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Die schönsten Erzählungen der Bibel

 

 

 

Gliederung:

 

  1. Einführung

  2. Schöpfungsbericht

  3. Sündenfall

  4. Kain und Abel

  5. Noah im Rausch

  6. Abraham hadert mit Gott

  7. Isaaks Opferung

  8. Der Segen für Jakob, dem Jüngeren

  9. Josef und seine Brüder

10. Moses vor dem Pharao

11. Ruth die moabitische Frau und Ahnfrau Davids

12. David gegen Goliath

13. David und die Frau des Hethiters

14. Esthers Rettung der Juden

15.  Hiobs Leid und Gottvertrauen

16. Die Verleugnung Petrus

17. Der Verrat Judas 

18. Der barmherzige Samariter

19. Die Hochzeit zu Kanaan

20. Die Tempelreinigung

21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn

22. Jesus und die Ehebrecherin

23. Jesus am Ölberg

24. Der ungläubige Thomas

 

 

 

Kapitel 10: David gegen Goliath

 

 

Gliederung:

 

1. Das Problem

2. Der Text

3. David am Hofe Sauls

4. Goliath’s Herausforderung

5. David’s Entschluss gegen Goliath zu kämpfen

6. Die Erschlagung Goliath’s durch David

7. Abgesang

 

 

1. Das Problem

 

Die folgende Erzählung handelt von dem Kampf Davids mit Goliath und dem Sieg des Schwächeren über den Stärkeren. Kaum eine andere Erzählung der Heiligen Schrift ist in das Bewusstsein der meisten Menschen weit über den Bereich der jüdischen und christlichen Religionsgemeinschaften hinaus eingedrungen. Im Grunde genommen handelt es sich um einen Wunschtraum, den fast jeder Schwache schon einmal geträumt hatte, nur dass eben dieser Traum in der Regel ein nichterfüllter und auch nicht erfüllbarer Wunschtraum geblieben ist.

 

Wir wissen nicht, ob in der rauen Wirklichkeit des israelitischen Volkes jemals ein solcher Kampf zwischen einem Menschen namens David und einem anderen Menschen namens Goliath stattgefunden hat. Von David können wir zwar davon ausgehen, dass in der Tat in der Blüte des israelitischen Reiches tatsächlich ein Mann namens David gelebt hat und später nach Sauls Herrschaft einer der mächtigsten erfolgreichsten Könige Israels geworden war. Weniger bekannt ist, ob ein Mann namens Goliath wirklich gelebt hat, wir können nur davon ausgehen, dass Israel tatsächlich wiederholt von den Philistern bedroht wurde und dass die Menschen dieses Volksstammes tatsächlich im Durchschnitt größer an Wuchs waren als die Israeliten im Allgemeinen, sodass diese Volksgruppe den Israeliten wie Riesen vorkamen.

 

Aber wie für alle Erzählungen und Berichte der Heiligen Schrift gilt auch für diese Erzählung, dass es sich hierbei um keine Tatsachenberichte handelt und auch nicht handeln will, dass diese Texte vielmehr auf eine dahinterliegende tiefere Wahrheit abzielen und dass auf diesem Wege vor allem gleichnishaft die letztlichen Glaubenswahrheiten weitergegeben wurden.

 

Als erstes wird man davon ausgehen müssen, dass der tiefere Sinn dieser Erzählung gar nicht so sehr auf den Kampf zweier einzelner Personen abhebt, dass auf diese Weise vielmehr auf den Kampf Israels gegenüber seinen zahlreichen Feinden hingewiesen werden soll.

 

In der Tat ist die Geschichte der Juden eine Abfolge immer wiederkehrender Bedrohungen Israels durch benachbarte Volksstämme und Königreiche. Dieser nicht enden wollende Kampf beginnt bereits bei dem Auszug der Israeliten aus Ägypten durch Moses, wobei die Bibel davon ausgeht, dass die Juden von den ägyptischen Herrschern zu Sklavenarbeiten herangezogen wurden, obwohl ein früherer Pharao den Juden Josef zum höchsten Beamten Ägyptens gemacht hatte, da dieser in der Lage war, einen Traum des Pharao von den sieben wohl genährten und sieben mageren Kühen richtig zu deuten. 

 

Das Land Israel hatte für die orientalischen Staaten im Altertum eine strategische Bedeutung, da die Eroberungszüge dieser mächtigen Staaten durch das israelitische Gebiet führten. und So wurde es zu einem permanenten Schauplatz zahlreicher Konflikte mit den Israeliten. Zunächst waren es die Hethiter, dann die Philister, gegen die sich Israel erwehren musste. Später überrannten die Assyrer das Nordreich und später die Babylonier das Südreich und führten die Israeliten in die Gefangenschaft.

 

Nachdem der persische König Kyros nach 600 v. Chr.  den Israeliten ihren Rückzug in ihre alte Heimat und die Wiedererrichtung eines israelitischen Staates erlaubt hatte, überrannte Alexander der Große das Gebiet Israels um 333 v. Chr. und verleibte Israel dem mazedonischen Reich ein. Zwischenzeitlich gelang es den Makkabäern in ihrem Kampf gegen die Seleukiden einen weitgehend eigenständigen hasmonäischen Staat zu bilden.

