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Gliederung der Vorlesung:

 

01. Gegenstand und Aufgaben

02. Währungspolitik: Historische Einführung

03. Währungspolitik: Theoretische Grundlagen

04. Währungspolitik: Das Instrumentarium

05. Währungspolitik: Die policy-mix-Strategie

06. Handelspolitik: Historische Einführung

07. Handelspolitik: Theoretische Grundlagen

08. Handelspolitik: Das handelspolitische Instrumentarium

09. Arbeitsmarktpolitik

10. Kapitalmarktpolitik

11. Integrationspolitik 

12. Politik  zugunsten der Entwicklungsländer

 

 

Kapitel 10: Kapitalmarktpolitik

 

 

 

Gliederung:

 

01. Kapitalbewegungen in der Klassik

02. Geschichtliche Einführung

03. Determinanten der  Kapitalbewegungen

04. Einfluss auf die internationale Zinsstruktur

05. Das Problem des realen Kapitaltransfers

06. Förderung der Kapitalwanderung

07. Behinderung der Kapitalwanderung

 

 

 

01. Kapitalbewegungen in der Klassik

 

Nachdem wir uns im vorhergehenden Kapitel mit der Frage befasst haben, inwieweit die einzelnen Staaten die internationalen Wanderungen zu beeinflussen versuchen, gilt dieses Kapitel den internationalen Kapitalbewegungen.

 

Etwas in geringerem Maße als für den Arbeitsmarkt gilt auch für den Kapitalmarkt, dass die Klassiker der Außenwirtschaftstheorie den internationalen Wanderungsbewegungen einen relativ geringen Stellenwert beimaßen. Vor allem in der Neoklassik werden zwar internationale Kapitalwanderungen berücksichtigt; der Wechselkurs gilt jedoch langfristig und hauptgewichtig als von den Güterbewegungen determiniert.

 

In dieser Frage ist ein radikaler Wandel in der Theorie der außenwirtschaftlichen Beziehungen seit den 70er Jahren festzustellen. Oftmals wird heutzutage sogar die These vertreten, dass Güterbewegungen keinen entscheidenden Einfluss mehr auf den Wechselkurs nehmen. Eine etwas vorsichtigere Position könnte lauten: Beide Teilbilanzen sind für den Wechselkurs prinzipiell von Bedeutung; je nach  historischer Konstellation kann sich jedoch das Gewicht der Teilbereiche verschieben und es kann somit eine der beiden Teilbilanzen dominieren.

 

 

02. Geschichtliche Einführung

 

Die Arbeitskräfte-Wanderungen im 18. und 19. Jahrhundert nach Übersee sind zumeist verbunden mit einem Kapitalexport in Form von Gerätschaften; zwar handelt es sich hierbei absolut um geringe Beträge, aber es ist zu berücksichtigen, dass damals auch die Kapitalausstattung pro Person im Vergleich zu heute sehr gering war; für den Einfluss der Kapitalwanderungen kommt es jedoch nur darauf an, wie sich die Verhältnisse der Faktorausstattungen durch Wanderungen verändern.

 

In diesem Sinne brachten die Wanderungen im 18. und 19. Jahrhundert keine wesentliche Verschiebung zugunsten eines Faktors. Im Zuge der Kolonisation in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es dann zu größeren Direktinvestitionen in die Kolonien. Zwei Bestimmungsgründe waren hierbei maßgeblich, erstens das Gesetz von der Abnahme der Grenzerträge. In den Kolonien war im Vergleich zu den Mutterländern der Grenzertrag der Bodenprodukte noch relativ hoch. Weiterhin sind nun in dieser Zeit zweitens die Bemühungen um neue Absatzmärkte von Bedeutung. 

 

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen fanden in Deutschland vor allem zwei verschiedene Kapitalbewegungen von größerer Bedeutung statt: die Reparationszahlungen Deutschlands an die Siegermächte Frankreich und Großbritannien sowie die Aufnahme von Krediten aus den USA.

 

Befassen wir uns mit dem Problem der Reparationszahlungen etwas ausführlicher. Die Länder, welche die Zahlungen erhalten, versuchten über protektionistische Maßnahmen ein Defizit in der Leistungsbilanz zu verhindern, obwohl Keynes nachgewiesen hatte, dass ein realer Transfer nur bei unausgeglichenen Leistungsbilanzen stattfinden kann.

 

Hierbei entstand im Zusammenhang mit der Kreditaufnahme folgendes Problem: Die deutschen Industrieanlagen wurden in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg entgegen der goldenen Regel der Bilanzstruktur mit kurzfristigen Krediten finanziert. Deutschland entschloss sich dann zu Beginn der Weltwirtschaftskrise zu einem Schuldenmoratorium zur Verhinderung eines generellen Bankrotts deutscher Unternehmungen.

 

In der Zeit der beiden Weltkriege gewährten die USA ihren Verbündeten (England, Frankreich, aber auch Russland) Waren und kriegswichtige Güter auf Kreditbasis.

 

In der unmittelbaren Zeit nach dem 2. Weltkrieg leisteten die USA den europäischen Staaten einschließlich Deutschland die sogenannte Marshalplanhilfe. Aus der Sicht der USA war es eine nicht zurückzahlbare Spende. Aus der Sicht der empfangenden Unternehmungen waren jedoch die Kredite zurückzuzahlen, standen also erneut andern Unternehmungen zur Verfügung. Die USA verpflichteten die Empfängerländer im Gegenzug zu einer wechselseitigen Zahlungsbilanz-Hilfe.

 

Die Weltbank vergab an Entwicklungsländer zahlreiche langfristige Kredite. Die Furcht der Unternehmungen, die in den Entwicklungsländern Kapital investiert hatten, vor einer Enteignung im Zusammenhang mit möglichen Revolutionen löste nämlich eine Kapitalflucht aus.

