Die Zehn Gebote

 

 

 

Gliederung:

 

0. Einführung

1. Das erste Gebot

2. Das zweite Gebot

3. Das dritte Gebot

4. Das vierte Gebot

5. Das fünfte Gebot

6. Das sechste und neunte Gebot

7. Das siebte und zehnte Gebot

8. Das achte Gebot

 

 

Kapitel 0: Einführung

 

 

 

 

Gliederung:

 

1. Der Text

2. Der historische Rahmen

3. Die zwei Versionen des Dekalogs und heutige Fassung

4. Gebote Gottes vor Verkündung des Dekalogs

5. Gebote, Verbote versus Anweisungen

6. Grundmaxime versus Ausführungsbestimmungen

7. Die zwei steinernen Tafeln

8. Die 5 Grundthemen: Gott, Familie, Eigentum, Leben, Wahrheit

9. Jesus und der Dekalog

                10. Dekalog und Naturrechtslehre

                11. Die heutige Geltung

                12. Frage nach der Existenz Gottes

 

 

1. Der Text

 

Wir wollen uns in dieser Vorlesung mit den zehn Geboten Gottes befassen, wir wollen ihren Sinn ergründen, ihre Beziehungen untereinander offenlegen und uns mit der Frage befassen, inwieweit diese Gebote auch heute noch gelten.

 

Beginnen wir mit dem Text dieser Gebote, so wie er im zweiten Buch Moses, Kapitel 20, 1-21 aufgeschrieben ist:

 

1  ‚Dann sprach Gott alle diese Worte:

2  Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. (Prolog)

 

3  Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.

4  Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.

5  Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; 

6 bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.     (Erstes Gebot)

 

7  Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht. (Zweites Gebot)

 

8  Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!

9  Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun.

10  Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du, dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin, dein Vieh und der Fremde, der in deinen Stadtbereichen Wohnrecht hat.

11  Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der Herr den Sabbattag gesegnet und ihn für heilig erklärt.  (Drittes Gebot)

 

12  Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt. (Viertes Gebot)

 

13  Du sollst nicht morden. (Fünftes Gebot)

 

14  Du sollst nicht die Ehe brechen. (Sechstes Gebot)

 

15  Du sollst nicht stehlen. (Siebtes Gebot)

 

16  Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen. (Achtes Gebot)

 

17  Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. (Neuntes Gebot)

 

18 Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört. (Zehntes Gebot)

 

 

2. Der historische Rahmen

 

Fragen wir uns nun kurz, wie es zu der Verkündung der zehn Gebote entsprechend den Berichten des Alten Testamentes gekommen ist. In dem zweiten Buch Moses Kapitel 19,1-25 heißt es unter anderem:

 

1  ‚Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägypten – am heutigen Tag – kamen sie in der Wüste Sinai an.

2  Sie waren von Refidim aufgebrochen und kamen in die Wüste Sinai. Sie schlugen in der Wüste das Lager auf. Dort lagerte Israel gegenüber dem Berg.

3  Mose stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg her zu: Das sollst du dem Haus Jakob sagen und den Israeliten verkünden:

4  Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe, wie ich euch auf Adlerflügeln getragen und hierher zu mir gebracht habe.

5  Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde,

6  ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören. Das sind die Worte, die du den Israeliten mitteilen sollst.

7  Mose ging und rief die Ältesten des Volkes zusammen. Er legte ihnen alles vor, was der Herr ihm aufgetragen hatte.

8  Das ganze Volk antwortete einstimmig und erklärte: Alles, was der Herr gesagt hat, wollen wir tun. Mose überbrachte dem Herrn die Antwort des Volkes.

9  Der Herr sprach zu Mose: Ich werde zu dir in einer dichten Wolke kommen; das Volk soll es hören, wenn ich mit dir rede, damit sie auch an dich immer glauben. Da berichtete Mose dem Herrn, was das Volk gesagt hatte.

10  Der Herr sprach zu Mose: Geh zum Volk! Ordne an, dass sie sich heute und morgen heilig halten und ihre Kleider waschen.

11  Sie sollen sich für den dritten Tag bereithalten. Am dritten Tag nämlich wird der Herr vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai herabsteigen.

12  Zieh um das Volk eine Grenze und sag: Hütet euch, auf den Berg zu steigen oder auch nur seinen Fuß zu berühren. Jeder, der den Berg berührt, wird mit dem Tod bestraft….

 

16  Am dritten Tag, im Morgengrauen, begann es zu donnern und zu blitzen. Schwere Wolken lagen über dem Berg und gewaltiger Hörnerschall erklang. Das ganze Volk im Lager begann zu zittern.

