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Die Politik des billigen Geldes auf dem Prüfstand

 

 

 

Gliederung:

 

1. Einführung

2. Die Kritik am keynesianischen Konzept

3. Einfluss einer Politik des billigen Geldes auf die Geldwertstabilität

4. Einfluss einer Politik des billigen Geldes auf weitere Ziele der Wirtschaftspolitik

 

 

 

1. Einführung

 

Seit einiger Zeit zeichnet sich die Politik der wichtigsten Notenbanken, allen voran die der Vereinigten Staaten von Amerika, dadurch aus, dass der den Privatbanken abverlangte Zinssatz weit unter 1% festgelegt wird, auch die Europäische Notenbank ist dieser Politik gefolgt, zwar liegt der Zins für laufende Geschäfte mit den Privatbanken immer noch etwas über dem extrem geringen Niveau in den USA, aber auch im Hinblick auf die Konditionen, welche bislang zu den ehernen Grundsätzen einer soliden Notenbankpolitik gehört haben, lassen sich Aufweichungen erkennen, so vor allem dadurch, dass die Europäische Notenbank neuerdings auch bereit ist, die maroden Staatspapiere hoch verschuldeter Staaten als Sicherheit für den gewährten Kredit anzunehmen.

 

Gerade diese Politik wird in Europa, vor allem von deutscher Seite heftig kritisiert. Die Anhänger dieser Politik des billigen Geldes in Europa versuchen nun diese Maßnahmen damit zu verteidigen, dass auch führende Vertreter der amerikanischen Wirtschaftswissenschaft diese Politik für berechtigt und richtig halten.

 

Nun scheint man mir bei diesem Streit zu übersehen, dass ein Urteil über den Erfolg einer politischen Maßnahme immer nur im Hinblick auf bestimmte vorgegebene Ziele möglich ist, man kann nicht eine Maßnahme als solche gutheißen, andere Ziele verlangen oftmals auch andere Mittel. Nun besteht in der Tat zwischen den Grundsätzen einer Notenbankpolitik schon seit jeher zwischen den amerikanischen und den europäischen, vor allem den deutschen Geldpolitikern große Unterschiede.

 

Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg wurde in Deutschland bewusst die Notenbank als eine von der Regierung unabhängige Institution geschaffen, welche in allererster Linie die Aufgabe besitzt, für eine Stabilität des Geldwertes zu sorgen und ihre politischen Entscheidungen auch autonom gegen die Wünsche der Regierungen festlegt. Zwar war die deutsche Notenbank auch verpflichtet, die Konjunkturpolitik der Regierung nach Möglichkeit zu unterstützen, aber das vorrangige Ziel der Notenbank bestand stets darin, eine Inflation zu vermeiden und zu bekämpfen.

 

Dieser Politik folgten übrigens nicht nur Politiker, welche sich von einem neoliberalen Leitbild leiten ließen. Der Vorrang der Zielsetzug einer Stabilisierung des Geldwertes galt in der BRD generell lange Zeit für die meisten politischen Parteien und wurde damit gerechtfertigt, dass weite Kreise der deutschen Bevölkerung ihr gesamtes Vermögen im Zuge zweier Währungsreformen (von 1924 sowie 1948) verloren hatten. Es sollte nun durch Garantierung der Geldwertstabilität sichergestellt werden, dass die Bürger in Zukunft nicht wiederum wegen einer starken Inflation erneut ihr Vermögen verlieren würden.

 

Diese Zielsetzungen wurden dann später in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts auch von der neu gegründeten Europäischen Notenbank weitgehend übernommen und in der Ordnung der Europäischen Notenbank verankert. Obwohl ein Teil der deutschen Wirtschaftswissenschaftler bei der Gründung der Europäischen Notenbank bezweifelt hatten, dass auch Frankreich und Italien diese Grundsätze mittragen würden, schließlich hatten diese Länder in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg eine Notenbankpolitik verfolgt, welche weniger der Stabilität des Geldwertes als der Förderung des wirtschaftlichen Wachstums galt. In den ersten Jahren der Europäischen Notenbank hatte es den Anschein, als wären diese Bedenken unberechtigt gewesen, in der Zwischenzeit scheinen jedoch die Präsidenten der Europäischen Notenbank wiederum zu einer Politik zurückzukehren, welche in Frankreich und Italien lange Zeit vorherrschte.

 

Für die Politik der Notenbank der USA galt schon immer seit der großen Depression der 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, dass die Notenbank entsprechend dem keynesianischen Paradigma in allererster Linie die Politik der Regierung mit zu tragen habe und dies bedeutet in erster Linie dass die Beschäftigungspolitik und die Wachstumspolitik auch durch geldpolitische Maßnahmen zu unterstützen sei. Dem Ziel der Vollbeschäftigung und eines stetigen wirtschaftlichen Wachstums wurde so de facto der Vorrang vor dem Ziel der Geldwertstabilisierung eingeräumt.

 

Zu den wichtigsten Konzepten einer keynesianischen Politik zählte nun auch das Konzept einer Politik des billigen Geldes (easy money policy). Mit Hilfe einer Politik bewusst niedrig gehaltener Zinsen sollte allerdings gar nicht in erster Linie die Investitionstätigkeit der Unternehmungen angefacht werden. Bekanntlich war ja John Maynard Keynes der Auffassung, dass die unternehmerischen Investitionen in Zeiten der Depression überhaupt nicht auf Zinssenkungen reagieren.

 

Keynes führte das Auftreten von Massenarbeitslosigkeit darauf zurück, dass der Kapitalmarkt nicht so funktioniere, wie dies im Rahmen des Say‘schen Theorems und der neoklassischen Kapitaltheorie behauptet wurde. Jean Baptiste Say hatte behauptet, dass eine gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit in einer funktionierenden Marktwirtschaft nicht, schon gar nicht aufgrund eines Rückgangs im Konsum entstehen könne. Die bestehende Arbeitslosigkeit müsse vielmehr mit strukturellen Marktmängeln (These von den verstopften Absatzwegen) erklärt werden.