 

Im Jahre 63 v. Chr. schließlich erstürmte Pompeius den Tempel Jerusalems und brachte somit das Ende der makkabäischen Herrschaft. Israel wurde in der Folge zunächst zu einer römischen Provinz mit einer gewissen Selbstständigkeit und verlor dann aber nach einem Aufstand der Juden und Niederschlagung dieses Aufstandes durch Zerstörung des Tempels unter Titus seine Selbstständigkeit vollständig.

 

Die Erzählung von Davids Kampf mit Goliath versteht sich somit in erster Linie als eine Deutung des Kampfes Israels gegen die Philister, bzw. in ihrer Verallgemeinerung als ein Hinweis, dass auch Staaten und Völker, welche rein äußerlich betrachtet im Hinblick auf ihre Größe und Ausrüstung als schwach bezeichnet werden, nicht immer im Kampf mit der äußerlich stärkeren Macht verlieren müssen. In der Tat gibt es ja auch in der allgemeinen Geschichte der kriegerischen Auseinandersetzungen einzelner Staaten zahlreiche Beispiele dafür, dass ein Herr, das nach allgemeiner Beurteilung als das schwächere angesehen wurde, trotzdem durch List eines Feldherren dennoch den an und für sich stärkeren Gegner in der Schlacht besiegen konnte.

 

So schlugen z. B. die Preußen unter Friedrich II. am 30. September 1745 in der Schlacht bei Soor mit nur 19.000 Mann die vom Prinzen Karl von Lothringen befehligten Österreicher und Sachsen mit immerhin 32.000 Mann.

 

Oder in der Schlacht bei Vauchamps am 14. Februar 1814 schlugen 18.000 Franzosen unter Napoléon ein 30.000 Mann starkes Heer unter von Blücher.

 

Vor allem die Anwendung der sogenannten schiefen Schlachtanordnung brachte oftmals auch dem zahlenmäßig schwächeren Gegner den Sieg. Diese Taktik wurde zuerst in der Schlacht bei Leuktra im Jahr 371 v. Chr. im Konflikt zwischen Sparta und Theben eingesetzt. Dabei wurden mit dieser Kriegstaktik 10.000 Spartaner von 7.000 Thebanern geschlagen.

 

Übernommen hatte diese Schlachtordnung auch später Alexander dem Große. Auch Caesar konnte mit der Anwendung der schiefen Schlachtordnung den Sieg in der Schlacht von Pharsalos über ein zahlenmäßig weit überlegenes republikanisches Heer erlangen und konnte auf diese Weise Pompeius besiegen.

 

Auch Friedrich der Große war es am 5. Dezember 1757 in der Schlacht von Leuthen gelungen, durch Scheinangriff und schiefe Schlachtordnung einen Sieg zu erringen.

 

Bei Anwendung einer schiefen Schlachtordnung wird ein Zusammenprall der Gegner dadurch vermieden, dass ein verstärkter Flügel nach vorne geschoben wird, während der andere geschwächte Flügel nur hinhaltend kämpft, indem eine Feindberührung nach Möglichkeit vermieden oder zumindest hinausgezögert wird. Allerdings setzt diese Taktik voraus, dass der Gegner diese Absicht erst zu spät bemerkt, dann nämlich, wenn eine Verstärkung des bedrohten Flügels nicht mehr möglich ist.

 

Die Feststellung, dass auch ein zahlenmäßig schwächerer Staat durch geschicktes Taktieren bisweilen auch einen stärkeren Feind in der Schlacht besiegen kann, gilt ganz allgemein und lässt sich wie gezeigt an historischen Beispielen belegen. Die Erzählung von David und Goliath in der Heiligen Schrift will jedoch sehr viel mehr besagen. Hier kommt es in erster Linie auf den Glaubensbezug an. Diese Erzählung will uns davon überzeugen, dass Gottvertrauen auch dazu beitragen kann, dass ein schwächerer Gegner den stärkeren bisweilen besiegen kann.

 

Die Heilige Schrift ist voll von Hinweisen, dass sich Jahwe, der Gott der Juden und Christen nach der Schöpfung des Weltalls und des Menschen nicht zurückgezogen und die Erde sich selbst überlassen hat, wie der Deismus behauptet, sondern dass Jahwe die Ereignisse hier auf Erden und das Handeln der Menschen aufmerksam verfolgt und bisweilen in die Geschehnisse eingreift, um größere Fehlentwicklungen zu verhindern. Vor allem das Alte Testament weist darauf hin, dass es Gott war, der letzten Endes die Israeliten durch Moses aus Ägypten herausgeführt hat und der den Israeliten oftmals im Kampf mit ihren Gegnern beigestanden hat. Im Buch Josua Kapitel 6 lesen wir z. B.:

 

1  ‚Jericho hielt wegen der Israeliten die Tore fest verschlossen. Niemand konnte heraus und niemand konnte hinein.

2  Da sagte der Herr zu Josua: Sieh her, ich gebe Jericho und seinen König samt seinen Kriegern in deine Gewalt.

3  Ihr sollt mit allen Kriegern um die Stadt herumziehen und sie einmal umkreisen. Das sollst du sechs Tage lang tun.

4  Sieben Priester sollen sieben Widderhörner vor der Lade hertragen. Am siebten Tag sollt ihr siebenmal um die Stadt herumziehen und die Priester sollen die Hörner blasen.

