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Theorie der Tarifverhandlungen

 
Teil 1: Markttheorien

 

1. Die Theorie des Angebotsmonopols: John T. Dunlop

2. Die Theorie des bilateralen Monopols: William J. Fellner

 

 

Teil 2: Collective-bargaining-Modelle

 

 3. Konzession und Widerstand: John Richard Hicks

 4.  Die Rolle der Unsicherheit: Frederic Zeuthen, Jan Pen, George L. S. Shackle

 5. Spieltheoretische Ansätze: John F. Nash, John C. Harsanyi

 6. Die Bedeutung von Vermeidungsgradienten: Carl M. Stevens

 7. Die Berücksichtigung des Zeitfaktors: Robert C. Bishop und Lucien Foldes

 8. Erwartungen und Lernprozess: John G. Cross und Alan Coddington

 9. Selbstbindung und Kommunikation: Thomas C. Schelling

 10. Politische Determination: Arthur M. Ross, Perry McKersie und R. E. Walton

 

 

Teil 1

 

 

       1. Die Theorie des Angebotsmonopols (J. T. Dunlop)

 

John T. Dunlop hat den Versuch unternommen, die Ergebnisse der Monopoltheorie, die zunächst für Gütermärkte entwickelt wurde, auch auf den Arbeitsmarkt zu übertragen. Es wird ein Angebotsmonopol auf den Arbeitsmärkten unterstellt. Für die Gewerkschaften wird angenommen, dass sie das Ziel verfolgen, die Lohnsumme ihrer angeschlossenen Mitglieder zu maximieren. Sie versuchen dieses Ziel dadurch zu erreichen, dass sie eine monopolistische Verknappungsstrategie anwenden. Für die Unternehmer wird mit der allgemeinen neoklassischen Theorie Gewinnmaximierung unterstellt und angenommen, dass sich die einzelnen Unternehmer auf den Arbeitsmärkten wie Mengenanpasser verhalten, also den mit den Gewerkschaften ausgehandelten Tariflohn als Datum nehmen und nicht nachträglich zu beeinflussen versuchen.

 

Ein Monopolist nimmt das Verhalten der Marktgegenseite als Datum und versucht die Marktgegenseite zu einem solchen Verhalten zu bewegen, dass die eigenen Ziele des Monopolisten bestmöglich erfüllt werden. Das Verhalten der Arbeitgeber auf den Arbeitsmärkten wird durch die Arbeitsnachfragekurve bestimmt. Diese ist entsprechend der Gewinnmaximierungsformel aus der Kurve des Wertgrenzproduktes abgeleitet: Der Unternehmer dehnt annahmegemäß die Nachfrage nach Arbeitsstunden solange aus, als der Lohnsatz – die Grenzausgaben des Unternehmers unter Bedingungen der vollständigen Konkurrenz – geringer ausfällt als das Wertgrenzprodukt der Arbeit.

 

Diagramm 1

 

Im Ausgangspunkt erreiche der Lohnsatz unter Konkurrenzbedingungen die Höhe lk; die Arbeitsnachfrage betrage entsprechend der Arbeitsnachfragekurve Ak. Die Gewerkschaften versuchen nun durch Verknappung des Faktors Arbeit – und zwar indem sie streiken – die Unternehmer zu veranlassen, entsprechend der Arbeitsnachfragekurve den Lohnsatz zu steigern. Die Arbeitsmenge sinkt auf Am, der Lohnsatz steigt auf lm. Die Lohnsumme L vermindert sich einerseits um den Betrag (Ak - Am) * lk, steigt andererseits um den Betrag Am * (lm – lk). Die Lohnsummenerhöhung (dL) beträgt somit:

 

dL = Am * (lm – lk) – (Ak - Am) * lk

 

 

Da die Gewerkschaften annahmegemäß eine Lohnsummenmaximierung betreiben, werden sie mit der Verknappung solange fortfahren, bis die Lohnsumme ein Maximum erreicht hat. Das Lohnmaximum ist offensichtlich dann erreicht, wenn durch weitere Verknappung kein Zuwachs in der Lohnsumme erreicht werden kann und dies ist genau dann der Fall, wenn die partiellen Zuwächse und Verminderungen den absolut gleichen Betrag aufweisen:

 

Am * (lm – lk) = (Ak - Am) * lk

 

Neben diesem Grundmodell, das von einer Lohnsummenmaximierung als alleinigem Ziel ausgeht, hat John T. Dunlop eine Modellvariante vorgesehen, die darin besteht, dass die Lohnsummenmaximierung unter der Nebenbedingung angestrebt wird, nur solche Strategien zu verfolgen, die gleichzeitig Vollbeschäftigung garantieren:

 

 

 