17  Mose führte es aus dem Lager hinaus Gott entgegen. Unten am Berg blieben sie stehen.

18  Der ganze Sinai war in Rauch gehüllt, denn der Herr war im Feuer auf ihn herabgestiegen. Der Rauch stieg vom Berg auf wie Rauch aus einem Schmelzofen. Der ganze Berg bebte gewaltig

19  und der Hörnerschall wurde immer lauter. Mose redete und Gott antwortete im Donner.

20  Der Herr war auf den Sinai, auf den Gipfel des Berges, herabgestiegen. Er hatte Mose zu sich auf den Gipfel des Berges gerufen und Mose war hinaufgestiegen….

 

Exodus Kapitel  31,17:  Nachdem der Herr zu Mose auf dem Berg Sinai alles gesagt hatte, übergab er ihm die beiden Tafeln der Bundesurkunde, steinerne Tafeln, auf die der Finger Gottes geschrieben hatte…

 

32,1-35 Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus Ägypten heraufgebracht hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist.

2  Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her!

3  Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron.

4  Er nahm sie von ihnen entgegen, zeichnete mit einem Griffel eine Skizze und goss danach ein Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.

5  Als Aaron das sah, baute er vor dem Kalb einen Altar und rief aus: Morgen ist ein Fest zur Ehre des Herrn.

6  Am folgenden Morgen standen sie zeitig auf, brachten Brandopfer dar und führten Tiere für das Heilsopfer herbei. Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken und stand auf, um sich zu vergnügen.

 

7  Da sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben.

8  Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.

9  Weiter sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es.

10  Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.

 

11  Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt.

12  Sollen etwa die Ägypter sagen können: In böser Absicht hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Lass ab von deinem glühenden Zorn und lass dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun wolltest.

13 Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben und sie sollen es für immer besitzen.

14  Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.

 

15  Mose kehrte um und stieg den Berg hinab, die zwei Tafeln der Bundesurkunde in der Hand, die Tafeln, die auf beiden Seiten beschrieben waren. Auf der einen wie auf der andern Seite waren sie beschrieben.

16  Die Tafeln hatte Gott selbst gemacht und die Schrift, die auf den Tafeln eingegraben war, war Gottes Schrift….

 

19  Als Mose dem Lager näher kam und das Kalb und den Tanz sah, entbrannte sein Zorn. Er schleuderte die Tafeln fort und zerschmetterte sie am Fuß des Berges.

20  Dann packte er das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Staub. Den Staub streute er in Wasser und gab es den Israeliten zu trinken.

21  Zu Aaron sagte Mose: Was hat dir dieses Volk getan, dass du ihm eine so große Schuld aufgeladen hast?

22  Aaron erwiderte: Mein Herr möge sich doch nicht vom Zorn hinreißen lassen. Du weißt doch, wie böse das Volk ist.

23  Sie haben zu mir gesagt: Mach uns Götter, die uns vorangehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus Ägypten heraufgeführt hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist….

 

26  Mose trat an das Lagertor und sagte: Wer für den Herrn ist, her zu mir! Da sammelten sich alle Leviten um ihn.

27  Er sagte zu ihnen: So spricht der Herr, der Gott Israels: Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten.

28  Die Leviten taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann.

29  Dann sagte Mose: Füllt heute eure Hände mit Gaben für den Herrn! Denn jeder von euch ist heute gegen seinen Sohn und seinen Bruder vorgegangen und der Herr hat Segen auf euch gelegt.

30  Am folgenden Morgen sprach Mose zum Volk: Ihr habt eine große Sünde begangen. Jetzt will ich zum Herrn hinaufsteigen; vielleicht kann ich für eure Sünde Sühne erwirken.

31  Mose kehrte zum Herrn zurück und sagte: Ach, dieses Volk hat eine große Sünde begangen. Götter aus Gold haben sie sich gemacht.

32  Doch jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du angelegt hast.

33  Der Herr antwortete Mose: Nur den, der gegen mich gesündigt hat, streiche ich aus meinem Buch.

34  Aber jetzt geh, führe das Volk, wohin ich dir gesagt habe. Mein Engel wird vor dir hergehen. Am Tag aber, an dem ich Rechenschaft verlange, werde ich über ihre Sünde mit ihnen abrechnen.

35  Der Herr schlug das Volk mit Unheil, weil sie das Kalb gemacht hatten, das Aaron anfertigen ließ….

 

Exodus Kapitel 34,1-29: 

1 Weiter sprach der Herr zu Mose: Hau dir zwei steinerne Tafeln zurecht wie die ersten! Ich werde darauf die Worte schreiben, die auf den ersten Tafeln standen, die du zerschmettert hast.

