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Randbemerkungen zum Börsenkrach

Fortsetzung

 

 

1. Einleitung

2. Einige falsche Sichtweisen

3. Die Rolle der Erwartungen

4. Rationales Verhalten und Panik

5. Die Rolle des Risikos

6. Die Bedeutung der zwischen den Banken gewährten Kredite

7. Das Privileg der Großbanken

8. Das Rettungspaket der Bundesregierung

 

 

 

6. Die Bedeutung der zwischen den Banken gewährten Kredite

 

Bei der Entstehung und Weiterentwicklung der vergangenen Börsenkrise spielten die Interbankenkredite (die Kredite, welche sich die Banken gegenseitig einräumen) eine entscheidende Rolle. Prinzipiell gilt in unserem Geldsystem, dass Unternehmungen und Haushalte Kredite bei den Privatbanken nehmen, während sich die Banken bei der Notenbank refinanzieren (also Kredite beziehen). Allerdings ist es üblich, dass sich die Banken untereinander ebenfalls und zwar wechselseitig Kredite einräumen.

 

Der Grund hierfür mag entweder darin liegen, dass auch von den Banken Kredite nachgefragt werden, welche nicht die strengen Sicherheitsregeln der Notenbank erfüllen oder aber auch darin, dass nur für eine sehr kurze Frist von einigen Tagen oder sogar Stunden diese Kredite benötigt werden. Da dieser Bedarf wechselseitig besteht, können sich die Banken diesen Kreditrahmen mit geringeren Kosten als bei den von der Notenbank gewährten Krediten gegenseitig einräumen, ohne dadurch in normalen Zeiten ein größeres Risiko einzugehen.

 

Im Zuge der vergangenen Börsenkrise stellte sich heraus, dass ein großer Teil der Banken sehr riskante Geschäfte getätigt hatte, aufgrund derer Wertberichtigungen im großen Ausmaß vorgenommen werden mussten, die aber die Banken so lange wie möglich vor der Öffentlichkeit zu verbergen versuchten, in der Hoffnung, doch noch mit einem blauen Auge davon zu kommen. Dieses Verhalten hat jedoch das gegenseitige Vertrauen in die Solidität der jeweils anderen Bank stark erschüttert, sodass keine Bank mehr bereit war, den anderen Banken diese Interbankenkredite weiterhin einzuräumen.

 

Dieser Rückgang in den Interbankkrediten führte zunächst einmal dazu, dass vielen Banken die Refinanzierungsmöglichkeiten fehlten und dass aus diesen Gründen auch die Kreditbereitschaft an die Nichtbanken nachließ. Werden jedoch einer Unternehmung die Kredite verweigert, so hat dies verheerende Folgen für die Produktion und Beschäftigung, da in Aussicht genommene Kapazitätserweiterungen zurückgestellt werden müssen und auch die Finanzierung von Ersatzinvestitionen nicht mehr gesichert ist.

 

Diese Verringerung in den Kreditmöglichkeiten ist jedoch nur die eine Seite des Vertrauensschwundes. Die andere Seite dieser Vorgänge besteht darin, dass die Geldversorgung nicht mehr gesichert ist. Die Versorgung unserer Volkswirtschaft mit ausreichendem Geld ist jedoch für die Funktionsfähigkeit unserer Volkswirtschaft unerlässlich. Reicht die umlaufende Geldmenge nicht mehr aus, den Geldbedarf der Wirtschaftssubjekte zu befriedigen, so kommt es zu Zinssteigerungen, welche ihrerseits die wirtschaftliche Aktivität lähmen. Die Wachstumsrate sinkt und mit ihr die Beschäftigung. Übersteigt andererseits die umlaufende Geldmenge die realen Produktionsmöglichkeiten, kommt es über Nachfrageüberhänge auf den Gütermärkten schließlich zu allgemeinen Preissteigerungen.

 

Es ist nun primäre Aufgabe der Notenbank sicherzustellen, dass die umlaufende Geldmenge nicht zu klein, aber auch nicht zu groß wird. Allerdings kann die Notenbank lediglich die Menge an ausgegebenen Banknoten unmittelbar kontrollieren. Für die Realisierung der gesamtwirtschaftlichen Ziele kommt es jedoch primär auf die gesamte umlaufende Geldmenge an, neben Banknoten und (Münzen) können jedoch Käufe auch mit Giralgeld bezahlt werden. Unter Giralgeld verstehen wir die Zahlungsmöglichkeiten, welche die Banken ihren Kunden dadurch einräumen, dass letztere ihre Zahlungsverpflichtungen durch Belastung ihrer Girokonten bei den Banken erfüllen.

 

Nun tritt vordergründig zunächst einmal das Giralgeld lediglich an die Stelle der Banknoten. Ein Wirtschaftssubjekt zahlt Banknoten auf sein Konto bei einer Bank ein und die Bank benützt diese eingegangenen Gelder, ihrerseits anderen Kunden Kredite einzuräumen. Aus mehreren Gründen sind jedoch die Banken in der Lage, eine größere Geldsumme ihren Kunden zur Verfügung zu stellen, als sie selbst durch Einlagen ihrer Kunden vereinnahmt haben. Die Geldtheorie spricht in diesem Zusammenhang von Giralgeldschöpfung.

 

Der Grund für diese Geldschöpfung liegt einmal darin, dass im Allgemeinen nicht der einem Privaten eingeräumte Kreditrahmen 100%ig abgehoben wird, dass weiterhin ein Teil der abgehobenen Gelder durch Überweisungen an Kunden der gleichen Bank lediglich zu einer Verschiebung der Gelder innerhalb derselben Bank führt, sodass die Bank aufgrund dieser Buchungen keinen der Kreditsumme entsprechenden Liquiditätsverlust erleidet.

 

Zum andern – und dies ist der viel wichtigere Grund – ist jedoch der Liquiditätsverlust einer Bank aufgrund der Gewährung von Krediten einfach deshalb wesentlich geringer als das Kreditvolumen, weil auch wiederum Gelder zu den Banken fließen, wenn die jeweils anderen Banken Kredite vergeben und ein Teil dieser Kredite für Zahlungen an Kunden der erstgenannten Bank verwendet werden. Man sprach in der Geldtheorie in diesem Zusammenhang davon, dass der Bankenapparat insgesamt die Möglichkeit hat, durch Gleichschritt (fast alle Banken weiten ihr Kreditvolumen in etwa gleichem Umfang aus) das gesamte Volumen an Giralgeld auch bei einer gleichbleibenden Menge an Banknoten auszuweiten.