 

Auch eine unterschiedliche Steuergesetzgebung führte darüber hinaus zu Kapitalbewegungen. Es bestand die Tendenz, Kapital, das im eigenen Land relativ hoch besteuert wird, in Länder mit niedrigen Steuersätzen (Steueroasen) zu transferieren.

 

Die relativ hohen Außenzölle der EG behinderten weitgehend einen Import amerikanischer Waren nach Europa und diese Behinderungen veranlassten die USA-Unternehmungen in der unmittelbaren Zeit nach dem 2. Weltkrieg zu Direktinvestitionen, um auf diesem Wege die Zollmauern zu umgehen. Dadurch nämlich, dass amerikanische Unternehmungen in Europa selbstständige Tochtergesellschaften gründeten und somit Waren in Europa selbst produzierten, entfielen auf diese Waren kein Zoll und die amerikanischen Unternehmungen konnten mit den europäischen Unternehmungen konkurrieren.

 

Ab der 2. Hälfte der 60er Jahre fanden immer mehr spekulativ bedingte Kapitalbewegungen innerhalb Europas statt. Ursache war eine unterschiedliche Inflationsrate in den einzelnen europäischen Mitgliedsstaaten des IWF sowie eine Anlage der Gewinne aus dem Ölexport der arabischen Staaten. Das hohe Zinsniveau der USA während der Reagan-Administration, das vorwiegend durch hohe Haushaltsdefizite bedingt war, trug zu einem weiteren Kapitalexport der europäischen Staaten nach USA bei.

 

 

03. Determinanten der  Kapitalbewegungen

 

Befassen wir uns nun mit der Frage, welche Bestimmungsgründe die internationalen Kapitalbewegungen bestimmen. Zu den wichtigsten Bestimmungsfaktoren der internationalen Kapitalbewegungen zählen:

 

·        das internationales Zinsgefälle,

·        Erwartungen über Wechselkursveränderungen sowie

·        die Höhe des Anlagerisikos.

 

Als Grundannahme gilt die Einkommensmaximierungshypothese. Vermögen werden jeweils in der Anlage investiert, welche die höchste Nettorendite bringt. Dies bedeutet zunächst, dass jeweils das Kapital in denjenigen Ländern angelegt wird, die den höchsten Zinssatz gewähren.

 

Jede noch so geringe Differenz in den Zinssätzen müsste eigentlich zu einer vollständigen Kapitalbewegung führen, vorausgesetzt dass

 

·        die Wechselkurse konstant sind,

·        keine  Transferkosten entstehen,

·        das Risiko für alle Anlagen gleich hoch ist (These von der vollständigen Substituierbarkeit),

·        eine gleiche Besteuerung in allen Ländern vorgenommen wird und

·        gleiche Erwartungen über die Zinsentwicklung vorherrschen.     

 

Die Kapitalwanderung käme allerdings schließlich dann zum Erliegen, sobald im Zuge der Kapitalwanderung das Zinsgefälle vollständig abgebaut wurde.

 

De facto ist jedoch jede Transaktion mit Kosten verbunden:

 

·        auf der einen Seite entstehen Informationskosten,

 

·        auf der anderen Seite stellt die Transaktion eine Dienstleistung dar, die einen Preis hat.

 

Weiterhin sind die Wechselkurse nicht stabil, also entstehen Wechselkursschwankungen; diese verursachen Kursgewinne und -verluste beim Transfer, mit der Folge, dass die erwartete Nettorendite in Wirklichkeit aus der Summe von Zinssatz und erwarteter Kursveränderung besteht. Das Anlagerisiko ist in den einzelnen Ländern zudem unterschiedlich hoch und wird auch unterschiedlich eingeschätzt.

 

Generell dürfte das Risiko in Auslandsanlagen höher eingeschätzt werden, als das in vergleichbaren Inlandsanlagen. Auch die Besteuerung ist in den einzelnen Ländern unterschiedlich hoch, sodass das Verhältnis der Nettorenditen zu den Bruttorenditen von Land zu Land abweicht.

 

Weiterhin können auch bei gleichem Zinssatz im In- und Ausland die Erwartungen über die zukünftige Entwicklung unterschiedlich sein und auf diesem Wege zusätzlichen Einfluss auf den Kapitalstrom nehmen. Schließlich wurde der tatsächliche Kapitalstrom durch zahlreiche Kapitalverkehrskontrollen der einzelnen Staaten ebenfalls beeinflusst.

 

 

04. Einfluss auf die internationale Zinsstruktur

 

Bei einem vollständigen Markt müsste eine unbehinderte Kapitalwanderung zu einem vollständigen Ausgleich der Zinssätze führen, wobei für kleine Länder gilt, dass sie keinen Einfluss auf das Weltzinsniveau nehmen können.

 

Diese Ausgleichstendenz erklärt sich dadurch, dass aufgrund der Wanderung das Kapital in den kapitalexportierenden Ländern knapper wird und deshalb der Zinssatz dort steigt und gleichzeitig in den kapitalimportierenden Ländern die Knappheit verringert wird und der Zinssatz fällt.

 

Eine Kapitalwanderung führt also zu einem Abbau des Zinsgefälles. Wenn die Wanderung solange fortgesetzt würde, solange eine Zinsdifferenz besteht, würde dieser Prozess zu einem vollständigen Abbau der nationalen Zinsunterschiede führen.

 

De facto sind jedoch die Märkte aus den oben aufgezählten Gründen unvollkommen. Dies bedeutet, dass de facto eine mehr oder weniger große internationale Zinsdifferenz bestehen bleibt und dass gerade deshalb die Notenbanken einen gewissen Spielraum in der Geldpolitik besitzen.