5  Wenn das Widderhorn geblasen wird und ihr den Hörnerschall hört, soll das ganze Volk in lautes Kriegsgeschrei ausbrechen. Darauf wird die Mauer der Stadt in sich zusammenstürzen; dann soll das Volk hinübersteigen, jeder an der nächstbesten Stelle…..

 

20  Darauf erhob das Volk das Kriegsgeschrei und die Widderhörner wurden geblasen. Als das Volk den Hörnerschall hörte, brach es in lautes Kriegsgeschrei aus. Die Stadtmauer stürzte in sich zusammen, und das Volk stieg in die Stadt hinein, jeder an der nächstbesten Stelle. So eroberten sie die Stadt.‘

 

Nun kann aus diesen Berichten sicherlich nicht geschlossen werden, dass Gott letzten Endes alle Geschehnisse hier auf Erden entscheidet und in jedem Einzelfall Ereignisse verhindert, welche nicht seinem Plan entsprechen. Die Geschichte zeigt uns, dass auf der einen Seite immer wieder Unschuldigen großes Leid widerfährt und dass auf der anderen Seite Menschen, welche sich gegen Gott versündigen, erfolgreich bleiben und hier auf Erden einer gerechten Strafe entgehen. Ein solches Geschehen wäre undenkbar, wenn Gott tatsächlich letzten Endes jedes Ereignis hier auf Erden bestimmen würde, wenn alle Ereignisse – gute wie schlechte – letztendlich Gottes Plan entsprechen.

 

In Wirklichkeit zeigen uns die Berichte der Heiligen Schrift, dass Gott vorwiegend nur dann eingreift, wenn die menschliche Entwicklung eine Richtung nimmt, welche Gottes Plan verhindern würde. Im Hinblick auf die vielen Ungerechtigkeiten hier auf Erden gilt es sich daran zu erinnern, dass Gott den Menschen als ein freies Wesen erschaffen hat. Er will nicht, dass die Menschen zum wahren Glauben durch Gewaltandrohungen gezwungen werden, sondern dass sie sich aus freien Stücken zum Glauben bekennen und nach den göttlichen Weisungen handeln. Diese Freiheit bringt es notwendiger Weise mit sich, dass sich einzelne Menschen immer wieder gegen Gott auflehnen und ihren Mitmenschen schweres Leid zufügen und dass sich deshalb auch immer wieder Ungerechtigkeiten ereignen.

 

Dies bedeutet nicht, dass die Sünder für immer ungestraft bleiben, sie werden zwar von Gott nicht bereits hier auf Erden, unmittelbar nach ihrer Tat bestraft, trotzdem ist davon auszugehen, dass am Ende der Zeiten ein Weltgericht stattfindet, auf dem für jeden ein Urteil nach seinen Taten gesprochen wird, die Guten werden belohnt, die Schlechten entsprechend dem Umfang ihrer Sünden bestraft.

 

Den Einfluss Gottes hier auf Erden haben wir uns deshalb auch nicht so vorzustellen, dass Gott unmittelbar in die Geschehnisse eingreift und dass die Menschen vorübergehend zu willenslosen, von Gott gelenkten Maschinen werden. Gott greift vielmehr vor allem dadurch in die Geschehnisse ein, dass er einerseits den Guten Mut zuspricht, dass er die Guten dazu ermutigt, nicht nur gerecht, sondern auch klug zu handeln und dass er andererseits den Schlechten ins Gewissen redet und sie vielleicht auch so verwirrt, dass sie sich durch eigenes Fehlverhalten selbst  ins Verderben stürzen.

 

 

2. Der Text

 

Betrachten wir nun nach diesen einleitenden Vorbemerkungen zunächst den Wortlaut der Erzählung von David und Goliath. Im 1. Buch Samuel Kapitel 17 heißt es:

 

1  ‚Die Philister zogen ihre Truppen zum Kampf zusammen. Sie versammelten sich bei Socho, das zu Juda gehört, und schlugen zwischen Socho und Aseka in Efes-Dammim ihr Lager auf.

2  Auch Saul und die Männer Israels sammelten sich; sie schlugen ihr Lager im Terebinthental auf und traten zum Kampf gegen die Philister an.

3  Die Philister standen an dem Berg auf der einen Seite, die Israeliten an dem Berg auf der anderen Seite; zwischen ihnen lag das Tal.

4  Da trat aus dem Lager der Philister ein Vorkämpfer namens Goliat aus Gat hervor. Er war sechs Ellen und eine Spanne groß.

5  Auf seinem Kopf hatte er einen Helm aus Bronze und er trug einen Schuppenpanzer aus Bronze, der fünftausend Schekel wog.

6  Er hatte bronzene Schienen an den Beinen und zwischen seinen Schultern hing ein Sichelschwert aus Bronze.

7  Der Schaft seines Speeres war (so dick) wie ein Weberbaum und die eiserne Speerspitze wog sechshundert Schekel. Sein Schildträger ging vor ihm her.

8  Goliat trat vor und rief zu den Reihen der Israeliten hinüber: Warum seid ihr ausgezogen und habt euch zum Kampf aufgestellt? Bin ich nicht ein Philister und seid ihr nicht die Knechte Sauls? Wählt euch doch einen Mann aus! Er soll zu mir herunterkommen.

