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Gliederung der Vorlesung:

 

01. Gegenstand und Aufgaben

02. Währungspolitik: Historische Einführung

03. Währungspolitik: Theoretische Grundlagen

04. Währungspolitik: Das Instrumentarium

05. Währungspolitik: Die policy-mix-Strategie

06. Handelspolitik: Historische Einführung

07. Handelspolitik: Theoretische Grundlagen

08. Handelspolitik: Das handelspolitische Instrumentarium

09. Arbeitsmarktpolitik

10. Kapitalmarktpolitik

11. Integrationspolitik 

12. Politik  zugunsten der Entwicklungsländer

 

 

Kapitel 9: Arbeitsmarktpolitik  

 

 

 

Gliederung:

 

01. Problemeinführung

02. Historische Einführung

03. Determinanten der Arbeitskräftewanderung

04. Verteilungswirkungen

05. Wohlfahrtseffekte

06. Maßnahmen zur Förderung der Mobilität

07. Maßnahmen zur Behinderung der Mobilität

08. Die Flüchtlingsproblematik

 

 

01. Problemeinführung

In diesem Kapitel wollen wir uns mit der internationalen Arbeitsmarktpolitik befassen. Ähnlich wie die Staaten bestrebt sind, die internationalen Güterströme zu beeinflussen, verfolgen sie auch das Ziel, die Wanderung von Arbeitskräften über die Grenzen hinweg zu beeinflussen.

 

Sie versuchen auf der einen Seite Arbeitnehmer an der Auswanderung zu hindern, um auf diese Weise den Wegzug der selbst benötigten Fachkräfte zu verhindern, zumeist versuchen sie jedoch Einwanderungen zu unterbinden, wenn sie befürchten, dass bei einem Zuzug fremder Arbeitskräfte einheimische Arbeitnehmer vermehrt arbeitslos werden oder auch dann, wenn die Gefahr gesehen wird, dass die ausländischen Arbeitskräfte keinen Arbeitsplatz finden und deshalb auf Dauer sozial unterstützt werden müssen.

 

In der Außenwirtschaftstheorie der Klassiker wird sehr wenig über Probleme des internationalen Arbeitsmarktes gesprochen. Wie erklärt sich dieses geringe Interesse der klassischen Theorie an internationaler Mobilität? Hierbei ist folgender Widerspruch ist zu erkennen: Die Theorie der komparativen Kosten geht davon aus, dass keinerlei Mobilität der Produktionsfaktoren über die nationalen Grenzen hinweg stattfindet. De facto jedoch fanden in den letzten 150 Jahren Wanderungen von über 60 Mio. Arbeitnehmern statt. Allerdings waren die Zielsetzungen der internationalen Arbeitsmarktpolitik vorwiegend nichtwirtschaftlicher Natur, sodass auch nicht die Notwendigkeit und Möglichkeit einer wirtschaftlichen Begründung gesehen wurde.

 

 

02. Historische Einführung

 

Zur Zeit des Merkantilismus sahen sich vor allem in Frankreich Handwerker und Kaufleute aus religiösen Gründen gezwungen, auszuwandern; dies galt vor allem für die Hugenotten. Gleichzeitig waren Preußen und Großbritannien bemüht, im Rahmen der Kolonisation diese Arbeitskräfte aufzunehmen.

 

Im 19. Jahrhundert fanden zwei große Arbeitskräftewanderungen statt: eine Ost-Westbewegung aus den slawischen und polnischen Gebieten in die Industriezentren des Kontinents sowie eine Auswanderung aus den europäischen Staaten zu den Überseekolonien, wobei die Engländer vorwiegend in die USA und die Franzosen vor allem nach Kanada und Afrika auswanderten.

 

Ursachen dieser Wanderungen waren vor allem die wirtschaftliche Not im Zusammenhang mit dem starken Bevölkerungsanstieg sowie im Zusammenhang  mit immer wieder auftretenden Agrarkrisen. In Zeiten der Hochkonjunktur fand eine Landflucht in die Städte statt, in Zeiten der Rezession kam es vor allem zu einer Auswanderung nach den USA.

 

Im 20. Jahrhundert fanden zunächst Auswanderungen aus Europa im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren statt. In den 40er Jahren kam es zu politischen Verfolgungen durch die Nazis. Diese Verfolgung hatte eine Flucht vor allem nach Skandinavien und Großbritannien zur Folge. Diese Fluchtbewegungen führten in Großbritannien, USA und in der Schweiz zu Festlegungen von Einwanderungsquoten.

 

Nach dem 2. Weltkrieg sind zunächst Auswanderungen der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den – ehemals deutschen -  Ostgebieten festzustellen. In den 60er Jahren findet dann ein starker Gastarbeiterstrom aus Gründen der Arbeiterknappheit in der BRD statt, diese Wanderung wurde durch bilaterale Verträge und durch Übernahme der Wanderungskosten von Seiten der Unternehmungen gefördert.

 

In den 80er Jahren lässt sich ein Anstieg der Wanderung im Zusammenhang der Bildung der EG und aufgrund des starken Lohngefälles zwischen den einzelnen europäischen Ländern feststellen; gleichzeitig findet ein Anstieg des Asylantenstroms aus den Ostblockstaaten aufgrund der Liberalisierung in der UDSSR statt. Weiterhin trafen zahlreiche Aussiedler aus der ehemaligen DDR ein.

 

Die jüngsten Jahre sind einerseits dadurch geprägt, dass im Zuge der terroristischen Aktivitäten tausende und abertausende Einwohner nach Europa fliehen und dort politisches Asyl beantragen. Andererseits treibt aber auch die verheerende Armut in einigen osteuropäischen Staaten, vor allem aber in zahlreichen afrikanischen Staaten eine Vielzahl von Menschen dazu, ihr Land zu verlassen und Unterkunft in den als reich geltenden europäischen Staaten zu finden.

 

 

03. Determinanten der Arbeitskräftewanderung

 

Wir beginnen mit einer Vorbemerkung: Es gibt keine spezielle Theorie der internationalen Wanderung. Vielmehr wird im Allgemeinen die allgemeine Theorie der Mobilität der Arbeitskräfte auf internationale Wanderungen angewandt. Wanderungen wurden oftmals (in Form von Verfolgungen, Vertreibungen) zwangsweise von Staaten veranlasst. Eine Wanderungstheorie will jedoch weniger die politischen Motive der Herrschenden im Zusammenhang mit der Vertreibung  erforschen, sondern vorrangig das Verhalten der einzelnen Wandernden erklären, welche von sich aus die Entscheidung treffen, ihr Vaterland zu verlassen.

 

Für den Versuch, die Einwanderung politisch zu fördern, waren vorwiegend wirtschaftliche Gründe verantwortlich. Dies gilt sowohl für den früheren Sklavenhandel als auch für die merkantilistische Kolonisation Preußens und Großbritanniens. Zum großen Teil führten jedoch in der Vergangenheit existenzielle Notlagen zur Wanderung.

 

Befassen wir uns nun mit der Hauptthese der internationalen Arbeitsmarkttheorie. Ein Lohngefälle führt zu Wanderungen und zwar vom Niedriglohnland zum Hochlohnland, z. B. in der EG von Spanien und Portugal nach der BRD.

 

Wir gehen hierbei von folgenden Annahmen aus: Es wird unterstellt, dass den Wanderungen ein Nutzenmaximierungskalkül zugrunde liegt. Der Einzelne wird langfristig den Wohn- und Arbeitsort aufsuchen, in dem er den höchsten Nutzen erzielt; soweit der materielle Nutzen angesprochen ist, wird der Einzelne in das Land mit dem höchsten Lohnsatz auswandern. Es sind dann vor allem die Unterschiede in den Kosten und den Erlösen einer Wanderung, welche darüber entscheiden, ob eine Wanderung stattfindet und in welches Land gegebenenfalls ausgewandert wird. Es findet also ein Vergleich zwischen Kosten und Erträgen der Wanderung statt.