 

 

05. Das Problem des realen Kapitaltransfers

 

Der Umfang des realen Transfers lässt sich anhand des Leistungsbilanzüberschusses messen. In der Regel ist die Zielsetzung eines Kapitalexports der reale Transfer. Ein realer Transfer ist jedoch keinesfalls selbstverständlich. Das kreditnehmende Land erhält Devisen, mit deren Hilfe nur ein Teil der Güter im kreditnehmenden Land, der restliche Teil aber auch in anderen dritten Ländern gekauft wird.

 

Wenn aber der reale Transfer vom LB-Überschuss bestimmt wird, ist weiterhin zu untersuchen, wie Export und Import durch die Kreditgewährung insgesamt beeinflusst werden. Die Befürchtung, dass ein Kapitalexport realiter gar nicht erreicht wird, wurde vor allem im Zusammenhang mit den Reparationszahlungen Deutschlands erhoben.

 

Heute entsteht das Transferproblem vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklungshilfe, aber auch mit den diversen Kapitalhilfen im Zusammenhang mit der europäischen Schuldenkrise. In der Frage von welchen Faktoren es abhängt, ob ein realer Transfer stattfindet, hatte sich eine Kontroverse zwischen Keynes und Ohlin entwickelt. 

 

Keynes nahm folgende Position ein: Das kreditnehmende Land wird entsprechend seiner Importneigung (impAus) immer nur einen Teil des Kredites für zusätzliche Importe verwenden. Andererseits kommt es auf die Importneigung nur gegenüber dem kreditgewährenden Land und nicht auf die allgemeine Importneigung an. Eine Reduzierung des verfügbaren Einkommens im Kapital gewährenden Land entsteht aufgrund der Steuerzahlung, deshalb ist auch dort eine geringere Importquote (impInl) zu erwarten.

 

Die Summe der beiden Importquoten bestimmt die Rate des Kredites, die transferiert werden wird, diese Rate ist im Allgemeinen kleiner als 100%. Nehmen wir den Fall, dass Deutschland an Frankreich Reparationen zu zahlen hatte: Vor der Reparationszahlung seien jeweils Waren im Wert von 1000 Geldeinheiten importiert und exportiert worden, die Leistungsbilanz sei also zunächst ausgeglichen gewesen.

 

Aufgrund der Reparationssumme (KS) steigt auf der einen Seite unser Export, da Frankreich entsprechend seiner Importquote mehr aus Deutschland importiert, auf der anderen Seite sinkt unser Import, da die Reparationszahlungen aus Steuermittel finanziert wurden und somit das verfügbare Einkommen geringer wurde. Bei konstanter Importquote führt aber ein Rückgang im Volkseinkommen automatisch zu einer partiellen Reduzierung der Importausgaben.

 

Der reale Transfer wird durch die Differenz der beiden Importquoten bestimmt und damit durch den Leistungsbilanzsaldo. Das reparationszahlende Land muss einen Exportüberschuss, das reparationsempfangende Land hingegen einen Importüberschuss aufweisen, soll ein realer Kapitaltransfer stattfinden.

 

 

 

 

Wenden wir uns nun der Position Ohlins zu: Es kommt einmal darauf an, wie der Kredit im kreditgebenden Land aufgebracht wird: durch Kreditschöpfung, die keine Nachfrageminderung nach sich zieht oder durch Nachfrageverminderung (Steuerfinanzierung). Zum andern ist zu überprüfen, wie der Kredit im kreditnehmenden Land verwendet wird, wieweit er gehortet wird und wieweit er zu Nachfrage führt und damit über den Multiplikator das Volkseinkommen vergrößert. In der Realität müssen beide Wirkungszusammenhänge berücksichtigt werden.

 

Hierbei kommt es einerseits auf den Zuwachs des Inlandsproduktes im In- und Ausland, sowie auf die Sparquote im In- und Ausland an. Folgende Symbole werden verwandt:

 

DYInl: Zuwachs des inländischen Inlandsprodukts

DYAus: Zuwachs des ausländischen Inlandsprodukts

sInl: inländische Sparquote

sAus: ausländische Sparquote

 

 

 

 

06. Förderung der Kapitalwanderung

 

In diesem Abschnitt wollen wir uns den politischen Maßnahmen zur Förderung der internationalen Kapitalwanderung zuwenden. Folgende Maßnahmen wurden zur Förderung der Kapitalwanderung eingesetzt:

 

·        eine Swapsatzpolitik der Notenbank in den 50er und 60er Jahren. Unter Swapsatzpolitik versteht man die Intervention der Notenbank auf den Devisenterminmärkten; die Notenbank verkauft ausländische Währung per Kasse und kauft diese Währung per Termin zu einem festgesetztem Kurs, der unter dem Kassakurs liegt, also berechnet die Notenbank für die Übernahme des Kursrisikos einen Abschlag den sogenannten "Deport".

 

·        Weiterhin eine Abschaffung aller Kapitalverkehrskontrollen sowie die Vermeidung von Doppelbesteuerung durch bilaterale Verträge.

 

·        Schließlich eine Harmonisierung der Steuersätze im Rahmen eines einheitlichen  Binnenmarktes der EG (1992).

 

Zu den wichtigsten Zielen zählten hierbei:

 

·        Da mit einer hohen Risikoerwartung gerechnet wurde, sollte die Bereitschaft zum Devisenhandel dadurch vergrößert werden, dass die Notenbank einen Teil des Kursrisikos übernahm (insbesondere bei der Swapsatzpolitik).

 

·        Darüber hinaus verbinden sich mit der Kapitalmobilität wohlfahrtspolitische Ziele: Es soll mehr Freiheit gewährt werden und eine höhere Produktivitätssteigerung erzielt werden.

 

 

07. Behinderung der Kapitalwanderung

 

Welches sind nun die wichtigsten Maßnahmen zur Behinderungen einer Kapitalwanderung:

 

·        Die Einführung eines Bardepots für ausländische Anleger bzw. Erhebung einer zusätzlichen Mindestreserve,

 

·        eine  Kapitalertragssteuer,

 

·        eine Devisenumsatzsteuer, vorgeschlagen von Tobin (deshalb Tobinsteuer genannt)

 

·        eine Zinsausgleichssteuer sowie

 

·        Kreditkontingente.