9  Wenn er mich im Kampf erschlagen kann, wollen wir eure Knechte sein. Wenn ich ihm aber überlegen bin und ihn erschlage, dann sollt ihr unsere Knechte sein und uns dienen.

10  Und der Philister sagte weiter: Heute habe ich die Reihen Israels verhöhnt (und gesagt): Schickt mir doch einen Mann, damit wir gegeneinander kämpfen können.

11  Als Saul und ganz Israel diese Worte des Philisters hörten, erschraken sie und hatten große Angst.

12  David war der Sohn eines Efratiters namens Isai aus Betlehem in Juda, der acht Söhne hatte. Zur Zeit Sauls war Isai bereits alt und betagt.

13  Die drei ältesten Söhne Isais waren zusammen mit Saul in den Krieg gezogen. Seine drei Söhne, die mit in den Krieg gezogen waren, hießen Eliab – er war der Erstgeborene –, der zweite Abinadab, der dritte Schima.

14  Die drei Ältesten waren Saul gefolgt. David aber war der jüngste.

15  David kehrte öfters vom Hof Sauls nach Betlehem zurück, um die Schafe seines Vaters zu hüten.

16  Der Philister kam jeden Morgen und Abend und stellte sich kampfbereit hin – vierzig Tage lang.

17  Eines Tages sagte Isai zu seinem Sohn David: Nimm für deine Brüder ein Efa von diesem gerösteten Korn und diese zehn Brote und lauf damit zu ihnen ins Lager.

18  Und diese zehn Käse bring dem Obersten der Tausendschaft! Sieh nach, ob es deinen Brüdern gut geht, und lass dir ein Pfand (als Lebenszeichen) von ihnen geben!

19  Saul ist mit ihnen und all den anderen Israeliten im Terebinthental und sie kämpfen gegen die Philister.

20  David brach früh am Morgen auf, überließ die Herde einem Wächter, lud die Sachen auf und ging, wie es ihm Isai befohlen hatte. Als er zur Wagenburg kam, rückte das Heer gerade in Schlachtordnung aus und ließ den Kampfruf erschallen.

21  Israel und die Philister stellten sich, Reihe gegen Reihe, zum Kampf auf.

22  David legte das Gepäck ab, überließ es dem Wächter des Trosses und lief zur Schlachtreihe. Er ging zu seinen Brüdern und fragte, wie es ihnen gehe.

23  Während er noch mit ihnen redete, trat gerade aus den Reihen der Philister ihr Vorkämpfer, der Philister namens Goliat aus Gat, hervor; er rief die gewohnten Worte und David hörte es.

24  Als die Israeliten den Mann sahen, hatten sie alle große Angst vor ihm und flohen.

25  Sie sagten: Habt ihr gesehen, wie dieser Mann daherkommt? Er kommt doch nur, um Israel zu verhöhnen. Wer ihn erschlägt, den wird der König sehr reich machen; er wird ihm seine Tochter geben und seine Familie wird er von allen Steuern in Israel befreien.

26  David fragte die Männer, die bei ihm standen: Was wird man für den Mann tun, der diesen Philister erschlägt und die Schande von Israel wegnimmt? Wer ist denn dieser unbeschnittene Philister, dass er die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnen darf?

27  Die Leute antworteten ihm dasselbe: Das und das wird man dem tun, der ihn erschlägt.

28  Sein ältester Bruder Eliab hörte, wie er mit den Männern redete, und er wurde zornig auf David. Er sagte: Wozu bist du denn hergekommen? Wem hast du denn die paar Schafe in der Wüste überlassen? Ich kenne doch deine Keckheit und die Bosheit in dir. Du bist nur hergekommen, um den Kampf zu sehen.

29  David erwiderte: Was habe ich denn jetzt wieder getan? Ich habe doch nur gefragt.

30  Dann wandte er sich von ihm ab und einem anderen zu und fragte ihn dasselbe. Die Leute antworteten ihm wie beim ersten Mal.

31  Als bekannt wurde, was David gesagt hatte, berichtete man davon auch in Sauls Umgebung und Saul ließ ihn holen.

32  David sagte zu Saul: Niemand soll wegen des Philisters den Mut sinken lassen. Dein Knecht wird hingehen und mit diesem Philister kämpfen.

33  Saul erwiderte ihm: Du kannst nicht zu diesem Philister hingehen, um mit ihm zu kämpfen; du bist zu jung, er aber ist ein Krieger seit seiner Jugend.

34  David sagte zu Saul: Dein Knecht hat für seinen Vater die Schafe gehütet. Wenn ein Löwe oder ein Bär kam und ein Lamm aus der Herde wegschleppte,

35  lief ich hinter ihm her, schlug auf ihn ein und riss das Tier aus seinem Maul. Und wenn er sich dann gegen mich aufrichtete, packte ich ihn an der Mähne und schlug ihn tot.

36  Dein Knecht hat den Löwen und den Bären erschlagen und diesem unbeschnittenen Philister soll es genauso ergehen wie ihnen, weil er die Schlachtreihen des lebendigen Gottes verhöhnt hat.

37  Und David sagte weiter: Der Herr, der mich aus der Gewalt des Löwen und des Bären gerettet hat, wird mich auch aus der Gewalt dieses Philisters retten. Da antwortete Saul David: Geh, der Herr sei mit dir.