 

Folgende Kosten fallen hierbei an:

 

·        Wanderungskosten im engeren Sinne: z. B. Umzugskosten,

 

·        vorübergehender Verlust von Einkommen bis zur Neueinstellung,

 

·        Informationskosten über die Arbeitsbedingungen im Ausland,

 

·        Übergang zu fremder Kultur und Aufgabe bisheriger Bindungen (fremde Sprache, fremde Sitten, Fremdenhass),

 

·        politisch gesetzte Hemmnisse (Auswanderungsverbote, Einwanderungsbehinderungen, Gebühren).

 

Aus diesen Annahmen lässt sich folgende These ableiten: Die Kosten der internationalen Wanderung sind im Durchschnitt höher als die der intranationalen Wanderung, weil:

 

·        zumeist größere Wanderungsstrecken zurückgelegt werden müssen,

·        höhere Informationskosten entstehen,  

·        größere Anpassungsprobleme vorhanden sind und   

·        größere politische Behinderungen bestehen.

 

 

04. Verteilungswirkungen

 

Eine Faktorwanderung führt in wirtschaftlicher Hinsicht vor allem zu einem Abbau der Lohnunterschiede: Im Auswanderungsland findet eine Verknappung der Arbeitskräfte und ein Anstieg der Löhne statt. Im Einwanderungsland kommt es zu einer Zunahme des Arbeitsangebotes, zu einer Verminderung der Knappheit und zu einem verminderten Anstieg der Löhne. De facto lässt sich allerdings nicht immer eine vollständige Ausgleichstendenz feststellen.

 

Wie lässt sich nun diese mangelnde Ausgleichstendenz erklären? Der anfängliche Lohnunterschied zwischen den betroffenen Ländern ist vor Beginn der Wanderung bisweilen so groß, dass eine Anpassung nicht nachkommt; der Wanderungsprozess führt zwar partiell zu einem Abbau der Differenzierung; trotzdem sind auch nach vollzogener Wanderung die Lohnunterschiede weiterhin groß.

Die unterschiedlichen Wachstumsprozesse führen oftmals auch erneut zu Differenzierungen. Ohne Wanderung wäre in diesem Falle das Einkommensgefälle allerdings noch größer gewesen. Die politischen Auswanderungsbehinderungen können bisweilen auch einen Ausgleich der Löhne verhindern, wenn in den Auswanderungsstaaten die wichtigsten wirtschaftlichen Entscheidungen durch den Staat erfolgen.

 

Die Löhne werden hier vorwiegend politisch festgelegt, trotzdem dürften die Löhne langfristig den Knappheitsverhältnissen entsprechen. Bei einer Wanderung steigt nicht nur das Arbeitsangebot, sondern auch die Nachfrage nach Gütern. Die nach Deutschland eingewanderten Gastarbeiter haben z. B. nicht nur das Angebot an Arbeit auf dem deutschen Markt vergrößert. Gleichzeitig führte die Einwanderung zu einer Mehrnachfrage nach Konsumgütern, die von diesen Gastarbeitern ausgeübt wurde und diese Mehrnachfrage nach Konsumgütern hat dann schließlich auch eine Mehrnachfrage nach Arbeitskräften induziert.

 

Schließlich ist für die Frage, ob eine Lohnveränderung stattfindet, auch von entscheidender Bedeutung, ob mit den Arbeitskräften auch Kapital zufließt. Bei den Wanderungen im 19. Jahrhundert nach Übersee brachten z. B. die Auswanderer vielerlei Gerätschaften mit und haben auf diese Weise dazu beigetragen, dass sich das Lohn-Zins-Verhältnis nicht zu stark veränderte.

 

 

05. Wohlfahrtseffekte

 

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhange die These von Heckscher und Ohlin: Eine Güterwanderung ersetzt die Faktorwanderung; beide bewirken eine Faktorausgleichstendenz. Eine Güterwanderung ist allerdings wohlfahrtspolitisch mit weniger Kosten verbunden als eine Arbeitswanderung. Eine Faktorwanderung ist hingegen irreversibel, während Güterströme wiederholt umgelenkt werden können.

 

Es hat also zunächst den Anschein, dass Güterbewegungen und damit Freihandel stets die bessere Alternative als Faktorwanderungen darstellen. James Eduard Meade hat jedoch nun aufgezeigt, dass Faktorwanderungen trotz des Heckscher-Ohlin-Zusammenhangs erwünscht sein können. Z. B. setzten Heckscher und Ohlin identische Produktionsfunktionen voraus. Wird diese Annahme aufgehoben, führt der Freihandel zu keinem vollständigen Ausgleich. Damit kann eine Wanderung zusätzliche Produktivitätsgewinne herbeiführen. Vor allem zeigt das Leontief-Paradox, dass in der Realität nicht alle Bedingungen für eine Faktorpreisausgleichstendenz im Sinne des Heckscher-Ohlin-Theorems gegeben sind. Auch aus diesen Gründen kann eine Faktorwanderung zusätzliche Wohlfahrtsgewinne bringen.

 

Andererseits gilt auch, dass Wanderungen unter bestimmten Bedingungen wohlfahrtsmindernd wirken können. Eine Wanderung wird durch Differenzen in den Faktorpreisen ausgelöst. Nur dann, wenn die Preisdifferenzen Unterschiede in den Grenzproduktivitäten widerspiegeln, führt die Wanderung zu einer Wohlfahrtssteigerung. Wenn Löhne z. B. machtbedingt über der Produktivität liegen, kann u. U. eine Wanderung zu einer Bewegung zu den weniger produktiven Beschäftigungen führen.

 

 

06. Maßnahmen zur Förderung der Mobilität

 

Die arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen können eine Förderung oder eine Behinderung der Mobilität zum Ziele haben. Befassen wir uns zunächst mit den Maßnahmen zur Förderung der Mobilität. Mögliche Maßnahmen sind die Freizügigkeit als Regel z. B. in der EU. Auch finanzielle Anreize seitens der Staaten können die Mobilität fördern. Fragen wir zunächst einmal nach den Zielsetzungen des Einwanderungslandes.

 

Die Zielsetzungen im Einwanderungsland beziehen sich vor allem auf beschäftigungs- und wachstumspolitische Ziele: Das wirtschaftliche Wachstum ist u. U. wegen Knappheit von Fachkräften behindert, man versucht durch finanzielle Anreize, Gastarbeiter zur Einwanderung zu bewegen. Auch wohlfahrtspolitische Ziele können von Bedeutung sein. Es soll auf diese Weise mehr Freiheit und eine  höhere Produktivität ermöglicht werden. Diese Zielsetzungen stehen vor allem dann im Vordergrunde, wenn die Grenzproduktivität hoch ist und die Zahl der Facharbeitskräfte knapp ist.

 

Wie steht es jedoch mit der Effizienz der beschäftigungspolitischen Ziele? Dem höheren Arbeitsangebot entspricht – wie bereits erwähnt – auch eine vermehrte Nachfrage nach Arbeitskräften. Die Einwanderer üben nämlich Nachfrage nach Konsumgütern aus und diese führt zu einer Mehrproduktion, die selbst wiederum eine vermehrte Nachfrage nach Arbeitskräften induziert.

 

Allerdings kann in der Regel nicht damit gerechnet werden, dass die Mehrnachfrage nach Arbeitskräften stets genau so groß ist wie das durch Einwanderung verursachte vermehrte Arbeitsangebot. Einwanderer senden oftmals einen beachtlichen Anteil ihres Einkommens an ihre Familien in den Ursprungsländern. In diesem Falle steigt die Nachfrage nach den im Inland produzierten Konsumgütern in geringerem Maße. Es findet kein vollständiger Ausgleich in der Arbeitsnachfrage statt.