 

Das Ziel der Währungspolitik bestand vor allem in einer Vermeidung spekulativer Kapitalbewegungen. Das Problem bestand in der Trennung der spekulativen Kapitalbewegung von der Zinsarbitrage, sowie die Trennung einer stabilisierenden von einer destabilisierenden Spekulation. Wenn nämlich alle Börsenumsätze besteuert werden, werden auch diejenigen Spekulationen eingeschränkt, welche die Stabilität der Kurse sogar fördern.

 

Die Zielsetzungen in der Konjunkturpolitik beziehen sich auf folgende Problematik: Das konjunkturpolitische Instrumentarium der Notenbank wurde aufgrund der Interventionspflicht im Zusammenhang mit den festen Währungssystemen weitgehend ineffizient. Ein Kapitalexport kann unter Umständen die inländischen Investitionen vermindern und damit auch die Nachfrage nach Arbeitskräften. Kapitalexport bedeutet ja, dass sich die Kapitalgeber dafür entscheiden, ihr Vermögen weniger in inländischen und dafür mehr in ausländischen Anlagen zu investieren.

 

Allerdings gelten diese Schlussfolgerungen zunächst nur bei klassischer Arbeitslosigkeit. Bei keynesianischer Arbeitslosigkeit liegt die Ersparnis ex ante über der Investition. Also kann der Kapitalexport aus dem Teil der Ersparnisse alimentiert werden, welcher ohnehin nicht im Inland wegen zu geringer Rendite angelegt wird. Folglich wird sich ein Kapitalexport auch nicht negativ auf die Nachfrage und damit auf die Beschäftigung auswirken.

 

Im Hinblick auf die Zielsetzungen in der Verteilungspolitik gilt, dass bei klassischer Betrachtungsweise  der Kapitalexport eine geringere Arbeitsnachfrage zur Folge hat und damit der Tendenz nach eine Reduzierung in den Lohnsätzen, bzw. in den Zuwachsraten der Lohnsätze bewirkt.

 

Allerdings wird hier von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Die letztliche Ursache für einen Kapitalexport, der zu Arbeitslosigkeit führt, muss in einem verzerrten Lohn-Zins-Verhältnis gesehen werden. Wenn Arbeitslosigkeit entsteht, so ist das darauf zurückzuführen, dass der Lohnsatz im Verhältnis zum Zinssatz zu hoch ist. Und dies hinwiederum führt dazu, dass die Unternehmungen aufgrund von Rationalisierungen die Arbeitsintensivität verringern. Würde das Lohn-Zinsverhältnis den Knappheitsverhältnissen von Arbeit und Kapital entsprechen, würden die Unternehmungen in eigenem Interesse eine Arbeitsintensität wählen, bei der Vollbeschäftigung erreicht werden könnte.

 

Für fiskalisch motivierte Ziele gilt: Bei Einführung von Kapitalverkehrskontrollen besteht die Möglichkeit, die inländischen Zinsen dadurch zu senken, dass der Kapitalexport verringert wird. Sinken die inländischen Zinsen, so verringert sich auch die Zinslast des Staates für seine emittierten Schuldverschreibungen. Bei Reduzierung des Kapitalexportes verbunden mit einer vermehrten inländischen Kapitalanlage werden gleichzeitig höhere Kapitalerträge und damit auch höhere Steuer-Einnahmen erzielt.

 

Schließlich einige Bemerkungen zu den wohlfahrtspolitischen Zielen:

 

Es ist denkbar, dass ohne Berücksichtigung der Sozialabgaben die Kapitalrendite im Inland höher wäre als im Ausland und dass es deshalb erwünscht wäre, den Kapitalexport zu drosseln und den Kapitalimport zu stimulieren. Wenn nun das Inland höhere Sozialabgaben vorsieht als das Ausland, kann sich das Verhältnis der internationalen Zinserträge umkehren, sodass nun die Rendite im Ausland höher wird als im Inland und dass deshalb de facto ein vermehrter Kapitalexport stattfindet, obwohl diese Umkehr in den Kapitalströmen die Gesamtwohlfahrt der beiden betroffenen Länder vermindert, da nun das Kapital nicht mehr zu den produktivsten Verwendungen strömt.

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Etwas in geringerem Maße als für den Arbeitsmarkt gilt auch für den Kapitalmarkt, dass die Klassiker der Außenwirtschaftstheorie den Wanderungsbewegungen einen relativ geringen Stellenwert beimaßen. Vor allem in der Neoklassik werden zwar internationale Kapitalwanderungen berücksichtigt; der Wechselkurs gilt jedoch langfristig und hauptgewichtig als von den Güterbewegungen determiniert.

 

02. In dieser Frage ist ein radikaler Wandel in der Theorie seit den 70er Jahren festzustellen; oftmals wird heutzutage sogar die These vertreten, dass Güterbewegungen keinen entscheidenden Einfluss mehr auf den Wechselkurs nehmen. Eine etwas vorsichtigere Position könnte lauten: Beide Teilbilanzen sind für den Wechselkurs prinzipiell von Bedeutung; je nach  historischer Konstellation kann sich jedoch das Gewicht der Teilbereiche verschieben.

 

03. Die Arbeitskräfte-Wanderungen im 18. und 19. Jahrhundert nach Übersee sind zumeist verbunden mit Kapitalexport in Form von Gerätschaften; zwar handelt es sich hierbei absolut um geringe Beträge, aber es ist zu berücksichtigen, dass damals auch die Kapitalausstattung pro Person im Vergleich zu heute sehr gering war. Im Zuge der Kolonisation in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu größeren Direktinvestitionen in die Kolonien.