 

Nach Say bedeutet der Rückgang in der Konsumnachfrage ein Anstieg der Sparsumme, welche den Banken angeboten wird, wobei die Banken diese Gelder für Investitionskredite an die Unternehmer weiterverleihen, sodass die in der Konsumgüterindustrie entlassenen Arbeitnehmer eine neue Anstellung in der Investitionsgüterindustrie erhalten können. Falls beim bestehenden Zinssatz die Investitionsbereitschaft der Unternehmer zu gering sei, um alle im Konsumgütersektor entlassenen Arbeitnehmer aufzunehmen, führe dieser Überschuss der Sparsumme über dem Investitionsvolumen automatisch zu einer Zinssenkung und diese bewirke eine Zunahme der Investitionsbereitschaft, mit der Folge, dass alle im Konsumgüterbereich entlassenen Arbeitnehmer in der Investitionsgüterindustrie wieder beschäftigt werden könnten.

 

Keynes übte an diesem Say‘schen Theorem Kritik, da ein Teil der zusätzlichen Ersparnis gehortet (also nicht zinsbringend angelegt) werde und deshalb gar nicht den Banken angeboten werde und weil darüber hinaus auch dann, wenn ein erhöhtes Sparangebot den Banken angeboten würde und so zu Zinssenkungen führen würde, diese Zinssenkungen wegen zu geringer Zinselastizität der unternehmerischen Investitionsnachfrage nicht in der Lage seien, alle Arbeitnehmer zu beschäftigen. Aus dieser keynesianischen Sicht ist also eine Politik des billigen Geldes nicht erfolgreich und deshalb auch nicht notwendig.

 

Wenn im Rahmen der keynesianischen Geldpolitik trotzdem die Forderung nach einer Politik des billigen Geldes erhoben wird, so erfolgt dies aus einem ganz anderen Grunde. Entsprechend der keynesianischen Position ist es Aufgabe der Regierung, durch ein bewusstes Herbeiführen eines Defizites im Staatshaushalt die Gesamtnachfrage nach Gütern so stark anzuheben, dass alle arbeitswilligen Arbeitnehmer beschäftigt werden können. Da allerdings die zusätzlichen Staatsausgaben nicht mit regulären Steuereinnahmen finanziert werden dürfen, damit dieser erwünschte Effekt der Nachfragesteigerung eintritt, muss sich der Staat das hierfür notwendige Geld in Höhe des realisierten Budgetdefizits über Staatsanleihen auf dem Kapitalmarkt besorgen.

 

Die Zunahme der Nachfrage nach Kapital führt aber in aller Regel zu Zinssteigerungen, was selbst wiederum zur Folge hat, dass der Staat einen immer größer werdenden Anteil seiner Staatsausgaben in Form von Zinszahlungen verwenden muss. Um diese Summe der vom Staat aufzubringenden Zinszahlungen möglichst gering zu halten, wird nun im Rahmen der keynesianischen Konjunkturpolitik die Notenbank verpflichtet, den Zinssatz bewusst niedrig zu halten, dies führt in aller Regel auch zu einer Senkung des Zinssatzes auf den Kapitalmärkten, da ja stets Geld- wie Kapitalmärkte in einem Konkurrenzverhältnis zueinanderstehen. Unternehmungen können jederzeit ihren Kreditbedarf nicht nur auf dem Kapitalmarkt durch Ausgabe von Aktien oder festverzinslichen Anleihen, sondern auch durch langfristige Kredite bei ihren Banken befriedigen.

 

Zusätzlich sollen nach diesem Konzept mögliche Zinssteigerungen auch deshalb verhindert werden, weil Zinssteigerungen auch in keynesianischer Sicht im Gegensatz zu Zinssenkungen durchaus einen Einfluss auf das Investitionsverhalten nehmen können. Dass Zinssenkungen in Zeiten der Depression nicht ausreichen, um die Unternehmer zu neuen Investitionen anzureizen, wird von Keynes damit erklärt, dass die Unternehmungen aufgrund der Absatzrückgänge in der Depression überschüssige Kapazitäten aufweisen und deshalb sicherlich nicht bereit sind, über Investitionen ihre Kapazität um ein weiteres zu erhöhen. Steigen jedoch die Zinsen, so ist gerade in Depressionszeiten zu befürchten, dass die Investitionsnachfrage der Unternehmer zurückgeht, da bei Zinssteigerungen der erwartete Nettoertrag immer mehr sinkt und schließlich für immer mehr Unternehmungen negativ wird.

 

Würde also der Staat zulassen, dass aufgrund seiner Defizitpolitik und der hierdurch ausgelösten Mehrnachfrage auf den Kapitalmärkten der Zinssatz steigt, würde zumindest ein Teil der expansiven Auswirkungen auf Produktion und Beschäftigung dadurch wiederum kompensiert, dass wegen Ausfalls von weiteren Investitionen die Produktion und Beschäftigung partiell zurückgingen.

 

Wenn wir uns also im weiteren Verlauf kritisch mit der Politik des billigen Geldes beschäftigen wollen, so haben wir als erstes im nächsten Abschnitt zu klären, wie denn die keynesianische Theorie zu beurteilen ist, welche der Politik des billigen Geldes zugrunde liegt. Da ich allerdings in meinen früheren Internetartikeln wiederholt auf die Kritik am keynesianischen Konzept eingegangen bin, reicht es an dieser Stelle, die wichtigsten Kritikpunkte stichwortartig zusammenzufassen.

 

In einem nächsten Schritt soll dann geklärt werden, inwieweit durch eine Politik des billigen Geldes das grundlegende, in der Verfassung der Europäischen Notenbank festgeschriebene Ziel der Geldwertstabilität verletzt wird.

 

Nun reicht es bei der Beurteilung einer politischen Maßnahme niemals aus, lediglich die Effizienz eines Instrumentes im Hinblick auf das angestrebte Grundziel zu untersuchen. Stets muss damit gerechnet werden, dass durch eine Maßnahme auch andere, nicht eigens genannte wirtschaftspolitische Ziele negativ beeinflusst werden. Wir wollen deshalb in einem abschließenden Abschnitt untersuchen, inwieweit sich die Politik des billigen Geldes unter Umständen auch negativ auf das Ziel eines angemessenen wirtschaftlichen Wachstums, weiterhin auf die Allokation, also auf die Frage auswirkt, ob die knappen Ressourcen auch auf die Verwendungen gelenkt werden, welche der Bevölkerung aufgrund ihrer Bedarfsstruktur den höchstmöglichen Nutzen garantiert. Schließlich steht die Frage zur Diskussion, wie eine Politik des billigen Geldes die Einkommensverteilung in unerwünschter Weise beeinflusst.