2  Halte dich für morgen früh bereit! Steig am Morgen auf den Sinai und dort auf dem Gipfel des Berges stell dich vor mich hin!

3  Niemand soll mit dir hinaufsteigen; auch soll sich kein Mensch auf dem ganzen Berg sehen lassen und kein Schaf oder Rind soll am Abhang des Berges weiden.

4  Da hieb Mose zwei Tafeln aus Stein zurecht wie die ersten. Am Morgen stand Mose zeitig auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der Herr aufgetragen hatte. Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit….

 

10  Da sprach der Herr: Hiermit schließe ich einen Bund: Vor deinem ganzen Volk werde ich Wunder wirken, wie sie auf der ganzen Erde und unter allen Völkern nie geschehen sind. Das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, wird die Taten des Herrn sehen; denn was ich mit dir vorhabe, wird Furcht erregen.

11  Halte dich an das, was ich dir heute auftrage.….

 

27  Dann sprach der Herr zu Mose: Schreib diese Worte auf! Denn aufgrund dieser Worte schließe ich mit dir und mit Israel einen Bund.

28  Mose blieb dort beim Herrn vierzig Tage und vierzig Nächte. Er aß kein Brot und trank kein Wasser. Er schrieb die Worte des Bundes, die zehn Worte, auf Tafeln.

29  Als Mose vom Sinai herunterstieg, hatte er die beiden Tafeln der Bundesurkunde in der Hand.‘

 

 

3. Die zwei Versionen des Dekalogs und heutige Fassung

 

Die Verkündung der zehn Gebote wurde ein zweites Mal im 5. Buch Moses. Deuteronomium  Kapitel 5,1-22 beschrieben.

 

Im Wesentlichen übernimmt der Text im Deuteronomium die Worte, welche bereits im Buch Exodus aufgezeichnet sind. Nur die Zusammenfassung der beiden letzten Gebote weicht von der ursprünglichen Fassung im Buch Exodus ab. Während es in der ersten Fassung heißt:

 

„Du sollst nicht nach dem Haus deines Nächsten verlangen. Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen, nach seinem Sklaven oder seiner Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.“

 

finden wir im Buch Deuteronomium zunächst im neunten Gebot die Weisung, die Frau deines Nächsten nicht zu begehren und im zehnten Gebot die Vorschrift, das Eigentum des anderen nicht zu begehren: „du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen (neuntes Gebot) und du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht sein Feld, seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel, nichts, was deinem Nächsten gehört (zehntes Gebot).

 

In der heutigen Zeit folgen der größte Teil der Protestanten mit Ausnahme der Lutheraner sowie die orthodoxen Christen eher der ersten Version im Buch Exodus, wobei folgende Einteilung zu erkennen ist: (1) Prolog und das Verbot, eine andere Gottheit außer Gott zu verehren; (2) Verbot der Götzenanbetung; (3) Verbot, den Namen Gottes leichtfertig auszusprechen; (4) Verbot am Sabbat zu arbeiten; (5) Ehrung von Vater und Mutter; (6) Verbot zu töten; (7) Verbot des Ehebruches; (8) Verbot zu stehlen; (9) Verbot falsches Zeugnis abzulegen; (10) Verbot, den Besitz oder die Frau eines Nachbarn zu begehren.

 

Die Einteilung der zehn Gebote bei den Katholiken und bei den Lutheranern folgt eher der zweiten Version im Buch Deuteronomium und übernimmt eine Einteilung, welche  der Kirchenvater Augustinus im 4. Jahrhundert vorgenommen hatte. Der Prolog und die ersten beiden Verbote sind zusammengefasst: Das erste Gebot besagt dann:

 

‚Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.‘

 

Das zweite Gebot hingegen: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen. Das neunte Gebot bezieht sich weiterhin auf das Begehren der Frau des Nächsten und das zehnte Gebot schließlich auf Hab und Gut des Nächsten.

 

In der jüdischen Überlieferung gilt der Prolog als das erste Gebot, die beiden ersten Verbote sind zum zweiten Gebot zusammengefasst, während die übrigen Gebote weitgehend der Ordnung der protestantischen und orthodoxen Überlieferungen entsprechen.

 

 

4. Gebote Gottes vor Verkündung des Dekalogs

 

Die am Berge Sinai verkündeten Zehn Gebote waren nicht die ersten Weisungen, die Gott den Menschen gegeben hatte und auch der Bund, den Gott Jahwe mit Moses schloss, war nicht der erste Bund Gottes mit den Menschen.