 

04. Zwei Bestimmungsgründe waren hierfür verantwortlich:  Auf der einen Seite gilt das Gesetz von der Abnahme der Grenzerträge auch für den Faktor Kapital; dies bedeutet, dass mit zunehmender Entwicklung der europäischen Staaten die Rendite der inländischen Investitionen zurückging; dies wiederum führte zu dem Bemühen, das Kapital in den weniger entwickelten Volkswirtschaften, die noch einen höheren Grenzertrag brachten, anzulegen. Auf der anderen Seite war der Kapitalexport die Kehrseite des Bemühens der Unternehmungen um neue Absatzmärkte.

 

05. Deshalb kann die inländische Produktion nur ausgeweitet werden, wenn sich die Unternehmer darum bemühen, in den weniger entwickelten Volkswirtschaften neue Märkte zu erschließen. Da diese Volkswirtschaften oftmals noch nicht in der Lage waren, diese Importe unmittelbar zu bezahlen, musste der Weg über Kreditvergabe und damit über einen Kapitalexport gewählt werden (Analogie zur Marshallplanhilfe).

 

06. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen fanden vor allem zwei verschiedene Kapitalbewegungen von größerer Bedeutung statt: Auf der einen Seite verpflichteten die Alliierten das im ersten Weltkrieg besiegte Deutschland zu extrem hohen Reparationszahlungen; auf der anderen Seite versuchte Deutschland den Kapitalmangel, der sowohl durch einen hohen internen Kapitalbedarf im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der Industrie, aber natürlich auch im Zusammenhang mit den Reparationen entstanden war, durch Aufnahme von Krediten aus den USA zu befriedigen.

 

07. Die Reparationszahlungen wurden hierbei vor allem deshalb  zum Problem, weil die Reparationszahlungen nur dann zu einem realen Transfer von Kapital führen können, wenn das reparationszahlende Land Leistungsbilanzüberschüsse aufweist, während sich jedoch die reparationsempfangenden Länder durch protektionistische Maßnahmen in der Handelsbilanz gegen die hierdurch bedingten Leistungsbilanzdefizite wehrten. Die Kreditaufnahme in den USA hingegen wurde zum Problem, da diese Kredite kurzfristiger Natur waren, dennoch in Deutschland zur Finanzierung langfristiger Investitionen eingesetzt worden waren.

 

08. Als im Zusammenhang mit dem Börsenkrach 1929 diese Kredite zurückgerufen wurden, drohte ein genereller Bankrott deutscher Unternehmungen größten Ausmaßes, der nur durch Ausrufung eines Schuldenmoratoriums (quasi einer Konkurserklärung einer Volkswirtschaft) gemildert werden konnte. Auch die Zeit der beiden Weltkriege war durch Kapitalbewegungen großen Ausmaßes bestimmt, wobei die USA ihren Verbündeten (England, Frankreich, aber auch Russland) Waren und kriegswichtige Güter auf Kreditbasis gewährten.

 

09. In der unmittelbaren Zeit nach dem 2. Weltkrieg waren die  Kapitalbewegungen durch die Marshallplanhilfe geprägt, die in Form von verlorenen Zuschüssen und langfristigen Krediten den europäischen Staaten einschließlich Westdeutschlands für den Wiederaufbau gewährt wurden.  Diese Hilfe hatte einen Gesamtumfang von 13 Mrd. Dollar, 90 % hiervon wurden aus der Sicht der USA als verlorene Zuschüsse gewährt, während der Rest als langfristiges Darlehen über 35 Jahre hinweg gewährt wurde.

 

10. Die einzelnen begünstigten Unternehmungen mussten allerdings die Kredite zurückzahlen, wobei die zurückfließenden Gelder erneut an weitere Unternehmungen ausgeliehen wurden. Die USA hatte die Gewährung der Marshallplanhilfe an gewisse Auflagen gebunden, wobei die Verpflichtung der europäischen Staaten vorwiegend darin bestand, dass sie sich wechselseitig bei Zahlungsschwierigkeiten zu unterstützen hatten.

 

11. Im Zusammenhang mit der Errichtung des IWF wurde die Weltbank geschaffen, deren Aufgabe zunächst darin bestand, den europäischen Staaten im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau langfristige Kredite zu gewähren, während später die Weltbank vor allem an die Entwicklungsländer Kredite vergab.

 

12. Die privaten Kapitalbewegungen in der Nachkriegszeit wurden in zunehmendem Maße durch politische Faktoren geprägt, so führte die Furcht vor Nationalisierung in den Entwicklungsländern (im Zusammenhang mit Revolutionen) zur Kapitalflucht; darüber hinaus lassen sich bis heute Kapitalbewegungen zum Teil auch mit einer unterschiedlichen Steuergesetzgebung erklären.

 

13. Weiterhin veranlassten in der unmittelbaren Nachkriegszeit die hohen Außenzölle der EG Unternehmungen aus den USA auf dem Wege von Direktinvestitionen die Zollmauern zu umgehen. Ab der 2. Hälfte der 60er Jahre fanden immer mehr spekulativ bedingte Kapitalbewegungen innerhalb Europas statt. Aufgrund unterschiedlicher Inflation in den einzelnen Mitgliedsstaaten des IWF entstanden auf diese Weise lang anhaltende strukturelle Ungleichgewichte in den Zahlungsbilanzen. Die Erwartung von Währungskorrekturen führte zur spekulativen Kapitalwanderung.

 

14. Die Umstellung der Energiewirtschaft von Kohle auf Öl und Erdgas in den 60er Jahren brachte den Öl produzierenden Ländern vor allem Vorderasiens hohe Gewinne, die in dieser kurzen Zeit nicht in Form von Importen angelegt werden konnten, sondern in Form von Anlagen in Europa verwendet wurden.