 

Diese Möglichkeit der Giralgeldschöpfung der Privatbanken brachte nun die Notenbank zunächst in Schwierigkeiten, da sie ja einerseits unmittelbar nur für die Menge an ausgegebenen Banknoten verantwortlich sein kann, da aber anderseits Wachstum und Geldwertstabilität vom Umfang der gesamten Geldmenge abhängt, zu der auch das von den Privatbanken geschöpfte Giralgeld zählt. Gerade aufgrund dieser Zusammenhänge hatte man nach dem Ende des zweiten Weltkrieges weltweit den Notenbanken zusätzliche Steuerungsinstrumente zur Verfügung gestellt, aufgrund derer sie einen indirekten Einfluss auf die Giralgeldschöpfung der Banken und damit auch auf die gesamte Geldmenge erhielten.

 

Zu diesen Instrumenten zählte vor allem die Mindestreservepolitik, aufgrund derer die Banken verpflichtet werden können, einen bestimmten Prozentsatz ihren Einlagen als Mindestreserve bei den Notenbanken zu hinterlegen. Hierdurch kann die Notenbank dafür Sorge tragen, dass die Privatbanken Teile ihrer Gelder stilllegen müssen und dass damit ihre Möglichkeit, Giralgeld zu schöpfen, vermindert wird. Von dieser Möglichkeit macht jedoch die europäische Notenbank kaum mehr Gebrauch.

 

Gleichzeitig erhielten die Notenbanken die Möglichkeit und das Recht, auf den Geld- und Kapitalmärkten zu intervenieren, d.h., Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen, um auf diese Weise Einfluss auf den Zinssatz und die umlaufende Geldmenge zu gewinnen. Immer dann, wenn die Notenbank Wertpapiere verkauft, zahlen die Käufer dieser Papiere mit Geld, das nun auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen wurde.

 

In dem Maße, in dem sich die Banken in der Vergangenheit Interbankenkredite einräumten, haben sie damit zugleich die Giralgeldmenge ausgeweitet, da ja aufgrund dieser Kredite die Banken ihrerseits die Möglichkeit erhielten, die bisherige Kreditsumme auszuweiten (bzw. eine sonst notwendige Reduzierung der Kreditsumme zu vermeiden). Wenn nun im Zusammenhang mit der Börsenkrise dieses Volumen an Interbankkrediten stark reduziert wird, bedeutet dies gleichzeitig, dass auch das Volumen der Giralgeldmenge und damit indirekt auch – bei konstant bleibender Banknotenmenge – das Volumen der gesamten umlaufenden Geldmenge verringert wird.

 

Damit ist jedoch die Geldversorgung gefährdet. Die Notenbank hat deshalb dafür Sorge zu tragen, dass in dem Umfang, in dem das Giralgeldvolumen reduziert wurde, entweder die Banknotenmenge ausgeweitet wird oder aber Anreize geschaffen werden, neues Giralgeld zu schaffen. Von der ersteren Möglichkeit wird dann Gebrauch gemacht, wenn die Notenbank z. B. Wertpapiere kauft. Hier zahlt die Notenbank mit Banknotengeld, sodass also die umlaufende Banknotenmenge automatisch erhöht wird. Gleichzeitig wird jedoch der Umstand, dass die Notenbank als Anbieter auf den Geld- und Kapitalmärkten vermehrt auftritt, das allgemeine Zinsniveau verringern mit der Folge, dass neue Anreize geschaffen werden, einerseits Investitionskredite von Seiten der Unternehmungen nachzufragen, anderseits jedoch auch vermehrt Kredite von Seiten der Privatbanken anzubieten, da die Banken ja nun verbilligte Kredite von der Notenbank erhalten.

 

Allerdings kann diese Ausweitung der Geldmenge unter Umständen daran scheitern, dass wegen fehlender Voraussetzungen (z. B. mangelnder Sicherheiten) diese Nachfrage nicht zum Zuge kommt. Hier bedarf es unter Umständen einer Reform der Modalitäten, unter denen eine Kreditvergabe von Seiten der Notenbank erfolgen kann. Wir werden auf diese Frage weiter unten im Zusammenhang mit dem von der Bundesregierung angebotenen Rettungspaketes nochmals zurückkommen.

 

 

7. Das Privileg der Großbanken

 

Auf dem Höhepunkt der Börse verkündete der Finanzminister Steinbrück, es müsse politisch klar gestellt werden, dass keine Großbank in Konkurs gehen dürfe. Als genereller, auch langfristig gültiger Grundsatz hätte eine solche Garantie verheerende Folgen, und zwar in gesamtwirtschaftlicher, aber vor allem auch ordnungspolitischer Hinsicht.

 

Natürlich muss kurzfristig unterschieden werden zwischen einem Zustand, in dem die Börsenkrise bereits in Gang ist und Situationen, in denen der Bankensektor noch als gesund gelten kann und es nur darauf ankommt, alles Mögliche zu tun, damit es überhaupt nicht zu einem größeren Börsenkrach kommen kann.

 

Wenn die Börsenkrise bereits auf ihren Höhepunkt zusteuert, mag es zu einer Garantie darüber, dass keine größere Bank pleitegehen kann, gar keine andere praktikable Alternative geben, möglichst schnell und mit möglichst wenig Gefahren für die reale Volkswirtschaft aus der Krise herauszufinden. Zu groß sind der Vertrauensverlust und die dadurch entstehende Panik bei der Bevölkerung, wenn in einer solchen Situation die Gefahr droht, dass eine größere Bank in Konkurs geht. Es würde dann ein Run auf fast alle Banken einsetzen und zwar nicht nur bei der bedrohten Bank, die Bankeinlagen würden abgehoben werden und damit die Fähigkeit der Banken, weiterhin an Unternehmungen Kredite zu gewähren, verloren gehen.

 

Gerade weil die Banken insgesamt als Bankensystem die Möglichkeit haben, Giralgeld zu schöpfen und ein Vielfaches der den Banken zur Verfügung stehenden Banknoten an Giralgeld zu schaffen, hätte ein solcher Run auf die Banken eine Wirkung, welche ein Vielfaches des abgezogenen Geldes ausmachen würde.  Wenn das Kind bereits in das Bad gefallen ist, reichen noch so zahlreiche Vorkehrungen nicht aus, zu verhindern, dass das Kind ohne Aufsicht gar nicht in die Nähe des Bades kommen kann, es ist bereits in das Bad gefallen, es – bedarf bildlich gesprochen – anderer Vorkehrungen, das Kind aus dem Bad zu heben als zu verhindern, dass es in das Bad fällt.

 

Insoweit wird man der Bundesregierung bescheinigen können, dass es in einer solchen Krisensituation unerlässlich war, mit dem dann beschlossenen Rettungspaket eine Ausweitung der Börsenkrise zu verhindern. Trotzdem bleibt natürlich die Feststellung bestehen, dass eine Existenzgarantie für alle Großbanken in ordnungspolitischer Hinsicht verheerende Folgen hat und dass es deshalb notwendig wird, möglichst schnell grundsätzliche Reformmaßnahmen einzuleiten, sodass man sich auf lange Sicht wiederum von dem Grundsatz trennen kann, dass keine größere Bank die Gefahr läuft, in Konkurs zu gehen.