Wenden wir uns der Kritik an dem Dunlop’schen Ansatz zu. Als erstes ist zu bemerken, dass auf den Arbeitsmärkten in der Regel gar nicht die Marktform des Angebotsmonopols, sondern des bilateralen Monopols verwirklicht ist. Nicht nur die Arbeitnehmer haben sich zu Gewerkschaften zusammengeschlossen, auch die Arbeitgeber haben sich in Reaktion auf die Entstehung von Gewerkschaften in Arbeitgeberverbänden zusammengeschlossen. Also dürfte eine Theorie, welche das Cournot’sche Monopol zugrunde legt, auch nicht zu befriedigenden Ergebnissen gelangen. Wir werden uns weiter unten noch ausführlich mit dem Versuch befassen, die Tarifverhandlungen mit Hilfe der Theorie des bilateralen Monopols auf den Arbeitsmärkten zu erklären.

 

Wenden wir uns einer zweiten Kritik an der von Dunlop entwickelten Theorie zu. Im Mittelpunkt der Lohntheorie von Dunlop steht der Versuch, durch bewusst herbeigeführte Verknappung der Arbeitskraft höhere Löhne zu erzwingen. Nun kann man natürlich in der Ausrufung eines Streikes eine solche Verknappung der Arbeitskraft sehen. Trotzdem liegt hier keine befriedigende Erklärung für das in Tarifverhandlungen erreichte Ergebnis vor. Es mag richtig sein, dass aufgrund der Streikdrohung seitens der Gewerkschaften die Arbeitgeber tatsächlich zu höheren Lohnzugeständnissen bereit sind.

 

Die von Cournot entwickelte Monopoltheorie ist jedoch nicht in der Lage, diese Zugeständnisse befriedigend zu erklären. Einerseits erfolgt die Verknappung der Arbeit bei einem Streik nur vorübergehend. Jeder Streik endet einmal. Die Verknappungstheorie ist nicht in der Lage zu erklären, warum die Unternehmer nach Beendigung des Streiks höhere Löhne als bisher zahlen. Nach Beendigung des Streiks ist die Verknappung aufgehoben, aufgrund der Gewinnmaximierungsannahme hätten die Unternehmer keinen Grund nach Beendigung der Verknappung höhere Löhne zu gewähren. Dieser Grund läge nur während der Dauer des Streiks vor, während dieser Zeit erhalten jedoch die Arbeitnehmer, die sich am Streik beteiligen, überhaupt keinen Lohn.

 

Andererseits kann diese Theorie auch nicht erklären, warum in der Regel die Androhung eines Streiks ausreicht, um die Arbeitgeber zu Lohnzugeständnissen zu bewegen. Höhere Löhne entsprechen nur dann dem Gewinnmaximierungskalkül, wenn und solange die Verknappung der Arbeitskraft vollzogen wird.

 

Diese Kritik bedeutet nicht, dass die Gewerkschaften nicht doch – eben auf anderem Wege als über die Ausrufung eines Streikes – unter Umständen eine Verknappungsstrategie verfolgen. Zumindest für die amerikanischen Gewerkschaften in der Anfangsphase ihrer Entwicklung kann davon ausgegangen werden, dass in einigen Betrieben nur Gewerkschaftsmitglieder eingestellt wurden (closed shop) und dass die Gewerkschaften auf diese Weise im Hinblick auf die nichtorganisierten Arbeitnehmer Einfluss auf die Arbeitsmenge im Sinne einer Verknappung erzielen konnten.

 

Nun hat bekanntlich Dunlop Modellvarianten angeboten, in denen u.a. die zusätzliche Nebenbedingung berücksichtigt wird, dass die Gewerkschaften auf jeden Fall nur dann an einer Verknappung der Arbeitskraft interessiert sind, wenn gleichzeitig die Forderung nach Vollbeschäftigung erfüllt ist. Wie realistisch diese Annahme ist, mag zweifelhaft sein. Die Gewerkschaften bekennen sich zwar in der Regel zu dem Ziel der Vollbeschäftigung, dies heißt jedoch noch lange nicht, dass die Gewerkschaften auf effiziente Strategien zur Erkämpfung höherer Löhne verzichten, falls diese Politik de facto zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit beiträgt. Die Gewerkschaften glauben in dieser Frage eher an eine Arbeitsteilung: Ihre Aufgabe sei es, höhere Löhne durchzusetzen, die Aufgabe des Staates sei es, dafür Sorge zu tragen, dass jederzeit Vollbeschäftigung herrsche. Dass gerade die gewerkschaftliche Lohnpolitik bisweilen die staatlichen Versuche, Vollbeschäftigung zu garantieren, behindern, wird im allgemeinen von den Gewerkschaften geleugnet.