 

15. Das hohe Zinsniveau der USA während der Reagan-Administration, das vorwiegend durch hohe Haushaltsdefizite bedingt war, trug zu einem Kapitalexport der europäischen Staaten in die USA bei und beeinflusste entgegen den Langfristprognosen den Wechselkurs nachhaltig.

 

16. Internationale Kapitalwanderungen werden durch das internationale Zinsgefälle, durch Erwartung von Wechselkursveränderungen und durch die Höhe des Anlagerisikos bestimmt. Die Anlage von Vermögen erfolgt jeweils in der Anlage, welche die höchste Nettorendite ermöglicht.

 

17. Bei konstanten Wechselkursen, Abwesenheit von Transferkosten, gleichem Risiko für alle Anlagen (vollständige Substituierbarkeit), gleicher Besteuerung und gleichen Erwartungen in der Zinsentwicklung müsste jede noch so geringe Differenz in den Zinssätzen zu einer unendlich großen Kapitalbewegung führen.

 

18. Die Kapitalwanderung kommt allerdings dadurch zum Erliegen, dass im Zuge der Wanderung das Zinsgefälle abgebaut wird. De facto ist jedoch jede Transaktion mit Kosten verbunden;  auf der einen Seite entstehen Informationskosten, auf der anderen Seite stellt die Transaktion eine Dienstleistung dar, die einen Preis hat.

 

19. Weiterhin sind die Wechselkurse nicht stabil, also entstehen Wechselkursschwankungen; diese verursachen Kursgewinne und -verluste beim Transfer, mit der Folge, dass die erwartete Nettorendite aus Zinssatz und erwarteter Kursveränderung besteht.

 

20. Auch die Besteuerung ist in den einzelnen Ländern unterschiedlich hoch, sodass das Verhältnis der Nettorenditen von denen der Bruttorenditen abweicht. Weiterhin können auch bei gleichem Zinssatz im In- und Ausland die Erwartungen über die zukünftige Entwicklung unterschiedlich sein und auf diesem Wege zusätzlichen Einfluss auf den Kapitalstrom nehmen. Schließlich wird der tatsächliche Kapitalstrom durch zahlreiche Kapitalverkehrskontrollen ebenfalls beeinflusst.

 

21. Bei einem vollständigen Markt müsste eine unbehinderte Kapitalwanderung zu einem vollständigen Ausgleich der Zinsniveaus führen, wobei für kleine Länder gelten müsste, dass sie keinen Einfluss auf das Weltzinsniveau nehmen könnten und dass deshalb der nationale Zins allein vom Weltzins bestimmt würde und mit diesem zusammenfiele. Dies bedeutet, dass in kleineren Ländern zumindest über den Zinssatz keine interne Konjunkturpolitik betrieben werden kann.

 

22. Diese Ausgleichstendenz erklärt sich dadurch, dass aufgrund der Wanderung das Kapital in den kapitalexportierenden Ländern knapper wird und deshalb der Zinssatz dort steigt und in den kapitalimportierenden Ländern die Knappheit verringert wird und der Zinssatz fällt.

 

23. Kapitalwanderung führt also zu einem Abbau des Zinsgefälles. Wenn die Wanderung solange fortgesetzt wird, als eine Zinsdifferenz besteht, strebt dieser Prozess zu einem vollständigen Abbau der nationalen Zinsunterschiede. De facto sind jedoch die Märkte aus den oben aufgezählten Gründen unvollkommen. Dies bedeutet, dass eine mehr oder weniger große Zinsdifferenz bestehen bleibt, und dass gerade deshalb die Notenbanken einen gewissen Spielraum in der Geldpolitik besitzen.

 

24. Kredite an das Ausland werden in der Regel dadurch gewährt, dass den kreditnehmenden Ländern Währungseinheiten übereignet werden, mit deren Hilfe Güter und Dienstleistungen aus dem kreditgebenden Land erworben werden können. Ein realer Transfer findet erst in dem Augenblick statt, in dem Güter und Dienstleistungen transferiert werden.

 

25. Messen lässt sich der Umfang des realen Transfers durch den Leistungsbilanzüberschuss. In der Regel ist die Zielsetzung eines Kapitalexports der reale Transfer. Ein realer Transfer ist jedoch keinesfalls selbstverständlich. Das kreditnehmende Land erhält Devisen, mit deren Hilfe nicht nur Güter im kreditnehmenden Land, sondern auch in anderen dritten Ländern gekauft werden können.

 

26. Wenn aber der reale Transfer vom LB-Überschuss bestimmt wird, ist weiterhin zu untersuchen, wie Export und Import durch die Kreditgewährung insgesamt beeinflusst werden. Die Befürchtung, dass ein Kapitalexport realiter gar nicht erreicht wird, wurde vor allem im Zusammenhang mit den Reparationszahlungen Deutschlands geäußert, und zwar deshalb, weil die reparationsempfangenden Ländern durch protektionistische Maßnahmen ein LB-Defizit zu vermeiden versuchten.

 

27. Heute entsteht das Transferproblem vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklungshilfe. Auch hier besteht die Gefahr, dass die Entwicklungsländer bei der Einlösung der Kreditbeträge nicht unbedingt solche Güter benötigen, die vom kreditgebenden Land angeboten werden.

 

28. Über die Frage des realen Transfers entstand im Zusammenhang mit dem Reparationsproblem eine Kontroverse zwischen Keynes und Ohlin, wobei allerdings Keynes eine eher klassische, Ohlin hingegen eine eher keynesianische Position einnahm.

 

29. Keynes sah folgende theoretische Zusammenhänge: Das kreditnehmende Land wird entsprechend seiner Importneigung immer nur einen Teil des Kredites für zusätzliche Importe verwenden. Der Exportanstieg im kreditgebenden Land wird also zunächst stets geringer ausfallen als der Gesamtbetrag des Kredites ausmacht. Andererseits kommt es hier auf die Importneigung nur gegenüber dem kreditgewährenden Land an, während sich die allgemeine Importquote auf den Gesamtimport gegenüber allen Ländern bezieht. Insoweit kann die spezielle Importquote durchaus von der allgemeinen Importquote abweichen.

