellt werden, welche Menschen gleichen, denen man – aufgrund spezieller biographischer Entwicklungen – alles andere als herzliche Zuneigung widmen kann. Sicherlich gibt es de facto zahlreiche Bilder von Gott und Jesus, welche von vielen Gläubigen als ausgesprochen kitschig angesehen werden und welche deshalb auch den gläubigen Zugang zu Gott eher erschwert als erleichtert haben.

 

Betrachten wir schließlich nochmals das dritte Gebot, wonach am Sabbat nicht gearbeitet werden darf. Wir haben bereits gesehen, dass Jesus selbst am Sabbat Kranke heilte. Auch erfahren wir aus dem Neuen Testament (Mk 2,23ff), dass seine Jünger am Sabbat Ähren pflügten, um offensichtlich ihren Hunger zu stillen. Jesus äußerte die Überzeugung, dass man am Sabbat sehr wohl gutes tun dürfe und dass der Sabbat für den Menschen und nicht der Mensch für den Sabbat da sei:

 

3 ‚Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte!

4  Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen.

5  Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz.‘ (nach Markus Kapitel 3,3-5)

 

Weiterhin gilt es in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass die Christen heutzutage anstelle des Sabbat den Sonntag feiern. Nur die Römische Urkirche benannte zunächst die Wochentage genauso wie die Juden und feierte den Sabbat bis mindestens 130 n. Chr. neben dem Sonntag entsprechend den Apostolischen Konstitutionen. Erst seit der endgültigen Trennung vom Judentum (um 135 n. Chr.) wurde z. B. im Barnabasbrief die Ablösung des Sabbats durch den Sonntag gefordert.

 

Konstantin der Große machte dann den Sonntag 321 n. Chr. zum gesetzlichen Feiertag und öffentlichen Ruhetag, er privilegierte hiermit die christliche Gottesdienste vor den heidnischen Kulten. Damit war an die Stelle des Sabbats der Sonntag als offizieller Ruhetag getreten. In der Rechtfertigung betrachtete man den Tag der Auferstehung als siebten Schöpfungstag, der die Schöpfung seinem eigentlichen Ziel zuführte. Auch der Sonntag dient deshalb den gleichen Zwecken wie der jüdische Sabbat. In beiden Fällen soll auf der einen Seite Gott für seine Werke gedankt werden, beim Sabbat wird hierbei Gott für die Schöpfung dieser Welt gedankt, beim Sonntag hingegen gilt der Dank der Erlösungstat Jesu, der Vollendung der Schöpfung Gottes.

 

Auf der anderen Seite dient der Sabbat aber auch der notwendigen Erholung der Menschen nach getaner Arbeit, hier ist es im Grunde zweitrangig, ob dies am Sabbat oder am Sonntag zu erfolgen hat, wichtig ist hier allein, dass eine regelmäßige Ruhe eingehalten wird, in welcher der Mensch zur Besinnung kommen kann. Nach christlicher Überzeugung sollte dieser Tag aber auch dazu dienen, in der Gemeinschaft im Gottesdienst der Erlösung der Menschen durch Jesus zu gedenken. ‚Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.‘ Deshalb wäre also diesem Gebot auch nicht voll entsprochen, wenn jeder einzelne Mensch getrennt von den anderen an beliebigen Tagen seinem Ruhebedürfnis nachkäme.

 

 

12. Frage nach der Existenz Gottes

 

Es entspricht einer weitverbreiteten Meinung, dass sich das von der modernen Wissenschaft entwickelte Bild der Welt von den Vorstellungen gravierend unterscheide, welche von religiös geprägten Menschen, wie vor allem von den Christen gezeichnet werde. Auch wird bisweilen davon ausgegangen, dass es der Wissenschaft mit der Entwicklung der Urknalltheorie gelungen sei, die religiösen Vorstellungen von einem persönlichen Gott, der die Welt erschaffen habe, eindeutig zu widerlegen. Die Welt sei eben nicht durch einen Schöpfungsakt eines einzigen Gottes, sondern dadurch entstanden, dass es vor etwa 13 Milliarden Jahren einen Urknall gab, bei dem strukturierte Materie mit hoch entwickelten Bausteinen entstanden sei, aus der sich dann in einem sehr langwierigen Prozess die Vielfalt der Arten bis hin zum Menschen entwickelt habe.