 

Unterstellen wir jedoch, die Gewerkschaften würden tatsächlich im Sinne von Dunlop auf alle Lohnpolitiken verzichten, die sich negativ auf den Beschäftigungsgrad auswirkten. In diesem Falle könnten jedoch annahmegemäß die Gewerkschaften überhaupt keine Lohnsteigerung erkämpfen, die über dem Lohn liegen würde, der auf einem freien Markt bei vollständiger Konkurrenz beider Arbeitsmarktparteien und auch bei vollständiger Konkurrenz auf den Gütermärkten erzielt würde.

 

Dieses ernüchternde Ergebnis braucht allerdings nicht zu bedeuten, dass die Gewerkschaften im Hinblick auf die Lohnbildung überhaupt keinen Einfluss mehr ausüben. Es wäre theoretisch durchaus möglich, dass sich ohne Gewerkschaftseinfluss Löhne durchsetzen würden, die aus zweierlei Gründen unterhalb dem Gleichgewichtslohn bei vollständiger Konkurrenz auf allen Märkten lägen. Auf der einen Seite muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass sich die Unternehmer ohne Gewerkschaften auf den Arbeitsmärkten wie Nachfragemonopolisten verhalten würden, was automatisch zu Löhnen unterhalb des Wettbewerbslohnes führen müsste. Die Unternehmer würden ihren Gewinn dann maximieren, wenn die Grenzausgaben der Arbeit dem Wertgrenzprodukt entsprechen. Die Grenzausgaben der Arbeit sind jedoch höher als der Lohnsatz, da bei einer Ausweitung der Arbeitsnachfrage insgesamt höhere Löhne gezahlt werden müssen, sodass zu dem Lohn der neu eingestellten Arbeitnehmer noch zusätzlich Lohnzuschläge für alle Arbeitnehmer gewährt werden müssen. Der Schnittpunkt der Grenzausgabenkurve mit der Grenzproduktkurve liegt somit bei einer geringeren Arbeitsnachfrage und dieser Umstand drückt die Löhne.

 

Ähnliche Überlegungen gelten für den Fall, dass auf den Gütermärkten monopolistische Verhältnisse vorherrschen, mit dem Ergebnis, dass es im Interesse der Unternehmer liegt, weniger zu produzieren und damit auch weniger Arbeitskräfte nachzufragen. Wiederum würde diese geringere Nachfrage die tatsächlich gezahlten Löhne unter die Wettbewerbslöhne sinken lassen.

 

Diese beiden Arten von monopolistischer Unterdrückung der Arbeitnehmer kann nun verhindert werden, wenn es Gewerkschaften gibt, selbst dann, wenn sie – aufgrund der Nebenbedingung der Vollbeschäftigung – im Ergebnis nur Löhne aushandeln können, die auch bei vollständigem Wettbewerb gezahlt worden wären. Wir können hier mit John Kenneth Galbraith von einer countervailing power sprechen. Die Aufgaben, die eigentlich dem Wettbewerb zugedacht waren, erfüllen nun – bei Vorherrschen monopolistischer Kräfte – die countervailing powers, also die Bildung von Gegenkräften – die verhindern, dass sich die monopolistischen Einflüsse durchsetzen. Auch bei monopolistischen Verhältnissen kann von der Gegenmacht eine ähnliche Kontrolle ausgehen wie bei Konkurrenzverhältnissen.

 

Kommen wir zu einer dritten Kritik am Dunlop-Modell. Entsprechend der von Dunlop entwickelten Theorie führt eine Verknappung des Arbeitsangebotes nicht per se zu einer Lohnsummensteigerung. Die Veränderung in der Lohnsumme setzt sich vielmehr – wie gezeigt – aus zwei partiellen Änderungen zusammen: Die Verknappung führt zwar einerseits im allgemeinen ( d. h. bei einer normal verlaufenden, negativ geneigten Arbeitsnachfragekurve) zu einer Erhöhung des Lohnsatzes. Die Lohnsumme versteht sich jedoch als Produkt aus Lohnsatz und Arbeitsstundenzahl und letztere verringert sich eben aufgrund der Verknappung. Dem partiellen Zuwachs der Lohnsumme entspricht eine partielle Kürzung der Lohnsumme. Können wir in jedem Falle damit rechnen, dass der partielle Zuwachs größer ausfällt als der partielle Rückgang?

 

Untersuchen wir diese Frage für drei Fälle einer unterschiedlichen Arbeitsnachfragekurve. Unterstellen wir als erstes, wir müssten mit einer isoelastischen Nachfragekurve rechnen. Eine isoelastische Kurve der Arbeitsnachfrage zeichnet sich ex definitione dadurch aus, dass das Produkt beider Koordinaten – also das Produkt aus Lohnsatz und Arbeitsstundenzahl – in jedem Punkt der Kurve gleich groß ist. Die Nachfrageelastizität ist in jedem Punkte gleich eins. Eine Bewegung entlang dieser Kurve durch Verknappung führt also in diesem Falle zu keiner Lohnsummensteigerung. Die Lohnsumme bleibt vielmehr konstant.