 

Gelder, welche ins Ausland transferiert werden, sind allerdings nicht in jedem Falle für die Nachfrage nach inländischen Konsumgütern verloren. Diese Gelder bedeuten für die Ursprungsländer Devisen, welche zum Import von Gütern aus dem Ausland verwendet werden. Zwar kann nicht damit gerechnet werden, dass diese Devisen ausschließlich zum Ankauf von Gütern in den Ländern verwendet werden, aus denen diese Devisen transferiert wurden. Insofern ist der Ausgleich oftmals unvollkommen. Gleichzeitig besteht aber auch die Möglichkeit, dass der Import der Ursprungsländer mit Devisen finanziert wird, welche von anderen Ländern überwiesen wurden.

 

Aber nicht nur die zusätzliche von den Einwanderern ausgelöste Mehrnachfrage nach Konsumgütern beeinflusst die inländische Nachfrage nach Arbeitskräften.  Die Neueinstellung von Arbeitskräften macht oftmals zusätzliche Investitionen notwendig, auch der Staat trägt oftmals durch Ausbau der Infrastruktur zu einer zusätzlichen Mehrnachfrage bei.

 

Fragen wir uns weiterhin nach der Effizienz der wohlfahrtspolitischen Ziele. Nicht jede Wanderung erhöht die Produktivität, da die Löhne nicht immer der Knappheit (der Grenzproduktivität) entsprechen. Herbert Giersch hat in diesem Zusammenhang folgende These entwickelt: Die Einwanderung in den 60er Jahren in die BRD verhinderte eine Rationalisierung und Umstellung der Volkswirtschaft, da die Unternehmungen aufgrund ausreichender Arbeitskräfte nicht zur  Rationalisierung gezwungen waren. Die eigentliche Ursache der Arbeitskräfteknappheit war deshalb damals die Unterbewertung der DM.

 

Auf diese Weise hatten die deutschen Unternehmungen auf den Weltmärkten einen Wettbewerbsvorsprung und die Produktion von Industrieprodukten war größer als erwünscht. Erwünscht gewesen wäre jedoch eine Verlagerung der Produktion auf den Dienstleistungssektor gewesen.

 

Wenden wir uns nun den Zielsetzungen der Auswanderungsländer zu. Zu den Zielen der Auswanderungsländer zählt vor allem die Verminderung der Arbeitslosigkeit; allerdings geht wegen des Kreislaufzusammenhangs auch die Güternachfrage und damit indirekt auch die Nachfrage nach Arbeitskräften zurück. Jedoch hat dieser Zusammenhang eine geringere Bedeutung als im umgekehrten Falle, da der Konsum der auswandernden Arbeitnehmer ohnehin bisher sehr gering war.

 

Die Auswanderung soll auch zur Ausbildung der Arbeitskräfte und damit zu Wachstumsgewinnen führen, wenn die Gastarbeiter schließlich in ihr Heimatland zurückkehren. Wachstumsgewinne werden zusätzlich durch den Kapitalzufluss von Seiten der Gastarbeiter erwartet. Diese überweisen Ersparnisse ins Ursprungsland; weiterhin bringen sie bei ihrer Rückkehr ihre Ersparnisse mit.

 

 

07. Maßnahmen zur Behinderung der Mobilität

 

Wenden wir uns nun den Maßnahmen der internationalen Arbeitsmarktpolitik zu, welche in einer Behinderung der  Mobilität bestehen. Zu diesen Maßnahmen zählen insbesondere:

 

·        ein Auswanderungsstopp,

 

·        Einwanderungsquoten,

 

·        teilweise auch eine Abschreckung über hohe Gebühren sowie über eine Konfiszierung des Vermögens der Auswandernden.

 

Zu den Zielen des Einwanderungslandes im Zusammenhang mit den  Behinderungsmaßnahmen zählen vor allem:

 

·        beschäftigungspolitische Ziele: Es besteht die Furcht, dass durch Einwanderungen die Arbeitslosigkeit vergrößert wird.

 

·        verteilungspolitische Ziele: Es besteht die Furcht, dass die Einwanderung aus Niedriglohnländern Druck auf die inländischen Löhne ausübt.

 

Wie steht es nun mit der Effizienz in beschäftigungspolitischer Hinsicht? Liegt eine keynesianische Arbeitslosigkeit vor, bringt eine Einwanderung nicht nur eine Zunahme des Arbeitsangebotes, sondern auch der Arbeitsnachfrage. Nur weil ausländische Arbeitskräfte eine geringere Konsumquote aufweisen, bleibt ein gewisser negativer Beschäftigungseffekt für die inländischen Arbeitnehmer bestehen. Bei klassischer Arbeitslosigkeit ist die Ursache ohnehin der zu hohe Reallohn.

 

Für die Effizienz in verteilungspolitischer Hinsicht ist die Frage entscheidend, wie sich das Kapitalangebot verändert. Es besteht die Gefahr, dass Unternehmungen bei zu hohen Löhnen einen Teil der Produktion ins Ausland verlagern.

 

Zu den Zielen des Auswanderungslandes zählt ein Auswanderungsverbot. Ein solches Verbot hatte z. B. in der ehemaligen DDR teilweise politische Gründe, aber es bestand auch die Befürchtung, dass vorwiegend knappe Fachkräfte auswandern und dass dadurch Produktionsschwierigkeiten in der Binnenwirtschaft entstehen.

 

 

08. Die Flüchtlingsproblematik

 

Zum Abschluss dieses Kapitels wollen wir uns mit der Flüchtlingsproblematik befassen, welche gerade in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Es sind vor allem zwei Gründe, welche Flüchtlinge veranlassen können, ihre Heimat aufzugeben und in andere Länder zu fliehen. Auf der einen Seite gibt es die politischen Flüchtlinge, welche in ihrer Heimat wegen ihrer Religion, wegen der Zugehörigkeit zu bestimmten Rassen oder Volksstämmen oder einfach aufgrund ihrer Überzeugung politisch verfolgt werden. Auch anhaltende kriegerische Auseinandersetzungen können wie im Beispiel Syrien große Flüchtlingsbewegungen auslösen.

 

Auf der anderen Seite nimmt in letzter Zeit die Anzahl der sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, welche aus Gründen der Armut und Arbeitslosigkeit ihr Land verlassen, zu. Möglichkeiten zur Lösung dieser Probleme sind je nachdem, ob es sich um politische oder wirtschaftliche Flüchtlinge handelt, grundverschieden, sodass auch unterschiedliche Maßnahmen zum Erfolg führen. Beginnen wir zunächst mit der Problematik der politischen Flüchtlinge.

 

Artikel 16 des Grundgesetzes sieht vor, dass jeder, der politisch in seiner bisherigen Heimat verfolgt wird, das Recht auf Asyl in Deutschland erhält. Ob allerdings eine politische Verfolgung vorliegt, ist von deutschen Behörden zu entscheiden. Die Einstufung als politisch Verfolgter eines anderen Staates bindet die BRD nicht in ihrer Entscheidung.

 

Die politische Verpflichtung, jedem politisch Verfolgten ein Asyl zu gewähren, rechtfertigt sich daraus, dass dieser Gruppe von Menschen kaum auf anderem Wege geholfen werden kann. Der Versuch, die Verfolgerstaaten aufzufordern, die Verfolgung einzelner Bürger aufzugeben, ist in aller Regel vergeblich, vor allem dann, wenn diese Maßregelung öffentlich erfolgt und in dem Versuch besteht, diese Staaten international bloß zu stellen.