 

Diese Überzeugungen gehen auf der einen Seite von einem Weltbild der Religionen aus, das zwar im Altertum und Mittelalter bis weit in die Neuzeit von der katholischen Kirche gelehrt wurde, das aber schon sehr lange zunächst von der theologischen Wissenschaft, später aber auch von den offiziellen Behörden der katholischen Kirche aufgegeben wurde und an deren Stelle die Überzeugung trat, dass sich der Wahrheitsanspruch der Bibel allein auf Glaubenswahrheiten und sittliche Werte beschränke, also z. B. darauf, dass es einen einzigen persönlichen Gott mit einem freien Willen gibt und dass dieser Gott für die Entstehung der Welt letztlich verantwortlich ist, ohne dass aber irgendeine Aussage darüber getroffen wurde, auf welche Weise denn Gott die Welt erschaffen habe.

 

Auf der anderen Seite verkennt eine solche Betrachtungsweise aber auch die Grenzen der Wissenschaft. Es ist nämlich falsch, von der Vorstellung auszugehen, es sei überhaupt möglich, mit Hilfe allein des Verstandes und der Sinne zu eindeutigen Aussagen über die irdischen Vorgänge in dem Sinne zu gelangen, dass die von der Wissenschaft erkannten Beziehungen eindeutig und für alle Zeiten als richtig und damit wahr angesehen werden können. Der menschliche Verstand ist nämlich gar nicht in der Lage, die geltenden Naturgesetze so zu erkennen, dass die gewonnenen Aussagen für alle Zeiten als unumstößlich gelten.

 

Es gehört es zu dem Wesen der empirischen Wissenschaft, immer nur vorübergehende Aussagen zu treffen, die zwar bei dem jeweiligen Stand des Wissens nicht widerlegt werden konnten, wobei jedoch immer davon auszugehen ist, dass dieses Wissen nur vorläufig gilt, dass aufgrund der Weiterentwicklung der Wissenschaft Erkenntnisse möglich werden, aufgrund derer immer wiederum das bisherige Wissen korrigiert werden muss. ***

 

Mit Hilfe des Verstandes und der Sinne allein lässt sich die Frage, ob es einen Gott gibt, der die Welt und damit auch den Menschen erschaffen hat, nicht beantworten. Auch kann mit Hilfe des Verstandes allein nicht geklärt werden, welche Gebote Gott den Menschen gegeben hat, dass also als wichtigste Aufgabe des Menschen die Sorge um den Mitmenschen zu gelten hat, dass jeder aufgerufen ist, dem Mitmenschen dann, wenn er in Not gerät, zu helfen und ihm nicht zu schaden, und somit den Mitmenschen als Geschöpf Gottes zu achten und zwar mit den gleichen Rechten, die auch ihm zukommen. Gerade deshalb bedarf es des Glaubens an Gott.

 

Dies bedeutet nicht nur, dass es unmöglich ist mit Hilfe des Verstandes die Existenz Gottes zu beweisen. Genauso ist es aber auch gleichen Gründen auch nicht möglich, mit Hilfe unseres Verstandes die Existenz Gottes zu widerlegen. Auch diese Annahme ist nichts anderes als ein Glaubensakt. Es handelt sich hier um metaphysische, das heißt hinter dem physischen bzw. irdischen Bereich liegende Zusammenhänge. Gerade weil wir diese Zusammenhänge nicht beobachten können, bedarf es zur Beantwortung dieser Fragen eines Glaubens, der nicht aus wissenschaftlichen  – allein mit Hilfe unserer Sinne und des Verstandes gewonnenen – Erkenntnissen hervorgeht.