 

Bereits in den ersten Kapiteln im Zusammenhang mit dem Schöpfungsbericht erfahren wir von Weisungen Gottes an die ersten Menschen. Bekanntlich wird im ersten Kapitel der Genesis an zweierlei Stellen von der Schöpfung der Erde durch Gott berichtet. In Genesis Kapitel 2,7-17 heißt es:

 

7  ‚Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.

8  Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.

9  Gott, der Herr, ließ aus dem Ackerboden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse…..

 

15  Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte.

16  Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen,

17  doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.‘

 

Das Übertreten dieses ersten Gebotes – und das heißt auch der geschlechtliche Verkehr von Mann und Frau – wird als erste Sünde, als Sünde schlechthin angesehen, die an die nachfolgenden Menschen weitervererbt wurde und deshalb auch als Erbsünde bezeichnet wird, obwohl der Begriff Erbsünde in der Heiligen Schrift an keiner Stelle verwandt wird. Die Erbsünde spielt dann später vor allem in den Briefen von Paulus eine maßgebende Bedeutung, denn bei Paulus, im Römerbrief Kapitel 5,12 lesen wir:

 

‚Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise gelangte der Tod zu allen Menschen, weil alle sündigten.‘

 

Und in Kapitel 5,15-19 des Römerbriefes fährt Paulus fort:

 

‚Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden…

 

Wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen die vielen zu Gerechten gemacht werden.‘

 

Und im Korintherbrief Kapitel 15,21 sagt Paulus schließlich:

 

‚Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.‘

 

Über eine ganz andere Weisung Gottes erfahren wir hingegen bereits im ersten Kapitel der Genesis:

 

26  ‚Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land.

27  Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.

28  Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen.‘

 

Hier werden die ersten Menschen ganz im Gegensatz zu der Version über das Leben im Paradies eigens dazu aufgefordert, sich zu vermehren und dies ist nun entsprechend der Natur des Menschen nur dadurch möglich, dass Mann und Frau sich geschlechtlich vereinen. Sicherlich lässt sich diese vom erstgenannten Schöpfungsbericht genannte Stelle nur dadurch erklären, dass diese Weisung erst nach der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies erfolgte.

 

Die Weisung: ‚Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch‘ wird dann sehr viel später Noah gegenüber von Gott (Genesis Kapitel 9, 1-10) wiederholt, als Noah die Sündflut überstanden hatte und der auf Befehl Gottes erbauten Arche entstiegen war:

 

1  ‚Dann segnete Gott Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, vermehrt euch und bevölkert die Erde! 

2  Furcht und Schrecken vor euch soll sich auf alle Tiere der Erde legen, auf alle Vögel des Himmels, auf alles, was sich auf der Erde regt, und auf alle Fische des Meeres; euch sind sie übergeben.

3  Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.

4  Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.

5  Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. Von jedem Tier fordere ich Rechenschaft und vom Menschen. Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder.

6  Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: Als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht.

7  Seid fruchtbar und vermehrt euch; bevölkert die Erde und vermehrt euch auf ihr! 

8  Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren:

9  Hiermit schließe ich meinen Bund mit euch und mit euren Nachkommen

10  und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Tieren des Feldes, mit allen Tieren der Erde, die mit euch aus der Arche gekommen sind.‘

 

Neben dem Gebot, sich zu vermehren und sich die Erde untertan zu machen, wird hier vor allem auch das Verbot ausgesprochen, Menschen zu töten und begründet wird dieses Verbot damit, das jeder Mensch als Abbild Gottes erschaffen wurde.

 

Von einer Erneuerung des Bundes Gottes mit Menschen erfahren wir dann in Genesis Kapitel 17, 1-11 als Gott Abraham offenbarte:

 

1  ‚Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der Herr und sprach zu ihm: Ich bin Gott, der Allmächtige. Geh deinen Weg vor mir und sei rechtschaffen!

2  Ich will einen Bund stiften zwischen mir und dir und dich sehr zahlreich machen.

3  Abram fiel auf sein Gesicht nieder; Gott redete mit ihm und sprach:

4  Das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern.

5  Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham (Vater der Menge) wirst du heißen; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.

6  Ich mache dich sehr fruchtbar und lasse Völker aus dir entstehen; Könige werden von dir abstammen.

7  Ich schließe meinen Bund zwischen mir und dir samt deinen Nachkommen, Generation um Generation, einen ewigen Bund: Dir und deinen Nachkommen werde ich Gott sein.