 

 

Einen gewissen Erfolg könnten allerdings die Gewerkschaften auch bei einer isoelastischen Nachfragekurve erzielen: Die Verknappung führt zwar zu keiner Lohnsummensteigerung, sehr wohl kann jedoch die gleiche Lohnsumme mit einem geringeren Arbeitsaufwand erzielt werden, worin sicherlich für die Arbeitnehmer ein Nutzengewinn gesehen werden kann.

 

Fall 2: Wir wollen nun unterstellen, dass die Kurve der Arbeitsnachfrage eine negativ geneigte Gerade sei. In diesem Falle verändert sich die Nachfrageelastizität bei einer Bewegung entlang dieser Kurve. Im Schnittpunkt mit der Abszisse ist diese Elastizität gleich null. Der Elastizitätswert errechnet sich nämlich nach folgender Formel:

 

 

 

Im Schnittpunkt mit der Abszisse ist ex definitione der Lohnsatz null, also auch die Elastizität. Im Schnittpunkt mit der Ordinate hingegen ist die Beschäftigung null, dies bedeutet, dass die Elastizität gegen unendlich geht. Also können wir davon ausgehen, dass eine Bewegung entlang der Arbeitsnachfragekurve nach links-oben zu einer permanenten Zunahme der Nachfrageelastizität führt. Solange die Verknappung der Arbeitskraft bei einer Nachfrageelastizität kleiner eins erfolgt, ist der partielle Rückgang der Lohnsumme aufgrund der verringerten Arbeitsmenge kleiner als der Zuwachs aufgrund höherer Lohnsätze mit der Folge, dass die Lohnsumme steigt.

 

Sobald jedoch bei einer weiteren Verknappung die Elastizität den Wert eins erreicht, ist auch das Lohnsummenmaximum erzielt. Jede weitere Verknappung würde wieder zu einem Rückgang in der Lohnsumme führen. Ob allerdings dieses Lohnsummenmaximum bei einer Lohnsumme liegt die größer ist als die Lohnsumme, die bei vollständiger Konkurrenz erzielt würde, ist unbestimmt; es wäre je nach Lage der Arbeitsnachfragekurve auch denkbar, dass die Lohnsumme nun geringer ausfällt als bei Konkurrenz. 

                                                      

 

 

Fall 3: In der Literatur wird oftmals von einer Produktionsfunktion vom Typ Cobb-Douglas ausgegangen. Fragen wir uns zum Abschluss, wie erfolgreich in diesem Falle eine Verknappungsstrategie der Gewerkschaften ist. Eine Cobb-Douglas Produktionsfunktion weist vor allem zwei Eigenschaften auf: Auf der einen Seite ist das Grenzniveauprodukt konstant, dies bedeutet, dass eine Zunahme aller Produktionsfaktoren um x Prozent ebenfalls zu einer x-prozentigen Zunahme des Produktes führt. Auf der anderen Seite ergeben sich fallende partielle Grenzprodukte, sodass also bei einer einseitigen Erhöhung nur eines Produktionsfaktors das Grenzprodukt dieses Faktors bei einer Ausweitung immer mehr zurückgeht. Die Summe der Produktionskoeffizienten ist in diesem Falle stets eins. Die Gleichung für die Produktionsfunktion lautet:

 

Beschreibung: lohnqote3a

 

Wir setzen die für die spezielle Produktionsfunktion gültigen Parameter in die Gleichung für die Definition der Arbeitsnachfrageelastizität ein:

 

                                                                                                  

 

 

Da die Elastizität der Arbeitsnachfrage bei dieser Produktionsfunktion somit stets größer eins ist, können die Gewerkschaften unter diesen Bedingungen durch Verknappung die Lohnsumme nicht vergrößern. Eine Verknappungsstrategie führt unter diesen Bedingungen zu keinem Erfolg.

 

 

2. Die Theorie des bilateralen Monopols

 

Wir hatten oben bereits gesehen, dass in der Realität auf den Arbeitsmärkten in der Regel ein bilaterales Monopol gegeben ist. Die Arbeitnehmer sind in einer Gewerkschaft, die Arbeitgeber in einem Arbeitgeberverband zusammengeschlossen. Es liegt deshalb nahe, auf die Tarifverhandlungen die Theorie des bilateralen Monopols zu übertragen. Auch diese Theorie wurde zunächst für Gütermärkte entwickelt, kann jedoch sehr wohl auch auf Faktormärkte angewandt werden.