38  Und Saul zog David seine Rüstung an; er setzte ihm einen bronzenen Helm auf den Kopf und legte ihm seinen Panzer an,

39  und über der Rüstung hängte er ihm sein Schwert um. David versuchte (in der Rüstung) zu gehen, aber er war es nicht gewohnt. Darum sagte er zu Saul: Ich kann in diesen Sachen nicht gehen, ich bin nicht daran gewöhnt. Und er legte sie wieder ab,

40  nahm seinen Stock in die Hand, suchte sich fünf glatte Steine aus dem Bach und legte sie in die Hirtentasche, die er bei sich hatte (und) die (ihm als) Schleudersteintasche (diente). Die Schleuder in der Hand, ging er auf den Philister zu.

41  Der Philister kam immer näher an David heran; sein Schildträger schritt vor ihm her.

42  Voll Verachtung blickte der Philister David an, als er ihn sah; denn David war noch sehr jung, er war blond und von schöner Gestalt.

43  Der Philister sagte zu David: Bin ich denn ein Hund, dass du mit einem Stock zu mir kommst? Und er verfluchte David bei seinen Göttern.

44  Er rief David zu: Komm nur her zu mir, ich werde dein Fleisch den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren (zum Fraß) geben.

45  David antwortete dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Sichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn der Heere, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast.

46  Heute wird dich der Herr mir ausliefern. Ich werde dich erschlagen und dir den Kopf abhauen. Die Leichen des Heeres der Philister werde ich noch heute den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren (zum Fraß) geben. Alle Welt soll erkennen, dass Israel einen Gott hat.

47  Auch alle, die hier versammelt sind, sollen erkennen, dass der Herr nicht durch Schwert und Speer Rettung verschafft; denn es ist ein Krieg des Herrn und er wird euch in unsere Gewalt geben.

48  Als der Philister weiter vorrückte und immer näher an David herankam, lief auch David von der Schlachtreihe (der Israeliten) aus schnell dem Philister entgegen.

49  Er griff in seine Hirtentasche, nahm einen Stein heraus, schleuderte ihn ab und traf den Philister an der Stirn. Der Stein drang in die Stirn ein und der Philister fiel mit dem Gesicht zu Boden.

50  So besiegte David den Philister mit einer Schleuder und einem Stein; er traf den Philister und tötete ihn, ohne ein Schwert in der Hand zu haben.

51  Dann lief David hin und trat neben den Philister. Er ergriff sein Schwert, zog es aus der Scheide, schlug ihm den Kopf ab und tötete ihn. Als die Philister sahen, dass ihr starker Mann tot war, flohen sie.

52  Die Männer von Israel und Juda aber griffen an, erhoben das Kriegsgeschrei und verfolgten die Philister bis nach Gat und bis vor die Tore von Ekron. Von Schaarajim bis nach Gat und Ekron lagen die erschlagenen Philister am Weg.

53  Nach der Verfolgung kehrten die Israeliten zurück und plünderten das Lager der Philister.

54  David nahm den Kopf des Philisters und brachte ihn nach Jerusalem. Goliats Waffen aber legte er in sein Zelt.

55  Als Saul David dem Philister entgegengehen sah, sagte er zu Abner, seinem Heerführer: Abner, wessen Sohn ist der junge Mann? Abner antwortete: So wahr du lebst, König, ich weiß es nicht.

56  Der König sagte: Dann erkundige dich, wessen Sohn der Knabe ist.

57  Als David zurückkehrte, nachdem er den Philister erschlagen hatte, nahm ihn Abner mit und führte ihn zu Saul. David hatte den Kopf des Philisters noch in der Hand.

58  Saul fragte ihn: Wessen Sohn bist du, junger Mann? David antwortete: Der Sohn deines Knechtes Isai aus Betlehem.

18,1  Nach dem Gespräch Davids mit Saul schloss Jonatan David in sein Herz. Und Jonatan liebte David wie sein eigenes Leben.

2  Saul behielt David von jenem Tag an bei sich und ließ ihn nicht mehr in das Haus seines Vaters zurückkehren.

 

 

3. David am Hofe Sauls

 

Schon vor dem Kampf Davids mit Goliath war David zu Saul gerufen worden. Saul war melancholisch geworden. Seine Diener waren der Auffassung, diese bösen Geister könnten durch ein Spiel auf einer Zither vertrieben werden. Da einer der Diener einen Mann kannte, der auf einer Zither spielen konnte, ließ Saul nach diesem Manne rufen. Es war David, der jüngste Sohn Isai’s. Im 1. Buch Samuel, Kapitel  16,14-18 erfahren wir:

 

14  ‚Der Geist des Herrn war von Saul gewichen; jetzt quälte ihn ein böser Geist, der vom Herrn kam.

15  Da sagten die Diener Sauls zu ihm: Du siehst, ein böser Geist Gottes quält dich.

16  Darum möge unser Herr seinen Knechten, die vor ihm stehen, befehlen, einen Mann zu suchen, der die Zither zu spielen versteht. Sobald dich der böse Geist Gottes überfällt, soll er auf der Zither spielen; dann wird es dir wieder gut gehen.

17  Saul sagte zu seinen Dienern: Seht euch für mich nach einem Mann um, der gut spielen kann, und bringt ihn her zu mir!