 

Was ist jedoch aus ordnungspolitischer Sicht an dem Grundsatz so falsch, dass keine größere Bank pleitegehen darf? Schließlich ist die generelle Möglichkeit einer Unternehmung, Pleite zu gehen, die Voraussetzung dafür, dass die Unternehmungen unter starkem Druck stehen, alles Mögliche zu unternehmen, um eine optimale Produktion zu erreichen und größere Fehlentscheidungen zu vermeiden.

 

Darüber hinaus trägt diese versteckte Gefahr dazu bei, dass dann, wenn Fehlentscheidungen größeren Umfanges gefällt wurden, die Volkswirtschaft nicht mehr in der Lage ist, den ineffizienten Weg zu verlassen und die in diese Fehlentwicklungen gebundenen Ressourcen für effizientere Produktionen frei zu geben.

 

Diese allgemeinen Überlegungen gelten prinzipiell auch für den Bankensektor. Auch hier kommt der Möglichkeit, bei Fehlentscheidungen Konkurs gehen zu können, eine ordnungspolitische Funktion zu. Die ohnehin bestehende Tendenz zu immer größeren Unternehmungseinheiten bringt die Gefahr mit sich, dass auf diesem Wege der Wettbewerb vermindert wird. Ein starker Wettbewerb ist jedoch die unerlässliche Voraussetzung dafür, dass eine marktwirtschaftliche Ordnung zu einigermaßen optimalen Ergebnissen führt.

 

Dem Wettbewerb ist es nämlich zu verdanken, dass auf der einen Seite die Unternehmungen gezwungen werden, jede technisch mögliche Kostensenkung und Qualitätsverbesserung der Produkte auch wahrzunehmen, dass aber auf der anderen Seite die Unternehmungen auch unter Druck stehen, Kostensenkungen in den Preisen der Endprodukte weiter zu geben und auf diese Weise die Gesamtbevölkerung an dem Wachstum der Volkswirtschaft teilzunehmen zu lassen. Diese Überlegungen  gelten für die gesamte Volkswirtschaft, also auch für den Bankensektor.

 

Natürlich sind die Zusammenhänge nicht so einfach, dass man sagen könnte, jede Zunahme der Unternehmungsgröße verringere den Wettbewerb und sei deshalb aus ordnungspolitischer Sicht zu unterbinden, genauso wenig, wie es richtig wäre, dass jede Vergrößerung der Unternehmungsgrößen der Volkswirtschaft nutze. Durch eine Tendenz zur Konzentration und zum Zusammenschluss von Unternehmungen wird zunächst nur die einzelwirtschaftliche Position einer Unternehmung verbessert. Wettbewerb ist für diejenigen, die im Wettbewerb stehen, immer lästig und insofern wird man immer beobachten können, dass Unternehmungen das Ziel verfolgen, durch Zusammenschluss von Unternehmungen die Unternehmungsgröße zu erhöhen und damit Wettbewerb auszuschalten oder zumindest zu verringern.

 

Gesamtwirtschaftlich sind aber die Zusammenhänge zwischen Unternehmungsgröße, Wettbewerb und gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt sehr viel komplexer. Eine Vergrößerung einer Unternehmungseinheit kann zwar im Einzelfall die Produktivität steigern. Es gibt aber immer eine von den technischen Bedingungen abhängige Unternehmungsgröße, bei der ein Kostenminimum erreicht wird, bis zu der also zwar jede Vergrößerung einer Unternehmung zu Produktivitätssteigerungen führt, von der ab aber jeder Versuch, eine Unternehmung noch größer werden zu lassen, wiederum zu einem Kostenanstieg führt.

 

Mit der Zunahme der Unternehmungsgröße und der dadurch möglich werdenden Zentralisierung der Entscheidungen mögen auf der einen Seite in der Tat Kosteneinsparungen eintreten. Auf der anderen Seite aber führt gerade der Umstand, dass die Entscheidungen bei einer Zentralisierung immer weiter entfernt von dem Standort der Kunden gefällt werden, auch dazu, dass die Ausrichtung an den Bedürfnissen der Kunden vernachlässigt wird und damit die Gefahr von Fehlallokationen ansteigt. Nicht jede Vergrößerung einer Unternehmung führt somit zu Produktivitätsfortschritten.

 

Auch im Hinblick auf den Einfluss auf die Wettbewerbsstärke kann nicht generell davon gesprochen werden, dass ein Konzentrationsprozess immer den Wettbewerb behindert, genauso wenig wie natürlich jede Konzentration eine Verbesserung der Wettbewerbslage bedeutet. Solange sich eine Volkswirtschaft gegen Außeneinflüsse weitgehend abgeschirmt hat, führt nahezu jede Konzentration auch zu einer Verminderung des Wettbewerbs in der Binnenwirtschaft. Im Zuge der Globalisierung kann jedoch durchaus im Einzelfall durch einen Zusammenschluss mehrerer Einzelunternehmungen der Wettbewerb sogar gestärkt werden, dann nämlich, wenn ausländische Unternehmungen eine solche Größe erreicht haben, dass ein aussichtsreicher Wettbewerb der inländischen Unternehmungen mit den ausländischen Firmen ohne Zusammenschluss gar nicht möglich ist.

 

Es muss also in jedem Einzelfall überprüft werden, ob ein konkreter Zusammenschluss den Wettbewerb mit ausländischen Unternehmungen stärkt oder schwächt. Und es bedarf einer Aufsicht von Seiten der Bankenaufsicht oder anderer Kontrollorgane, welche nur solche Zusammenschlüsse erlauben darf, welche den Wettbewerb nicht gefährden.

 

Halten wir also fest: Auf lange Sicht würde ein Grundsatz, dass keine größere Bank pleitegehen darf, den Wettbewerb im Bankensektor untergraben. Die ohnehin bestehende Tendenz fast jedes Unternehmers, den Wettbewerb zu verringern, würde noch vergrößert. Die Banken wären bestrebt, durch Zusammenschluss eine solche Größe zu erlangen, dass sie auf jeden Fall vom Staat an einem Konkurs verhindert werden, mögen sie noch so große Fehlentscheidungen getroffen haben. Notwendig ist hingegen eine Verbesserung der Kontrollmöglichkeiten von Seiten der Monopolbehörden und anderen Aufsichtsorganen.