 

30. Die Leistungsbilanz wird jedoch aufgrund der Kreditgewährung noch aus einem zweiten Grund beeinflusst: Die Reparationszahlung wird durch Steuern aufgebracht, führt also zu einer Reduzierung des verfügbaren Einkommens und damit zu einer induzierten Verringerung der Importe des kreditgebenden Landes.

 

31. Dieser Einfluss erhöht den Kapitaltransfer. Wiederum kommt es hier auf die spezielle Importquote des kreditgebenden Landes an. Diese kann höher sein, wenn diejenigen, die diese Steuer aufgebracht haben, eine höhere Importneigung besitzen als die Volkswirtschaft insgesamt. Auf der anderen Seite kommt es hier wiederum nur auf denjenigen Teil der Importnachfrage an, der gegenüber dem Land geäußert wird, das den Kredit erhalten hat.

 

32. Die Summe dieser beiden speziellen Importquoten bestimmt somit die Rate des Kredites, die transferiert werden wird, diese Rate kann sehr wohl kleiner als 100% sein, da wir ja im allgemeinen nur mit einer Importquote von etwa 20% rechnen können.

 

33. Ohlin kritisierte diesen Ansatz, da von Krediten sowohl im kreditgebenden wie auch -nehmenden Land Multiplikatoreffekte auf das Volkseinkommen und damit indirekt auch auf das Importvolumen beider Länder ausgehen. Hierbei kommt es einmal darauf an, wie der Kredit im kreditgebenden Land aufgebracht wird: durch Kreditschöpfung oder durch Nachfrageminderung.

 

34. Zum andern ist zu überprüfen, wie der Kredit im kreditnehmenden Land verwendet wird, wieweit er gehortet und wieweit er zu Nachfrage führt und damit über den Multiplikator das Volkseinkommen verändert. Nur dann, wenn man diese möglichen Einkommensminderungen im kreditgebenden Land und die Einkommenszuwächse im kreditnehmenden Land mitberücksichtigt, erhält man ein vollständiges Bild des tatsächlichen realen Transfers.

 

35. Die Bundesbank gab in den 50er und 60er Jahren mit Hilfe der Swapsatzpolitik Anreize zur internationalen Kapitalmobilität. Die Notenbank verkaufte hierbei ausländische Währung per Kasse und kaufte diese Währung per Termin zu einem festgesetzten Kurs, der unter dem Kassakurs lag, zurück; also berechnete die Notenbank für die Übernahme des Kursrisikos einen Abschlag, den sogenannten Deport. Auf diesem Wege sollte die Bereitschaft zum Devisenhandel dadurch vergrößert werden, dass die Notenbank einen Teil des Kursrisikos übernahm.

 

36. Im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft bemühte man sich weiterhin um eine Abschaffung aller Kapitalverkehrskontrollen, eine Vermeidung von Doppelbesteuerung innerhalb der EG, und zusätzlich durch bilaterale Verträge zwischen der EG und sonstigen Staaten um eine Harmonisierung der Steuersätze im Rahmen eines einheitlichen  Binnenmarktes der EG 1992.

 

37. In der Nachkriegszeit praktizierten die europäischen Staaten zahlreiche Maßnahmen zur Einschränkung internationaler Kapitalbewegungen, wie etwa die Einführung eines Bardepots für ausländische Anleger bzw. eine zusätzliche Mindestreserve, weiterhin eine Kapitalertragssteuer, eine Devisenumsatzsteuer (Tobinsteuer), sowie eine Zinsausgleichssteuer und Kreditkontingente.

 

38. Diese Maßnahmen dienten erstens zur Vermeidung spekulativer Kapitalbewegungen. Allerdings scheiterten diese Bemühungen an der Unmöglichkeit, spekulative Kapitalbewegungen von einer Zinsarbitrage und destabilisierende von stabilisierender Spekulation zu trennen.

 

39. Zweitens wurden konjunkturpolitische Ziele im Rahmen der Kapitalregulierung angestrebt. Dies folgte aus der Tatsache, dass das konjunkturpolitische Instrumentarium der Notenbank aufgrund der Interventionspflicht bei stark spekulativen Kapitalwanderungen ineffizient wurde.

 

40. Weiterhin bestand ein Interesse, den Kapitalexport zu stoppen, da dieser die inländischen Investitionen und damit die Nachfrage nach Arbeitskräften reduzieren würde. Allerdings sind diese Schlussfolgerungen nur gültig bei klassischer Arbeitslosigkeit; bei keynesianischer Arbeitslosigkeit liegt die Ersparnis ex ante über der Investition, folglich wird sich ein Kapitalexport auch nicht negativ auf die Nachfrage und damit auf die Beschäftigung auswirken.

 

41. Drittens diente die Regulierung der Kapitalströme verteilungspolitischen Zielen. Bei hohen Kapitalexporten ist eine Verringerung der Löhne aufgrund geringerer Arbeitsnachfrage zu befürchten. Allerdings liegt hier ein Kurieren am Symptom vor, da die Ursache des Kapitalexportes im verzerrten Lohn-Zins-Verhältnis begründet liegt.

 

42. Viertens können auch fiskalische Ziele Regulierungen des Kapitalstroms begründen. Bei Kapitalverkehrskontrollen besteht nämlich die Möglichkeit, die inländischen Zinsen zu senken; damit tritt eine Verringerung der Zinslast des Staates ein. Bei Reduzierung des Kapitalexportes werden gleichzeitig höhere Kapitalerträge und damit auch höhere Steuer-Einnahmen erzielt.