 

Aufforderungen, welche auf diplomatischem Wege unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgen, haben in Einzelfällen Erfolg, indem diesen Betroffenen eine Ausreise ermöglicht wird. Sie ändern jedoch in aller Regel nichts an der allgemeinen Verfolgung unliebsamer Staatsangehöriger. Der weitere Versuch, durch Sanktionen die Regierungen der Verfolgungsländer zu einer Änderung zu zwingen, bleibt zumeist erfolglos.

 

Ein Erfolg wäre nur dann zu erwarten, wenn die Sanktionen mit der Absicht verbunden wären, dass bei einem Misserfolg die Sanktionen aussprechenden Staaten bereit wären, ihre Forderungen notfalls kriegerisch durchzusetzen. Solche Versuche sind somit ineffizient, gleichzeitig sind sie zumeist mit eigenen Einschränkungen verbunden. Bestehen z. B. die Sanktionen darin, dass bestimmte Exporte in diese Länder verboten werden, so werden auf diese Weise gleichzeitig die inländischen Exporteure geschädigt. Weiterhin ist im Allgemeinen damit zu rechnen, dass die Sanktionen des einen Landes die hiervon betroffenen Staaten dazu bewegen, als Gegenreaktion ihrerseits Sanktionen auszusprechen.

 

Ein wirksamer Schutz gegenüber den politisch Verfolgten kann also mit anderen Worten nur dadurch erreicht werden, dass denjenigen, welche es gelingt, der politischen Verfolgung in ihrem Heimatland durch Flucht zu entgehen, Asyl gewährt wird.

 

Anderes gilt im Hinblick auf den Schutz derjenigen, welche mit ihrer Flucht der Arbeitslosigkeit und der Armut zu entgehen versuchen. Ein Asyl für Flüchtlinge, welche nicht politisch verfolgt werden, sieht das Grundgesetz nicht vor. Die Gewährung eines allgemeinen Asyls für Wirtschaftsflüchtlinge stellt auch unter den moralisch akzeptablen Lösungen die wohl ineffizienteste Lösung in jeder Hinsicht und für alle Betroffenen dar. Natürlich gelten diese Bedenken nur für den Fall, dass eine sehr große Zahl von Flüchtlingen innerhalb eines relativ geringen Zeitraums unterzubringen ist. Jede einigermaßen funktionierende Volkswirtschaft ist ohne weiteres in der Lage, einzelne Einwandernde einzugliedern, nur der Versuch, in relativ kurzer Zeit eine über aus große Zahl von Flüchtlingen einzugliedern, stößt sehr schnell an die Grenzen der möglichen Eingliederungen.

 

Da die meisten Flüchtlinge aus ganz anderen Kultursystemen entstammen, kann nur ein sehr langwieriger und für die Betroffenen sehr mühsamer Prozess eine allmähliche Eingliederung bewirken. Die Flüchtlinge begegnen in weiten Teilen der Bevölkerung auf Ablehnung und Argwohn, der sich oftmals in Fremdenhass äußert.

 

Zugrunde liegen dieser Ablehnung tief verwurzelte Gewohnheiten. Der Mensch ist ein soziales Wesen, er findet nur in der Gemeinschaft eine Bewältigung seines Lebens. Die Tatsache, dass man sieht, dass auch die anderen vor ähnlichen Problemen stehen und sie in aller Regel bewältigen, bringt Mut und die Überzeugung, dass man auch selbst diese Probleme meistern kann.

 

Selbst der Umstand, dass man sieht, dass andere an ihren Problemen scheitern, aber daran nicht untergehen, bringt einen gewissen Trost, wenn einem selbst einige Probleme nicht gelingen.

 

Die Tatsache, dass die anderen genauso gekleidet sind, sich genauso benehmen, wie man es selbst gelernt hat, trägt wesentlich dazu bei, sich in der Gesellschaft wohl zu fühlen und dies wiederum bewirkt, dass eine allgemeine Bereitschaft entsteht, den andern zu helfen, wenn sie in Not sind, sie sind ja Mitglieder der gleichen Gemeinschaft und das wiederum erzeugt die Erwartung, dass die anderen einem ebenso helfen, wenn sie selbst Hilfe nötig haben. Man fühlt sich wohl und geborgen in der Gemeinschaft und entwickelt Ängste und Unwohlsein, wenn man dann plötzlich unter Menschen lebt, welche schon äußerlich anders aussehen und andere Gewohnheiten aufweisen, man wird über ihre Reaktionen unsicher.

 

Diese Verhaltensweisen haben zunächst als solche nichts mit rechtsradikalen Auffassungen zu tun, verachtenswert sind vielmehr die Konsequenzen, welche die rechtsradikalen Gruppierungen aus diesen Befindlichkeiten ziehen und diese Verhaltensmuster zum Anlass nehmen, um auf diesem Wege Feindenhass zu schüren. In einer solchen Situation ist es auch falsch, diese Verhaltensweisen als solche als rechtsradikal zu qualifizieren. Ein solches Urteil ist sachlich falsch, da es sich hierbei um natürliche Verhaltensmuster handelt. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass solche globalen Verurteilungen dazu führen, dass die Beschimpften in einer Trostreaktion eine ‚Jetzt erst recht‘ Haltung einnehmen und sich gerade deshalb rechtsradialen Parolen zuwenden.

 

Solche urwüchsigen Verhaltensweisen treten im Allgemeinen weniger auf, je höher der Bildungsgrad der Betroffenen ist. Und gerade deshalb lassen sich solche Verhaltensweisen auch am besten dadurch bekämpfen, dass man Aufklärung betreibt. Schon das Bewusstwerden, dass diese Verhaltensweisen dadurch entstehen, dass die Einzelnen auf diese Weise einen Schutz in der Gemeinschaft suchen und finden, kann bereits dazu beitragen, dass dieses anfängliche Unwohlsein gegenüber den Fremden nicht in Fremdenhass umschlägt.

 

Weiterhin dürfte die Erkenntnis zu einer Verarbeitung des Flüchtlingsproblems dadurch erleichtert werden, dass man sich bewusst wird, dass dieses Unwohlsein nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern auch und gerade die Flüchtlinge selbst befällt. Auch sie bewegen sich nun in einer Gesellschaft ganz anderer Menschen mit anderer Kleidung und anderem Aussehen.

 

Während jedoch die Einheimischen immer noch vorwiegend gleichartigen Menschen begegnen und sie immer nur in Einzelfällen andersartigen Menschen gegenüber treten, ist der Flüchtling der Mehrzahl andersartiger Menschen ausgesetzt. Deshalb hat es der Fremde sehr viel schwieriger, sich zu Recht zu finden, er bedarf deshalb nicht der Ablehnung, sondern der Hilfe seitens der Einheimischen, eine Hilfe, die schon seit alters her dazu geführt hat, das Gastrecht heilig zu halten und es jedem zur Pflicht zu machen, dem Fremden jede nur mögliche Hilfe zu gewähren.

 

Hilfreich zur Überwindung des Fremdenhasses dürfte auch der Hinweis sein, dass große Teile der Bevölkerung von vollkommen falschen Annahmen über die Auswirkungen des Flüchtlingsstromes auf ihr eignes Wohl ausgehen. In der Bevölkerung wird zumeist von der Überzeugung ausgegangen, dass jeder ausländische Arbeitnehmer, der einen Arbeitsplatz findet, diesen einem einheimischen Arbeitnehmer wegnimmt. Man geht also von der Vorstellung aus, dass das Angebot an Arbeitsplätzen konstant ist, sodass sich einheimische und ausländische Arbeitnehmer in eine konstant bleibende Anzahl von Arbeitsplätzen teilen müssen.