8  Dir und deinen Nachkommen gebe ich ganz Kanaan, das Land, in dem du als Fremder weilst, für immer zu Eigen und ich will ihnen Gott sein.

9  Und Gott sprach zu Abraham: Du aber halte meinen Bund, du und deine Nachkommen, Generation um Generation.

10  Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden.

11  Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch.‘

 

In dem Bericht über die Zerstörung der Städte Sodom und Gomorra erfahren wir dann, was als besonders abscheuliche Sünde angesehen wurde. Einwohner dieser beiden Städte hatten versucht, die als Gäste Lots erscheinenden Engel Gottes zu vergewaltigen. Fremdenfeindlichkeit, Bruch der Gastfreundschaft und Wollust vor allem in Form geschlechtlichen Verkehrs von Männern mit Männern und mit Tieren führten nach dem Bericht der Heiligen Schrift dann zur Zerstörung beider Städte:

 

20  ‚Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.‘ (Genesis Kapitel 18,20).

 

 

5. Gebote, Verbote versus Anweisungen

 

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird von den zehn Geboten gesprochen, obwohl dieses Wort den ursprünglichen Text im Alten Testament nicht richtig wiedergibt. Dort wird nämlich von den zehn Worten, in der griechischen Übersetzung von ‚logos‘ gesprochen. Eine etwas korrektere Übersetzung würde also von Weisungen sprechen.

 

Nun unterscheiden wir im Allgemeinen bei Weisungen zwischen Geboten und Verboten. Während ein Gebot verlangt, dass etwas getan werden soll, sieht ein Verbot vor, dass etwas bestimmtes nicht getan werden darf, also unterlassen werden muss. Aber mit dieser Unterscheidung zwischen positiven und negativen Verhaltensvorschriften allein wird der eigentliche Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen nicht deutlich.

 

Machen wir uns diesen Unterschied an einem Beispiel klar. Wir können davon ausgehen, dass die Menschen immer wieder vor Alternativen stehen und dass sie entweder den einen oder den andern Weg beschreiten können. Diese Aussage impliziert, dass die Menschen grundsätzlich frei sind. Freiheit besteht immer darin, dass unterschiedliche Verhaltensweisen möglich sind und dass der Mensch im Prinzip alle diese Möglichkeiten anwenden kann, aber nicht unbedingt soll. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass auch unter Umständen das Nichtstun als eine Alternative zu gelten hat.

 

Einfach liegen die Zusammenhänge dann, wenn nur zwei Alternativen vorliegen, dass also ein Mensch nur die Wahl hat, eine bestimmte Entscheidung zu tun oder zu lassen. Wenn ich nun eine bestimmte Alternative als unerwünscht ausschließen möchte, liegt einem Verbot genau die gleiche Verhaltensvorschrift zugrunde als einem Gebot, es handelt sich hierbei in diesem Falle nur um eine unterschiedliche Formulierung ein- und derselben Verhaltensvorschrift. Wenn ich z. B. im sechsten Gebot Gottes ausschließen möchte, dass einer der Ehepartner die Ehegemeinschaft aufgibt, so kann ich dies als ein Verbot formulieren, du darfst die Ehe nicht brechen oder aber auch als ein Gebot formulieren, du musst eine einmal geschlossene Ehe einhalten, bis dass der Tod euch scheidet.

 

In aller Regel können wir jedoch davon ausgehen, dass bei Entscheidungen den Menschen mehrere Alternativen offen stehen. So kann der Mensch sich z. B. im Hinblick auf seine Arbeitskraft erstens der Muße hingeben, also die Alternative: Freizeit wählen, weiterhin zweitens erwerbswirtschaftlich also gegen Entgelt in einem außerfamiliären Betrieb tätig sein, weiterhin drittens im Haushalt Arbeit verrichten oder schließlich viertens zwar außerhalb der Haushaltsgemeinschaft, aber ohne Entgelt, also ehrenamtlich aktiv sein.

 

Wenn dem Einzelnen bei seinen Entscheidungen mehr als zwei Alternativen zur Verfügung stehen, kann ein Verbot etwas ganz anderes zum Ausdruck bringen als ein Gebot. Nehmen wir als Beispiel, dass der Staat im Rahmen seiner Umweltpolitik die Verschmutzung der Luft durch industrielle Abgase verringern möchte. Versucht er diese Zielsetzung über ein Gebot zu realisieren, dann schreibt er z. B. den Unternehmungen vor, eine ganz bestimmte Filteranlage einzubauen, sodass nur gefiltertes, das heißt ein von den Umweltgiften gereinigtes Gas über die Schornsteine in die Luft gelassen wird. Hier verbleibt den von diesem Gesetz betroffenen Unternehmungen gar keine andere Wahl, sie müssen die eine vom Gesetzgeber angeordnete Alternative ergreifen.