 

Auch hier gehen wir davon aus, dass die Unternehmer bei ihren Entscheidungen ihren Gewinn zu maximieren versuchen, während für die Gewerkschaften unterstellt wird, dass sie bemüht sind, den Nutzen ihrer Mitglieder zu maximieren. Allerdings ist es bei Unterstellung eines bilateralen Monopols nicht so eindeutig möglich, auch die Aktionsparameter festzulegen. Während wir davon ausgehen können, dass ein Monopolist bemüht sein wird, sein Ziel durch Verknappungsstrategien zu erreichen, lässt die Morphologie beim bilateralen Monopol die Verhaltensweisen weitgehend offen. Im Grunde genommen sind hier Mengenanpassung, monopolistische Preisstrategie, Optionsfixierung sowie eine Strategie der schrittweisen Verhandlungsführung möglich.

 

Unter Optionsfixierung verstehen wir hierbei ein Verhalten, bei dem der eine Verhandlungspartner seinem Gegner sowohl den Preis wie auch die Menge bestimmt, er überlässt ihm die Option, zu diesen Bedingungen dem Vertrag zuzustimmen oder auf einen Vertrag vollkommen zu verzichten. Es ist also eine Alles-oder-nichts-Strategie. Bei der Strategie der schrittweisen Verhandlungsführung beginnt man den Einigungsprozess mit der Festlegung der Punkte, über die sofort Einigung besteht und sucht dann in weiteren Schritten eine Lösung für die Punkte, bei denen zunächst die Vorstellungen auseinander gehen.

 

 Im Rahmen der Theorie des bilateralen Monopols wollen wir nun davon ausgegangen, dass die Tarifpartner entsprechend der schrittweisen Verhandlungsstrategie vorgehen. Man einigt sich also zunächst in einem ersten Schritt auf die Lösungen, die von beiden Seiten unstrittig sind und fragt sich dann in weiteren Schritten, ob auch in zusätzlichen Fragen eine beiderseitige Einigung möglich ist.

 

Wir betrachten hierzu ein graphisches Modell, auf dessen Ordinate der Lohnsatz und auf dessen Abszisse die vereinbarte Arbeitsmenge (z. B. in Arbeitsstunden) abgetragen wird. Wir zeichnen in dieses Diagramm einen Punkt P1, der die Einigung im ersten Schritt verdeutlicht. Durch diesen ersten Einigungspunkt verlaufen eine ganz bestimmte Isogewinn- und eine Isonutzenkurve, die zusammen eine ellipsenförmige Fläche umschließen. Eine Isogewinnkurve verbindet alle Kombinationen von Lohnsätzen und Arbeitsmengen, bei denen die Unternehmer einen gleich hohen Gewinn erzielen. Für jede mögliche Gewinnsumme gibt es eine solche Isogewinnkurve. In gleicher Weise verbindet eine Isonutzenkurve alle Kombinationen von Lohnsatz und Arbeitsmenge, die den Gewerkschaftsmitgliedern einen gleichen Nutzen stiften. Auch hier kann jedem Nutzenniveau eine Isonutzenkurve zugeordnet werden.

 

Jeder Punkt (jede Lösung) innerhalb dieser Fläche zeichnet sich dadurch aus, dass er beiden Verhandlungspartnern gegenüber der ersten Lösung eine Gewinn- bzw. Nutzensteigerung ermöglicht. Es liegt somit im Interesse beider Gruppen, eine solche Lösung innerhalb dieser Fläche zu suchen. In gleicher Weise können die Verhandlungspartner weitere Lösungen finden, sofern auch diese eine weitere Fläche neuer Lösungsmöglichkeiten umschließen.

 

 

 

 

Der Verhandlungsprozess findet erst dann ein Ende, wenn sich beide Isokurven tangieren; denn dann würde jede weitere Änderung mindestens einem Partner Nachteile bringen.

 

Wo der Einigungsprozess endet, hängt allerdings davon ab, bei welcher Lohnhöhe der Verhandlungsprozess begonnen hat. Dies bedeutet, dass je nach Anfangslohn auch unterschiedliche Lohnergebnisse erzielt werden.

 

 

Alle denkbaren Lösungen liegen jedoch auf der Kontraktkurve, die unter den gemachten Annahmen parallel zur Ordinate (l) verläuft, was nichts anderes bedeutet, als dass sich alle Verhandlungsergebnisse durch eine gleich hohe Angebotsmenge und damit gleiche Allokation auszeichnen. Das Ergebnis dieser Tarifverhandlungen scheint also allokationsneutral zu sein. Wir haben hier eines der wenigen Fälle, bei denen eine Änderung in der Verteilung (eine Bewegung entlang der Kontraktkurve) zu keinen negativen Allokationseffekten führt.