 

Diese Vorstellung entspricht nicht der Wirklichkeit. Mit den Flüchtlingen kommen nämlich nicht nur Arbeitssuchende, sondern etwa genau so viel Konsumenten nach Deutschland. Die Konsumnachfrage steigt an und entsprechend diesem Zuwachs in der Nachfrage werden auch zusätzliche Güter produziert. Für diese zusätzliche Produktion an Konsumgütern werden jedoch auch zusätzliche Arbeitnehmer nachgefragt. Die Anzahl der Arbeitsplätze steigt somit an und dies bedeutet, dass nicht jeder ausländische Arbeitnehmer, der einen Arbeitsplatz findet, diesen einem einheimischen Arbeitnehmer wegnimmt.

 

Nun darf man natürlich nicht erwarten, dass jeder einzelne einheimische Arbeitnehmer weiterhin an seinem bisherigen Arbeitsplatz beschäftigt werden kann. Es muss durchaus mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass auch dann, wenn die Gesamtzahl der Arbeitsplätze genauso stark wie die Anzahl der ausländischen Arbeitnehmer ansteigen würde, trotzdem die Zusammensetzung der neu entstehenden Arbeitskräfte zunächst von der Zusammensetzung der Berufe der einzelnen ausländischen Arbeitnehmer abweicht. Und dies bedeutet, dass sich bei dem einen einheimischen Arbeitnehmer die Beschäftigungssituation verschlechtert und dass bei einem anderen inländischen Arbeitnehmer gleichzeitig die Beschäftigungssituation günstiger wird.

 

Weiterhin gilt es zu berücksichtigen, dass ausländische Arbeitskräfte oftmals einen geringeren Anteil ihres Lohneinkommens für den Kauf von Konsumgütern ausgeben als ihre einheimischen Arbeitskollegen, da sie einen größeren Anteil ihrer Einkünfte ihren in den Ursprungsländern verbleibenden Verwandten überweisen.

 

Dies bedeutet allerdings nicht, dass diese Gelder endgültig für den einheimischen Markt verloren sind. Denn in den Ursprungsländern werden ja diese Devisen selbst wiederum zum Ankauf von importierten Gütern verwendet, sodass also zumindest ein Teil dieser Devisen wiederum in das Auswanderungsland zurückfließt.

 

Zwar kann man nicht damit rechnen, dass dieser Rückfluss von Kaufkraft genau den Geldbeträgen entspricht, welche die ausländischen Arbeitnehmer ihren  Verwandten  überwiesen haben. Es muss durchaus damit gerechnet werden, dass diese Devisen für Importe aus anderen, also dritten Ländern verwendet werden.

 

Aber genauso kann damit gerechnet werden, dass Devisen ins Land fließen, welche aus Verkäufen an dritte Länder erwirtschaftet wurden, sodass also unter Umständen sogar mehr Devisen zurückfließen und die Nachfrage im Inland steigern, als Geldbeträge von den ausländischen Arbeitnehmern in ihre Ursprungsländer überwiesen wurden. Eine solche Entwicklung ist sogar im Falle der BRD wahrscheinlich, da die BRD gegenüber fast allen ausländischen Staaten in aller Regel Devisenbilanzüberschüsse erzielt.

 

Alles in allem wird man also zu dem Schluss kommen müssen, dass abgesehen von einzelnen Ausnahmen im Großen und Ganzen mit dem Flüchtlingsstrom in etwa genau so viel neue Arbeitsplätze entstehen wie auch die Anzahl der Arbeitssuchenden ansteigt.

 

Wie steht es nun mit der Befürchtung, dass mit dem Flüchtlingsstrom die Kriminalität ansteigt? Es mag durchaus sein, dass tatsächlich der überaus große Flüchtlingsstrom dazu führt, dass vereinzelt auch gerade von Flüchtlingen Straftaten begangen werden. Man muss sich jedoch darüber klar werden, dass dies zumeist eine unmittelbare Folge davon ist, dass man den Flüchtlingen feindlich begegnet ist, dass man ihnen das Lebensnotwendigste vorenthält und dass sich diese dann mit Gewalt das zu holen suchen, was ihnen vorenthalten wurde.

 

Es ist ein Irrtum zu meinen, dass man die Menschheit in moralisch gute und moralisch verwerfliche Volksstämme einteilen kann. Es gibt in allen Völkern eine gewisse Zahl von Personen, welche sich nicht an das Gesetz halten und es gibt keinen überzeugenden Grund dafür, dass dieser Prozentsatz bei den Flüchtlingen per se größer ist als in der einheimischen Bevölkerung.

 

Worin kann nun die geforderte Hilfe bestehen? Wir haben hierbei auf der einen Seite zwischen dem zu unterscheiden, was die einzelnen Menschen leisten können und welche Aufgaben dem Staate zu fallen. Auf der anderen Seite muss unterschieden werden, was die Staaten augenblicklich, also kurzfristig leisten können und welche Aufgaben in diesem Zusammenhang auf lange Sicht zu lösen sind.

 

Beginnen wir mit dem möglichen und erwünschten Beitrag jedes Einzelnen. Es wäre falsch zu meinen, dass das Flüchtlingsproblem nur eine Sache des Staates sei und dass der Einzelne keinen Beitrag zur Lösung der anstehenden Fragen leisten könne. Bei der Lösung der Flüchtlingsfrage kommt es nicht nur darauf an, welche materielle Hilfe gewährt wird, sondern auch, wie diese Hilfe gewährt wird. Es kommt darauf an, dass die Flüchtlinge menschenwürdig behandelt werden und dass die Grundsätze, die ansonsten in den freiheitlichen Staaten eingehalten werden, auch auf die Flüchtlinge angewandt werden.

 

Eines der Grundprinzipien eines jeden Rechtsstaates besteht darin, dass die Unschuldsvermutung gilt. Solange noch nicht erwiesen ist, dass jemand straffällig geworden ist, ist er zu behandeln, als hätte er die Tat nicht verbracht. Wie auch Einheimische können auch Flüchtlinge straffällig werden und soweit dies bei Einzelnen nachgewiesen wurde, gilt wie für alle Bürger auch für die Flüchtlinge, dass sie für ihre Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Aber zunächst einmal darf bis zum Nachweis des Gegenteils vermutet werden, dass ein Flüchtling arbeitswillig ist und auch bereit ist, sich den Gepflogenheiten anzupassen und dass sie eben gerade aufgrund ihres Schicksals unser Mitgefühl und unsere Hilfe verdienen.

 

Unternehmer können das Schicksal dieser Menschen dadurch erleichtern, dass sie ihnen Arbeit anbieten, soweit Arbeitsplätze bisher nicht besetzt werden konnten. Und es gibt keinen Grund für den Staat, in diesem Falle trotzdem diese Flüchtlinge abzuschieben.

 

Privatpersonen können über Spenden an soziale Einrichtungen dazu beitragen, dass den Flüchtlingen Nahrung oder medizinische Betreuung zu Teil kommt. Es wäre auch sinnvoll, dass Private Patenschaften übernehmen, also bereit sind, für die entstehenden Kosten aufzukommen, wenn es bestimmten Flüchtlingen noch nicht gelungen ist, in den Arbeitsprozess eingegliedert zu sein. Auch in diesem Falle sollten Flüchtlinge nicht mehr abgeschoben werden.

 

Allerdings ist es natürlich nur sinnvoll, dass Personen Patenschaften übernehmen, die selbst aufgrund ihrer Vermögensverhältnisse in der Lage sind, gegebenenfalls auch materiell einzuspringen. Es ist wie bei Bürgschaften im Allgemeinen: Bürgen kann nur derjenige, der auch für mögliche Schulden aufkommen kann. Patenschaften können aber auch von Gruppen z. B. einer Kirchengemeinde oder einem Sportverein übernommen werden.