 

Die Möglichkeit der Banken, zu verhindern, dass Fehlentscheidungen rechtzeitig den Aufsichtsorganen (Aufsichtsrat sowie Bankenkontrolle) bekannt werden, müssen beseitigt oder zumindest erschwert werden und die Aufsichtsorgane müssen vermehrt mit Instrumenten ausgestattet werden, den Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, damit auf diese Weise die Ausbreitung einer Krise rechtzeitig abgestoppt werden kann. Schließlich müssen auch Möglichkeiten bestehen, bei einem Konkurs einer Bank zu verhindern, dass auch die Einlagen der Bankkunden verlustig gehen. Allerdings dürften die bereits bestehenden Sicherungsmaßnahmen weitgehend ausreichen, diesen letztgenannten Funktionen zu entsprechen.

 

Per Gesetz sind nämlich die Banken dazu verpflichtet, hohe Rücklagen zu bilden, aus denen dann im Ernstfall die Ansprüche der Kunden bedient werden können. Gleichzeitig sehen die meisten Banken eine wechselseitige Unterstützung zur Absicherung der Ansprüche aus Einlagen vor. Schließlich haben die kürzlich von der Regierung ausgesprochenen Garantien dazu beigetragen, sicher zu stellen, dass normale Sichteinlagen und Sparkonten de facto nahezu 100%ig  abgesichert sind.

 

 

8. Das Rettungspaket der Bundesregierung

 

Befassen wir uns schließlich etwas ausführlicher mit dem Rettungspaket der Bundesregierung. Bis zu 500 Milliarden Euro stellt der Staat mit diesem Maßnahmenkomplex notleidenden Banken zur Verfügung. Hierzu wurde ein "Finanzmarktstabilisierungsfonds" geschaffen. Er vergrößert automatisch die Neuverschuldung des Bundes. Direkte Auswirkungen auf den Bundeshaushalt gibt es jedoch nicht, da die Zinsen zur Kredittilgung nicht aus dem Bundeshaushalt, sondern aus dem Stabilisierungsfonds gezahlt werden.

 

Zunächst ist dieses Maßnahmenpaket allerdings für ein gutes Jahr befristet. Natürlich besteht die Möglichkeit, im Bedarfsfalle diese Maßnahmen zu verlängern. Diese Vergünstigungen stehen prinzipiell allen deutschen Finanzinstitute offen. Als direkte Kapitalspritzen können pro Bank maximal zehn Milliarden Euro gewährt werden. Der staatliche Ankauf von Anteilen ist auf fünf Milliarden Euro pro Bank begrenzt.

 

Dieses Packet umfasst im Wesentlichen drei oder wenn man will eigentlich vier unterschiedliche Maßnahmenkomplexe. Es räumt erstens im Umfang von maximal 80 Milliarden die Möglichkeit ein, dass sich der Staat durch Aufkauf von Anteilen an krisenanfälligen Banken beteiligt.

 

Zweitens sieht es die Möglichkeit vor, dass der Staat für Kreditgeschäfte Bürgschaften im Umfang von insgesamt maximal 400 Mrd. übernimmt. Drittens sind 20 Milliarden schließlich für Kredite vorgesehen, die bei möglichen Bürgschaftsausfällen benötigt werden. Viertens werden diese drei Maßnahmenkomplexe begleitet durch eine Reform in den Spielregeln des nationalen, aber auch des internationalen weltweiten Finanzsektors.

 

Beginnen wir mit der möglichen Beteiligung des Staates am Vermögen der Banken. Wir hatten weiter oben bereits gezeigt: Die Börsenkrise wurde unter anderem dadurch ausgelöst, dass zahlreiche Banken in ihren Bilanzen Wertberichtungen größten Ausmaßes vornehmen mussten, da viele weltweite Beteiligungen an internationalen Fonds und anderen Kapitalformen aufgrund fehlerhafter und zu riskanter Aktivitäten einen hohen Wertverlust verzeichneten. Eine solche Wertberichtung ist gleichbedeutend damit, dass die Summe des Eigenkapitals dieser Banken reduziert wird.

 

Die einschlägigen Gesetze wie auch die Grundsätze einer ordnungsgemäßen Führung der Banken verlangen nun, dass die von den Banken an die Unternehmungen und Haushalte vergebenen Kredite ein bestimmtes Verhältnis zwischen Kreditsumme und Eigenkapital (etwa 10 zu 1) nicht überschreiten dürfen. Dieses Verhältnis wird jedoch automatisch verschlechtert, wenn die Eigenkapitalsumme nach unten korrigiert werden muss. Wir hatten darauf hingewiesen, dass die Wiederherstellung des notwendigen Verhältnisses zwischen Eigenkapital nur dadurch wiederhergestellt werden kann, dass entweder das Eigenkapital erhöht oder aber das Kreditvolumen reduziert wird.

 

Da eine Reduzierung des Kreditvolumens die Gefahr mit sich bringt, dass hierdurch die wirtschaftliche Aktivität der Unternehmungen nachlässt und dass dadurch ein Konjunkturabschwung ausgelöst wird, ist selbstverständlich der Weg einer Erhöhung der Eigenkapitaldecke der richtigere dieser zwei möglichen Alternativen. Genau dieser Weg wird jedoch mit der Beteiligung des Staates am Eigenkapital der Banken beschritten, sodass dieses erste Maßnahmenbündel des staatlichen Rettungspaketes grundsätzlich durchaus als positiv eingestuft werden kann.

 

Nun stellt diese Maßnahme – wenn man will – eine teilweise Verstaatlichung der Banken dar und es fragt sich natürlich, ob eine Verstaatlichung erwerbswirtschaftlicher Unternehmungen nicht aus ordnungspolitischen Gründen abgelehnt werden sollte. In der Tat ist jeder, der die Grundziele des Liberalismus bejaht, davon überzeugt, dass die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen von privaten Unternehmungen sehr viel effizienter vorgenommen werden kann als von staatlichen Behörden oder auch von an und für sich erwerbswirtschaftlichen Unternehmungen, die durch Beteiligung des Staates in direkter Weise von staatlichen Bürokraten und Politikern abhängen.

 

Und zwar gilt dieser Grundsatz nicht etwa deshalb, weil freie Unternehmer bessere und qualifiziertere Menschen sind, sondern allein deshalb, weil nur vom Markt und seinem Wettbewerb ausreichende Anreize ausgehen, um die Kosten zu senken, die Produktion am Bedarf der Konsumenten auszurichten und schließlich die Konsumenten über Preissenkungen an der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtssteigerung teilnehmen zu lassen.