 

 

2. Die Kritik am keynesianischen Konzept

 

Beginnen wir also mit der Frage, inwieweit die durch John Maynard Keynes ausgelöste Revolution auf lange Sicht im Hinblick auf das Ziel der Vollbeschäftigung erfolgreich war. Es sind nun in der Zwischenzeit etwa 80 Jahre vergangen, seit dem Keynes seine beiden Hauptwerke und zwar im Jahre 1930 seinen ‚A Treatise on Money‘ und im Jahre 1936 das Werk: ‚The general theory of employment, interest and money‘ veröffentlicht hatte und seit seine Hauptgedanken in der keynesianischen Konjunkturpolitik sowohl in den USA sowie in den anderen wichtigsten Industrieländern in die Tat umgesetzt wurden.

 

Das wichtigste Ziel dieser wissenschaftlichen Revolution war die Überwindung der Massenarbeitslosigkeit, welche in den Industrieländern immer wieder im Zusammenhang mit den Konjunkturrückschlägen aufgetreten war und als die Geisel der marktwirtschaftlichen Systeme angesehen wurde.

 

Wenn wir uns fragen, inwieweit dieses Ziel in den letzten 80 Jahren erreicht werden konnte, müssen wir erstens feststellen, dass – von gewissen Anfangserfolgen abgesehen – die Massenarbeitslosigkeit keineswegs überwunden werden konnte, wir haben im letzten Jahrzehnt vermutlich etwa den gleichen Umfang an Arbeitslosigkeit wie in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts zu registrieren, genaue Zahlen fehlen, weil in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die volkswirtschaftlichen Statistiken noch nicht soweit entwickelt waren, dass wir den damaligen Umfang der Arbeitslosigkeit so exakt wie heute angeben könnten. Auf jeden Fall sind heutzutage in Zeiten der Rezession und Depression mehrere Millionen Arbeitnehmer arbeitslos wie wir auch für die 30er Jahre im Zusammenhang mit der großen Weltwirtschaftskrise unterstellen müssen.

 

Nach den Vorstellungen der Keynesianer hätte jedoch eigentlich eine Massenarbeitslosigkeit endgültig überwunden werden können, zumal ja die wichtigsten Regierungen gewillt waren, die keynesianischen Konzepte in die Tat umzusetzen. Die gesamtwirtschaftliche Arbeitslosigkeit wurde bei Keynes auf eine zu geringe private Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern zurückgeführt und das Rezept der keynesianischen Konjunkturpolitik bestand darin, dass der Staat über ein Defizit in seinem Budget genauso viel zusätzliche Nachfrage schaffen müsse, wie es an privater Nachfrage zur Erreichung der Vollbeschäftigung mangle.

 

Einer der wichtigsten Fehler der keynesianischen Konzeption bestand nun darin, dass diese Strategie stillschweigend voraussetzt, das Verhalten der privaten Wirtschaftssubjekte würde sich nicht selbst – in Anpassung an die veränderte politische Landschaft – grundlegend verändern. So ist es auch zu erklären, dass die keynesianische Konjunkturpolitik in den ersten Jahren ihrer Einführung durchaus beachtliche Erfolge aufwies, dass aber dann in den weiteren Jahren die Schlagkraft der keynesianischen Politik immer mehr zurückging. So konnte Roosevelt in seinem New Deal in den 30er Jahren die Arbeitslosigkeit in den USA überwinden und auch das erste Konjunkturprogramm, das in der BRD Karl Schiller in seiner Eigenschaft als Wirtschafts- und Finanzminister in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ankurbelte, kann durchaus als erfolgreich angesehen werden.

 

Es war vor allem Milton Friedman, der aufzeigte, weshalb die keynesianische Konjunkturpolitik auf lange Sicht nicht erfolgreich war und weshalb Anpassungsprozesse der privaten Wirtschaftssubjekte letzten Endes für den Misserfolg dieser Politik verantwortlich waren. Um diesen Zusammenhang zu verstehen, wollen wir diesen Anpassungsprozess gedanklich nachvollziehen.

 

In einem ersten Schritt führt die Ausführung der Defizitpolitik des Staates zu einer enormen Steigerung der Nachfrage, die sich in Erlössteigerungen niederschlägt. Diese Nachfragesteigerung löst zunächst einmal Preissteigerungen aus, welche Gewinnsteigerungen nach sich ziehen. Diese Gewinnsteigerungen sind es letztlich, welche die Unternehmer veranlassen, Produktion und Investition zu steigern und im Zuge dieser Ausweitung der Produktion auch zusätzliche Arbeitskräfte einzustellen.

 

Man hätte vielleicht vermuten können, dass dieser Expansionsprozess ohne größere Preissteigerungen möglich gewesen wäre, entsprach doch die bisherige Produktion nicht der Menge, die ausreichte, um alle Arbeitnehmer zu beschäftigen.

 

Dass dieser Prozess trotzdem zu Preissteigerungen führt, hat mehrere Gründe. Erstens benötigt die Reaktion des Angebotes auf die Nachfragesteigerung und damit die Ausweitung der Produktionsmenge eine gewisse Zeit, in welcher sich die Nachfrageüberhänge in Preissteigerungen niederschlagen. Zweitens vollzieht sich der konjunkturelle Aufschwung keinesfalls gleichmäßig, es gibt stets Wirtschaftszweige, welche bereits dann ihre Produktionskapazität erreicht haben, wenn in der gesamten Volkswirtschaft noch hohe Arbeitslosigkeit herrscht, hier steigen die Preise, man spricht von Flaschenhälsen. Sofern diese Produkte als Halbfabrikate oder Sachkapital (z. B. als Maschinen und Geräte) in die Produktion anderer Produkte eingehen, steigen auch dort die Kosten und mit ihnen die Preise. Drittens schließlich müssen wir aufgrund empirischer Untersuchungen sogenannte Cobb-Douglas Produktionsfunktionen unterstellen, aufgrund derer eine Mehrproduktion stets mit einem Anstieg der Stückkosten und damit wiederum mit einem Preisanstieg verbunden ist.