 

In kurzfristiger Sicht fällt den Staaten bei der Lösung des Flüchtlingsproblems die Aufgabe zu, die Überprüfung der Asylberechtigung so schnell wie möglich und mit so wenig Belastungen der Flüchtlinge wie notwendig zu organisieren. Es fällt auch in den Aufgabenbereich des Staates (einschließlich der Gemeinden), dafür Sorge zu tragen, dass die Flüchtlinge in der Zeit der Überprüfung menschenwürdig untergebracht werden und dass die weltweit anerkannten Minimalstandards eingehalten werden. Auch kann es Aufgabe der Staaten sein, sicher zu stellen, dass die Flüchtlinge nicht auf ihrem Fluchtweg den Tod finden.

 

So sehr auch diese Maßnahmen in kurzfristiger Sicht unerlässlich sind, sie stellen keine langfristige Lösung dar und noch so hoher materieller Einsatz kann keine befriedigende bringen. Eine echte Lösung des Flüchtlingsproblems gelingt nur dann, wenn man nach den letztlichen Ursachen des Flüchtlingsstroms fragt und den Versuch unternimmt, diese Ursachen langfristig zu beseitigen.

 

Ganz im Gegenteil gilt es sogar festzustellen, dass gerade in dem Umfang, in dem es den Staaten gelingt, die Flüchtlinge einigermaßen befriedigend unterzubringen, auf lange Sicht die Schwere der Probleme sogar verstärkt wird. Denn gerade der Umstand, dass es gelingt, den Flüchtlingsweg weniger riskant als bisher zu gestalten und den heutigen Flüchtlingen eine einigermaßen befriedigende Unterkunft und Eingliederung zu ermöglichen, wird dazu führen, dass in Zukunft der Flüchtlingsstrom weiter rasant ansteigt. Und da eben jeder Staat in Europa beim besten Willen nicht in der Lage ist, den Rest der Welt aufzunehmen, würde gerade dann in Zukunft die Flüchtlingssituation notwendiger Weise in einer Katastrophe enden.

 

Der heutige Flüchtlingsstrom stellt nur einen kleinen Prozentsatz der Weltbevölkerung dar, der Hunger zu leiden hat und keine Arbeit findet. Dass augenblicklich der Flüchtlingsstrom nicht sehr viel größer ist, liegt allein daran, dass es  äußerst unsicher ist, ob die Flucht in die europäischen Staaten überhaupt gelingt und ob sie nicht doch wieder abgeschoben werden. Zu einem großen Teil können sich auch die Ärmsten der Armen eine Flucht gar nicht erlauben, da eine Flucht oftmals nur mit Hilfe von Fluchthelfern (den sogenannten  Schleppern) gelingt und die Flüchtlinge mehrere Tausend € an diese Schlepper zahlen müssen.

 

Worin bestehen nun die eigentlichen Ursachen des heutigen Flüchtlingsproblems und durch welche Maßnahmen lässt sich dieses Problem somit langfristig und befriedigend lösen? Eine befriedigende und dauerhafte Lösung des Flüchtlingsproblems kann nur darin gesehen werden, dass die Armut als eigentliche Ursache des Flüchtlingsstromes in den Ländern bekämpft wird, die von Armut betroffen sind.

 

Gelingt es, die Armut in den Entwicklungsländern auf ein Niveau herunter zu bringen, das auch in den hochentwickelten Staaten festgestellt werden muss, haben auch die heutigen Flüchtlinge keinen Bedarf mehr, nach Europa in Scharen auszuwandern, da sie ja nur deshalb ihr eigenes Land aufgeben, da sie sich erhoffen, auf diesem Wege der Armut zu entgehen.

 

Den Menschen, welche bisher geflohen sind, wäre wesentlich mehr geholfen als heute, selbst dann, wenn sich die europäischen Staaten in der Lage sehen würden und auch dazu bereit wären, die Flüchtlinge mit offenen Armen zu empfangen. Die Flüchtlinge müssten in diesem Falle nicht ihre letzten Ersparnisse aufbrauchen, bräuchten keine äußerst riskante und lebensbedrohende Überfahrt nach Europa riskieren, sie würden den Schutz, den die einheimische Kultur den Einzelnen bietet, nach wie vor genießen, während sie als Flüchtlinge innerhalb Europas in eine fremde Kultur hineingestellt wären und zahlreichen Anfeindungen von einem Teil der einheimischen Bevölkerung ausgesetzt wären. Vor allem käme ein solches Konzept auch den Ärmsten der Armen zugute, während sich die hohen Kosten der Überfahrt heute nur diejenigen leisten können, welche trotz Armut und Arbeitslosigkeit immerhin noch über gewisse Ersparnisse verfügen, um die hohen Kosten der Überfahrt aufzubringen.

 

Eine solche Regelung käme auch den europäischen Ländern zugute, welche heute an ihre Grenzen gelangen, um den immer mehr wachsenden Flüchtlingsstrom zu bewältigen und zur Eingliederung der Flüchtlinge zahlreiche, sehr kostspielige Maßnahmen treffen müssen. Vor allem aber stünden die europäischen Staaten dann nicht mehr vor dem innerpolitischen Problem, dass aufgrund des enormen Entwicklungsproblems eine starke Kluft zwischen den Bürgern, welche den Neuankömmlingen freundlich gegenüber stehen und denjenigen, welche sich verunsichert und auch bedroht fühlen, entstanden ist.

 

Nach wie vor würden auch in diesem Falle zahlreiche Ausländer in die europäischen Länder einwandern, sie kämen jedoch nicht wie ein Wolkenbruch in die europäischen Länder, sondern vereinzelt, würden auch an den unterschiedlichsten Orten untergebracht, dort, wo sie benötigt werden und wo auch die Gefahr, dass ein  großer Teil dieser Einwanderer der Allgemeinheit zur Last fallen, extrem gering ist.

 

Vor allem aber wären die Voraussetzungen gegeben, dass eine Integration dieser Neuankömmlinge besser gelingen würde. Auf der einen Seite kämen vor allem Ausländer, welche zur Verbesserung ihrer beruflichen Laufbahn eher bereit und aufgrund ihres Bildungsstandes auch in der Lage sind, sich in einem ihnen zunächst fremden Kulturbereich zurecht zu finden und auch bereit sind, dort, wo die Gewohnheiten und Sitten der Kultur in den Herkunftsländern im Auswanderungsland den Werten und Gesetzen widersprechen, sich diesen für sie neuen Werten anzupassen.

 

Integration ist stets für alle Beteiligten mühsam und mit viel Leid und Anpassungswillen verbunden. Jede Gesellschaft, in der ganze Bevölkerungsgruppen nicht bereit sind, die kulturellen Werte anzuerkennen und gegen die herrschenden Gesetze handeln, gerät vor eine Zerreißprobe.

 

Es geht hier nicht darum, dass sich unterschiedliche Kulturen nicht vermischen können, die gesamte Geschichte lehrt uns, dass die heute in den hochentwickelten Staaten geltenden Kultursysteme durch Vermischung unterschiedlichster Kulturen entstanden sind. Dieser Prozess vollzog sich jedoch nur allmählich, in vielen Jahrzehnten und war mit sehr viel Leid, teils kriegerische Auseinandersetzungen, teils Anpassungswillen der Einwanderer wie auch der einheimischen Bevölkerung verbunden. Und in den einigen Fällen endete dieser Prozess auch mit dem Untergang des bisherigen Staatssystems (z. B. dem Untergang des alten römischen Reiches.

 

Es ist sicherlich ein berechtigtes Anliegen jeder Kultur, um die Erhaltung seiner Grundwerte zu kämpfen und alles zu tun, damit eine Integration auf friedliche Weise und mit wenigen eigenen Einschränkungen erfolgt. Dies ist jedoch nur möglich, wenn immer nur eine beschränkte Anzahl von Ausländern in ein Land einwandert und wenn für die wechselseitige Anpassung sowohl der Einheimischen wie der Ausländer viel Zeit gelassen wird.