 

Diese Bedenken wären jedoch nur dann von Bedeutung, wenn der Staat zwangsweise eine Teilverstaatlichung – auch ohne Zustimmung der Beteiligten – verordnen würde und wenn darüber hinaus eine partielle Verstaatlichung der Banken auf lange Sicht vorgesehen wäre. Das Rettungspaket der Regierung sieht jedoch vor, dass eine staatliche Beteiligung des Staates am Eigenvermögen der Banken nur auf Antrag der betroffenen Banken erfolgt und dass die Banken jederzeit die Möglichkeit haben, diese Kapitalanteile wieder abzustoßen und damit das Eigentum des Staates durch Aufstockung des privaten Eigenkapitals zu ersetzen.

 

Da nun der Staat bei einer Beteiligung am Eigenkapital der Banken automatisch auch an der Kontrolle dieser Unternehmungen im Aufsichtsrat beteiligt wird und da die Bundesregierung auch schon zum Ausdruck gebracht hat, dass die Regierung diese Kontrollmöglichkeiten auch dazu benutzen wird, um allgemeine politische Ziele wie etwa Beschränkung der Managergehälter durchzusetzen, werden die Banken auch ein großes Interesse daran haben, die staatliche Beteiligung so schnell wie möglich – das heißt, sobald es die wirtschaftliche Lage erlaubt – wieder rückgängig zu machen.

 

Die Gefahr, dass hier auf lange Sicht ein Prozess der Verstaatlichung der Banken ausgelöst wurde und damit im Grunde wiederum zu den alten sozialistischen Konzepten der Verstaatlichung der Schlüsselindustrien zurückgekehrt wird, ist sicherlich im Zusammenhang mit dem Rettungspaket der Bundesregierung nicht sehr groß.

 

Nun hat man in der Öffentlichkeit gerade diese Freiwilligkeit der staatlichen Beteiligung am Eigenkapital der Banken kritisiert und die Vorstellung geäußert, dass nur dann eine nachhaltige Beendigung der Bankenkrise erwartet werden könnte, wenn der Staat eine zwangsweise Beteiligung zumindest an den größeren Banken vorgesehen hätte.

 

In der Tat klingen solche Vorstellungen auch bei einigen jüngst gemachten Äußerungen sowohl des Bundesfinanzministers wie auch der Bundeskanzlerin an, wenn sie sich bitter darüber beklagen, dass einige Großbanken wie etwa die Deutsche Bank nicht bereit seien, diese staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Offensichtlich ist auch die Bundesregierung der Auffassung, dass nur dann die Krise überwunden und ausreichend Vertrauen in die Banken wiederhergestellt werden kann, wenn auch möglichst alle großen Banken an dieser Aktion der Beteiligung des Staates am Eigenkapital der Banken mitmachen.

 

Nun hatte bekanntlich Ackermann, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, davon gesprochen, dass er sich schämen würde, wenn er (seine Bank) staatliche Hilfe in Anspruch nehmen würde. Dieser Ausspruch wurde in der Öffentlichkeit so ausgelegt, als würde Herr Ackermann seine Vorstandskollegen in den anderen Großbanken vor einer Inanspruchnahme dieser staatlichen Hilfe warnen und abhalten wollen.

 

Dass dies ein falscher Eindruck wäre, hat Herr Ackermann ja in der Zwischenzeit festgestellt, er hat ex pressis verbis seine Äußerung lediglich auf das Verhalten der von ihm geführten Bank beschränkt, das Rettungspaket der Bundesregierung ausdrücklich als hilfreich zur Überwindung der augenblicklichen Bankenkrise bezeichnet und es als erwünscht angesehen, dass Banken, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten seien, diese Hilfe auch in Anspruch nehmen.

 

In der Öffentlichkeit wurde bisweilen davon gesprochen, dass diejenige Bank, welche als erste sich unter den Rettungsschild des Staates stellen würde und Geldmittel aus diesem staatlichen Fonds beantragen würde, als Verlierer gebrandmarkt sei, deshalb weitere Kursverluste befürchten müsste und gerade deshalb zögere, diese staatliche Hilfe anzunehmen. Die jüngste Entwicklung an den Börsen hat gezeigt, dass diese Vermutung falsch war. Bereits die Ankündigung der Commerzbank als erste rein private Großbank die staatliche Hilfe zu beantragen, hat zu einem deutlichen Kursanstieg der Commerzbank-Aktien geführt. Offensichtlich haben die Börsianer zum Ausdruck gebracht, dass sie erwarten, dass dieses Hilfegesuch die langfristigen Aussichten dieser Bank nicht geschmälert, sondern sogar verbessert  habe.

 

Bei der Beurteilung der staatlichen Beteiligung am Eigenkapital der Banken gilt es zu bedenken, dass zwar im Allgemeinen eine unmittelbare Kontrolle von Seiten des Staates in den Kontrollorganen der Bank unerwünscht ist, da sie dazu führen kann, dass die Bereitstellung der Dienstleistungen weniger an der Produktivität und Effizienz als vielmehr an politischen Zielen ausgerichtet wird. Es gilt aber auch zu bedenken, dass die an und für sich notwendige Kontrolle von Seiten der Monopol- und Bankenaufsicht bisher versagt hat und auf jeden Fall nicht ausreichend war und dass deshalb die nun bestehende Kontrolle des Staates lediglich die Aufgaben wahrnimmt, die eigentlich von anderen Kontrollorganen hätten wahrgenommen werden müssen.

 

Natürlich sollte auf lange Sicht diese Kontrolle wiederum an die eigentlichen hier zuständigen Kontrollorgane übertragen werden, solange aber diese Reform noch nicht vollzogen ist, kann die nun vorliegende Kontrolle über die Kapitalbeteiligung des Staates durchaus als eine Art ‚second best‘-Lösung akzeptiert werden.

 

Nun wurde in der Öffentlichkeit wiederholt die Auffassung vertreten, das Fehlverhalten der Banken sei ein Beweis dafür, dass der Neoliberalismus versagt habe. Diese Auffassung verkennt vollkommen die Lehre des Neoliberalismus. Walter Eucken, einer der Hauptvertreter des Neoliberalismus im Nachkriegsdeutschland, hat wiederholt darauf hingewiesen, dass eine Marktwirtschaft nicht nur durch Eingriffe des Staates, sondern genauso durch monopolistische Machtansprüche Privater bedroht sei und dass es deshalb eines starken Staates bedürfe.

 

Es geht dem Neoliberalismus nicht primär darum, den Staat aus der Wirtschaft zu verbannen, er wendet sich vielmehr lediglich dagegen, dass die an und für sich sehr wohl notwendige politische Einflussnahme des Staates mit marktinkonformen Mitteln erfolgt, da diese auf der einen Seite gar nicht den erwünschten Erfolg bringen kann und da diese auf der anderen Seite mit gravierenden negativen Sekundärwirkungen verbunden ist.