18  Einer der jungen Männer antwortete: Ich kenne einen Sohn des Betlehemiters Isai, der Zither zu spielen versteht. Und er ist tapfer und ein guter Krieger, wortgewandt, von schöner Gestalt, und der Herr ist mit ihm.

19  Da schickte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Schick mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist.

20  Isai nahm einen Esel, dazu Brot, einen Schlauch Wein und ein Ziegenböckchen und schickte seinen Sohn David damit zu Saul.

21  So kam David zu Saul und trat in seinen Dienst; Saul gewann ihn sehr lieb, und David wurde sein Waffenträger.

22  Darum schickte Saul zu Isai und ließ ihm sagen: David soll in meinem Dienst bleiben; denn er hat mein Wohlwollen gefunden.

23  Sooft nun ein Geist Gottes Saul überfiel, nahm David die Zither und spielte darauf. Dann fühlte sich Saul erleichtert, es ging ihm wieder gut und der böse Geist wich von ihm.‘

 

Wir wollen festhalten, dass in diesem Bericht davon gesprochen wird, dass Saul David sehr lieb gewann, dass David Saul’s Wohlwollen gewann und auf Geheiß Sauls  am Hofe des Königs geblieben war.

 

 

4. Goliath’s Herausforderung

 

Im weiteren Verlauf der Erzählung erfahren wir von Goliath, einem Kämpfer der Philister. Zunächst wird Goliath ausführlich beschrieben, er war besonders groß, war bis zu den Zähnen bewaffnet, es wird eigens betont, dass sein Schwert und sein Speer von besonderer Größe und deshalb furchterregend war. Diese Beschreibung dient dazu, einen möglichst großen Gegensatz zwischen Goliath, dem Riesen und dem noch jugendlichen David herauszuarbeiten.

 

Die Erzählung fährt dann fort, wie Goliath die Israeliten herausforderte und mit seinen höhnenden Worten demütigte: ‚Wählt euch einen Mann aus, der mit mir kämpfen soll, vom Ausgang dieses Kampfes soll es abhängen, ob die Philister sich den Israeliten unterwerfen oder ob die Israeliten in die Knechtschaft der Philister geraten‘.

 

Anschließend verhöhnt Goliath die Israelis, indem er diese wissen lässt, dass sich wohl keiner der Israeliten mit ihm messen könne und vor Angst auch nicht wagten, gegen ihn anzutreten. Und um dieses Machtgefälle zu unterstreichen, stellt sich Goliath immer wieder, 40 Tage lang vor die Israeliten und forderte sie zum Zwiekampf heraus und verhöhnt sie.

 

In der Tat erfahren wir dann auch, dass diese Rede des Goliath die Israeliten erschreckte und mutlos machte. Offensichtlich fand sich keiner der israelitischen Krieger, welcher bereit war, gegen Goliath im Kampf anzutreten.

 

In einer Zwischenpassage erfahren wir dann, dass Isai aus Bethlehem acht Söhne hatte und dass seine drei ältesten Söhne mit Saul in den Kampf gegen die Philister gezogen war. David wird als jüngster Sohn vorgestellt, den Isai nun zu den israelitischen Kämpfer schickt, obwohl wir doch schon an früheren Stellen des Buches Samuel von Isai und seinem Sohn David ausführlich erfahren haben.

 

Als ob sich der Schreiber dieses Textes während dieser Erzählung dann erst daran erinnerte, dass von David bereits ausführlich berichtet wurde und dass zuvor davon gesprochen wurde, dass David am Hof des Königs in Diensten Saul’s gestanden hatte, wird nachträglich begründet, warum David offensichtlich nicht mehr am königlichen Hof verweilte: ‚David kehrte öfters vom Hof Sauls nach Betlehem zurück, um die Schafe seines Vaters zu hüten.‘

 

Und nun kommt David wiederum ins Spiel, sein Vater schickt ihn nämlich ins Lager der Israelis, um ihnen Nahrung zu bringen und um zu erfahren, ob sich seine Söhne wohlauf befinden.

 

 

5. David’s Entschluss gegen Goliath zu kämpfen

 

Als David im Lager der Israeliten angekommen war, hörte er sich um und sah mit eigenen Augen, wie Goliath die Israeliten herausforderte und verhöhnte. Sofort ergreift er Partei für die Sache Gottes und entrüstet sich, dass hier ein Heide (ein Unbeschnittener) wage, die Schlachtreihen des lebendigen Gottes zu verhöhnen. Und dann fragt er die israelitischen Soldaten, welchen Lohn denn der König für denjenigen versprochen habe, der den Philister erschlage. Sie antworteten: ‚den wird der König sehr reich machen; er wird ihm seine Tochter geben und seine Familie wird er von allen Steuern in Israel befreien.‘

 

Sein ältester Bruder wurde allerdings darüber zornig, wie wichtig sich David mit seinen leichtfertigen Reden machte: ‚Wozu bist du denn hergekommen? Wem hast du denn die paar Schafe in der Wüste überlassen? Ich kenne doch deine Keckheit und die Bosheit in dir. Du bist nur hergekommen, um den Kampf zu sehen.‘

 

David  ließ sich jedoch nicht beirren und fuhr fort, immer wieder die gleichen Fragen zu stellen. Hiervon erfuhr auch Saul und ließ deshalb David zu sich kommen. David appelliert hierbei an das Gottesvertrauen und bietet sich als Kämpfer gegen Goliath an. Saul lehnt zunächst diesen Vorschlag ab, da er zu jung und damit wohl zu unerfahren sei, während Goliath seit seiner Jugend als Kämpfer aufgetreten sei.