 

Die umweltpolitischen Ziele können aber auch auf einem ganz anderen Weg erreicht werden. Der Gesetzgeber kann verbieten, dass aufgrund der produktiven Aktivitäten der Unternehmungen der Verschmutzungsgrad der Atmosphäre um die Betriebsstätten einen bestimmten Wert überschreitet. Hier ist es den betroffenen Unternehmungen frei gestellt, auf welchem Wege dieses Ziel erreicht wird, unter den vielen technischen Möglichen kann der einzelne Unternehmer oder auch die Gruppe der betroffenen Unternehmer in einer gemeinsam beschlossenen Aktion jene Alternative auswählen, die nicht nur aus der Sicht der Allgemeinheit, sondern auch für die einzelnen Unternehmungen die geringsten Kosten verursacht. Den Unternehmungen verbleibt deshalb die Freiheit, zwischen mehreren Alternativen zu entscheiden, nur die vom Gesetzgeber verbotenen Alternativen dürfen nicht beschritten werden.

 

Selbst dann, wenn der Staat über Verbote – und nicht über Gebote – seine Ziele dadurch zu erreichen versuchen würde, dass er alle bekannten möglichen Alternativen, außer einer einzigen verbietet, würde sich eine solche Politik von dem Versuch unterscheiden, über Gebote die politischen Ziele zu erreichen. Wir leben nämlich nicht in einer stationären Gesellschaft, in welcher alle Ziele und Möglichkeiten vorgegeben sind und in der somit der Kranz der möglichen Alternativen konstant und unverändert bleibt.

 

Unsere Gesellschaft ist vielmehr permanenten Veränderungen ausgesetzt und dies bedeutet für unseren Fall, dass auch dann, wenn der Staat alle heute bekannten Verfahren bis auf eines verbietet, der einzelne Unternehmer immer noch die Freiheit hat, ein neues technisches Verfahren zu entwickeln, welches gegenüber der einen erlaubten, heute bereits bekannten Technologie Vorteile aufweist. Der Handlungspielraum der einzelnen Unternehmer ist also hier nur scheinbar aufgehoben, in Wirklichkeit kann der Einzelne auch hier noch zwischen mehreren noch zu verwirklichenden Alternativen wählen.

 

Wenn wir wiederum zu den zehn Geboten Gottes zurückkehren, stellen wir fest, dass ein Teil dieser zehn Weisungen in der äußeren Form eines Gebotes, ein anderer Teil aber auch in der äußeren Form eines Verbotes formuliert ist. Während das vierte Gebot (du sollst deine Eltern achten) tatsächlich als ein positives Gebot formuliert wurde, es wird ein bestimmtes Verhalten eingefordert, wird im Text des Alten Testamentes bei allen anderen Geboten die Form eines Verbots gewählt: ‚Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen, du sollst am Sabbath nicht arbeiten, du sollst nicht morden, ehebrechen, stehlen, falsches Zeugnis geben, begehren deines Nächsten Weib, Hab und Gut.

 

Allerdings könnten nahezu alle Weisungen der zehn Gebote Gottes sehr wohl auch als positive Gebote formuliert werden. Du sollst deinen Gott lieben und achten von ganzem Herzen, du sollst den Namen Gottes voll Ehrfurcht aussprechen, du sollst am Sabbath ruhen, du sollst das Leben und das Eigentum der anderen achten, du sollst alles für den Erhalt der Familie tun, du sollst stets die Wahrheit aussprechen.

 

Wer gegen die Gebote Gottes verstößt, sündigt, lädt also persönliche Schuld auf sich. Von persönlicher Schuld können wir aber nur sprechen, wenn der Mensch grundsätzlich frei ist, sich für oder gegen Gott auszusprechen, die Gebote einzuhalten oder zu übertreten. Persönliche Schuld setzt immer voraus, dass ich das auch tun kann, was ich tun muss und dass ich auch das unterlassen kann, was ich unterlassen soll.