 

Nun beginnen in einem zweiten Schritt die Anpassungsprozesse der privaten Wirtschaftssubjekte, zunächst bei den Gewerkschaften. Der Umstand, dass die Preise und Gewinne zunächst bei konstant bleibenden Lohnsätzen ansteigen, bedeutet nämlich, dass die realen Lohnsätze (die Kaufkraft der Lohneinkommen) zurückgeht. Die Gewerkschaften werden deshalb in der nächstfolgenden Tarifverhandlung eine Anpassung der Lohnsätze an die gestiegenen Güterpreise fordern und diese auch aufgrund ihrer Streikmacht im Allgemeinen durchsetzen. Soweit diese Bemühungen der Gewerkschaften zum Erfolg führen, sinken wiederum die Gewinne der Unternehmer. Damit entfällt jedoch der Anreiz seitens der Unternehmer, Produktion und Investition über das bisherige (vor Beginn der konjunkturpolitischen Maßnahmen bestehende) Niveau aufrechtzuerhalten. Mit dem Rückgang in der Produktion entfällt auch die Mehrnachfrage nach Arbeitskräften. Die neuen Arbeitsplätze sind also wiederum gefährdet.

 

Nun könnte man vermuten, dass die Unternehmer zumindest die anfänglichen, nur eben nicht andauernden Zusatzaufträge trotzdem bedienen, sodass zumindest für eine gewisse Übergangszeit Produktion und Beschäftigung steigen, dass dann vielleicht über Multiplikatoreffekte die private Konsumnachfrage ansteige, sodass aus diesen Gründen der Konjunkturaufschwung anhalte.

 

Dass dieser Prozess diesen Verlauf nimmt, setzt jedoch voraus, dass die Unternehmer die Nachfrage nach Arbeitskräften jederzeit an die erwünschte Produktionsmenge anpassen können, dass sie also die Arbeitskräfte, welche sie zur Durchführung der anfänglichen Zusatzaufträge benötigen und die sie deshalb eingestellt haben, dann wieder entlassen können, wenn die Produktion mangels anhaltender Nachfrage zurückgefahren werden muss.

 

Genau ein solches Verhalten verhindert jedoch oftmals der gesetzliche Kündigungsschutz. Die Unternehmer haben wegen dieses Kündigungsschutzes Schwierigkeiten, Arbeitnehmer wieder zu entlassen, wenn die Produktion zurückgeht. Und gerade dieser Umstand bringt es dann mit sich, dass in dem Anpassungsprozess der Unternehmer auch die anfänglichen Zusatzaufträge seitens des Staates gar nicht zur Einstellung neuer Arbeitskräfte führen. Die Zusatzgewinne, welche die Unternehmungen aufgrund dieser Aufträge erlangen könnten, werden aufgewogen durch die Verluste, welche den Unternehmungen dadurch entstehen, dass sie Arbeitskräfte bei Wegfall des Bedarfs nicht entlassen können, dass also dann Kosten ohne Erlöse entstehen.

 

Die Unternehmer werden also in diesem Falle trotz Zunahme der Nachfrage zunächst keine zusätzlichen Arbeitnehmer neu einstellen, bis sie gewiss sind, dass die zusätzlichen Aufträge einen andauernden Konjunkturaufschwung signalisieren. Sie werden zwar trotzdem bemüht sein, diese anfänglichen Zusatzaufträge zu bedienen, aber die Produktion mit Hilfe von Überstunden der bestehenden Belegschaft durchführen. Im Endergebnis war dann die staatliche Mehrnachfrage gar nicht in der Lage, die Beschäftigung nachhaltig zu steigern.

 

Gerade diese letzten Ausführungen machen auf eine zweite Schwäche der keynesianischen Konjunkturpolitik aufmerksam. Der vermeintliche Erfolg dieser Strategie beruht im Wesentlichen darauf, dass die Gewinne der Unternehmer angehoben werden und dass damit die Einkommensverteilung zu Lasten der Arbeitnehmer verschoben wird. Nur dann und solange es gelingt, die Gewinne der Unternehmungen anzuheben, haben die Unternehmer einen ausreichenden Anlass, dauerhaft die Produktion und mit ihr die Beschäftigung zu steigern. In Anbetracht dieser verteilungspolitischen Nebeneffekte verwundert es etwas, dass die Sozialisten und Sozialdemokraten bis vor einigen Jahren stramme Keynesianer waren und auf die Defizitpolitik des Staates gesetzt hatten.

 

Die von Keynes entwickelte Theorie hatte von Anbeginn an eine entscheidende Schwäche: Sie klammerte die Verteilungsprozesse aus ihrer Betrachtung aus, Keynes unterstellte in seinen Theorien eine Konstanz in der Einkommensverteilung und gerade deshalb spielen in den Anfangs entwickelten politischen Strategien zur Überwindung der Arbeitslosigkeit Verteilungsprobleme keine wesentliche Rolle. Ganz im Gegensatz hierzu hatte Carl Föhl in Deutschland etwa zur gleichen Zeit, aber unabhängig von den Keynes‘schen Gedankengängen eine Kreislauftheorie entwickelt, welche ex pressis verbis Veränderungen in der Einkommensverteilung neben der Beschäftigung und Gesamtproduktion berücksichtigt hat.

 

Natürlich ist es richtig, dass Nicolas Kaldor in der Weiterentwicklung der Keynesianischen Theorie diese Schwäche korrigierte und einen theoretischen Ansatz entwickelte, in dem ex pressis verbis nach den Bestimmungsgründen der Einkommensverteilung gefragt wurde. Diese Theorie hatte allerdings ebenfalls eine Schwäche, dass sie nämlich nur für Zeiten der überhitzen Hochkonjunktur entwickelt wurde, in der Vollbeschäftigung erreicht ist und in der gerade aus diesen Gründen eine Mehrnachfrage auf den Gütermärkten fast ausschließlich in Preissteigerungen verpufft.

 

Kaldor kommt damit auch zu ganz unkeynesianischen Schlussfolgerungen: War bei Keynes Sparen eine Untugend, welche notwendiger Weise (ohne staatlichen Eingreifens) zu Arbeitslosigkeit führen muss, ist es nun bei Kaldor die Zunahme der Ersparnis der Arbeitnehmer, welche als einzige langfristig erfolgreiche Strategie die Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitnehmer ansteigen hilft und eine Inflation verhindert. Sparen wird plötzlich zu einer Tugend, die notwendig ist, damit Wachstumsprozesse nicht zu einem Anstieg in der Gewinnquote und damit zu einem Rückgang in der Lohnquote führen.