 

Es ist also notwendig, dass ein zu schneller und zu großer Zustrom an wirtschaftlichen Flüchtlingen vermieden wird und zwar dadurch, dass die hochentwickelten Staaten mithelfen, dass die Ursprungsländer der Flüchtlinge recht bald mit der Industrialisierung beginnen und damit die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Armut in diesen Ländern möglichst schnell überwunden wird. Es ist also Entwicklungshilfe in großem Stile notwendig. Worin diese Hilfe im Einzelnen besteht, ist Gegensand des letzten Kapitels dieser Vorlesung.

 

 

Zusammenfassung:

 

01. Das geringe Interesse der Klassik an internationalen Arbeitskräftewanderungen lag vor allem daran, dass zwar auch damals schon beachtliche Wanderungsströme zu beobachten waren, diese jedoch vorwiegend politisch und religiös motiviert waren.

 

02. Zur Zeit des Merkantilismus mussten vor allem in Frankreich Handwerker und Kaufleute aus religiösen Gründen auswandern; gleichzeitig waren Preußen und Großbritannien bemüht, im Rahmen der Kolonisation diese Arbeitskräfte ins Land zu ziehen. Im 19. Jahrhundert fanden zwei große Arbeitskräftewanderungen statt: eine Ost-Westbewegung aus den slawischen und polnischen Gebieten in die Industriezentren des Kontinents; und eine Auswanderung aus den europäischen Staaten zu den Überseekolonien (Engländer ® USA, Franzosen ® Kanada und Afrika).

 

03. Ursachen dieser Wanderungen waren vor allem wirtschaftliche Not im Zusammenhang mit starkem Bevölkerungsanstieg und mit Agrarkrisen. Im 20. Jahrhundert fanden zunächst Auswanderungen aus Europa im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren statt. In den 40er Jahren führten die Nazis politische Verfolgungen durch; es kam in diesem Zusammenhang zur Flucht nach Skandinavien, Großbritannien etc. Diese Fluchtbewegungen führten in Großbritannien, USA und in der Schweiz zu Festlegungen von Einwanderungsquoten.

 

04. Nach dem 2. Weltkrieg sind zunächst Auswanderungen der Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten festzustellen. In den 60er Jahren findet dann ein starker Gastarbeiterstrom aus Gründen der Arbeiterknappheit in der BRD statt, diese Wanderung wird gefördert durch bilaterale Verträge und durch Übernahme der Wanderungskosten von Seiten der Unternehmungen. In den 80er Jahren lässt sich ein Anstieg der Wanderung im Zusammenhang der Bildung der EG und des starken Lohngefälles feststellen; gleichzeitig findet ein Anstieg des Asylantenstroms aus den Ostblockstaaten aufgrund der Liberalisierung in der UDSSR statt.

 

05. Sieht man von den politischen und religiösen Gründen internationaler Wanderungen ab, so werden Wanderungen insbesondere durch ein internationales Lohngefälle ausgelöst, und zwar vom Niedriglohnland zum Hochlohnland.  Es wird von der These der Nutzenmaximierung der Wandernden ausgegangen. Der einzelne wird langfristig den Wohn- und Arbeitsort aufsuchen, in dem er den höchsten Nutzen erzielt; soweit der materielle Nutzen angesprochen ist, wird der einzelne in das Land mit dem höchsten Lohnsatz auswandern.

 

06. Folgende Kosten fallen im Zusammenhang mit Wanderungen an: Wanderungskosten im engeren Sinne (Umzugskosten), vorübergehender Verlust von Einkommen bis zur Neueinstellung, Informationskosten über die Arbeitsbedingungen im Ausland, Übergang zu fremder Kultur und Aufgabe bisheriger Bindungen (fremde Sprache, fremde Sitten, Fremdenhass) sowie politisch gesetzte Hemmnisse (Auswanderungsverbot, Einwanderungsbehinderungen).

 

07. Im allgemeinen dürften die Kosten der internationalen Wanderung höher als die der intranationalen Wanderung sein, weil Wanderungen im Durchschnitt  über größere Räume stattfinden, höhere Informationskosten entstehen, größere Anpassungsprobleme vorliegen und von größeren politischen Behinderungen ausgegangen werden muss.

 

08. Eine Faktorwanderung führt der Tendenz nach zum Ausgleich der Löhne. Im Auswanderungsland findet eine Verknappung der Arbeitskräfte und damit ein Anstieg der Löhne statt; im Einwanderungsland steigt das Arbeitsangebot und die Löhne sinken tendenziell. Allerdings ist de facto nicht immer eine Ausgleichstendenz feststellbar.

 

09. Mögliche Erklärungen liegen in Folgendem: Der Lohnanstieg im Hochlohnland ist so groß, dass die Anpassung nicht nachkommt; oder der Wanderungsprozess führt zwar partiell zu einem Abbau der Differenzierung. Die unterschiedlichen Wachstumsprozesse führen jedoch erneut zu Differenzierungen. Ohne Wanderung wäre in diesem Falle allerdings das Einkommensgefälle noch größer.

 

10. Darüber hinaus können politische Faktoren einen Ausgleich der Löhne verhindern. Auch ist davon auszugehen, dass bei Wanderungen nicht nur das Arbeitsangebot, sondern auch die Nachfrage ansteigt, weil die Gastarbeiter Konsumgüter nachfragen und diese Güternachfrage eine weitere Arbeitsnachfrage induziert. Entscheidend für die Lohnänderung ist jedoch die Frage, ob mit Arbeit auch Kapital zufließt.

 

11. Aus dem Heckscher-Ohlin-Theorem lässt sich folgern, dass eine Güterwanderung die Faktorwanderung ersetzen kann; beide bewirken eine Faktorpreisausgleichstendenz. Die Güterwanderung ist jedoch wohlfahrtspolitisch mit weniger Kosten verbunden als eine Arbeitswanderung;  eine Faktorwanderung ist darüber hinaus stark irreversibel, während Güterströme wiederholt umgelenkt werden können. Meade hat aufgezeigt, dass Faktorwanderungen trotz dieses Zusammenhanges erwünscht sein können.

 

12. So setzt z. B. das Heckscher-Ohlin-Theorem identische Produktionsfunktionen voraus, wird diese Annahme aufgehoben, führt Freihandel zu keinem vollständigen Ausgleich. Damit kann eine Wanderung zusätzliche Produktivitätsgewinne herbeiführen.

 

13. Vor allem zeigt das Leontief-Paradox, dass in der Realität nicht alle Bedingungen für eine Faktorpreisausgleichstendenz im Sinne des Heckscher-Ohlin-Theorems gegeben sind. Auch aus diesen Gründen kann eine Faktorwanderung zusätzliche Wohlfahrtsgewinne bringen.

 

14. Andererseits gilt auch, dass Wanderungen unter bestimmten Bedingungen wohlfahrtsmindernd wirken können. Die Wanderung wird durch Preisdifferenzen ausgelöst; nur dann, wenn die Preisdifferenzen Unterschiede in den Grenzproduktivitäten widerspiegeln, führt die Wanderung zu einer Wohlfahrtssteigerung. Wenn Löhne machtbedingt über der Produktivität liegen, kann u. U. eine Wanderung zu einer Bewegung zu den weniger produktiven Beschäftigungen führen.

 

15. Die Einwanderungsländer verfolgen bei einer Förderung der internationalen Mobilität vor allem beschäftigungs- und wachstumspolitische Ziele, so ist das wirtschaftliche Wachstum u. U. wegen Knappheit von Fachkräften behindert, man versucht durch finanzielle Anreize Gastarbeiter zur Einwanderung zu bewegen.

 

16. Der Effizienz der beschäftigungspolitischen Ziele hinderlich ist jedoch der Umstand, dass dem höheren Arbeitsangebot auch eine vermehrte Nachfrage nach Arbeitskräften entspricht. Die Einwanderer üben Nachfrage aus, allerdings haben sie auch eine höhere Sparquote als inländische Arbeiter.