 

Aus diesem Grunde ist es auch nicht ganz korrekt, wenn man im Hinblick auf die Übertretung des Gebotes: ‚vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen‘ von einer Erbsünde spricht, der alle Menschen nach Adam und Eva unterworfen sind. Ein Verhalten, das vererbt wird, kann keine persönliche Schuld darstellen, da der Mensch hier gar nicht in der Lage ist, frei von Erbsünde zu sein. In Wirklichkeit handelt es sich hier auch gar nicht um eine Sünde im eigentlichen Wortsinne, sondern um eine erbliche Veranlagung aller Menschen nach Adam und Eva, aufgrund derer die einzelnen Menschen Neigungen aufweisen, die sie zu sündhaftem Verhalten verleiten. Nur Adam und Eva haben hier im Sinne einer persönlichen Schuld gesündigt, während die anderen Menschen zwar eine bestimmte Veranlagung zu einem sündigen Leben geerbt haben, persönliche Schuld entsteht aber erst dann, wenn einzelne diesen Versuchungen unterliegen und nicht alles ihnen mögliche tun, diesen Versuchungen zu widerstehen.

 

 

6. Grundmaxime versus Ausführungsbestimmungen

 

Wenn man einmal von einem Strafgesetzbuch eines modernen Staates ausgeht, gibt es tausende und abertausende Einzeldelikte und entsprechende Vorschriften. Demgegenüber beschränkt sich der Dekalog auf eine erstaunlich geringe Zahl von nur gerade zehn Weisungen. Darüber hinaus fällt auf, dass ein modernes Strafgesetzbuch jeweils festlegt, mit welcher Strafe die einzelnen Delikte belegt werden, wobei zumeist im Gesetz nur ein bestimmter Rahmen für die Höhe der Strafe festgelegt wird und es dem Gericht überlassen bleibt, die Schwere der einzelnen Tat und das eventuelle Vorliegen bestimmter strafmindernder Tatbestände festzustellen. Demgegenüber stellt der Dekalog in den meisten Weisungen nur fest, welche Verhaltensweisen geboten oder auch verboten werden, ohne dass darüber hinaus Art und Umfang der Strafe festgelegt wird.

 

Eine Ausnahme von dieser Regel findet sich im ersten Gebot, dort steht geschrieben: ‚Bei denen, die mir Feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an den Söhnen, an der dritten und vierten Generation; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote achten, erweise ich Tausenden meine Huld.‘ Auch im zweiten Gebot wird bei Übertreten die Strafe angedroht: ‚denn der Herr lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen missbraucht.‘ Schließlich wird im vierten Gebot eine Belohnung ausgesprochen für denjenigen, der dieses Gebot einhält: ‚damit du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt.‘

 

Sicherlich ist der Hinweis, dass Gott die Schuld der Väter an den Söhnen bis zur vierten Generation verfolgt, nicht so zu verstehen, dass die Söhne für die Sünden ihrer Väter zur Rechenschaft gezogen werden. Jeder einzelne Mensch wird nur für das bestraft, was er selbst begangen hat. Da die Nachkommen das Verhalten ihrer Vorfahren gar nicht beeinflussen konnten, können sie auch nicht für diese Taten bestraft werden. Dieser Passus ist wohl eher so zu verstehen, dass dann, wenn die Nachkommen in dem sündigen Verhalten ihrer Eltern fortfahren, zur Rechenschaft gezogen werden, da jeder Mensch auf den Beistand Gottes rechnen kann, die Gebote Gottes zu halten und bei Übertreten dieser Gebote zum Sünder wird, auch dann, wenn die Nachkommen im sündigen Tun nur dem Verhalten ihrer Vorfahren folgen.

 

Der Grund dafür, dass im Dekalog zumeist gar keine Strafen ausgesprochen werden, liegt darin, dass hier eine Art Magna Charta vorliegt, die sich darauf beschränkt, nur die letztlichen Grundwerte des Glaubens festzulegen. Genauso wie das Grundgesetz nur die für alle Zeiten gültigen Maximen bestimmt, die Ausformulierung und die Festlegung der einzelnen Strafen bei Nichtachtung dieser Vorschriften jedoch den Ausführungsbestimmungen und besonderen Gesetzen, welche die Einzelheiten regeln, überlässt, finden sich auch im Alten Testament die näheren Ausführungsbestimmungen erst in den folgenden Kapiteln und Bücher der Thora (der Bücher Moses).

 

Wir haben davon auszugehen, dass in die Ausführungsbestimmungen auch die jeweiligen historischen Besonderheiten eingehen, welche sich mit der Zeit verändern können und welche deshalb  auch eine Anpassung dieser Ausführungsbestimmungen an diese veränderten Verhältnisse erfordern. Der Dekalog hingegen beschreibt im Allgemeinen als Magna Charta (Grundgesetz) des Glaubens die letztlichen und deshalb auch unveränderbaren Grundmaximen. Während also der Dekalog Weisungen enthält, welche im Prinzip für alle Menschen und auch für alle Zeiten Gültigkeit behalten und nur vielleicht die Formulierung dieses Gebotes sich einer Sprache bedient, der wir uns heute nicht mehr bedienen, gehen in den dem Dekalog folgenden Ausführungsbestimmungen auch Regeln ein, welche nicht so sehr den Glauben betreffen, sondern von Moses in seiner Eigenschaft auch als politischer Führer erlassen wurden, auch dann, wenn der Text der Thora davon spricht, dass Gott selbst diese Festlegungen verfügt hat.