 

Nun hat Ludwig Wittgenstein die Meinung geäußert, dass man über das, was man nicht beweisen könne, schweigen solle. Wenn ich auch dieser Auffassung für den engeren Bereich der Wissenschaft weitgehend zustimme, gilt diese Aussage sicherlich nicht für die metaphysischen Fragen. Nur dann, wenn wir uns über die Frage, ob es einen Gott und ein Leben nach dem Tode gibt und ob wir nach dem Tode nach unserem Verhalten auf dieser Erde gerichtet werden, klar sind, können wir auch bestimmen, wie wir unser Leben einzurichten und wie wir uns gegenüber den Mitmenschen zu verhalten haben. Ohne eine Festlegung dieser Fragen nach dem Sinn des Lebens finden wir auch keine überzeugende Antwort darauf, ob der Mensch wirklich das Maß aller Dinge ist und deshalb auch alles tun darf, was ihm nützt, oder ob Sittengebote einzuhalten sind, welche unabhängig vom Interesse des einzelnen Menschen gelten.

 

Nun wird immer wiederum behauptet, dass auch ohne religiöse Bindungen eindeutig nachgewiesen werden könnte, dass der Mensch seinem eigenen Wohl nütze, wenn er die sittlichen Gebote einhalte. Um zu letztlichen Grundwerten der Menschheit zu gelangen, bedürfe es keines religiösen Glaubens.

 

Diese atheistischen Rechtfertigungsversuche haben mich nie richtig überzeugt. Natürlich ist es richtig, dass es meinem Einzelinteresse zugutekommt, wenn sich alle anderen um mich herum so verhalten, dass sie die sittlichen Gebote einhalten. Es ist sogar richtig, dass die Bereitschaft der anderen, diese sittlichen Gebote mir gegenüber einzuhalten, selbst davon abhängt, ob sie feststellen können, dass ich mich selbst ihnen gegenüber entsprechend diesen Geboten verhalte.

 

Aus diesen Überlegungen kann jedoch nicht der Schluss gezogen werden, dass es dem einzelnen Individuum in jedem Falle nützt, wenn er sich selbst an sittliche Gebote hält. Dies wäre nur dann der Fall, wenn alle meine Handlungen den jeweils anderen bekannt wären. Aber gerade damit kann aus zwei Gründen nicht gerechnet werden. Erstens steigt im Allgemeinen mit der eigenen Machtfülle auch die Möglichkeit, das eigene unsittliche Verhalten vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Für viele Führungseliten gilt, dass sie bereits in ihrer Erziehung z. B. in elitären Internaten informelle Bindungen eingegangen sind, die auch in späteren Jahren oftmals stärker sind als die offiziellen Regeln.

 

Aus dieser Verbundenheit werden die Verhaltensweisen, die als unsittlich eingestuft werden müssen, oftmals vertuscht, es wird verhindert, dass sie bekannt gemacht werden auch dann, wenn von Amtswegen diese Kenntnis über unsittliches Verhalten eigentlich zur Anzeige und damit zur Strafverfolgung führen müsste. Bezeichnend ist, dass sich dann, wenn eines Tages diese Verfehlungen einer Führungsperson doch bekannt werden, der Vorwurf von Seiten der anderen Führungseliten weniger darin gipfelt, dass der andere diese Verfehlung begangen hatte, sondern dass er unfähig war, diese Verfehlungen geheim zu halten.

 

Zweitens steigt jedoch mit der Macht des einzelnen auch die Möglichkeit, die jeweils anderen, vor allem die Untergebenen zu einem Verhalten zu zwingen, das dem Interesse des Mächtigen zugutekommt, selbst dann, wenn diesen anderen klar ist, dass sich der Mächtige eben gerade nicht an diese sittlichen Gebote gegenüber den Unterlegenen hält.

 

Es kommt also dem Funktionieren einer friedfertigen Gesellschaft zugute, wenn sich alle Menschen – auch die Mächtigen – an bestimmte sittliche Gebote halten und wenn diese Haltung aus der Überzeugung einer sittlichen Verantwortung hervorgegangen ist und nicht automatisch nur daraus erwächst, dass unter gewissen Bedingungen Wohlverhalten gegenüber anderen auch dem eigenen Interesse zugutekommt. Voltaire hat einmal die Meinung geäußert, dass dann, wenn es keinen Gott gäbe, man ihn erfinden müsse.

 

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