 

Es gab allerdings einen Versuch, in Anwendung keynesianischer Gedankengänge Vollbeschäftigungspolitik mit einer Politik zugunsten der Arbeitnehmer zu verbinden. So hatte Viktor Agartz vermeint, mit Hilfe der Kaufkrafttheorie in Anwendung keynesianischer Gedankengänge über eine expansive Lohnpolitik, bei der die Lohnsätze stärker angehoben werden als die Arbeitsproduktivität, sowohl einen Anstieg in der Lohnquote als auch in der Beschäftigung zu erreichen.

 

Keynes habe gelehrt, dass eine zu geringe Güternachfrage zu Arbeitslosigkeit führe und dass deshalb Arbeitslosigkeit dadurch abgebaut werden könne, dass die Güternachfrage steige. Gelänge es nun, die Löhne stärker anzuheben als die Produktivität, stiege mit den Lohneinkommen die Konsumnachfrage und diese Nachfragesteigerung führe automatisch zu einer Zunahme der Güterproduktion und damit auch der Beschäftigung.

 

Diese Schlussfolgerung beruht allerdings auf einem Gedankenfehler. Die Keynesianische Theorie behauptet allein, dass eine Zunahme der autonomen Güternachfrage zu den erwünschten Steigerungen in Produktion und Beschäftigung führt. Eine autonome Steigerung in der Güternachfrage liegt jedoch nur dann vor, wenn die Nachfrage (also z. B. die Konsumnachfrage) bei konstantem Einkommen, also stärker als des Einkommen ansteigt. Nur in diesem Falle liegt der neue Gleichgewichtspunkt bei einer höheren Produktion, da nur in diesem Falle die gesamtwirtschaftliche Nachfragefunktion nach oben und damit auch der Gleichgewichtspunkt nach rechts verschoben wird. Steigt der Konsum aufgrund eines erhöhten Lohneinkommens, so liegt nur eine induzierte Nachfragesteigerung vor, es findet eine Bewegung entlang der gleichbleibenden Konsumfunktion statt und weil sich die Konsumfunktion nicht verändert hat, hat sich auch an dem Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt nichts verändert und liegt das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt nach wie vor bei einem Punkt, der Arbeitslosigkeit zulässt.

 

Nun ist es richtig, dass Abba Lerner eine Modifizierung dieser Kaufkrafttheorie vorgestellt hat, aufgrund derer auf den ersten Blick diese Schwächen der ursprünglichen Theorie vermieden werden. Er geht nämlich davon aus, dass die Arbeitnehmer eine höhere Konsumneigung aufweisen als die Selbstständigen und dass deshalb bei einer Erhöhung der Lohnquote automatisch die durchschnittliche gesamtwirtschaftliche Konsumneigung ansteige. Hier wird in der Tat die Konsumfunktion nach oben und damit der Gleichgewichtspunkt auf dem Gütermarkt nach rechts verschoben und dies bedeutet höhere Produktion und Beschäftigung.

 

Die modifizierte Kaufkrafttheorie bringt jedoch trotzdem keine Bestätigung dafür, dass mit Hilfe einer expansiven Lohnpolitik eine Zunahme der Beschäftigung erreicht werden kann. Nicolas Kaldor hat in Weiterentwicklung der keynesianischen Theorie gezeigt, dass die Einkommensverteilung nur dann zugunsten der Arbeitnehmer korrigiert werden kann, wenn die Sparquote der Arbeitnehmer erhöht wird. Der Versuch, die Lohnquote allein auf dem Wege einer Lohnsatzsteigerung, welche über den Produktivitätszuwachs hinausgeht, zu erhöhen, ist danach zum Scheitern verurteilt. Bleibt jedoch die Erhöhung der Lohnquote aus, kann auch nicht über eine expansive Lohnpolitik eine Beschäftigungssteigerung erzielt werden.

 

Die beschäftigungspolitischen Erfolge einer expansiven Lohnpolitik bleiben aber auch aus einem weiteren Grunde aus. Ob nämlich eine Erhöhung der Beschäftigung auch auf lange Sicht erreicht werden kann, hängt entscheidend auch von dem Verhältnis der Lohnsätze zu den Zinssätzen ab. Das wirtschaftliche Wachstum wird entscheidend vom technischen Fortschritt bestimmt und die Frage, wie sich der technische Fortschritt auf die Beschäftigung auswirkt, wird wesentlich nicht nur vom Umfang der Produktivitätssteigerung, sondern auch von der Art des technischen Fortschritts beeinflusst.

 

Wir unterscheiden in der Wachstumstheorie zwischen neutralem, arbeitssparendem und kapitalsparendem Fortschritt. Arbeitssparender Fortschritt liegt entsprechend einer Definition von J. R. Hicks vor, wenn bei gleichbleibendem Lohn-Zins-Verhältnis das Einsatzverhältnis zwischen Kapital und Arbeit ansteigt. Es kann nun mit anderen Worten eine Gütereinheit mit weniger Arbeit und mit mehr Kapital produziert werden. Neutral wäre hingegen ein technischer Fortschritt, wenn sich die Produktivitätssteigerungen in gleichem Verhältnis ressourcensparend auf Arbeit und Kapital auswirken würden, wenn also bei gleichbleibendem Lohn-Zins-Verhältnis das Verhältnis zwischen Kapital- und Arbeitseinsatz trotz technischem Fortschritt unverändert bliebe.

 

Der technische Fortschritt fällt jedoch nun nicht wie Manna vom Himmel, es ist vor allem das Lohn-Zins-Verhältnis, das dafür verantwortlich ist, welche Art von technischem Fortschritt zum Zuge kommt. Wie Kaldor in Weiterführung der keynesianischen Wachstumstheorie gezeigt hat, wird gerade der Umstand, dass das Lohnzinsverhältnis ansteigt, dazu beitragen, dass die Unternehmer vermehrt arbeitssparenden Fortschritt einsetzen. Der Umstand, dass hier die Arbeitskosten im Vergleich zu den Kapitalkosten gestiegen sind, führt dazu, dass eine Unternehmung Kosten einsparen kann, wenn sie Arbeit durch Kapital ersetzt und dies ist gerade dann möglich, wenn vermehrt arbeitssparender technischer Fortschritt gewählt wird.