 

Gerade im Zusammenhang mit der Geldordnung hat der Neoliberalismus stets betont, dass eine Marktwirtschaft einer staatlichen Kontrolle über die Geldversorgung bedürfe. Walter Eucken sprach in diesem Zusammenhang vom Primat der Währungspolitik, den er zu den konstituierenden Prinzipen einer marktwirtschaftlichen Ordnung zählte und der darin besteht, dass die Festlegung der notwendigen Geldmenge nicht dem Wettbewerb ausgesetzt sein dürfe, dass also die Notenbank aufgrund ihrer Aufgabe notwendigerweise ein Monopol auf die Geldschöpfung haben müsse. Nur Friedrich von Hayek ist in dieser Beurteilung von den übrigen Liberalen abgewichen, er wird auch im Allgemeinen nicht zu den Neoliberalen im engeren Sinne gezählt.

 

Darüber hinaus gilt es daran zu erinnern, dass die Bankenkrise ja vor allem von den Banken in Deutschland ausgelöst wurde, die einen öffentlichen oder halböffentlichen Charakter aufweisen. Es waren vor allem einige Landesbanken, die schon lange vor dem Beginn der eigentlichen Börsenkrise durch Milliarden von staatlichen Zuschüssen gestützt werden mussten. Die Ereignisse der letzten Jahre im Bankensektor haben nicht die neoliberale Theorie widerlegt, sondern ganz im Gegenteil bestätigt. Dass in der Vergangenheit in zu geringem Maße das Geschehen der Banken von den staatlichen Kontrollorganen kontrolliert wurde, erfolgte nicht aus neoliberaler Vorstellung, sondern entgegen der vom Neoliberalismus entwickelten Reformvorschläge.

 

Im Zusammenhang mit dem Rettungspaket der Bundesregierung wurden wiederholt die Pläne der Regierung kritisiert, da auf diese Weise die Gewinne der Banken privatisiert blieben, ihre Verluste jedoch sozialisiert würden und dass auf diese Weise letztendlich der Steuerzahler die Zeche zahlen müsse.

 

In dieser Form ist diese Kritik nicht berechtigt. Natürlich ist eine Ordnung nur dann akzeptabel, bei der die Unternehmer dann, wenn sie zur Wohlfahrtssteigerung beitragen, Gewinne erzielen und vereinnahmen können, bei der aber dann, wenn die Banken Verluste machen und damit die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt beeinträchtigen, selbstverständlich diese Verluste selbst tragen müssen.

 

Zweifelhaft an diesen Vorstellungen ist nur die Meinung, dass durch die Beteiligung des Staates am Eigenkapital der Banken in der Höhe der Einlagen des Staates sozusagen Steuergelder verschwendet würden. Zunächst einmal stellt die Beteiligung des Staates am Eigenkapital der Banken lediglich eine Veränderung in der Struktur des Staatsvermögens dar. In Höhe der Eigenkapitaleinlage wird ja der Staat Eigentümer, sein Gesamtvermögen hat sich zunächst überhaupt nicht vermindert.

 

Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass der Staat als Bankeneigner an den Erträgen dieser Banken beteiligt wird. Erwirtschaften diese Banken aufgrund dieser Kapitalspritze wieder normale Gewinne, so fließt ein Teil der Gewinne automatisch in die Staatskasse, der Steuerzahler wird in diesem Falle sogar entlastet. Nur dann, wenn diese Banken – entgegen der Erwartungen über die Folgen dieser Kapitalspritze – auch in Zukunft Verluste machen, vermindern sich die Einnahmen des Staates und nur dann ist der Steuerzahler hiervon negativ betroffen.

 

Ob es sich jedoch hierbei um absolute Verluste des Staates handelt, hängt aber entscheidend davon ab, wie denn diese Vermögensteile bisher angelegt waren und Gewinne oder ebenfalls Verluste für den Staat gebracht haben. Auf lange Sicht ist es sehr unwahrscheinlich, dass der Staat in den bisherigen Vermögensanlagen größere Gewinne oder geringere Verluste erzielt hätte, schließlich trägt die gemeinsame Konjunktur dazu bei, dass die Gewinne der Banken ähnlichen Konjunkturschwüngen ausgesetzt sind wie die Gewinne der gewerblichen Unternehmungen.

 

Kommen wir nun zum zweiten und dritten Maßnahmenkomplex innerhalb des staatlichen Rettungspaketes. Die Banken können staatliche Bürgschaften für gewährte Interbankkredite beantragen, hierfür stehen insgesamt 400 Milliarden zur Verfügung. In diesem Falle besteht für die Banken ein Anreiz, auch dann anderen Banken Kredite zu gewähren, wenn diese Kreditgeschäfte aufgrund der allgemeinen Krisenstimmung als zu riskant erscheinen. Kredite werden zusätzlich bei möglichen Bürgschaftsausfällen benötigt. Hierfür sind 20 Milliarden veranschlagt.

 

Die Tatsache, dass der Staat Bürgschaften für Interbankenkredite einräumt, belastet zunächst in dem Zeitpunkt, in dem die Bürgschaft geleistet wird, den Bundeshaushalt und damit letztlich die Steuerzahler überhaupt nicht. Eine Belastung des Bundeshaushaltes entsteht in späteren Zeitpunkten allerdings dann, wenn Banken solche Kredite wegen Zahlungsunfähigkeit nicht mehr zurückzahlen können. Da aber diese Bürgschaften nicht etwa eingeräumt werden, um besonders riskante Kredite zu ermöglichen, sondern allein, um unter normalen Bedingungen als unbedenklich geltende Kredite zu ermöglichen, die im Augenblick nur wegen des allgemeinen Vertrauensschwundes im Zusammenhang mit der Börsenkrise nicht gewährt werden, ist damit zu rechnen, dass nur in sehr seltenen Fällen diese Bürgschaften zu einer effektiven Belastung des Staates führen.

 

Diese Maßnahmen sind sicherlich im Prinzip geeignet, eine bereits bestehende Börsenkrise zu überwinden. Es fragt sich allerdings, ob es zur Realisierung dieses Zieles wirklich notwendig ist, neue Behörden einzurichten. Die Aufgabe, für eine ausreichende Geldversorgung zu sorgen, obliegt normalerweise der Bundesbank. Natürlich mag es richtig sein, dass die augenblickliche Bundesbankverfassung solche Hilfen nicht gestattet, es wäre aber sicherlich möglich gewesen, der Bundesbank diese zusätzlichen Möglichkeiten zu übertragen.

 

Die Aufgaben einer Notenbank sind eng umschrieben, sie beschränken sich auf das Ziel einer ausreichenden Geldversorgung. Werden neue Einrichtungen geschaffen, die dem Staat unmittelbar unterstehen, besteht immer die Gefahr, dass die Besetzung der Führungspositionen nicht danach vorgenommen wird, ob die Kandidaten für die Leitung dieser neuen Institutionen über einschlägige Kenntnisse über Finanz- und Bankengeschäfte verfügen, sondern vorwiegend danach, ob diese den regierenden Parteien angehören und damit sicher stellen, dass die allgemeinen politischen Vorstellungen dieser Parteien verwirklicht werden.