 

David erwidert hierauf, dass er bereits wiederholt unter Beweis gestellt habe, dass er sehr wohl seinen Mann stehen könne. Schließlich habe er die Schafsherde seines Vaters gehütet und die Lämmer gegen den Angriff von Löwen und Bären erfolgreich verteidigt. Genauso wie er die wilden Tiere getötet habe, könne er auch Goliath erschlagen. Es sei schließlich ein heiliger Kampf, da Goliath den lebendigen Gott verhöhnt habe und wenn Gott ihn gegen die Bären und Löwen geschützt habe, stünde er auch im Kampf gegen Goliath unter dem Schutz Gottes. Hierauf willigte Saul ein, dass David mit dem Philister kämpfe.

 

Saul ließ hierauf David eine Rüstung anziehen, David hingegen legte die Rüstung sofort wiederum ab, da die Rüstung ihn im Kampf eher hindere als im schütze. Bewaffnet allein mit einem Stock in der einen Hand, fünf glatten Steinen in seiner Hirtentasche und mit der Schleuder in der anderen Hand ging David Goliath entgegen.

 

Hier wird deutlich eine Kulisse als Kontrastbild zwischen David und Goliath aufgebaut. Während von Goliath behauptet wird, dass er nicht nur übergroß und mächtig sei, sondern mit seiner Rüstung, seinem Schild und Speer bis an die Zähne bewaffnet sei, wird von David erwähnt, dass er jung, schmächtig und unerfahren sei und dass er sich nur mit seinen Händen und ganz wenigen Hilfsmitteln wie ein paar Steinen und einer Schleuder zur Wehr setzte.

 

Es ist ganz klar: Diese Kulisse soll den Unterschied zwischen beiden Kämpfern betonen und damit unterstreichen, dass die Besiegung Goliath durch David eine um so größere Leistung darstelle, die natürlich nur durch Gottes Beistand möglich war.

 

 

6. Die Erschlagung Goliath’s durch David

 

Dem eigentlichen Kampf David’s gegen Goliath ging eine gegenseitige Beschimpfung der Kämpfer voraus. Voll Verachtung blickte Goliath den David an, er hielt es unter seiner Würde, mit so einem jungen und unerfahrenen Krieger überhaupt kämpfen zu müssen, es sei eine Unverschämtheit, dass die Israeliten ihm dies zumuteten, vor allem war Goliath zornig, da David nur mit einem Stock (und einer Schleuder) bewaffnet ihn angriff, als wolle er sagen, dass Goliath so schwach sei, dass man ihn auch ohne Bewaffnung mit einer Rüstung und mit einem Schwert leicht besiegen könne.

 

Und dem Zorn Goliath’s entsprach dann auch die Beschimpfung und Einschüchterung David gegenüber: ‚Ich werde dein Fleisch den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren (zum Fraß) geben‘.

 

Auch in der Antwort Davids wird nochmals der Unterschied zwischen beiden Kämpfern hervorgehoben. Keinerlei Erregung und Wut spricht aus den Worten Davids, mit denen David Goliath antwortet: ‚Du kommst zu mir mit Schwert, Speer und Sichelschwert, ich aber komme zu dir im Namen des Herrn der Heere, des Gottes der Schlachtreihen Israels, den du verhöhnt hast.‘

 

David versucht gar nicht Goliath durch gleichwertige Beschimpfungen zu antworten. Um so mehr muss das, was David erwidert, Goliath wütend machen:

 

‚Heute wird dich der Herr mir ausliefern. Ich werde dich erschlagen und dir den Kopf abhauen. Die Leichen des Heeres der Philister werde ich noch heute den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren (zum Fraß) geben. Alle Welt soll erkennen, dass Israel einen Gott hat. Auch alle, die hier versammelt sind, sollen erkennen, dass der Herr nicht durch Schwert und Speer Rettung verschafft; denn es ist ein Krieg des Herrn und er wird euch in unsere Gewalt geben.‘

 

Rein äußerlich gleicht zwar die Antwort Davids der Beschimpfung Goliath’s. Auch David kündigt genauso wie Goliath an, seinen Gegner den Tieren zum Fraß zu geben. In Wirklichkeit besteht jedoch ein himmelweiter Unterschied zwischen beiden Aussagen. Goliath hat aus Wut, Überheblichkeit und Überschätzung seiner eigenen Kräfte gesprochen, während David gar nicht bestreitet, dass er selbst der schwächere ist. Wenn er aber trotzdem sich siegessicher gibt, so deshalb, weil er für Gott und im Auftrag Gottes handelt. Er geht in den Krieg, weil Gott beleidigt wurde und der Sieg scheint ihm sicher, weil Gott ihn siegen lassen wird.

 

Es folgt nun der letzte Akt dieses Kampfes. Beide nähern sich einander an. Als David in Augenhöhe mit Goliath stand, griff er in seine Hirtentasche, nahm einen Stein heraus, schleuderte ihn ab und traf den Philister an der Stirn. Der Stein drang in die Stirn ein und der Philister fiel mit dem Gesicht zu Boden.