 

Nun trägt jedoch gerade eine keynesianische Beschäftigungspolitik dazu bei, dieses Lohn-Zins-Verhältnis zu erhöhen. Die Politik des billigen Geldes führt dazu, dass der Zinssatz sinkt, schon dieser Umstand hat zur Folge, dass das Lohn-Zins-Verhältnis zunimmt. Wenn nun noch zusätzlich mit Hilfe einer expansiven Lohnpolitik die Lohnsätze (über die Arbeitsproduktivität hinaus) angehoben werden, wird dieser Effekt noch verstärkt, nun steigt das Lohn-Zins-Verhältnis nicht nur deshalb, weil die Zinsen fallen, sondern auch deshalb, weil die Lohnsätze steigen. Anstatt dass die keynesianische Beschäftigungspolitik die Beschäftigung steigert, besteht nun die Gefahr, dass sich sogar auf diesem Wege die Beschäftigung verringert.

 

Es ist eine der großen Schwächen der von Keynes entwickelten Theorien, dass sie das Versagen des Kapitalmarktes (und in Folge das Entstehen von gesamtwirtschaftlicher Arbeitslosigkeit) vorwiegend darauf zurückführt, dass die Unternehmungen in Zeiten der Depression über Überschusskapazitäten verfügen und aus diesen Gründen keine Erweiterungsinvestitionen (also Investitionen, welche zur Vergrößerung der Produktionskapazität führen) einleiten, auch dann nicht, wenn der Zinssatz gesenkt wird.

 

Nun gibt es neben Erweiterungsinvestitionen auch Rationalisierungsinvestitionen, die den Zweck verfolgen, die Produktionskosten zu senken. Es mag richtig sein, dass in Zeiten der Depression keine größeren Erweiterungsinvestitionen durchgeführt werden. Aber um so mehr zwingt die Absatzlage die Unternehmer, durch Rationalisierungen ihren Absatz zu vergrößern. Also wird der Umfang der Rationalisierungsinvestitionen gerade in Zeiten des Konjunkturrückgangs ansteigen.

 

Hätte Keynes die Bedeutung der Rationalisierungsinvestitionen stärker beachtet, hätte man auch erkennen müssen, dass eine Politik des billigen Geldes wie gezeigt die Gefahr der Arbeitslosigkeit sogar erhöhen kann.

 

Eine dritte Schwäche einer keynesianischen Beschäftigungspolitik (und damit auch der Politik des billigen Geldes) liegt darin, dass sie an den Symptomen der Arbeitslosigkeit ansetzt und nicht nach den eigentlichen Ursachen einer zu geringen Beschäftigung fragt. Problemgröße der keynesianischen Beschäftigungspolitik ist der konjunkturell bedingte Rückgang in der Nachfrage nach Arbeit. Zurückgeführt wird dieser Rückgang auf eine Reduzierung der effektiven privaten Nachfrage nach Güter. Da aber auch dieser Rückgang in der Güternachfrage konjunkturell bedingt ist, wird in dieser Theorie ein konjunkturell bedingtes Ereignis: der Beschäftigungsrückgang auf ein ebenfalls konjunkturelles Phänomen: der konjunkturell bedingte Rückgang in der Güternachfrage zurückgeführt. Der Konjunkturverlauf wird durch den Konjunkturverlauf erklärt.

 

Nun gehen wir in der Theorie der Wirtschaftspolitik generell davon aus, dass nur dann bestimmte Mangelerscheinungen unserer Volkswirtschaft nachhaltig beseitigt (bzw. wesentlich reduziert) werden können, wenn man sich zunächst nach den eigentlichen Ursachen dieser Mangelerscheinung fragt und versucht, auf politischem Wege diese Ursachen zu bekämpfen.

 

Arbeitslosigkeit ist nichts anderes als ein Ungleichgewicht auf den Arbeitsmärkten, die Nachfrage nach Arbeit ist geringer als das Angebot an Arbeit, Arbeitslosigkeit stellt sich somit als ein Angebotsüberhang auf den Arbeitsmärkten dar. Nun zeichnet sich der Markt dadurch aus, dass von ihm – im Gegensatz zu wohl allen anderen gesellschaftlichen Institutionen – von selbst, also ohne direkte politische Einflussnahme Kräfte freigesetzt werden, welche einen Abbau eben dieses Ungleichgewichtes bewirken. Übersteigt auf einem normal funktionierenden Markt das Angebot die Nachfrage, dann löst dieser Angebotsüberhang eine Reduzierung des Preises dieses Gutes aus und diese Preissenkung bewirkt selbst wiederum auf der einen Seite einen Zuwachs der Nachfrage und auf der anderen Seite eine Reduzierung des Angebotes aus. Und dies bedeutet, dass der Angebotsüberhang von selbst abgebaut wird.

 

Wie ist es nun zu erklären, dass diese – Ungleichgewichte von selbst abbauende – Gleichgewichtstendenz auf Arbeitsmärkten offensichtlich nicht gegeben ist? Der Grund liegt sicherlich nicht darin, dass es die Eigenschaften des Marktes selbst sind, welche verhindern, dass Ungleichgewichte diese Gleichgewichtskräfte auslösen. Nach der Gleichgewichtstheorie des Marktes wird diese Gleichgewichtstendenz nur dann nicht ausgelöst, wenn sich die Marktteilnehmer per Saldo anomal verhalten, wenn also eine Preissenkung automatisch dazuführt, dass die Nachfrage ebenfalls sinkt und/oder das Angebot sogar noch steigt.

 

In der Tat wurden im Rahmen der Markttheorie Sonderfälle beschrieben, bei denen das Angebot auf diese anomale Art auf Preissenkungen reagiert. Ein Unternehmer, welcher mit seinem Erlös neben einer Kostendeckung bisher gerade nur sein Existenzminimum als Gewinn erzielen konnte, kann seine Unternehmung nur dann aufrechterhalten, wenn er aufgrund der Preissenkung sein Angebot erhöht, denn nur auf diese Weise kann der partielle Einkommensverlust aufgrund des gesunkenen Preises durch eine partielle Einkommenssteigerung aufgrund eines gestiegenen Angebotes ausgeglichen werden und das Existenzminimum als Gewinn gesichert werden.