 

Das Verteilungsergebnis ist jedoch unbestimmt; es ist nur nach oben dadurch begrenzt, dass die Unternehmer keine Löhne gewähren können, die über dem Durchschnittsertrag der Arbeit liegen, und dass andererseits die Löhne auch nicht unter das Existenzminimum fallen können.

 

 

Dieses verteilungspolitische Ergebnis der Theorie des bilateralen Monopols ist jedoch unbefriedigend, da gegenüber dem bisherigen Wissensstand keine zusätzlichen Informationen geliefert werden. Dass der Lohn nicht unter dem Existenzminimum und auch nicht über dem Durchschnittsertrag der Arbeit liegen kann, ist eine Binsenwahrheit. Das eigentlich zu lösende Verteilungsproblem liegt gerade in der Frage, wo der Tariflohn zwischen diesen beiden Extremfällen liegen wird. Hierzu gibt jedoch diese Theorie keine Auskunft.

 

Man hat den Versuch unternommen, diese Unbestimmtheit dadurch aufzulösen, dass die Verhandlungsergebnisse zusätzlich durch gemeinsame Gerechtigkeitsvorstellungen beider Partner bestimmt würden. Die so entstehende Gerechtigkeitskurve würde angeben, welche Kombinationen von Lohnsatz und Arbeitsmenge in der Öffentlichkeit aber auch bei den Tarifpartnern als gerecht eingestuft werden. Die Kontraktkurve würde in diesem Falle durch eine (um ca. die Hälfte der Höhe nach unten) parallelverschobene Durchschnittsertragkurve geschnitten, es entsteht somit eine eindeutige Verteilungslösung.

 

 

 

Aber auch diese Überlegungen sind solange unzureichend, solange keine Hypothesen darüber möglich sind, von welchen Determinanten es abhängt, bei welcher Verteilung die Gerechtigkeitsvorstellungen erfüllt werden.

 

In einem Punkt führte die Theorie des bilateralen Monopols allerdings zu neuen Erkenntnissen. Es lässt sich nämlich anhand des graphischen Modells aufzeigen, dass der Punkt eines Cournot’schen Monopols instabil ist. Er liegt nämlich diesseits (links von) der Kontraktkurve und das bedeutet, dass beide Partner - auch die Arbeitnehmer - ausgehend vom Cournot-Punkt Nutzengewinne erzielen können, wenn sie in Richtung Kontraktkurve weiterverhandeln.

 

 

 

Unsere bisherigen Überlegungen unterstellten stillschweigend homogen lineare Produktions- und Nutzenfunktionen. Nur bei solchen Funktionen verläuft die Kontraktkurve parallel zur Ordinaten-Achse. Nun gehen wir im allgemeinen in der Haushaltstheorie von der Annahme aus, dass der Grenznutzen mit wachsendem Einkommen sinkt. Übernehmen wir diese Annahmen, so verläuft die Kontraktkurve nicht mehr in jedem Falle parallel zur Ordinatenachse, mit der Folge, dass die Verteilungskämpfe im bilateralen Monopol nicht mehr als allokationsneutral eingestuft werden können.

 

Die Theorie des bilateralen Monopols kam u.a. zu dem Ergebnis, dass die Höhe des Einigungslohnes davon abhängt, bei welcher Lohnhöhe die Verhandlungen beginnen. Dieser anfängliche Einigungslohn hängt sicherlich von der Art der Tarifstruktur ab, es bleibt jedoch unbestimmt, wovon es denn genau abhängt, bei welcher Lohnhöhe die Verhandlungen beginnen.

 

 

 

Teil 2

 

 

3. Konzession und Widerstand: John Richard Hicks

 

Das collectiv-bargaining-Modell von John Richard Hicks unterstellt für die Arbeitgeber, dass sie in jeder Verhandlungsphase vor der Alternative stehen, zu weiteren Konzessionen (Lohnzugeständnissen) bereit zu sein oder Widerstand gegenüber weiteren Veränderungen zu leisten. Die Arbeitgeber würden sich jeweils für die kostengünstigere Alternative entscheiden.

 

Bei der Alternative ‚Konzession’ steigen die Kosten an, weil die Lohnsumme zunimmt, bei der Alternative ‚Widerstand’ entstehen den Unternehmungen folgende Kosten: Kapitalkosten, Arbeitskosten für diejenigen Arbeitnehmer, die sich nicht am Streik beteiligen, aber trotzdem während des Streiks nicht produktiv eingesetzt werden können, eventuelle Vertragsstrafen, die deshalb fällig werden, weil bestreikte Unternehmungen die Liefertermine nicht einhalten können, schließlich Verluste dadurch, dass man im internationalen Handel langfristig Kunden an ausländische Unternehmungen verliert, die weniger häufig bestreikt werden.