 

Damit soll nicht zum Ausdruck gebracht werden, dass tatsächlich bei der Auswahl der Führungspositionen solche Entscheidungen getroffen wurden, sondern nur, dass generell eine Tendenz besteht, nach solchen Kriterien Führungspositionen auszuwählen. Es ist ein Unterschied, ob in einem konkreten Einzelfall zu prüfen ist, wie sich eine Führungskraft tatsächlich verhalten hat, hier reicht es nicht, darauf hinzuweisen, dass mit falschen Verhaltensweisen zu rechnen ist. Ein ganz anderer Maßstab ist anzulegen, wenn es um die Einführung oder Änderung einer Ordnung geht, hier geht es darum, solche Systeme zu bevorzugen, bei welchen die Wahrscheinlichkeit bestimmter unerwünschter Verhaltensweisen möglichst gering ist.

 

Bei der Vergabe dieser Mittel kommt es z. B. nicht primär darauf an, durchzusetzen, dass die Managergehälter auf eine politisch akzeptable Höhe begrenzt werden – mag diese Zielsetzung politisch noch so erwünscht erscheinen –, sondern darauf, die Banken- und Börsenkrise baldmöglichst zu überwinden. Wir werden auf diesen Punkt weiter unten nochmals zu sprechen kommen.

 

Die bisher besprochenen drei Maßnahmen: das sogenannte Rettungspaket dienten ausschließlich dazu, zu verhindern, dass die Krise weiter um sich greift und eine bereits eingetretene Krise baldmöglichst überwunden wird. Mit diesen Maßnahmen allein lässt sich jedoch keine Krise verhindern. Wir wollen uns deshalb im Folgenden noch kurz mit der Frage befassen, was getan werden muss, um solche Krisen in Zukunft zu verhindern. Dieser vierte Maßnahmenkomplex ist eigentlich langfristig gesehen der wichtigste, aber sicherlich bis jetzt auch noch am wenigsten ausgearbeitet. Es ist auch nicht zu verwundern, dass je nach politischer Überzeugung hierbei recht unterschiedliche Vorstellungen entwickelt werden.

 

Wenn wir uns daran erinnern, dass die augenblickliche Krise durch Fehlentscheidungen in Amerika begann, so ist an erster Stelle in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass eine internationale Koordination dringend notwendig ist, sicherlich ist richtig, dass aufgrund der starken internationalen Verflechtung der Volkswirtschaften, insbesondere aber der Finanzmärkte keine größere Börsen- und Bankenkrise ohne solche Maßnahmen einer internationalen Koordination überwunden werden kann. Hier sind in der Tat – die europäischen wie die amerikanischen Politiker – um eine grundlegende Reform der internationalen Währungsmärkte bemüht.

 

Man wird auch zustimmen können, dass in Anbetracht dessen, dass im IWF, dem Internationalen Währungsfond, bereits eine internationale Institution besteht, welche über eine Vielzahl von Ländern verbreitet ist, es am einfachsten ist, wenn man dieser Einrichtung in diesem Zusammenhang neue Aufgabe übertragt. Man darf nur nicht in den Fehler verfallen und das unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg entstandene System fester Wechselkurse auf diesem Wege wiederum beleben zu wollen.

 

Richtig ist auch, dass der Hauptfehler der vergangenen Perioden darin lag, dass die riskanten Aktivitäten der Banker in nicht ausreichendem Maße von der an und für sich bestehenden Bankenaufsicht kontrolliert wurden. In der Vergangenheit hat sowohl die einzelwirtschaftliche Kontrolle der Aufsichtsräte innerhalb der Großbanken als auch die übergeordnete staatliche Aufsicht versagt. Kontrolle setzt aber voraus, dass die wichtigsten Aktivitäten der Banken und Börsen transparent, d. h. für die Aufsichtsgremien einsichtbar sind.

 

In der öffentlichen Diskussion wurde unter anderem der Vorschlag gemacht, für die einzelnen Wertpapiere eine Prüfstelle ähnlich dem TÜV zu errichten, um vor allem bei Kreierung neuer Zertifikate die Eigenschaften dieser Anlagen, vor allem die Frage der hiermit verbundenen Risiken, offenzulegen. Es ist in diesem Zusammenhange darauf hingewiesen worden, dass es nicht erwünscht ist, dass die Zulassung neuer Wertpapiere ähnlich wie die der Kraftwagen von dem Plazet eines TÜVs abhängig gemacht wird. Wohl aber wäre es erwünscht, dass die Eigenschaften neuer Papiere durch eine Art Warentest durchleuchtet und für jeden, der solche Papiere erwerben möchte, bekannt gemacht werden.

 

Es ist durchaus erwünscht, dass sich eine breite Bevölkerungsschicht am Kapitalmarkt beteiligt, eine rationale Entscheidung zugunsten der einen oder anderen Anlage kann jedoch nur derjenige fällen, der genau darüber informiert ist, welche Risiken er im Einzelnen eingeht. Zwar ist es Aufgabe derjenigen Banken, welche solche Papiere verkaufen, ihre Kunden bestmöglich zu beraten. Da aber die Banken in erster Linie bei diesen Geschäften immer auch bestrebt sein werden, ihre eigenen Interessen zu verfolgen und da die Interessen von Anbietern und Nachfragern eines Gutes zumeist konträr verlaufen, ist es erwünscht, dass die Käufer von Wertpapieren ihre Informationen auch von unbeteiligten Institutionen erhalten können.

 

In der öffentlichen Diskussion wurde in diesem Zusammenhang weiterhin der Vorschlag gemacht, dass der Staat auch vorschreiben solle, welche Höhe die Gehälter, die Tantiemen und die Vergütungen nicht überschritten werden sollte und unter welchen Voraussetzungen Dividenden ausgeschüttet werden dürfen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Bankenkrise keinesfalls etwa deshalb ausgelöst wurde, weil den Spitzenmanagern zu hohe Gehälter ausgezahlt worden wären. Eine Begrenzung dieser Gehälter würde unser Finanzsystem um nichts sicherer machen und die Gefahr einer zukünftigen Krise wäre um nichts geringer geworden.