 

Aber diese Ausnahmebedingungen liegen sicherlich im Allgemeinen auf den Arbeitsmärkten nicht vor. Warum sollten auch die Arbeitgeber eine Senkung der Lohnsätze mit einer Reduzierung der Nachfrage beantworten, sie werden vielmehr die Nachfrage steigern, weil bei einer Ausweitung der Produktion zusätzliche Gewinne erzielt werden können. Das normale Angebot der Arbeitnehmer bleibt bei Lohnveränderungen weitgehend unverändert, die Masse der Arbeitnehmer bezieht ein Einkommen über dem Existenzminimum, sodass eine anomale Reaktion wie bei einem Kleinschiffer nicht wahrscheinlich wird. Eine vom einzelnen Arbeitnehmer ausgelöste Veränderung des Arbeitsangebotes erfolgt allenfalls dadurch, dass ein Arbeitnehmer durch Überstunden eine Erhöhung seines Einkommens anstrebt, hier werden Lohnkürzungen eher eine Reduzierung als eine Ausweitung des Überstundenangebotes auslösen. Insgesamt wird man also davon ausgehen können, dass auf einem freien Arbeitsmarkt durchaus damit gerechnet werden könnte, dass Lohnsenkungen per saldo dazu beitragen, die Arbeitslosigkeit zu verringern.

 

Wenn wir aber trotzdem feststellen müssen, dass über längere Zeit Ungleichgewichte auf den Arbeitsmärkten bestehen bleiben, so liegt dies daran, dass auf politischem Wege die Kräfte, welche auf freien Märkten einen automatischen Abbau von Marktungleichgewichten bewirken, außer Kraft gesetzt wurden. Die Lohnsätze reagieren nicht mehr unmittelbar auf einen Angebotsüberhang auf den Arbeitsmärkten, sie werden für längere eine – ein Jahr oder noch länger andauernde – Zeit in Tarifverträgen festgeschrieben, die Löhne können zwar bei Nachfrageüberhängen jederzeit durch übertarifliche Zuschläge kurzfristig erhöht werden, das Prinzip der Unabdingbarkeit der Tarifverträge verhindert jedoch, dass Lohnsätze auch nicht mit Zustimmung der betroffenen Arbeitnehmer unter den im Tarifvertrag vereinbarten Lohnsatz abgesenkt werden. Selbst übertarifliche Lohnzuschläge lassen sich nicht ohne Weiteres abbauen, wenn sie bereits mehrere Jahre gewährt wurden.

 

Gleichzeitig verhindert ein weitgehender gesetzlicher und tariflicher Kündigungsschutz wiederum, dass die Unternehmer auf Kostenveränderungen schnell mit ihrer Arbeitsnachfrage reagieren können. Zwar wird mit dem Kündigungsschutz die Verhinderung von Entlassungen angestrebt, trotzdem muss festgestellt werden, dass bezogen auf die gesamte Nachfrage nach Arbeitskräften von dieser Reglung oftmals eher eine beschäftigungsmindernde Wirkung ausgeht. Mit Hilfe des Kündigungsschutzes wird kein einziger Arbeitsplatz neu geschaffen. Dies bedeutet jedoch, dass auf diesem Wege lediglich diejenigen Arbeitnehmer, welche einen Arbeitsplatz haben zu Lasten derjenigen, welche bereits arbeitslos sind, begünstigt werden.

 

Gleichzeitig trägt der Kündigungsschutz oftmals dazu bei, die Kosten der Produktion zu erhöhen, indem Arbeitnehmer nicht entlassen werden können, obwohl sie mangels Aufträgen gar nicht produktiv eingesetzt werden können. Eine Erhöhung der Produktionskosten führt jedoch generell zu einer Verminderung der Nachfrage. Wenn die Unternehmer wissen, dass sie die Arbeitskräfte nicht wieder entlassen können, wenn der Absatz wieder zurückgeht, werden sie auch solange keine neuen Arbeitskräfte einstellen, solange nicht sicher ist, dass die Konjunktur nachhaltig aufwärts steigt.

 

Es muss betont werden, dass es bei dieser Kritik nicht um die Zielsetzungen geht, um derentwillen die sozialpolitischen Maßnahmen durchgeführt werden. Nicht die Ziele, sondern die Methoden, mit deren Hilfe diese Ziele angegangen werden, unterliegen der Kritik. Die sozialpolitischen Ziele sind weitgehend unbestritten, auch Walter Eucken, der Begründer des Ordoliberalismus sah in der Lösung der sozialen Frage eines der wichtigsten Probleme der modernen Industriestaaten. Er verurteilte nur den Versuch, diese Ziele mit marktinkonformen Maßnahmen zu verfolgen, also unmittelbar in den Marktprozess einzugreifen. Auf diesem Wege werden die sozialen Ziele zumeist gar nicht erreicht, in aller Regel wird ein Loch gestopft und dafür ein anderes neu geschaffen (so wird zwar vielleicht verhindert, dass einem bereits beschäftigten Arbeitnehmer gekündigt wird, gleichzeitig verschlechtern sich jedoch eben aus diesem Grunde die Chancen eines Arbeitslosen, neu eingestellt zu werden) und dies bedeutet, dass unerwünschte Nebenwirkungen auf andere Ziele der Wirtschafts- und Sozialpolitik ausgelöst werden.

 

Es wäre also erwünscht, dass man bei den Maßnahmen zur Verringerung der Arbeitslosigkeit an den Ursachen dieser Fehlentwicklung ansetzt und dass man bei der Verabschiedung sonstiger sozialpolitischer Maßnahmen solche auswählt, bei denen die Beeinträchtigung der Marktkräfte möglichst gering ausfällt.

 

Die keynesianische Beschäftigungspolitik ist heutzutage viertens deshalb weitgehend unwirksam, weil sich eine expansive Fiskalpolitik des Staates in einer weitgehend geschlossenen Volkswirtschaft auf den Beschäftigungsgrad anders auswirkt als in der modernen globalisierten Weltwirtschaft. Seit den Tagen der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts haben sich im internationalen Handel zwei wesentliche Änderungen ergeben. Auf der einen Seite sind in der Zwischenzeit die wichtigsten Barrieren des internationalen Handels zu einem beachtlichen Teil abgebaut worden, auf der anderen Seite hat eine ganze Reihe der ehemaligen Entwicklungsländer den Status eines Schwellenlandes angenommen. Diese Entwicklung  hat mit der Industrialisierung begonnen und wie alle Nationen in ihrer Frühphase der Industrialisierung gewähren auch die Schwellenländer ihren Arbeitnehmern extrem geringe Löhne.