 

Das aus diesem Kostenkalkül erwachsende Unternehmensverhalten lässt sich in einer Konzessionskurve beschreiben. Auf der X-Achse folgenden Diagramms wird die von den Arbeitgebern erwartete Streikdauer, auf der Y-Achse werden die Lohnzugeständnisse bei alternativen Streikerwartungen abgetragen. Die Konzessionskurve beginnt bei extrem niedrigen Lohnzugeständnissen, sie steigt mit der Streikerwartung an, läuft jedoch spätestens bei einer Lohnhöhe, die dem Durchschnittsertrag der Arbeit entspricht, in einer Parallelen zur X-Achse aus.

 

 

 

Auch die Arbeitnehmer stehen in jeder Runde der Tarifverhandlungen vor der Alternative, sich mit dem bisher Erreichten zufrieden zu geben oder auf weitere Lohnforderungen zu beharren und diese gegebenenfalls mit Streikdrohungen zu verbinden. Auch die Arbeitnehmer werden sich jeweils für die Alternative entscheiden, die ihnen die geringsten Kosten im Sinne von Nutzenentgängen verursachen.

 

Entscheiden sie sich dafür, sich mit dem bisher Erreichten zufrieden zu geben, verzichten sie auf mögliche Lohnerhöhungen. Entscheiden sie sich dafür weiterzuverhandeln und kommt es zum Streik, so entstehen Nutzenentgänge dadurch, dass während der Dauer des Streiks keine Erwerbseinkommen bezogen werden und dass die organisierten Arbeitnehmer nur das wesentlich niedrigere Streikgeld erhalten, die nichtorganisierten Arbeitnehmer, die sich trotzdem am Streik beteiligen, sogar leer ausgehen .

 

Dieses Verhalten der Arbeitnehmer lässt sich in einer Widerstandskurve abbilden, wobei diese Kurve angibt, wie die Streikbereitschaft der Arbeitnehmer von der Höhe der Lohnzugeständnisse der Arbeitgeber abhängt. Die Streikdauer ist null, wenn die Arbeitgeber alle Lohnforderungen zu Beginn der Verhandlungen erfüllen, sie steigt in dem Maße an, wie die Lohnzugeständnisse von den Lohnerwartungen abweichen. Diese negativ geneigte Widerstandskurve schneidet die Abszisse bei der Streiklänge, die aufgrund begrenzter Geldmittel der Gewerkschaft nicht überschritten werden kann.

 

 

 

Der Schnittpunkt der Widerstandskurve der Arbeitnehmer mit der Konzessionskurve der Arbeitgeber markiert das mögliche Verhandlungsergebnis. In diesem Punkt stimmen die Erwartungen beider Tarifpartner überein. Bei der in diesem Punkt erwarteten Streikdauer gestehen die Arbeitgeber gerade eine Lohnhöhe zu, bei der die Arbeitnehmer keine Ausweitung der Streikdauer mehr planen. Unter den von Hicks getroffenen Annahmen kann man auch im allgemeinen mit einem stabilen Gleichgewicht rechnen.

 

 

 

Die Tarifverhandlungen beginnen zunächst mit Lohnforderungen, welche die Lohnzugeständnissen der Arbeitgeber wesentlich übersteigen. Diese Differenz veranlasst die Arbeitnehmer, mit Streik zu drohen, was die Arbeitgeber wiederum veranlasst, höhere Löhne zuzugestehen. Die Streikbereitschaft der Arbeitnehmer weitet sich nur solange aus, als die Lohnzugeständnisse der Arbeitgeber von den Lohnforderungen der Arbeitnehmer abweichen. Damit ist aufgezeigt, dass der Verhandlungsprozess auf eine Einigung hin tendiert.

 

 

Generell kann man davon ausgehen, dass die Arbeitgeber im Verlaufe der Verhandlungen Zugeständnisse einräumen und dass im Zuge dieser Zugeständnisse der Widerstand der Arbeitnehmer zurückgeht. Man nähert sich gegenseitig an:

 

 

 

 

Gegen das von Hicks entwickelte Modell lässt sich einwenden, dass der Umfang der Streikkosten nicht nur von der Streikdauer, sondern auch davon abhängt, wie viel Betriebe bestreikt werden und wie viel Arbeitnehmer am Streik beteiligt sind. Alle diese Bestimmungsgründe lassen sich in einem einheitlichen Maßstab, nämlich in der Anzahl der durch Streik ausgefallenen Arbeitstage (den Streikkosten) zusammenfassen.

                                                           

 

 

George L. S. Shackle hat den von Hicks unterstellten Verlauf der Widerstandskurve der Arbeitnehmer kritisiert. Shackle glaubt, nachweisen zu können, dass die Reaktionskurve der Arbeitnehmer einen positiven (allerdings konvex gekrümmten) Verlauf nehme. Er erklärt dieses Ergebnis mit dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen des Einkommens.