 

In diesen Ausführungsbestimmungen finden wir dann auch die Gleichheitsregel, wonach die Strafe dem angerichteten Schaden zu entsprechen habe. So heißt es im Exodus Kapitel 21,23-25:

 

23  ‚Ist weiterer Schaden entstanden, dann musst du geben: Leben für Leben,

24  Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß,

25  Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.‘

 

Und im Buch Levitikus Kapitel 24,17-22 lesen wir:

 

7  ‚Wer einen Menschen erschlägt, wird mit dem Tod bestraft.

18  Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen: Leben für Leben.

19  Wenn jemand einen Stammesgenossen verletzt, soll man ihm antun, was er getan hat:

20  Bruch um Bruch, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Der Schaden, den er einem Menschen zugefügt hat, soll ihm zugefügt werden.

21  Wer ein Stück Vieh erschlägt, muss es ersetzen; wer aber einen Menschen erschlägt, wird mit dem Tod bestraft.

22  Gleiches Recht soll bei euch für den Fremden wie für den Einheimischen gelten; denn ich bin der Herr, euer Gott.‘ 

 

Diese Gleichheitsregel hat im Grunde genommen in den modernen Staaten eine noch größere Beachtung gefunden als der Dekalog, beruht doch letzten Endes der Grundsatz: gleiches Recht für alle auf dieser Festlegung. Allerdings gilt es auch darauf hinzuweisen, dass diese Maxime oftmals falsch ausgelegt wird. Es widerspricht eindeutig diesem Grundsatz, wenn z. B. im Zusammenhang mit der Blutrache ein Familienangehöriger die Tötung eines seiner Angehörigen zum Anlass nimmt an den Verwandten desjenigen, der diesen Tod verursacht hat, Blutrache zu üben. Es ist stets alleinige Aufgabe des Staates, Täter zu verfolgen und die Strafe zu verhängen. Nur bei Übertragung dieser Strafverfolgung an Gerichte kann verhindert werden, dass Unschuldige getötet werden und nur auf diese Weise kann das Strafmaß danach bemessen werden, welchen Anteil der Täter an dieser Straftat auch tatsächlich hat.

 

Weiterhin gilt es zu bedenken, dass eine konsequente Einforderung des Grundsatzes ‚Auge um Auge‘ sowohl grundlegende Prinzipien des jüdischen und christlichen Glaubens als auch eines modernen Rechtsstaates verletzt. Nach christlicher Überzeugung ist die Reue und Umkehr viel entscheidender als die Sühne und es sind alle Christen aufgefordert, dem reuigen Sünder zu vergeben, nur dann sind wir berechtigt, Gott ebenfalls zu bitten, dass auch er uns unsere Sünden vergibt.

 

Wer für einen Mord die Todesstrafe fordert, verhindert, dass ein Fehlurteil revidiert werden kann. Er verletzt auch den Grundsatz, dass die Tötung eines Menschen nur dann erlaubt ist, wenn das eigene Leben oder das Leben Schutzbefohlener nicht anders verteidigt werden kann als dadurch, dass man einen Angreifer tötet. Auch derjenige, welcher die Todesstrafe damit begründet, dass auf diese Weise ein starker Anreiz geschaffen wird, der den potenziellen Mörder von seiner geplanten Tat abhält, muss zur Kenntnis nehmen, dass die Todesstrafe und damit die Aussicht als Märtyrer zu sterben oftmals potenzielle Mörder weniger abschreckt als dann, wenn der Täter nicht mit dem Tode bestraft wird und dann einer lange währenden Strafe ausgesetzt ist und mit seiner Schuld leben muss.

 

Im Grunde genommen geht es bei dem Grundsatz des ‚Auge um Auge‘ auch nur darum, dass gleiche Straftaten auch eine gleichhohe Strafe verdienen und dass größerer Schaden auch im Allgemeinen größere Strafen zur Folge haben sollten, wobei aber durchaus der persönliche Anteil des Täters bei der Strafzumessung zu berücksichtigen ist.

 

Fortsetzung folgt!