 

Richtig ist sicherlich, dass in der jüngsten Vergangenheit wiederholt gerade bei der Genehmigung von Vergütungen aller Art für Manager viele, sicherlich zu viele Fehler und Missbräuche stattfanden. Es ist auch verständlich, dass die Politiker dann, wenn die Banken eine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, auch bestrebt sein werden, ihre Vorstellungen über angemessene Honorare der Spitzenmanager durchzusetzen. In Anbetracht dessen, dass sich durch Auswüchse in dieser Hinsicht in der jüngsten Vergangenheit das Image der Unternehmer und mit ihm das Image einer marktwirtschaftlichen Ordnung in der Bevölkerung dramatisch verschlechtert hat, ist es auch berechtigt und notwendig, Reformen einzuleiten, um solche Auswüchse in Zukunft möglichst zu vermeiden.

 

Es geht aber hierbei nicht um die durchaus berechtigten Zielsetzungen, sondern um die Wege, welche beschritten werden, um diese Ziele zu erreichen. Man schüttet auch hier wiederum das Kind mit dem Bade aus, wenn man eine Höchstgrenze für Managergehälter politisch festlegen will. Wir werden aufgrund eines starken internationalen Wettbewerbs um Führungskräfte nur dann die bestmöglichen Spitzenkräfte anwerben können, wenn wir mit dem Ausland vergleichbare Gehälter gewähren. Der Volkswirtschaft wäre ein Bärendienst erwiesen, wenn wir aufgrund solcher Begrenzungen in der Höhe der Gehälter uns mit weniger qualifizierten Führungskräften zufrieden geben müssten und wenn aus diesen Gründen nicht alle möglichen Produktivitätsgewinne ausgenützt würden.

 

Solange die Gehälter in Relation zu den erbrachten Gewinnen stehen, sind auch überdurchschnittlich hohe Vergütungen durchaus berechtigt. Wenn ein Manager dazu beiträgt, dass das Inlandsprodukt ansteigt, ist aus grundsätzlichen Überlegungen heraus auch nichts einzuwenden, wenn diese Manager auch einen Anteil der Wertschöpfung erhalten, zu der sie beigetragen haben. Kritisch wird es erst dann, wenn die Gehälter ausgerechnet dann drastisch erhöht werden, wenn die Unternehmungen Verluste erzielen. Wer in unserer Gesellschaft Spitzengehälter erhält und über ein hohes Vermögen verfügt, dem wird man auch zutrauen können, dass er sich auch an den Verlusten beteiligt, welche aufgrund falscher Verhaltensweisen eben dieser Manager entstehen. Um diese Zielsetzungen durchsetzen zu können, kann es sehr wohl notwendig sein, dass man die Vergütungen an den Gewinnen einer größeren Periode und nicht nur eines Jahres misst.

 

Nun wird in diesem Zusammenhang eingewandt, dass auch bei einer solchen Regelung die Gewinnhöhe am einzelwirtschaftlichen Gewinn gemessen wird und dass die gesamte Volkswirtschaft auch dann Wohlfahrtsverluste erfahren kann, wenn die Unternehmungen Gewinne erzielen. Dieser Einwand mag zwar richtig sein, geht jedoch am eigentlichen Problem vorbei. Eine marktwirtschaftliche Ordnung beruht im Grunde genommen auf dem Zusammenwirken zweier Grundsätze.

 

Auf der einen Seite versucht man ein Maximum an Wohlfahrtsgewinnen dadurch zu erzielen, dass man auf die Einzelinitiative der einzelnen Individuen setzt. Wenn man den einzelnen erlaubt, sich primär am Eigeninteresse auszurichten, werden die Anstrengungen zur Verbesserung der Produktion insgesamt wesentlich höher ausfallen als dann, wenn man die einzelnen verpflichtet, sich nur am Gemeinwohl zu orientieren.

 

Auf der anderen Seite kann eine marktwirtschaftliche Ordnung nur dann befriedigend funktionieren, wenn ein intensiver Wettbewerb zwischen den Anbietern besteht. Es ist dem Wettbewerb zu verdanken, dass die Anreize so gesetzt werden, dass die Unternehmer genau dann ihren Gewinn maximieren, wenn sie ihre Produktion am Bedarf der Konsumenten ausrichten. Es ist der Wettbewerb, der die Unternehmer zwingt, alle Möglichkeiten zu Kostensenkungen auszunutzen und die Kostensenkungen über Preissenkungen an die Konsumenten weiterzugeben. Werden also einzelwirtschaftliche Gewinne erzielt, die sich nicht auch in einer Steigerung der Gesamtwohlfahrt niederschlagen, so ist dies ein Zeichen dafür, dass die Kontrolle über die Unternehmungen ihre Aufgabe nicht erfüllt hat und dass die Ordnung dieser Kontrollorgane zu reformieren ist.

 

Nun hatten wir oben festgestellt, dass Börsenkrisen vor allem deshalb auftreten, weil unter den Anbietern und Nachfragern Panik aufkommt. Panik bedeutet, dass nicht nur Schäden für die gesamte Volkswirtschaft entstehen, sondern, dass auch gegen das Interesse der sich panisch verhaltenden Marktpartner verstoßen wird. Es ist deshalb auch zu überlegen, wie man das Ausmaß zukünftiger Krisen dadurch vermindern kann, dass man panischen Prozessen entgegenwirkt. Panik hat etwas zu tun mit irrationalem Verhalten und rationales Verhalten setzt ausreichende Kenntnisse voraus. Eine Reform der Finanzmärkte hat deshalb auch bereits auf dem Bildungssektor anzusetzen.

 

Dies bedeutet natürlich nicht, dass nun jeder Bürger, der sein Vermögen in Wertpapieren anlegen möchte, zuvor ein volkswirtschaftliches Studium absolvieren sollte. Immerhin dürfte es aber durchaus zu den Erfordernissen einer allgemeinen Schulbildung gehören, dass auch einige Grundkenntnisse des Funktionierens von Märkten, auch von Kapitalmärkten in den Grundschulen vermittelt werden. Es darf einfach nicht vorkommen, dass ein Bürger der Überzeugung ist, dass man durch den Kauf hoch riskanter Zertifikate eine Altersversorgung sachgerecht herbeiführen könne.

 

Vor allem ist aber darauf zu achten, dass all diejenigen, welche in Banken und auf Börsen tätig sind, in ihrer beruflichen Ausbildung nicht nur das Einmal-Eins eines Geschäftes auf den Kapitalmärkten erlernen, sondern, dass ihnen auch beigebracht wird, wie sehr sich der einzelne auch selbst schadet, wenn er auf Kurssenkungen panisch reagiert und vor allem wie panische Reaktionen vermieden werden können. Wiederum gilt, dass etwas nicht in Ordnung ist, wenn Börsianer auf größere Kursverluste wie aufgeschreckte Hühner reagieren. Die geringsten Verluste bei Börsenkrisen haben immer noch diejenigen erlitten, welche beim Kauf und Verkauf von Wertpapieren besonnen gehandelt haben und nicht einfach der blinden Verkaufswut einzelner gefolgt sind.