 

 

Überlegen sich die Arbeitnehmer, einen Tag länger zu streiken als bisher geplant, so verursachen die hierdurch ausgelösten Verringerungen im Lohneinkommen einen immer größer werdenden Nutzenentgang. Deshalb ist eine Ausweitung des Streiks auch nur effizient, wenn die hierdurch erzielte Lohnsteigerung immer höher ausfällt.

 

 

Der wichtigste Unterschied zwischen Hicks und Shackle besteht in der hier diskutierten Frage darin, dass Hicks die Streikbereitschaft der Arbeitnehmer von den Lohnzugeständnissen der Arbeitgeber abhängig macht, während Shackle die Lohnforderungen der Arbeitnehmer in Beziehung zu dem bei der Streikausweitung entstandenen Nutzenentgang in Beziehung setzt. Nur die von Hicks aufgestellte Hypothese ist in der Lage, den Einigungsprozess aufzuzeigen und damit die Stabilität des Gleichgewichts zu erklären. Bei Shackle bleibt unklar, ob das Gleichgewicht stabil ist, es fehlen Informationen darüber, warum die Arbeitgeber den Lohnforderungen der Arbeitnehmer entgegenkommen.

 

Die Theorie von Hicks unterstellt, dass immer dann, wenn die Unternehmer zu keinen weiteren Lohnzugeständnissen bereit sind, obwohl die Gewerkschaften höhere Lohnforderungen stellen, ein Streik tatsächlich ausbricht. In Wirklichkeit besteht nur die Befürchtung, dass es zum Streik kommt. Ob sich diese Befürchtung bewahrheitet, ist unsicher. Der Wert von erwarteten und deshalb unsicheren Kosten ist jedoch stets geringer als die für den Fall des Streikausbruches erwartete Kostenhöhe: Diese muss mit dem Grad der Unsicherheit gewichtet werden.

 

Eine solche Korrektur des Hicksschen Modells lässt sich im Ansatz leicht bewerkstelligen; in der Tat hatten – wie wir weiter unten sehen werden – Frederic Zeuthen, Jan Pen und auch L. S. Shackle – teilweise bereits zwei Jahrzehnte vor Hicks – Bargaining-Modelle entwickelt, in denen das Verhalten der Tarifpartner ex pressis verbis unter den Bedingungen der Unsicherheit abgeleitet wurde.

 

Die Theorie von Hicks ist darüber hinaus insoweit weiter zu entwickeln, als unklar bleibt, warum die Arbeitgeber so vehementen Widerstand gegen Lohnerhöhungen leisten, obwohl sie in der Regel die Lohnkostensteigerungen auf den Güterpreis überwälzen können. Eine befriedigende Lohntheorie muss aufzeigen können, unter welchen Bedingungen eine Kostenüberwälzung gelingt.

 

So kann man zeigen, dass bei betrieblichen Tarifverhandlungen eine Kostenüberwälzung weniger gelingt als bei zentralen Verhandlungen, da nur bei zentralen Verhandlungen die Unternehmer die Lohnkostenzuwächse auf die Güterpreise überwälzen können, ohne Wettbewerbsnachteile zu erleiden. Aus ähnlichen Gründen ist eine Kostenüberwälzung dann erschwert, wenn eine inländische Unternehmung in starkem Wettbewerb mit ausländischen Unternehmungen steht.

 

Die bisher behandelten Theorien zeichnen sich alle dadurch aus, dass sie zwar von der realistischen Annahme ausgehen, dass sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber in Verbänden zusammenschließen; es wird jedoch stets unterstellt, dass die Verbandsfunktionäre das primäre Ziel verfolgen, das Wohl der angeschlossenen Mitglieder zu realisieren (= Annahme des Repräsentationstheorems). Dies widerspricht jedoch den Annahmen der ökonomischen Theorie der Demokratie.

 

Danach müssen wir davon ausgehen, dass Verbandsfunktionäre wie alle Politiker primär daran interessiert sind, ihre eigene Machtposition zu stärken und dass lediglich über den Umweg einer Verbandsordnung die verschiedenen Zielsetzungen der Funktionäre so kanalisiert werden, dass die Funktionäre immer dann ihr Machtstreben realisieren, wenn sie den Interessen ihrer Mitglieder entgegenkommen.

 

Dies ist jedoch nur in einer funktionierenden Verbandsordnung gewährleistet, in der Realität muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass aufgrund falscher Anreize Mitglieder- und Funktionärsinteressen auseinanderfallen. Die traditionellen Theorien haben also den Nachteil, dass sie den eigentlichen politischen Willensbildungsprozess der Tarifverhandlungen außer Achtlassen.

 

Fortsetzung folgt!