 

Nochmals unterstreicht der Erzähler dieser Geschichte den Unterschied zwischen der Bewaffnung des Goliath und des David. Er schlug Goliath, ohne ein Schwert in die Hand zu nehmen nieder. Erst jetzt greift er zum Schwert – und zwar zum Schwert des Goliath, er selbst trug ja kein Schwert mit sich – und schlug Goliath als deutliches Zeichen des Sieges der Israeliten seinen Kopf ab. Diese symbolische Handlung versetzte die Philister in Schrecken, sodass sie panikartig das Feld verließen und flohen.

 

 

7. Abgesang

 

Nachdem David Goliath besiegt und enthauptet hatte, war plötzlich die Angst von den Israeliten verschwunden und sie verfolgten die Philister, töteten viele von ihnen und plünderten nach ihrer Rückkehr das Lager der Philister.

 

Dann folgt in der Erzählung etwas ganz Unverständliches. Saul frug Abner, seinen Heerführer, wer denn dieser Mann sei, der den Goliath besiegt habe, Abner antwortete, er kenne diesen Mann nicht. Und als David mit dem erschlagenen Haupt Goliath’s vor den König trat, fragte Saul auch ihn, wessen Sohn er sei. David antwortete hierbei – wie wenn er zum ersten Mal vor dem König erschienen sei  – dass sein Vater Isai sei.

 

Dieses Verhalten Sauls muss verwundern. Schließlich hatten wir zuvor erfahren, dass David schon vor langer Zeit an den königlichen Hof geholt worden war, um durch ein Zitherspiel die zeitweise Melancholie Sauls zu zerstreuen. Und an dieser Stelle wurde ja vermerkt, dass Saul David lieb gewonnen habe.

 

Wir erfahren dann im Fortgang der Erzählung, dass David vor seinem Kampf mit Goliath vor den König getreten sei und ihm mitgeteilt habe, dass er bereit sei, gegen Goliath anzutreten. Nachdem Saul zunächst der Meinung war, dass David als junger Hirte keinesfalls dem im Kriegsgeschäft versierten Goliath gewachsen sei, widersprach David, dass er sich ja auch gegen Löwen und Bären zu erwehren wusste und dass er genauso wie diese wilden Tiere auch Goliath besiegen könne. Hierauf willigte Saul ein, dass David gegen Goliath antrete.

 

Nach dieser Vorgeschichte erscheint es unglaubhaft, dass Saul David nicht kennen würde und deshalb nach seinem Namen fragen musste. Schließlich war David längere Zeit in unmittelbarer Nähe Sauls gewesen und das Spiel auf der Zither tat Saul so gut, dass er ihn lieb gewonnen hatte und ihn am Hofe in unmittelbarer Nähe des Königs hielt. David war also sicherlich nicht einer unter vielen, die bei einem beliebigen Empfang dem König vorgestellt wurde und von denen deshalb angenommen werden konnte, dass Saul den Namen und das Gesicht des einen oder anderen vergessen hatte.

 

Auch berichtet diese Erzählung ja nicht davon, dass Saul vielleicht nur Davids Namen nicht mehr erinnern konnte. Nein David war ihm und auch dem Heerführer vollkommen unbekannt, obwohl mit Sicherheit auch angenommen werden kann, dass der Heerführer sich zuvor ganz genau darüber unterrichtet hatte, wer denn der Mann sei, der als einziger bereit war, gegen Goliath anzutreten.

 

Wir wissen zwar von den vorhergehenden Texten über das Leben des König Saul, dass er melancholisch war und dass ja gerade deshalb David an den Hof gebracht worden war. Melancholie ist aber nicht zu verwechseln mit Demenz, welche tatsächlich hätte dazu führen können, dass ein dementer Mensch auch nähere Bekannte plötzlich nicht mehr erkennt. Aber ein dementer König hätte niemals die Kriegsgeschäfte führen können, von denen die beiden Bücher Samuel ausführlich berichten.

 

Man kann diese Widersprüche vermutlich nur so erklären, dass sich der Schreiber dieses Buches – es war ja mit Sicherheit nicht Samuel selbst, der die Endfassung dieser beiden Bücher besorgt hatte – bei der Niederschrift dieser Erzählung auf mehrere Quellen stützte – wir hatten ja auch schon wiederholt darauf hinweisen müssen, dass die einzelnen Bücher des Alten Testamentes mit Sicherheit aus mehreren Quellen  zusammengestellt wurden – und dass deshalb bei der Abfassung dieser Erzählung der Schreiber ex pressis verbis die verschiedenen Quellen benutzen wollte, ohne sich vielleicht für die eine oder andere Quelle zu entscheiden. Interessanter Weise endet dieser Bericht damit, dass Saul David von jenem Tag an bei sich hielt ihn nicht mehr in das Haus seines Vaters zurückkehren ließ. Hier plötzlich wird angedeutet, dass vor diesem Ereignis David offensichtlich bereits am Hofe verkehrte, nur dass er eben bisweilen nach Hause kehrte, um seinem alten Vater zu helfen und die Schafe zu hüten.

 

Viel wichtiger für den Fortgang der Bücher des Alten Testamentes ist jedoch der Hinweis, dass Davids Tat bewirkt hatte, dass sich David und der Sohn des Sauls näher kamen und beide eine tiefe Freundschaft beide verband.