 

17. Die Unternehmungen erhöhen ihre Investitionen, der Staat verbessert die Infrastruktur. Herbert Giersch hat die These aufgestellt, dass die Einwanderung in den 60er Jahren eine Rationalisierung und Umstellung der Volkswirtschaft in der BRD verhindert habe. Eigentliche Ursache der Arbeitskräfteknappheit war danach die Unterbewertung der DM. Auf diese Weise hatten die deutschen Unternehmungen auf den Weltmärkten einen Wettbewerbsvorsprung und die Produktion von Industrieprodukten war größer als erwünscht. Erwünscht wäre eine Verlagerung der Produktion auf den Dienstleistungssektor gewesen.

 

18. Auswanderungsländer fördern die internationale Mobilität, um auf diesem Wege eine Verminderung der Arbeitslosigkeit zu erreichen, allerdings geht wegen des Kreislaufzusammenhangs auch die Güternachfrage zurück; diesem Umstand kommt jedoch eine geringere Bedeutung als in den Einwanderungsländern zu, da der Konsum der auswandernden Arbeitnehmer bisher gering war.

 

19. Weitere Motive der Auswanderungsländer können die Ausbildung der Arbeitskräfte und die hierdurch erzielten Wachstumsgewinne sein, wenn Gastarbeiter in Zukunft zurückkehren; auch ist damit zu rechnen, dass Gastarbeiter große Teile ihres Einkommens den zurückgebliebenen Familienmitgliedern überweisen und dass das Auswanderungsland auf diese Weise Wachstumsgewinne aufgrund von Kapitalzuflüssen realisieren kann.

 

20. Maßnahmen zur Behinderung internationaler Mobilität bestehen vorwiegend in einem Auswanderungsstopp bzw. einer Konfiszierung des Vermögens der Auswandernden oder in Einwanderungsquoten, teilweise verbunden mit einer Abschreckung über hohe Gebühren. Auch diese Maßnahmen werden von den Einwanderungsländern aus beschäftigungspolitischen Gründen, und zwar aus Furcht, dass Einwanderungen die Arbeitslosigkeit vergrößern, angestrebt.

 

21. Auch verteilungspolitische Ziele, insbesondere die Furcht, dass eine Einwanderung aus Niedriglohnländern Druck auf Löhne ausübt, veranlassen die Einwanderungsländer zu restriktiven Maßnahmen. Allerdings wird die Verschärfung der Arbeitsmarktlage aufgrund von Zuwanderungen zumeist überschätzt.

 

22. Zwei Fälle sind zu unterscheiden: Bei keynesianischer Arbeitslosigkeit bringt eine Einwanderung nicht nur eine Zunahme des Arbeitsangebotes, sondern auch der Arbeitsnachfrage mit sich. Nur weil ausländische Arbeitskräfte eine geringere Konsumquote aufweisen, bleibt ein gewisser negativer Beschäftigungseffekt bestehen. Bei klassischer Arbeitslosigkeit ist die Ursache ohnehin der zu hohe Reallohn.

 

23. In ähnlicher Weise können die Ziele des Auswanderungslandes beschäftigungspolitisch motiviert sein, das Auswanderungsverbot der ehemaligen DDR hatte zwar teilweise politische Gründe, aber es herrschte auch die Befürchtung vor, dass vorwiegend knappe Fachkräfte auswandern und dadurch Produktionsschwierigkeiten entstehen.

 

24. Eine befriedigende Lösung des Flüchtlingsproblems kann nur erreicht werden, wenn die heute hoch entwickelten Staaten den heutigen Entwicklungsländern Entwicklungshilfe gewähren und damit die Voraussetzung dafür schaffen, dass diese Länder die Armut überwinden.

 

 

Fragen zu Kapitel 9:

 

01. Wie erklärt es sich, dass im Rahmen der klassischen Theorie keine internationalen Wanderungen berücksichtigt wurden, obwohl es auch in der damaligen Zeit zu beachtlichen Wanderungen gekommen ist?

 

02.  Gibt es eine spezielle Theorie internationaler Wanderungen?

 

03. Welche Grundannahme steht hinter der These, dass internationale Wanderungen vor allem bei einem Lohngefälle entstehen? 

 

04. Welches Hauptmotiv hat zu Beginn der Neuzeit die meisten Wanderungen ausgelöst?

 

05. Welches sind die wichtigsten materiellen Kosten einer Wanderung?

 

06. Welches sind die wichtigsten immateriellen Kosten einer Wanderung?

 

07. Aus welchen Gründen sind die Kosten einer internationalen Wanderung in der Regel höher als die von Wanderungen innerhalb von Volkswirtschaften?

 

08. Welches ist die wichtigste verteilungspolitische Wirkung einer Wanderung?

 

09. Warum ist trotz hoher Mobilität kein vollständiger Abbau der Lohnunterschiede zu erwarten?

 

10. Ein Abbau von Lohnunterschieden erfolgt nicht nur durch Wanderungen, sondern auch durch freien Handel. Welche Alternative ist wohlfahrtspolitisch vorteilhafter?

 

11. Welche zwei Maßnahmen werden von Seiten des Staates ergriffen, um die Mobilität zu fördern?

 

12.  Welche Ziele verfolgen die Einwanderungsländer vorrangig?

 

 

Antworten zu Kapitel 9:

 

01. Dieser Widerspruch kam vor allem dadurch zustande, dass die tatsächlichen Wanderungen zumeist aufgrund religiöser oder politischer Motive zustande kamen, eine wirtschaftliche Wanderungstheorie jedoch nach den persönlichen Motiven der Wandernden fragt.

 

02. Die internationalen Wanderungen werden im Rahmen einer allgemeinen Wanderungstheorie zu erklären versucht.

 

03. Die These, dass vor allem ein Lohngefälle Wanderungen auslöst, geht auf die Annahme zurück, dass Arbeitnehmer jeweils dorthin wandern, wo sie das höchstmögliche Einkommen erhalten.

 

04. Zu Beginn der Neuzeit gehörte die materielle Not zu den häufigsten Ursachen von Wanderungen.

 

05. Zu den wichtigsten materiellen Wanderungskosten zählen die Umzugskosten, der vorübergehende Einkommensverlust sowie etwaige Gebühren im Zusammenhang mit der Wanderung.

 

06. Zu den wichtigsten immateriellen Wanderungskosten zählt der Umstand, dass der Wandernde u. U. in ein anderes Kultursystem gelangt und sein persönliches Umfeld neu aufbauen muss.

 

07. Internationale Wanderungen verursachen im Durchschnitt höhere Kosten als intranationale Wanderungen, da die räumliche Entfernung im Durchschnitt größer ist, da höhere Informationskosten entstehen und da auch die Wanderungshemmnisse zumeist größer sind.

 

08. In verteilungspolitischer Hinsicht führt eine Wanderung zu einem Abbau von Lohnunterschieden.

 

09. Auch bei hoher Mobilität führt eine Wanderung nicht zu einem vollständigen Abbau von Lohnunterschieden, da die Lohnanpassungen Zeit benötigen, politische Faktoren den Nivellierungsprozess behindern und die Löhne zum Teil politisch festgelegt werden.

 

10. Der durch einen Güterhandel verursachte Abbau von Lohnunterschieden ist vorzuziehen, da die Mobilitätskosten hier bedeutend geringer sind als bei Faktorwanderungen.

 

11. Einer hohen Mobilität dienen vor allem die Garantie der Freizügigkeit sowie die Übernahme eines Teiles der Wanderungskosten durch den Staat.

 

12. Die Einwanderungsländer fördern die Einwanderung vor allem aus beschäftigungs- und wachstumspolitischen Gründen. Auf diese Weise soll der Arbeitsknappheit entgegengewirkt werden.