 

43. Schließlich wird oftmals eine Regulierung der Kapitalströme aus wohlfahrtspolitischen Gründen durchgeführt. Ein Kapitalexport ist unerwünscht, wenn die Kapital-Rendite aufgrund von Sozialabgaben stärker sinkt als im Ausland; es ist denkbar, dass ohne Sozialabgaben die Rendite im Inland größer als im Ausland wäre, sodass sogar ein Kapitalimport erwünscht wäre.

 

44. Ähnliche wohlfahrtspolitische Bedenken gegen Kapitalexport wären angebracht, wenn mit Investitionen externe Erträge verbunden wären und wenn aus diesen Gründen Kapital im Ausland angelegt würde, obwohl der gesamtwirtschaftliche Grenzertrag des Kapitals im Inland höher ist als im Ausland.

 

 

Fragen zu Kapitel 10 :

 

01. Inwiefern ist seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der Berücksichtigung der internationalen Kapitalströme im Rahmen der Außenwirtschaftstheorie ein entscheidender Wandel eingetreten?

 

02. Auf welche zwei Bestimmungsgründe gingen die internationalen Kapitalströme im Zusammenhang mit der Kolonisation in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück?

 

03. Worin lag das wirtschaftliche Problem der Reparationszahlungen Deutschlands nach dem ersten Weltkrieg?

 

04. Worin bestand die multiplikative Wirkung der Marshallplanhilfe?

 

05. Auf welche zwei Bestimmungsgründe lassen sich generell Kapitalbewegungen zurückführen?

 

06. Unter welchen Voraussetzungen könnte mit einem vollständigen Ausgleich der Zinsen aufgrund der Kapitalbewegungen gerechnet werden?

 

07. Inwiefern beeinflussen Wechselkursschwankungen die Kapitalbewegungen?

 

08. Welche Position vertrat Keynes im Hinblick auf den realen Transfer von Reparationszahlungen?

 

09. Welche Position vertrat Ohlin im Hinblick auf den realen Transfer von Reparationszahlungen?

 

10. Inwiefern trug die Swapsatzpolitik der Notenbank in den 50er und 60er Jahren zu einer Belebung des internationalen Kapitalverkehrs bei?

 

11. Inwiefern behindern unterschiedliche Steuersätze den internationalen Kapitalverkehr?

 

12. Inwiefern kann über die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen die Zinsbelastung des Staates reduziert werden?

 

 

Antworten zu Kapitel 10:

 

01. Während lange Zeit von der Vorstellung ausgegangen wurde, dass der Wechselkurs allein von den Güterbewegungen bestimmt werde, wurde seit den 70er Jahren bisweilen sogar die Auffassung vertreten, dass der Wechselkurs vorwiegend durch die Kapitalbewegungen determiniert werde.

 

02. Direktinvestitionen in den Kolonien wurden einmal vorgenommen, da entsprechend dem Gesetz vom abnehmenden Grenzertrag die Kapitalerträge in den noch nicht entwickelten Volkswirtschaften über dem der hoch entwickelten Volkswirtschaften lag, zum andern, um auf diese Weise neue Absatzmärkte zu schaffen.

 

03. Der mit Reparationszahlungen beabsichtigte reale Transfer kann nur dann gelingen, wenn die begünstigten Länder bereit sind, Defizite in ihrer Devisenbilanz zuzulassen.

 

04. Dadurch, dass die begünstigten Unternehmungen die Hilfe lediglich in Form von zinsvergünstigten Krediten erhielten, diese Gelder also nach Zurückzahlung erneut an weitere Unternehmungen ausgezahlt werden konnten, ergab sich aus den – aus der Sicht der Amerikaner - einmalig gewährten Hilfen eine multiplikative Wirkung.

 

05.  Kapitalbewegungen lassen sich generell immer auf ein Zinsgefälle und auf Erwartungen über zukünftige Zinsänderungen zurückführen.

 

06. Mit einem vollständigen Abbau des Zinsgefälles könnte nur dann gerechnet werden, wenn keine Transferkosten vorliegen würden, wenn das Risiko für alle Anlagen gleich hoch wäre, wenn gleiche Erwartungen über die Zinsentwicklung gegeben wären und wenn darüber hinaus eine gleiche Besteuerung vorgenommen würde.

 

07. Kapitalbewegungen verursachen Kursgewinne und -verluste beim Transfer, mit der Folge, dass die erwartete Nettorendite aus Zinssatz und erwarteter Kursveränderung besteht.

 

08. Keynes wies daraufhin, dass das kreditnehmende Land entsprechend seiner Importneigung immer nur einen Teil des Kredites für zusätzliche Importe verwenden wird. Gleichzeitig werde im Kapital gewährenden Land das verfügbare Einkommen sinken, da die Reparationszahlungen mit Steuern finanziert werden müssten und mit dem Einkommen ging auch deren Importquote zurück.

 

09. Für den Umfang des realen Transfers von  Reparationszahlungen komme es vor allem auf die Kreislaufprozesse an, welche einerseits von der Art der Finanzierung der Reparationen, anderseits von der Art der Verwendung der Reparationsgelder im begünstigten Land abhängen.

 

10. Die Swapsatzpolitik der Notenbank trug zur Belebung des Kapitalverkehrs bei, da die Notenbank über die Swapsatzpolitik einen Teil des Risikos übernommen hatte.

 

11. Der internationale Kapitalverkehr wird bei unterschiedlichen Steuersätzen behindert, da der Kapitalverkehr vom Gefälle in den Zinserträgen abhängt und da die Kapitalsteuern in die Höhe der Nettoerträge des Kapitals eingehen.

 

12.  Bei Kapitalverkehrskontrollen kann die Zinsbelastung des Staates dadurch reduziert werden, dass das nationale Zinsniveau auf diesem Wege unter das gültige Weltzinsniveau gedrückt werden kann.