 

Dieser Umstand bewirkt nun, dass auch dann, wenn die Defizitpolitik des Staates tatsächlich dazu führt, dass die Güternachfrage steigt, immer noch nicht die Gewähr gegeben ist, dass auch die inländische Beschäftigung zunimmt. Wenn die Unternehmer feststellen, dass die Arbeitskosten in den Schwellenländern wesentlich niedriger ausfallen als im Inland, werden sie die arbeitsintensiven Arbeiten vorwiegend in diesen Schwellenländern ausführen lassen. Die Mehrnachfrage nach Gütern führt also dann keinesfalls immer auch zu einer Mehrnachfrage nach Arbeitnehmer im Inland.

 

In diesem Zusammenhang ist es üblich, das amoralische Verhalten dieser Unternehmer zu geißeln. Demgegenüber gilt es jedoch festzustellen, dass auch die Konsumenten zu diesem Verhalten maßgebend beitragen. Genauso wie der Staat nicht dulden kann, dass Unternehmer durch Mafiamethoden ihren Gewinn zu vergrößern versuchen, genauso hat auch der Konsument bei seinem Verhalten dazu beizutragen, dass Produkte, die unter unerwünschten Produktionsmethoden hergestellt wurden, gar nicht erst nachgefragt werden. Auch der Konsument darf sein Gewissen nicht beim Betreten eines Geschäftes sozusagen an der Garderobe abgeben.

 

Zu den Zielsetzungen eines verantwortungsvoll handelnden Konsumenten zählt nicht nur, die Ware möglichst billig zu erwerben. Wie bei jeder verantwortungsvollen Handlung gilt auch für den Kaufakt eines Konsumenten, dass bei den Kaufentscheidungen nicht nur die materiellen und individuellen Bedürfnisse der einzelnen Individuen berücksichtigt werden, sondern dass alle, auch die sich aus den moralischen Standards ergebenden Ziele beachtet werden. Wenn aber die Konsumenten stets nach dieser Maxime handeln würden, wenn sie also den Kauf von Waren, bei deren Produktion eine Ausbeutung der Arbeitskräfte stattfand, ablehnen würden, dann würden die Unternehmer auf diesen Waren sitzen bleiben und sehr schnell die Verlagerung arbeitsintensiver Produktionen in diese Länder einstellen, weil solche Verlagerungen der Produktion ihnen Verluste bringen würden.

 

Es gibt schließlich einen fünften Grund, weshalb in jüngster Zeit eine Defizitpolitik des Staates immer weniger sein Ziel erreicht, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Der Grund hierfür liegt darin, dass der technische Fortschritt in immer stärkerem Maße eine Qualifizierung der Arbeitskräfte voraussetzt. Es werden immer weniger völlig ungelernte Arbeitskräfte benötigt, selbst für die einfachsten Arbeiten ist eine gewisse Ausbildung notwendig. Diese Entwicklung führt automatisch dazu, dass die Nachfrage nach ungelernten Arbeitnehmern nahezu auf null sinkt, dass aber das nach wie vor bestehende Angebot an ungelernten Arbeitnehmern – resultierend aus einer falschen Bildungspolitik in der Vergangenheit – relativ hoch ist.

 

Man wird zwar über die Bildungspolitik erreichen können, dass die meisten heranwachsenden Jugendlichen eine gewisse Mindestausbildung erfahren. Aber dies gilt in erster Linie eben nur für die Jugendlichen von heute, es gibt nach wie vor für sehr lange Zeit Arbeitskräfte, die in ihrer Jugend keine Ausbildung erfahren haben. Bis zum altersbedingten Ausscheiden dieser Arbeitnehmergruppe bleiben diese auch zu einem großen Teil ohne jegliche Qualifizierung. Es ist sehr schwer, Arbeitnehmer, die einmal als ungelernte Arbeiter begonnen haben, nachträglich zu einer Qualifizierung zu führen, mit dem Alter geht die Lernfähigkeit nämlich zumeist stark zurück.

 

Diese Tendenz wird nun dadurch noch verstärkt, dass ein Großteil der Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund der deutschen Sprache nicht mächtig ist und gerade deshalb arbeitslos bleibt, weil nahezu alle Arbeitsplätze die Kenntnis der deutschen Sprache voraussetzen. Die Kinder von Einwanderern erhalten zwar wie die einheimischen Jugendlichen Sprachunterricht in den Schulen. Da aber in den Familien der Einwanderer oftmals nur die Sprache der Herkunftsländer gesprochen wird, haben die Jugendlichen dieser Familien gegenüber den anderen Jugendlichen den Nachteil, dass das in der Schule gelernte Wissen zu Hause nicht geübt werden kann. Eine Lösung dieser Problematik kann nur dadurch erreicht werden, dass die Eltern mit Migrationshintergrund angehalten werden, die deutsche Sprache zu lernen.

 

Die Tatsache, dass der technische Fortschritt eine immer größer werdende Qualifizierung der Arbeitskräfte voraussetzt, wirkt sich jedoch nicht nur auf der untersten Qualifizierungsstufe der Arbeitnehmer aus. Die Produktion wird in diesem Zusammenhang oftmals auch dadurch erschwert, dass es zu einem Mangel gerade bei den Spitzenfachkräften kommt. Die Bereitschaft der Jugendlichen zur Berufsqualifizierung ist vor allem dort sehr gering, wo die Berufsausbildung mathematische und überhaupt naturwissenschaftliche Kenntnisse voraussetzt.

 

Tritt jedoch in bestimmten Wirtschaftszweigen eine Knappheit an Spitzenfachkräften auf, so kann die Produktion nicht aufgenommen werden und wenn keine Produktion möglich ist, sind natürlich wiederum die Arbeitnehmer mit geringerer Qualifizierung ebenfalls betroffen, da aufgrund des Produktionsausfalls eben gar keine Arbeitskräfte – auch keine  gering qualifizierte – Arbeitnehmer eingestellt werden können.

 

Diese Überlegungen zeigen zweierlei. Auf der einen Seite ist ein wachsender Teil der Arbeitslosigkeit gar nicht konjunkturell bedingt. Andere Ursachen verlangen aber auch andere Therapien. Wir haben auf der anderen Seite darauf hingewiesen, dass zur Beseitigung dieser strukturellen Arbeitslosigkeit vor allem bildungspolitische Maßnahmen notwendig sind und dass deshalb auf dem Wege einer Defizitpolitik bei diesen Ursachen keine Mehrbeschäftigung erzielt werden kann.

 

 

Fortsetzung folgt!